Free Opera Company stellt Material für das E.T.A. Hoffmann Portal zur Verfügung

Der Literat E.T.A. Hoffmann ist ein Weltstar – auch wenn er eigentlich immer als Musiker und Komponist bekannt werden wollte. Mit seinem musikalischen Schaffen konnte er aber nie an sein großes Vorbild Wolfgang Amadeus Mozart heranreichen. Wirft man einen Blick auf die Bühnen der Republik und darüber hinaus, dann stellt man fest, dass Werke von E.T.A. Hoffmann fast gar nicht auf dem Programm stehen. Und das, obwohl E.T.A. Hoffmann vor 200 Jahren mit seiner Undine eines der wichtigsten Werke der deutschen Romantik sowie 84 weitere Kompositionen geschaffen hat, wovon allerdings nur sehr wenige erhalten geblieben sind. Lediglich die Oper Les Contes d’Hoffmann von Jacques Offenbach, die auf verschiedenen Erzählungen von E.T.A. Hoffmann beruht, ist hier eine Ausnahme.

Aus E.T.A. Hoffmanns Singspiel "Liebe und Eifersucht" © FREE OPERA COMPANY ZÜRICH (Fotografin: Mirjam Bollag Dondi)

Aus E.T.A. Hoffmanns Singspiel „Liebe und Eifersucht“ © FREE OPERA COMPANY ZÜRICH (Fotografin: Mirjam Bollag Dondi)

Aus E.T.A. Hoffmanns Singspiel "Liebe und Eifersucht" © FREE OPERA COMPANY ZÜRICH (Fotografin: Mirjam Bollag Dondi)

Aus E.T.A. Hoffmanns Singspiel „Liebe und Eifersucht“ © FREE OPERA COMPANY ZÜRICH (Fotografin: Mirjam Bollag Dondi)

Aus E.T.A. Hoffmanns Singspiel "Liebe und Eifersucht" © FREE OPERA COMPANY ZÜRICH (Fotografin: Mirjam Bollag Dondi)

Aus E.T.A. Hoffmanns Singspiel „Liebe und Eifersucht“ © FREE OPERA COMPANY ZÜRICH (Fotografin: Mirjam Bollag Dondi)

 

Umso mehr freuen wir uns, dass in dieser Spielzeit in der Schweiz bei der Free Opera Company in Zürich E.T.A. Hoffmanns Singspiel „Liebe und Eifersucht“ (1807 – literarische Vorlage: Calderón, übersetzt von Schlegel, Adaption: Bruno Rauch) zum zweiten Mal weltweit zur Aufführung gebracht wurde. In einer modernen Inszenierung bringt die Zürcher Free Opera Company die romantische Komödie, bei der es um Liebe und Leidenschaft, Lug und Trug geht, auf die Bühne. Hoffmanns musikalische „Rarität“ kommt hier ganz und gar nicht verstaubt, sondern jung, bunt und attraktiv daher.

Erfreulicherweise hat sich die Free Opera Company – bei der wir uns herzlich für die Zusammenarbeit bedanken möchten – bereit erklärt, dem E.T.A. Hoffmann Portal einige Materialien zur Verfügung zu stellen. Insgesamt sind dies über 50 Fotos von der Aufführung, eine Live-Aufzeichnung, Tonaufnahmen, das Programmheft und weitere Materialien. Exklusiv zeigen wir Ihnen heute davon vorab einige Bilder und wünschen viel Spaß beim Stöbern.

Dies alles und vieles mehr zu E.T.A. Hoffmann als Musiker finden Sie in Kürze online im E.T.A. Hoffmann Portal unter der Rubrik Leben und Werk / Der Musiker. Wenn Sie also schon immer mal E.T.A. Hoffmann nicht nur lesen, sondern auch hören wollten, sind Sie bei uns an der richtigen Stelle. Seien Sie gespannt!

 

 

Die erste Koch-Show in den Niederlanden? Die Glaubensküche oder der Reformationsschmaus

Das zur Toleranz mahnende Flugblatt „Cucina opiniorum“ in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer.

Porträt Dirk Volkertszoon Coornhert, Kupferstich/Radierung von Philibert Bouttats,um 1700. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Porträt Dirk Volkertszoon Coornhert, Kupferstich/Radierung von Philibert Bouttats,um 1700. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Dieser fast wie ein Comicstrip gestaltete Kupferstich mit graviertem Text entstand anonym (ca. 1570 bis 1600) und geht auf eine niederländische Vorlage zurück. Zu dieser Zeit war die Vormachtstellung der katholischen Kirche dort bereits gebrochen, die protestantischen Konfessionen der Calvinisten und Lutheraner hatten sich ausdifferenziert, ja, es entwickelten sich ständig neue Glaubensrichtungen und Vorstellungen. Jeder glaubte, was er glaubte, glauben zu wollen.

