Gott Vater, Jesus Christus und Martin Luther – die neue Dreifaltigkeit

Ein handkoloriertes propagandistisches Flugblatt aus dem Kampf gegen das Interim in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer.

Die drei Köpfe des Ungeheuers

Der detailreiche Holzschnitt zeigt den auferstandenen Christus in Siegespose, der das Böse ‑ dargestellt als dreiköpfiger Drache ‑ bezwingt. Hinter ihm das himmlische Jerusalem auf der einen und Golgatha mit dem Kreuzigungsort auf der anderen Seite. Aus einer Wolke am oberen linken Rand spricht Gott Vater: „Dis ist mein lieber Son an welchem ich wolgefallen hab Den Sollt Ihr Hören“ (Matthaeus 17,5).

Ein Andachtsbild? Die Größe des Blattes und die reiche Ausstattung scheinen dafür zu sprechen. Aber genau das ist es nicht! Es ist ein Propagandaflugblatt reinsten Wassers. Selten sind Flugblätter so prachtvoll gestaltet. Aber auch dieses Blatt diente, wie alle Flugblätter, der schnellen Verbreitung aktueller Nachrichten und Meinungen. Es wurde von fliegenden Händlern verkauft, im Wirtshaus oder auf dem Marktplatz angeschlagen, angesehen, vorgelesen und diskutiert.

Beim näheren Hinsehen kann man zwei der drei Köpfe des besiegten Drachen gut zuordnen: dem Papstkopf mit Tiara entströmt ein Sprechstrom mit allen Ausgeburten der Hölle, daneben steht der turbangeschmückte Türkenkopf – beides Erzfeinde des Protestantismus. Der dritte Kopf aber hat ein Engelsgesicht und dazu eine Textwolke, die mit Referenz auf 2. Korinther 11-15 sagt „der Teufel kumpt in einer gstalt eins engels“. Im Zusammenhang mit dem Eingangstext – „Gehorch der himmelischen Stim und frag nicht nach dem Interim“ – wird damit deutlich, dass wir es mit einer Anspielung auf das Augsburger Interim von 1548 zu tun haben, das hier als Engelskopf dargestellt wird. Der Drache ist ein Interimsdrache, und wir sind mitten in der ersten heftigen Kontroverse zwischen den Wittenberger Protestanten nach dem Tode Luthers.

Kaiser Karl V. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Karl V. erlässt ein Reichsgesetz – das “Augsburger Interim”

Nach dem Sieg über den Schmalkaldischen Bund 1547 hatte sich Karl V. zwar einer Schändung des Luthergrabs in Wittenberg enthalten. Er hatte aber ein Jahr später den Versuch unternommen mit Hilfe eines Reichsgesetzes, des sogenannten Augsburger Interims, die kirchlichen Konflikte bis zur – erhofften – Wiedereingliederung der Protestanten unter das Dach der katholischen Kirche im Rahmen eines allgemeinen Konzils zu regeln. Die 26 Artikel des Interims behandelten die Auslegung der christlichen Lehre. Zum Teil flossen darin die früheren Kompromisse der diversen Religionsgespräche ein. Die kirchenrechtlichen, theologischen und politischen Zusammenhänge sind hoch komplex.

Worauf es schließlich hinauslief, war vor allem die weitgehende Wiederherstellung der Kultordnung der katholischen Kirche verbunden mit einem vom Papst in Aussicht gestellten Dispens, der den Laienkelch und die Priesterehe bei den Protestanten ermöglichte. Von einigen Protestanten um Philipp Melanchthon (Philippisten) wurde das Interim akzeptiert. Sie ließen sich achselzuckend auf diese „Adiaphora“, diese Nebensächlichkeiten wie Hochaltäre, Messgewänder und Stundengebete ohne Glaubensrelevanz, ein. Von anderen aber, den Genesiolutheranern, die sich dem Erbe Martin Luthers in allen Teilen stark verpflichtet fühlten, wurde der im Interim geschlossene Kompromiss wüst bekämpft. Die Durchsetzung des Interims gelang nicht. Die wenigsten Katholiken und Protestanten konnten sich mit dem Reichsgesetz anfreunden, ja, sprachen dem Kaiser die Kompetenz ab, Glaubensfragen zu regeln. Schlimmer noch: das Gesetz trieb einen ersten Keil zwischen die protestantischen Theologen.

