Fokus Kirchenbibliotheken: St. Marien in Barth

Die evangelische St. Marienkirche in Barth (Mecklenburg-Vorpommern) beherbergt eine der ältesten Kirchenbibliotheken Deutschlands, bereits im Jahr 1398 wurde eine Büchersammlung in St. Marien im Testament eines Geistlichen erstmals erwähnt. Auch wenn die dort genannten Handschriften heute nicht mehr vorhanden sind, blieb in der malerischen Stadt am Bodden über die Jahrhunderte hinweg einer der bedeutendsten historischen Buchbestände Mecklenburg-Vorpommerns erhalten, und zwar – besonders bemerkenswert – an seinem ursprünglichen Ort.

Gäste der Präsentation am 27. Februar 2016. Foto: Falk Eisermann

Gäste der Präsentation am 27. Februar 2016. Foto: Falk Eisermann

Nach der baulichen Instandsetzung des historischen Bibliotheksraums und einer konservatorischen Grundsicherung des etwa 4000 Bände umfassenden Gesamtbestands feierte die Bibliothek im Jahr 2013 ihre Wiedereröffnung im Rahmen des 1. Barther Bibliotheksgesprächs, dessen Tagungsakten im aktuellen Jahrbuch Kirchliches Buch- und Bibliothekswesen erschienen sind und auch als Separatum bezogen werden können. Der Förderverein Kirchenbibliothek St. Marien Barth e.V., den der Verfasser dieser Zeilen als Mitglied des fachlichen Beirats ehrenamtlich unterstützt, erhielt 2014 als einzige deutsche Einrichtung den renommierten EU-Preis für kulturelles Erbe/Europa Nostra Award. Alle praktischen und viele aktuelle und weiterführende Informationen, dazu schöne Fotogalerien, finden sich auf der Website des Vereins.

St. Marien besitzt neben einigen mittelalterlichen Handschriften und tausenden von Drucken des 16. bis 19. Jahrhunderts zahlreiche Inkunabeln und Inkunabelfragmente. Die GW-Datenbank verzeichnet 152 Einträge zum Standort „Barth K“ – zum Vergleich: Das sind in etwa so viele Wiegendrucke wie in der ungleich berühmteren Predigerbibliothek der Nikolaikirche Isny und dreimal mehr als in allen Sammlungen der Landeshauptstadt Schwerin zusammengenommen.

Restaurierte Inkunabel. Foto: Falk Eisermann

Restaurierte Inkunabel. Foto: Falk Eisermann

Die Barther Inkunabeln zeichnen sich durch eine Reihe von Besonderheiten aus, und an ihrer Erschließung und Präsentation wurde und wird in mehrfacher Hinsicht gearbeitet. Ein zentraler Teil der Sammlung, die auf den Barther Reformator Johannes Block zurückgehende sogenannte Block-Bibliothek, ist seit geraumer Zeit in der Digitalen Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern zugänglich. Der GW weist aus dieser Provenienz derzeit Digitalisate von 29 Wiegendrucken nach – das klingt angesichts von weltweit mehr als 15.000 digitalisierten Inkunabel-Ausgaben bescheiden, aber jede Digitalisierung fördert natürlich die Visibilität einer Sammlung, und gelegentlich kommt dabei auch Überraschendes zum Vorschein: So wurde der GW erst bei der Auswertung der Barther Digis auf ein bis dahin übersehenes Exemplar einer Baseler Ausgabe der Predigten des Bernardinus von Siena in der Kirchenbibliothek aufmerksam (GW 3887). Gerade kleinere Bibliotheken und nichtstaatliche Einrichtungen verfügen noch kaum über digitale Infrastrukturen, und so ist Barth eine seltene Ausnahme und auch in dieser Hinsicht „Spitze“; für die Johannes a Lasco-Bibliothek Emden etwa verzeichnen wir 18 Inkunabel-Digitalisate, die meisten kleinen Kirchenbibliotheken haben gar keine Möglichkeit einer Online-Präsentation, obwohl gerade dort oftmals seltene oder unikale Wiegendrucke der Erschließung harren.

Auch Barth hat einiges an Rarissima zu bieten. Eine hier vorhandene Ausgabe von Andreas de Escobars „Modus confitendi“ aus Deventer, die sich durch den drolligen Druckfehler „1415“ statt „1495“ im Impressum auszeichnet, ist insgesamt in nur sechs Exemplaren erhalten (GW 1841), von einem anderen Druck aus Deventer, der humanistische Marienhymnen enthält, ist das Barther Exemplar das einzige in Deutschland vorhandene (GW M39242). Guido de Columnas Trojageschichte in niederdeutscher Sprache, Magdeburg: Moritz Brandis [um 1495], ist in nur zwei vollständigen Exemplaren erhalten: eins in Barth, das andere – jetzt online – in Berlin (GW 7241).

Handschriften- und Druckfragmente vor der Restaurierung. Foto: Falk Eisermann

Handschriften- und Druckfragmente vor der Restaurierung. Foto: Falk Eisermann

Zu erwähnen sind auch die noch nicht systematisch gesichteten Inkunabelfragmente; bemerkenswert etwa ein acht Blatt umfassender, unaufgeschnittener Druckbogen einer Studienausgabe des „Laborintus“ von Ebrardus Alemannus, Leipzig: Wolfgang Stöckel, 1497 (GW 0920910N, nur ein weiteres, vollständiges Exemplar bekannt).

