Mit Nadel, Klebstoff und Papier: Werkstattgespräch zur Revision musikalischer Werke am 6.12.

Wissenswerkstatt
Mit Nadel, Klebstoff und Papier: materiale Aspekte der Revision musikalischer Werke
Werkstattgespräch mit Dr. Roland Schmidt-Hensel, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Dienstag 6. Dezember 2016
18.15 Uhr
Konferenzraum 4
Haus Unter den Linden (Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt in der Eingangshalle (Rotunde)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Musikhandschriften spiegeln in vielfältigen Facetten Entstehungs- und Bearbeitungsprozesse der darin überlieferten Werke wider. Dies reicht von Korrekturen, die der Komponist während des Kompositionsprozesses in seinem Arbeitsmanuskript vornimmt, über Revisionen und Neufassungen eigener Werke bis hin zur Bearbeitung, Einrichtung und Anpassung insbesondere von Bühnenwerken für eine bestimmte Aufführungssituation. In vielen Fällen schlagen sich solche Revisionen in den überlieferten Quellen nicht nur durch schriftliche Eintragungen, sondern auch in Form von Heraustrennungen, Einfügungen und Überklebungen einzelner Blättern oder Lagen nieder. Umgekehrt bedingen bisweilen auch praktische Aspekte des Arbeitens im und mit dem Notenmaterial die resultierende Gestalt eines Werkes bzw. einer Aufführungsfassung.

Eine Veranstaltung der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.
Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.

Erhalt uns Herr bei Deinem Wort! – Reformationspropaganda im Bild

Kolorierte Flugblatt-Illustration zum Kampflied der Reformation in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer

Dieser schablonenkolorierte Holzschnitt gehört zu den protestantischen Propagandaflugblättern der Reformationszeit. Er stammt wohl aus der Cranach-Werkstatt und wurde nach 1548 vermutlich in Magdeburg von Pancraz Kempff gedruckt. Damit stammt das Flugblatt aus der Zeit der heftigen Auseinandersetzungen um das Augsburger Interim – ein Reichsgesetz, mit dem Kaiser Karl V. nach dem Sieg über den Schmalkaldischen Bund das Reich religiös wieder einen und gleichzeitig seine Macht konsolidieren wollte.

Der Holzschnitt zeigt im oberen Bildbereich das Weltgericht mit Gottvater, Christus und dem heiligen Geist in Gestalt einer Taube in den Wolken. Darunter sinken die katholische Geistlichkeit und die Türken in die Hölle hinab, gezogen und gepiesackt von kleinen Teufeln. Links stehen Martin Luther, Johann Friedrich der Großmütige von Sachsen, bereits mit der Gesichtsnarbe aus der Schlacht bei Mühlberg (1547), sowie Landgraf Philipp von Hessen, Georg Spalatin, Philipp Melanchthon und Jan Hus als Vorläufer der Reformation. Rechts steht eine Gruppe von Frauen, unter ihnen Sibylla von Kleve-Jülich-Berg, die Frau des sächsischen Kurfürsten, und Katharina von Bora. Dazu im Hintergrund wahrscheinlich Lukas Cranach der Jüngere mit seiner Familie. Die Gruppe der Reformatoren und ihrer Angehörigen trägt eine Miene der inneren Gelassenheit zur Schau, während die höheren Mächte die Probleme lösen.

Justus Jonas (1493–1555). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Justus Jonas (1493–1555). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Den originalen Aufbau des Flugblattes kann man an dem 1858 hergestellten Faksimile eines unkolorierten, aber vollständigen Exemplars dieses Flugblattes sehen. Was im kolorierten Original der Staatsbibliothek fehlt, ist der zugehörige Text und damit Luthers Lied von 1541/42. Es war kurz nach der Niederlage des kaiserlichen Heeres in Ofen (Budapest) 1541 gegen Suleiman II. zusammen mit den andern Türkenschriften Luthers im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich dem Großmütigen entstanden. Bereits der Titel erinnert an die allein auf das göttliche Wort gerichtete protestantische Glaubenslehre. In den ersten drei Strophen bittet Luther in drastischen Worten die Trinität um Beistand gegen die Bedrohung durch die Türken und das Papsttum. Zwei von Justus Jonas 1545 ergänzte Strophen nehmen diese Bitte um die tatkräftige göttliche Hilfe auf: „So werden sie erkennen doch/ das du vnser Got lebest noch/ vnnd hilffst gewaltig deiner schar/ die sich auf dich verlassen gar.“ Dieses gelassene „Sich verlassen“ auf den göttlichen Beistand zeigen dann auch die auf dem Holzschnitt abgebildeten Vertreter der Reformation.

Das Lied war in seiner ersten Strophe von Luther als Kinderlied apostrophiert worden und wurde regelmäßig in den Gottesdiensten gesungen. Es gehört zu den umstrittensten evangelischen Kirchenliedern, da hier zum Mord an den Gegnern aufgerufen wird. In den Jahren 1547/48 und 1550 wurde es immer wieder verboten, da man die Vergeltung des Kaisers fürchtete, aber auch umgedichtet und persifliert: „Erhalt uns, Herr, bei deiner Wurst, / Sechs Maß, die löschen einen den Durst,“ so lautete eine Variante aus katholischer Feder. Die außerordentliche Beliebtheit dieses lutherischen Kampfliedes zeigen auch die etwa hundert im 16. und 17. Jahrhundert publizierten Liedflugschriften, deren Lieder nach der Melodie von „Erhalt uns Herr bei Deinem Wort“ zu singen waren.

Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen (1503-1554). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen (1503-1554). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Zum Zeitpunkt, als dieser Druck entstand, hatte sich die Welt Johann Friedrichs von Sachsen, des Auftraggebers des Luther-Liedes, völlig verändert. Bis 1547 war er der Kurfürst von Sachsen, Förderer der Reformation und Gönner Martin Luthers, mit Philipp von Hessen Führer des Schmalkaldischen Bundes, des militärischen Beistandspaktes der protestantischen Fürsten und Reichsstädte. Im Schmalkaldischen Krieg aber wurde er 1547 in der Schlacht bei Mühlberg von den kaiserlichen Truppen vernichtend geschlagen, verhaftet, seiner Kurwürde enthoben und zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wurde in eine langjährige Gefängnisstrafe umgewandelt. Einer der großen Helden der Reformation und Kämpfer für den wahren Glauben war geschlagen und wurde nun als Märtyrer der Reformation inszeniert. Aus der Schlacht hatte er eine lange Gesichtsnarbe davon getragen, die er jetzt mit großer Würde trug. Obwohl Johann Friedrich große Besitzungen und politischen Einfluss verloren hatte, blieb er in religiösen Fragen fest und widerstand allen Versuchen der kaiserlichen Seite – darunter Nahrungsentzug und verschärfte Gefangenschaft – ihn zur Unterzeichnung des Interims zu bewegen. So inszeniert ihn inmitten seiner Mitstreiter auch dieses Blatt der protestantischen Propaganda für den neuen Glauben.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zum medialen Kampf um den wahren Glauben selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Koloriertes Flugblatt zum Luther-Lied "Erhalt uns Herr bei Deinem Wort", Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Koloriertes Flugblatt zum Luther-Lied „Erhalt uns Herr bei Deinem Wort“, Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Erste Vertonung von Shakespeares „Romeo und Julia“ erworben

Die Musikabteilung konnte die sehr seltene Erstausgabe von Georg Anton Bendas Oper „Romeo und Julie“ erwerben. Damit wurde wieder einmal ein Kriegsverlust getilgt. Der sehr schöne, gut erhaltene Klavierauszug im Typendruck von 1778 ist zudem eine gelungene Ergänzung zum Autograph der späteren Mannheimer Fassung des Werks von 1784, das bei uns verwahrt wird (Signatur: Mus.ms. autogr. Benda, G. 9).

Georg Benda gilt als „markanter Repräsentant der stilistischen Wandlungen in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts“ (soweit das Musiklexikon „Musik in Geschichte und Gegenwart“) und wirkte seit 1742 in Potsdam als Violinist in der Hofkapelle. 1750 war er dann Hofkapellmeister in Gotha. In seinem Œuvre sind besonders seine Melodramen im Rousseauschen Geiste der Aufklärung hervorzuheben. Hierzu zählt auch „Romeo und Julie“ – die erste Vertonung dieses Shakespeare-Stoffes überhaupt!

Das zwei Jahre vor dem Erscheinen des Klavierauszugs am 25. September 1776 in Gotha uraufgeführte melodramatische Singspiel, das der Leipziger Verleger auf dem Titelblatt als „Oper“ bezeichnet, erreichte bis ins 19. Jahrhundert beispiellose Popularität. Dazu beigetragen haben wahrscheinlich auch die für ein Singspiel auffallenden virtuos-dankbaren Solopartien. Selbst Mozart soll „Romeo und Julie“ gelobt haben. Anders als bei Shakespeare schließt das Werk mit einem Happy-End, in dem die beiden Verliebten Terzen- und Sexten-selig ihr Liebesglück besingen. Mit dem Klavierauszug von „Romeo und Julie“ ist die Staatsbibliothek um ein bedeutendes Dokument der Entwicklung des Singspiels vor Mozart reicher geworden. Die Ausgabe wird in Kürze in unserer Digitalen Bibliothek verfügbar sein.

[Text von Jean Christophe Gero]

Wissenswerkstatt-Workshop Haus Potsdamer Straße | SBB-PK CC NC-BY-SA

Wissenswerkstatt im Dezember

Im Dezember bietet Ihnen die Wissenswerkstatt wieder Workshops zu unterschiedlichen Fächern und Themen an. Bereits im Sommer haben wir unser Angebot mit neuen Reihen vorgestellt und möchten Sie auch im kommenden Monat herzlich dazu einladen, alles rund um die Recherche kennenzulernen.

 

Den freien Zugang zu wissenschaftlichen Angeboten stellen wir Ihnen in der Reihe „Open Access – Publikationskulturen im Wandel“ vor:
Open Access Philologien
Donnerstag, 01. Dezember, 15.00 Uhr

„Sie fragen, wir antworten!“ Hier kommen diesmal PolitikwissenschaftlerInnen zum Zuge:
Fragestunde Politikwissenschaft
Donnerstag, 08. Dezember, 17.00 Uhr

In der Reihe „Workshop-Klassiker“ zeigen wir Ihnen alle Tipps und Tricks zum Publizieren:
Publish or perish!? – Wissenschaftliches Publizieren für Promovierende und was es bei der Veröffentlichung von Bildern zu beachten gilt
Teil 1: Dienstag, 13. Dezember, 16.00 Uhr
Teil 2: Donnerstag 15. Dezember, 16.00 Uhr

 

Zur Wissenswerkstatt

Ein Angebot der Staatsbibliothek zu Berlin und ihrer Kooperationspartner.

