Beiträge aus dem Referat Inkunabeln

Pfui über Herrn Posauke? – Der junge Professor Luther annotiert Wilhelm von Ockham

Inkunabel mit frühen eigenhändigen Randbemerkungen Martin Luthers in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Falk Eisermann.

„Wenn einer und er entleiht ein Buch von einer Bibliothek, sagen wir den Marx: Was will er dann lesen? Dann will er den Marx lesen. Wen aber will er mitnichten lesen? Den Herrn Posauke will er mitnichten lesen. Was aber hat der Herr Posauke getan? Der Herr Posauke hat das Buch vollgemalt. Pfui!“

Als ein solcher, von Kurt Tucholsky in seiner „Kleinen Bitte“ vom Jahre 1931 vehement verdammter Bibliotheksbenutzer entpuppt sich – glücklicherweise – Martin Luther: Der „Herr Posauke“, der diesen Wiegendruck mit handschriftlichen Notizen versehen hat, war niemand anderes als der spätere Reformator. Er benutzte den 1491 in Straßburg gedruckten Band mit Schriften des englischen Franziskaners Wilhelm von Ockham (um 1288-1347) während seines Aufenthalts im Erfurter Augustiner-Eremitenkloster zwischen 1509 und dem Spätsommer 1511. Im Gegensatz zu vielen anderen Kirchenschriftstellern des Mittelalters schätzte Luther den Spätscholastiker Ockham sehr hoch, bezeichnete sich gar selbst mehrfach als „Ockhamisten“.

Bl. 123v der Inkunabel mit Annotationen Martin Luthers. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Hebräische Bibel aus dem Besitz Martin Luthers. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA.

Die Inkunabel mit der Signatur 4° Inc 2442.5 (GW 11912) spiegelt wahrscheinlich seine erste Begegnung mit den Schriften des Franziskaners, der als einer der einflussreichsten Denker der spätmittelalterlichen Theologie- und Philosophiegeschichte gilt. Etwa 160 Notizen und 100 Korrekturen Luthers finden sich auf dem Pergamentvorsatz, dem Titelblatt, auf der Innenseite des Rückdeckels und an den Rändern der Texte selbst. Sie konzentrieren sich auf den zweiten Text „De sacramento altaris“, eine aus zwei Schriften Ockhams zusammengesetzte Abhandlung über die Eucharistie. Im Hintergrund steht einerseits die intensive Auseinandersetzung mit den nominalistischen Lehren Ockhams an der Universität Erfurt seit etwa 1497 – was das Vorhandensein zahlreicher Schriften von und über Ockham in Erfurt erklärt – und andererseits Luthers Vorbereitung auf eine anstehende Wittenberger Vorlesung zum Thema der Sakramente.

Wie bei der 2015 ins UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommenen hebräischen Bibel aus seinem Privatbesitz (8° Inc 2840) zeigt sich Luther auch hier als ein im durchaus modernen Sinn textkritischer Leser, dem es in genauem Vergleich um das Erreichen der bestmöglichen Textgestalt geht. Zu diesem Zweck zog er verschiedene Handschriften heran, deren Lesarten sich in seinen Marginalien wiederfinden. Bemerkenswert ist dabei, dass Luther auf eine sehr gute Überlieferung zurückgegriffen und mit sicherem philologischen Blick die nicht wenigen Fehlleistungen des Straßburger Drucks korrigiert hat.

Vorderdeckel des Einbands aus dem Erfurter Augustinereremiten-Kloster. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bemerkenswert ist der Band auch wegen seines eindrucksvollen weißen Schweinsleder-Einbandes aus der Werkstatt der Erfurter Augustiner-Eremiten. Der Einband trägt an Vorder- und Rückdeckel ornamentierte Messingbeschläge, zwei lilienförmige Schließen, die als typisch für die Erfurter Einbandkunst der Zeit um 1500 gelten, sowie ein metallumrahmtes Hornplättchen auf dem vorderen Deckel, unter dem ein Zettel mit dem Buchtitel sichtbar ist. Löcher von einer Kettenbefestigung oben am Rückdeckel zeigen an, dass der Band in der Erfurter Klosterbibliothek einstmals angekettet war, was ihn vor Diebstahl und unberechtigter „Ausleihe“ schützte – nicht aber vor dem eifrigen Leser Martin Luther, der als junger Universitätslehrer auf den Zugang zu möglichst vielen Büchern angewiesen war, zu diesem Zeitpunkt aber kaum eigene besessen haben dürfte.

