Das Blog-Netzwerk der Staatsbibliothek zu Berlin – Beiträge für Forschung und Kultur

20 Jahre Zeitungsabteilung im Westhafen

Heute vor 20 Jahren, am Montag, dem 22. September 1997, öffnete erstmals der Lesesaal der Zeitungsabteilung im Berliner Westhafen. Die provisorische Unterbringung in einem eigens zu diesem Zweck umgebauten ehemaligen Getreidespeicher war notwendig geworden, um das Haus Unter den Linden umfassend sanieren und restaurieren zu können.

Mit einem Bestand von mehr als 200.000 Originalbänden und über 250.000 Mikroformen, bei  aktuell 280 laufenden Zeitungsabonnements (davon 155 aus dem Ausland) ist die Zeitungssammlung der Staatsbibliothek zu Berlin die größte ihrer Art in Deutschland. Während viele Bibliotheken in den letzten Jahrzehnten aus Platz- und Kostenersparnisgründen Zeitungsbände ausgeschieden und laufende Abonnements gekündigt haben, konnte die Abteilung ihre Sammlung vor allem durch Schenkungen und Bestandsübernahmen von anderen Einrichtungen sinnvoll ergänzen und erweitern. So verwundert es nicht, dass viele historische, deutschsprachige Zeitungen im gedruckten Original nur noch in der Staatsbibliothek vorhanden sind, die – aller Digitalisierung zum Trotz – vor allem von Forschungseinrichtungen, Museen und Gedenkstätten für hochwertige Reproduktionen sehr stark nachgefragt und genutzt werden.

Die mit nur 14 MitarbeiterInnen vergleichsweise kleine Abteilung zählt aber mit über 4.500 aktiven Lesern, durchschnittlich 21.000 in den Lesesaal bereitgestellten Medien pro Jahr, über 1.000 positiv bearbeiteten Fernleihbestellungen und mehr als 2.500 beantworteten mündlichen und schriftlichen Anfragen pro Jahr zu den gefragtesten in der Nutzung der archivierten Materialien. Das aus den Beständen der Zeitungsabteilung digitalisierte historische „Berliner Tageblatt, 1878-1928“ ist im europäischen Portal „Europeana Newspapers“ die mit Abstand am stärksten genutzte elektronische Ressource in diesem Portal überhaupt.

Wenn die Abteilung im Jahr 2019 endlich in die neuen Räume im Haus Unter den Linden ziehen wird, wird damit für Viele ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung gehen, nur Einige werden vielleicht die Ruhe und Abgeschiedenheit des Westhafens vermissen.

Online-Systematik für den Altbestand (Treffer wird durch ein Titelblatt demonstriert)

Wir bieten Treffer zu jedem Thema aus dem Altbestand!

Unser Altbestand (1501-1955) ist jetzt komplett online sichtbar und nicht mehr zwischen den Deckeln von 1800 Bänden eines zwar sehr schönen und ehrwürdigen, aber auch ein wenig unhandlichen Sachkataloges eingeklemmt:

Bände des Sachkataloges (ARK) und eine Seite der Systematik

Bände des Sachkataloges (ARK) und eine Seite der Systematik

Die sehr differenzierte Systematik des Sachkataloges – genannt Alter Realkatalog (ARK) – wurde im Rahmen des Großprojekts ARK-Online in den vergangenen Jahren Stück für Stück in eine Datenbank überführt.

Werwölfe, Vampire, Kobolde und sogar Tischrücker in der Staatsbibliothek? Leibhaftig hoffentlich nicht, in Büchern aber durchaus. Im Bereich Aberglaube kann man diese und weitere Wunder finden.

Kein Wunder, sondern reell gesichtet: Eros Was verbindet diesen mit der Nummer 433? Wer wurde mit dem Namen Pomona (römische Göttin der Gärten und Obstbäume) und der Nummer 32 versehen? Wann und von wem wurde Ariadne, die Nummer 43 entdeckt? Die Antwort liegt im astronomischen Bereich.

Mit Hilfe der neuen, nun vollständigen Online-Systematik für den Altbestand finden Sie noch schneller historische Literatur zu diesen und zahlreichen weiteren Themen.

Der Einstieg kann direkt vom StaBiKat aus erfolgen:

Einstieg in die Online-Systematik

Alle, wirklich alle, Systemstellen sind nun online recherchierbar und warten ungeduldig darauf, erkundet zu werden. Insgesamt stehen Ihnen 16 Hauptgruppen zur Verfügung, die jedoch nicht die Dimension und Tiefe erahnen lassen, die sich dahinter verbergen:

Hauptgruppen der Online-Systematik

Denn ab jetzt ist es möglich:

  • 22.000 Seiten online zu durchblättern

Dazu klicken Sie in der Systematik links auf die blauen Systemstellen und können so 225.000 Systemstellen kennenlernen.

  • mit Begriffen zu suchen

Nutzen Sie den Suchschlitz dafür.

  • die Titel, die zu einer Systemstelle gehören, anzuzeigen zu lassen

Durch Anklicken des blauen Notationsbereiches auf der rechten Seite der Systematik erfolgt ein Wechsel in den StaBiKat. Dort werden die Titel, die zu der ausgewählten Systemstelle gehören, angezeigt. Insgesamt stehen derzeit 2,4 Millionen Titel bereit. Allerdings ist die Titelanzeige in Teilen der Systematik noch nicht vollständig, hier erfahren Sie mehr über den Aktuellen Stand.

