Ausschnitt aus dem Nürnberger Plakatdruck der 95 Thesen, 1517 | Quelle: Digitale Bibliothek der Staatsbibliothek zu Berlin - PK || CC BY-SA-NC 3.0

Außer Thesen nichts gewesen – Sonderöffnung unserer Luther-Ausstellung am 7. Februar 2017

Am 7. Februar 2017 laden wir Sie herzlich ein zu einem langen Abend der Thesen – der insgesamt 380 Thesen, um genau zu sein. Denn anlässlich des Vortrags des bekannten Buchgestalters Friedrich Forssman im Rahmen unserer gemeinsam mit der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Universität Potsdam organisierten Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog wird unsere große Ausstellung zum Reformationsjubiläum ausnahmsweise bis 20:30 Uhr geöffnet bleiben.

Auf diese Weise haben Sie die einmalige Gelegenheit, zunächst 95 Thesen zur von Friedrich Forssman verantworteten Neugestaltung der revidierten Lutherbibel 2017 zu diskutieren, um anschließend unsere Auswahl von 95 spektakulären Exponaten in Augenschein zu nehmen, die Ihnen die Reformation erzählen wollen – darunter erstmals alle drei Druckausgaben der Luther-Thesen in trauter Eintracht vereint.

Sollten Sie angesichts des Dreiklangs „Forssman – Thesen – Sensationen“ tatsächlich noch zweifeln, ob sich die für einen Besuch von Vortrag und Ausstellung aufzuwendenden Spesen an Zeit und Aufmerksamkeit überhaupt lohnen, so seien Sie versichert: Sie werden voll und ganz auf Ihre Kosten kommen!

Sackpfeifenesel & Co. – Kampfbilder gegen das Papsttum

Seltene Sammlung der derben anti-päpstlichen Propaganda Martin Luthers in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer, Michaela Scheibe und Karla Faust.

Als Antwort auf die anhaltenden Auseinandersetzungen um die Einberufung eines Konzils auf deutschem Boden, wie von den Protestanten gefordert, schrieb Luther 1545 nicht nur den Traktat Wider das Papstum zu Rom, vom Teufel gestiftet, sondern er initiierte auch eine Serie von Einblattdrucken, für die er die Texte schrieb und Lucas Cranach d. Ä. bzw. dessen Werkstatt beauftragte, die Holzschnitte für die Bilder herzustellen.

Holzschnitt Adoratur Papa deus terrenus, Quartdruck mit Nachschnitten des Bilderzyklus, um 1600. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bilder und Texte sind so dem Grobianismus der Zeit verhaftet, dass sogar Luthers Freunde ihn schockiert fragten, ob es so derb sein müsse. Der Reformator äußerte sich kurz vor seinem Tod sehr dezidiert dazu: „Dies ist mein Testament“ und er blieb dabei, dass diese drastischen Bilder auch den Leseunkundigen den „wahren“ Charakter des Papsttums vor Augen führen sollten. So zeigt ein Bild aus der Reihe einige Bauern, die im Begriff sind, sich in die Tiara zu entleeren. Kommentiert wird dies mit den deutlichen Worten Luthers: „Der Bapst hat dem Reich Christi gethon, wie man hie handelt seine Cron“. In einer anderen Darstellung schlagen dem Papst und seiner “flammenden” Sentenz – statt der Demutsbezeugung des zeremoniellen Fußkusses – heftige Flatulenzen entgegen.

Holzschnitt Hic oscula pedibus Papae figuntur, Quartdruck mit Nachschnitten des Bilderzyklus, um 1600. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Zunächst wurden die Bilder mit den zugehörigen Versen als Flugblätter gedruckt und vertrieben. Seit 1545 sind zahlreiche Auflagen erschienen. Bis ins 17. Jahrhundert hinein blieb der Bilderzyklus populär: Die Bilder wurden nachgedruckt, auch nachgeschnitten und umgestaltet. Immer wieder fasste man die Einblattdrucke auch in höchst unterschiedlicher Form in Serien zusammen – als Buch gedruckt, handschriftlich kommentiert oder auch beschnitten und neu zusammengeklebt.

Titelblatt des um 1600 entstandenen Quartdrucks. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Seltener Quartdruck mit Nachschnitten der Bilder um 1600

Um 1600 entstand diese Version des Bilderzyklus gegen das Papstum: Der äußerst seltene Quartdruck mit gegenüber den Originalstöcken leicht verkleinerten Nachschnitten der Bilder. Die Schmuckelemente des Titelblattes sind in den Druckerwerkstätten von Josef Klug und auch von Georg Rhau zwischen 1528 und 1537 nachweisbar. Typen und Papier weisen allerdings auf einen späteren Druck hin.

Joachim Greffs Verse zum Bilderzyklus gegen das Papsttum

Diese Sammlung gibt die Holzschnitte in den auch im Quartdruck um 1600 verwendeten Nachschnitten wieder; die Überschriften und Texte sind dagegen handschriftlich eingefügt. Dazu gehört eine lateinische Übersetzung der Originalverse Luthers und – jeweils auf der Rückseite – eine Glossa magistralis aus etwa fünfzig paargereimten Knittelversen mit ausführlichen Bildinterpretationen. Das Monogramm IGZ, mit dem die Übersetzung gezeichnet ist, verweist auf Joachim Greff aus Zwickau, der vor allem als Autor protestantischer Schuldramen bekannt wurde. Greff studierte seit 1528 in Wittenberg, wirkte anschließend als Lehrer in Halle, Magdeburg und Dessau und von 1548 bis zu seinem Tod im Jahr 1552 als Pfarrer in Roßlau. Die Handschrift ist kein Autograph Greffs, die Textvorlage muss jedoch zwischen 1545 und dem Todesjahr Greffs 1552 entstanden sein.

Die Papstgeburt, Handschrift mit Nachschnitten der Bilder und Texten von Joachim Greff. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Papstgeburt

Die Handschrift mit Joachims Greffs Texten beginnt mit der Darstellung der Geburt des Papstes in der Hölle, geboren von der Mutter des Teufels und aufgezogen von den Furien. Greffs Verse berichten dazu ausführlich über die Zustände in der Hölle.

Der Papstesel

Das Bild des Papstesels (unser Beitragsbild), eines Ungeheuers mit Eselskopf, Frauenleib und Schuppenkörper, stammt ursprünglich aus dem Jahr 1523 und ist vielfach nachgestochen worden. Es wurde zunächst als Flugblatt und als Flugschrift vertrieben, auch als Doppelbild z.B. mit dem Mönchskalb. Beide Bilder waren Darstellungen von Missgeburten, die allegorisch auf das Papsttum bzw. die Geistlichkeit bezogen wurden. Die Texte schrieben Martin Luther und Philipp Melanchthon.

Höllenrachen, ausgeschnittenes und aufgeklebtes Flugblatt. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Höllenrachen

Dieses Bild wurde auch als Titelholzschnitt für Luthers Schrift Wider das Papsttum zu Rom, vom Teuffel gestifft verwendet. Mit seinen vielen Teufelsfiguren und dem Papst, der von den Teufeln gekrönt wird, ist das eigentliche Geschehen schwer zu deuten. Ob es sich um den Abstieg des Papstes in die oder seinen Aufstieg aus der Hölle handelt, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Der Sauritt

Der Papst reitet in vollem Ornat auf einer Sau, die rechte Hand segnend erhoben, in der linken einen dampfenden Kothaufen. Die lateinische Überschrift und die deutsche Unterschrift erklären das Bild: Der Papst lenkt die deutsche Sau mit einem Haufen Kot davon ab, ihn weiterhin unter Druck zu setzen und auf einem Konzil in Deutschland zu bestehen.

Sauritt und Sackpfeifenesel, Flugblatt, 1545. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Sackpfeifenesel

Dieses Kampfbild nimmt ein mittelalterliches Fabelmotiv auf und zeigt einen mit der Tiara gekrönten Esel, der unter einem Baldachin sitzt und Sackpfeife spielt. Dazu der das Bild ironisierende Text: „Der Bapst kan allein auslegen/ Die schrifft: vnd jrtum ausfegen/ Wie der Esel allein pfeiffen/ kan: vnd die noten recht greiffen“.

Papst und Kardinäle am Galgen, Flugblatt, 1545. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Lästerzungen der Katholiken

Der Papst und drei hochrangige Theologen (Albrecht von Brandenburg, Otto Truchsess von Waldenburg, Johannes Cochlaeus) hängen am Galgen. Ihre »Lesterzungen« sind am Querbalken festgenagelt und ihre entweichenden Seelen werden von Teufeln eingefangen. Das in der Ausstellung gezeigte Flugblatt gehört zur ersten Auflage (1545) mit der Überschrift in großen Versalien.

Die Flugdrucke der ersten Stunde ebenso wie die höchst unterschiedlichen späteren Zusammenstellungen des Bilderzyklus gegen das Papsttum sind mit gleich vier Objekten in der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda vertreten. Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses „Testament“ Martin Luthers und seine derben Details selbst in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

 

Erziehungsprogramm für Familie Luther – eine Idee des Reformationsjubiläums 1817

Friedrich Schleiermachers eigenhändiger Fundraising-Aufruf in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Autograph Friedrich Schleiermachers, Druckmanuskript, 1818. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer.

Porträts von Vertretern der Familie Luther, Kupferstich von Friedrich Roßmäßler, um 1810. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bei der Planung der Reformationsfeierlichkeiten des Jahres 1817 war deutlich geworden, dass die männlichen Nachfahren der Familie Martin Luthers – die Nachkommen seiner Brüder, da die direkte Linie ausgestorben war – in höchst einfachen Verhältnissen lebten.

Rudolf Zacharias Becker, Porträt von Friedrich Wilhelm Bollinger, um 1820. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Aufklärer, Philanthrop und Verleger des Allgemeinen Anzeigers der Deutschen Rudolf Zacharias Becker entschloss sich spontan, eine Stiftung für diese männlichen Nachfahren zu gründen: die „Lutherische Jubelstiftung“. Durch diese Stiftung konnten die beiden Söhne des Viehhirten Nikolaus Luther aus Möhra, dem Herkunftsort der Familie, Johann Georg und Johann Ernst Luther von dem Pädagogen Friedrich Fröbel in seine gerade gegründete Erziehungsanstalt in Keilhau aufgenommen werden. Und das mit Erfolg: Georg Luther absolvierte anschließend ein Theologiestudium und Ernst Luther lernte das Maurerhandwerk. Eine gründliche Suche förderte zahlreiche weitere Nachfahren Luthers zu tage. Ähnliche Stiftungen wurden initiiert, die dann auch die Nachkommen in weiblicher Linie berücksichtigten.

Der große Berliner Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher griff Beckers Idee auf und entwickelte in den Kieler Blättern für 1819 den Plan einer deutschlandweiten Stiftung für die Nachfahren Luthers, die in jeder deutschen Provinz eine Niederlassung haben sollte. Offenkundig war Schleiermacher zunächst von Becker um Unterstützung gebeten worden, hatte dessen Initiative aber als zu klein gedacht empfunden.

Bereits im November 1818 erläuterte Schleiermacher in einem Brief an den Grafen Dohna ausführlich die Idee eines großangelegten Unternehmens, um „die ganze Familie von Luthers Brüdern aus dem niederen Tagelöhnerstande, in dem sie größtentheils existiren, in den mittleren Bürgerstand durch eine zweckmäßige Erziehung und Fürsorge zu erheben, indem von diesem Stande aus es jedem Individuum leicht wird, wenn es besonders begabt ist, eine öffentliche Laufbahn einzuschlagen und sich eine geschichtliche Bedeutung zu verschaffen.“ Schleiermacher rechnete von den acht zu diesem Zeitpunkt bekannten Nachfahren hoch und bezog deren potentielle Kinder gleich für kommende Stipendien mit ein. Ausgehend von 3.000 Talern jährlich, fragt er bei Dohna an, ob dieser sich in der Lage fühle, den Part des „Fundraisers“ für Preußen zu übernehmen, damit diese Summe „durch Subscription“ aufgebracht werden könne.

Dieses Ansinnen richtete Schleiermacher bereits zuvor an die Oberpräsidenten von Westpreußen und Schlesien, Theodor von Schön und Friedrich Theodor Merckel, sowie an den Breslauer Theologieprofessor Joachim Christian Gaß, mit dem er gut befreundet war, und an weitere Freunde aus dem holsteinischen Raum. Gaß machte er deutlich, dass es vor allem „der Adel und die Kaufmannschaft“ seien, die in finanzieller Hinsicht „natürlich am meisten thun“ müssten.

Schleiermacher plante eine differenzierte Verwaltung für die eingehenden Gelder, denn von den Subskribenten sollten in jeder Region Verwalter des Geldes gewählt werden, sowie ein „Erziehungsrath“, der zunächst die erste Generation betreuen und anschließend diese bei der Erziehung ihrer Kinder unterstützen sollte.

Unterschrift Schleiermachers, Druckmanuskript, 1818. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Dem gesellschaftlichen Wiederaufstieg der Familie Luther schien nun nichts mehr im Wege zu stehen. Doch Schleiermachers Konzept war wohl zu groß geraten: Der Aufruf in den Kieler Blättern hatte offenkundig keinen großen Erfolg. Schleiermachers ehrgeiziger Plan wurde nie umgesetzt.

Die Stiftung von Rudolf Zacharias Becker degegen wurde nach dessen Tode von seinem Sohn weitergeführt und bestand bis zur Inflation im Jahre 1925. In diesem Jahr fanden sich die Nachkommen der Familie Luther dann selbst zu einem noch heute existierenden Familienverband zusammen.

Das Autograph Friedrich Schleiermachers ist das Druckmanuskript für seinen Aufruf in den Kieler Blättern. Es stammt aus dem Nachlass seines Nachfolgers an der Berliner Universität, des Theologen August Twesten. In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur historischen Rezeption der Reformation – bis hin zu den aktuellen Mosaik-Heften – selbst in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Luther im Kreise seiner Familie (im Hintergrund Melanchthon) von Gustav Spangenberg, Photogravure 1894. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA