Beiträge aus der Abteilung Historische Drucke

Neu im VD 17: Buchbestand der St. Bartholomäuskirche in Röhrsdorf bei Meißen

Weiteres Projekt zur Erfassung kleinerer Bibliotheksbestände in der VD 17-Datenbank erfolgreich abgeschlossen! Nochmals 185 Nova gefunden!

Ein Beitrag von Friederike Willasch.

Emblematische Darstellung von Bibelsprüchen in einem Gebetbuch von 1692. Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das Interesse von Bibliotheken und Institutionen an einem Nachweis ihrer Bestände im „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts“ (VD 17) ist groß – gerade auch bei kleineren Sammlungen. Die Staatsbibliothek zu Berlin als eine der VD 17-Trägerbibliotheken übernimmt immer wieder die Verzeichnung, wie etwa 2015 für die St. Nikolai-Kirchenbibliothek Spandau. Aktuell hat die Abteilung Historische Drucke die einschlägigen Bibliotheksbestände der St. Bartholomäuskirche in Röhrsdorf bei Meißen komplett im VD 17 erfasst. Und auch darunter befanden sich Drucke, die bisher nicht im VD 17 nachgewiesen waren.

Die Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf

Im Jahr 1737 wurde die St. Bartholomäuskirche zu Röhrsdorf im barocken Stil neu gebaut und 1750 zusätzlich aufgestockt, um Platz für ein Archiv und eine Bibliothek zu schaffen. Unterstützt wurde die Kirche dabei von ihrem Patronatsherrn Johann August von Ponickau (1718-1802). Er schenkte der Kirche 200 Bände theologischen Inhalts aus seiner Privatbibliothek, die zu einem Fundament des Bibliotheksbestandes wurden.

Die Bestände der Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf konnten außerdem durch Schenkungen und Nachlässe der ansässigen Pfarrer weiter wachsen. So stiftete zum Beispiel der Pfarrer Theodor Wilhelm Schmidt (1704–1779) der Bibliothek neben seiner Sammlung 100 Taler, deren Zinsen zur Anschaffung neuer Bücher verwendet werden sollten.

Der jetzt in der VD 17-Datenbank nachgewiesene Bestand der Kirchenbibliothek beläuft sich auf 1.570 Titel. Es handelt sich zu einem überwiegenden Teil um Dissertationen, von denen – kaum überraschend – ca. 70% theologische Dissertationen sind. Daneben finden sich insbesondere Funeralschriften wie Leichenpredigten, die auch im „Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften“ – herausgegeben von Rudolf Lenz – erfasst wurden. Eine große Anzahl der Leichenpredigten ist dabei Adeligen gewidmet und kann Einblicke in die Geschichte einiger sächsischer Adelsfamilien geben. Andere Gelegenheitsschriften des Bestandes wurden anlässlich von Festen und Einladungen, Einweihungen oder Amtsantritten angefertigt. Weitere typische Gattungen des Bestandes sind theologische Kommentare und Streitschriften, Gebet- oder Gesangbücher, darüber hinaus Predigten.

Interessant sind besonders die 185 bisher noch nicht im VD 17 nachgewiesenen Drucke, die – soweit konservatorisch möglich – durch die Staatsbibliothek zu Berlin im Rahmen des noch bis 2018 laufenden VD 17-Unika Projekts digitalisiert werden konnten. Sie stehen der Forschung jetzt über die Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zur Verfügung. Auch unter diesen Nova, die etwa 12% des VD 17-Bestandes der Kirchenbibliothek ausmachen, finden sich überwiegend Dissertationen und viele Gelegenheitsschriften. Bemerkenswert ist aber, dass ca. 40% der im Bestand vorhandenen Gebet- und Gesangbücher erstmalig im VD 17 verzeichnet werden konnten.

Bücher aus dem Besitz der Familie von Ponickau

Charakteristisch für viele Bände aus der Kirchenbibliothek ist die auffällige Prägung des Schriftzuges „Der Kirche zu Roehrsdorff“ auf dem vorderen Buchdeckel. Einige Bücher liefern darüber hinaus Hinweise auf ihre Vorbesitzer, wie handschriftliche Vermerke oder Supralibros. Allein der einstige Patronatsherr der Kirche, Johann August von Ponikau, hinterließ solche Spuren in 9 Exemplaren. Auf dem Titelblatt eines Gebet- und Andachtsbuches findet sich unten rechts – fast unbemerkt neben dem auffälligen schwarz-roten Titel – sein handschriftlicher Namenszug „J A v Ponicau“.

Namenszug von Johann August von Ponickau in einem Gebetbuch von 1700. Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Johann August von Ponickau stammte aus einem sächsischen Adelsgeschlecht und war Hofrat des Herzogs Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg, bevor er nach dem Tod seines Vaters zunächst auf den Familienbesitz Klipphausen in der Nähe von Röhrsdorf zurückkehrte und später nach Dresden umzog. Am kursächsischen Hof in Dresden war der bibliophile Adelige überaus geschätzt und erhielt 1751 den Titel eines Geheimen Kriegsrats. Dank eines beachtlichen Erbes konnte Johann August von Ponickau eine ansehnliche Büchersammlung mit ca. 14.000 Bänden aufbauen, die er katalogisieren ließ und deren Benutzung er für wissenschaftliche Studien gestattete. Sein Interesse galt vor allem der sächsischen Geschichte.

Eine fast vollständige Erblindung und der Mangel an eigenen Nachkommen veranlassten ihn, nach einer geeigneten Unterbringung für seine Sammlung zu suchen. Neben der Stiftung an die Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf überließ er den Großteil seiner Privatbibliothek deshalb 1789 der Universität Wittenberg. Dort überstand sie Anfang des 19. Jahrhunderts zunächst unsichere Zeiten, als napoleonische Truppen die Stadt Wittenberg besetzten und die Universitätsbibliothek überstürzt geräumt werden musste. Eine Verlegung des Bestandes nach Dresden gelang nicht rechtzeitig vor Beginn der Befreiungskriege 1813, sodass die Ponickau-Sammlung zwischengelagert werden musste und erst nach dem Krieg wieder zurück nach Wittenberg gebracht werden konnte. Mit den folgenden territorialen Verschiebungen wurde auch der Verbleib der Ponickau-Sammlung neu geregelt. Da die Universitäten in Wittenberg und Halle zusammengelegt wurden, zog die Ponickau-Sammlung nach Halle um und ist dort heute als Sondersammlung Bibliotheca Ponickaviana ein bedeutender Bestand der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt.

Namenszug von Johanna Sophia von Ponickau in einem Spener’schen Gebetbuch. Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Durch die Provenienzangaben ist der Bestand der Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf auch Ausdruck ponickauischer Familiengeschichte. Denn Besitzvermerke in etwa 70 Exemplaren – manchmal sind sogar mehrere Vorbesitzer zu identifizieren – weisen auf die verwandtschaftlichen Verzweigungen der Familie von Ponickau mit der sächsisch-meißnischen Adelsfamilie von Miltitz und mit der Familie von Löschbrandt hin. So vermerkte zum Beispiel Johanna Sophia von Ponickau, eine Tante Johann Augusts, die 1701 in die Familie von Miltitz einheiratete, ihren Namen handschriftlich in einem mit Goldschnitt und verzierten Schließen versehenen Gebetbuch. Die evangelischen Gebetbücher dienten der privaten Erbauung, was auch eine Erklärung dafür sein kann, dass etwa ein Viertel dieser Besitzvermerke aus dem Umfeld der Familie von Ponickau in Gebetbüchern auftritt. Diese Bücher waren für den Gebrauch bestimmt und überdauerten daher nicht immer Jahrhunderte. Eine vollständige Erfassung aller Ausgaben aus dem 17. Jahrhundert ist kaum möglich und jeder Nachweis ein Gewinn.

Ein Kooperationsprojekt wie dieses lebt von guter Zusammenarbeit und Unterstützung vor Ort: Unser Dank gilt Pfarrer Christoph Rechenberg und Holger Reichmann, die mit ihrem Engagement und den geleisteten Vorarbeiten dieses Projekt erst möglich gemacht haben.

Embleme christlicher Tugenden in Johann Arndts Paradiesgärtlein (1686). Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Nochmal Bibel – Thesen – Propaganda: Ihre Spenden retten Kulturgut

Viele Besucherinnen und Besucher unserer Reformationsausstellung haben Geld in die dort aufgestellte Spendenbox gesteckt: Was ist daraus geworden?

Ein Beitrag von Friederike Willasch.

Beschädigter Buchrücken aus Leder. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Unsere erfolgreiche Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“ hat noch eine sehr positive Nachwirkung: Dank Ihrer Unterstützung können nun dringliche Restaurierungsfälle in der Abteilung Historische Drucke und in der Handschriftenabteilung beauftragt werden: eine Flugschrift des Reformators Martin Bucer aus dem Jahr 1540 und einige Einblattdrucke.