Der Altbestand der Staatsbibliothek ist in jeglicher Hinsicht universal – sprachlich, regional und fachlich. So ist neben den großen Wissenschaftsdisziplinen wie Theologie und Geschichte auch die Technik in der Online-Systematik vertreten. Und das nicht nur mit einschlägiger Literatur zum Maschinenbau und zu den einzelnen Bereichen der Leichtindustrie, sondern ebenso zu den Themen Körperliche Künste · Sport und Spiele aber auch zur Speisenbereitung. Wollten Sie immer schon einmal wissen, was und wie man vor 100 Jahren gekocht hat? Kein Problem: Historische Kochbücher finden Sie mit der ARK-Online-Systematik reichlich.

Wie ausdifferenziert die Systematik in manchen Bereichen ist, lässt sich bei sehr tief gegliederten Bereichen am besten veranschaulichen. So kommen 15 Hierarchie-Ebenen beispielsweise in der Geschichte Preußens vor, durch die Sie sich nach und nach navigieren können:

Beispiel für die tiefe Gliederung der Online-Systematik

 

Seien Sie neugierig auf den umfangreichsten historischen Druckschriftenbestand in einer deutschen Bibliothek. Suchen Sie Bekanntes und finden Sie Überraschendes!

Ihre Fragen beantworten wir sehr gerne. Kritik, innovative Ideen und Wünsche sind äußerst willkommen und werden bei dem geplanten Relaunch berücksichtigt:

Heike Krems

(Leitung ARK-Online-Projekt)

Das ARK-Online-Projekt ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Staatsbibliothek zu Berlin und dem Gemeinsamen Bibliotheksverbund (GBV) unter Mitwirkung der Berliner Firma 3pc.

 

ARK-Online-Systematik:         http://ark.staatsbibliothek-berlin.de/

 

Fotos: Carola Seifert, SBB-PK

 

 

Werkstattgespräch zu Flugblättern im Zweiten Weltkrieg am 10.10.

Wissenswerkstatt

Kommunikation unter Feinden. Transnationale und -mediale Aspekte der Flugblattpropaganda im Zweiten Weltkrieg

Werkstattgespräch mit Dr. Christiane Caemmerer, Staatsbibliothek zu Berlin – Handschriftenabteilung
Dienstag, 10. Oktober 2017
18.15 Uhr
Konferenzraum 4
Haus Unter den Linden
Treffpunkt im Eingangsbereich (Rotunde)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Flugblatt zu einem der wichtigsten Mittel der psychologischen Kriegsführung. Millionen und Abermillionen von meist sorgfältig getexteten und illustrierten sowie – im Verhältnis zu den Handzetteln der Weimarer Republik – aufwendig produzierten Flugblättern wurden an den Fronten und in den Zentralabteilungen der Propagandaministerien hergestellt und über Ballons, Granaten und als Bombenbeiladungen an die Soldaten und die Zivilbevölkerung verteilt.
Der Beitrag beschäftigt sich mit den transnationalen Argumentationsstrategien von Flugblättern und deren national geprägten Manifestationen, die klar an den unterschiedlichen Adressaten orientiert sind, und diskutiert Veränderungen in der Rezeption von lyrischen Texten, die durch einen Wechsel des Mediums: Flugblatt, Liederbuch, Rundfunkbeitrag und Gedichtband bedingt sind.
Die Materialbasis des Beitrages bilden die Flugblätter der Weißen Rose, die Flugblattbeiträge von Thomas Mann im Auftrag der Alliierten, die Amerikarezeption der deutschen Propagandaeinheit Südstern und die Lyrikproduktion von Erich Weinert und Johannes R. Becher für die sowjetische Propaganda aus der Kirchner‘schen Sammlung von Feindflugblättern in der Staatsbibliothek.

 

Eine Veranstaltung der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit

Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.

Stimmen der Bibliothek: Einbandforschung

Hilfswissenschaften liefern wertvolle Erkenntnisse, die für die Forschung, insbesondere für Geschichtswissenschaften, unabdingbar sind. Aber was kann man sich konkret darunter vorstellen?

In dieser Folge bekommen wir im Gespräch mit Zora Steiner und Thomas Jacob (Einbandforscher und Referent der Staatsbibliothek zu Berlin) eine Einführung in eine besondere Hilfswissenschaft: die Einbandforschung.

Was ist die Einbandforschung? Wie unterstützt die Staatsbibliothek diesen Forschungsbereich? Benötigt man als Einbandforscher eine besondere Ausbildung?

Alle Antworten für Sie zum Abhören bereit.

 

Quellen zur Folge:

SBB-PK CC BY-NC-SA

Wissenswerkstatt-Schulungen im September und Oktober

Wir haben unser Schulungsangebot für Sie neu strukturiert: Aus vier übersichtlichen Modulen können Sie sich künftig genau die Schulungen aussuchen, die am besten auf Ihre aktuelle Situation zugeschnitten sind.

  • Im Modul A finden Sie die grundlegenden Einführungen in die Benutzung der Bibliothek.
  • Die Kurse der Module B (Einführung) und C (Vertiefung) widmen sich den Recherchetechniken bei der Literatursuche.
  • Das Modul W ist unser Angebot für Wissenschaft und Forschung. Literaturverwaltung, wissenschaftliches Arbeiten und Publikationsberatung stehen hier auf dem Plan.

