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Lieblingskinderbücher und Lesespuren

Eine individuelle Rückschau als Ausstellung im Lesesaal am Westhafen

Weihnachten – das Fest der Liebe und des Buches. Da wir Bücher lieben, zeigt die Vitrinenausstellung der Kinder- und Jugendbuchabteilung im Lesesaal am Westhafen dieses Jahr zur Vorweihnachtszeit die Lieblingskinderbücher unserer KollegInnen. Beatrice Golm hat die kleine Ausstellung, die in zwei Vitrinen zu sehen ist, liebevoll kuratiert. Angesichts der Begeisterung der Beteiligten, die mit vielen Lieblingsbüchern und noch mehr Geschichten dazu aus der eigenen Kindheit und Jugend aufwarteten, galt es Maß zu halten, sowohl hinsichtlich der Anzahl als auch des Formats.

Überblick über die Vitrinenausstellung (nur für das Foto ohne Haube, wg. der Lichtreflexe). – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Wenn wir Sie also zu einer kurzen virtuellen Führung einladen dürfen? Die Ausstellung präsentiert sich nunmehr wie folgt:

Jack London / Horst Bartsch (Ill.): Kit am Klondike

Jack London / Horst Bartsch (Ill.): Kit und Shorty

Der Klondike-Goldrausch zog eine unserer Kolleginnen bereits als Jugendliche in seinen Bann und hat für sie bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt. Die eindringlichen Schilderungen Jack Londons, der die Strapazen der Goldsucher im Nordwesten Kanadas am eigenen Leibe erlebte, zeigen die Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber den Urgewalten der Natur, die Notwendigkeit des Zusammenhalts, das Scheitern vieler Glücksritter und die Erfolge einiger weniger. Die naturalistischen Beschreibungen Londons lassen seiner Leserschaft noch heute das Blut in den Adern gefrieren.

 

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen
Dt. Jugendliteraturpreis, Nominierung, 1999

Franziska Wich ist die einzige in unserer Abteilung, die während des Harry-Potter-Hypes tatsächlich zur anvisierten Zielgruppe Joanne K. Rowlings zählte. Doch genau die allgemeine Begeisterung hielt sie zunächst von der Lektüre ab. „Viel zu sehr Mainstream!“ Erst in den Sommerferien, in denen sie sich als 11-Jährige zu langweilen begann, nachdem sie ihr einziges Urlaubsbuch bereits zweimal durchgelesen hatte, entschied sie sich dazu, es doch einmal mit „Harry“ zu versuchen. Sie bestellte den ersten Band der damals bereits drei Titel umfassenden Fantasy-Serie – und stiefelte drei Tage lang täglich zur Buchhandlung des kleinen österreichischen Dorfes, bis das gewünschte Werk eintraf. „Harry Potter“ hat sie anschließend buchstäblich verzaubert. Nach dem „Stein der Weisen“ las sie gleich weiter: Harry Potter und die Kammer des Schreckens, Harry Potter und der Gefangene von Askaban. Und selbstverständlich auch die weiteren vier Bände, die zwischen 2000 und 2007 erschienen. Man kann getrost davon ausgehen, dass sie zwischenzeitlich sicher den ZAG (Zaubergrad) bzw. O.W.L. (Ordinary Wizarding Level) abgelegt hat.

 

A. A. Milne / Ernest H. Shepard (Ill.): Pu der Bär

Zwischen 1946/47 und 1963 betrieb Alfred Holz in Berlin einen der wenigen privaten Verlage der DDR. Die von ihm verlegten Kinder- und Jugendbücher waren für ihre Güte bekannt und auch im Westen beliebt. Als devisenneutrales „Mitdruckgeschäft“ gelang es ihm u.a. 1960, den Kinderbuchklassiker „Pu der Bär“ von A. A. Milne auf den Markt zu bringen. Lediglich in der Umschlaggestaltung wich der Band vom Original des Lizenzgebers, Atrium-Verlag (Zürich), ab. Das Cover stammt von Martin Kotsch.

Mit Begeisterung las unsere Spezialistin für historische Kinderbücher die Geschichten des liebenswerten Bären „von sehr geringem Verstand“ als sie in der zweiten Klasse war. Dabei hatte es nicht nur der Sympathieträger Pu ihr angetan, auch in der englischen, etwas verrückt anmutenden Welt habe sie sich immer sehr wohl gefühlt.

 

 

Anna Fazekas / Emy Róna (Ill.): Öreg néne özikéje

„Dieses Buch hatte in Ungarn jedes Kind! Und das ist auch heute noch so“, erläuterte Julia Lausch ihre Auswahl. Die ungarische Erstausgabe erschien 1952. Seitdem wird die zeitlose, rührende und lehrreiche Geschichte ständig nachgedruckt. In deutscher Sprache erschien das Bilderbuch unter dem Titel „Muhmes Rehkitz“ erstmals 1955. Weitere Auflagen folgten bis 1963. Fünfzig Jahre später nahm der Leipziger Leiv-Verlag den Titel in sein Programm auf. Dort erlebt er derzeit sein deutschsprachiges Comeback. Die Reime, so Frau Lausch, habe sie damals auswendig gewusst und die Geschichte von der einsamen alten Muhme, die durch die Pflege und Freilassung eines Rehkitzes eine Reihe von Waldtieren als Freunde gewinnt, nie vergessen.

 

 

Nikolai Nossow / Aleksei M. Laptew (Ill.): Nimmerklug in Sonnenstadt

Durch drei gute Taten hat der Knirps Nimmerklug einen Zauberstab erhalten, so dass er mithilfe dieser Zauberkraft in die wunderbare Sonnenstadt reisen kann. Nach Nimmerklug im Knirpsenland (1954) war dies der zweite Band der international erfolgreichen Nimmerklug-Geschichten des russischen Autors Nikolai Nossow, der ursprünglich 1958 in Moskau erschien. Das besonders Zauberhafte des hier ausgestellten Exemplars war für Katrin Rentmeister jedoch der durchsichtige Schutzumschlag, den die Kolleginnen ihrer Mutter in der Bibliothek eigens für ihren Band anfertigten. Da blieb der Zahn der Zeit mit seinem für Lieblingsbücher typisch intensiven Nagen erfolglos!

 

Barbara Augustin / Gerhard Lahr (Ill.): Antonella und ihr Weihnachtsmann
Schönstes Buch des Jahres 1969

1969 wurde Antonella und ihr Weihnachtsmann in der DDR als schönstes Buch des Jahres ausgezeichnet. In den 70er Jahren erfolgten Übersetzungen ins Norwegische, Englische, Französische, Schwedische und Niederländische. Die letzten Auflagen erschienen in den frühen 80er Jahren – und jüngst wieder: 2010 im Beltz-Verlag! Durch die großflächigen, bezaubernden Illustrationen Gerhard Lahrs ist Beatrice Golm seit ihrer Kindheit immer wieder in ihrer Phantasie ganz einfach nach Italien gereist und hat mit Antonella gebangt, ob sich der Weihnachtswunsch der Rollschuhe wohl erfüllen würde – wenn es den Weihnachtsmann denn überhaupt gibt …

 

 

Lajos Mikes: Sanyi manó könyve

Sanyi manó könyve, ein ungarischer Bilderbuchklassiker seit 1914, jedoch nicht unbedingt ihr absolutes Lieblingsbuch sei dieser Titel (zu Deutsch: Das Buch des Kobold Sanyi) gewesen, erklärte Julia Lausch. Es handle sich dabei aber um eins der vier Kinderbücher, die sie aus ihrer Kindheit in Ungarn noch besitze, ein Buch, mit dem sie sich deutlich „auseinandergesetzt“ habe. – Auf jeden Fall das Exemplar mit den schönsten „Lesespuren“ in unserer Ausstellung!

 

Samuil Marschak: Bärtig und gestreift

Mit dem Tod seiner kleinen Tochter im Jahre 1915 verstärkte der junge Dichter Samuil Marschak sein Engagement für Kinder und begann, auch für sie zu schreiben. Kinderbücher und –zeitschriften bestimmten schließlich seine gesamte Karriere ‒ als Dichter, Herausgeber, Verleger und Programmdirektor. Maxim Gorki nannte ihn „den Begründer unserer Kinderliteratur“. Zwei seiner Kinderbuchklassiker (Das Katzenhaus, Die 7 Sachen) sind seit Anfang 2017 als Reprints der Ausgaben aus den 50er Jahren erhältlich. Bärtig und gestreift (russ. Orig.-Ausg. 1930, dt. Erstausg. 1959), die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das einen jungen Kater ihr „Kind“ nennt, gibt es leider nach wie vor nur antiquarisch. Aber wer weiß, Irene Bliso, die die Katergeschichte im Kindergartenalter oft vorgelesen bekam und sich folglich selbst sehnlichst eine Katze wünschte, musste auch elf Jahre warten, bis ein eiskalter Winter eine „Fundkatze“ ins Haus brachte – die blieb.

 

Elisabeth Borchers / Iwan Bilibin (Ill.): Wassilissa, die Wunderschöne und andere russische Märchen

Die dicksten und größten Bücher mussten es sein! Als Kind durchstöberte Jacqueline Volkmann immer wieder die nächstgelegene öffentliche Bibliothek. Damit sich der Ausflug auch lohnte, lieh sie gerne die Bücher aus, die den längsten Lesegenuss versprachen. Das waren oftmals Sagen- oder Märchenbücher. Der hier stellvertretend ausgelegte Band enthält das russische Volksmärchen Der Feuervogel, ihr besonderer Favorit. Die fabelhaften Illustrationen stammen von Iwan Bilibin, der neben zahlreichen künstlerischen Aktivitäten vor allem aufgrund seiner meisterlichen Illustration russischer Märchen und Sagen Berühmtheit erlangte. Der Band, an den sich Frau Volkmann erinnerte, fand sich in unserem Magazin zu unserer großen Bestürzung allerdings nicht. So ist das mit Bestandslücken. Sie können klitzeklein sein und lange verborgen bleiben – bis man genau diesen einen Band sucht!

 

Gottfried Körner: Die Osterhasen

Steht der Weihnachtsmann erst einmal fast vor der Tür, ist es bis zu den Osterhasen nicht mehr weit: „Hört, liebe Kinder, und laßt Euch berichten vom Osterhasen lust’ge Geschichten!“ Unsere Katalogisierungsexpertin für das moderne Kinderbuch schätzte den 1956 erschienenen farbenfrohen kleinen Pappband des Dresdner Graphikers und Malers Gottfried Körner sehr, symbolisiert er doch Lebensfreude, die Energie und Verheißung des kommenden Frühlings sowie den unbeschwerten Frohsinn spielender kleiner Hasen. Körners Werk verfehlte seine Wirkung das ganze Jahr über nicht!

 

 

 

Reihe: Pelikan schnelles Wissen
Bd. 4: Fremdwörter
Bd. 6: Geschichte

„Hast Du nicht vielleicht etwas Kleines für die Ausstellung? Es ist nur so wenig Platz in den beiden Vitrinen.“ Die kleinsten Exemplare aus dem Kinderbuchbestand der Verfasserin dieses Beitrags messen gerade einmal 7 cm Rückenhöhe. Sie befanden sich 1979 oder 1980 in meinem Adventskalender. Damals brachte Pelikan in der Reihe Schnelles Wissen drei Unterreihen (Dolmetscher-Serie, Reiseführer, Schul-Wissen) mit insgesamt 32 Titeln heraus. Leider ließ die Benutzungsintensität der kleinen Adventskalenderüberraschungen zu wünschen übrig. Aufgrund ihres Informationspotentials konnten sich die kleinen Bändchen aber bis heute in meinen Bücherregalen halten. Andere Mini-Bücher desselben Verlags, wie die TKKG-Geschichten in Kleinstausgabe, die sich in langweiligen Situationen seinerzeit als sehr praktisch erwiesen, haben die diversen Umzüge dagegen nicht überstanden. Über das Wohl und Wehe eines Buches entscheidet also doch nicht nur der Niedlichkeitsfaktor.

 

L.M. Montgomery: Anne of Green Gables

Während mich die Zähmungen von Nesthäkchen und Trotzkopf neben den Internatsheldinnen Hanni & Nanni und Dolly sowie den schillernden Helden der Abenteuerromane Karl Mays bereits durch die Kindheit begleitet hatten, gesellte sich Lucy Maud Montgomerys (anfangs) eigensinnige Anne Shirley erst 1990 während eines Praktikums an der Universitätsbibliothek der University of Oregon dazu. Die freien Nachmittagsstunden reichten u.a. für die Lektüre aller acht Bände dieser Serie, das kanadische Pendant zu den o.g. Titeln der deutschen Backfischliteratur. Die deutlich sichtbaren Lesespuren stammen aus nur wenig jüngerer Zeit. Sie dienten der Vorbereitung einer Hausarbeit. Seitdem sind sowohl Anne of Green Gables als auch Louisa May Alcotts Little Women üppig beflaggt.

 

 

 

Egon Mathiesen: Mies mit den blauen Augen
Kulturministeriets forfatterpris for børne- og ungdomsbøger 1954

Der dänische Maler, Erzähler und Illustrator Egon Mathiesen gehört zu den bekanntesten Kinderbuchkünstlern in Dänemark. Die Tiergeschichte Mies mit den blauen Augen  ist Mathiesens berühmtestes Buch, 1954 wurde ihm dafür der Kinderbuchpreis des dänischen Kulturministeriums verliehen. Das Buch erzählt die Geschichte der kleinen Siamkatze Mies, die von den anderen Katzen zunächst als Außenseiterin verachtet wird, sich aber weder durch Spott noch durch Drohungen entmutigen lässt und sich unerschrocken auf die Suche nach „dem Land mit den vielen Mäusen“ begibt. Das Motto von Mies ist: „Ich glaube, ich muß ein wenig Spaß machen, wenn man schon nichts anderes hat, soll man wenigstens vergnügt sein.“ Das originelle Kinderbuch, das mit skizzenhaft wirkenden Illustrationen ebenso überzeugt wie mit kurzen lakonischen Texten, erschien 1958 im renommierten Alfred Holz Verlag in Berlin. – Dazu erzählt Carola Pohlmann: „Mies mit den blauen Augen habe ich geschenkt bekommen als ich drei oder vier Jahre alt war, also noch im Vorlesealter. Abend für Abend habe ich gebannt gelauscht, wenn Mies ihre abenteuerliche Reise in ‚das Land mit den vielen Mäusen‘ antrat und den gefährlichen großen Hund besiegte. Meine Lieblingsstelle war die schwarze Seite, auf der nur zehn gelbe und zwei blaue Flecken zu sehen sind – die im Dunkeln leuchtenden Augen von fünf gewöhnlichen Katzen und das blaue Augenpaar von Mies.“

 

Maurice Sendak: Wo die wilden Kerle wohnen
Caldecott Medal 1964

Die Kindheit ist kein Paradies, sondern ein schrecklicher Zustand: man kann sich nicht wehren … Es sollte mehr ernsthafte Bücher für Kinder geben. Es ist erniedrigend für Kinder, wenn man so schreibt wie für Idioten“, so urteilte Maurice Sendak, der in dem Bilderbuch Wo die wilden Kerle wohnen die schrecklichen Verwandtenbesuche seiner Kindheit verarbeitete. Das Buch, 1963 erstmals in den USA veröffentlicht, stieß anfangs auf reichlich Kritik. Es würde Kinder traumatisieren, Verlassensängste schüren, so die damalige Meinung von Psychologen. Der eigentlichen Zielgruppe sowie auch der Jury des renommiertesten U.S. Literaturpreises für Bilderbücher gefiel das Buch jedoch sehr, so dass es bereits 1964 mit der Caldecott Medal ausgezeichnet wurde. Im deutschen Sprachraum wagte der Schweizer Diogenes Verlag 1967 erstmals eine Veröffentlichung – mit einer vergleichbaren Reaktion der Öffentlichkeit wie in den USA. Kinder und einfühlsame Erwachsene waren schnell begeistert. Darunter auch Ingo Jebram, dessen verständnisvolle Tante dem damaligen Alter Ego des kleinen Max das Buch schenkte. Balsam für die Seele eines wilden kleinen Jungen. 2013, fünfzig Jahre nach der Erstauflage, belief sich die Anzahl verkaufter Exemplare dieses Titels, der mittlerweile in 32 Sprachen übersetzt wurde, übrigens auf über 20 Millionen.

 

Vielleicht überlegen Sie jetzt, welchen Titel Sie beigesteuert hätten? Wäre es Ihnen auch schwergefallen, sich zu entscheiden? Vielleicht sind Sie inzwischen sogar zu Ihrem Bücherregal getreten und haben die Blicke schweifen lassen? Erinnern Sie sich an Lesespuren, die Sie hinterlassen haben? Vieles, was wir im Laufe unseres Erwachsenenlebens lesen, gerät in Vergessenheit, die Bücher aus Kindheit und Jugend dagegen stehen uns trotz des sich stetig vergrößernden zeitlichen Abstands oft besonders nahe. Die Gültigkeit der Devise des Baden-Badener Verlegers Herbert Stuffer hat seit bald 100 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt: „Kinderbücher sind die entscheidenden Bücher im Leben.“

„Irgendwas stimmt immer nicht“

Klaus Ensikat (nachträglich) zum 80. Geburtstag

Im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe “Kinderbuch im Gespräch” feierte die Kinder- und Jugendbuchabteilung am 3. November nachträglich den 80. Geburtstag des herausragenden Graphikers und Illustrators Klaus Ensikat.

Frau Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Als erste Gratulantin begrüßte Frau Schneider-Kempf, die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, den Jubilar und seine Familie sowie die gut 100 Gäste. Die Leistungen Klaus Ensikats flößten sowohl hinsichtlich des Umfangs seines Schaffens, als auch der höchst anspruchsvollen künstlerischen Ausführung Ehrfurcht ein, bekannte sie. So weise der Katalog der Staatsbibliothek über 200 Bücher nach, die von ihm illustriert wurden, und das Goethe-Institut stelle Ensikat der Welt völlig zu recht als “Bilderzauberer” vor. An anderer Stelle, so schob Frau Schneider-Kempf ein, werde der hier Gefeierte als der “ungekrönte König der Buchillustratoren” bezeichnet. Allein in den letzten zehn Jahren, also im achten Lebensjahrzehnt, seien mehr als 20 Bücher entstanden, darunter so gewichtige Arbeiten wie die von ihm illustrierte Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen und die zweibändige Bibel-Edition im Tulipan Verlag, das Sachbuch „Das Rätsel der Varusschlacht“, für das Ensikat gemeinsam mit dem Verfasser Klaus Korn 2009 den deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Sachbuch erhielt, darüber hinaus fünf literarische Bilderbücher im Kindermann Verlag, zu Texten von Wilhelm Busch, Theodor Storm,  zu Schillers „Räubern“ und Goethes „Osterspaziergang“ sowie der Band „Von Martin Luthers Wittenberger Thesen“.

Carola Pohlmann, die Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, führte die Laudatio fort und rühmte die altmeisterliche Zeichenkunst und handwerkliche Perfektion Klaus Ensikats. Jeder Strich seiner akribischen Federzeichnungen sitze perfekt. Jedes Projekt werde sorgfältig recherchiert, und dieses Wissen bringe Ensikat detailfreudig und immer wieder mit dem typischen verschmitzten Humor in die Darstellungen ein. „Intelligente Akribie“ habe der Bilderbuchexperte Hans ten Doornkaat diese Arbeitsweise genannt. Insgesamt, so resümierte Frau Pohlmann, verwahre die Kinder- und Jugendbuchabteilung etwa 150 Originale seiner Arbeiten als Depositum. Diese stünden der Forschung im Sonderlesesaal der Abteilung zur Verfügung, erfreuten sich aber auch für Ausstellungen weit über das Bundesgebiet hinaus großer Nachfrage.

Dr. Barbara Kindermann. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Über den Zauber, der von den Originalzeichnungen Klaus Ensikats ausgeht, berichtete im Folgenden die Verlegerin Barbara Kindermann. Die Germanistin hatte 1994 einen eigenen Verlag gegründet und im Sommer 2001 den berühmten Illustrator angesprochen, ob sie ihn für ein gemeinsames Projekt – die Illustration des “Faust” in einer Nacherzählung für Kinder – gewinnen könne. Damit, so Frau Kindermann, wurde der Grundstein für eine inzwischen bereits 16 Jahre und sieben Bände umfassende Zusammenarbeit gelegt, und noch immer sei es für sie ein magischer Moment, wenn Herr Ensikat seine fertigen Zeichnungen persönlich vorbeibringe (niemals per Boten!). Sein unverwechselbarer Stil – unzählige feine, akkurate Striche, gleich einem Kupferstich, Schraffuren, gedämpfte Kolorierung – sei aus der Notwendigkeit der anfangs eher unzuverlässigen Drucktechnik der DDR heraus entstanden und habe sie von Beginn an tief beeindruckt. Bei Goethes Osterspaziergang (aus dem wir die Illustration für die Einladung benutzen durften, Anm. d. Verf.) im typischen Aprilwetter “sitzt jedes Hagelkorn an seinem Platz!”, so Frau Kindermann. Auch auf ein schönes Beispiel für Ensikats leisen Humor wies sie hin: In dem bislang jüngsten Produkt ihrer Zusammenarbeit, dem Band Knecht Ruprecht (Text: Theodor Storm), finde sich an einer kahlen Hauswand ein unscheinbares Schild “Nepom. Klein – Grosshandel”. “Na ja,” habe Klaus Ensikat geschmunzelt, “ich dachte, wenn der arme Kerl schon Nepomuk Klein heißt, muss er wenigstens einen Großhandel haben.” Einen Auftrag rundheraus abgelehnt habe Herr Ensikat nie, überlegte die Verlegerin, wohl aber Bedenken geäußert, ob sich Luthers Thesen überhaupt illustrieren ließen – und sie dann mit den fertigen Zeichnungen überrascht. (Ensikat sei niemand, der Illustrationen im Skizzenstadium zeige!) Sie freue sich, dass mit dem Sachbuch Johannes Gutenberg und das Werk der Bücher im Januar 2018 ein weiterer von Klaus Ensikat illustrierter Band in ihrem Verlag erscheine, und hoffe sehr, dass er noch lange weiter mit Freude “stricheln” möge.

Roswitha Budeus-Budde. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Angesichts dieser enormen künstlerischen Arbeitsleistung scheint es kaum vorstellbar, dass Klaus Ensikat möglicherweise noch mehr geschaffen haben könnte, was uns nicht im Druck bekannt ist. Doch mit genau dieser Überraschung wartete die vierte Laudatorin des Abends, die Kinder- und Jugendbuchrezensentin der Süddeutschen Zeitung, Roswitha Budeus-Budde, auf. Tatsächlich fertigte der Künstler Zeichnungen für eine Erzählung über Juri Gagarin an, die am 12. April 2011 zum 50. Jahrestag des ersten bemannten Weltraumflugs erscheinen sollte. Als der in Leipzig ansässige Verlag jedoch merkte, dass der Publikationstermin nicht pünktlich zum Jubiläum zu halten sein würde, sei das Projekt gestrichen worden. Seitdem verwahrt Klaus Ensikat die zehn Illustrationen, von denen drei am Tag nach dieser Veranstaltung in der Süddeutschen Zeitung der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Insbesondere aufgrund der Allegorie des Kalten Krieges, für die Ensikat die Ikonen der russischen Propaganda (Marx, Lenin, Stalin, Sputnik, Leika) den Insignien der amerikanischen Lebensart (Freiheitsstatue, Coca Cola, Mickey Mouse) gegenüberstellte, verorte sie, so Frau Budeus-Budde, den Illustrator durchaus an der Grenze zur Pop-Art. Seine bestechend detaillierten, in ihrer Anmutung geradezu einem Kupferstich gleichen und zuweilen nahezu biedermeierlich wirkenden Zeichnungen kontrastiere Klaus Ensikat stets mit ironischen Zitaten, die das klassische Ambiente der Illustration durchbrächen.

Silva Finger. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Der solchermaßen Geehrte, als zurückhaltender Mensch bekannt, der lieber seine Illustrationen als seine eigene Person im Mittelpunkt des Interesses sieht, schien unter der Last der Lobes immer mehr in sich zusammenzusinken. Die virtuosen Einlagen der Violinistin Silva Finger boten da willkommene Abwechslung und Ablenkung. Frau Finger hatte die Stücke im Vorfeld mit Frau Röder-Ensikat abgestimmt, sie rangierten zwischen der anspruchsvollen für die Geige transponierten Suite für Violoncello Nr. G-Dur von Johann Sebastian Bach bis hin zur fröhlichen Volksweise “Kanârek”, deren Interpretation einen Humor durchblitzen ließ, wie man ihn auch in den Zeichnungen Ensikats findet.

In einem abschließenden Podiumsgespräch gingen Klaus Ensikat und Carola Pohlmann u.a. noch einmal auf die im Zeitungsdruck verwendete Drucktechnik der 50er bis 70er Jahre ein. In diesem Bereich hatte die Laufbahn des Künstlers als Illustrator begonnen, zu einer Zeit, in der die Darstellung von Halbtönen ein großes technisches Problem darstellte, in der gerasterte Schwarz-Weiß-Bilder Usus waren und für farbige Abbildungen für jede der vier Farben (die drei Grundfarben sowie Schwarz) zunächst eine eigene Vorlage erarbeitet werden musste. In dieser Zeit entwickelte Klaus Ensikat seinen unverwechselbaren Stil, um sicherzustellen, dass als Druckbild am Ende eine klare Illustration vorliegen würde – nicht etwa Farbbrei. Hinsichtlich der von ihm illustrierten Themen sei bislang eigentlich kein Wunsch offen geblieben. Auf die Texte Theodor Fontanes angesprochen seufzte Herr Ensikat, Fontane habe doch alles so stimmungsvoll und ausführlich formuliert, dem gebe es als Illustrator nichts hinzuzufügen. “Was vermissen Sie denn bei Fontane?” gab er die Frage geschickt zurück, und Carola Pohlmann, die in Klaus Ensikat einen kongenialen künstlerischen Partner des preußischen Dichters sieht, bekannte: “Mir fehlt bei Fontane eigentlich nichts – nur ab und zu ein Ensikat. Aber: Irgendwas stimmt immer nicht.”

Auftaktfolie der Bildschirmpräsentation
am 3. November 2017

Handschriftenlesesaal bleibt sonnabends geschlossen

Liebe Leserinnen und Leser,

leider können wir ab 2. Dezember 2017 aufgrund von Engpässen in unseren personellen Ressourcen den Handschriftenlesesaal im Haus Potsdamer Straße sonnabends nicht mehr öffnen. Bei der Abwägung verschiedener Einschränkungsvarianten gab unter anderem die sehr geringe Nutzung des Lesesaals an Sonnabenden den Ausschlag für diese Entscheidung.

Sobald die Handschriftenabteilung 2019 in das Haus Unter den Linden umgezogen ist, wird der Handschriftenlesesaal auch sonnabends wieder zugänglich sein.

Wir bitten um Ihr Verständnis!

Die Handschriftenabteilung