„Acht Schwestern“ – Die letzte Ära der großen Frachtsegler

 

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017 von Sabine Teitge

 

Das Meer und die Schifffahrt sind untrennbar mit einander verbunden. Auf Hafenrundfahrten kann man die großen Ozeanriesen bestaunen, die heute die Weltmeere befahren – darunter Luxusliner der Kreuzfahrt und gigantische Containerschiffe mit teilweise mehr als 360 Metern Länge. Zur Geschichte der Schifffahrt gehören aber auch die großen Frachtsegler, die heute fast nur noch bei großen Windjammerparaden – z.B. der Kieler Woche – zu bewundern sind. Dabei sind es gerade die Segelschiffe, die die Betrachter in ihren Bann ziehen und Fernweh wecken – auch als Frachtsegler büßen sie nichts an Schönheit ein.

 

Windjammer auf der Sail 2000 in Bremerhaven / Wilfried Wittkowsky (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1e/Windjammertreffen_Sail%2C_Bremerhaven%2C_2000.jpg) - Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Windjammer auf der Sail 2000 in Bremerhaven / Wilfried Wittkowsky (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1e/Windjammertreffen_Sail%2C_Bremerhaven%2C_2000.jpg) – Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

 

Die Flying P-Liner

Berühmt für ihre unverwüstlichen leistungsstarken Frachtsegler ist die alteingesessene Hamburger Reederei F. Laeisz, die1824 durch Ferdinand Laeisz gegründet wurde. Neben ihrem Stammhaus in Hamburg unterhält sie Sitze in Rostock, Bremerhaven und Grabow. Auch sie ist auf den Weltmeeren mit Container-, Massengut-, Gas- und Car Carrier und Forschungsschiffen vertreten. In der Vergangenheit war sie aber vor allem für ihre schnellen und robusten Großsegler, Flying P-Liner genannt, bekannt. Fast alle Schiffe der Reederei F. Laeisz führen den Anfangsbuchstaben „P“ im Namen und sind in den Reedereifarben schwarz (Rumpf über der Wasserlinie), weiß (Wasserlinie) und rot (Unterwasserschiff) gestrichen. Ihren Weltruf erlangten die Segler durch ihre einzigartige Verbindung von Geschwindigkeit und wetterunabhängiger Sicherheit. Damit waren sie nicht weniger zuverlässig als die neuen Dampfschiffe und konnten dem aufkeimenden Wettbewerbsdruck erstaunlich lange standhalten.

Dünger und Sprengstoff

Haupteinsatzgebiet der Großsegler war die Salpeterfahrt. Als Salpeterfahrt wurde der Transport von Salpeter Chile nach Europa vom 19. bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts auf dem Seeweg bezeichnet. Salpeter diente für die Herstellung von Dünger und Sprengstoff als ein wertvoller Rohstoff. Erst mit dem Beginn der industriellen Produktion von Ammoniak nach dem Haber-Bosch-Verfahren und Ostwaldverfahren wurden diese Transporte unnötig.

Die Acht Schwestern

Zu den insgesamt 83 legendären Flying P-Linern gehörten neben der Pommern (liegt heute als Museumsschiff in Mariehamn (Finnland)) die als „acht Schwestern“ bezeichneten letzten acht Großsegler, die die Reederei in Dienst stellte. Es waren die zwischen 1903 und 1926 erbauten Viermastbarken Pangani, Petschili, Pamir, Peking, Passat, Pola, Priwall  und Padua (heute Kruzenshtern). Diese Bezeichnung ist allerdings nicht korrekt, da Schwesternschiffen gleiche Baupläne zugrunde liegen. Echte Schwesternschiffe waren Peking und Passat  bzw. Pola und Priwall. Nach sehr unterschiedlichen Schicksalen sind von den „acht Schwestern“ heute noch die Passat (Travemünde), die Peking (New York) und die Kruzenshtern (ehemals Padua) erhalten.

Pangani und Petschili – die Ersten der Letzten

Die Segler Pangani und Petschili aus der Werft Joh. C. Tecklenborg, Geestemünde (Wesermünde) liefen beide 1903 vom Stapel. Leider war ihnen nur ein kurzes Leben beschieden. Schon im Januar 1913 sank die Pangani im Ärmelkanal nach einem Zusammenstoß mit dem französischen Dampfer Phryné. Die Petschili wurde nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges interniert und lag die nächsten fünf Jahre im Hafen von Valparaíso vor Anker, wo sie durch einen Sturm 1919 zerstört wurde.

Pamir – das Ende der frachtfahrenden Schulschiffe

1905 erfolgte die Indienststellung der Pamir (gebaut bei Blohm & Voss). Nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie als Reparationsleistung an Italien abgetreten. Der Reederei F. Laeisz gelang es 1924 die Pamir für nur 7.000 Pfund Sterling zurück zu erwerben. Die Salpeterfahrten wurden allerdings unrentabel und so wurde die Pamir 1931 für 60.000 Reichsmark an den Reeder Gustaf Erikson aus dem finnischen Mariehamn (Alandinseln) verkauft. Neben Weizentransporten aus Australien wurde sie ab 1937 für Transporte von Guano und Nickelerz sowie Wolle, Kohle und anderen Ladungen eingesetzt. Während des Zweiten Weltkrieges wurde sie 1941 im Hafen von Wellington (Neuseeland) von einem neuseeländischen Zollbeamten als Prise beschlagnahmt und fuhr danach unter neuseeländischer Flagge. 1948 wurde die Pamir feierlich an Erikson zurückgegeben und wieder unter finnische Flagge gestellt. Nach mehreren weiteren Eignerwechseln wurde der Segler in den 1950er Jahren (wie auch die Passat) als Frachtsegelschulschiff zwischen Europa und Südamerikas Ostküste eingesetzt. Die Pamir sank 1957 in dem Hurrikan „Carrie“ etwa 600 Seemeilen (ca. 1.100 km) westsüdwestlich der Azoren. Die Unglücksursache ist zwar bis heute umstritten, führte aber zu einer  Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen für Großsegler und Schulschiffe. Der Untergang der Pamir und die Außerdienststellung der Passat bedeuteten das Ende der frachtfahrenden Schulschiffe.