Im September und Oktober möchten wir Sie zu folgenden Veranstaltungen einladen:

 

Modul A – StabiStart-Einführungen:

  • Haus Potsdamer Straße:
    Montag, Mittwoch und Freitag: 11 Uhr
    Dienstag und Donnerstag: 17 Uhr
    Treffpunkt: I-Punkt in der Eingangshalle
  • Haus Unter den Linden:
    Mittwoch: 11 Uhr
    Treffpunkt: Erstauskunft im Eingangsbereich

 

Modul B – allgemeine und fachspezifische Rechercheworkshops:

 

Workshop Modul C – fachspezifische Recherche  mit eigenem Thema:

 

Workshop Modul W – Angebote für Wissenschaft und Forschung:

 

Zur Termin-Übersicht der Wissenswerkstatt

 

Matthias Brandt: “Raumpatrouille”, Lesung am 4. Oktober um 18 Uhr

“Raumpatrouille”

Lesung mit Matthias Brandt aus seinem ersten Buch
Einführung: Barbara Schneider-Kempf und André Schmitz

Mittwoch, 4. Oktober 2017
18 Uhr, Dietrich-Bonhoeffer-Saal, Haus Potsdamer Straße 33
Eintritt frei, um Anmeldung unter freunde@sbb.spk-berlin.de wird gebeten

 

Matthias Brandt: Raumpatrouille , Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

Die Geschichten in Matthias Brandts erstem Buch sind literarische Reisen in einen Kosmos, den jeder kennt, der aber hier mit einem ganz besonderen Blick untersucht wird: der Kosmos der eigenen Kindheit. In diesem Fall einer Kindheit in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts in einer kleinen Stadt am Rhein, die damals Bundeshauptstadt war. Einer Kindheit, die bevölkert ist von einem manchmal bissigen Hund namens Gabor, von Herrn Vianden, mysteriösen Postboten, verschreckten Nonnen, kriegsbeschädigten Religionslehrern, einem netten Herrn Lübke von nebenan, bei dem es Kakao gibt und dem langsam die Worte ausgehen. Es gibt einen kauzigen Arbeitskollegen des Vaters, Herrn Wehner, einen Hausmeister und sogar einen Chauffeur, da der Vater gerade Bundeskanzler ist. Erzählt wird von komplizierten Fahrradausflügen, schwer bewachten Jahrmarktsbesuchen, monströsen Fußballniederlagen, skurrilen Arztbesuchen und von explodierenden und ebenso schnell wieder verlöschenden Leidenschaften wie z.B. dem Briefmarkensammeln. Nicht zuletzt wird von gleichermaßen geheimnisumwobenen wie geliebten Eltern berichtet und einer Kindheit, zu der neben dem Abenteuer und der Hochstapelei auch Phantasie, Gefahr und Einsamkeit gehören.

 

 

Matthias Brandt, geboren 1961 in Berlin als jüngster Sohn von Rut und Willy Brandt, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Er war an renommierten deutschsprachigen Theatern engagiert, darunter am Bayerischen Staatsschauspiel, Schauspielhaus Zürich und Schauspielhaus Bochum. In den letzten Jahren arbeitete er hauptsächlich vor der Kamera und als Hörbuchsprecher. Für seine Leistungen ist er vielfach ausgezeichnet worden.

Neu im VD 17: Buchbestand der St. Bartholomäuskirche in Röhrsdorf bei Meißen

Weiteres Projekt zur Erfassung kleinerer Bibliotheksbestände in der VD 17-Datenbank erfolgreich abgeschlossen! Nochmals 185 Nova gefunden!

Ein Beitrag von Friederike Willasch.

Emblematische Darstellung von Bibelsprüchen in einem Gebetbuch von 1692. Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das Interesse von Bibliotheken und Institutionen an einem Nachweis ihrer Bestände im „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts“ (VD 17) ist groß – gerade auch bei kleineren Sammlungen. Die Staatsbibliothek zu Berlin als eine der VD 17-Trägerbibliotheken übernimmt immer wieder die Verzeichnung, wie etwa 2015 für die St. Nikolai-Kirchenbibliothek Spandau. Aktuell hat die Abteilung Historische Drucke die einschlägigen Bibliotheksbestände der St. Bartholomäuskirche in Röhrsdorf bei Meißen komplett im VD 17 erfasst. Und auch darunter befanden sich Drucke, die bisher nicht im VD 17 nachgewiesen waren.

Die Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf

Im Jahr 1737 wurde die St. Bartholomäuskirche zu Röhrsdorf im barocken Stil neu gebaut und 1750 zusätzlich aufgestockt, um Platz für ein Archiv und eine Bibliothek zu schaffen. Unterstützt wurde die Kirche dabei von ihrem Patronatsherrn Johann August von Ponickau (1718-1802). Er schenkte der Kirche 200 Bände theologischen Inhalts aus seiner Privatbibliothek, die zu einem Fundament des Bibliotheksbestandes wurden.

Die Bestände der Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf konnten außerdem durch Schenkungen und Nachlässe der ansässigen Pfarrer weiter wachsen. So stiftete zum Beispiel der Pfarrer Theodor Wilhelm Schmidt (1704–1779) der Bibliothek neben seiner Sammlung 100 Taler, deren Zinsen zur Anschaffung neuer Bücher verwendet werden sollten.

Der jetzt in der VD 17-Datenbank nachgewiesene Bestand der Kirchenbibliothek beläuft sich auf 1.570 Titel. Es handelt sich zu einem überwiegenden Teil um Dissertationen, von denen – kaum überraschend – ca. 70% theologische Dissertationen sind. Daneben finden sich insbesondere Funeralschriften wie Leichenpredigten, die auch im „Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften“ – herausgegeben von Rudolf Lenz – erfasst wurden. Eine große Anzahl der Leichenpredigten ist dabei Adeligen gewidmet und kann Einblicke in die Geschichte einiger sächsischer Adelsfamilien geben. Andere Gelegenheitsschriften des Bestandes wurden anlässlich von Festen und Einladungen, Einweihungen oder Amtsantritten angefertigt. Weitere typische Gattungen des Bestandes sind theologische Kommentare und Streitschriften, Gebet- oder Gesangbücher, darüber hinaus Predigten.