Neben Luther und Melanchthon der bedeutendste der deutschen Reformatoren: Martin Bucer (1491-1551)

In ärmlichen Verhältnissen in Schlettstadt aufgewachsen, sah Martin Bucer im Eintritt in den Dominikanerorden seine Chance zu Studieren. Tatsächlich wurde er von seinem Orden zum Studium nach Heidelberg geschickt. Martin Luthers Auftritt am Tag der Heidelberger Disputation im Jahr 1518 wurde zum Wendepunkt in seinem Leben. Der Dominikanermönch Bucer wandte sich nun dem reformatorischen Gedankengut zu, wurde aber erst 1521 aus dem Orden entlassen. Nachdem er wegen seines Einsatzes für die reformatorische Theologie exkommuniziert worden war, nahm ihn Ende 1523 die Reichsstadt Straßburg auf. Dort wirkte er an dem Aufbau eines evangelischen Kirchenwesens mit und erlangte weit über die Grenzen Straßburgs hinaus Bedeutung. In den Folgejahren leistete er anderen Reichsstädten und  -territorien Unterstützung bei der Durchsetzung der Reformation und beim Entwurf von Kirchenordnungen. Dabei  setzte er sich immer zum Ziel, zwischen den einzelnen  protestantischen Strömungen zu vermitteln, damit die Protestanten als Einheit für evangelische Freiheit und Reformation auftraten.

Lose Seiten im Bucer-Druck von 1540. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

„Von Kirchengütern“ (1540): eine deutsche Flugschrift der Reformation

Defekte Fadenheftung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Bucer fehlte zwischen 1529 und 1546 bei keinem der zahlreichen Religionsgespräche zur Verständigung zwischen den Konfessionsparteien. Er war auch intensiv an den Religionsgesprächen in Leipzig, Hagenau, Worms und Regensburg beteiligt, die in den Jahren 1539 bis 1541 von Kaiser Karl V. initiiert wurden, um zu einer Verständigung zwischen Protestanten und Katholiken zu gelangen. Bucer entwickelte sich durch seine unermüdliche Dialog- und Kompromissbereitschaft zum herausragenden Vermittlungstheologen, auch wenn er die zunehmende Konfessionalisierung letztlich nicht verhindern konnte.

Martin Bucers „Von Kirchengütern“  ist ein Zeugnis seiner Vorbereitung und Verarbeitung dieser Religionsgespräche. Denn bei der Entwicklung neuer Kirchenordnungen im Zuge der Reformation stellte sich die Frage, wie mit Kirchengütern (Eigentum, Nutzungsrechte bzw. Einkünfte aus Abgaben) zu verfahren sei. Konnten sie einfach in den Besitz der sich entwickelnden Evangelischen Kirche übergehen oder sollten sie säkularisiert werden? Es drohte ein Rechtsstreit zwischen Kaiser Karl V. und den Protestanten. Bucer argumentiert unter anderem mit dem richtigen Gebrauch von Kirchengütern, die dem Kirchendienst zugute kommen sollten, aber keinesfalls als Privatbesitz von Klerikern behandelt werden dürften. Zu diesem Zweck setzt er sich für eine Trennung der geistlichen und weltlichen Aufgaben ein  und befürwortet eine Einziehung des Kirchengutes durch die protestantische Obrigkeit.

Der Druck von 1540 gehört trotz seines beachtlichen Umfangs von 139 Blatt zur Sammlung der Flugschriften der Reformation, eine Sammlung von ca. 1.800 alphabetisch geordneten Drucken, die gerade nicht von Martin Luther stammen. Die Luther-Drucke wurden in der weltberühmten, nach 1945 leider verschollenen Luther-Sammlung aufgestellt. Flugschriften waren eine bewährte Form zur Austragung von religiösen Diskussionen und Streitfragen ­­­­– und zwar für alle protestantischen Bewegungen. Über Flugschriften ließ sich reformatorisches Gedankengut bestens verbreiten, da sie in deutscher Sprache und zudem verständlich geschrieben wurden. Da vielerorts die Herstellung und sogar der Besitz von reformatorischen Schriften unter Strafe stand, wurde die Herkunft dieses Werkes verschleiert. Bucer verwendete das Pseudonym Konrad Trewe von Friedensleben, der Straßburger Drucker Johann Prüss tarnte sich im Kolophon als “Johan Gutman” aus “Freiberg”.

Ein Ausschnitt des rot eingefärbten Buchdeckels. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bucers Werk im Kurfürstlichen Einband

Die rotbraune Farbe und der Firnis auf den Buchdeckeln lässt eindeutig erkennen: Unser Exemplar war bereits in der Bibliothek des Großen Kurfürsten vorhanden. Noch im  16. und 17. Jahrhundert galten Bücher als Luxusgegenstände und Sammelobjekte, sodass an vielen europäischen Fürstenhöfen Bibliotheken entstanden, die diesen Besitz zur Schau stellten. Der Hohenzoller Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1640-1688) begründete mit seiner Privatbibliothek die spätere Königliche Bibliothek. Im Vordergrund stand nicht nur der Ausbau und die Pflege der Kurfürstlichen Bibliothek, sondern auch deren angemessene Repräsentation. Dazu zählte der Plan eines formvollendeten Bibliotheksbaus und auch die Bücher selbst sollten Teil der Architektur sein, im einheitlichen roten Rindsledereinband. Der Tod des Großen Kurfürsten im Jahr 1688 verhinderte den Bibliotheksbau, doch die Einbände sind noch heute im Historischen Bestand der Staatsbibliothek sichtbar. Fehlende finanzielle Mittel waren ein Grund dafür, dass in vielen Fällen lediglich der Rücken erneuert und die vorhandenen Buchdeckel rot eingefärbt wurden.

Die Mittel aus der Spendenbox ermöglichen uns nun, diesem Druck aus der Reformationszeit die dringend notwendige Restaurierung des Einbandes und der Heftung zukommen zu lassen und so den Band für die Benutzung wieder zugänglich zu machen. Mit den übrigen Mitteln können noch einige stark angegriffene Einblattdrucke restauriert werden.

Allen Spenderinnen und Spendern sei an dieser Stelle herzlich gedankt!

 

Meine Leidenschaft für das Buch!

Die Bürgerstiftung Berlin ist Ausdruck des privaten Engagements Berliner Bürgerinnen und Bürger, die mit gezielten Projekten das Zusammenleben der Menschen in der Hauptstadt stärken. Mit der Bürgerstiftung Berlin können die Bürgerinnen und Bürger der Stadt mehr Mitverantwortung für die Gestaltung ihres Gemeinwesens übernehmen. Eigeninitiative und Gemeinsinn bilden den ideellen Kern. Daraus entwickeln sich die Projekte, die die Kompetenzen jedes Einzelnen fördern.

Die Stiftung motiviert seit nunmehr 15 Jahren Mitbürger zum gesellschaftlichen Engagement. Im Fokus der Projekte, die seit der Stiftungsgründung umgesetzt wurden, steht die Arbeit mit sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen.

Als Mitglied des Kuratoriums der Bürgerstiftung wurde ich gebeten, das Sommerfest 2017 im St.-Michaels-Heim am Herthasee im Grunewald durch ein Grußwort zu begleiten, in dem ich meine Leidenschaft für das Buch beschrieb. Dieser Bitte kam ich – nicht zuletzt als Unterstützerin der Aktion „LeseLust“ – ehrenamtliche Lesepaten besuchen Kinder in Berliner Grundschulen und Kindergärten, um mit ihnen gemeinsam zu lesen oder Bilderbücher anzusehen – sehr gerne nach und berichtete den mehr als 100 Gästen:

 

Liebe Gäste, liebe Freundinnen und Freunde, meine Damen und Herren,

die Bürgerstiftung bat mich, Ihnen von meiner Leidenschaft für das Buch zu erzählen. Dem komme ich gerne nach, wenngleich die Sache ein wenig vielschichtiger ist, als man zunächst vermuten mag, denn als Generaldirektorin der Staatsbibliothek – Preußischer Kulturbesitz habe ich eine Leidenschaft für das Buch als solches wie auch für unsere Sammlung von mittlerweile elf Millionen Büchern. Sie mögen sich nun fragen, ob in einem solchen Massenbetrieb denn auch das einzelne Buch noch immer die nötige Wertschätzung besitzt und erfährt oder ob man, irgendwann nach dem siebenmillionten Buch, abstumpft, und das Buch, wie die vielen Baumstämme eines großen Waldes, nur noch in Regalkilometern begreift: nein, ganz gewiss nicht. Denn jedes einzelne Buch wird ja irgendwann entliehen, manches häufig, manches seltener, aber jedes einzelne Buch beschäftigt dann einen Leser oder eine Leserin, tritt in einen Lektüredialog mit einem Menschen. Und jedes Buch sorgt für einen Erkenntnisgewinn, hoffentlich häufig für positive und hilfreiche Erfahrungen! (denn es gibt ja auch genug Bücher, über die wir uns eigentlich nur ärgern und die wir rasch wieder vergessen wollen). Jedes Buch also unter diesen 11 Millionen Büchern erfüllt einen Zweck: es bildet, es unterrichtet oder es unterhält, je nach Natur des Buches und der Fragestellung des Lesers und der Leserin. Was für ein wunderbarer Beruf, so werde ich oft angesprochen, Bücher zu kaufen und zu vermitteln, um für Forschung und Kultur tätig zu sein – und überdies so nachhaltig. Kein Schauspielintendant, kein Opernregisseur verfügt über einen sich immer weiter vergrößernden Kultur- und Wissensschatz; die darstellenden Künste liefern einen Abend lang ein wunderbares Momenterlebnis, das dann anschließend aber nur noch in unser Erinnerung, in unserem Gedächtnis weiterlebt. Haptisch greifbar ist allein noch das Programmheft – und dies ist sogar schon wieder sammelnswert für eine Bibliothek…

Meine Leidenschaft für das Buch entstammt also zu einem Gutteil der schönen Erfahrung, Teil einer nützlichen Zirkulationsbewegung zu sein. Wenn ich mich morgens dem Bibliotheksgebäude nähere, sitzen sie auf den Fahrrädern, entsteigen den Bussen und den S-Bahnen: Menschen, die in den klarsichtigen Plastiktüten der Bibliothek unsere Bücher wieder zurückbringen. Ein schönes Gefühl, darüber nachzudenken, daß diese Menschen den gestrigen Abend über diesen Büchern verbracht haben, über Büchern, die aus öffentlichen Mitteln erworben wurden, um möglichst vielen Menschen nacheinander nützlich zu sein. Bücher, die nun neuerlich in den großen Kreislauf eingespeist werden, Bücher, die teilweise schon vorbestellt sind, weil andere Leserinnen und Leser dringlich auf sie warten. Und wenn ich im Laufe des Tages aus dem Fenster meines Dienstzimmers blicke, sehe ich wieder andere Menschen, die die Stahlkörbchen auf ihren Fahrrädern befüllen mit wieder neuen Büchern, denn die Lektüre wissenschaftlicher Werke weckt das Verlangen nach weiteren Büchern, um das bisher Gelesene zu überprüfen, die bis dato gewonnenen Erkenntnisse zu erweitern oder neuen Seitenpfaden nachzugehen.

Können Sie meine Begeisterung nachvollziehen? Ich hoffe ja, aber ich soll Ihnen ja nicht von der Begeisterung für das Buch und die Bücher erzählen, sondern von der Leidenschaft, was ja noch einmal eine ganze Menge mehr ist. Begeistert von Büchern sind sicherlich die meisten von Ihnen, denn wer sich als Lesepatin oder als Lesepate ehrenamtlich engagiert, wird dem Buch als Kulturgut ohnehin mehr als gewogen gegenüberstehen. Wie aber entsteht Leidenschaft? „Das Buch“ – was ist das eigentlich für die meisten von uns? In aller Regeln denken wir zunächst an die eigenen heimischen Bücherregale, in denen sich anfindet, was in den vergangenen Jahrzehnten den Weg in die eigenen vier Wände fand: gekauft oder geschenkt, selten aber einmal älter als dreißig oder vierzig Jahre. – In der Staatsbibliothek aber sieht die Sache ein wenig anders aus und erinnert uns daran, auf welchen hohen kulturellen Schultern wir heute stehen. Seit gut 550 Jahren kann man Bücher nach dem Gutenberg’schen Verfahren drucken – und diese frühen Kulturzeugnisse sind Dokumente der deutschen, der europäischen und der Menschheitsgeschichte, die wir zu Tausenden besitzen, pflegen und im Rahmen von Ausstellungen auch präsentieren. Als das Drucken mit beweglichen Lettern noch eine solche technische Sensation war wie das Internet vor 20 Jahren eine gigantische Innovation darstellte, da entstanden die ersten massenhaft gedruckten Bücher – und manche dieser Bücher haben schon damals in der Tat die Welt sehr nachhaltig verändert.

Wir haben diesen Umstand gerade zu Beginn dieses Jahres wieder eindrucksvoll erfahren können, als wir in unserer viel beachteten Ausstellung zu „500 Jahren Reformation“ verdeutlicht haben: Kernstück der beginnenden Reformation war im Herbst 1517 der Druck der95 Thesen Martin Luthers! Dieses einseitig bedruckte Blatt wurde überall blitzschnell nachgedruckt, es verbreitete sich aufgrund des modernen Bleisatzes so schnell wie heute eine Nachricht in den sozialen Medien. Die Reformation wäre anders verlaufen, vielleicht auch in ihren Anfängen versiegt und versandet, wenn sich nicht Luther und seine Anhänger die neuartige Methode des Druckes zu Eigen gemacht hätten. – Und so ging es weiter: auch der Dreißigjährige Krieg setzte auf Propaganda, auf gedruckte Pamphlete und Traktate. All diese Druckerzeugnisse, mit denen eine Einzelperson oder eine Gruppe von Menschen andere Menschen lenken oder manipulieren, belehren und bekehren, aufhetzen oder überzeugen möchte, versammeln sich in der Staatsbibliothek. Ahnen Sie, wie Leidenschaft wachsen kann, wenn man erkennt, welchen Stellenwert in der Menschheitsentwicklung der vergangenen Jahrhunderte das gedruckte Buch besessen hat – und wenn man diese Schätze verwalten und vermehren darf?

Ich sprach eben von der Menschheitsentwicklung – und habe ganz bewusst dieses große Wort gewählt. Das Buch ist ja – trotz aller Diversität – ein weltumspannendes Medium. Diese Tatsache mögen Sie eine Binsenweisheit nennen, und doch berührt es mich jedes Mal auf eine eigentümliche und ganz faszinierende Weise, Bücher aus fremden Kulturkreisen in Händen zu halten, Bücher in mir ganz unverständlichen Sprachen und Schriftzeichen. Eine so große und global ausgerichtete Bibliothek wie die Staatsbibliothek erwirbt Literatur aus aller Herren Länder – und hin und wieder fällt bei Führungen durch unsere Häuser mein Blick auf Bücher, die sich anschließend als solche aus Georgien, aus Kambodscha oder aus Armenien herausstellen. Ja, so entsteht Leidenschaft, wenn die weltumspannende Wirkung des Buches greifbar wird. Egal, welche Sprache wir sprechen, an welchen Gott wir glauben und auf welchem Kontinent wir leben: das Buch ist Medium der Verständigung, des Diskurses und der Kontroverse, durch das Buch vollziehen sich Bildung und Forschung, heitere Zerstreuung und politische Agitation. Ein wirklich faszinierendes Objekt, das Buch – und nicht allein das Buch! Denn wir Bibliothekarinnen und Bibliothekare spannen den Radius ja ein wenig breiter: das Universum Buch umfasst auch Karten und gedruckte Partituren und Libretti, Karten und Stadtpläne, Zeitschriften und Tageszeitungen – letztlich den gesamten Kosmos des Gedruckten.

Sie erkennen, meine Damen und Herren: Bücher sind nützlich, sie können die Welt verändern und sie sind das weltweite Informationsmedium – seit Jahrhunderten. Auch noch in der Zukunft? Wir wissen es nicht. Die Bedeutung des gedruckten Buches wird mit der weiteren Vervollkommnung des Digitalen Zeitalters schwinden, ohne Frage. Zweifeln Sie aber nicht am Buch, das wäre ganz falsch. Halten Sie dem Buch mit all seinem Potential, mit seiner großen geschichtlichen Vergangenheit und seiner kaum absehbaren digitalen Zukunft die Treue – so wie ich es mit Leidenschaft seit über 30 Jahren Tag für Tag tue!

Besuchen Sie die Bürgerstiftung!

Der Paukenschlag zum Kirchentag – Wiederaufnahme der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda

Nicht verpassen! Noch einmal sind die 95 Objekte zur Reformationsgeschichte zu sehen.

Unsere erfolgreiche Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“ wird als eines der Highlights im Regionalen Kulturprogramm zum Evangelischen Kirchentag erneut gezeigt. Und am Himmelfahrtstag gibt es dazu noch ein Sonderprogramm: “Trommeln für die Reformation”.

Papstesel, Quartdruck mit Nachschnitten des Bilderzyklus, um 1600. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Wann?

24. bis 28. Mai, 11-20 Uhr, Sonntag 11-18 Uhr
Führungen jeweils 15 und 17 Uhr
Eintritt frei

Wo?

Staatsbibliothek zu Berlin
Dietrich-Bonhoeffer-Saal
Haus Potsdamer Straße 33 am Kulturforum
10785 Berlin

 

Luther macht Druck, Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 489. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016

 

Unsere Favoriten unter den 95 Objekten

 

Leipziger Plakatdruck 1517 (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz)

 

Sonderprogramm am Himmelfahrtstag: “Trommeln für die Reformation” um 14:20 Uhr und um 16:20 Uhr

In seiner “Bibliomacheia” aus dem Jahre 1746 wetterte der katholische Theologe und Dekan des Domkapitels in Prag-Wyschehrad gegen Martin Luther, die Reformation und vor allem die lutherische Bibelübersetzung:

Wer ist aller dieser Schwärmer Anfang und Ursach? als du Luther Merten, der du durch deine Biblische Reformations-Trommel alle zu Narren gemacht hast.
… sie lauffen aus den Klöstern, entweichen aus den Dohm-Stüfften, sie verlassen die Pfarreyen und rennen … der Lutherischen Bibel-Trommel nach, welche sie führet zur endlichen Abgötterey und Ohngötterey.

Am Himmelfahrtstag, den 25.5. 2017 erklingen vor der Staatsbibliothek tatsächlich “Reformations-Trommeln” im Sambarhythmus, um auf die Wiederaufnahme unserer Ausstellung aufmerksam zu machen:

Um 14:20 Uhr und um 15:20 Uhr trommelt die junge und dynamische Berliner Sambagruppe BLOCO CAJU. Die Berliner Trommler haben sich der brasilianischen Musik, vor allem der Musik aus dem Nordosten Brasiliens, wo die afrikanischen Einflüsse noch besonders deutlich zu hören sind, verschrieben. Ihre Instrumente sind Trommeln verschiedenster Art: von den großen Bass-Surdos bis zu den geflochtenen Korbrasseln, durchaus ergänzt von Gitarre und Gesang.

Rahmenprogramm zur Ausstellung am Himmelfahrtstag: Auftritt der Berliner Sambagruppe BLOCO CAJU vor der Staatsbibliothek. Geleitet wird die Gruppe von Eddie Zuber, einem unserer Ausstellungs-Guides. Foto: SBB-PK, Christiane Caemmerer

BLOCO CAJU tritt regelmäßig auf Samba-Festivals, so dem Samba Karneval in Bremen, dem Sambosta Festival Cottbus und dem Samba Syndrom in Berlin auf. Sie war aber auch auf der Streetparade in Zürich, der Fête de la Musique, dem 1. Mai in der UFA Fabrik und dem Musikfestival Klangwelten in Berlin mit ihrer Musik vertreten.

Wie die Musik der Gruppe leitet sich auch ihr Name aus dem Nordosten Brasiliens her: Die Caju ist eine äußerst vitamin- und minerialienreiche Frucht, deren getrockneter Kern uns als Cashewkern bekannt ist.

Prinzessinnen-Bibliothek erworben

Staatsbibliothek zu Berlin und Stiftung Preußische Schlösser und Gärten erwarben gemeinsam Prinzessinnen-Bibliothek

Stiftungen und Privatpersonen für die Kultur- und Wissenschaftsregion Berlin-Brandenburg engagiert

Fünf Stiftungen und 120 Privatpersonen unterstützten die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, SPSG, und die Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, SBB-PK, beim gemeinsamen Erwerb der Prinzessinnen-Bibliothek. Diese setzt sich aus den einstigen Privatbibliotheken dreier hochadliger Damen zusammen, die alle in enger verwandtschaftlicher Verbindung zu Friedrich II. von Preußen (1712-1786) standen: Seine Mutter Sophie Dorothea von Hannover, Königin in Preußen (1687-1757), seine Schwester Luise Ulrike von Preußen, Königin von Schweden (1720-1782), und seine Nichte Sophie Albertine, Prinzessin von Schweden und Äbtissin des Reichsstifts Quedlinburg (1753-1829).

Die zuvor in Stockholm aufgestellte Büchersammlung umfasst 1.445 Titel in 4.500 Bänden. In den Titeln wie auch in den verschiedenen Ausgaben spiegelt sich das Spektrum weiblicher Bildung im europäischen Hochadel: Enthalten sind vor allem französischsprachige Drucke des 17. bis 19. Jahrhunderts, zu jeweils etwa 5% sind Texte in Deutsch oder Schwedisch verfasst. Neben der Schönen Literatur dominieren die Bereiche Geschichte, hof- und adelsbezogene Biographien, Memoiren, Briefausgaben, Hofkalender und Reiseliteratur, auch Tafelwerke, Graphikmappen und einzelne Handschriften. Alle Bände sind Unikate aufgrund ihrer Provenienzen, die sich in zahlreichen Supralibros, Exlibris und Widmungen manifestieren. Die Bibliothek gehört zu den wenigen vollständig erhaltenen Büchersammlungen hochadliger deutscher Frauen, sie ist ein unikales kulturelles Vermächtnis.
Die Privatbibliotheken von Sophie Dorothea und Luise Ulrike gingen in die Privatbibliothek der als letzte der drei Damen geborenen Sophie Albertine ein. Deren Kammerzofe Lolotte Forsberg verh. Gräfin Stenbock wurde testamentarisch als Erbin benannt. Die aus drei Teilen bestehende Prinzessinnen-Bibliothek verblieb lange in der Familie Stenbock, bevor sie an ihren vorletzten Besitzer, einen Privatsammler, ging.

Kauf durch großzügige Förderer ermöglicht

Beim Kauf der Prinzessinnen-Bibliothek konnten sich die beiden neuen Eigentümer, die SBB-PK und die SPSG, auf das Engagement von Stiftungen und Privatpersonen stützen, die allein drei Viertel der Kaufsumme aufbrachten. Allen Förderern war es ein besonderes Anliegen, das mit seiner inhaltlichen Geschlossenheit und seinem makellosen Erscheinungsbild seltene Zeugnis höfischer Kultur wie auch europäischer Kunst- und Kulturgeschichte für die Region Berlin-Brandenburg zu sichern.

Die Kulturstiftung der Länder und die Rudolf-August Oetker-Stiftung trugen allein mehr als die Hälfte der Kaufsumme, die B. H. Breslauer Foundation mit Sitz in New York unterstützte ein weiteres Mal in großzügiger Weise den Erwerb von Kulturgut, das sich perfekt in das Umfeld hiesiger Bestände einfügt. Die Wüstenrot-Stiftung und die Stiftung Preußische Seehandlung ergänzten die Erwerbungsmittel ebenfalls deutlich.

Besonders zu danken ist den 120 Privatpersonen, die von den Freunden der Staatsbibliothek zu Berlin e.V. gewonnen wurden, mit privaten Spenden ihr außerordentliches Bekenntnis zum Ausbau einzigartiger Sammlungen in der Region Berlin-Brandenburg zu geben.

Für Forschung und Kultur

Ihre außerordentliche Bedeutung für die Wissenschaft wie auch für das kulturelle Erbe der Region erlangt die Prinzessinnen-Bibliothek durch mehrere Aspekte. Zunächst dadurch, dass die Staatsbibliothek zu Berlin in hohem Maße Titel hinzugewinnt, die bislang nicht vorhanden waren oder als Kriegsverlust angesehen werden mussten.

Die Forschung wird sich neuer Fragen zuwenden können, so lassen sich etwa Rückschlüsse auf das Leseverhalten, die Interessen und das Selbstverständnis weiblicher Angehöriger des schwedischen und hohenzollerischen Hochadels ziehen. Auch können die Teilsammlungen der Mutter, Schwester und Nichte Friedrichs II. hinsichtlich ihrer literarisch-thematischen Entwicklungen und der Verzahnungen über die Generationen hinweg oder hinsichtlich der Verbindungen zweier europäischer Herrscherhäuser untersucht werden. Zudem bieten die vielen handschriftlichen Eintragungen  Ansatzpunkte für neue Fragestellungen.

Die Sammlung ermöglicht aufgrund ihres sehr guten Zustandes wie auch der exquisiten Ausstattung vielfältige buchkundliche und kunsthistorische Forschungen. Teils wurden die Bücher auf Seide gedruckt und zumeist von deutschen und schwedischen Hofbuchbindern exquisit eingebunden.

Die Prinzessinnen-Bibliothek wird zu großen Teilen in der Staatsbibliothek aufbewahrt. Die modernen Tresormagazine im Haus Unter den Linden wie auch der Zusammenhang zu den sonstigen Sammlungen der Bibliothek, die ihre Wurzeln im preußischen Königshaus hat, bilden für die Forschung ein einmaliges kontextbezogenes historisches Umfeld, das von dem tief gestaffelten Apparat einschlägiger Fachliteratur flankiert wird. Für die Aufstellung in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg werden etwa 500 passende Bände ausgewählt und künftig im Schloss Rheinsberg präsentiert. Damit kann der historische Bibliotheksraum, den der Bruder Friedrichs II., Prinz Heinrich von Preußen (1726-1802), hier nach 1786 eingerichtet hatte, wiedergewonnen werden.

Honorarfreie Abbildungen mit Kurzbeschreibungen

http://staatsbibliothek-berlin.de/aktuelles/presse-news/pressebilder/aktuelle-themen/

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Zahlreiche Medien berichteten über diese Erwerbung, u. a.

Faltblatt aus „Vorstellung Deß jüngst=erschienenen COMETEN“ von Johann Mayer, Ulm 1681 – SBB PK Signatur: On 6700R (CC BY-NC-SA 3.0)

Kometen zwischen Wunderzeichen, Astrologie und Physik: Werkstattgespräch am 27.4.

Wissenswerkstatt

Kometen zwischen Wunderzeichen, Astrologie und Physik. Zur Materialität von Wissenswandel in der Frühen Neuzeit

Werkstattgespräch mit Doris Gruber (Graz/Wien – 2017 Stipendiatin im Stipendienprogramm der SPK und der Gerda Henkel Stiftung Wien)
Donnerstag, 27. April 2017
18.15 Uhr
Konferenzraum 4
Haus Unter den Linden (Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt im Eingangsbereich (Rotunde)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Kometen riefen in Vergangenheit wie Gegenwart intensive Kommunikationsprozesse hervor. Am Beginn der Frühen Neuzeit wurde einhellig angenommen, dass Kometen Vorboten nahenden Unglücks – wie Hungersnöten, Pest und Krieg – seien. Diese Anschauungen untermauerten weithin akzeptierte Wissensbestände: So wurden Kometen als Teil der Heilsgeschichte betrachtet, laut der Wunderzeichen mitunter das Ende der Welt anzeigen würden. Außerdem deuteten auch astrologische und physikalische Theorien darauf hin, dass Kometen nichts Gutes mit sich brächten. Im Laufe der Frühen Neuzeit wandelten sich diese Wissensbestände jedoch, was dazu führte, dass die negativen Bedeutungen der Kometen immer häufiger angezweifelt wurden, unter anderem aufgrund neuer (empirisch gewonnener) Erkenntnisse.
Diese Wissenswandel werden anhand der zeitgenössischen Publizistik des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation untersucht. Im Zentrum steht, welche Rolle die Materialität der Medien dabei spielte. Dabei wird insbesondere gefragt, ob sich Kometenwissen auch dadurch veränderte, dass es in unterschiedlichen Formen transportiert wurde: als Text oder Bild in Form von Flugblättern, Flugschriften, Büchern, Zeitschriftenartikeln oder Schreibkalendern.

 

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Reihe “Die Materialität von Schriftlichkeit”

 

Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.

Johannes Block aus Pommern – der stumme Prediger und seine sprechende Bibliothek

Auch in der Staatsbibliothek des 21. Jahrhunderts sind noch Entdeckungen möglich. So staunte Falk Eisermann, der Leiter des Inkunabelreferats, nicht schlecht, als er im Magazin auf den Namen eines alten Bekannten aus dem 16. Jahrhundert stieß. Eigentlich wollte er nur zwei Inkunabeln ausheben, um sie einer Seminargruppe als Studienobjekt zu präsentieren. Ihn interessierte vor allem eine Cicero-Ausgabe von 1465 aus der Mainzer Offizin Peter Schöffers (GW 6921), an die ein Rostocker Druck des Vinzenz von Beauvais von 1477 angebunden ist (R 358). Der Besitzvermerk Liber Johannis Block presbyteri Caminensis diocesis predicatoris machte den Fachmann für alte Bücher stutzig. Konnte es sein, dass der Kamminer Priester mit dem Prediger und Reformator Johannes Block identisch war, den Eisermann als Buchbesitzer aus der Kirchenbibliothek Barth kannte?

Der Barther Reformator Johannes Block. Bild von der Predigtkanzel der Marienkirche Barth (um 1580). Foto: Eva Wunderlich. Lizenz: CC-BY-NC-ND (3.0)

Dieser Johannes Block aus Barth ist eine rätselhafte und zu Unrecht unterschätzte Figur. Als Zeitgenosse, teilweise auch als Protegé der Wittenberger Reformatoren Martin Luther und Johannes Bugenhagen hat er die pommersche Herzogsstadt Barth reformiert. In Kirchenakten ist er aber kaum bezeugt. Leider hat er auch keine eigenen Schriften hinterlassen. Niemand hat sich die Mühe gemacht, auch nur eine seiner Predigten aufzuzeichnen. So wäre Block heute vergessen, hätte er nach seinem Tode nicht seine Gelehrtenbibliothek der Barther Marienkirche überlassen. Glücklicherweise hat Block in seinen Büchern teilweise seine Lebensstationen und Berufe notiert. Sie verraten, dass er nicht nur in Pommern gewirkt, sondern auch zu den frühesten Wanderpredigern in Preußen, im Baltikum und in Finnland gehört hat.

Ein weiteres Glück war, dass Eisermann wusste, dass der Verfasser dieses Blog-Beitrags seit 20 Jahren an der Rekonstruktion von Blocks Bibliothek arbeitet. Ein kurzer Anruf, einige gepostete Bilder und eine Autopsie des Bandes brachten schnell Gewissheit: Die beiden Blocks waren identisch. Damit war aber auch ein guter Anlass entstanden, einen Block-Blog von der Staatsbibliothek Berlin aus zu schreiben. Immerhin hatte man gemeinsam das einzige Buch identifiziert, das von Blocks Prädikantenbibliothek außerhalb Barths erhalten geblieben ist.

“Zeig mir Deine Bücher – ich erzähl’ Dein Leben!”

Diese Identifikation ist bedeutsam, weil Blocks Büchersammlung einen großen historischen Zeigewert hat. Sie ist eine der ganz wenigen intakten Privatbibliotheken der Lutherzeit und vermittelt wertvolle Einblicke in die Entstehung der evangelischen Bewegung im Ostseeraum. Aus ihr wird deutlich, wie auch fernab der Wittenberger “Zentrale” evangelische Prädikanten am Werk waren, die als Leuchttürme des neuen Glaubens eigene Ideen von “Reformation” prägten und verbreiteten.

Von dieser wertvollen Bibliothek, die von der Universitätsbibliothek Greifswald inzwischen digitalisiert wurde, sind heute noch 125 Bände erhalten. Sie überliefern, zum Teil in Sammelbänden, acht Handschriften, 50 Inkunabeln und über 220 Frühdrucke. Das ist eine stattliche Sammlung, die Anfang des 16. Jahrhunderts dem Bestand einer kleineren Klosterbibliothek entsprach. Als Berufsbibliothek war Blocks Büchersammlung sein wichtigstes Arbeitswerkzeug. Sie spiegelt, wie Block auf seiner Stellensuche von Stadt zu Stadt zog, wie er als Prädikant an Kirchen installiert wurde und wie er sich gegenüber Bettelmönchen und Weltgeistlichen auf dem “Markt der Frömmigkeit” behaupten konnte – vor und nach seinem Übergang zur Reformation. Insofern bietet seine Predigerbibliothek einzigartige Einblicke in die Denk- und Arbeitsmuster der neuen, seit dem 15. Jahrhundert nachweisbaren Berufsgruppe der Prädikanten.

Predigerbibliothek des Johannes Block als Teil der Barther Kirchenbibliothek. Foto: Eva Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Blocks reisende Gelehrtenbibliothek bildet heute den wertvollsten Kern der 1398 erstmals erwähnten Barther Kirchenbibliothek. Sie befindet sich heute als separierter Bereich innerhalb des historischen Gesamtbestandes der Marienkirche von knapp 4000 Bänden. Diese ist die mutmaßlich älteste, am Ursprungsort enthaltene kirchliche Büchersammlung Deutschlands, wo die Bücher heute noch im gotischen Bibliotheksraum stehen, in dem die Geistlichen, Lehrer und Schüler des Mittelalters studiert und gearbeitet hatten.

St. Marien Barth, Wirkungsort Blocks als pommerscher Reformator (1534-1544/45). Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

In fast jedem von Blocks Büchern findet man Kauf- und Besitzvermerke von seiner Hand. Sie informieren über Ort und Zeit der Erwerbung, aber auch über die Kaufpreise. Dazu lassen sich vielfach Buchbinder, Sammlungskontexte (zumeist wurden mehrere Drucke in einen Band gebunden), Illuminatoren und Rubrikatoren sowie (über die handschriftlichen Anmerkungen) der Umgang Blocks mit seinen Büchern rekonstruieren. Man erhält so Auskunft über die Vertriebs- und Handelswege der Bücher und deren Verwendung. Erkennbar wird vor allem das Vertriebsnetz des Buchhandels, das sich im Falle Blocks von Italien, Südwestdeutschland und Frankreich, wo die Bücher zumeist gedruckt wurden, über Flandern, die Niederlande und das “Wendische Quartier” der Hanse (zwischen Lübeck und Stettin) bis in den nördlichen Ostseeraum zieht, wo die Bücher schließlich illuminiert, gebunden und verkauft wurden.

Besitzvermerk des Kamminer Klerikers Johannes Block (Dorpat, 1514/20) in einer Predigtausgabe der Barther Kirchenbibliothek, 4° E 13, 1r. Foto: Eva Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Dramatisches Leben in einer Zeit des Umbruchs

Da Blocks Lebensweg den Handelswegen der deutschen Kaufleute im Ostseeraum folgte, wo er als Prediger wohl auch seine follower – d.h. seine Zuhörer und Anhänger – fand, lässt sich in kriminalistischer Kleinarbeit ein Geschichtspuzzle um den Wanderprediger aus Pommern zusammensetzen. Dabei bietet Blocks Prädikantenbibliothek ein von Aufbrüchen und Schicksalsschlägen gezeichnetes Lebensbild. Dieses ist beeindruckend und aufschlussreich zugleich, denn Lebensbrüche sind geradezu zum Signum der ersten Reformatorengeneration geworden – man denke nur an die großen Namen Martin Luther, Thomas Müntzer, Andreas Bodenstein (Karlstadt) und Huldrych Zwingli.

Folgen wir den Kauf- und Besitzvermerken in Blocks Büchern, so beginnt sein Lebensweg in Stolp (heute Slupsk/Polen) in Hinterpommern, wo er um 1470/80 geboren wurde. Im geistigen Umfeld des pommerschen Humanisten Bugenhagen kam Block in den 1490er-Jahren als junger Kaplan und Kleriker der Diözese Kammin (Cammin, heute Kamien Pomorski/Polen) mit dem niederländischen Schulhumanismus in Berührung – dem damals fortschrittlichsten Curriculum nördlich der Alpen. Danach zog er dann als gut ausgebildeter Prediger in Richtung der großen Handels- und Hansestädte im Osten. 1512-1513 ist er kurz in Danzig (heute Gdansk/Polen) bezeugt. Hier, auf der wichtigsten Drehscheibe des Ostseehandels, bemühte er sich erfolglos um eine Anstellung. Ab 1514 taucht er in der Hansestadt Dorpat (heute Tartu/Estland) auf. Diese Stadt bildete mit Riga und Reval (heute Tallinn/Estland) das Dreigestirn der großen, von deutschsprachigen Fernhändlern dominierten Handelsmetropolen in Livland.

Im Gebiet des heutigen Lett- und Estland lag in den 1520er-Jahren eine der religiösen “Boomregionen” Europas. Die Christianisierung war in Livland später eingeführt worden als im Heiligen Römischen Reich, so dass die Saat Luthers hier auf fruchtbaren Boden gefallen war. Nicht wenige Wanderprediger erprobten hier, unterstützt durch die deutschsprachigen Kaufleute (vor allem die Gilden der “Schwarzhäupter”), die Reformideen aus Wittenberg. In den 1530er Jahren trug man den neuen Glauben dann wieder zurück nach Deutschland. Luther hat allerdings auch Gefahren der Verbreitung “seiner” Reformation in Livland gesehen. Anfang der 1520er-Jahre schrieb er sorgenvolle Sendbriefe an den Magistrat von Riga, aus denen klar wird, dass er selbst den Einfluss Wittenbergs für begrenzt hielt. Sorge bereiteten Luther “Schwärmer” wie der Wanderprediger Melchior Hofmann, ein Kürschner aus Schwäbisch Hall, der in Livland um 1525 mehrere Bilderstürme anzettelte, so dass man ihn in Wittenberg schnell wieder fallen ließ. Doch die tatsächlichen Zusammenhänge sind schwer zu beurteilen, da die Quellenlage – vor allem in Dorpat – desaströs ist. So waren Wissenschaftler aus Estland elektrisiert, als sie auf Blocks Predigerbibliothek aufmerksam wurden. Schnell war klar, dass die Lebensgeschichte dieses “stummen Predigers” – nicht nur für Livland – einen missing link der frühen Reformationsgeschichte Europas darstellt.

Blocks Besitzvermerke zeigen, dass er erst in Livland wirklich Karriere machte. In Dorpat wurde er um 1520 als Prädikant an der Stadtpfarrirche St. Marien angestellt; gleichzeitig erhielt er eine Stelle als Prediger an der Kathedrale auf dem Domberg. Ungefähr zeitgleich trat Block unter dem Einfluss des Humanisten Erasmus von Rotterdam und des frühen Luther zur Reformation über. Das verraten seine in den Jahren 1518 bis 1524 erworbenen Bücher. Die Reformation kostete den Dorpater Prediger jedoch seine Existenz, denn im Chaos des Bildersturms von 1524/25 verlor er beide Predigerstellen. Block war offenbar zwischen die Mühlsteine des Stadtrats und des Dorpater Bischofs Johannes Blankenfeld geraten, der in Personalunion als (Erz-)Bischof von Riga, Reval und Dorpat einer der mächtigsten Herren Livlands war. Beide Akteure zerfleischten sich in ihrem Kampf um die politische Vorherrschaft in der Stadt mit ihrem riesigen Hinterland. Die Reformation, vor allem die Frage, wer den Klerus kontrollierte und von den materiellen Gütern der Kirche profitieren konnte, war zu einem Politikum geworden, über das auch der Dorpater Prediger Block stolperte – und schließlich fiel.

Schlosskirche in Wiburg/Südostfinnland, Wirkungsort Blocks 1528-1532. Foto: A. Savin (Wikimedia Commons). Lizenz: CC-BY-NC-ND (2.5)

Nach seiner Entlassung schien Blocks Karriere in Dorpat erst einmal beendet. Fünf Jahre hielt er noch in der konfessionell zerrissenen Stadt aus. In dieser Situation erreichte ihn ein Angebot des Grafen Johannes von Hoya – aus Finnland. Der Adelige residierte in der von deutschen Kaufleuten dominierten Handelsstadt Wiburg (Viipuri/Finnland, heute Wyborch/Russland) und suchte einen Prediger. Block schien ihm dafür der geeignete Mann gewesen zu sein. Ab 1528 diente er Hoya als erster evangelischer Prädikant, der in Finnland bezeugt ist. Vermutlich war er auch an der als “Kaderschmiede” berühmten Wiburger Lateinschule tätig, wozu ihn seine Bücher sicherlich befähigten. Im Ankunftsjahr Blocks in Wiburg (1528) hatte der bisherige Schulrektor, der Däne Clemens Erasmi, die Stadt in Richtung der alten Bischofsstadt Turku (Abo) verlassen. Vermutlich hat ihn Block als Schulleiter ersetzt. Erasmi nahm seinen besten Schüler Michael Agricola mit, der später in Diensten des schwedischen Königs Gustav Wasa zum Reformator Finnlands werden sollte. Dass auch Block zur Gruppe der ersten Reformatoren Finnlands – wenn auch mit einer anderen Ausrichtung – zählte, war bislang unbekannt, denn auch hier sind die Quellen für die Zeit bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts rar.

Leider ereilte Block in Wiburg das gleiche Schicksal wie in Dorpat. Sein Dienstherr Hoya kontrollierte von seinen Festungen Savonlinna im mittelfinnischen Seengebiet und Wiburg an der Küste einen Machtbereich, der ganz Ostfinnland (Karelien) umfasste. In dieser Funktion war der Graf schon bald in das Fadenkreuz seines Schwagers (!) Gustav Wasa geraten. Der schwedische Regent nutzte die Reformation vom westfinnischen Turku aus für eine Expansionspolitik Richtung Osten aus. Dem stand der Wiburger Graf im Weg und somit wurde auch Blocks Lage prekär.

Geleitbrief von Graf Johannes von Hoya für seinen Prediger Johannes Block (Wiburg/Finnland, 15. August 1532). Riksarkivet Stockholm, Strödda historiska handligar 1a. Foto: Riksarkivet Stockholm. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Der Wiburger Prediger scheint die von der schwedischen Krone ausgehende Gefahr erkannt zu haben und reagierte geistesgegenwärtig: Ausgestattet mit einem Geleitbrief seines Dienstherren setzte er sich Mitte August 1532 in seine Heimat ab. Hoya hingegen musste dem politischen Druck nachgeben und ging 1533 nach Reval ins Exil. Block hingegen befand sich in seiner Heimat Pommern in relativer Sicherheit. Doch anerkannt war er noch keineswegs. Zu Beginn der Fastenzeit 1533 musste er seine erste reformatorische Predigt auf dem Friedhof des Hospitals St. Jürgen vor den Toren Barths abhalten, vor einer Zuhörerschaft aus Pestkranken und Tagelöhnern, die kein Bürgerrecht in der Stadt hatten. Mehr als eine derartige “Sondierungspredigt” war vor Einführung der Fürstenreformation in Pommern kaum möglich.

Pestspital St. Jürgen bei Barth (um 1980), erster Wirkungsort Blocks als Prediger in Pommern (1533). Foto: Chron-Paul (Wikimedia Commons). Lizenz: CC-BY-SA (4.0)

Block riskierte es tatsächlich, noch einmal nach Finnland zurück zu gehen. Hier gelang es ihm, seine Frau (er hatte sie in Liv- oder Finnland geheiratet) aus dem zusammenbrechenden Wiburg heraus zu holen. Auch seine Büchersammlung, die zu diesem Zeitpunkt etwa 90 Bände umfasste, konnte Block evakuieren. 1534 war er wieder in Pommern, wo die Herzöge mit Bugenhagens Hilfe inzwischen die Reformation eingeführt hatten. Von der Barther Marienkirche aus diente Block der Fürstenreformation als oberster Prädikant und evangelischer Pastor bis zu seinem Tode (1544/45).

Das Buch der Staatsbibliothek kommt zu Wort

Wie lässt sich die Bedeutung des Berliner Bandes aus Blocks Bibliothek nun einordnen? Der Codex kann erst nach 1514 in seinen Besitz gekommen sein. In diesem Jahr stockte Block seine Kamminer Pfründe von 4 auf 80 Mark (!) jährlich auf, wie eine kürzlich in der Staatsbibliothek entdeckte Quelle belegt. Ferner wird Block im Berliner Band als Prediger Dorpats bezeichnet (die Passage predicator[is] T[arbatensis] ist am Ende durch Ausriss kaum lesbar), so dass er es vor seiner Entlassung um 1524/25 erworben haben muss.

Pründenvermerk des Kamminer Klerikers Johannes Block. Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Ms. boruss. fol. 97, 28r. Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Der Band mit den beiden Inkunabeln, den Block 1514/25 in Dorpat in einem soliden Holzdeckeleinband kaufte, war bereits “antiquarisch”, denn die beiden Drucke waren schon 40 bis 50 Jahre auf dem Markt. Block erwarb hier mit ‘De officiis’ und den ‘Paradoxa stoicorum’ zwei Lehrschriften des antiken Staatsmanns und Philosophen Cicero (Mainz, 1465), dazu den Fürstenspiegel ‘De regimine principum’ des französischen Dominikaners Vinzenz von Beauvais (Rostock, 1477). Beide Ausgaben – Cicero wie Vinzenz von Beauvais – sind über die Digitalen Sammlungen der Berliner Staatsbibliothek zugänglich.

Der Buchschmuck ist – wie damals üblich – per Hand in die gedruckten “Rohlinge” eingemalt. Der Verfasser dieses Blogs hat ähnliche Belege aus Stralsund gefunden, so dass der Band dort verkaufsfertig gemacht und mit den Livlandfahrern nach Dorpat exportiert worden sein dürfte. Hier fügte er sich in Blocks Bibliothek gut ein, die um 1515/20 vor allem aus humanistischer Gelehrten- und spezialisierter Predigtliteratur bestand. Blocks Umgang mit Cicero und Vinenz von Beauvais zeigt das Selbstbewusstsein des humanistischen Gelehrten, der schon in seiner Jugend Griechisch gelernt hatte und die griechischen Passagen in seinem Cicero lesen und verstehen konnte. Dazu glossierte er in Humanistenart den Text, indem er zwischen den Zeilen sprachliche Synonyme eintrug. Humanistisch sind auch seine Querverweise auf den Kirchenvater Augustinus und auf das historiographische Werk des in Deutschland damals populären Humanisten Enea Silvio Piccolomini.

Eingangsseite von Blocks Cicero-Druck von 1465. Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Inc. 1515,5, 1r. Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Ein Rätsel bleibt, wie und wann der Codex aus Barth nach Berlin gelangt ist. Laut Akzessionsvermerk und einem (ziemlich unsensibel) in die Eingangsinitiale gestempelten Besitzvermerk wurde der Band 1912 regulär von der Königlichen Bibliothek erworben. Die beiden wertvollen Inkunabeln – vor allem der berühmte Schöffer-Druck von 1465 – haben die Barther Kirchengemeinde wohl bewogen, den Band zu veräußern. Dass man damit auch ein Zeugnis der eigenen Vergangenheit verkaufte, war den damaligen Hütern der Kirchenbibliothek nicht bewusst. Auch deshalb ist man froh, dass der Band des “stummen Reformators” aus Pommern in Berlin erhalten geblieben ist.

Ein wissenschaftlicher Katalog der rekonstruierten Bibliothek Blocks wird vom Verfasser dieses Blogs vorbereitet. Er soll im Herbst oder Winter 2017 bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig erscheinen. Dem Katalog beigegeben sind die Beiträge einer Fachtagung mit Geschichts-, Buch- und Reformationswissenschaftlern aus Deutschland, Finnland, Estland und der Schweiz, die im September 2015 am Barther Bibelzentrum stattfand. Zu anderen “Highlights” der wertvollen Büchersammlung von St. Marien sei auf den Band “Einblicke: Bücher aus der Barther Kirchenbibliothek im Fokus” verwiesen, der im vergangenen Jahr erschienen ist.

 

 

 

Badefreuden in der Straße von Gibraltar oder: Der Kaiser im Krebsgang

Das “Nonplusultra” und der krönende Abschluss unseres Ausstellungs-Blogs: Das in unserer Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“ gezeigte Flugblatt gegen Karl V. wird enträtselt!

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer. Vorarbeiten: Eddie Zuber. Typ(en)beratung: Oliver Duntze.

Kaiser-Bashing in Wort und Bild

Porträt mit dem persönlichen Wappen Kaiser Karls V. und seiner Devise “PLVS VLTRA” (immer weiter). Handschriftenabteilung. Lizenz CC-BY-NC-SA

Der kolorierte Holzschnitt des Flugblattes (unser Beitragsbild) gestaltet das persönliche Wappen Kaiser Karls V. (1500-1558) zur Herrscherkritik um: Die beiden Säulen des Herakles als Symbol für die beiden Felsenberge, die die Straße von Gibraltar einfassen und eigentlich die Grenzen der bewohnten Welt anzeigen, sind bis heute Teil des spanischen Wappens und werden von einem Schriftband mit der persönlichen Devise Karls V. umschlungen, der aus dem „Non Plus Ultra“ (wörtlich: nicht mehr weiter), das der Sage nach Herakles an den beiden Felsen angebracht hatte, ein „Plus Ultra“ bzw. hier “Plvs ovltre” (immer weiter) gemacht hatte. Säulen und Schriftband beziehen sich auf das spanische Weltreich, in dem die Sonne nicht unterging. So drückte der Kaiser seinen Anspruch auf eine universelle Weltherrschaft aus.

Zwischen die Säulen aber, die sonst von dem spanischen Johannisadler gehalten werden, hat der unbekannte Künstler im Holzschnitt ein Kind gesetzt, das mit der kaiserlichen Krone und den Reichsinsignien ausgestattet ist und auf einem Krebs im wilden Meer reitet. Kann das gut gehen? Ein kindischer Herrscher auf einem Krebs, der bekanntermaßen rückwärts oder seitwärts, aber niemals vorwärts geht! Und so formuliert es ja schon die Überschrift des Flugblattes: “All mein fürnemen hand anfang.Recht wie der kreps verbringt sein gang”.

Mehr wäre fast nicht zu sagen, um die Meinung der Blattgestalter zu transportieren. Das Bild wird aber von einem dreispaltigen, meist paargereimten Text umschlossen, der noch einmal die Herrscherkritik deutlich macht. Der Ich-Erzähler schildert die Lage im Deutschen Reich als verheerend. In einer anschließenden Traumvision begegnet ihm das Kind des Holzschnitts, das sich als der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches herausstellt. Die darauf folgende Zeitklage wird angeführt von einem Zitat aus Prediger 10, 16-17:

Weh dir, Land, dessen König ein Kind ist, und dessen Fürsten in der Frühe speisen!
Wohl dir, Land, dessen König edel ist, und dessen Fürsten zu rechter Zeit speisen, zur Stärke und nicht zur Lust!

Dies, so der Sprecher, ist in Deutschland, wie im ganzen Heiligen Römischen Reich nicht mehr der Fall. Von der Kritik am Kaiser geht der Sprecher über zu einer Kritik an Papst Paul III. (1468-1549) und der katholischen Kirche, um mit einem Zitat aus Jesaja 38 in französischer Sprache zu enden, das Holbein der Jüngere benutzte, um in seinem Totentanzzyklus einen Kaiser als guten Herrscher zu charakterisieren, was hier als Warnung und Aufforderung zu verstehen ist:

De ta maison disposeras
Comme de ton bien transitoire,
Car la ou mort reposeras,
Serunt les chariotz de ta gloire.

Papst Paul III. Handschriftenabteilung. Lizenz CC-BY-NC-SA

Wann und wo entstand dieses Flugblatt?

Das Flugblatt mit dieser heftigen Zeitkritik ist anonym, ohne Ort und Jahr erschienen. Es gibt aber Möglichkeiten, es genauer zu datieren und räumlich zu verorten. Der Text legt nahe, dass es in einer Zeit gedruckt wurde, als Karl V. in Deutschland gegen die Protestanten Krieg zu führen begann. Die Schlacht bei Mühlberg, die in einer bitteren Niederlage des protestantischen Schmalkaldischen Bundes endete, fand 1547 statt, das Augsburger Interim wurde 1548 verabschiedet und Papst Paul III. war noch im Amt. Damit muss das Flugblatt vor seinem Tod am 10. November 1549 entstanden sein.

Untersucht man die verwendeten Drucktypen, so ergibt sich die Möglichkeit, das Blatt zu lokalisieren und die Datierung zu stützen. Als Drucker lässt sich vielleicht Hans Varnier aus Ulm ausmachen. Er druckte neben lokalen Druckerzeugnissen wie Verordnungen und Schulbüchern zwischen 1531 und 1561 auch Schriften religiöser Dissidenten und Schwärmer wie Sebastian Franck und Caspar Schwenckfeld. Darüber hinaus wurde ihm 1549 untersagt, Texte gegen das Interim zu drucken. In den späten 1550er Jahren wurde er sogar wegen des Vertriebs und Drucks eines antikatholischen Pasquills (Flug- bzw. Schmähschrift) in den Turm geworfen.

Hans Varnier wurde als Drucker eines 1546 ebenfalls unfirmiert, d.h. ohne Druckerangabe erschienenen Textes von Johann Schradin identifiziert, der “Expostulation, das ist Klage und Verweis Germaniae, des deutschen Landes, gegen Carolo Quinto”. Darin belauscht ein Sprecher-Ich die Germania bei ihrer großen Anklage gegen Kaiser Karl V. – und diese Attacke gegen Kaiser Karl V. ähnelt sehr der Kritik unseres Blattes.

Vermutlich also ist das Flugblatt bei Hans Varnier in Ulm zwischen 1546 und 1549 erschienen, vielleicht sogar erst nach dem 1548 als Reichsgesetz von Karl V. erlassenen Augsburger Interim, wenn man den Satz: „Wir wendt ehe liden Todtes pein / Ehe wir halten die satzung dein“ als Hinweis auf das Interims lesen will.

Dass die Urheber des Druckes sich für eine anonyme Herstellung entschieden, zeigt, dass es nicht ungefährlich war, Staat und Kirche, Kaiser und Papst auf diese Weise zu attackieren. Kind und Krebs beim Wasserspiel im kolorierten Holzschnitt bereiteten den zeitgenössischen Lesern vielleicht ebenso viel Vergnügen wie uns, hatten aber für sie noch eine ganz andere politisch-religiöse Dimension.

Verpassen Sie nicht den Besuch unserer Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda! Noch bis zum 2. April können Sie die 95 Objekte zur Reformationsgeschichte aus den Sammlungen der Staatsbibliothek im Original betrachten und die 95 (oder doch nur 87?) Thesen selbst nachzählen!

All mein fürnemen hand anfang. Recht wie der krepß verbringt sein gang.
[Ulm: Hans Varnier], [um 1548]. Handschriftenabteilung. Lizenz CC-BY-NC-SA

„Frische teutsche Liedlein“ mit der lautten compagney in der Ausstellung “Bibel – Thesen – Propaganda”

Sonntag, 2. April: Finissage „Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“ mit zwei Kurzkonzerten der lautten compagney BERLIN, 14 Uhr und 16.30 Uhr – freier Eintritt

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Am Sonntag, 2. April 2017, schließt um 18 Uhr die einzige Ausstellung, die alle drei im Jahr 1517 gedruckten Ausgaben der 95 Thesen Martin Luthers zur Klärung der Kraft der Ablässe zeigt.

Zur Finissage erklingen in der Staatsbibliothek Lieder aus der Zeit Martin Luthers – und das in höchster Qualität und mit freiem Eintritt. Das mehrfach ausgezeichnete Berliner Ensemble lautten compagney entwickelt zum diesjährigen Jubiläum ein speziell auf die Reformationszeit abgestimmtes Programm. In kleiner Besetzung – Tenor, Zink (Cornett), Gambe und Laute – spielt die lautten compagney am Sonntag in zwei Kurzkonzerten von je 35 Minuten “Frische teutsche Liedlein”. Zwischen den beiden Auftritten der lautten compagney wird um 15 Uhr durch die Ausstellung geführt. Gezeigt werden dabei auch die ersten lutherischen Gesangbücher wie das Achtliederbuch und die früheste Sammlung mehrstimmiger Luther-Choräle von Johann Walter sowie ein eigenhändiger Kompositionsversuch Martin Luthers zu seinem Vaterunserlied.

Johann Walters Gesangbüchlein, Stimmbuch für den Tenor. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

„Frische teutsche Liedlein“ – Lieder aus der Zeit Martin Luthers

In diesem Programm widmen sich der Tenor Robert Sellier und die Spezialisten der Alten Musik deutschen Tenorliedern. Mit dieser typisch deutschen Form der Renaissance lösten sich die Komponisten von den franko-flämischen Vorbildern und schufen Lieder, bei denen die Melodie nicht in der höchsten Stimme, sondern im Tenor liegt. Im Mittelpunkt stehen die Lieder von Ludwig Senfl (um 1490–1543). Zu hören sein werden außerdem Lieder von Heinrich Isaac (um 1450–1517) sowie Stücke aus der fünfteiligen Sammlung Frische teutsche Liedlein von dem Arzt, Komponisten und Liedersammler Georg Forster (um 1510–1568). Die lautten compagney und Robert Sellier laden mit viel Musizierfreude und sprühender Kreativität zu einer erfrischenden Reise in die Zeit der Reformation ein.

Wiederaufnahme der Ausstellung vom 24. bis 28. Mai 2017 zum Evangelischen Kirchentag

Die Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“ wird als Teil des Regionalen Kulturprogramms zum Evangelischen Kirchentag erneut zu sehen sein, dies vom 24. bis 28. Mai 2017. Bis dahin müssen die 95 herausragenden Objekte zur Reformationsbewegung aus konservatorischen Gründen in den Tresormagazinen ruhen, neben den Thesendrucken etwa die Prachtbibeln aus der Cranach-Werkstatt oder drastische antipäpstliche Flugblätter jener Zeit.

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„Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“
24. Mai – 28. Mai 2017: Mittwoch – Samstag 11 – 20 Uhr, Sonntag 11 – 18 Uhr
Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum, 10785 Berlin
Führungen täglich um 15 und 17 Uhr
Eintritt frei
Katalog 20 €, Faksimile vom Druck d. 95 Thesen 8 €, beide 25 €

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Blog zur Ausstellung

Bibliophilie und Landadel in Thüringen – die Ebeleben-Bibel

Von Lucas Cranach d. J. gestaltete vierbändige Pergamentbibel von 1561/1562 in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Familienporträts aus dem 2. bis 4. Band der Ebeleben-Bibel. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luther-Porträt, Lutherrose und Wappen der Familien Ebeleben und Carlowitz. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Einmalig ist diese von Lucas Cranach d. J. gestaltete Pergamentbibel nicht zuletzt durch ihren Auftraggeber, der als einfacher Landadliger keineswegs dem Hochadel angehörte und sich dennoch eine derart hochpreisige bibliophile Kostbarkeit leistete. Nikolaus von Ebeleben stammte aus dem thüringischen Ebeleben bei Sondershausen und war mit Margarethe von Carlowitz verheiratet. Er studierte in Erfurt und Leipzig, unternahm Bildungsreisen nach Paris und Bologna. 1549 wurde er Domherr in Meißen, 1552 stand er in kurfürstlich sächsischen Diensten als Gesandter in Böhmen, 1568-1574 war er Amtshauptmann in Sangerhausen. 1563 erwarb Ebeleben das Gut Balgstedt bei Freyburg an der Unstrut. 1579 verstarb er hoch verschuldet als Domherr in Merseburg.

Ebeleben besaß eine kostbare Büchersammlung von ca. 400 Werken, meist in wertvollen Einbänden. Nach seinem Tod wurde seine Bibliothek durch den Buchbinder Marcus Bachmann aus Merseburg und den Buchhändler Jacob Apel aus Leipzig (gest. 1584) verzeichnet und taxiert. Ein Großteil des Buchbesitzes gelangte nach Leipzig an den in Auerbach geborenen Juristen Johann Stromer (1526-1607) und wurde anschließend weiter verkauft. Die vierbändige Pergamentbibel erwarb der Kurfürst von Brandenburg. Damit gehörte diese besondere Bibel mit großer Wahrscheinlichkeit bereits zum Gründungsbestand der Kurfürstlichen Bibliothek.

Datierung und Schlangensignet auf dem Luther-Porträt. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Nur drei Exemplare der 1561 auf Pergament gedruckten Bibel aus der Offizin des Wittenberger Druckers Hans Lufft sind heute noch bekannt. Die beiden anderen Exemplare hatten fürstliche Auftraggeber und besitzen Widmungsbilder Sigismunds von Brandenburg und Albrechts von Preußen.

Das Berliner Exemplar enthält im ersten Band ein Porträt Martin Luthers mit einer elaborierten Darstellung der Lutherrose (diese besondere Lutherrose ist auch das Erkennungszeichen für unseren Ausstellungs-Blog), die Bände 2 bis 4 sind dagegen mit Familienporträts und den Familienwappen von Ebeleben und Carlowitz geschmückt: Hier finden sich die einzigen bekannten Bildnisse des Nikolaus von Ebeleben, seiner Frau und drei ihrer Kinder.

Nur das Luther-Porträt ist datiert und signiert: über der linken Schulter findet sich in Gold die Jahreszahl 1562 und das berühmte Cranach’sche Schlangensignet mit angewinkelten Flügeln.

Im Schriftfeld unter dem Luther-Porträt ist ein lateinisches Lobgedicht auf den Reformator eingetragen, der wohl von dem Dichter und Altertumskundler Georg Fabricius (1516-1571) stammt:

Inter Theologos est gloria prima Lutherus,
Nam Christi merito nemo magis tribuit.
Huic par est nullus: placeat, non deneger eius,
Discipulus: cui laus contigit ista, sat est.

Eine bereits im 16. Jahrhundert kursierende deutsche Übersetzung dazu lautet:

Der Mann Gottes Lutherus ist/
Und bleibt gewiß zu jeder Frist/
Unter der Theologen Schar
Der best/ Ja ein Kron fürwar.
Denn er dem Verdienst Jesu Christ
Am meisten eignet und zumißt.
Seins gleich nicht ist/ Wer ihm nachschlägt/
Und Christum/ gleich wie er/ fürträgt/
Hat Lobs genug/ denn er gewiß
Lutheri rechter Jünger ist.

Schriftfeld unter dem Luther-Porträt. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das Bild der Lutherrose ist mit zwei Schriftfeldern zum Thema “Freude und Trauer” ausgestattet, über der Rose findet sich zunächst eine Art lateinisches Wappengedicht zu den Symbolen des Kreuzes, der Rose und des Herzens und den stets mit Trauer vermischten Freuden des Lebens. Im Schriftfeld unter der Rose steht zunächst ein in den Tischreden überlieferter lateinischer Spruch Martin Luthers, gefolgt von einem deutschen Gedicht:

Schriftfeld unter der Lutherrose. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

In luctu gaudium: in gaudio luctus:
Gaudium in Domino: lugendum in nobis.
(In Trauren Freud, In Freuden Trauren; Fröhlich im Herrn, Traurig in uns seyn).

Sünden meidenn Ist einn Schrein,
Gedult inn Leidenn leg darein,
Wolthat vor arges thu – Das zu
Trost Inn armut, nun Schleuß zu.

Luther selbst liefert in einem Brief an den Nürnberger Ratsherrn Lazarus Spengler (8. Juli 1530) eine detaillierte Interpretation der Symbolik der Lutherrose als “Merkzeichen” seiner Theologie (WA BR 5, Nr. 1628):

“Das erst sollt ein Kreuz sein, schwarz im Herzen, das seine natürliche Farbe hätte, damit ich mir selbst Erinnerung gäbe, daß der Glaube an den Gekreuzigten uns selig machet. Denn so man von Herzen glaubt, wird man gerecht. Ob’s nun wohl ein schwarz Kreuz ist, mortifizieret und soll auch wehe tun, dennoch läßt es das Herz in seiner Farbe, verderbt die Natur nicht, das ist, es tötet nicht, sondern erhält lebendig …
Solch Herz aber soll mitten in einer weißen Rosen stehen, anzuzeigen, daß der Glaube Freude, Trost und Friede gibt, darum soll die Rose weiß und nicht rot sein; denn weiße Farbe ist der Geister und aller Engel Farbe. Solche Rose stehet im himmelfarben Felde, daß solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlische Freude zukünftig, jetzt wohl schon drinnen begriffen und durch Hoffnung gefasset, aber noch nicht offenbar. Und in solch Feld einen goldenen Ring, daß solch Seligkeit im Himmel ewig währet und kein Ende hat und auch köstlich über alle Freude und Güter, wie das Gold das höchste, köstlichste Erz ist.“

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie diese prächtige thüringische Familienbibel zusammen mit vielen weiteren Objekten zur Entstehung und Verbreitung der Luther-Bibel noch bis zum 2.4.2017 in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen und dort auch die bereits seit 1524 belegte Verwendung der Lutherrose als Schutzmarke für die Wittenberger Lutherdrucke nachvollziehen. Und Sie können die 1541 gedruckte und von Lucas Cranach d. J. für den Fürsten Johann IV. von Anhalt gestaltete Pergamentbibel bestaunen!