So suggeriert es zumindest dieses Blatt, das auf eine Vorlage des Niederländers Dirk Volkertszoon Coornhert (1522-1590) zurückgeht. Coornhert war Schriftsteller, Sprachpurist, Jurist, Politiker, Theologe, Musiker und Kupferstecher, lebte mal in den Niederlanden, mal in Deutschland und setzte sich als Katholik mit dem Katholizismus ebenso auseinander wie mit dem Calvinismus. Er lehnte die Vorstellung der Erbsünde ebenso ab wie die der Prädestination, trat für eine Kirche ein, die nicht auf die Konfessionen festgelegt sein sollte, und war einer der führenden Vertreter der Toleranzidee in den Niederlanden.

Calvin, Luther, Papst und Wiedertäufer (Ausschnitte aus "Culina opiniorum"). Lizenz: CC-BY-NC-SA

Calvin, Luther, Papst und Wiedertäufer (Ausschnitte aus „Cucina opiniorum“). Lizenz: CC-BY-NC-SA

Zur Toleranz mahnt auch das Geschehen in der auf dem Kupferstich abgebildeten Küche. Die Vertreter der unterschiedlichen konfessionellen Gruppen essen jeder sein eigenes Süppchen:

  • Calvin schneidet einen Kalbsbraten und schmeckt ihn mit Orangen ab: „Dit Calf fyn istt zu essen mit safft von Orangen“. Genau so hatte sich der Calvinismus in den Niederlanden mit dem Haus Oranje verbunden.
  • Luther spielt die Laute – „Ick slac den Luyt teer“ – und beschließt mal vom Gebratenen zu kosten und mal von dem Brei, den der Papst neben ihm mit langen Zähnen isst. „Ay die Pap ist vergifft und so bitter als Gall.“ Der Brei ist bitter, denn in ihm wurden nur die äußeren Schalen, nicht die Kerne, verkocht und die Süße der „Romaney“-Sauce fehlt ganz. Das bemäkeln auch die Katzen, die dem Papst auf der Schulter sitzen. Im Niederländischen heißt diese Stelle: „Waerom dees Catten lieken niet als sy plagen“ und weist damit auf die Widerständigkeit der Katholiken (Catten lieken) hin.
  • Der Wiedertäufer leckt auch lieber die Pfanne mit Bratensaft aus als vom Brei des Papstes zu kosten und weiß, dass er dies nur so ruhig machen kann, so lange die Köchin Vernunft/Ratio die Mahlzeiten zubereitet. Er will genießen, ohne sich die Finger nass zu machen, d.h. sich auf die Auseinandersetzungen einzulassen.
  • Auf dem Kaminsims sitzen die Vertreter der religiösen Toleranz um Charitas als Repräsentantin der Mitmenschlichkeit. Die Magd Eintracht/Concordia hat einen Hirsch gebracht, der als niederländischer „hert“ mit dem niederländischen „hart“, dem Herzen, zusammen gedacht werden kann. In ihrer Rede wird auch der Initiator des Blattes in einem Wortspiel verraten: „koer“ und „hertz“. Im Niederländischen: „koer […] hert“ wird allgemein als Anspielung auf Coornhert gelesen. Die Köchin Vernunft gibt ihren Gästen diätetische Ratschläge, was die Bekömmlichkeit der Speisen angeht. Sie hat als Personifikation der Redlichkeit und Bescheidenheit den vorigen Koch abgelöst, der wie ein Tyrann nur römisch-katholisch gekocht hat.

Der deutsche Text lässt deutlich die niederländische Vorlage erkennen, dennoch sind die meisten Wortspiele, auf denen das Blatt aufbaut, ganz gut zu verstehen. Allerdings fehlt bei unserem Blatt die Erklärung des deutschen Übersetzers, die andere Ausgaben des Blattes haben. Dieser führt die Wortspiele auf das Niederländische zurück und erklärt sie. Es gibt noch weitere Druckvarianten des Blattes. So sind zum einen das niederländische Blatt aus dem Rijksmuseum, das unter dem Titel: „De Rede maant de kerken tot verdraagzaamheid“ im selben Zeitraum erschienen ist, und zum anderen das ebenfalls niederländische Blatt mit französischer Zusammenfassung der Kunstsammlungen der Feste Coburg „seitenverkehrt“ in ihrer Darstellung. Sie beginnen von links nach rechts gelesen mit dem Brei essenden Papst und halten somit die Chronologie der reformatorischen Bewegungen ein, während das Blatt der Staatsbibliothek mit dem Calvinismus beginnt und das Geschehen in der niederländischen Glaubensküche von der Gegenwart aus betrachtet. Im Mittelpunkt aber steht immer die Idee der religiösen Toleranz, wie sie Dirk Volkertszoon Coornhert in seinen Bildern, Schauspielen Dialogen und öffentlichen Disputationen vertrat.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur reformationszeitlichen Propaganda, aber auch moderne Comicstrips selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Culina opiniorum, Kupferstich nach Dirk Volkertszoon Coornhert. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Cucina opiniorum, Kupferstich nach Dirk Volkertszoon Coornhert. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ein neues Hoffmann-Universum – Das HoPo im E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch 24/2016

Soeben ist der neue Band des E.T.A. Hoffmann-Jahrbuchs erschienen, in dem Forschende aus aller Welt ihre Fachbeiträge zur Künstlerpersönlichkeit Hoffmann publizieren. Mit ein wenig Stolz dürfen wir verkünden: Auch das Projekt E.T.A. Hoffmann Portal der Staatsbibliothek zu Berlin ist dieses Mal mit einem Artikel vertreten und berichtet über Hintergründe und Zielsetzungen des neuen Universums E.T.A. Hoffmann Portal.

