Unsere redaktionelle Auswahl für den Rückblick

Nur in Berlin: Die einzige Luther-Ausstellung mit allen drei Thesen-Drucken von 1517

„BIBEL – THESEN – PROPAGANDA.
Die Reformation erzählt in 95 Objekten“

Daten zur Ausstellung
3. Februar – 2. April 2017
+ zum Evangelischen Kirchentag 24. – 28. Mai 2017
dienstags-samstags 11-19 Uhr, sonntags 13-18 Uhr

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum, 10785 Berlin
freier Eintritt
Katalog + original gefaltetes Faksimile des Thesen-Drucks, dazu eine deutsche Übersetzung der Thesen

Honorarfreie Abbildung des Nürnberger Drucks der 95 Thesen
http://sbb.berlin/ferztk
seit 2015 ist dieses Exemplar aufgenommen in das Weltdokumentenerbe der UNESCO / „Memory of the World“

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Einer der wesentlichen Auslöser der Reformationsbewegung ab dem Ende des Jahres 1517 war die Verbreitung der 95 Thesen Martin Luthers, in denen er seine fundamentale Kritik zum Ablasshandel niedergeschrieben hatte. Seine Thesen sandte er am 31. Oktober 1517 dem Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg, zugleich kursierten in Luthers Umfeld einige Abschriften. Gleichzeitig wurden drei Ausgaben der in Latein abgefassten Thesen gedruckt: zwei Plakatdrucke entstanden in Nürnberg und in Leipzig, eine kleinere Ausgabe auf vier Blättern im Quartformat in Basel.

Heute  sind nur noch sieben Exemplare der Thesendrucke aus Nürnberg und Leipzig bekannt, zwei davon werden in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufbewahrt: Die Staatsbibliothek zu Berlin besitzt einen Druck aus Nürnberg, das Geheime Staatsarchiv einen aus Leipzig. In den ersten beiden Wochen der Ausstellung, im Februar 2017, werden diese beiden Plakatdrucke zusammen mit dem Baseler Druck nebeneinander gezeigt.

Der Nürnberger Plakatdruck der Staatsbibliothek zu Berlin wurde 2015 in das UNESCO-Register „Memory of the World“ aufgenommen und damit zum Weltdokumentenerbe erklärt. Zur Ausstellung erscheint von diesem Exemplar ein Faksimile, das auf praktische Handgröße gefaltet ist, ebenso wie es die Faltspuren des Originals aus dem Jahr 1517 zeigen.

Im Jahr 1518 ließ Luther den „Sermon von dem Ablass und Gnade“ drucken, diesen Text verfasste er in Deutsch und erreichte so ein allgemeines Verständnis seiner Kritik an der kirchlichen Praxis. Auch mit diesem Text löste er die Reformationsbewegung wesentlich mit aus – selbstverständlich ist von diesem Text in der Ausstellung ein Druck zu sehen.

Eine der Pretiosen ist auch der eigenhändige Briefentwurf Luthers für den Rektor und die Professoren der Universität Wittenberg an Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, in dem um Schutz für ebendiesen Martin Luther gebeten wird. Zu sehen ist auch ein Druck der päpstlichen Bulle, mit der Papst Leo X. im Jahr 1520 Luther den Bann androhte. Es folgen Hauptschriften Luthers und anderer Reformatoren, Flugblätter und prachtvolle, u. a. von Lucas Cranach d.J. ausgestaltete Pergamentbibeln.

Neben der ersten Übersetzung der Luther-Bibel in das Sorbische sind auch Übersetzungen in eine Variante der Hindustani-Sprache oder ins Chinesische zu sehen. Zur lutherischen Kirchenmusik sind Autographe Bachs, Telemanns und Mendelssohns zu bewundern, ebenso ein sofort wieder verworfener Kompositionsversuch Martin Luthers selbst.

Die Ausstellung „BIBEL – THESEN – PRROPAGANDA“ stellt die Quellen der Reformationsbewegung, die vor 500 Jahren ihren Anfang nahm, wie auch deren weiteren Verlauf bis hin zur Manifestation der lutherischen Kirche zunächst in Europa, später auf anderen Kontinenten, in großer formaler Breite und inhaltlicher Tiefe vor.  Der Eintritt zur Ausstellung ist frei, in zahlreichen Führungen werden die einzelnen Objekte erläutert.

etahoffmann.net – Das E.T.A. Hoffmann Portal ist mit einer BETA-Version online!

Endlich ist es soweit – wir sind mit einer BETA-Version online! Nach gut einem Projektjahr präsentieren wir Ihnen heute, pünktlich zum 200-jährigen Jubiläum von Hoffmanns vielleicht bekanntestem Werk „Nussknacker und Mausekönig“ und als kleines vorweihnachtliches Geschenk, einen ersten (und wie wir meinen durchaus vorzeigbaren) Stand des E.T.A. Hoffmann Portals. Auch wenn noch nicht alles perfekt ist, bekommen Sie mit dieser Version schon einen breiten Einblick in die neue digitale Welt rund um E.T.A. Hoffmann.

Mit dem Portal hat die Staatsbibliothek zu Berlin – zusammen mit ihren Projektpartnern Staatsbibliothek Bamberg und E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft – ein bisher einzigartiges Angebot geschaffen: neben der Präsentation von digitalisierten Quellen, die in den beiden Staatsbibliotheken Berlin und Bamberg sowie vereinzelt auch in anderen Institutionen liegen, und der Möglichkeit einer übergreifenden Suche über unterschiedliche Kataloge, Datenbanken und Bibliographien hinweg, wird ein großes Spektrum an Themen zu E.T.A. Hoffmann und seinem Umfeld unter dem Motto Hoffmann Wissen für breite Zielgruppen aufbereitet. Das Angebot richtet sich sowohl an Forschende als auch an Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Interessierte.

Hoffmann Wissen

Im Kosmos Hoffmann Wissen finden Sie aktuell bereits Fachbeiträge von 40 Forscherinnen und Forschern aus unterschiedlichen Disziplinen und aus Einrichtungen weltweit. Gegliedert in drei zentrale Portalbereiche (Leben und Werk, Hoffmann Erforschen und Hoffmann Unterrichten) beleuchten die Beiträge in mehr als 200 Themenschwerpunkten Hoffmanns Leben und Wirken auf vielfältige Weise. Hier finden Sie einführende Beiträge ebenso wie tiefergehende Texte, so dass für Hoffmann-„Anfänger“ und selbst für „alte Hasen“ etwas dabei ist. Sukzessive werden die Beiträge um weitere Artikel ergänzt. Dem Format des Webportals entsprechend sind die Texte strukturiert in kurze Kapitel und werden ergänzt durch passendes Bild- und Quellenmaterial, weiterführende Informationen in Infoboxen, Marginalspalten und Ausklappfelder sowie durch Querverweise innerhalb des Portals und externe Lektüretipps, die über Verlinkungen direkt ansteuerbar sind. So können die Nutzerinnen und Nutzer selbst wählen, wie tief sie in ein Thema einsteigen möchten. Selbstverständlich können Sie im Kosmos Hoffmann Wissen auch schon jetzt an verschiedenen Stellen Informationen zu unserem heutigen Geburtstagskind „Nussknacker und Mausekönig“ finden.

Interaktive Elemente

Im Bereich Leben und Werk bietet das Portal eine interaktive Karte des Kunz’schen Risses an, einer Federzeichnung Hoffmanns, in der er das Geschehen am Berliner Gendarmenmarkt darstellt. Die Nutzerinnen und Nutzer können einzelne Bereiche der Karte mit der Maus ansteuern und erhalten vergrößerte Ausschnitte mit Erläuterungen zum Dargestellten. In Planung befinden sich zudem ein interaktiver Zeitstrahl zu Hoffmanns Biografie und Werk, virtuelle Stadtrundgänge, eine Netzwerkvisualisierung seiner Bekanntschaften und eine Raum-Zeit-Darstellung zur Rezeptionsanalyse. Lehrerinnen und Lehrer können aktuell aus zwei kompletten Lehreinheiten für den Unterricht wählen und finden Materialien und Anregungen für die individuelle Unterrichtsgestaltung. Weitere eLearning-Module folgen.

Interaktiver Kunz'scher Riss

Hoffmann Suche

Hoffmann finden, ohne Hoffmann zu suchen – das bietet Ihnen die datenbankübergreifende Metasuche nach Hoffmanniana. Zu „Nussknacker und Mausekönig“ finden Sie hier beispielsweise zahlreiche Hinweise zu aktueller Forschungsliteratur aus den beiden Katalogen der Staatsbibliotheken in Berlin und Bamberg. Wenn Sie direkt bequem von zu Hause aus schon in die Lektüre einsteigen wollen, bietet Ihnen die Quelle BASE, die ebenfalls eingebunden wurde, Zugang zu sämtlichen Texten, die im Open Access verfügbar sind. Das Besondere an der Suche ist, dass Sie nicht noch „E.T.A. Hoffmann“ als Suchbegriff eingeben müssen: stattdessen können Sie direkt in die Detailsuche einsteigen, da jede Quelle mit einem Suchraum „E.T.A. Hoffmann“ versehen wurde. Im rechten Bereich finden Sie zusätzliche externe Quellen (hier insbesondere die Hoffmann-Bibliographie) und selbstverständlich können Sie schon jetzt Ihre Ergebnisse ins Literaturverwaltungsprogramm Zotero laden. Stück für Stück ergänzen wir noch weitere Datenbanken und Kataloge wie z.B. den freien Teil der BDSL (Bibliographie der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft), optimieren die Detailansicht und Exportfunktionen.

Hoffmann Suche

Hoffmann digital

In aktuell zehn verschiedenen Kollektionen haben wir Ihnen in Hoffmann digital digitalisierte Originalmaterialien von und zu E.T.A. Hoffmann zusammengestellt – ja, natürlich finden Sie hier auch eine herrlich illustrierte Ausgabe von „Nussknacker und Mäusekönig“. Daneben gibt es Autographe, Musikalien, Zeichnungen und vieles mehr zu entdecken. Wenn Sie ein Detail in einer Illustration interessiert, zoomen Sie es einfach heran und nehmen es genau unter die Lupe. Ihre ganz individuellen Highlights können Sie in einer Merkliste speichern und zur weiteren Verwendung exportieren. Momentan finden Sie eine erste Auswahl an Originalquellen online, weitere Digitalisate werden nach und nach ergänzt.

Navigation und Orientierung

Ein Farbleitsystem macht es den Nutzerinnen und Nutzern besonders leicht, sich im Portal zu orientieren. Jedem der fünf großen Bereiche Leben und Werk, Erforschen, Unterrichten, Suche und Hoffmann digital ist jeweils eine Leitfarbe zugewiesen, die auf allen Seiten dieses Bereichs zu finden ist. Das Hauptmenü erlaubt zudem auf einen Blick die Übersicht über die Inhalte von jeweils zwei Vertiefungsebenen. So sieht man beispielsweise nicht nur die Unterseiten des Bereichs Leben und Werk, sondern auch die Unterseiten der Seite Der Jurist, die sich im Bereich Leben und Werk befindet.Beitrag aus Erforschen

200 Jahre „Nussknacker und Mausekönig“

Heute vor genau 200 Jahren hielt E.T.A. Hoffmann in Berlin die frisch gedruckten Exemplare seiner „Kinder-Mährchen“ in den Händen, die im ersten Band auch den „Nussknacker und Mausekönig“ enthalten. Pünktlich zu Weihnachten konnten so seine Märchen für Kinder noch von Georg Reimer vertrieben werden. Und 200 Jahre später bieten wir Ihnen mit dem E.T.A. Hoffmann Portal ein neues Universum an, in dem Sie über den Nussknacker, aber auch über zig andere Facetten aus dem Leben und Wirken des Universalgenies Hoffmann recherchieren können.