Peking – Bald als Museumsschiff wieder in Hamburg

Die Peking lief 1911 bei Blohm & Voss vom Stapel. 1932 wurde das Schiff in Folge der Weltwirtschaftskrise an die Shaftesbury Homes and Arethuse Training Ship, London verkauft. Sie wurde zu einem stationären Schulschiff umgebaut und in Arethusa umbenannt. 1974 wurde die Viermastbark an die J. Aron Charitable Foundation versteigert. 1975 gelangte der Rumpf der Peking nach New York. Dort wurde sie originalgetreu wieder aufgeriggt. Auch ihr alter Heimathafen „Hamburg“ prangt nun wieder am Heck. Seitdem liegt sie unter ihrem ursprünglichen Namen Peking am Pier des South Street Seaport Museum in New York. 2015 beschloss der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages, die mittlerweile völlig marode Peking für das im Aufbau befindliche Hafenmuseum Hamburg nach Hamburg zurückzuholen.

Passat – Herberge für Schulklassen

Ebenso 1911 verließ das Schwesternschiff Passat die Werft von Blohm & Voss. Der Frachtsegler wurde in den 1950er Jahren als Frachtsegelschulschiff zwischen Europa und Südamerikas Ostküste eingesetzt, bis sie 1957 wegen Unrentabilität außer Dienst gestellt wurde. Die Stadt Lübeck kaufte sie 1959 und seit 1960 dient sie als stationäres Museumsschiff, Jugendherberge und Veranstaltungsort in Travemünde.

Viermast-Stahlbark Passat, ein Museumsschiff in Travemünde. Blick vom alten Leuchtturm / Jürgen Howaldt (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/aa/Viermastbark_Passat_in_Travemuende-1.jpg) - Ränder beschnitten - Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Viermast-Stahlbark Passat, ein Museumsschiff in Travemünde. Blick vom alten Leuchtturm / Jürgen Howaldt (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/aa/Viermastbark_Passat_in_Travemuende-1.jpg) – Ränder beschnitten – Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

 

Pola und Priwall

Die ebenfalls von Blohm & Voss gefertigen Schwesternschiffe Pola und Priwall ereilte kein gutes Schicksal: Während die Pola nach ihrem Stapellauf 1916 und Fertigstellung 1919  gleich als Reparationsleistung an Frankreich ausgeliefert und dort 1933 abgewrackt wurde, fuhr die 1920 ausgelieferte Priwall zwei Jahrzehnte über die Weltmeere – ab 1941 unter chilenischer Flagge. Doch nach einem Brand explodierte das in Lautaro umbenannte Schiff 1945 vor der Küste Perus.

Kruzenshtern (ehemals Padua): 90 Jahre und kein bisschen müde

Die Padua lief als letztes Schiff der Werft Joh. C. Tecklenborg 1926 vom Stapel und wurde als  Frachtsegler und Segelschulschiff eingesetzt. Ebenso diente es als Filmkulisse für die Filme „Die Meuterei auf der Elsinore„, „Ein Herz geht vor Anker“ und „Große Freiheit Nr. 7″ .

Kruzenshtern. Quelle: Privat. Rechte vorbehalten.

Kruzenshtern. Quelle: Privat. Rechte vorbehalten.

Kruzenshtern. Quelle: Privat. Rechte vorbehalten.

Kruzenshtern. Quelle: Privat. Rechte vorbehalten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Padua als Reparationsleistung an die Sowjetunion. Neuer Heimathafen wurde Kaliningrad. Es erfolgte eine Umbenennung nach dem deutsch-baltischen Kapitän und russischen Admiral Adam Johann von Krusenstern. Der neue Name lautet Kruzenshtern (russisch Крузенште́рн). Im Deutschen findet man vielfach den Namen Krusenstern. Heute nutzt das russische Ministerium für Fischwirtschaft die Kruzenshtern zur Ausbildung des Nachwuchses der Fischereiflotte. Seit 1974 nimmt die Kruzenshtern an vielen internationalen Regatten teil, so auch an der Kieler Woche und der alle fünf Jahre stattfindenden Sail in Bremerhaven. Dabei werden zunehmend auch zahlende Passagiere (Trainees) mitgenommen, die zum Unterhalt des Schiffes beitragen. Die Kruzenshtern ist der Einzige der berühmten Flying P-Liner der Flotte der Reederei F. Laeisz, der noch heute auf den Weltmeeren zu Hause ist. Wünschen wir diesem Traditionssegler auch weiterhin immer eine Handbreite Wasser unter dem Kiel.

Kruzenshtern. Quelle: Privat. Rechte vorbehalten.

Kruzenshtern. Quelle: Privat. Rechte vorbehalten.

 

Die Staatsbibliothek zu Berlin hat in ihrem Bestand zahlreiche Publikationen zum Thema Schiffe und Schifffahrt. Eine Auswahl finden Sie hier.

 

Vorschau: Schiffe und Meeresbewohner sind nicht nur auf dem Wasser aktiv, sondern auch in der Politik – Bewegen Sie sich mit uns im nächsten Beitrag auf politischem Parkett und erfahren Sie, welche Meeresthemen dort eine Rolle spielen.

 

Wikipedia über 2 Millionen Artikel

Am Samstag, dem 19. November 2016 um 17.11 Uhr, war es soweit. Die deutschsprachige Wikipedia hat die Marke von 2 Mio. durchstoßen. Als die Statistik bei 1.999.990 stand, brach ein Sturm der Verfasser auf das Einstellen eines neuen Artikels los. Der glückliche Gewinner dieses Ansturmes war der Autor des Artikels Michenerit. Kurzfristig war Wikipedia von außen nicht erreichbar. Dadurch wurde mein Versuch, einen Screenshot mit der exakten Zahl 2 Mio. leider vereitelt.

Bekanntlich ist Wikipedia ein Projekt zum Aufbau einer Enzyklopädie aus freien Inhalten durch freiwillige und ehrenamtliche Autoren. Diese sind zur Neutralität verpflichtet und müssen das geltende Recht – insbesondere das Urheberrecht – beachten. Und ihre Aussagen müssen sich belegen lassen. Großer Wert wird auf den Verzicht von Werbung gelegt.

Der Name Wikipedia setzt sich zusammen aus Wiki (entstanden aus wiki, dem hawaiischen Wort für ‚schnell‘), und encyclopedia, dem englischen Wort für ‚Enzyklopädie‘. Ursprünglich stammt dieses Wort aus dem Griechischen und lässt sich ungefähr mit ‚allgemeine Bildung‘ übersetzen – nämlich die Bildung, die ein junger Grieche auf dem Gymnasion erhielt. Das Wort bedeutet also keineswegs allumfassende Bildung bzw. Wissen.

Die Wikipedia wurde Anfang 2001 als englischsprachiges Medium gegründet. Schon bald kam die Mehrsprachigkeit hinzu. Als eine der ersten fremdsprachigen entstand die deutsche Wikipedia am 16. März 2001. Mittlerweile gibt es Wikipedias in knapp 300 Sprachen. Dazu gehören allerdings auch nicht normierte Regionalsprachen wie das Alemannische oder das Niederdeutsche (Seite Plattdüütsch). Ob Wikipedia hier zu einer Standardisierung dieser Sprachen beitragen kann? Oft verfügen diese Seiten jedoch nur über wenige Tausend Lemmata.

Die an Umfang klar führende Wikipedia ist die englische mit über 5,2 Mio. Artikeln. Die deutsche entwickelte sich schnell und war die längste Zeit die zweitumfangreichste. Am 27. Dezember 2009 erreichte sie die Millionengrenze. Im Verlauf des Jahres 2013 verlor sie allerdings den 2. Platz an die niederländische. 2014 zog dann auch die schwedische vorbei, die heute bei über 3,6 Mio. Artikeln steht. 2015 gelang es dann, die niederländische wieder zu überholen. Der Wettkampf um die Plätze ist indes ein ungleicher, denn die Schweden und Niederländer setzen Roboter ein, um einen erheblichen Teil der Artikel automatisch zu erzeugen.

Wikipedia wächst ständig durch das Einstellen neuer Artikel. Hier ist jedoch der Höhepunkt überschritten. Vermehrte sich die deutsche Wikipedia zwischen 2005 und 2012 um rund 500 Artikel täglich, sind es derzeit nur noch knapp 300. Wikipedia wächst aber auch qualitativ durch die stetige Aktualisierung und die laufende inhaltliche Verbesserung des bereits Geschriebenen. Grobe Fehler dürften nicht vorkommen. Als ein Spaßvogel sie einmal absichtlich einbaute, wurden sie in kürzester Zeit entdeckt und korrigiert.

Wikipedia ist letztlich auch ein hervorragendes polyglottes Wörterbuch, denn durch die Verknüpfung der kongruenten Artikel über das Sprachenalphabet in der linken Menueleiste kann man schnell die passende Übersetzung in einer fremden Sprache finden – oder umgekehrt für einen spezifischen Terminus in einer fremden Sprache, der sich den allgemeinen Sprachwörterbüchern entzieht, den korrekten deutschen Begriff dafür eruieren.

Und Wikipedia ist keine Anhäufung von wild gesammelten Stichwörtern. Außer den zahlreichen Verlinkungen, die jeden Artikel mit vielen anderen verknüpfen und das frühere Stöbern in einem Universallexikon auf ganz bequeme Art perpetuieren, werden die Artikel systematisiert und kategorisiert. Die systematische Einordnung ergibt sich aus der Fußzeile des Dokumentes.

Schließlich gehört Wikipedia zu den weltweit am häufigsten aufgerufenen Internetquellen. Im weltweiten Ranking nimmt es den 5 Platz ein, im nationalen ist es etwas zurückgefallen und steht an 7. Stelle. Auch in der Staatsbibliothek gehört Wikipedia zu den am häufigsten aufgerufenen Seiten. Schon mehrfach fanden hier Veranstaltungen statt, die Wikipedia zum Inhalt hatten. Weitere sind geplant.

 

Luftwaffeninspekteur Steinhoff, Verteidigungsminister Schmidt, Bundeskanzler Brandt, Generalinspekteur de Maizière, Heeresinspekteur Schnez | Bundesarchiv: B 145 Bild-F030710-0026, Lothar Schaack (Bundesarchiv_B_145_Bild-F030710-0026,_Bonn,_Bundeskanzler_Brandt_mit_Bundeswehrführung.jpg ) Wikimedia Commons - CC-BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/), zugeschnitt.

Die Bundeswehr – ein militärisches oder ein politisches Projekt? Werkstattgespräch mit Prof. Dr. Sönke Neitzel am 22.11.