Der Beitrag beschreibt, wie das Projekt für die Person E.T.A. Hoffmann und sein Umfeld auf die Anforderungen einer immer stärker vernetzten und digitalisierten Forschungslandschaft reagiert, indem es eine Fülle von virtuellen Materialien sowie vielfältigen – auch interaktiven – Inhalten für breite Zielgruppen anbietet. Auch die Herausforderungen und Fragestellungen, die der Aufbau einer solchen Infrastruktur an die Bibliothek stellt, werden diskutiert.

Im Mittelpunkt des Beitrags stehen die inhaltlichen Bereiche des Portals: Hoffmann Wissen – mit den Einstiegen Leben und Werk, Erforschen sowie Unterrichten – und die Kernelemente Hoffmann Digital und Hoffmann Suche. Erläutert werden aber auch der technische Aufbau, die Struktur des Portals mit Navigation und Leitsystemen, die vielfältigen Kooperationen sowie die aktive Einbindung der Zielgruppen. Ein Großteil der beschriebenen Inhalte und Features sind schon umgesetzt, auf einige einzelne Elemente dürfen Sie sich in naher Zukunft freuen.

Haben wir Ihre Neugier geweckt? Viel Freude bei der Lektüre!

Veränderte Öffnungszeiten am 7. Dezember 2016

Wegen einer Personalversammlung werden unsere Häuser am 7. Dezember 2016 später geöffnet.

 

Haus Unter den Linden ab 13.00 Uhr

Haus Potsdamer Straße ab 12.30 Uhr

Abteilungen im Westhafen ab 13.00 Uhr

Wir danken für Ihr Verständnis!

Drucken leicht(er) gemacht

Wir freuen uns, Ihnen in Zusammenarbeit mit unserem Druck- und Reproduktionspartner BiblioCopy einen neuen Service präsentieren zu können: Den WLAN-Druck.

Dazu ein Beispiel aus der Praxis: Sie arbeiten gerade konzentriert an Ihrem Laptop im Lesesaal und stoßen bei Ihren Recherchen auf einen äußerst interessanten Zeitschriftenaufsatz, den Sie gerne sofort ausdrucken möchten. Bisher war der Weg häufig so: Zunächst haben Sie sich den Aufsatz heruntergeladen und auf einem USB-Stick gespeichert, um diesen anschließend bei BiblioCopy wieder an einen Drucker oder PC anzuschließen und das Dokument auszudrucken.

Das geht ab sofort einfacher, denn jetzt können Sie direkt über das WLAN der Staatsbibliothek den Drucker im Kopierzentrum BiblioCopy ansteuern und Ihren Druckauftrag in Arbeit geben. Um den Drucker bei BiblioCopy ansteuern zu können, bedarf es lediglich der Verbindung mit dem WLAN der Staatsbibliothek und der einmaligen Installation des Druckers. Die Anleitung zur Installation des Druckers und alle wichtigen Informationen finden Sie auf der Seite von BiblioCopy.

Uns ist bewusst, dass die Installation (im Vergleich zum heimischen Drucker) recht aufwendig ist, aber dafür gibt es auch einen sehr guten Grund: die Sicherheit Ihrer Daten. Wir müssen zu jeder Zeit sicherstellen können, dass der Druckauftrag auch wirklich von Ihnen gewünscht war und wir den Druckauftrag Ihnen (und niemand anders) zuordnen können, damit Sie am Ende auch wirklich das Gewünschte in den Händen halten. Wir bitten daher um Ihr Verständnis.

In der ersten Phase steht der WLAN-Druck allen Nutzerinnen und Nutzern mit Laptops der Betriebssysteme Windows 7 und 10 zur Verfügung. An einer Lösung für weitere Betriebssysteme wird intensiv gearbeitet. Bis dahin können Sie die Funktion des Ausdrucks per Upload nutzen.

Sollten Sie Fragen zur Installation haben oder Hilfe benötigen, können Sie sich gerne an die WLAN-Sprechstunde wenden.

Übrigens: Wir erfüllen mit dem WLAN-Druck einen von Ihnen bei der WLAN-Umfrage im März häufig geäußerten Wunsch. Ihre Anregungen und Kritiken bleiben also keineswegs ungehört.

Die Materialität und Medialität literarischer Handschriftlichkeit – Ein Workshopbericht

Wie die Einrichtung der beiden Sonderforschungsbereiche Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa (Universität Hamburg) und Materiale Textkulturen. Materialität und Präsenz des Geschriebenen in non-typographischen Gesellschaften (Universität Heidelberg) dokumentiert, haben Forschungen zu Funktion und gesellschaftlichem Status von Handschriftlichkeit gegenwärtig Hochkonjunktur. Dabei profitiert dieser Aufschwung eminent von dem seit einiger Zeit wiedererwachten Interesse der Geistes- und Kulturwissenschaften an Artefakten – ein vielfach als material turn bezeichneter Prozess, der mit der Aufwertung von objekt- und sammlungsbezogenen Kompetenzen zu wissenschaftlichen Schlüsselqualifikationen einhergeht. Kein Wunder also, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als spartenübergreifendes Objektrepositorium von Weltrang und drittmittelaktive interdisziplinäre Forschungseinrichtungen ihre Aktivitäten auf den Feldern der material culture studies weiter ausbauen möchte – nicht zuletzt auch auf der Grundlage der im Rahmen der Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit: Bibliothek und Forschung im Dialog geknüpften Wissenschaftskontakte.

Vor diesem Hintergrund fand am 29. September 2016 in der Staatsbibliothek zu Berlin unter der Leitung von Reinhard Altenhöner, Jochen Haug und Christian Mathieu ein stiftungsinterner Workshop zum Thema Die Materialität und Medialität literarischer Handschriftlichkeit statt, der den Auftakt zu einer Reihe von Folgeveranstaltungen und Arbeitstreffen markieren möchte – mit der klaren Perspektive, interdisziplinäre spartenübergreifende Forschungsaktivitäten sowie als Meilenstein auf diesem Weg zunächst eine gemeinsame Sommerschule in Kooperation mit der universitären Forschung zu realisieren. Dem integrativen Ansatz der von der Staatsbibliothek zu Berlin entfalteten Initiative gemäß waren nahezu alle Stiftungseinrichtungen auf dem Workshop vertreten.

 

Zwischen wissenschaftlicher Kompetitivität und spartenübergreifendem Integrationspotential

Auf Grundlage der im Lauf des Vormittags präsentierten Impulsvorträge umkreiste die lebhafte Plenumsdiskussion die bereits von Präsident Parzinger in seiner Begrüßungsrede angesprochene Herausforderung, die schiere Vielfalt der Forschungsaktivitäten innerhalb der Stiftung in eine für möglichst viele Sammlungen und Einrichtungen anschlussfähige, zugleich aber wissenschaftlich wettbewerbsfähige Fragestellung zu gießen. Im Zentrum der Debatte stand dabei zunächst der im call for papers entwickelte Vorgehensvorschlag, der eine Zweiteilung des Kurrikulums der geplanten Sommerschule in eher propädeutische, der Vermittlung materialbezogener Kompetenzen gewidmete sowie stärker theorieorientierte Lehrveranstaltungen – etwa in Auseinandersetzung mit einer jüngst von Christian Benne (Universität Kopenhagen) vorgelegten Studie – vorsieht. Dieser zufolge habe sich erst zur Mitte des 18. Jahrhunderts ein spezifisches Nachlassbewusstsein herausgebildet, dessen Kennzeichen die Wertschätzung des Manuskripts als materiale Spur des literarischen Schreibvorgangs sei – ein auch durch die Referate von Falk Eisermann und Christoph Rauch akzentuierter Angriff auf den Linearitätsmythos des zunehmenden Bedeutungsverlusts von Handschriftlichkeit seit Erfindung des Buchdrucks. Freilich spricht einiges dafür, wie Eef Overgaauw in seinem Vortrag nahelegte, das Einsetzen des von Christian Benne beschriebenen Prozesses bereits ins 15. Jahrhundert zu datieren – eine Einschätzung, die sich im Rahmen der geplanten Sommerschule ohne weiteres anhand der zahlreichen in der Staatsbibliothek verwahrten Nachlässe überprüfen ließe.

Wichtige Anregungen erhielt die Diskussion vor allem von Markus Hilgert, der das grundlegende Spannungsverhältnis von spartenübergreifendem Integrationspotential und wissenschaftlicher Kompetitivität in seinem Eingangsstatement aus seiner persönlichen Doppelperspektive als ehemaliger Sprecher des eingangs erwähnten Heidelberger Sonderforschungsbereichs und Direktor des Vorderasiatischen Museums in den Blick nahm. Zwar unterstrich auch er das eminente forschungsstrategische Potential des vorgeschlagenen Untersuchungsfelds im Gefolge des material turn, plädierte zugleich aber dafür, das erkenntnisleitende Konzept der Literarizität schärfer zu fassen und die Erscheinungsformen von literarischer Handschriftlichkeit in ihrer diachronen wie diatopen Varianz zu betrachten. Anknüpfend an diese Empfehlungen wurde in der weiteren Diskussion sogar überlegt, die von einigen Teilnehmenden als zu statisch empfundene Scheidung zwischen literarischer und pragmatischer Handschriftlichkeit gänzlich aufzugeben und die angestrebte interdisziplinäre Sommerschule stattdessen der kulturvergleichenden Rekonstruktion von Strukturen des Skripturalen bzw. einer Genealogie oder Archäologie des Schreibens mit der Hand zu widmen. Im Interesse der sowohl für die Akquise von Fördermitteln als auch für die Gewinnung von Lehrenden unerlässlichen wissenschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit sprach sich Markus Hilgert mit Nachdruck für ein konsequent entlang einer zentralen Forschungsfrage strukturiertes Sommerschulkurrikulum aus und formulierte zugleich Bedenken hinsichtlich einer eher additiv angelegten exemplarischen Gesamtinventur mit der Hand beschrifteter Artefakte in den einzelnen Sammlungen. Der Charakter der Stiftung als spartenübergreifender Verbund von Objektrepositorien wiederum wurde von zahlreichen Teilnehmenden als Alleinstellungsmerkmal hervorgehoben, das in äußerst profitabler Weise für die geplante Sommerschule genutzt werden könne und es zudem gestatte, ganz unterschiedliche Zielgruppen zu adressieren.