Matthias Flacius Illyricus. Von Tobias Stimmer 1590. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Protest gegen das Interim

Dort wo das Interim politisch durchgesetzt werden sollte, flohen die Pfarrer: nach England wie Martin Bucer, aber vor allem nach Magdeburg, das zur publizistischen Hochburg, zur „Herrgotts Kanzlei“ der Interimsgegner wurde. Zu diesen zählte auch der Autor des hier vorgestellten Blattes Erasmus Alber (1500-1553), ein Schüler Luthers, Theologe, Kirchenlieddichter und Satiriker, der sich mit Nikolaus von Amsdorf (1483-1565) und Matthias Flacius Illyricus (1520-1575) in der Zeit zwischen 1548-1551/2 ganz dem Kampf gegen das Interim und die abtrünnigen protestantischen Theologen widmete.

So auch in diesem Flugblatt: Den Einsetzungsworten Gottes im oberen Bildteil, die das lutherische „Solo Christo“ – „Allein durch Christus“ darstellen, folgen jetzt die Einsetzungsworte von Jesus Christus für seinen Nachfolger auf Erden: Martin Luther: „ … große Lieb hat mich bezwungen, zu senden einen Mann auf Erden, durch den die Welt bekehrt soll werden. Martin Luther ist der Mann, der hat gesungen wie ein Schwan ein süss‘ Gesang im Sachsen Land, dadurch wart ich der Welt bekannt. …“ In Analogie kann man hier ein „Allein durch Martin Luther“ weiterdenken. Die folgenden Worte machen dies deutlich, wenn sie argumentieren, dass nach dem Widerchrist (dem Papst) auch das „Interim“ als Anfechtung für den aufrechten Christen gesehen werden muss. Der Autor, seine Aufenthaltsdauer in Magdeburg und der Text geben die Möglichkeit, das Blatt als einen in Magdeburg 1548/51 entstandenen Druck zu identifizieren.

Matthias Flacius Illyricus: Ein gesicht Phil. zu Regensburg anno 1541 Gesehen, Welches bedeutet die folgende Malerey und vergleichunge Christi und Beliall, sonderlich das jtzige Samaritisch Interim, dadurch ein Samaritische Confusion der waren und falschen Religion angericht wirt. (Folgt eine Abbildung, Hyena genannt.). Wittenberg (eigentlich Jena): nach 1548. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Darstellung des Interims als Drachen oder Monster ist auf etlichen Flugblättern präsent, so als Hyäne (Hyena) auf einem früheren Flugblatt, das wohl in Jena entstand und Matthias Flacius Illyricus zugeschrieben wird, sowie auf einem weiteren aus seiner Feder stammenden Flugblatt aus Magdeburg. Darüber hinaus gibt es in Magdeburger Drucken etliche Titelillustrationen, ja sogar Münzen und Leuchter, die den Interimsdrachen als Gefahr für die reine lutherische Lehre zeigen.

Matthias Flacius Illyricus: Der unschüldigen Adiaphoristen Chorrock, darüber sich die unruhige und Störrische Stoici mit jhnen zancken. Magdeburg: Pankratz Kempff 1550. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie dieses eindrucksvolle Propagandaflugblatt zusammen mit vielen anderen spektakulären Zeugnissen der konfessionellen und politischen Auseinandersetzungen vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen.

Erasmus Alber: Also spricht Gott/ Dis ist mein lieber Son … (Magdeburg nach 1548). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

„… im Herzen unsere täglichen Mörder und blutdürstigen Feinde“ – Martin Luther und die Juden

Martin Luthers antijüdisches Pamphlet “Von den Juden und ihren Lügen” in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Andreas Wittenberg.