Wissenswerkstatt
Die Bundeswehr – ein militärisches oder ein politisches Projekt?
Werkstattgespräch mit Prof. Dr. Sönke Neitzel,
Universität Potsdam
Dienstag, 22. November
18.15 Uhr
Dietrich-Bonhoeffer-Saal, Haus Potsdamer Straße
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Der Vortrag verortet die Bundeswehr im Spannungsfeld zwischen den gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der Bundesrepublik sowie den militärinternen Aufgaben und Zielen. Dabei wird die außenpolitische Bedeutung der Streitkräfte in ihrer 60-jährigen Geschichte ebenso vermessen, wie ihre innenpolitische Rolle und schließlich ihre militärischen Leistungsfähigkeit im Kalten Krieg und heute. Der Vortrag versucht hinter die Kasernenmauern zu blicken und vor allem das Innenleben der Bundeswehr auszuleuchten und so zu einem kritisch-reflektierten Umgang mit den Streitkräften beizutragen.

Sönke Neitzel, Professor für Militärgeschichte /Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam. Er lehrte an den Universitäten Mainz, Bern, Saarbrücken, Glasgow und der LSE. Seine Forschungen haben sich vor allem mit dem Zeitalter der Weltkriege befasst. Zur Zeit arbeitet er an einer Studie über deutsche Militärkulturen im 20. Jahrhundert.

 

Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.

Sofort gestrichen – Luther komponiert zu einem seiner Choräle

Das Autograph des Vaterunser-Liedes von 1539 mit Melodie-Entwurf in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer

Luther im Studierzimmer mit Laute. Lithographie 19. Jh. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luther im Studierzimmer mit Laute. Lithographie 19. Jh. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Gemeindegesang gehörte zu den wesentlichen Neuerungen des protestantischen Gottesdienstes. Während bisher die Gläubigen den Worten des Priesters während der Messe und der Eucharestiefeier lauschten und nur im Rahmen der Liturgie einmal respondierten, weist ihnen Martin Luther mit Gebet und Lobgesang eine aktive Rolle im Gottesdienst zu. Für ihn war der Gemeindegesang von großer Bedeutung für die religiöse Unterweisung der Gläubigen. Hier konnten sie sich ihrer selbst und ihres Glaubens versichern. So brachte Luther seine eigene Liebe zur Musik – er war ein begeisterter Sänger und Lautenspieler ‑ in die 1523 begonnene Reform des Gottesdienstes ein. Rund 40 Lieder schrieb er seit 1523/24, wobei er häufig an alte Hymnen und Antiphonstrophen anknüpfte.

Immer noch im Dunkeln aber liegt, inwieweit Luther seine Verse auch mit Melodien versah. Die oft zunächst auf Flugblättern verbreiteten Lieder haben immer wieder unterschiedliche Melodien, was vermuten lässt, dass sie aus der Feder von Musikern aus dem Umfeld der Drucker stammten. Daneben unterstützte auch der Hofmusiker und Kantor aus Torgau Johann Walter Luther in musikalischen Fragen.

Dennoch gibt es an der Staatsbibliothek ein Zeugnis, das Luther als Liedautor und Komponist zeigt: das Autograph seines Vaterunser-Liedes. Es stammt aus der privaten Sammlung des Mitinhabers des Musikverlags Breitkopf und Härtel, Hermann Härtel (1803-1875), die 1969 von der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz erworben wurde. Auf dem stark beschnittenen Blatt schrieb Luther sein Lied nieder und versuchte gleichzeitig eine Melodie zu skizzieren, die er aber bereits hier als für den Gesang untauglich erkannt und energisch durchgestrichen hat. Das heutige evangelische Kirchengesangbuch nennt neben Luther auch den Tischsegen des Mönchs von Salzburg und eine Melodie aus dem Gesangbuch der Böhmischen Brüder von 1531 als Quellen für die Musik, und ein Vergleich der Melodien bestätigt die Ähnlichkeit.

Die Niederschrift der Verse mag nicht der erste Entwurf Luthers sein, aber das Blatt zeigt, wie intensiv der Reformator am Text gearbeitet hat. Besonders die sechste Strophe hat er immer wieder neu formuliert und sie auf der zweiten Seite noch einmal in der neuen Fassung ins Reine geschrieben. In neun Strophen werden neben der Anrede und dem abschließenden „Amen“ die sieben Bitten des Vaterunser in einer je eigenen Strophe benannt und ausgelegt. Die Strophen sind mit ihren sechs paargereimten vierhebigen Jamben als Volksliedstrophen ausgewiesen, d.h. sie sind gut sangbar und leicht zu merken.

Das Vaterunser-Lied ist eines der acht Katechismus-Lieder Luthers, in denen Luther seine Christenlehre in Lieder und Musik übertrug und so die Glaubensinhalte memorierbar machte, so dass sie sich in das Gedächtnis der Gläubigen einschrieben. Damit ergänzt er lyrisch-musikalisch seine Arbeiten am Katechismus, der 1529 in Wittenberg als Deudsch Catechismus (Der große Katechismus) und Enchiridion (Der kleine Katechismus) erschien. Hier stellt er die zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, sowie die Taufe und das Abendmahl (mit Beichte) dar und legt sie im Sinne der evangelischen Glaubenslehre aus. Der Kleine Katechismus ist bis heute Teil der evangelischen Gesangbücher.

Luther verfasste die hier vorgestellten Verse zwischen 1538 und 1539. Sie wurden zunächst als Einblattdruck unter dem Titel „Das Vater vnser kurtz ausgelegt, vnd jnn Gesang weyse gebracht“ 1539 veröffentlicht wurden. Ein Exemplar des Liedflugblatts befindet sich noch in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Im gleichen Jahr erschien das Lied mit der heute noch gesungenen Melodie in dem von Valentin Schumann herausgegebenen und gedruckten Gesangbuch „Geistliche lieder, auffs new gebessert und gemehrt, zu Wittenberg. Leipzig: Valentin Schumann, 1539“.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zu Martin Luther als Liederdichter und zur lutherischen Kirchenmusik selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen – darunter auch Johann Sebastian Bachs Autograph zum Reformationsfest 1725.