„Nussknacker und Mausekönig“ gehört mit zu den weltweit am meisten rezipierten Werken E.T.A. Hoffmanns. Dazu beigetragen hat insbesondere Tschaikowskis berühmtes Ballett „Der Nussknacker“, das ursprünglich auf die Geschichte von E.T.A. Hoffmann zurückgeht. Darüber hinaus ist „Nussknacker und Mausekönig“ auch das am meisten illustrierte Werk Hoffmanns. Besonders bedeutsam sind hier die Illustrationen von Peter Carl Geissler, die sie auch im Beitragsbild bewundern können.

Wir hoffen, dass Ihnen unser kleines vorweihnachtliches Geschenk genau so viel Freue bereiten wird wie uns und sind gespannt auf Ihre Hinweise, Anregungen und Verbesserungsvorschläge: E.T.A.-Hoffmann-Archiv@sbb.spk-berlin.de

Nun viel Spaß beim Stöbern wünscht das Projektteam: Ursula Jäcker, Indra Heinrich, Christina Schmitz, Maren Gnehr und Angela Oehler.

etahoffmann.net

Romeo und Julia unter Tage – die „Bergwerke zu Falun“

Die Geschichte ist nicht neu und schnell erzählt: Der junge Seemann Elis kommt von einer Fahrt nach Ostindien wieder in der Heimat an und erfährt, dass seine Mutter gestorben ist, während er auf See war. Anstatt mit seinen Freunden zu feiern, bleibt er traurig und gedankenverloren allein – bis sich ein alter Bergmann zu ihm setzt und ihm rät, die Seefahrt aufzugeben und Bergarbeiter zu werden. Elis folgt diesem Vorschlag, geht nach Falun und sieht sich die Bergwerke an. Zunächst ist er völlig schockiert, doch dann lernt er die schöne Ulla kennen und lieben. Am Tag ihrer Hochzeit fährt er in die Grube ein, um den Almandin zu finden, einen Edelstein, der das Glück des Brautpaares festigen soll. Wenig später erhält Ulla die schreckliche Nachricht, dass das Bergwerk eingestürzt ist und ihren Bräutigam begraben hat. Fortan kehrt sie jedes Jahr am Tag des Unglücks zum Bergwerk zurück und erfährt 50 Jahre später, dass ein Leichnam aus der Grube geborgen wurde, der in Vitriolwasser gelegen hatte und deshalb um keinen Tag gealtert zu sein scheint. Ulla, inzwischen eine alte Frau, erkennt ihren Elis. Sie umarmt den toten, jung gebliebenen Bräutigam – und stirbt, während der Körper von Elis zu Staub zerfällt. In der Kirche, in der sie einst heiraten wollten, finden die Liebenden ihre letzte Ruhestätte.

Titelblatt Falun

Titelblatt. Foto von C. Koesser, SBB PK.

Soweit – in groben Zügen – die Geschichte von Elis und Ulla, wie sie E. T. A. Hoffmann 1819 in seinem Zyklus „Die Serapionsbrüder“ erzählt hat.

Inspiriert von dieser traurigen Liebesgeschichte entstand 2016 zu dem Werk Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“ ein Handeinband, den der Berliner Buchbinder und Buchgestalter Christian Klünder schuf. Klünder, Jahrgang 1952, lebt und arbeitet in Berlin-Moabit. Sein Einband für eine 1997 im Verlag Serapion vom See erschienene Ausgabe mit Radierungen von Michael Knobel greift die Erzählung auf und setzt sie auf sehr hohem handwerklichem und künstlerischem Niveau um: Passend zum Ort der Handlung in Hoffmanns Erzählung wählte Klünder als Bezugsstoff für seinen Einband handgefärbtes Rentierpergament. Bei der Ausführung seines Entwurfs mit Metall- und Farbfolienprägung bezieht Klünder sowohl Vorder- und Hinterdeckel als auch den Buchrücken mit ein. Dunkle, senkrechte Balken stehen bedrohlich auf dem roten Pergament und symbolisieren die Schächte, in die die Bergleute zu ihrer gefährlichen Arbeit in die Gruben einfuhren. Die Stollen dagegen, in denen das Erz und andere Bodenschätze gefunden wurden, wirken als waagerechte silberne Streifen freundlich und hell, stehen für den Triumph im Berg und die Glücksmomente des schwer errungenen Erfolgs. Tief unten in der Grube soll der sagenhafte Almandin zu finden sein, der Elis zum Verhängnis wurde. Klünder platziert den Edelstein auf dem Hinterdeckel, fast am Grunde des Schachtes. Als Kontrapunkt dazu finden sich auf dem Vorderdeckel die beiden Ringe des Brautpaares, jedoch deuten die Kreuze bereits den tragischen Ausgang der Erzählung an. Der Graphitkopfschnitt, das Lederkapital und das für den Vorsatz verwendete schwarze Mi-Teintes Papier runden die edle Optik ab. Die zur sicheren Aufbewahrung des Einbands angefertigte Ganzgewebekassette zeigt auf dem Vorderdeckel eine eingelassene Radierung. Der Handeinband wird seinen Standort in der Einbandsammlung der Abteilung Historische Drucke finden.

Vorderdeckel Falun

Vorderdeckel. Foto von C. Koesser, SBB PK.

Detail Vorderdeckel

Detail Vorderdeckel. Foto von C. Koesser, SBB PK.

 

Hinterdeckel Falun

Hinterdeckel. Foto von C. Koesser, SBB PK.

Detail Hinterdeckel

Detail Hinterdeckel. Foto von C. Koesser, SBB PK.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Bergwerk in Falun wurde übrigens noch bis weit in das 20. Jahrhundert betrieben. Heute ist es ein Museum und seit dem Jahr 2001 ein Teil des Weltkulturerbes Falun-Kopparbergslagen.

[Text von Andreas Wittenberg.]

Märchenlesung von Barbara Schneider-Kempf am16.11.16; Foto: Carola Seifert SBB-PK, CC-BY-NC-SA

Märchenhafte Lesung in der Staatsbibliothek

30 Paar Drittklässler-Ohren der Silberstein-Grundschule aus Neukölln lauschten am 16.11.16 aufmerksam einer Lesung der Generaldirektorin Barbara-Schneider-Kempf im Rahmen der Reihe „Märchenreise mit Prominenten“. Passend zum diesjährigen Thema der 27. Berliner Märchentage „Dornröschen erwacht…! Mädchen und Frauen in Märchen und Geschichten“ wählte sie ein Märchen, das von einer mutigen Häuptlingstochter erzählt, die ihren Stamm rettet.

Die 9-jährigen Bibliotheksbesucher zeigten sich auch im Anschluss ausgesprochen interessiert: „Was ist Dein Lieblingsbuch“? oder „Warum hast Du die Bibliothek ‚Staatsbibliothek‘ genannt?“ und „Wie wird man Generaldirektorin einer Bibliothek?“. Damit war der Wissensdurst jedoch noch längst nicht gestillt: „Warum ist dieses Gebäude keine Villa und noch so neu?“, hieß es weiter, „Schläfst Du hier auch?“ und „Kanntest Du den ersten Direktor der Staatsbibliothek noch?“…
Die Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, Carola Pohlmann, präsentierte der staunenden Gruppe zum krönenden Abschluss u.a. Verwandlungsbilderbücher und historische sowie moderne Ausgaben der Märchen der Gebrüder Grimm.

Spätestens nach der Frage, ob sie nun selbst einige Bücher lesen dürften, zeigte sich, dass die Veranstaltung ein voller Erfolg war, und Bücher die jüngste Generation auch nach wie vor in ihren Bann ziehen.

Weitere Informationen zur Kinder- und Jugendbuchabteilung

Weitere Informationen zu den Berliner Märchentagen

Adoleszenz in den Comics. Damals und heute

Vortrag von Dr. Felix Giesa in der Staatsbibliothek

Von Indra Heinrich und Sigrun Putjenter

Vor fast genau einem Jahr wurde die Comicerwerbung in der Staatsbibliothek mit einem eigenen Sammlungskonzept auf völlig neue Beine gestellt. Historisch oder gesellschaftswissenschaftlich interessante bzw. künstlerisch herausragende Erwachsenencomics gehören seitdem ebenso dazu wie entsprechende Comics für Kinder und Jugendliche. Das verstärkte Engagement der Staatsbibliothek auf diesem Gebiet wurde nun durch den Vortrag des Comicexperten und zweiten Vorsitzenden der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) Dr. Felix Giesa (Universität zu Köln, ALEKI – Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendmedienforschung) mit einer ersten Veranstaltung eigens gewürdigt.

V. l.: Indra Heinrich (Fachreferentin u.a. für Kunst), Carola Pohlmann (Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung), Dr. Felix Giesa (Comicexperte, Universität Köln). - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

V. l.: Indra Heinrich (Fachreferentin u.a. für Kunst), Carola Pohlmann (Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung), Dr. Felix Giesa (Comicexperte, Universität Köln). – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Was sind eigentlich Comics?

Bildgeschichten, Comics, Comicroman, Graphic Novel, Mangas – viele unterschiedliche Bezeichnungen, doch wie kann man Comics eigentlich definitorisch fassen? Comics sind, so Felix Giesa, Bildgeschichten, bei denen die unterschiedlichen Bilder in enger zeitlicher Sequenz aufeinander folgen. Im Gegensatz dazu zeichnet sich das klassische Bilderbuch durch eine „weite“ Abfolge der Bilder aus. Im Amerikanischen hat sich für Comics deswegen der Begriff der “graphic narrative“ etabliert.

Die wichtigsten Elemente eines Comics sind das Panel als kleinste Bildeinheit, der Blocktext als Ort der Erzählerrede und die Sprechblase als Ort der Figurenrede. Der Zwischenraum zwischen den Panels trennt diese zeitlich voneinander. Diese Lücke muss vom Betrachtenden selbstständig gedanklich ausgefüllt werden. („Da wird der Leser mitunter zum Mörder!“) Die Geschichte entsteht schließlich in der Abfolge der einzelnen Panels. Die Comicleser*innen müssen dabei sowohl den Text als auch die nonverbalen Elemente des Bildes verstehen und deuten.