Interessant sind besonders die 185 bisher noch nicht im VD 17 nachgewiesenen Drucke, die – soweit konservatorisch möglich – durch die Staatsbibliothek zu Berlin im Rahmen des noch bis 2018 laufenden VD 17-Unika Projekts digitalisiert werden konnten. Sie stehen der Forschung jetzt über die Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zur Verfügung. Auch unter diesen Nova, die etwa 12% des VD 17-Bestandes der Kirchenbibliothek ausmachen, finden sich überwiegend Dissertationen und viele Gelegenheitsschriften. Bemerkenswert ist aber, dass ca. 40% der im Bestand vorhandenen Gebet- und Gesangbücher erstmalig im VD 17 verzeichnet werden konnten.

Bücher aus dem Besitz der Familie von Ponickau

Charakteristisch für viele Bände aus der Kirchenbibliothek ist die auffällige Prägung des Schriftzuges „Der Kirche zu Roehrsdorff“ auf dem vorderen Buchdeckel. Einige Bücher liefern darüber hinaus Hinweise auf ihre Vorbesitzer, wie handschriftliche Vermerke oder Supralibros. Allein der einstige Patronatsherr der Kirche, Johann August von Ponikau, hinterließ solche Spuren in 9 Exemplaren. Auf dem Titelblatt eines Gebet- und Andachtsbuches findet sich unten rechts – fast unbemerkt neben dem auffälligen schwarz-roten Titel – sein handschriftlicher Namenszug „J A v Ponicau“.

Namenszug von Johann August von Ponickau in einem Gebetbuch von 1700. Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Johann August von Ponickau stammte aus einem sächsischen Adelsgeschlecht und war Hofrat des Herzogs Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg, bevor er nach dem Tod seines Vaters zunächst auf den Familienbesitz Klipphausen in der Nähe von Röhrsdorf zurückkehrte und später nach Dresden umzog. Am kursächsischen Hof in Dresden war der bibliophile Adelige überaus geschätzt und erhielt 1751 den Titel eines Geheimen Kriegsrats. Dank eines beachtlichen Erbes konnte Johann August von Ponickau eine ansehnliche Büchersammlung mit ca. 14.000 Bänden aufbauen, die er katalogisieren ließ und deren Benutzung er für wissenschaftliche Studien gestattete. Sein Interesse galt vor allem der sächsischen Geschichte.

Eine fast vollständige Erblindung und der Mangel an eigenen Nachkommen veranlassten ihn, nach einer geeigneten Unterbringung für seine Sammlung zu suchen. Neben der Stiftung an die Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf überließ er den Großteil seiner Privatbibliothek deshalb 1789 der Universität Wittenberg. Dort überstand sie Anfang des 19. Jahrhunderts zunächst unsichere Zeiten, als napoleonische Truppen die Stadt Wittenberg besetzten und die Universitätsbibliothek überstürzt geräumt werden musste. Eine Verlegung des Bestandes nach Dresden gelang nicht rechtzeitig vor Beginn der Befreiungskriege 1813, sodass die Ponickau-Sammlung zwischengelagert werden musste und erst nach dem Krieg wieder zurück nach Wittenberg gebracht werden konnte. Mit den folgenden territorialen Verschiebungen wurde auch der Verbleib der Ponickau-Sammlung neu geregelt. Da die Universitäten in Wittenberg und Halle zusammengelegt wurden, zog die Ponickau-Sammlung nach Halle um und ist dort heute als Sondersammlung Bibliotheca Ponickaviana ein bedeutender Bestand der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt.

Namenszug von Johanna Sophia von Ponickau in einem Spener’schen Gebetbuch. Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Durch die Provenienzangaben ist der Bestand der Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf auch Ausdruck ponickauischer Familiengeschichte. Denn Besitzvermerke in etwa 70 Exemplaren – manchmal sind sogar mehrere Vorbesitzer zu identifizieren – weisen auf die verwandtschaftlichen Verzweigungen der Familie von Ponickau mit der sächsisch-meißnischen Adelsfamilie von Miltitz und mit der Familie von Löschbrandt hin. So vermerkte zum Beispiel Johanna Sophia von Ponickau, eine Tante Johann Augusts, die 1701 in die Familie von Miltitz einheiratete, ihren Namen handschriftlich in einem mit Goldschnitt und verzierten Schließen versehenen Gebetbuch. Die evangelischen Gebetbücher dienten der privaten Erbauung, was auch eine Erklärung dafür sein kann, dass etwa ein Viertel dieser Besitzvermerke aus dem Umfeld der Familie von Ponickau in Gebetbüchern auftritt. Diese Bücher waren für den Gebrauch bestimmt und überdauerten daher nicht immer Jahrhunderte. Eine vollständige Erfassung aller Ausgaben aus dem 17. Jahrhundert ist kaum möglich und jeder Nachweis ein Gewinn.

Ein Kooperationsprojekt wie dieses lebt von guter Zusammenarbeit und Unterstützung vor Ort: Unser Dank gilt Pfarrer Christoph Rechenberg und Holger Reichmann, die mit ihrem Engagement und den geleisteten Vorarbeiten dieses Projekt erst möglich gemacht haben.

