Beiträge aus der Abteilung Historische Drucke

Glück und Glas – wie leicht bricht das! Der Relaunch der Einbanddatenbank (EBDB)

 

Ein Beitrag von Andreas Wittenberg

Wer kennt nicht dieses Sprichwort und wer hat es – aus ganz unterschiedlichen Gründen – nicht schon einmal verwendet? Dass der Mensch zuweilen ein wenig auf glückliche Umstände angewiesen ist, um sein Leben zu meistern, wusste man schon zu allen Zeiten. So verwundert es also nicht, dass bereits im 16. Jahrhundert diese Lebensweisheit auch die Graveure und Buchbinder inspirierte, und unser Sprichwort auf den Einbänden von Büchern aus dieser Zeit zu finden ist.

Fortuna, das Glücksrad in der Hand haltend. Prägeplatte auf einem Druck von 1567
Unter der Darstellung beschreibt ein zweizeiliger Text die dargestellte Figur: FORTVNA VITREA EST CVM // MAXIME SPLENDET FRANG[itur] (Das Glück ist wie Glas: Wenn es am meisten glänzt, zerbricht es)

Das Glücksrad mit den Initialen H und C für den Wittenberger Buchbinder Hans Cantzler

Dieses Motiv ist nur eines von sehr vielen, die auf Bucheinbände der Frühen Neuzeit mit Hilfe verschiedener Werkzeuge geprägt wurden. Richtig interpretiert bieten die so verzierten Bucheinbände wichtige Informationen zur Genese von Handschriften und Drucken. Aber auch zur Kunstgeschichte, zur Handwerks- und Sozialgeschichte sowie zu den historischen und theologischen Ereignissen jener Zeit können sie wichtige Aussagen treffen.

Um diese Erkenntnisse in kompakter und gut zugänglicher Form der Fachcommunity zur Verfügung zu stellen, gibt es seit 2001 die Einbanddatenbank (EBDB). Diese unter Federführung der SBB entwickelte Spezialdatenbank war seit ihrer Freischaltung im Netz ein Kooperationsprojekt zwischen mehreren Bibliotheken. Unsere eingangs erwähnte Fortuna war dem Projekt sehr freundlich gesonnen, denn  die Bestände in den drei bereits seit Projektbeginn beteiligten Bibliotheken Berlin, Stuttgart und Wolfenbüttel ergänzen sich in überaus glücklicher Weise und bildeten die Basis für den weiteren Ausbau der Datenbank.

Inzwischen sind weitere Partner dazugekommen, nicht nur aus Deutschland. Die EBDB entwickelt sich zum zentralen Nachweisinstrument für deutsche Bucheinbände aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Um den technischen Innovationen, aber auch dem sich veränderten Rechercheverhalten der User Rechnung zu tragen, wird zurzeit in der SBB in enger Kooperation der Abteilungen Historische Drucke und Information- und Datenmanagement ein Relaunch der Datenbank durchgeführt.

Am Projekt beteiligte KollegInnen vor historischen Drucken aus der Einbandsammlung der SBB

Die sehr detaillierten und umfangreichen Informationen zu Buchbindern, Werkzeugen, Provenienzen sowie Motiven können künftig wesentlich besser recherchiert werden. Die sich in den vergangenen Jahren als richtig und sehr zielführend erwiesene Strategie, neben den beschreibenden Metadaten auch konsequent  Images der Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, wird beibehalten und weiter ausgebaut. Ein absolutes Novum in der Einbandforschung waren die mit der Etablierung der EBDB eingeführten normierten Bezeichnungen für die auf den Einbänden verwendeten Motive.

Im April 2018 wurden die bisher beim Relaunch erreichten Ergebnisse den Projektpartnern vorgestellt. Während des Treffens in der SBB konnten die teilnehmenden EinbandspezialistInnen Wünsche und Erwartungen, Anregungen und Kritik direkt mit den KollegInnen der IT-Abteilung beraten.

Techniker unter sich: KollegInnen der Abteilung IDM während des Treffens in der SBB

Fortuna begleitete auch dieses Treffen wohlwollend, denn es kam – wie erhofft – zu sehr fruchtbaren Gesprächen zwischen den Fachleuten aus sehr disparaten Disziplinen.