St. Andreas-Kirche in Eisleben um 1800. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die letzte Reise in seinem Leben führte Martin Luther nach Eisleben. Der wichtigste Grund für diese beschwerliche Fahrt des von Alter und Krankheit bereits schwer gezeichneten Reformators bestand in der Schlichtung von Erbschaftsfragen der untereinander zerstrittenen Mansfelder Grafen. Doch Luther wollte den Besuch in seiner Geburtsstadt auch noch anders nutzen. In einem Brief an seine Frau vom 1. Februar 1546 ist zu lesen, er müsse sich, sobald der Streit der Grafen beigelegt sei, „daran legen, die Juden [aus der Grafschaft Mansfeld] zu vertreiben.“ Es verwundert also nicht, dass Luther in seinen letzten Predigten, die er in der St. Andreas-Kirche zu Eisleben hielt, auch die Besonderheiten des christlichen Glaubens im Unterschied zu den Religionen von „Juden und Türken“ thematisierte.

Luthers Einstellung zum Judentum war im Verlauf seines Lebens nicht stringent und veränderte sich innerhalb von zwei Jahrzehnten grundlegend. Vertrat er noch 1523 die bedingungslose Duldung von Juden inmitten einer christlichen Umwelt, so forderte er zwanzig Jahre später deren Vertreibung aus den christlichen Ländern Europas. Seine Polemik gipfelte in den judenfeindlichen Schriften, die ab 1543 erschienen.

Victor von Karben: Juden Büchlein (Ausgabe 1550). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Während seiner gesamten theologischen Wirkungszeit kam Luther durch das Studium exegetischer Kommentare, die Ausarbeitung von Predigten, das Schreiben von Briefen und vor allem durch seine thematischen Schriften und die Übersetzung des Alten Testaments mit dem Judentum in Berührung. Persönliche Kontakte mit Vertretern dieses Glaubens hatte er allerdings nur wenige. Umso gegenwärtiger waren in dieser Zeit die stereotypen Anschuldigungen, mit denen die Juden konfrontiert wurden und die durch den Buchdruck schnelle und weite Verbreitung fanden. So erschien bereits 1508 in Köln das Juden Büchlein des Victor von Karben, eines zum katholischen Glauben konvertierten Juden und späteren Priesters, der die jüdischen Lebensumstände und Bräuche in Hinblick auf eine „Bekehrung“ beschrieb.

1530 veröffentlichte Antonius Margaritha, ebenfalls ein zum Christentum konvertierter Jude, das Buch Der gantz Jüdisch Glaub. Darin wurden die Zeremonien und Bräuche des Judentums angegriffen. Der Autor schrieb von Wucher und Faulheit und schmähte das jüdische messianische Verständnis.

Antonius Margaritha: Der gantz Jüdisch Glaub (Ausgabe Frankfurt/M., 1544). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Neben Anklagen wegen Hostienschändung, Brunnenvergiftung und Ritualmordes war vor allem die schon alte und weitverbreitete Meinung, die Verfolgung der Juden wäre die Strafe Gottes für die Kreuzigung Christi, im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation bereits seit dem 12./13. Jahrhundert Grundlage für die sogenannte Kammerknechtschaft. Diese gewährte den Juden zwar einerseits einen gewissen Schutz, verlangte aber andererseits dafür die Zahlung von Geld. Im Zuge der Entstehung früher Territorialstaaten wurde dieses Recht an die Landesherren weitergegeben und für diese zu einer nicht unbedeutenden Einnahmequelle. Sozial und ökonomisch waren die Juden auch deshalb isoliert, weil ihnen in den Städten der Zugang zu den christlich geprägten Handwerkszünften bzw. auf dem Lande in der Regel der Erwerb von Grundbesitz verwehrt wurde. Oft blieb als einzig mögliche  Erwerbsquelle nur der Waren- und Geldhandel, zumal für einen Christen noch lange Zeit jede über den geliehenen Betrag hinausgehende Zinsforderung als Sünde galt. Doch gerade diese Tätigkeit brachte wiederum Anfeindungen hervor.

In den Vorlesungen der Jahre 1513/1516 übernahm Luther noch einen Teil der bekannten Vorwürfe. Doch diese Sicht änderte sich und in seiner Schrift aus dem Jahr 1523 Das Jhesus Christus eyn geborner Jude sey bezeichnete er Päpste, Bischöfe, Mönche und Sophisten als grobe Eselsköpfe und Tölpel und gab ihnen die Schuld daran, dass sich die Juden so ablehnend gegenüber dem Christentum verhielten. Die Einstellung des jungen Luther, die ihm von seinen Zeitgenossen den Vorwurf eines zu nachsichtigen Umgangs mit dem Judentum einbrachte, war aber auch zu dieser Zeit nicht frei von Vorurteilen und Widersprüchen.

Luth. 795<bis>: Luth. 3303<ter>, 50 MA 7728 R

Martin Luther: Ein Sermon von dem Wucher (Ausgabe Leipzig 1520), Das Jhesus Christus eyn geborner Jude sey. (Ausgabe Wittenberg 1523), Von den Juden und ihre Lügen (2. Ausgabe Wittenberg 1543). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Einige Jahre später begann sich Luthers Einstellung erneut zu ändern. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass sich seine Hoffnungen, mit der Schrift von 1523 den Juden den durch die Reformation neu gefundenen Christusglauben näher bringen zu können, nicht erfüllt hatten. Luther zog aus dieser „Verweigerung“ den Schluss, die Juden würden auch weiterhin unter dem Zorn Gottes stehen. In den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts scheinen auch einige persönliche Erfahrungen mit jüdischen Zeitgenossen das negative Bild Luthers weiter verfestigt zu haben. So hatte die jüngste Schwester Hartmut von Cronbergs, einem Anhänger der Reformation, heimlich einen Juden geheiratet, der bereits Frau und Kinder hatte. Während eines zeitweiligen Aufenthalts in Wittenberg stand Luther, der die Hintergründe noch nicht kannte, für ein neugeborenes Kind Pate. Nachdem die Familie die Stadt wieder verlassen hatte, wurde der Mann von Verwandten der Frau erstochen. Luther, inzwischen besser informiert, nahm an dieser Selbstjustiz – wie aus Briefen hervorgeht – offenbar keinen Anstoß. Auch in der Überlieferung der lutherischen Tischreden häufen sich nun judenfeindliche Äußerungen. Verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle, u. a. eigene Erfahrungen aus den direkten Begegnungen, ihm mündlich zugetragene Nachrichten sowie persönliche Enttäuschungen und Ängste vor Anschlägen auf sein Leben. Möglicherweise auch der Umstand, dass die Zahl der Juden im mitteldeutschen Raum zu dieser Zeit angestiegen war, weil sie aus anderen europäischen Ländern vertrieben wurden. Ein Vorgehen, das auch Ersamus von Rotterdam, einer der führenden Humanisten der damaligen Zeit, ausdrücklich befürwortete.

Zeitgenössischer Sammelband mit antijüdischen Drucken, Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das in der Lutherausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin gezeigte Exemplar der Schrift Von den Juden und ihren Lügen ist Teil eines offenbar gezielt zum Thema Judentum zusammengestellten zeitgenössischen Sammelbandes, der neben Luthers antijüdischer Schrift Vom Schem Hamphoras auch Margarithas Der gantz Jüdisch Glaub enthält.