Embleme christlicher Tugenden in Johann Arndts Paradiesgärtlein (1686). Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Frischer “Wind in den Weiden”

Gesprächsabend mit Sebastian Meschenmoser

Am 11. September 2017 lädt die Staatsbibliothek zu Berlin in Kooperation mit dem internationalen literaturfestival berlin zu einem spannenden Gesprächsabend mit dem Künstler, Illustrator und Kinderbuchautor Sebastian Meschenmoser!

Die von ihm illustrierte Neuausgabe des Kinderbuchklassikers Der Wind in den Weiden wird an diesem Abend erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Zudem berichtet Sebastian Meschenmoser anhand seiner erst jüngst erschienenen Märchenadaption Die verflixten sieben Geißlein über die Arbeit als Autor und Illustrator und gibt anschließend beim Live-Zeichnen ein praktisches Beispiel seiner Kunst.

Flankiert wird der Abend durch eine attraktive kleine Ausstellung, welche die seltene Gelegenheit bietet, Meschenmosers Illustrationen zu beiden Büchern im Original zu betrachten. Eine Auswahl unterschiedlicher Ausgaben von Kenneth Grahames Kinderbuchklassiker ermöglicht außerdem einen Überblick darüber, wie andere Künstler zuvor mit dem Werk umgegangen sind, und bietet interessante Vergleichsmöglichkeiten.

Die Veranstaltung findet um 18.00 Uhr im Dietrich-Bonhoeffer-Saal in der Potsdamer Straße 33 (Berlin-Tiergarten) statt.

Sebastian Meschenmoser: Herr Eichhorn und der Mond (2009).

Über den Künstler

Sebastian Meschenmoser wurde 1980 in Frankfurt am Main geboren. Sein Studium der Freien Bildenden Kunst absolvierte er von 2001 bis 2007 an der Akademie für Bildende Künste in Mainz und an der École Nationale Supérieure d´Art in Dijon. 2007 erhielt er sein Diplom in Mainz.

Die verflixten sieben Geißlein, gerade erst im Juli veröffentlicht, sind bereits Meschenmoser elftes eigenes Werk. Zudem stammen die Zeichnungen für den Band Henkerslos: Ein Märchenbrevier von Ingo Schulze und Christine Traber aus seiner Feder. Und mit dem Titel Der Wind in den Weiden erscheint nun ein weiteres Buch, welches von ihm illustriert wurde.

Sebastian Meschenmoser: Gordon und Tapir (2014).

Zwei Werke Sebastian Meschenmosers gelangten bereits auf die Liste der für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Bilderbücher: Herr Eichhorn und der Mond (2007) sowie Gordon und Tapir (2015). Zudem wurde der Künstler 2008 im Rahmen des Kulturförderpreises des Landkreises Wittlich mit dem Silbernen Pinsel ausgezeichnet.

Eine Auswahl von Gemälden Sebastian Meschenmosers kann noch bis zum 22. Oktober 2017 in der Ausstellung Sets im Museum Wiesbaden bewundert werden.

Sebastian Meschenmoser lebt und arbeitet in Berlin.

 

Text: Salome Berhanu

Logo des Deutschen Esperanto-Bundes e.V.

Eine Sprache für Völkerverständigung, für Frieden, für Kulturaustausch

??? — Esperanto!  – Solch eine Sprache muss einfach begeistern! Das Werkstattgespräch in der Staatsbibliothek am 21. September “Esperanto – eine Sprache, die begeistert. Zur Kultur und Geschichte einer unterschätzten Weltsprache” findet dementsprechend im Vorfeld weites Interesse. So machte sich Friederike Schmidt von der Abteilung Medien und Kommunikation der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf, suchte Kontakt zum Referenten des Abends, Fritz Wollenberg von der Esperanto-Liga Berlin, und führte mit ihm ein Interview.

Fritz Wollenberg beim Sommerfest auf dem Esperantoplatz. Foto: Susanne Misere

Wie kaum ein zweiter in Berlin kennt Fritz Wollenberg die Kultur der Esperantosprecher, die die vor 130 Jahren entwickelte und heute in mehr als 120 Ländern gesprochene Plansprache Esperanto verwenden. Das engagierte Mitglied der Esperanto-Liga Berlin wird am 21. September den Jubiläumsband „Esperanto – Sprache und Kultur in Berlin und Brandenburg“ im Werkstattgespräch der Staatsbibliothek zu Berlin vorstellen. Wir sprachen mit Fritz Wollenberg über die Vorzüge der Sprache, Begeisterungswürdiges und Fundstücke in der Staatsbibliothek.

31.08.2017

Als Plansprache hat Esperanto nur sehr wenige Muttersprachler. Wie sind Sie eigentlich zu Esperanto gekommen, oder wie ist Esperanto zu Ihnen gekommen?

Fritz Wollenberg: Das ist lange her. Als Schüler hörte ich während eines Ferienjobs von Esperanto und bekam mein erstes Lehrbuch. Ich war vom Aufbau der Sprache und der dahinterstehenden Idee unglaublich fasziniert. Während des Studiums sah ich dann eine Anzeige in der Zeitung: „Esperanto-Kurs in Prenzlauer Berg“. Dort lernte ich dann endlich die Sprache. Ein Jahr später kam die erste große Reise nach Ungarn. Dort merkte ich, dass es sehr viele Esperanto-Sprecher gibt, und eine ganz neue Welt öffnete sich.

Vor 130 Jahren veröffentlichte Ludwig Zamenhof die internationale Plansprache “Esperanto”. Vor und nach dem Esperanto gab es auch andere Plansprachen – 1887 hatte das Volapük schon eine gewisse Verbreitung erlangt, 1908 erschien Ido und fand seine Anhänger. Auch danach entstanden immer wieder neue Plansprachen, aber die meisten sind in Vergessenheit geraten – nicht das Esperanto. Warum?