Projektpartnertreffen am 23. April 2018 in der SBB

Die Ergebnisse des Treffens werden in die weitere Entwicklung der Einbanddatenbank einfließen, dadurch diese Anwendung zukünftig weiter verbessern und so der Erforschung des Bucheinbands neue Impulse geben. Bei dieser Arbeit sind weitere Projektpartner der EBDB sehr willkommen. Bei diesen – und auch bei allen anderen Nutzern und Kollegen – soll ein Blick auf die Eingangsseite der „neuen“ Datenbank schon jetzt das Interesse und die Neugierde wecken.

Gehen wir davon aus, dass Fortuna auch weiterhin allen an der EBDB Beteiligten so wie bisher gewogen bleibt – dann steht sicher dem Umstand nichts im Wege, dass Entwickler, Projektpartner und Nutzer (hier seien ausdrückliche alle weiblichen Formen einbezogen!) durch ihre segensreiche Tätigkeit auf einer Leiter direkt in den Himmel gelangen –  vielleicht so, wie es einst im Alten Testament (Gen 28,11) in der Erzählung vom Traum Jacobs beschrieben wurde…

 

So wird sich die EBDB künftig im Netz präsentieren

Der Traum Jacobs von der Himmelsleiter. Geprägt auf einem Bucheinband von     1588

Die Initialen H und B weisen auf den Wittenberger Buchbinder Hans Blume

Altes und Neues: Das VD 17 feiert den 300.000sten Titel!

Trotz jahrzehntelanger Arbeit tauchen immer wieder unerschlossene deutsche Drucke aus dem 17. Jahrhundert auf

Seit 1996 arbeiten Bibliotheken aus Deutschland und Österreich gemeinsam an der Erfassung der deutschen Buchproduktion des 17. Jahrhunderts. Unterstützt werden sie dabei durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Im „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts (VD 17)“ werden die Ergebnisse der Katalogisierung zentral gespeichert. Und immer noch entdecken die Bibliotheken dabei „Nova“ – Werke, die so noch nicht im VD 17 enthalten sind und die Zahl der unterschiedlichen Ausgaben und Titel immer weiter in die Höhe schnellen lassen. 17.000 neue Titel kamen in den letzten fünf Jahren hinzu, seit Jahresbeginn sind es schon wieder über 500 neu verzeichnete Ausgaben.

Vor einigen Tagen nun war es soweit, der 300.000ste Titel konnte verzeichnet werden:
Der Tod des Greifswalder Mädchens Martha Maria im Mai 1629 veranlasste Freunde ihres Vaters, des Juristen Christoph Herold, Trauer- und Trostgedichte zu verfassen und diese bei den Erben des ebenfalls gerade verstorbenen Universitätsbuchdruckers Hans Witte drucken zu lassen.

Derartige aus frohen oder traurigen Anlässen entstandene Drucke sind oft nur in wenigen Exemplaren erhalten, versteckt in unerschlossenen Sammlungen und schwer zu finden. So ist es zu erklären, dass auch jetzt noch, nachdem die großen deutschen Altbestandsbibliotheken ihre Bestände bereits vollständig im VD 17 verzeichnet haben, immer wieder nicht nachgewiesene Drucke gefunden und in die VD 17-Datenbank aufgenommen werden können. Hauptquelle dieser „Nova“ sind heute noch nicht erfasste Altbestände in Universitätsbibliotheken, aber auch in kommunalen und kirchlichen Bibliotheken, in den Buchbeständen von Archiven und Museen oder in kaum bekannten Spezialbibliotheken wie etwa den Sammlungen der Bundeswehr.

Die verstreuten Schätze zu entdecken, ist ein aufwendiger Prozess: Häufig fehlt vor Ort geschultes Personal, die Drucke müssen gesichtet und teilweise in eine der Trägerbibliotheken des VD 17 (die Staatsbibliothek zu Berlin, die Bayerische Staatsbibliothek in München und die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel) transportiert und dort bearbeitet werden. Der Lohn dieser Anstrengungen sind etwa 10 bis 15 Prozent noch nicht im VD 17 nachgewiesene Werke, eine durchaus ansehnliche und für die Forschung hochinteressante Ausbeute an „Nova“.