 

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539. Autograph. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539.
Autograph. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539. Autograph, Rückseite. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539.
Autograph, Rückseite.
Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Märchenlesung von Barbara Schneider-Kempf am16.11.16; Foto: Carola Seifert SBB-PK, CC-BY-NC-SA

Märchenhafte Lesung in der Staatsbibliothek

30 Paar Drittklässler-Ohren der Silberstein-Grundschule aus Neukölln lauschten am 16.11.16 aufmerksam einer Lesung der Generaldirektorin Barbara-Schneider-Kempf im Rahmen der Reihe „Märchenreise mit Prominenten“. Passend zum diesjährigen Thema der 27. Berliner Märchentage „Dornröschen erwacht…! Mädchen und Frauen in Märchen und Geschichten“ wählte sie ein Märchen, das von einer mutigen Häuptlingstochter erzählt, die ihren Stamm rettet.

Die 9-jährigen Bibliotheksbesucher zeigten sich auch im Anschluss ausgesprochen interessiert: „Was ist Dein Lieblingsbuch“? oder „Warum hast Du die Bibliothek ‚Staatsbibliothek‘ genannt?“ und „Wie wird man Generaldirektorin einer Bibliothek?“. Damit war der Wissensdurst jedoch noch längst nicht gestillt: „Warum ist dieses Gebäude keine Villa und noch so neu?“, hieß es weiter, „Schläfst Du hier auch?“ und „Kanntest Du den ersten Direktor der Staatsbibliothek noch?“…
Die Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, Carola Pohlmann, präsentierte der staunenden Gruppe zum krönenden Abschluss u.a. Verwandlungsbilderbücher und historische sowie moderne Ausgaben der Märchen der Gebrüder Grimm.

Spätestens nach der Frage, ob sie nun selbst einige Bücher lesen dürften, zeigte sich, dass die Veranstaltung ein voller Erfolg war, und Bücher die jüngste Generation auch nach wie vor in ihren Bann ziehen.

Weitere Informationen zur Kinder- und Jugendbuchabteilung

Weitere Informationen zu den Berliner Märchentagen

Adoleszenz in den Comics. Damals und heute

Vortrag von Dr. Felix Giesa in der Staatsbibliothek

Von Indra Heinrich und Sigrun Putjenter

Vor fast genau einem Jahr wurde die Comicerwerbung in der Staatsbibliothek mit einem eigenen Sammlungskonzept auf völlig neue Beine gestellt. Historisch oder gesellschaftswissenschaftlich interessante bzw. künstlerisch herausragende Erwachsenencomics gehören seitdem ebenso dazu wie entsprechende Comics für Kinder und Jugendliche. Das verstärkte Engagement der Staatsbibliothek auf diesem Gebiet wurde nun durch den Vortrag des Comicexperten und zweiten Vorsitzenden der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) Dr. Felix Giesa (Universität zu Köln, ALEKI – Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendmedienforschung) mit einer ersten Veranstaltung eigens gewürdigt.

V. l.: Indra Heinrich (Fachreferentin u.a. für Kunst), Carola Pohlmann (Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung), Dr. Felix Giesa (Comicexperte, Universität Köln). - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

V. l.: Indra Heinrich (Fachreferentin u.a. für Kunst), Carola Pohlmann (Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung), Dr. Felix Giesa (Comicexperte, Universität Köln). – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Was sind eigentlich Comics?

Bildgeschichten, Comics, Comicroman, Graphic Novel, Mangas – viele unterschiedliche Bezeichnungen, doch wie kann man Comics eigentlich definitorisch fassen? Comics sind, so Felix Giesa, Bildgeschichten, bei denen die unterschiedlichen Bilder in enger zeitlicher Sequenz aufeinander folgen. Im Gegensatz dazu zeichnet sich das klassische Bilderbuch durch eine „weite“ Abfolge der Bilder aus. Im Amerikanischen hat sich für Comics deswegen der Begriff der “graphic narrative“ etabliert.

Die wichtigsten Elemente eines Comics sind das Panel als kleinste Bildeinheit, der Blocktext als Ort der Erzählerrede und die Sprechblase als Ort der Figurenrede. Der Zwischenraum zwischen den Panels trennt diese zeitlich voneinander. Diese Lücke muss vom Betrachtenden selbstständig gedanklich ausgefüllt werden. („Da wird der Leser mitunter zum Mörder!“) Die Geschichte entsteht schließlich in der Abfolge der einzelnen Panels. Die Comicleser*innen müssen dabei sowohl den Text als auch die nonverbalen Elemente des Bildes verstehen und deuten.

Und wie verhält es sich nun mit der Unterscheidung von Comics, Graphic Novels und Mangas? Folgt man Felix Giesa, dann sind diese Begriffe im Wesentlichen unterschiedliche Labels, um die Bildgeschichten in unterschiedlichen Ländern und Kontexten zu vermarkten: Der Comic wird als Fortsetzungsgeschichte in Heften verkauft; Mangas, die ganz eigene Stilmittel aufweisen, stammen ursprünglich aus Japan, haben sich jedoch längst über den asiatischen Raum hinaus verbreitet; und  der Terminus „Graphic Novel“ gilt mittlerweile als Qualitätsmerkmal für einen anspruchsvolleren Comic in Buchform. Als solche habe sich der Comic inzwischen auch in der sogenannten Hochkultur fest etabliert, erläuterte Giesa am Beispiel des Titels Im Eisland. Der Träger des diesjährigen Jugendliteraturpreises in der Sparte Sachbuch werde als Graphic Novel beworben, obgleich die von Kristina Gehrmann gewählte Erzählweise und Bildgestaltung eigentlich den Mangas entspreche.

Dietrich-Bonhoeffer-Saal und Simón-Bolivar-Saal lockten an diesem Abend zeitgleich mit Veranstaltungen. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Dietrich-Bonhoeffer-Saal und Simón-Bolivar-Saal lockten an diesem Abend zeitgleich mit Veranstaltungen. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Adoleszenz in den Comics

In seinem Vortrag widmete sich Felix Giesa dem verhältnismäßig jungen Genre der Adoleszenzcomics, die auf realistische Weise von den Problemen Jugendlicher beim Erwachsenwerden erzählen. Allerdings stehen diese Comics am Ende einer Entwicklung von den frühen Zeitungscomics bis heute. Jugendliche als Motive tauchten schon sehr früh in den Comics auf, wurden dem erwachsenen Publikum aber – wie etwa in den Comicstrips The Yellow Kid – zunächst vor allem komisch präsentiert. Eine realistische Darstellungsweise, die sich auch an ein jüngeres Publikum richtete, setzte sich erst allmählich durch.

So entstanden in den USA nach dem Ersten Weltkrieg Teenagerserien wie Harold Teen von Carl Ed, etwas später auch Archie von Bob Montana oder die “girls‘ comics“ wie Patsy Walker, in denen Teenager zwar in ihrem realistischen Lebensumfeld dargestellt wurden, deren Darstellungen aber immer noch in erster Linie auf eine humorvolle Geschichte hin angelegt waren. Erst mit der Entstehung der „Underground Comics“ ab den 1960er Jahren sollte sich das ändern: In diesen neuartigen und aufregenden Comics beispielsweise von Robert Crumb und Justin Green wurden die jugendliche Subkultur dargestellt, die eigene Biographie zum Sujet aufgewertet und neue Erzählverfahren zur Darstellung nonverbaler Aspekte, z.B. von Gefühlen, entwickelt. Die Herausforderungen der Adoleszenzphase wurden auf somit neu darstellbar. In den 1980er Jahren differenzierten sich diese Entwicklungen im Bereich der „Alternative Comics“ noch weiter aus. Prominente Beispiele dafür sind die Anthologien RAW von Art Spiegelman, dem späteren Gewinner des Pulitzer-Preises, und seiner Partnerin Françoise Mouly sowie Weirdo von Robert Crumb und die autobiografischen Berichte der eigenen Adoleszenz von Chester Brown.

Dr. Felix Giesa. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Dr. Felix Giesa. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Im Laufe der 1970er Jahren wurden diese Trends im frankobelgischen Bereich aufgegriffen. Ganz im Sinne der Schule problemorientierter Jugendliteratur gerieten der Alltag und die Gefühle von Heranwachsenden stärker in den Fokus von Comiczeichnern. Dies schlug sich nicht zuletzt in den realistischen Darstellungen der eigenen Adoleszenzphase nieder, die ab den 1990er Jahren prominent, beispielsweise von Lewis Trondheim, forciert wurden.

Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch in Deutschland beobachten. Hier waren es vor allem Künstler*innen im Gefolge der 68er Bewegung wie Franziska Becker und Ralf König, die das Thema Adoleszenz als Sujet für ihre Comics entdeckten. In den 1990er Jahren nahmen auch deutsche Zeichner*innen die Anregungen der US-amerikanischen Comic Avantgarde auf und erprobten neue Möglichkeiten des Erzählens durch Comics. Momentaufnahmen aus dem eigenen Leben spielten nun eine zunehmend wichtigere Rolle, wie das Beispiel Smalltown Boy (1999) von Andreas Michalke zeigt. In den Werken der neuen Generation der Comiczeichner*innen seit der Jahrtausendwende stellte Giesa schließlich zwei unterschiedliche Kategorien von Adoleszenzdarstellungen fest: die autobiographische Darstellung, wie beispielsweise Kati Rickenbachs Jetzt kommt später (2011), und die fiktive Adoleszenzerzählung, wie sie Arne Bellstorf für acht, neun, zehn (2005) entwarf.

Die anschließende engagierte Diskussion unter den zahlreichen Anwesenden zeigte die enorme Bandbreite des Interesses, auf die das Thema Comics stößt. So wurde sowohl nach den Adressen einschlägiger Comic-Läden gefragt als auch versucht, die eigene Comic-Lektüre im dargebotenen Kontext zu verorten, oder Annahmen über die Leistungen des menschlichen Gehirns bei der Lektüre von Bildergeschichten zu treffen. – Die kognitive Verarbeitung von Bildergeschichten, das sei am Rande erwähnt, wird zur Zeit im Rahmen eines vom BMBF geförderten Projekts an der Universität Potsdam erforscht.

Fachgespräche am Rande der begleitenden Ausstellung. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Fachgespräche am Rande der begleitenden Ausstellung. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Begleitet wurde der Vortrag von einer kleinen Ausstellung historischer und aktueller Comics, die Julia Lausch aus der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek vorbereitet hatte. Sie ermöglichte allen Anwesenden einen guten visuellen Einblick in das Vortragsthema, ein Eintauchen geradezu in die unterschiedlichen Lebenswelten von Jugendlichen.

Weitere Facetten dieses spannenden Themengebiets vorzustellen, soll Gegenstand zukünftiger Werkstattgespräche sein.