„Der guoten buecher … ist noch nie keyn mal zuvil gewesen“, das wußte Luther, und diese guten Bücher fand er vor seiner Karriere als Reformator vor allem in den Bibliotheken seines Ordens. Anders als die meisten Bände aus seinem Privatbesitz haben einige von ihm in Erfurt annotierte Bücher die Zeiten überdauert. Die Ockham-Inkunabel verblieb lange in Erfurt und gelangte erst im Jahr 1909 als vormaliger Bestandteil der „Königlichen Bibliothek Erfurt“ nach Berlin. So blieben Luthers Marginalien zu diesem wichtigen spätscholastischen Text als eines der frühesten Zeugnisse aus seiner Feder für die Nachwelt erhalten. Sie wurden 2009 mit anderen „Erfurter Annotationen“ in einer umfassenden kritischen Edition herausgegeben.

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie dieses durch Martin Luther „posaukisierte“ Exemplar selbst zusammen mit anderen spektakulären Zeugnissen von Luthers eigener Hand vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

 

Vom „Tanzbären“ zum „Nestor der Inkunabelkunde“. Zur Erinnerung an Konrad Haebler († 13. Dezember 1946)

„In den letzten Jahren meiner Gymnasialzeit wurde ich durch einen Schulkameraden in eine geschlossene Gesellschaft eingeführt, in der wir als Tanzbären sehr freundlich aufgenommen wurden. Weiterlesen

Von Hamburgern und Kahlenbergern

Zu den angenehmen Aufgaben des Inkunabelreferats gehört es, Präsentationen und Seminare für auswärtige Gäste und Studierende zu veranstalten. Ein schon zur Tradition gewordener Termin für solche Workshops ist die Pfingstwoche – der klassische Exkursionszeitraum an vielen deutschen Universitäten. Dabei ermöglicht die außerordentliche Breite und Tiefe der Handschriften- und Inkunabelbestände der Staatsbibliothek, (fast) alle konkreten Seminarthemen und Forschungsvorhaben mit Anschauungsmaterial zu versorgen.

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„Frühe Schriften der von Martin Luther initiierten Reformation“ – Übergabe der UNESCO-Urkunde an die Staatsbibliothek

Am Abend des 17. März überreichte die deutsche UNESCO-Kommission den beteiligten deutschen Bibliotheken und Archiven die Urkunden über die Aufnahme der von ihnen bewahrten Zeugnisse des schriftlichen Kulturerbes in das  Weltdokumentenerbe „Frühe Schriften der von Martin Luther initiierten Reformation“.

Im Refektorium des Lutherhauses in Lutherstadt Wittenberg sprachen zu den Vertreterinnen und Vertretern der gewürdigten Institutionen der Vizepräsident der deutschen UNESCO-Kommission, Prof. Dr. Christoph Wulf, der Justizminister und Reformationsbeauftragte des Landes Rheinland-Pfalz, Prof. Dr. Gerhard Robbers, der Direktor des Staatsarchivs Bremen und stellv. Vorsitzende des Memory of the World-Nominierungskomitees, Prof. Dr. Konrad Elmshäuser , Frau Prof. Dr. Irene Dingel (Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz) sowie der Vorstand und Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Dr. Stefan Rhein. Die Wortbeiträge wurden musikalisch umrahmt durch Mitglieder der Wittenberger Hofkapelle unter der Leitung von Thomas Höhne.

Beim Festakt in Wittenberg war die Staatsbibliothek vertreten durch Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf (mittig). - Foto: Cornelia Kirsch

Die Urkunde der UNESCO, unterzeichnet von Generaldirektorin Irina Bokova.

Ausgewählte Schriften Martin Luthers sind in das Weltregister des Dokumentenerbes der UNESCO aufgenommen worden. Die 14 Schriften, darunter aus den Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin ein Handexemplar Luthers der Hebräischen Bibelausgabe sowie ein Plakatdruck der 95 Ablassthesen, ferner die Bibelübersetzung und seine Schrift an die Ratsherren zur Einrichtung von Schulen, sind Meilensteine der Reformation. Sie stehen für verschiedene Facetten der Reformation und sind in ihrer inhaltlichen Aussage und historischen Überlieferung einzigartig und unersetzbar. Über die Aufnahme der ihnen anvertrauten Dokumente freuen sich: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Anhaltische Landesbücherei Dessau, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Herzogin Anna Amalia Bibliothek – Klassik Stiftung Weimar, Forschungsbibliothek Gotha, Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Universitätsbibliothek Heidelberg, Stadtbibliothek Worms und Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Der Antrag wurde maßgeblich vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte Mainz erarbeitet.

 

Restaurierung einer Rechtsinkunabel finanziert von der International Association of Law Libraries

Die Staatsbibliothek zu Berlin ist als Archivbibliothek gehalten, ihren seit 1661 aufgebauten Bestand zu bewahren und – dem Erhaltungszustand entsprechend – zu konservieren. Allerdings haben mangelhafte Papierqualitäten, Kriegsschäden, Tintenfraß und nicht zuletzt auch ihre teilweise sehr intensive Nutzung Spuren an so manchen Werken hinterlassen. Das von dem Verein der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin organisierte Buchpatenschaftsprogramm eröffnet bibliothekarischen und nichtbibliothekarischen Institutionen sowie der allgemeinen Öffentlichkeit die Möglichkeit, den Erhalt dieses einzigartigen kulturellen und wissenschaftlichen Erbes durch Finanzierung dringender Reparatur- und Restaurierungsarbeiten zu unterstützen.

In Anerkennung und als Dank für die Organisation ihrer im Herbst 2015 an der Staatsbibliothek zu Berlin durchgeführten Jahreskonferenz übernahm die International Association of Law Libraries (IALL) die Buchpatenschaft für die Restaurierung einer wertvollen Rechtsinkunabel. Es handelt sich dabei um den venezianischen Wiegendruck Corpus iuris civilis. Novellae etc . aus dem Jahre 1487 (Bibliothekssignatur 2° Inc 4218 (Sav 318), (GW07760), der aus der Bibliothek des berühmten Rechtsgelehrten Friedrich Carl von Savigny (1779 – 1861) stammt. Das so genannte „Volumen parvum“ bildete den letzten Teil der auf Anweisung Kaiser Justinians zusammengestellten Quellensammlung des Römischen Rechts, des „Corpus iuris civilis“. Es enthält eine Auswahl der „Novellen“ (kaiserliche Gesetze, die nach der Zusammenstellung des „Corpus Iuris Civilis“ erlassen wurden), einen Teil des „Codex Iustinianus“ (eine Sammlung der Kaisergesetze des 2. bis 6. Jahrhunderts) sowie einige weitere, z. T. erst aus dem Mittelalter stammende, Rechtstexte. Die vorliegende Ausgabe beinhaltet zudem den im Mittelalter maßgeblichen Kommentar des Accursius Florentinus (1182/85 – 1260/63), der aufgrund seines Umfangs üblicherweise als Klammerglosse um den eigentlichen Text gesetzt wurde.

Bei diesem Werk mussten der Halbledereinband mit Papierbezug erneuert, die erste und letzte Lage ausgebessert, wieder verheftet und auch Schäden im Buchblock ergänzt werden. Das dem restaurierten Band beigefügte „Exlibris“ auf der Innenseite des Buchdeckels lautet: „Restauriert mit einer Spende von der International Association of Law Libraries anlässlich der Jahreskonferenz in Berlin 2015“. Die Staatsbibliothek zu Berlin – namentlich ihre Handschriftenabteilung – sowie der Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung danken der IALL für die großzügige Spende und geben das Werk wieder für die Benutzung frei.

 

Text: Ivo Vogel

Fokus Kirchenbibliotheken: St. Marien in Barth

Die evangelische St. Marienkirche in Barth (Mecklenburg-Vorpommern) beherbergt eine der ältesten Kirchenbibliotheken Deutschlands, bereits im Jahr 1398 wurde eine Büchersammlung in St. Marien im Testament eines Geistlichen erstmals erwähnt. Weiterlesen

Begeisterte Gäste beim „Memory of the World“-Tag

Über 900 Besucher kamen am 5. Dezember in unser Haus Unter den Linden, wo sie die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach, die 95 Thesen gegen den Ablass von Martin Luther sowie die hebräische Handbibel M. Luthers sahen. Im Oktober hatte die UNESCO die drei Stücke in das Register „Memory of the World / Gedächtnis der Menschheit“ aufgenommen; schon seit 2001 ist dort eine weitere Pretiose aus der Staatsbibliothek zu Berlin verzeichnet: die Arbeitspartitur von Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 9.

Am vergangenen Samstag waren die Gäste durchweg begeistert, und zwar nicht allein davon, dass sie in Ruhe alles betrachten konnten. Vor allem auch die ausführlichen Erläuterungen der Experten der Bibliothek, die ihre Stücke wie auch deren historische Einbettung und eine Reihe von „interessanten Geschichten drumherum aus dem Effeff“ kennen, fesselten die Besucher. Im Durchschnitt blieben diese etwas länger als eine halbe Stunde, die längste Wartezeit zuvor hatte 25 Minuten betragen, was aufgrund der Einmaligkeit dieser Präsentation gern in Kauf genommen wurde. Die meisten Besucher verkürzten sich die Wartezeit mit dem Lesen der Broschüren zu den drei neuen Memory-of-the-World-Stücken und waren so bestens auf die Begegnung mit den Originalen eingestimmt.

Die Staatsbibliothek zu Berlin bedankt sich auch bei Presse und Rundfunk, denn ohne deren unermüdliches Hinweisen auf diesen besonderen Termin hätten weniger Menschen von diesem einmaligen und nur 8 Stunden dauernden Ereignis erfahren. Jetzt liegen die Originale wieder sicher verwahrt in ihren Tresoren bei 18 Grad Celsius und 50 % relativer Luftfeuchte.

Wer’s verpasst hat, kann sich in unserer Digitalen Bibliothek alles selbst anschauen:

h-Moll-Messe von J. S. Bach, Druck der 95 Thesen von M. Luther
Hebräische Bibel Martin Luthers
, und der Vollständigkeit halber auch die zuerst in das Memory of the World aufgenommene Sinfonie Nr. 9 von Ludwig van Beethoven.

5.12. Unter den Linden: Wir zeigen die Originale! Bach und Luther – UNESCO-Dokumentenerbe in Berlin

Am Sonnabend, den 5. Dezember – und nur an diesem Tag! – präsentieren wir Ihnen zwischen 11 und 19 Uhr unsere UNESCO-Weltdokumentenerbe-Stücke im Haus Unter den Linden (Eingang: Dorotheenstraße 27):

• die Originalhandschrift der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach
• der Druck der 95 Thesen Martin Luthers
• die hebräische Bibel Martin Luthers, die er – versehen mit seinen  handschriftlichen Anmerkungen – für seine Bibelübersetzung ins Deutsche verwendete

Wir freuen uns, Sie am 5.12. bei uns zu sehen.
Unser Programm an diesem Tag:

10.30 Uhr: Führung durch das Haus Unter den Linden, Treffpunkt Rotunde

11 – 19 Uhr: Besichtigung der Memory of the World-Schätze (letzter Einlass: 18.30 Uhr)

12, 14, 16 und 18 Uhr: Kurzführungen in den 2013 eröffneten Allgemeinen Lesesaal

Der Eintritt ist frei

Mehr Informationen über unsere drei Memory of the World-Schätze

Ein Geschenk zum 111. Geburtstag des GW

„Am 28. November 1904 hatte der preußische Ministerialdirektor Friedrich Althoff eine Reihe hochrangiger Bibliothekare in eine ‚Kommission für den Gesamtkatalog der Wiegendrucke‘ berufen, die, parallel zum ‚Preußischen‘ und später ‚Deutschen‘ Gesamtkatalog, die Katalogisierung des Inkunabelbesitzes in den Bibliotheken der deutschen Einzelstaaten einleiten und überwachen sollte“ Weiterlesen

GW’s Most Wanted: Einblattdruck-Besitzer gesucht

Heute eröffnen wir eine lockere Folge von Beiträgen unter dem Leitthema GW’s Most Wanted, mittels derer nach verschollenen Inkunabeln oder – wie hier – nach nicht identifizierten Eigentümern von einzelnen Druckexemplaren gefahndet werden soll. Weiterlesen