Um die Nutzung der Drucke zu vereinfachen ist die digitale Transformation des VD 17 ein weiteres Hauptanliegen. Bereits die Hälfte der Drucke steht in digitaler Form über das Internet frei zur Verfügung. Und das Angebot wird heftig genutzt: Fast 2 Millionen Mal wurden die im VD 17 verzeichneten Titel im letzten Jahr von Forschenden der unterschiedlichsten Fachrichtungen und weiteren Interessierten aufgerufen und angesehen.

Die Bibliotheken hoffen jetzt auf weitere Unterstützung dieses Projektes zur retrospektiven Nationalbibliographie, um die Digitalisierung des VD 17 vorantreiben und gleichzeitig die noch ungehobenen Schätze aus kleineren und unbekannteren Sammlungen sichtbar machen zu können.

Illustration aus einem neu erfassten Gebetbuch von 1692. Kirchenbibliothek Röhrsdorf, Klipphausen. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Weitere Infos

Website VD 17
Link zum Digitalisat des 300.000sten Druckes
Projekt Vitae Pomeranorum der UB Greifswald
Projekt Buchbestand der St. Bartholomäuskirche in Röhrsdorf bei Meißen:

 

Kontakte für die Presse

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Jeanette Lamble
jeanette.lamble@sbb.spk-berlin.de, 030 266 431-444
Michaela Scheibe
michaela.scheibe@sbb.spk-berlin.de, 030 266 436-551

Bayerische Staatsbibliothek München
Dr. Claudia Bubenik
claudia.bubenik@bsb-muenchen.de, 089 28638-2261

Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
Dr. Petra Feuerstein-Herz
feuerstein@hab.de, 05331 808-324

 


SBB-PK CC BY-NC-SA

Kniga chudoschnikov – Russische Künstlerbücher der Gegenwart

Ein Beitrag von PD Dr. Viola Hildebrand-Schat (Goethe-Universität Frankfurt am Main). Zugleich ein Rückblick auf ihren Vortrag “Zur Materialität und Kontextualität des russischen Künstlerbuches der Gegenwart” im Rahmen der Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog.

Nachdem die Vertreter der russischen Avantgarde dem Buch einen neuen Auftritt verschafft, mit ihren experimentellen Ansätzen Layout und Form revolutioniert haben, sind die Entwicklungen am Buch in Russland aus dem Blick geraten. Die rigide Kulturpolitik der Sowjetunion und die Abschottung gegen marktwirtschaftlich organisierte Länder haben den künstlerischen Austausch wie auch die Rezeption russischer Kunst erschwert. Und als mit dem Ende des Kalten Krieges der Blick auf die russische Kunst wieder frei wird, treten die Entwicklungen dort zur weltweiten Globalisierung in Konkurrenz. Dennoch haben gerade diese Verläufe auch dazu beigetragen, dass von Künstlern der Gegenwart konzipierte Bücher in private und öffentliche Sammlungen gelangten und das Interesse am russischen Künstlerbuch neuen Auftrieb erhielt.

Sergei Jakunin: „Objekte und Geschichten“ von Charms, 2015, Kasten mit handschriftlichen Zitaten und Masken, geschlossen ca. 30 x 40 x 20 cm, Unikat, Besitz des Künstlers

Es wäre allerdings absurd, die gegenwärtige künstlerische Nutzung des Buches in Russland auf einen Punkt bringen zu wollen. Die Konzepte und Ausdruckformen sind vielfältig, beziehen alle Formen von Techniken und Materialien ein, bis hin zu Grenzerfahrungen, die eine Verlagerung des Buchkörpers auf den Bildschirm oder auch dessen gänzliche Selbstauflösung vorsehen.

Dabei stellt sich aber auch die Frage, ob sich für das russische Künstlerbuch spezifische Merkmale benennen lassen, etwa solche, die sich aus der Geschichte des Buches in Russland erhellen, eine möglichen Orientierung an der Avantgarde oder an spezifischen Ausprägungen des Samisdat der Sowjetzeit bekunden.