Esperanto ist eine sehr regelmäßige Sprache. Bei der „Planung“ seiner Internacia Lingvo (Internationalen Sprache), wie er sie nannte, untersuchte Zamenhof bestehende Sprachen wie Latein und auch die englische Sprache auf ihre Eignung als Weltsprache. Jedoch waren diese seiner Ansicht nach in ihrer grammatischen Struktur, in Wortbildung und Orthografie zu kompliziert. Er überlegte lange, welche grammatikalischen Ausdrucksformen der einzelnen Sprachen sinnvoll sind und experimentierte viel mit der Wortbildung. Zamenhof kam zu dem Schluss, dass eine Weltsprache neutral sein muss und daher die Schaffung einer neuen – einer Plansprache – notwendig ist, die aber auf den bestehenden Sprachen aufbaut, damit man Wörter wiedererkennen kann. Deshalb kam für ihn auch das Volapük von Johann Martin Schleyer oder eine philosophische Sprache wie die von Leibniz entwickelte nicht in Betracht. Für Esperanto entwickelte er ein System von Vor- und Nachsilben, die eine bestimmte Bedeutung tragen und vor oder hinter die Wortwurzel gesetzt werden, um deren Bedeutung zu modifizieren. Die Sprache funktioniert wie ein Baukastensystem. Zum Beispiel gibt es die Nachsilbe -in, die die weibliche Form ausdrückt. Aus la knabo = der Junge wird la knabino = das Mädchen. Eine weitere Regelmäßigkeit ist, dass Substantive immer auf -o, Adjektive auf -a enden. Man kann also aus dem Substantiv ganz einfach ein Adjektiv bilden: aus patro = Vater wird patra = väterlich. Diese Sprachstruktur ist extrem übersichtlich und leicht erlernbar. Das ist einer der Gründe, warum Zamenhof Erfolg mit dieser Sprache hatte.

Ido, der Nachkömmling der Sprache, sollte ein verbessertes Esperanto sein. Doch wurden die Regeln und der Wortbestand immer wieder verändert, was das Erlernen von Ido kompliziert machte und Wörterbücher schnell veralten ließ. Zamenhof dagegen hatte von Anfang an die Sprache der Sprachgemeinschaft übergeben und 1905 dem ersten Esperanto-Weltkongress ein „Fundamento de Esperanto“ vorgelegt, ein Grundregelwerk, das nicht mehr verändert werden sollte. Es wurde beschlossen und ist bis heute gültig. Zamenhof hatte damit eine Sprachstruktur mit produktivem Wortbildungssystem festgeschrieben, die die Entwicklungsfähigkeit der Sprache garantierte. Zugleich war für Stabilität gesorgt.

Es gibt aber auch außersprachliche Aspekte. Der Erschaffung des Esperanto liegt eine Weltanschauung zugrunde. Die Sprache steht für Völkerverständigung, für Frieden, für Kulturaustausch. Diese Ideen spielten und spielen in der Sprachgemeinschaft eine große Rolle und sind für viele eine wichtige Motivation dafür, Esperanto zu lernen.

Sie haben gerade auch Englisch als einen der Ausgangpunkte für die Studien Zamenhofs angesprochen. Warum ist heute trotz der vielen Vorteile von Esperanto immer noch Englisch die Weltsprache?

Wenn man sich die Zahlen genauer anschaut, dann zeigt sich, dass gar nicht so viele Menschen Englisch sprechen. In der EU sind das etwa 50%. Ein sehr viel geringerer Prozentsatz beherrscht die Sprache exzellent. Als Wissenschaftssprache ist Englisch von überragender Bedeutung. Weil Esperanto eine sehr junge Sprache ist, ist der Bereich der Wissenschaft eher schwierig. Dennoch hat sich auch hier viel getan. Ich denke da an den Fachwortschatz einiger Disziplinen. Es gibt natürlich entscheidende Unterschiede zwischen Englisch und Esperanto. Zunächst muss betont werden, dass jeder, der Esperanto lernt, die Sprache freiwillig lernt. Englisch hat sich hingegen aufgrund der politischen und ökonomischen Macht des British Empire und der Vormachtstellung der USA stark verbreitet. Viele Menschen lernen heute deshalb Englisch, weil ein ökonomischer Zwang besteht, man braucht es für den Beruf oder für das Studium. Es werden enorm große Ressourcen zur Verfügung gestellt, um Englisch zu unterrichten, um die Sprache zu verbreiten. Diese Ressourcen hat das Esperanto natürlich nicht, die Sprachgemeinschaft ist so etwas wie eine Bürgerbewegung. Insofern ist es erstaunlich, was in diesen 130 Jahren passiert ist. Ich sehe die Sache somit eher als ein halbvolles Glas.

Wie viele Esperanto-Sprecher gibt es denn weltweit? Können Sie eine Zahl nennen?

Es gibt keine allgemeinen Erhebungen. Mittels verschiedener Quellen lassen sich Vermutungen anstellen. Zum einen gibt es Wikipedia auf Esperanto mit inzwischen über 240.000 Einträgen. Esperanto gehört damit zu den 35 Sprachen mit den meisten Einträgen und ist in dieser Hinsicht vergleichbar mit Dänisch. Zum anderen geben bei Facebook 330.000 Menschen an, Esperanto zu benutzen. Drittens möchte ich auf den Online-Sprachkurs duolingo.com hinweisen. Für den Kurs Englisch-Esperanto haben sich bisher über 1 Mio. Menschen registriert. Somit lässt sich grob erahnen, wie groß die Sprachgemeinschaft ist.