Und wie verhält es sich nun mit der Unterscheidung von Comics, Graphic Novels und Mangas? Folgt man Felix Giesa, dann sind diese Begriffe im Wesentlichen unterschiedliche Labels, um die Bildgeschichten in unterschiedlichen Ländern und Kontexten zu vermarkten: Der Comic wird als Fortsetzungsgeschichte in Heften verkauft; Mangas, die ganz eigene Stilmittel aufweisen, stammen ursprünglich aus Japan, haben sich jedoch längst über den asiatischen Raum hinaus verbreitet; und  der Terminus „Graphic Novel“ gilt mittlerweile als Qualitätsmerkmal für einen anspruchsvolleren Comic in Buchform. Als solche habe sich der Comic inzwischen auch in der sogenannten Hochkultur fest etabliert, erläuterte Giesa am Beispiel des Titels Im Eisland. Der Träger des diesjährigen Jugendliteraturpreises in der Sparte Sachbuch werde als Graphic Novel beworben, obgleich die von Kristina Gehrmann gewählte Erzählweise und Bildgestaltung eigentlich den Mangas entspreche.

Dietrich-Bonhoeffer-Saal und Simón-Bolivar-Saal lockten an diesem Abend zeitgleich mit Veranstaltungen. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Dietrich-Bonhoeffer-Saal und Simón-Bolivar-Saal lockten an diesem Abend zeitgleich mit Veranstaltungen. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Adoleszenz in den Comics

In seinem Vortrag widmete sich Felix Giesa dem verhältnismäßig jungen Genre der Adoleszenzcomics, die auf realistische Weise von den Problemen Jugendlicher beim Erwachsenwerden erzählen. Allerdings stehen diese Comics am Ende einer Entwicklung von den frühen Zeitungscomics bis heute. Jugendliche als Motive tauchten schon sehr früh in den Comics auf, wurden dem erwachsenen Publikum aber – wie etwa in den Comicstrips The Yellow Kid – zunächst vor allem komisch präsentiert. Eine realistische Darstellungsweise, die sich auch an ein jüngeres Publikum richtete, setzte sich erst allmählich durch.

So entstanden in den USA nach dem Ersten Weltkrieg Teenagerserien wie Harold Teen von Carl Ed, etwas später auch Archie von Bob Montana oder die “girls‘ comics“ wie Patsy Walker, in denen Teenager zwar in ihrem realistischen Lebensumfeld dargestellt wurden, deren Darstellungen aber immer noch in erster Linie auf eine humorvolle Geschichte hin angelegt waren. Erst mit der Entstehung der „Underground Comics“ ab den 1960er Jahren sollte sich das ändern: In diesen neuartigen und aufregenden Comics beispielsweise von Robert Crumb und Justin Green wurden die jugendliche Subkultur dargestellt, die eigene Biographie zum Sujet aufgewertet und neue Erzählverfahren zur Darstellung nonverbaler Aspekte, z.B. von Gefühlen, entwickelt. Die Herausforderungen der Adoleszenzphase wurden auf somit neu darstellbar. In den 1980er Jahren differenzierten sich diese Entwicklungen im Bereich der „Alternative Comics“ noch weiter aus. Prominente Beispiele dafür sind die Anthologien RAW von Art Spiegelman, dem späteren Gewinner des Pulitzer-Preises, und seiner Partnerin Françoise Mouly sowie Weirdo von Robert Crumb und die autobiografischen Berichte der eigenen Adoleszenz von Chester Brown.

Dr. Felix Giesa. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Dr. Felix Giesa. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Im Laufe der 1970er Jahren wurden diese Trends im frankobelgischen Bereich aufgegriffen. Ganz im Sinne der Schule problemorientierter Jugendliteratur gerieten der Alltag und die Gefühle von Heranwachsenden stärker in den Fokus von Comiczeichnern. Dies schlug sich nicht zuletzt in den realistischen Darstellungen der eigenen Adoleszenzphase nieder, die ab den 1990er Jahren prominent, beispielsweise von Lewis Trondheim, forciert wurden.

Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch in Deutschland beobachten. Hier waren es vor allem Künstler*innen im Gefolge der 68er Bewegung wie Franziska Becker und Ralf König, die das Thema Adoleszenz als Sujet für ihre Comics entdeckten. In den 1990er Jahren nahmen auch deutsche Zeichner*innen die Anregungen der US-amerikanischen Comic Avantgarde auf und erprobten neue Möglichkeiten des Erzählens durch Comics. Momentaufnahmen aus dem eigenen Leben spielten nun eine zunehmend wichtigere Rolle, wie das Beispiel Smalltown Boy (1999) von Andreas Michalke zeigt. In den Werken der neuen Generation der Comiczeichner*innen seit der Jahrtausendwende stellte Giesa schließlich zwei unterschiedliche Kategorien von Adoleszenzdarstellungen fest: die autobiographische Darstellung, wie beispielsweise Kati Rickenbachs Jetzt kommt später (2011), und die fiktive Adoleszenzerzählung, wie sie Arne Bellstorf für acht, neun, zehn (2005) entwarf.

Die anschließende engagierte Diskussion unter den zahlreichen Anwesenden zeigte die enorme Bandbreite des Interesses, auf die das Thema Comics stößt. So wurde sowohl nach den Adressen einschlägiger Comic-Läden gefragt als auch versucht, die eigene Comic-Lektüre im dargebotenen Kontext zu verorten, oder Annahmen über die Leistungen des menschlichen Gehirns bei der Lektüre von Bildergeschichten zu treffen. – Die kognitive Verarbeitung von Bildergeschichten, das sei am Rande erwähnt, wird zur Zeit im Rahmen eines vom BMBF geförderten Projekts an der Universität Potsdam erforscht.

Fachgespräche am Rande der begleitenden Ausstellung. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Fachgespräche am Rande der begleitenden Ausstellung. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Begleitet wurde der Vortrag von einer kleinen Ausstellung historischer und aktueller Comics, die Julia Lausch aus der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek vorbereitet hatte. Sie ermöglichte allen Anwesenden einen guten visuellen Einblick in das Vortragsthema, ein Eintauchen geradezu in die unterschiedlichen Lebenswelten von Jugendlichen.

Weitere Facetten dieses spannenden Themengebiets vorzustellen, soll Gegenstand zukünftiger Werkstattgespräche sein.

21. Jahrestagung des AEB

Vom 27.-29. Oktober trafen sich Fachleute, die sich mit Einbandforschung, Restaurierung und Sammeln historischer Bücher beschäftigen, zur 21. Jahrestagung des „Arbeitskreises für die Erfassung, Erschließung und Erhaltung historischer Bucheinbände“ in der Landesbibliothek Coburg.

Den Eröffnungsvortrag „Die Landesbibliothek Coburg – eine ernestinische Fürstenbibliothek im heutigen Bayern“ hielt die Leiterin der Landesbibliothek Coburg, Dr. Silvia Pfister. Zeitgleich wurde eine begleitende Ausstellung eröffnet: „Herr erhalte mich bei Deinem Wort. Dynastie und Konfession auf ernestinischen Fürsteneinbänden“. Zur Ausstellung wurde von Mitgliedern der Geschäftsführung des AEB eine Handreichung erarbeitet. Das Programm der Tagung beinhaltete Vorträge und Workshops, deren Bogen sich von Einbänden des Mittelalters bis zu modernen Einbänden des Typographen und Buchkünstlers Jan Tschichold spannte. Eine Führung auf der Veste Coburg konzentrierte sich – passend zum kommenden Reformationsjahr – auf die dortigen Luther-Räume. Die Exkursion am Samstagnachmittag führte ins Thüringische Schleusingen, wo die historische Bibliothek des dortigen „Hennebergischen Gymnasiums“, die auf Schloss Bertholdsburg aufbewahrt wird, in Augenschein genommen werden konnte. Dazu passend läuft dort die aktuelle Sonderausstellung „Verborgene Schätze der Hennebergischen Gymnasialbibliothek“.

Der Dedikationseinband um ein Heft der Zeitschrift Einband-Forschung, der der ausrichtenden Bibliothek inzwischen traditionell überreicht wird, wurde in diesem Jahr von der Hallenser Buchbinderin und Burg Giebichenstein-Absolventin Claudia Richter hergestellt. Zur Tagung erschien Heft 39 der Einband-Forschung, das den Teilnehmern mit den Tagungsunterlagen überreicht wurde.

[Text von Ninon Suckow und Thomas Klaus Jacob.]

Johann Sebastian Bachs Autograph zum Reformationsfest 1725

Unser Highlight zur Kirchenmusik in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Ein Beitrag von Roland Schmidt-Hensel

Johann Sebastian Bach. Kupferstich von August Weger (um 1865), nach einem 1746 entstandenen Gemälde von Elias Gottlob Haußmann. Lizenz CC-BY-NC-SA

Johann Sebastian Bach. Kupferstich von August Weger (um 1865), nach einem 1746 entstandenen Gemälde von Elias Gottlob Haußmann. Lizenz CC-BY-NC-SA

Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist im kollektiven Bewusstsein als die „in Musik gegossene Stimme des Luthertums“ fest verankert. In der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“ vom 3.2. bis zum 2.4.2017 präsentieren wir an prominenter Stelle des Themenbereichs Kirchenmusik eine eigenhändige Komposition Bachs.

Bachs Schaffen bildet den Kulminationspunkt einer Entwicklungslinie lutherischer Kirchenmusik, die schon bald nach Luthers Thesenanschlag ihren Ausgang genommen hatte. Seit Mitte der 1520er Jahre beschäftigte sich der Reformator intensiv mit der Neuorganisation städtischer Schulen und der ihnen zugeordneten Kantoreien, die in den folgenden Jahrhunderten zu wichtigen Trägern der lutherischen Kirchenmusik werden sollten. Als „Urkantor“ gilt Luthers musikalischer Berater Johann Walter, der 1526 in Torgau eine Stadtkantorei begründete und wenige Jahre später zum Lehrer und Kantor am dortigen Gymnasium berufen wurde.

Wie Walter, so war auch Johann Sebastian Bach während seiner von 1723 bis zu seinem Tode 1750 währenden Amtszeit als Leipziger Thomaskantor zugleich Musiklehrer an der Thomasschule. Zu Bachs Aufgaben gehörte es ferner, mit dem Thomanerchor und den Stadtmusikern die Gottesdienste in der Thomaskirche musikalisch auszugestalten. Außer in Fastenzeiten gelangte hierbei allwöchentlich eine Kantate zur Aufführung. In seinen ersten beiden Amtsjahren (Trinitatis 1723 bis Trinitatis 1725) schuf Bach zwei fast vollständige Jahrgänge mit Kantaten zu allen Sonn- und Feiertagen, die rund die Hälfte aller überlieferten 200 Kirchenkantaten aus seiner Feder ausmachen. In späterer Zeit, als Bach vermehrt auf eigene bereits vorhandene Werke sowie auf fremde Kompositionen zurückgriff, verlangsamte sich der Schaffensrhythmus deutlich.

Johann Sebastian Bach: Gott der Herr ist Sonn und Schild BWV 79. Autograph, S. 1. Lizenz CC-BY-NC-SA

Johann Sebastian Bach: Gott der Herr ist Sonn und Schild BWV 79. Autograph, S. 1. Lizenz CC-BY-NC-SA

Die Kantate „Gott der Herr ist Sonn und Schild“ entstand zum Reformationsfest 1725 und ist die einzige Kantate Bachs zu diesem Anlass, deren Autograph erhalten ist. Eine weitere Bach-Kantate zum Reformationsfest („Ein feste Burg ist unser Gott“ BWV 80) ist nur in späteren Abschriften überliefert, darunter eine Handschrift von Bachs Schwiegersohn Johann Christoph Altnickol.

Bachs Schlussformel SDG = Soli Deo Gloria. Lizenz CC-BY-NC-SA

Bachs Schlussformel SDG = Soli Deo Gloria. Lizenz CC-BY-NC-SA

Anders als diese Kantate, die einen der bekanntesten Choräle Martin Luthers verarbeitet, rekurriert BWV 79 textlich nicht direkt auf Luther, sondern thematisiert ausgehend von dem Psalmvers „Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild. Der Herr gibt Gnade und Ehre, er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen“ (Ps 84,12) allgemein den Schutz Gottes für seine Kirche. Dem festlichen Anlass entsprechend ist das Orchester außer mit Streichern und Holzbläsern auch mit zwei Hörnern und Pauken besetzt.

Der Kopftitel des Autographs „J.J. Festo Reformationis. Gott der Herr ist Sonn und Schild.“ beginnt mit der für Bach typischen Anrufungsformel „J[esu] J[uva]“ (Jesus, hilf!). Am Ende des Werkes findet diese zu Beginn geäußerte Bitte um gutes Gelingen ihr Gegenstück in der Formel „S[oli] D[eo] G[loria]“ (Gott allein [sei] Ehre).

„Nachhaltigkeit und Zugang“ – Reinhard Altenhöner moderiert die Podiumsdiskussion

Die Digitalisierung des kulturellen Erbes hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Doch angesichts der rasanten technologischen Entwicklung der elektronischen Medien, der Projektorientierung von Kulturförderung und der Flüchtigkeit digitaler Kommunikation gewinnen Fragen nach der Nachhaltigkeit an Bedeutung. Auf der 6. internationalen „Zugang gestalten!“-Konferenz sollen am 17. und 18. November 2016 die damit zusammenhängenden Aspekte erörtert werden.

Veranstaltungsort:
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart
Invalidenstr. 50-51
10557 Berlin

Der Eintritt ist frei – Tagungsprogramm

Innerhalb der Konferenz moderiert Reinhard Altenhöner, Ständiger Vertreter der Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und Leiter der Zentralabteilung der Staatsbibliothek, am 17. November eine Podiumsdiskussion zum Thema

Nachhaltigkeit und Zugang

Wenn die Verantwortung für das kulturelle Erbe eine gesellschaftliche ist, wer trägt sie dann genau und wie?

Das Panel “Nachhaltigkeit und Zugang” ist ideal besetzt, um zu diskutieren, welche Rollen Institutionen und Bürger heute haben und in Zukunft haben sollten, wenn es um die Nachhaltigkeit des Zugangs zum kulturellen Erbe geht. Hier stellen sich weniger Fragen des Eigentums an Kulturobjekten, sondern der Berechtigung, den Zugang zu ihnen zu regeln. Gedächtnisinstitutionen bewegen sich hierbei in einem Spannungsfeld zwischen spürbarem Veränderungsdruck auf ihr Selbstverständnis auf der einen und öffentlichem Auftrag auf der anderen Seite. Dadurch entsteht die Notwendigkeit zu strategischen Weichenstellungen, die in ihrer Tragweite noch vor wenigen Jahren kaum vorhersehbar waren.

 

 

95 oder 87? Martin Luthers Disputationsthesen zur Klärung der Kraft der Ablässe

Der Countdown zur Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“ läuft!

Am Abend vor Allerheiligen 1517 soll der Theologieprofessor Martin Luther 95 Thesen zu Ablass und Gnade an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen haben. Am 31.10., dem Reformationstag, gedenken deshalb die evangelischen Christen dieses folgenreichen Thesenanschlags, der im historischen Bewusstsein als Beginn der Reformation fest verankert ist. Die Vorbereitungen zum 500. Reformationsjubiläum treten auch an der Staatsbibliothek jetzt in die heiße Phase: Vom 3.2. bis 2.4.2017 präsentiert die Staatsbibliothek 95 herausragende Objekte zur Reformationsgeschichte aus ihren Sammlungen. Als kleine Appetizer stellen wir Ihnen in unserem Ausstellungsblog ab sofort jede Woche eines unserer Ausstellungsstücke vor. Den Anfang machen dabei – wie könnte es anders sein! – Martin Luthers Thesen.

Martin Luthers revolutionäres Verständnis der Rechtfertigung allein aus der Gnade Gottes, die sich nicht durch eine Eigenleistung des Menschen erzwingen lässt, empfand er selbst als große Befreiung. Der florierende Handel mit dem Ablass, der für einen Geldbetrag den Erlass der Sündenstrafen zu garantieren schien, widersprach Luthers Auffassung diametral, und so wurden die vom Mainzer Erzbischof Albrecht unterstützten Auftritte des Ablasspredigers Johann Tetzel zum Anlass für den Wittenberger Theologen, im Oktober 1517 seine fundamentale Kritik in 95 Thesen zusammenzufassen, die er dem Erzbischof zuschickte. Gleichzeitig kursierten die Thesen in Martin Luthers Umkreis, sie wurden bereits 1517 in drei lateinischen Ausgaben gedruckt und vom gelehrten Fachpublikum rezipiert. 1518 verfasste Luther dann den auch für die breite Masse verständlichen deutschen „Sermon von dem Ablass und Gnade“. Das noch junge Druckverfahren sorgte zusammen mit einer allgemeinen sozialen Unzufriedenheit und politischen Reformbereitschaft für eine rasante Verbreitung der neuen Lehre. Entgegen Luthers ursprünglicher Absicht kam es so schließlich zur Kirchenspaltung und zu langanhaltenden konfessionellen Auseinandersetzungen.