Und dann ist da noch das große Rätsel: das weltweit einzige Pergamentfragment einer sonst verlorenen Ausgabe der immens verbreiteten Schulgrammatik des Aelius Donatus (GW 8971). Die beiden im Einband eines Inkunabel-Sammelbands eingeklebten Blätter, Bl. 9 und 12 dieser ehemals 14 Blatt umfassenden Ausgabe, sind nicht nur ein Unikum, sondern auch der letzte erhaltene Rest eines sehr frühen Drucks aus einer unbekannten Offizin, deren Typenmaterial eng mit den Typen der Gutenberg-Werkstatt verwandt zu sein scheint. Trotz eingehender Analysen durch die Experten des GW und Konsultation der besten Gutenberg-Kenner Paul Needham und Eric White (beide Princeton) hat sich die druckgeschichtliche Herkunft dieses Fragments bisher (noch) nicht aufklären lassen.

Fragment einer unidentifizierten Donat-Inkunabel. Foto: Falk Eisermann

Fragment einer unidentifizierten Donat-Inkunabel. Foto: Falk Eisermann

Der erwähnte „Laborintus“ konnte mit dem gesamten Inkunabelbestand im vergangenen Jahr im Rahmen einer Modellprojekt-Förderung durch die an der SBB angesiedelte Koordinierungsstelle zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) einer gründlichen Sicherungs- und Schutzmaßnahme unterzogen werden. Bei einer gut besuchten Präsentation am 27. Februar wurden die Ergebnisse der umfassenden Restaurierung, die von der Berliner Restauratorin Cornelia Hanke ausgeführt wurde, in Barth öffentlich vorgestellt. Die Projektdokumentation „Vergessene Kostbarkeiten“ ist auf der Vereinswebsite einsehbar.

Angekündigt wurde auf der Präsentation zudem ein von Robert Zepf (UB Rostock) und Dr. Joachim Stüben (Nordkirchenbibliothek Hamburg) geleitetes Erschließungsprojekt zu allen historischen Kirchenbibliotheken in Mecklenburg-Vorpommern – nach ersten Schätzungen dürften das über 40 Sammlungen sein, darunter einige noch gänzlich unerforschte. Das Projekt soll demnächst beginnen und wird von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung (Essen), die sich seit Jahren höchst engagiert für den Erhalt und die Förderung der Kirchenbibliotheken einsetzt, gemeinsam mit der Nordkirche und der Universität Rostock getragen. Auf die Ergebnisse dieses Projekts darf man überaus gespannt sein.

Auf der Website des Barther Fördervereins ist nun ein provisorisches „Verzeichnis der Wiegendrucke der Kirchenbibliothek St. Marien in Barth“ verfügbar, das von mir auf der Grundlage eines älteren Typoskripts erstellt wurde. Das Verzeichnis ist „work in progress“ und wird in unregelmäßigen Abständen aktualisiert. Bei der Beschäftigung mit dem Bestand wird man vor allem auf eines aufmerksam: Viele Barther Inkunabeln befinden sich nach wie vor in historischen Sammelbänden, in genau den Einbänden, mit denen sie von Block und anderen Vorbesitzern des 15. und 16. Jahrhunderts ausgestattet wurden. Unser Berliner Kollege Jürgen Geiß hat den Einbänden der Block-Bibliothek mehrere Beiträge in der Zeitschrift „Einbandforschung“ gewidmet. Es macht die besondere Qualität dieses am Ursprungsort erhaltenen Buchbestands aus, dass die meisten Texte wie in einer „Zeitkapsel“ in den von ihren Erstbesitzern intendierten Kontexten erhalten sind, anders als in vielen großen Bibliotheken, in denen Sammelbände vor allem im 19. Jahrhundert aus Gründen der systematischen Aufstellung auseinandergebrochen wurden. Ein Beitrag zu einem der Inkunabel-Sammelbände wird in den Akten des 2. Barther Bibliotheksgesprächs, das am 1. Mai 2015 stattgefunden hat, erscheinen.

Es tut sich also etwas in „McPomm“. Historische Bestände wie die von St. Marien sind  lohnende Studienobjekte – zum Beispiel für Buch- und Bibliothekshistoriker, für die Landesgeschichte, die historische Musikforschung und Aufführungspraxis, und mit Blick auf 2017 natürlich für reformationsgeschichtliche Fragestellungen. Dennoch ein warnender Hinweis zum Schluss: Forschungsaufenthalte in der Bibliothek, die dank der kompetenten Vor-Ort-Betreuung inzwischen durchaus möglich sind, sollten für günstige Jahreszeiten geplant werden. Im Februar jedenfalls kann es (trotz Klimatisierung des Bibliotheksraums) am Barther Bodden ziemlich kalt sein …

Blick zum Barther Bodden. Foto: Falk Eisermann

Blick auf den Hafen und den überfrierenden Barther Bodden. Foto: Falk Eisermann

1 Antwort
  1. Arkadi Junold says:

    Nach dem, was ich in Barth in dem letzten Jahr gesehen habe, kann ich Herrn Eisermann nur recht geben – die Bibliothek ist nicht nur architektonisch sondern auch aufgrund ihrer Inkunablen sehenswert und eine wirkliche Fundgrube.

    Antworten

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.