Damit aber war ein stärker integrierender Alternativansatz zum ursprünglich vorgeschlagenen Vorgehen formuliert – eine Spannung, die sich für den weiteren spartenübergreifenden Abstimmungsprozess auf dem Weg zu einer gemeinsamen Sommerschule in Kooperation mit der universitären Forschung mit hoher Wahrscheinlichkeit als produktiv erweisen dürfte. Ungeachtet der darin zugleich zum Ausdruck kommenden Vorbehalte bezüglich der Eignung von Christian Bennes These von der Erfindung des Manuskripts um 1750 zur Verklammerung des gesamten Sommerschulkurrikulums, herrschte dennoch Konsens darüber, dass der rezente Impuls der material culture studies zur Neubewertung von Handschriftlichkeit in den Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz einen ebenso facettenreichen wie tonmächtigen Resonanzraum finden würde. Dies umso mehr, als diese doch – wie es Markus Hilgert mit Blick auf die Felder von Erschließung, Forschung und Vermittlung formuliert – als Rezeptionslabor von (literarischer) Handschriftlichkeit dienen könne.

 

Programm des Workshops am 29. September 2016

10:00 – 10:05 Uhr

Grußwort des ständigen Vertreters der Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin


10:05 – 10:10 Uhr

Grußwort des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz


Moderation:
Reinhard Altenhöner (SBB – Generaldirektion)


10:10 – 10:30 Uhr:
Jochen Haug | Christian Mathieu (SBB – Wissenschaftliche Dienste)

Die Materialität und Medialität literarischer Handschriftlichkeit –
Möglichkeiten einer interdisziplinären spartenübergreifenden Sommerschule


10:30 – 10:50 Uhr:
Eef Overgaauw (SBB – Handschriftenabteilung)

Literarische Nachlässe des 15. und 16. Jahrhunderts


10:50 – 11:10 Uhr:
Falk Eisermann (SBB – Handschriftenabteilung)

Handschrift und Buchdruck im 15. Jahrhundert – Aspekte einer medialen Konvergenz

 

11:10 – 11:30 Uhr: Dominik Erdmann (SBB – Handschriftenabteilung)

Der Kosmos als Papierprojekt –
Anmerkungen zu Alexander von Humboldts material-gestützten Schreibverfahren


11:30 – 12:00 Uhr:

Kaffeepause


12:00 – 12:20 Uhr:
Viola König (SMB – Ethnologisches Museum) Der Vortrag musste leider entfallen

Bilderhandschriften aus Mesoamerika: Codices, Lienzos und Mapas


12:20 – 12:40 Uhr:
Jutta Weber (SBB – Handschriftenabteilung) | Michael Lailach (SMB – Kunstbibliothek)

Der Brief: Form und Inhalt


12:40 – 13:00 Uhr:
Christoph Rauch (SBB – Orientabteilung)

Materialität und Medialität arabischer Handschriften: Ein Diskussionsbeitrag


13:00 – 13:45 Uhr:

Mittagspause


13:45 – 14:30 Uhr:
Markus Hilgert (SMB – Vorderasiatisches Museum)

Die Materialität und Medialität literarischer Handschriftlichkeit –
Potentiale eines Themas aus der Doppelperspektive von Forschung und Museum


14:30 – 16:00 Uhr:
Plenumsdiskussion

Eine spartenübergreifende Sommerschule der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Dialog mit der universitären Forschung – Schaffen wir das?

 

Buchpatenschaft für den Monat Dezember

Kein anderes Fest im Jahreskalender ist so eng mit Erinnerungen und mit Kindheit verbunden wie Weihnachten. Da liegt es nahe, dass wir für die Buchpatenschaft im Dezember ein Kinderbuch ausgewählt haben – ein Märchenbuch von Wilhelm Hauff.