Wohl auf der Grundlage der rasch bis nach Erfurt, Nürnberg, Augsburg und Ingolstadt verbreiteten Abschriften der Disputationsthesen zur Klärung der Kraft der Ablässe entstanden im Jahre 1517 bzw. um die Jahreswende 1517/1518 drei gedruckte lateinische Ausgaben: Die Leipziger Offizin von Jakob Thanner und der Nürnberger Drucker Hieronymus Höltzel produzierten jeweils Plakatdrucke der Thesen mit zweispaltigem Druck. Von beiden Ausgaben sind heute nur noch insgesamt sieben Exemplare bekannt – die Überlieferungschance eines einzelnen Blattes war ohnehin eher gering, die über das aktuelle Geschehen hinausreichende weltgeschichtliche Bedeutung erst im Entstehen. Mit über zwanzig Exemplaren deutlich häufiger erhalten blieb dagegen die dritte 1517 erschienene lateinische Ausgabe der 95 Thesen, der auf vier Blättern im Quartformat produzierte Baseler Druck von Adam Petri, der nun auch erstmals ein eigenes Blatt mit dem Titel „Disputatio D. Martini Luther theologi, pro declaratione virtutis indulgentiarum“ voranstellt.

Aber waren es wirklich 95 Thesen? Vergleicht man die drei Ausgaben der 95 Thesen im Detail, so fallen die jeweils unterschiedlichen Zählweisen ins Auge. Der Leipziger Plakatdruck ist der einzige, bei dem eine fortlaufende arabische Zählung beabsichtigt war. Unklarheiten in der Vorlage und besondere Eile bei der Fertigstellung mögen der Grund für eklatante Fehler in der Zählung sein: 42 statt 24, nach 26 wird mit 17 weitergezählt und gleich zweimal erhielt der zweite Teil einer These eine eigene Zählung (These 55 gezählt als 45 und – am Beginn des zweiten Satzes – 46 sowie These 83 als 74 und – hier mitten im Satz – 75). So kommt der Druck am Ende auf 87 Thesen. Diesen Fallstricken geht der Nürnberger Drucker Höltzel aus dem Weg, indem hier dreimal bis 25 und einmal bis 20 gezählt wird – auch hier arabisch, zusätzlich ist der Beginn jeder These mit einer Absatzmarke bezeichnet. Adam Petri in Basel wählte ebenfalls diese Variante, allerdings benutzte er römische Zahlen: i-xxv, i-xxv, i-xxv, i-xx.

 

Die drei Ausgaben von Luthers Thesen mit dem Druckjahr 1517 stellen wir ins Zentrum unserer Jubiläumsausstellung: Das 2015 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommene Exemplar des Nürnberger Plakatdruckes zusammen mit dem Exemplar des Leipziger Plakatdruckes aus dem Besitz des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz und auch den Baseler Quartdruck. So können Sie im Original selbst noch einmal nachzählen!

Nürnberger, Leipziger und Baseler Druck

Nürnberger, Leipziger und Baseler Druck

Philharmonieleuchten im Lesesaal Potsdamer Straße; Foto: Hagen Immel - Lizenz CC-BY-NC-SA

„Darunter sieht man gut aus!“ Ausstellung zu den Leuchten Günter Ssymmanks eröffnet

Vor genau 50 Jahren, im Februar 1966, wurde im Berliner Möbelhaus Modus eine Ausstellung eröffnet, die sich der ‚Philharmonieleuchte‘ Günter Ssymmanks widmete – einer Leuchte, die Ende der 1950er Jahre für das Foyer des gleichnamigen Konzerthauses entworfen und wenige Jahre später auch in der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße aufgehangen wurde.

Ausstellungsdetail Polyamid-Pilze, Foto: Hagen Immel - Lizenz CC-BY-NC-SA

Ausstellungsdetail Polyamid-Pilze, Foto: Hagen Immel, Staatsbibliothek zu Berlin – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Ein wesentliches Charakteristikum der Leuchte besteht in der Verwendung asymmetrischer Grundformen: Wie die Fünfecke, die sich im Grundriß des Scharounschen Konzertsaals übereinanderstaffeln, schieben sich die Polyamid-Pilze, aus denen die ‚Philharmonieleuchte‘ zusammengesetzt ist, ineinander.

Sie überlappen sich in ihren Ausläufern und erzeugen dadurch ein diffuses, blendfreies Licht, das Günter Ssymmank gern als „Sonnenuntergangslicht“ bezeichnete. „Darunter“, meinte er, „sieht man gut aus!

Die Ästhetik der Leuchte lässt sich jedoch nicht nur durch den Lichteffekt, den Ssymmank zu erzeugen suchte, erklären. Sie ist auch von den kulturellen, wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen ihrer Zeit geprägt. So mochte etwa die planetenkugelförmige Anmutung der Leuchte u.a. die Weltraumbegeisterung assoziieren, die durch die Erfolge der Raumfahrt in den späten 1950ern einen zunehmend großen Teil der Gesellschaft in ihren Bann zog.

Innenansicht Philharmonieleuchte, Foto: Hagen Immel, Staatsbibliothek zu Berlin – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Eine kürzlich eröffnete Vitrinenausstellung im Foyer der Staatsbibliothek (Haus Potsdamer Straße) geht diesen Entwicklungen nach. In Anlehnung an die Ausstellung im Berliner Möbelhaus Modus veranschaulicht sie den Aufbau und die Zusammensetzung der Leuchte und verortet sie im Kontext des deutschen Nachkriegsdesigns.

Die Ausstellung kann zu den Öffnungszeiten der Staatsbibliothek besucht werden.