Theologisch ordnete Luther das Judentum als Gesetzesreligion ein, sah es schon deshalb mit kritischem Blick, weil es seinem Grundsatz der Rechtfertigung des Menschen allein durch die Gnade Gottes nicht entsprach. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner späten Judenschriften lag eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Alten Testament hinter ihm, jedes Wort hatte er nicht nur im hebräischen Originaltext gelesen, sondern es auch in die deutsche Sprache übertragen. Es ging ihm dabei stets auch um die alttestamentliche Verheißung vom Erscheinen des Messias, die bereits Abraham erhalten hatte und die durch die Propheten gegenüber dem Volke Israel erneuert worden war – der aber bei seinem Erscheinen dann von diesem nicht erkannt wurde. Auch aus dieser Sichtweise erwuchs, in Verbindung mit einer zunehmenden eschatologischen Weltsicht, die Schärfe der antijüdischen Polemik des „späten“ Luther. Hatte er 1523 noch ausdrücklich zurückgewiesen, dass die Juden christliche Kinder töten würden, nahm er diese – und andere Anschuldigungen – 1543 auf. Er stellte die Kammerknechtschaft nicht nur in Frage, sondern forderte die Herrschenden direkt dazu auf kein Geld mehr anzunehmen, da dieses vorher ihren christlichen Untertanen abgepresst worden sei. Der umfangreiche Katalog an „Maßnahmen“, die er der Obrigkeit für den „Kampf gegen die Juden“ empfahl, reichte vom Verbrennen der Synagogen über die Zerstörung der Wohnhäuser und den Einzug des Eigentums sowie der Beschlagnahme der jüdischen Bücher bis hin zur Forderung nach einer generellen Vertreibung aus Deutschland.

Die Haltung Luthers zu den Juden – die heute so unverständlich wie erschreckend wirkt – war zu Lebzeiten des Reformators nicht ungewöhnlich, seine Umgebung teilte weitgehend diese Meinung. Er war der wohl einflussreichste Autor zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum des 16. Jahrhunderts. Die Wahl seiner Sprache, die auch eine direkte Dämonisierung einschloss, war jedoch nicht beispiellos und begegnet so extrem auch bei anderen Themen. Ähnlich scharf griff er andere Gegner an, sei es die Papstkirche, einzelne Personen oder die Türken und Schwärmer.  Doch in der Auseinandersetzung mit den Juden gab es noch einen anderen Aspekt. Die Schrift Von den Juden und ihren Lügen zeigt, dass das früher so unerschütterliche Vertrauen Luthers auf die alleinige Kraft des göttlichen Wortes hier versagte.

So bleibt auch im 500. Jahr der Reformation die Erkenntnis, dass Martin Luther – trotz all seiner Verdienste – weder ein Heiliger noch ein Idol war, sondern schlicht ein Mensch, der sich auch fatal irren konnte.

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie diesen Sammelband mit antijüdischen Drucken zusammen mit vielen anderen spektakulären Zeugnissen der Reformationszeit vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen.

 

Luther und die Abrafaxe – die Reformation im „dienstältesten“ deutschen Comic

Aktuelle Comics zum Reformationsjubiläum in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Carola Pohlmann.

Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 488. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016

Von den Digedags zu den Abrafaxen – das „Mosaik“

Das „Mosaik“ ist die älteste noch erscheinende Comiczeitschrift deutscher Produktion. Sie entstand 1955 in Ostberlin nach einer Idee von Hannes Hegen (d.i. Johannes Eduard Hegenbarth, 1925-2014).  Bis 1959 wurde das „Mosaik“ im Verlag Neues Leben herausgegeben, vom Jahrgang 1960 an erschien es im Verlag Junge Welt. Die Helden der Zeitschrift waren die drei koboldartigen Figuren Dig, Dag und Digedag, die sich frei in Raum und Zeit bewegen konnten und Abenteuer in unterschiedlichen Epochen der Menschheitsgeschichte erlebten.  Besonders berühmt wurden zwei Serien des „Mosaiks“ – die Ritter-Runkel-Serie und die Amerika-Serie. Die Geschichten um den ehrgeizigen und tollpatschigen Ritter umfassen 62 Hefte und erschienen von Mai 1964 bis Juni 1969, die Amerika-Serie wurde als sechste Hauptserie der Zeitschrift von Juli 1969 bis Juni 1974 veröffentlicht. Nach einem Streit mit dem Verlag Junge Welt kündigte Hannes Hegen Ende 1974 seinen Vertrag und schied aus dem Mosaik-Kollektiv aus. Der Textautor Lothar Dräger (1927-2016) schuf mit den Abrafaxen ein an den Digedags orientiertes neues Konzept, nach dem seit 1976 Comics veröffentlicht werden. Ein wichtiger Garant für die künstlerische Qualität war die Zeichnerin Lona Rietschel (geb. 1933), die seit 1960 fest beim „Mosaik“ angestellt war und bis 1999 regelmäßig für die Zeitschrift arbeitete. Die Abrafaxe haben selbst die durch die Wende verursachten Verwerfungen im DDR-Verlagswesen unbeschadet überstanden: Nachdem 1991 der Verlag Junge Welt durch die Treuhandanstalt liquidiert wurde, übernahm zunächst die Procom Gesellschaft für Kommunikation und Marketing die Herausgabe der Zeitschrift, seit 1992 wird sie im Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag in Berlin verlegt.

Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 486. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016

Dank Brabax werden Luthers geplante 478 Thesen auf 95 gekürzt

Die aktuelle Reihe, beginnend mit Heft 483 (März 2016), ist dem Thema Reformation gewidmet. Abrax, Brabax und Califax reisen im Jahr 1517 durch Kursachsen und treffen dort bedeutende historische Persönlichkeiten wie Martin Luther, Thomas Müntzer, Lucas Cranach und Philipp Melanchthon. Gemäß der Ausrichtung des „Mosaiks“ „Geschichte von unten“ zu erzählen, setzen sie sich für soziale Gerechtigkeit ein und werden zu wichtigen Inspiratoren reformatorischer Ideen. So hat Brabax als Adlatus von Martin Luther entscheidenden Anteil an der Abfassung der Thesen, indem er Luther davon überzeugt, statt der angeblich ursprünglich geplanten 478 Thesen lediglich 95 zu veröffentlichen. Abrax und Califax leben während ihres Aufenthalts in Wittenberg bei Lucas Cranach d. Ä. und machen sich im Haushalt der Familie nützlich, wo immer wieder die Spuren der Verwüstungen zu beseitigen sind, die der kleine, stets zu Streichen aufgelegte Lucas d. J. anrichtet. Bei Familie Cranach treffen sie auch auf den jungen Künstler Michael Drachstädt, der die Nonne Katharina von Krahwinckel liebt und sie aus dem Kloster befreien will. In Rom macht sich Papst Leo X., der gerade mit dem Bau des Petersdoms beschäftigt ist, Sorgen um die Einbußen bei den Einnahmen aus dem Ablasshandel wegen der Umtriebe im fernen Wittenberg. Trotz der comictypischen humoristischen Form der Darstellung folgt die Handlung zentralen Ereignissen der Reformationsgeschichte und macht Kinder mit dem Gedankengut der Lutherzeit bekannt.

Das aktuelle Heft 494 (Februar 2017) schildert Luthers Aufbruch zum Reichstag nach Augsburg im Jahr 1518, wo bereits der Erzbischof von Mainz, Kardinal Cajetan und die Fugger ihre Intrigen gegen ihn spinnen. Die Fülle historischer Fakten zur Reformationszeit aus der Comic-Handlung wird in der Mitte jedes Hefts durch kurze Sachtexte ergänzt, eine eigene Serie bildet dabei die Doppelseite „Malen wie ein Meister. Michaels kleine Malakademie“, in der Kinder unter anderem sachgerecht über Bildthemen der Kunst des 16. Jahrhunderts, zeitgenössische Maler, die Farbenlehre oder den Bildaufbau informiert werden.

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie vom 3.2. bis 2.4.2017 neben den Abrafaxen weitere historische und aktuelle Kinderbücher in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen und beispielsweise herausfinden, warum Luther zum Erfinder des Weihnachtsbaumes wurde, oder aber Sie zählen bei den 1517 gedruckten Ausgaben der Thesen zur Klärung der Kraft der Ablässe noch einmal selbst nach.

Doppelseite aus Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 487. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016