Denn die künstlerische Nutzung des Buches ist nach den Jahren der Avantgarde keineswegs zu einem Stillstand gekommen. Das Buch hat weiterhin dem künstlerischen Experiment gedient. Gerade nonkonforme Künstler haben die Möglichkeit genutzt, über in Eigenregie produzierte Bücher ihre künstlerischen Konzepte zu kommunizieren. Die von ihnen in kleinen Auflagen, häufig auch als singuläre Exemplare verbreiteten Bücher nehmen Texte auf und weisen Gestaltungsformen vor, die innerhalb der offiziellen Kulturpolitik nicht in Erscheinung treten durften. Offiziell untersagt, inoffiziell teilweise dennoch toleriert, sahen sich die Künstler mit grundlegenden Fragen konfrontiert, wie der nach der Beschaffung von Arbeitsmaterial, aber auch der nach der Distribution ihrer Arbeiten. Die Verwendung alternativer Materialien und Reproduktionstechniken hat den Büchern eine spezifische Ästhetik aufgeprägt.

Pjotr Perevezensev: Zapiski raznykh dnei (Aufzeichnungen verschiedener Tage), 2001. 10 Seiten, 21 x 18 cm, Auflage: 12 Ex.

Spezifische ästhetische Ausprägungen, die im Anklang an die Vergangenheit der eigenen Ausdrucksabsicht unterstellt werden, prägen nun auch das Werk des einen oder anderen Zeitgenossen. Beispielhaft können Pjotr Perevezensev oder Sergej Jakunin angeführt werden. Beide Künstler greifen für ihre Buchproduktion auf Materialien zurück, die Spuren des Gebrauchs suggerieren. Zum Teil sind es bei Büroauflösungen aufgefundenen Kontingente alter Akzidenzen, zum Teil auch ein Werkstoff, der naturgemäß an Archivmaterial erinnert.

Neben der Materialspezifik zeichnet sich auch eine thematische Orientierung ab, die als signifikant für einen Typus des russischen Künstlerbuches erachtet werden kann. So fällt auf, dass die Auseinandersetzung mit Person und Werk von Daniil Charms etliche am Buch engagierte Künstler gefangen nimmt. Dem 1905 als Daniil Ivanowitsch Juvatschow geborenen Dichter war Zeit seines Lebens die Anerkennung seiner künstlerischen Leistungen verwehrt geblieben. Erst Ende der 1990er Jahre erschien eine erste umfassende Ausgabe seiner Werke. Im Künstlerbuch setzte seine Rezeption deutlich früher ein. Künstler inszenieren seine Texte, verleihen ihnen über Bildfolgen wie Gesamtgestaltung ein besonderes Auftreten. Michail Karasik benannte den von ihm begründeten Verlag nach Charms und Sergei Jakunin stellt nahezu sein gesamtes Schaffen unter das Label „Charms-Kabinett“. Neben der Produktion von Büchern mit Charms’ Texten, inszeniert Jakunin ein eigens für den Dichter geschaffenes Ambiente, in dessen Zentrum die schreibenden Aktivitäten Charms’ stehen und das vom Buch sowie buchaffinen Elementen dominiert wird. Sie verweisen auf die vielfältigen Interessen Charms’, lassen gleichsam dessen Welt auferstehen.

Leonid Tischkov: Водолаз-Маяк (Die Taucher), Moscow: Dablus, 2009. 12 Seiten, 295 x 21 cm, Auflage: 50 Exemplare

Jakunins Buchwerk ist indes nur ein Beispiel aus einem breiten Spektrum thematischer und gestalterischer Fülle, die sich am zeitgenössischen russischen Künstlerbuch offenbart. Die Staatsbibliothek in Berlin verfügt über eine Sammlung an zeitgenössischen russischen Künstlerbüchern, deren Ausmaß sich nur ansatzweise erschließt. Die einzelnen Bücher aufzuspüren bedarf es konkreter Namen von Autoren oder Gestaltern, die am zeitgenössischen Künstlerbuch wirken. Neben Karasik, Jakunin oder Perevezensev seien unter vielen andern beispielhaft Michael Bensman, Tamara Ivanova, Leonid Sitnikov oder Leonid Tishkov aufgeführt.

Marina Spivak: Biblische Geschichten (Genesis), Kolomiagi: 1992. 32,4 x 25,4 cm, 12 gebundene Postkarten

Umfangreiche Bestände der russischen Avantgarde befinden sich in der Rara-Sammlung, eine Auswahl zeitgenössischer russischer Künstlerbücher ist Bestandteil der Sammlung Künstlerische Drucke. Beide Sammlungen werden von der Abteilung Historische Drucke betreut.

[Die Fotos wurden freundlicherweise von der Autorin zur Verfügung gestellt.]

 

Weiterführende Links: