Luther als Erfinder des Weihnachtsbaums – eine Interpretation des 19. Jahrhunderts

Karl Reinthalers Weihnachtsbüchlein für alle Christenkinder in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Carola Pohlmann.

Das Martinsstift im Erfurter Augustinerkloster

Titelblatt von Reinthalers Weihnachtsbüchlein aus dem Jahre 1843. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Titelblatt zu Karl Reinthalers Weihnachtsbüchlein von 1843. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Im Erfurter Augustinerkloster, dem Martin Luther von 1505 bis 1511 angehörte, wurde 1821 das Martinsstift gegründet, eine karitative Einrichtung, die sich der Erziehung hilfsbedürftiger, verwaister und verwahrloster Kinder widmete. Initiator und langjähriger Leiter des Stifts war der evangelische Theologe, Pädagoge und Schriftsteller Karl Christian Wilhelm Reinthaler (1794-1863). Zum 22. Jahrestag des Martinsstifts im Jahr 1843 erschien das von Reinthaler zusammengestellte, mit vier Stahlstichen illustrierte Buch „Adam und Christus oder der Christbaum in M. Luthers Kinderstube. Ein Weihnachtsbüchlein für alle Christenkinder“.

Reinthalers Weihnachtsbüchlein und die Wiederbelebung des Kirchengesangs

Der Band enthält Andachten, Choräle und Kirchenlieder sowie drei „Weihnachtsgespräche“ der Familie Luther. Zu dem Textband erschien der Anhang „Sangweisen und Saitenspiel zum Christbaum in M. Luthers Kinderstube“, in dem die Noten zu 80 Kirchenliedern abgedruckt sind – darunter zu dem Luther-Choral „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, den einige Jahre zuvor auch Felix Mendelssohn-Bartholdy in Rom zum Ausgangspunkt einer Kantatenkomposition machte. Im Vorwort weist der Herausgeber auf sein Anliegen hin, den Kirchengesang wiederbeleben zu wollen: „Die Sangweisen unsrer Kirchenlieder erscheinen hier wieder in ihrer ursprünglichen Form, also auch wieder in dem volksthümlichen Rhythmus, durch welchen sich der deutsche Gemeinde-Gesang wesentlich von dem römischen Priester-Chorale geschieden hat.“

Der Luther-Choral "Vom Himmel hoch da komm ich her" in Reinthalers Weihnachtsbüchlein. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Noten zum Luther-Choral “Vom Himmel hoch da komm ich her” (mit dem Text der Strophen 3-5 des Luther-Chorals “Vom Himmel kam der Engel Schar”) in Reinthalers Weihnachtsbüchlein. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Darstellung des Weihnachtsabends bei der Familie Luther von Carl August Schwerdgeburth

Das Weihnachtsbüchlein wurde in drei Ausgaben publiziert: in einer großformatigen auf sogenantem Propatria-Papier und in zwei preiswerteren Ausführungen, der vorliegenden auf Velin-Papier und einem Druck auf billigerem Papier ohne Stahlstiche. Folgenreich war das Frontispiz des Thüringer Malers und Kupferstechers Carl August Schwerdgeburth (1785–1878), das einen fiktiven Weihnachtsabend bei der Familie Luther zeigt. Auf dem Bild ist ein Lichterbaum zu sehen, der – ebenso wie der Titel des Buchs – fälschlich den Eindruck erweckt, der Weihnachtsbaum sei bereits zur Zeit der Reformation verbreitet gewesen und damit sogar die Annahme begründete, der Christbaum wäre von Martin Luther eingeführt worden. Zwar gibt es im 16. Jahrhundert erste Erwähnungen von Weihnachtsbäumen, darunter den urkundlichen Beleg aus dem Jahr 1539 über die Aufstellung eines Baums im Straßburger Münster, doch im umfangreichen Schrifttum zu Luther ist kein Weihnachtsbaum nachgewiesen.  Der Brauch eines geschmückten Baums zu Weihnachten setzte sich erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch. Eines der ersten literarischen Zeugnisse für den Weihnachtsbaum findet sich Goethes „Leiden des jungen Werther“. Unter dem Datum 20. Dezember 1772 wird ein Besuch Werthers bei Lotte beschrieben, in dem dieser von „den Zeiten, da einen die unerwartete Öffnung der Tür und die Erscheinung eines aufgeputzten Baumes mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfeln in paradiesische Entzückung setzte“ spricht.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur Reformationsgeschichte und ihrer Interpretation in späteren Jahrhunderten – bis hin zu den aktuellen Abenteuern der Abrafaxe – selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Frontispiz zu Karl Reinthalers Weihnachtsbüchlein von 1843. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron! Mendelssohns römisches Weihnachtslied – ein Luther-Choral

Das Autograph von Mendelssohns Weihnachtslied in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Felix Mendelssohn Bartholdy um 1829. Aquarell von James Warren Childe. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Felix Mendelssohn Bartholdy um 1829. Aquarell von James Warren Childe. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ein Beitrag von Roland Schmidt-Hensel.

Dem steten Strom deutscher Italienreisender des frühen 19. Jahrhunderts schloss sich 1830 auch Felix Mendelssohn Bartholdy an. Nach längeren Aufenthalten in München, Wien und Venedig erreichte er Anfang November schließlich Rom, wo er rund fünf Monate lang blieb. Kunst und Architektur der Ewigen Stadt beeindruckten den jungen Komponisten nachhaltig, wohingegen er sich von der dortigen Musikpflege eher enttäuscht zeigte.

Petersplatz und Petersdom, aus: Andrea Manazzale, Itinerario di Roma e Suoi Contorni […], Roma 1817. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Petersplatz und Petersdom, aus: Andrea Manazzale, Itinerario di Roma e Suoi Contorni […], Roma 1817. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Auf der Durchreise durch Wien hatte Mendelssohn von einem Freund eine Ausgabe von Luthers Chorälen zum Geschenk erhalten, die ihn offenbar gerade in der neuen, katholischen Umgebung nachhaltig inspirierten. So entstanden in den römischen Wintermonaten 1830/31 neben lateinischen Psalmvertonungen auch mehrere Kompositionen, die auf lutherischen Chorälen basieren. Das umfangreichste dieser Werke ist die von Mendelssohn schlicht als „Weihnachtslied“ überschriebene Kantate „Vom Himmel hoch da komm ich her“, die Mendelssohn wohl um Weihnachten 1830 begann und Ende Januar 1831 abschloss.

Die Kantate besteht aus sechs Sätzen, denen insgesamt acht Strophen aus Luthers Weihnachtslied von 1535 zugrunde liegen. Musikalisch stellen die drei Chorsätze unterschiedlich gestaltete Bearbeitungen der Choralmelodie dar, wohingegen die Solo-Sätze keine offensichtlichen musikalischen Bezugnahmen auf den Choral zeigen. Im Schlusschor zur Strophe „Lob, Ehr‘ sei Gott im höchsten Thron“ wird der Choral zunächst unisono vorgetragen und von Arpeggien in den Streichern umrahmt, bevor eine mächtige Schlusssteigerung die Kantate in festlichem Jubel ausklingen lässt.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur lutherischen Kirchenmusik – darunter eine eigenhändige Komposition Bachs zum Reformationsfest 1725 und einen eigenhändigen Kompositionsversuch Luthers – selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Felix Mendelssohn Bartholdy: Vom Himmel hoch da komm ich her MWV A 10. Autographe Partitur. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Felix Mendelssohn Bartholdy: Vom Himmel hoch da komm ich her MWV A 10. Autographe Partitur. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Felix Mendelssohn Bartholdy: Vom Himmel hoch da komm ich her MWV A 10. Autographe Partitur. Beginn des Schlusschors. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Felix Mendelssohn Bartholdy: Vom Himmel hoch da komm ich her MWV A 10. Autographe Partitur. Beginn des Schlusschors. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Geheimnisvolle Räume in der Staatsbibliothek

Wie sehen 11 Millionen Bücher aus? Ich weiß es… Zuallererst möchte ich mich aber kurz vorstellen. Ich bin im Jahrgang 2016/17 (September bis August) als Freiwillige im Sozialen Jahr (Kultur) in der Stabi und hatte am Anfang bestimmt genauso viele Fragen wie Benutzerinnen und Benutzer, die zum ersten Mal in die Bibliothek kommen. Mit diesem Beitrag möchte ich etwas Licht ins Dunkel bringen! Dazu nehme ich Sie mit in die Welt der Magazine. Für Leserinnen und Leser eine geheimnisvolle Welt, denn der Zutritt ist nur dem Personal erlaubt.

Kompaktanlage - Staatsbibliothek zu Berlin-PK - Tabea Mosolf - CC BY-SA-NC 3.0

Kompaktanlage – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Tabea Mosolf – CC BY-SA-NC 3.0

Da die Stabi als größte wissenschaftliche Universalbibliothek Deutschlands einen Archivauftrag erfüllt, sind die Magazine notwendig. Der Auftrag bedeutet, dass eine große Menge an Büchern aufbewahrt werden muss und täglich neue dazu kommen. Vielleicht wissen viele von Ihnen gar nicht, dass die Staatsbibliothek über 11 Millionen Bücher besitzt. Oder haben Sie sich beim Betreten des Lesesaals schon mal gefragt, wo denn die restlichen Bücher sind und wie man an diese herankommt?

11 Millionen Bücher sind ein Menge, das weiß ich und Sie wissen das auch. Aber wussten Sie auch, dass alle Bücher aneinander gereiht etwa eine Strecke von Berlin bis nach Kiel ergeben? Das sind ca. 360km. Auch mich erstaunte dieser Fakt zu Beginn sehr. Bemerkenswert ist auch, dass die Bücher auf vier Standorte verteilt sind. In der Potsdamer Straße befinden sich ca. vier Millionen Bände, im Haus Unter den Linden etwa die Hälfte. Im Westhafen befinden sich sehr wenige; ca. eine Million Bücher haben dort ihren Platz. Der letzte Standort ist den wenigsten Nutzern bekannt. Friedrichshagen, das Speichermagazin, ist im Besitz von etwa vier Millionen Bänden.

Signaturen - Staatsbibliothek zu Berlin-PK - Tabea Mosolf - CC BY-SA-NC 3.0

Signaturen – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Tabea Mosolf – CC BY-SA-NC 3.0

An der Auskunft, oder für die Erstbenutzer an der Anmeldung wird oft gefragt, wie lange es dauert, bis das Buch bereitgestellt ist. Die Antwort ist so ziemlich immer dieselbe.  Etwa zwei Stunden dauert es, bis Ihr Buch bereitgestellt wurde. Voraussetzung ist, dass Ihr Band sich auch im Magazin vor Ort befindet. Wenn nicht, dauert es etwa einen Tag.
Aber warum dauert es zwei Stunden? Auf dem Weg zu Ihnen durchläuft der Band mehrere Stationen. Es beginnt mit dem Heraussuchen im Magazin. Dabei werden die vorhandenen Bestellungen ausgedruckt, durch die Magazinmitarbeiter und –mitarbeiterinnen herausgesucht und mit der Kastenförderanlage  an die Leihstelle zur Verbuchung geschickt. Bei vielen hundert Bestellungen pro Tag können Sie sich sicher vorstellen, dass niemand mal eben losgeht, um einen einzelnen Band zu holen.

Weitere Arbeiten des Magazinpersonals sind unter anderem die Fernleihe, der Dokumentenlieferdienst, die Revision, die Belegungsplanung und häufig auch Umzugsvorbereitungen. In den letzten Jahren hat es nämlich eine große Anzahl umfangreicher Bestandsumzüge gegeben: Vier Millionen Bücher vom Haus Potsdamer Straße nach Friedrichshagen, Altbestandsumzüge ins Haus Unter den Linden, Umzüge vom Westhafen in beide Häuser und innerhalb des Hauses Potsdamer Straße Bestandsumzüge wegen Sanierungsarbeiten.

Bücher - Staatsbibliothek zu Berlin-PK - Tabea Mosolf - CC BY-SA-NC 3.0

Bücher im Magazin – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Tabea Mosolf – CC BY-SA-NC 3.0

Mit dem Abschluss dieser Buchbewegungen im kommenden Jahr werden die gesamten Bestände des Hauptmagazins einmal und zum großen Teil sogar zweimal bewegt worden sein.

Jetzt haben Sie einen kleinen Einblick in die sonst für Sie verschlossenen Magazine der Staatsbibliothek bekommen und können sich bei Ihrer nächsten Bestellung genau vorstellen, wie das bestellte Buch zu Ihnen kommt.

Ein Artikel von Tabea Mosolf, Praktikantin im Freiwilligen sozialen Jahr in der Kultur 2016/17