Am 21. September referieren Sie beim Werkstattgespräch der Staatsbibliothek zum Thema “Esperanto – eine Sprache, die begeistert”. Was begeistert Sie an Esperanto?

Mich begeistert vor allem der soziale Aspekt. Ich habe seit dem Internationalen Esperanto-Pädagogikseminar 1967 in Szeged, Ungarn, meinem ersten großen Esperanto-Kulturerlebnis, unwahrscheinlich viele Veranstaltungen besucht, bei denen ich Leute aus unterschiedlichen Kulturen mit verschiedenen Sprachen kennenlernte, die sich untereinander und mit mir in Esperanto verständigen konnten. Es gibt touristische Treffen, Kulturfestivals, Fachkonferenzen, Familientreffen für Esperanto-Muttersprachler, ganz viele Begegnungen rund um die Welt… Dieser Aspekt ist für mich am wichtigsten. Die Esperanto-Kultur hat enorm viel zu bieten. Seit längerem interessiert mich auch die Geschichte des Esperanto sehr und ich habe dazu einiges veröffentlicht.

Nun zur Literatur: Ihr Vortrag findet in der Staatsbibliothek statt. Warum ist gerade die Staatsbibliothek für die Esperanto-Community interessant?

Die Staatsbibliothek zu Berlin ist einer der Orte der Esperanto-Kultur in Berlin. Zum einen gibt es die spezielle Esperanto-Sammlung, und zum anderen gibt es eine sehr große Zahl an Büchern in und über Esperanto und andere Plansprachen im allgemeinen Bibliotheksbestand. Somit hat die Community Zugang zu wichtiger Literatur.

Die Esperanto-Sammlung ist eine historische Sammlung – die ehemalige Bibliothek des Esperanto-Instituts für das Deutsche Reich, die 1936 in die Staatsbibliothek kam. Dieses Institut hatte als staatliche Institution vor allem die Aufgabe, den Stand der Entwicklung des Esperanto festzuhalten. Der Briefwechsel zwischen dem letzten Direktor des Esperanto-Instituts, das nach dem Verbot der Esperanto-Verbände vor seiner Auflösung stand, und der Staatsbibliothek ist erhalten. In den 60er Jahren, kurz nach der Aufhebung des Esperanto-Verbotes in der DDR, wollten Ostberliner Esperantisten die Sammlung erschließen. Führend dabei waren Karl Maier und seine Frau Hedwig, die diese Sammlung sichteten, reinigten und einen Zettelkatalog anlegten, der bis in die 90er Jahre die Grundlage für den Zugang zur Esperanto-Sammlung war. Somit hat die Sammlung auch innerhalb der Staatbibliothek eine interessante Geschichte. Hochinteressante Werke sind die Erstausgabe des „Fundamento de Esperanto“ von 1905, die „Internationale Sprachnormung in der Technik, besonders in der Elektrotechnik“ von Eugen Wüster, dem Begründer der Terminologiewissenschaft, und seine Esperanto-Übersetzung von „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ von Chamisso. Ein besonders interessantes Stück der Sammlung ist eine Akte von 1922: In diesem Jahr befasste sich der Völkerbund mit Esperanto. Es gab unter anderem eine Konferenz, bei der Frankreich sein Veto einlegte, da es Bedenken hatte, dass Esperanto der Stellung der französischen Sprache schaden würde. Der allgemeine Bestand ist natürlich auch interessant. Das Bemerkenswerteste ist hier vielleicht das „Dua libro de l’lingvo internacia“, das zweite Buch Zamenhofs, 1888 kurz nach der Entstehung der Sprache erschienen. Man kann auch aktuelle Ausgaben der Zeitschrift des Esperanto-Weltbundes im Lesesaal in der Potsdamer Straße lesen.

Sie kennen die Esperanto-Sammlung ja sehr gut, was ist Ihr Lieblingsstück?

Da möchte ich eine Satire-Zeitschrift nennen, LA PIRATO. Sie stammt aus den 30er Jahren und wurde von Raymond Schwartz, dem berühmten Esperanto-Satiriker herausgegeben. Die Staatsbibliothek hat einiges von ihm. Seine Werke schätze ich sehr.

Die Fragen stellte Friederike Schmidt.

 

Heinz Mack – ein großartiger neuer Träger der Moses-Mendelssohn-Medaille

Seit 1993 wird die Moses Mendelssohn Medaille an verdienstvolle Persönlichkeiten verliehen, die sich im Sinne und in der Tradition des Denkens von Moses Mendelssohn für Toleranz und Völkerverständigung und gegen Fremdenfeindlichkeit engagiert haben. Die mit der Medaille geehrten Persönlichkeiten stehen in ihrem Wirken mit den Zielen des Moses Mendelssohn Zentrum und der Staatsbibliothek in Übereinstimmung und fördern mit ihrem Engagement die Verbreitung des Toleranzgedanken in der Gesellschaft.

Am Abend des 6. September verliehen – im Otto Braun-Saal des Hauses am Kulturforum – Professor Dr. Julius H. Schoeps, Vorstandsvorsitzender der Moses Mendelssohn-Stiftung und ich gemeinsam die Moses Mendelssohn Medaille an den Künstler und Mitbegründer der Gruppe ZERO. Die Laudatio übernahm Professor Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Landschaftsversammlung und des Landschaftsausschusses des Landesverbandes Rheinland.

In meiner Begrüßung der Gäste führte ich aus:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

lieber Herr Professor Schoeps,

verehrter Herr Mack, sehr geehrter Herr Professor Wilhelm,

liebe Freundinnen und Freunde der Staatsbibliothek,

 

Wir ehren heute Abend Heinz Mack und zwar vor dem Hintergrund der Erinnerung an Moses Mendelssohn. Wer mit der Moses Mendelssohn Medaille ausgezeichnet wird, muß sich verdient gemacht haben mit einem Engagement, das einen gesellschaftspolitischen Mehrwert besitzt. Und eben dies zeichnet viele Werke von Heinz Mack, deren Kennzeichen zunächst die Abstraktion der Formensprache ist, aus: ihre gedankliche Verwurzelung im Politischen, in der so schwierigen deutschen Geschichte. Ich möchte dies, meine Damen und Herren, an einem einzigen Beispiel ganz konkret verdeutlichen und Ihnen – Professor Wilhelm als Laudator wird dies in weitaus größerer Breite und Tiefe unternehmen – auch von meiner Seite aus zu beweisen versuchen, warum Heinz Mack ein sehr verdienter Träger unserer heute zu vergebenden Auszeichnung ist.

In der Innenstadt von Düsseldorf erinnerte die nach dem Krieg neuentstandene Berliner Allee an das Schicksal Berlins seit den Jahren der Luftbrücke und der Teilung der Stadt – und gleich benachbart befand sich der „Platz der Deutschen Einheit“ – verkehrumtost, zugig und ohne rechten ‚Ankerpunkt‘. Das Bekenntnis zur deutschen Einheit war in den achtziger Jahren ohnehin unmodisch geworden; eher floskelhaft wurde der politische Anspruch an die Wiedervereinigung aufrechterhalten, aber eine Verwirklichung schien unsagbar fern. Heinz Mack aber nahm sich der Herausforderung an und schuf einen Wasserbrunnen, eine der bis heute bedeutendsten Skulpturen in der an Kunst nicht eben armen Stadt Düsseldorf. Es geht um drei hintereinander stehende große Dreiecke aus Aluminium. Unterschiedlich groß sind diese leuchtenden Dreiecke, denn sie stehen für die Bundesrepublik Deutschland, die DDR und für Berlin, für West-Berlin als, wie man damals sagte, besondere politische Einheit. Zwischen 1986 und 1988 schuf Heinz Mack dieses Werk, das plötzlich ein neues Bewußtsein schuf für Getrenntes, das doch eigentlich vereint gehört.

 

Bei Nacht so effektvoll wie am Tag… – Foto: Ute Mack

Frau Ute Mack hat uns freundlicherweise zwei Bilder dieser Installation zur Verfügung gestellt, die ich die Freude habe, Ihnen präsentieren zu können. Doch zurück zu eben diesem Werk von Heinz Mack!

Als noch niemand an Willy Brandts Worte denken konnte vom Zusammenwachsenden, was zusammen gehört, verdeutlichte uns Heinz Mack mit den ganz identisch aussehenden, bloß in der Größe unterschiedlichen Dreiecken: eigentlich sind wir doch von ganz gleicher Gestalt und sollten jeden Tag so zusammenhalten und beieinanderstehen, wie es die drei stählernen Dreiecke so vorbildlich zeigen. Dreiecke sind es, die an Segel erinnern, an Segel, die Aufbruch verkünden und Fortentwicklung. Das alles umspült von Wasserfontänen, die manch einen an das Panta Rhei denken ließen, an das ‚Alles fließt‘ auch der politischen Weltgeschichte.

Ein Jahr später fiel die Mauer. Nicht wegen des Wasserbrunnens von Heinz Mack. Doch er schuf ein künstlerisch geformtes politisches Symbol in der besten aufklärerischen Tradition eines Moses Mendelssohn, er erinnerte an lange Vergessenes und gedanklich Verschüttetes, nämlich an das Verbindende im Trennenden. Zwei sich feindlich gegenüberstehende Staaten ganz unterschiedslos ihren Eindruck entfalten zu lassen, mit einer Perspektive nämlich, daß derjenige, der frontal vor den drei Segeln steht, nur noch ein einziges der Dreiecke sieht und damit einer gedanklichen Verschmelzung den Weg ebnet, das war ein prophetisches Zeichen.

Auch im Jahr 2017 – dreißig Jahre nach der Konzeption und im dritten Jahrzehnt des wiedervereinten Deutschland – noch immer von bestechender Wirkung – Foto: Heinz Mack

Ich erwähne diesen Brunnen auch deshalb in solcher Ausführlichkeit, weil wir zur heutigen Verleihung der Moses-Mendelssohn-Medaille wieder in Berlin zusammengekommen sind, der Stadt, in der Moses Mendelssohn 43 Jahre seines Lebens verbrachte, der Stadt aber auch, die wie keine zweite unter der deutschen Teilung gelitten hat und wie keine andere den Segen der Wiedervereinigung dankbar erfährt, Tag für Tag, auch noch 28 Jahre später.

Heinz Mack hat sich der deutschen Teilung künstlerisch angenommen, er hat einen bleibenden Beitrag zur Völkerverständigung geleistet und er ist ein großartiger neuer Träger der Moses-Mendelssohn-Medaille, die die Moses Mendelssohn-Stiftung in diesem Jahr zum zweiten Mal gemeinsam mit der Staatsbibliothek vergibt. Seien Sie alle herzlich willkommen; das Wort übergebe ich nun an den Vorstandsvorsitzenden der Moses Mendelssohn-Stiftung, Herrn Professor Schoeps.