Wilhelm Hauf:
Märchen.
Mit 6 Radierungen von J.B. Sonderland.
6. Auflage, Stuttgart: Brodhag, 1842

Die sechste Auflage der Märchen von Wilhelm Hauff enthält erstmals sechs Radierungen von Johann Baptist Wilhelm Adolf Sonderland (1805-1878). Der aus Düsseldorf stammende Maler und Illustrator wurde vor allem durch seine Märchenillustrationen im Stil der Romantik bekannt. Die anmutigen Bilder zu Hauffs Märchen gehören zu Sonderlands besten Arbeiten. Im Vorwort zur sechsten Auflage der Märchen wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass „der durch seine lieblichen Gemälde und Radirungen rühmlichst bekannte Maler J. B. Sonderland uns diese genialen Compositionen lieferte“.

Schaden: Bindung lose, Einband beschädigt
kalkulierte Kosten: 130 €

 

Hauff, Wilhelm: Märchen. Mit 6 Radierungen von J. B. Sonderland. 6. Auflage - Stuttgart: Brodhag, 1842.

Illustration aus dem Märchen „Der kleine Muck“

 

Verschenken Sie zu Weihnachten eine Buchpatenschaft  aus dem Patenschaftsprogramm der „Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V.“

Wenn Sie Interesse daran haben, dass dieses Kinderbuch restauriert wird und damit wieder benutzt werden kann, dann schreiben Sie bitte an freunde@sbb.spk-berlin.de. Für Ihre Hilfe, ein bedrohtes Werk vor dem Verfall zu bewahren, erhalten Sie:

  • ein Exlibris aus alterungsbeständigem Papier mit Ihrem Namen oder einem von Ihnen gewünschten Namen,
  • die Möglichkeit, das restaurierte Werk zu besichtigen beim Jahresempfang oder bei einem Termin nach Vereinbarung,
  • eine Spendenbescheinigung für Ihr Finanzamt.

Viele weitere Angebote an Patenschaften aus allen Abteilungen der Staatsbibliothek zu Berlin und weitere Hinweise zu Buchpatenschaften und finden Sie auf unserer Seite Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V.  Das Spektrum reicht weit über Bücher hinaus – hier finden Sie auch Noten, Landkarten, Zeitungen, Handschriften.

Für Fragen und Informationen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung: Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V., Gwendolyn Mertz, Unter den Linden 8, 10117 Berlin, Telefon: 030 – 266 43 8000, Mail: freunde@sbb.spk-Berlin.de

UN iLibrary – Neues Angebot für Veröffentlichungen der Vereinten Nationen

Vom Heft über The new atomic age aus dem Jahre 1956 bis zum jüngst erschienen E-Book über Death Penalty and the Victims: Die Staatsbibliothek zu Berlin ist seit 60 Jahren Depotbibliothek für die Vereinten Nationen und bietet ab sofort einen voll umfänglichen Zugriff auf die neue Publikationsdatenbank UN iLibrary.

Inhalte der UN iLibrary

Die UN iLibrary definiert sich als umfassende digitale Bibliothek für Publikationen der Vereinten Nationen. Sie hält jetzt in der Startphase rund 1.700 Titel zu Themen wie Sicherheit, Menschenrechte, Wirtschaft, internationales Recht oder Klimawandel bereit. Dazu gehören auch Titel wie den Human Development Report, die Yearbooks of the International Law Commission oder den World Investment Report.

Pro Jahr wächst die Datenbank dann um bis zu 500 neue Bücher sowie Zeitschriften und Arbeitspapiere in den offiziellen UN-Sprachen Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Chinesisch und Arabisch. Die Inhalte können komplett oder kapitel- bzw. artikelweise recherchiert, angezeigt, heruntergeladen, zitiert (DOI) und in Literaturverwaltungen (EndNote, Ref Manager, ProCite, BibTeX, RefWorks) gespeichert werden. Die UN iLibrary umfasst ausschließlich Publikationen und Daten von United Nations Publications, hier die komplette Liste der enthaltenen Titel, Stand 10/2016.

Weitere UN-Informationsressourcen

Mit der UN iLibrary ergänzen die Vereinten Nationen ihr digitales Publikationsangebot um eine kommerziell vertriebene umfangreiche Datenbank. Es empfiehlt sich, je nach thematischem und zeitlichem Interesse, auch die weiteren UN-Datenbanken zu konsultieren, die von der UN frei zur Verfügung gestellt werden:

Hintergrund: Das Depotbibliothekssystem der Vereinten Nationen

Das System der Depotbibliotheken der Vereinten Nationen existiert seit 1946 und sieht vor, zentrale Dokumente und Publikationen der UN an über 350 Bibliotheken weltweit zu liefern, um deren freie Zugänglichkeit zu garantieren. Das Depotbibliothekssystem basiert auf der UN Administrative Instruction ST/AI/189/Add.11/Rev.2.

Die Situation der UN-Depotbibliotheken hat sich in letzter Zeit tief greifend verändert, da der Versand der Publikationen seit 2012 eingestellt wurde und nun durch die Lizenzierung der UN iLibrary abgelöst wird. Einer Bibliothek pro Land wird der Zugriff auf die UN iLibrary kostenfrei gewährt, – für Deutschland ist dies die Staatsbibliothek zu Berlin. Die neue UN-Veröffentlichungspolitik wird von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren weltweit kritisch gesehen. Deshalb veröffentlichte die American Library Association dazu eine Resolution on the Restoration of the United Nations Depository Library System. Das Geschäftsmodell der UN iLibrary widerspricht angesichts des Lizenzmodells den Sustainable Development Goals, der Vereinten Nationen. Die Vereinten Nationen sollten in ureigenem Interesse ihre Publikationen dem Open-Access- und Open-Government-Gedanken folgend allen Menschen frei zur Verfügung zu stellen, – auch in Übereinstimmung mit dem Prinzip des „free and balanced flow of information“ der UN-Sonderorganisation UNESCO.

Nichtsdestotrotz befürwortet die Staatsbibliothek zu Berlin die UN iLibrary  als eine neue Plattform für die digitale Bereitstellung von Publikationen der Vereinten Nationen, da diese Datenbank das möglichst lückenlose Angebot der UN-Inhalte gewährleistet. Die älteren UN-Publikationen sind im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin in gedruckter Form langfristig archiviert und zugänglich, darunter neben den bekannten einschlägigen Reihen wie das United Nations juridical yearbook auch die eingangs genannte Broschüre The new atomic age von 1956 oder der Report aus dem Jahre 1958 zum Thema Legal Status of married women.

Darüber hinaus setzt sich die Staatsbibliothek zu Berlin zusammen mit den weiteren UN-Depotbibliotheken für die Gewährleistung eines freien und langfristigen Zugangs zu UN-Publikationen ein. Die Staatsbibliothek zu Berlin definiert sich hier als Teil eines aktiven Netzes aus Partnerinnen, Kuratoren, Vermittlerinnen und Fürsprechern für die Vereinten Nationen und deren Veröffentlichungen. Deshalb freuen wir uns über Ihr Feedback sowohl zur neuen Datenbank UN iLibrary, zu den weiteren UN-Datenbanken als auch zu unseren UN-Beständen in gedruckter Form!

Rezitation „Nussknacker und Mausekönig“: Veranstaltung im E.T.A. Hoffmann-Haus Bamberg am 16.12.

Von Prof. Dr. Bernhard Schemmel, Präsident der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft

 

Veranstaltung zur 200-Jahr-Feier von E.T.A. Hoffmanns „Nussknacker und Mausekönig“

Rezitation durch den Schauspieler Andreas Ulich am 16. Dezember 2016 um 20 Uhr im E.T.A. Hoffmann-Haus, Schillerplatz 26, 96047 Bamberg (Platzreservierung: info@ulich-wortkunst.de bzw. Tel. 0951-9 68 44 93)

 

E.T.A. Hoffmann plante wohl schon 1815 mit Christian Salice Contessa und Friedrich Baron de la Motte-Fouqué ein Märchenbuch. Am 16. November 1816 erhielt der Verlagsbuchhändler Georg Reimer in Berlin die letzten Manuskripte. Die „Kinder-Mährchen“ erschienen tatsächlich noch vor Weihnachten. Hoffmann erhielt am 16. Dezember 1816 vier Exemplare des ersten Bändchens. Im Folgejahr erschien ein zweites Bändchen, ebenfalls mit einer Erzählung von ihm, „Das fremde Kind“; beide Texte gingen in seine Sammlung „Die Serapions-Brüder“ ein. 1839 veranstaltete der Verleger eine neue Auflage der „Kinder-Mährchen“. Die Erstauflage ist äußerst selten und entsprechend hoch bewertet.

Das erste Bändchen enthält das Märchen „Nussknacker und Mausekönig“ (S. 115-271), integriert ist ein Märchen von der harten Nuss. Hoffmann schrieb den ganzen Text zwischen dem 29. Oktober und dem 16. November 1816. Zu diesem Zeitpunkt hatte er auch die je drei Anfangs- und Schlussvignetten fertig, die er sich in „AquatintaManier“ gedruckt vorstellte. Tatsächlich sind sie aber in Lithographie gehalten, wie der Umschlag. Die kolorierte Illustration zum „Nussknacker“ zeigt den Titelhelden im Kampf auf Leben und Tod mit dem Mausekönig.

Hoffmanns Kollege und Biograph Julius Eduard Hitzig überliefert, das Märchen sei für Hitzigs Kinder geschrieben – sie hießen wie im Märchen Marie und Fritz. Trotzdem ist „Nussknacker und Mausekönig“ nicht nur für Kinder – die zeitgenössische Diskussion war – wenn überhaupt – eher verhalten. Der Text wurde aber das am häufigsten illustrierte Werk Hoffmanns. Zur außerordentlichen Popularität trug Peter Tschaikowskys/Marius Petipas Ballett „Der Nussknacker“ von 1892 bei. Dessen Libretto ging freilich auf eine freie Übersetzung von Alexandre Dumas d. Ä. zurück, die er unter seinem Namen als „Histoire d’un casse-noisette“ 1845 herausbrachte.

 

Probleme mit gekrönten Häuptern – Martin Luthers „Dezembertestament“ von 1522

Die verbesserte zweite Auflage der Luther’schen Übersetzung des Neuen Testaments in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Andreas Wittenberg.

Titelblatt des "Dezembertestaments". Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Titelblatt des „Dezembertestaments“. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Seinen durch die Verhängung von Kirchenbann und Reichsacht erzwungenen Aufenthalt als „Junker Jörg“ auf der Wartburg vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 nutzte Martin Luther für die Übersetzung des Neuen Testaments in die deutsche Sprache. Nach seiner Rückkehr nach Wittenberg wurde der Text insbesondere unter Mitarbeit von Philipp Melanchthon überarbeitet. Den Auftrag zum Druck erhielt die Wittenberger Offizin von Melchior Lotter d. J., Verleger waren Christian Döring und Lucas Cranach d. Ä. Weder der Name des Übersetzers noch die des Druckers und der Verleger wurden genannt. Die Nachfrage nach dem wegen des Erscheinungsmonats als „Septembertestament“ bezeichneten Druck des Jahres 1522 war so überwältigend, dass die ungewöhnlich hohe Auflage von 3.000 Exemplaren innerhalb kurzer Zeit vollständig vergriffen war.

Gut, dass man schon an einer zweiten, verbesserten Auflage arbeitete. Diese erschien drei Monate später – wiederum gedruckt von Melchior Lotter d. J. – und ging als das „Dezembertestament“ in die Geschichte ein.

Korrektur der Kronen

Neben vielen Korrekturen des Textes fallen insbesondere die Veränderungen bei einigen Holzschnitten zur Offenbarung des Johannes auf. In den Illustrationen des „Septembertestaments“ tragen einige außerordentlich negativ belegte Figuren wie das „Tier aus der Tiefe“ und die auf der siebenköpfigen Bestie reitende „Hure Babylon“ Kronen, die starke Ähnlichkeit mit der päpstlichen Tiara aufweisen. Dies führte auf katholischer Seite zu heftigen Protesten, etwa durch den albertinischen Sachsen-Herzog Georg den Bärtigen. Deshalb wurden diese Holzstöcke für die zweite Auflage in der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ä. erneut bearbeitet und die Kronen so verändert, dass sie keinen Anstoß mehr erregen konnten. Ergebnis dieser Korrektur war unter anderem eine auffallend große, nun völlig leer erscheinende Stelle über dem Kopf der dargestellten Frauenfigur.

Die „Hure Babylon“ aus dem September- und dem Dezembertestament (Holzschnitt aus der Werkstatt Lucas Cranachs d. Ä.). Abteilung Historische Drucke. Lizenz CC-BY-NC-SA

Die „Hure Babylon“ aus dem September- und dem Dezembertestament (Holzschnitt aus der Werkstatt Lucas Cranachs d. Ä.). Abteilung Historische Drucke. Lizenz CC-BY-NC-SA

Der Siegeszug der Luther-Übersetzung ging weiter: Bis 1534 wurde das Neue Testament Martin Luthers allein in Wittenberg vierzehn Mal in hochdeutscher und sieben Mal in niederdeutscher Sprache gedruckt. Und 1534 – in dem mit neuen Holzschnitten des Monogrammisten MS ausgestatteten Druck von Hans Lufft – trägt die „Hure Babylon“ wieder eine Tiara!

Katholische „Korrekturbibel“ von Hieronymus Emser

Ein interessanter, fast ein wenig kurios wirkender Umstand sei noch erwähnt: 1527 wollte der entschiedene Luther-Gegner Herzog Georg der Bärtige von Sachsen der lutherischen eine katholische Übersetzung entgegen stellen, um den Einfluss von Luthers Neuem Testament zurückzudrängen. Er beauftragte den in Schwaben geborenen Hofkaplan Hieronymus Emser, eine Übersetzung im traditionellen Sinne nach der lateinischen Vulgata anzufertigen. Allerdings folgte Emser bis auf einige oberdeutsche Wendungen weitgehend der ostmitteldeutschen Luther-Übersetzung. Da es in Dresden keine Bildvorlagen zur Offenbarung des Johannes gab, wurden zudem die Illustrationen in Wittenberg gekauft. So erscheint die „Hure Babylon“ aus Luthers „Dezembertestament“ auch in der 1527 in Dresden gedruckten katholischen Gegenbibel – allerdings in der „entschärften“ Kronen-Fassung.

Rückkehr aus Polen am Nikolaustag 2000

Das hier gezeigte Exemplar des „Dezembertestaments“ wurde durch die Königliche Bibliothek zu Berlin im Jahr 1836 zusammen mit der gesamten Bibliothek des preußischen Generalpostmeisters Karl Ferdinand Friedrich von Nagler erworben. Während des Zweiten Weltkrieges wurde es zusammen mit weiteren Beständen der Bibliothek auf heute polnisches Gebiet verlagert. Am 6. Dezember 2000 überreichte der polnische Ministerpräsident Jerzy Buzek diesen Band im Warschauer Parlament dem damaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder – so kehrte das „Dezembertestament“ nach Berlin zurück.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur Lutherbibel bis hin zur Bibelübersetzung des ersten Chinesen in Deutschland selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.