BeWeB-3D – Bewegungsbücher und dynamische Buchobjekte digital

An die von der Staatsbibliothek zu Berlin gemeinsam mit Angehörigen von Freier Universität, Humboldt-Universität und Universität Potsdam organisierte Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit ist ausdrücklich die Erwartung gerichtet, sie möge als Inkubator für kooperative, die Grenzen von Disziplinen und Sparten überschreitende Forschungsvorhaben dienen.

Pünktlich zum Start der dritten Runde unseres beliebten Dialogs mit der Forschung hat sich diese Hoffnung tatsächlich auch erfüllt. Denn der von der Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin präsentierte Vortrag zu Materialität und Geschichte der Spiel- und Verwandlungsbilderbücher seit dem 17. Jahrhundert gab den Anstoß zu einer spartenübergreifenden Drittmittelinitiative der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Ziel dieses beim Bundesministerium für Bildung und Forschung im Kontext der Ausschreibung Digitalisierung von Objekten des kulturellen Erbes: eHeritage beantragten Projekts ist es, ein generisches Konzept zur dreidimensionalen Digitalisierung dynamischer Buchobjekte zu erstellen – ein Vorhaben, das zu unserer großen Freude nun ab Februar 2017 gefördert werden wird. Perspektivisch soll besagtes Konzept das Fundament dafür legen, zunächst die international herausragende Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin an historischen Spielbilderbüchern und später auch die Vielfalt der in den Museen, Bibliotheken und Archiven der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verwahrten dynamischen Buchobjekte und klappbaren Bildträger aus allen Kulturkreisen im Rahmen von Folgeprojekten zu digitalisieren – darunter z.B. Thorarollen, Rotuli, künstlerische Objektbücher und Volvellen.

Für die initiale Konzeptentwicklung ist das Feld der weltweit nur in wenigen Gedächtnisinstitutionen systematisch gesammelten Spielbilderbücher des 17. bis 19. Jahrhunderts ideal geeignet, decken doch die mehr als 300 in der Berliner Staatsbibliothek verfügbaren Titel das gesamte typologische Spektrum an Bewegungsbüchern ab, das in zahlreichen granularen Binnenstufungen zwischen den beiden Polen des am Ende der Aufklappbewegung statischen Objekts einerseits (z.B. Pop-Up-Buch) sowie des sich sowohl im Verlauf seiner Ausfaltung dynamisch verändernden als auch danach noch mobilen Objekts (bspw. Papiertheater) andererseits aufgespannt ist. Während die zuerst genannten Buchobjekte im ausgefalteten Zustand keine Interaktion mehr zulassen, ist die zuletzt angesprochene Gattung durch das Vorhandensein flexibler, zur Bewegung einladender Elemente charakterisiert, die eine mechanisch-performative Gestaltung der dargestellten Szenerie nicht nur ermöglichen, sondern eigentlich sogar dazu auffordern.

Zunächst soll anhand einer die verschiedenen Typen von Bewegungsbüchern repräsentierenden Auswahl von 25 historischen Spielbilderbüchern die prinzipielle Machbarkeit einer digitalen 3D-Replikation von dynamischen Buchobjekten erprobt werden, stellt doch die Rekonstruktion der temporalen und performativen Dimensionen der Objektgattung Bewegungsbuch erhebliche Anforderungen an die jeweils zu wählende Technologie. Zudem muss für alle Digitalisierungsaktivitäten als leitende Priorität gelten, die Spezifik der einzelnen Werke und namentlich der stärker interaktiven Spielbilderbücher zu erhalten, zumal gerade die performative Dimension dieser Objektgattung im Zuge des material turn in den Forschungsfokus gleich mehrerer Disziplinen gerückt ist. Angesichts der materialen Diversität der in den Blick genommenen Werke werden insofern nicht nur Verfahren der fotografischen bzw. Video-Erfassung anzuwenden sein, sondern zwingend auch Physik-, Game- und andere zur Replikation performativer Buchobjekte geeignete 3D-Engines, wie sie etwa im Rahmen der Computerspieleentwicklung zum Einsatz kommen.

Bei diesem herausfordernden Vorhaben steht uns als technischer Projektpartner das am Vorderasiatischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin angesiedelte Zentrum für Digitale Kulturgüter in Museen (ZEDIKUM) zur Seite, das gegenwärtig zu einer Core Facility ausgebaut wird – mit dem Auftrag, alle Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sowohl mit Beratungsangeboten als auch mit hardware- wie softwareseitigen Infrastrukturservices bei der digitalen Replikation ihrer Objektbestände zu unterstützen. Zwar verfügt ZEDIKUM über ebenso umfängliche wie praxiserprobte Expertise in der Anwendung der verschiedenen dreidimensionalen Digitalisierungsverfahren – von fotogrammetrischen Methoden bis hin zu aufwändigen Objektmodellierungen unter Einsatz von 3D-Engines. In Bezug auf unser gemeinsames Projektvorhaben in seiner hier nur angedeuteten Komplexität erscheint es aber dennoch so, als sei nicht nur der Gegenstand des eingangs erwähnten Materialitätsvortrags mit geradezu prophetischer Weitsicht gewählt, sondern auch sein Titel: „kein Kinderspiel“.

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P.S. Die passende Stellenausschreibung zu diesem Text finden Sie hier.

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