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„Schönheit im Buch regt zum Lesen an …“ – Zum 100. Geburtstag von Werner Klemke

„Schönheit im Buch regt zum Lesen an – Schönheit im Buch erleichtert das Lesen.“  So schrieb Werner Klemke vor fünfzig Jahren in der Modezeitschrift Sibylle (Heft 1, 1967). Im Rahmen jenes Beitrags innerhalb der Serie „Kurze Betrachtung über illustrierte Bücher“ resümierte er außerdem:

Bundesarchiv, Bild 183-F0310-0055-001 / Hochneder, Christa / CC-BY-SA 3.0
(https://commons.wikimedia.org/wiki /File:Bundesarchiv_Bild_183-F0310-0055-001, _Berlin,_50._Geburtstag_Werner_Klemke.jpg)
Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

 

 

“Unbrauchbar macht man ein Buch durch sinnlos dazugefügte Kunstwerke, und hätten sie auch noch so viel Qualität. Gebrauchsunfähig macht man es durch aufwendige und durch nichts begründete Typographie. Es ist damit wie mit dem Make-up oder dem Parfümieren. Merkt man’s erst, war’s schon zuviel. Es ist das Einfache, das schwer zu machen ist, das Natürliche und nicht das Ausgefallene, das Aufgedonnerte.”

Fünf Jahre nach dem Tod Werner Klemkes präsentierte die Staatsbibliothek zu Berlin in Zusammenarbeit mit der Pirckheimer-Gesellschaft e.V. eine Ausstellung zu Ehren des engagierten Künstlers und Ehrenlesers der Staatsbibliothek. Unter dem Titel „Brauchbar – unbrauchbar“ wurden Klemkes Betrachtungen ein weiteres Mal im gemeinsamen Ausstellungskatalog (Werner Klemke : 1917 – 1994 ; “Wie man Bücher durch Kunst (un-?)brauchbar machen kann”) publiziert.

Heute, weitere achtzehn Jahre später, zum 100. Geburtstag von Werner Klemke haben diese Aussagen nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Die Maxime, von denen sich der vielfach ausgezeichnete Künstler zeitlebens leiten ließ, offenbaren sich in den von ihm gestalteten Büchern, von denen siebzehn – von Boccaccios Dekameron einmal abgesehen alles Kinderbücher – bis heute verlegt werden. Titel wie „Hirsch Heinrich“, „Die Schwalbenchristine“, „Das Wolkenschaf“ und Klemkes berühmte Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ sind mittlerweile über drei Generationen sowie in Ost und West bekannt. (Die vollständige Liste findet sich am Ende dieses Beitrags.)

Widmung von Werner Klemke für Renate Gollmitz auf dem Vorsatz ihres Exemplars der “Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm” (20.04.1967), Schenkung von Frau Gollmitz an die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. – Mit frdl. Genehmigung der Erbengemeinschaft Klemke

Der Beltz Verlag, als Nachfolger des Kinderbuchverlags, dem ehemaligen kinderliterarischen Hausverlag Werner Klemkes, feiert dessen 100. Geburtstag mit einem Märchenband, den bislang unveröffentlichte Illustrationen des Künstlers zieren. Werner Klemke hatte in den frühen siebziger Jahren an einer illustrierten Ausgabe der Märchen Hans Christian Andersens gearbeitet, der von der Öffentlichkeit gespannt erwartete Band erschien jedoch leider nicht.

So wie die Andersen-Illustrationen in diesem Jahr posthum für viel Freude sorgen werden, überraschte und erfreute der Fund des Archivs der Jüdischen Gemeinde von Bussum, nahe Amsterdam, vor fast sechs Jahren, indem er Aufschluss über die bis dahin gänzlich unbekannten Aktivitäten Werner Klemkes während seiner Zeit als Wehrmachtsoldat im Zweiten Weltkrieg gab. Der damalige Trickfilmzeichner Klemke war 1939 eingezogen und in eine Schreibstube an der Westfront beordert worden. Dort nutzte er sein künstlerisches Talent, neben der gelegentlichen Ausstellung von Urlaubsscheinen für die Kameraden,  zur überzeugenden Nachahmung von Lebensmittelkarten sowie zur Fälschung von Ausweisen jüdischer Einwohner, denen er damit das Leben rettete. Die meisterliche Beherrschung des Holzschnitts, die den Gefreiten befähigte, jeden benötigten Stempel herzustellen, half etwa 300 Verfolgten des NS-Regimes. Doch erst der Dokumentarfilm „Treffpunkt Erasmus“, der im Zuge des Archivfunds entstand, beleuchtete dieses bislang unbekannte Kapitel im Leben Klemkes.

Der Künstler und Buchliebhaber selbst schwieg darüber und entwickelte sich nach Kriegsende zu dem wohl renommiertesten Büchermacher der DDR. Den ersten großen Auftrag, ein Buch für den Ost-Berliner Verlag Volk und Welt zu gestalten, erhielt Werner Klemke bereits 1948. Diesem folgten in schneller Folge weitere und begründeten seinen hervorragenden Ruf, der ihn wiederum 1951 an die spätere Kunsthochschule Weißensee führte. Nur fünf Jahre später wurde ihm die Professur für Buchgrafik und Typographie übertragen. In den folgenden drei Jahrzehnten, bis 1988 ein zweiter Schlaganfall in kurzer Folge seine künstlerische Karriere beendete, wirkte Werner Klemke an der Gestaltung – sei es die Ausstattung, sei es die Illustration – von über 800 Büchern mit. Die Vielfalt der von ihm beherrschten künstlerischen Techniken ist ebenso beeindruckend wie die Anzahl der nationalen und auch internationalen Auszeichnungen, die er im Laufe seines Berufslebens erhielt. Seine Arbeiten für Kinderbücher wurden regelmäßig mit dem Prädikat „Schönstes Buch der DDR“ ausgezeichnet.

Zusammen u.a. mit Bruno Kaiser und Horst Kunze gründete Werner Klemke 1956 die Bibliophilenvereinigung Pirckheimer-Gesellschaft. Nicht zuletzt aufgrund dieser persönlichen Freundschaften waren auch der Künstler und die damalige Deutsche Staatsbibliothek (DSB) einander sehr verbunden. Klemke gestaltete unentgeltlich verschiedene Publikationen der Bibliothek, darunter auch mehrere Veröffentlichungen der von Horst Kunze gegründeten Kinder- und Jugendbuchabteilung. Im Gegenzug wurde er zum Ehrenleser ernannt, eine seltene Auszeichnung, die mit freiem Magazinzugang und Sonderkonditionen hinsichtlich der Ausleihe verbunden war.

Die Staatsbibliothek besitzt eine nahezu vollständige Sammlung der gedruckten Werke von Werner Klemke, die laufend durch aktuelle Veröffentlichungen ergänzt wird. Der künstlerische Nachlass befindet sich im Klingspor-Museum für Buch- und Schriftkunst in Offenbach am Main. Durch den Nachlass seines Freundes Horst Kunze, dem ehemaligen Direktor der DSB, sowie die Bibliothek Bruno Kaisers, der nach dem Krieg zunächst als Abteilungsdirektor an der DSB gewirkt hatte,  gelangten jedoch auch einige Originale des Künstlers in die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek. Sie gehören zur Sammlung der Originalillustrationen und werden dort, wie auch die besonders kunstvolle Widmung Klemkes in dem persönlichen Märchenbuchexemplar unserer ehemaligen Kollegin Renate Gollmitz, in Ehren gehalten.

Zeichnung von Werner Klemke für Renate Gollmitz auf dem hinteren Vorsatz ihres Exemplars der “Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm” . – Mit frdl. Genehmigung der Erbengemeinschaft Klemke

Derzeit im Buchhandel verfügbar:

Kinderbücher

  • Bootsmann auf der Scholle / Text: Benno Pludra. Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2015
  • Hirsch Heinrich / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2016
  • Karlchen Duckdich / Text: Alfred Wellm. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2013
  • Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm / Text: Jacob und Wilhelm Grimm. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2012 (mit Schuber) und 2016 (ohne Schuber)
  • Ein kurzweilig Lesen von Till Eulenspiegel / Text: Gerhard Steiner. – Anaconda Verlag, 2012
  • Lütt Matten und die weiße Muschel / Benno Pludra. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2016
  • Das Pferdemädchen / Text: Alfred Wellm. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2012
  • Der Räuberhase / Text: Alfred Könner. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2014
  • Die Schwalbenchristine / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2016
  • Die Schwarze Mühle / Text: Jurij Brězan. – Domowina, 2012
  • Ein Teufel namens Fidibus / Text: Günter Spang. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2014
  • Wie Mauz und Hoppel Freunde wurden / Text: Walter Krumbach. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2017
  • Wir haben keinen Löwen / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2011
  • Das Wolkenschaf / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2015
  • Ein Wolkentier und nochmal 4 / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2009

Zudem eine nachträgliche Zusammenstellung von Bildergeschichten:

  • Lutz, Evchen und Herr Kannitverstahn. – (Klassiker der DDR-Bildgeschichte ; 30). – Holzhof Verlag, 2015

Erwachsenenliteratur

  • Das Dekameron / Text: Giovanni Boccaccio. – Lambert Schneider, 2015
  • Heiteres und Besinnliches von Lessing / Einleitung von Dieter Fratzke. – Lessing-Museum Kamenz, 1990

Agrarminister Indiens zu Gast in der Orientabteilung

Überraschenden Besuch aus Indien erhielt die Orientabteilung der Staatsbibliothek am Nachmittag des 20. Januar. Der Agrarminister der Indischen Union, Shri Radha Mohan Singh,  wollte seinen Aufenthalt in Berlin auch dazu nutzen, um einen Eindruck von den Berliner Sanskrit-Handschriften zu gewinnen im Hinblick auf eine mögliche Kooperation im Bereich der Digitalisierung.  Anerkennend geäußert haben sich die Gäste über den guten Erhaltungszustand der Objekte.

Unter den orientalischen Handschriften der SBB bilden die etwa 9.000 indischen nach den islamischen die zweitgrößte Bestandsgruppe. Zum überwiegenden Teil sind sie bereits beschrieben. Seit 1853 sind 18 Katalogbände erschienen. Noch etwa 1.000 Objekte sind in den nächsten beiden Jahren zu katalogisieren.

Unsere indischen Handschriften sind zum überwiegenden Teil in Sanskrit. Es sind aber auch drawidische, mittel- und neuindische Sprachen vertreten. Von besonderer Bedeutung sind die etwa 1200 Werke der Jaina-Literatur.

(Beitrag von Siegfried Schmitt)

Symposium „Heinrich Friedrich von Diez (1751-1817) – Diplomat, Orientalist und Sammler“

Call for Papers (English version see below)

Symposium „Heinrich Friedrich von Diez (1751-1817) – Diplomat, Orientalist und Sammler“

Staatsbibliothek zu Berlin, 7./8. September 2017

Im Jahre 2017 gedenken wir des 200. Todestages von Heinrich Friedrich von Diez (2.9.1751-7.4.1817). Er war ein sehr gelehrter und streitbarer Kenner der Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients sowie ein leidenschaftlicher Sammler von Büchern und Handschriften. Eine Beschäftigung mit ihm und seinen beinahe in Vergessenheit geratenen Werken kann einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der deutschen Orientalistik in der Periode zwischen Spätaufklärung und der Entstehung der orientalischen Philologie im 19. Jahrhundert leisten.

 

Als junger Mann engagierte sich Diez als Freimaurer und veröffentlichte einige Texte zu gesellschaftspolitischen Themen, die ihn als einen typischen Vertreter des Sturm und Drang erscheinen lassen. Zwischen 1784 und 1790 war er preußischer Gesandter an der Hohen Pforte in Konstantinopel. In dieser Zeit intensivierte er seine orientalischen Sprachstudien und wurde zu einem seiner Kenntnisse wegen hochgeschätzten Orientkenner- und liebhaber. Nach seiner frühzeitigen Demission ließ er sich in der Nähe Berlins nieder und widmete sich fortan dem Studium seiner Handschriften, die er aus der Türkei mitgebracht hatte. Diez machte die deutsche Leserschaft bekannt mit Werken wie dem türkischen Epos von Dede Korkut und dem Qābūsnāma, einem persischen Prinzenspiegel. In seinen Denkwürdigkeiten von Asien, publiziert 1811 und 1815 behandelte er zahlreiche geographische, ethnographische, sprachwissenschaftliche und literarische Themen auf der Grundlage seiner Handschriftenstudien. Bekannt ist sein Einfluss auf Goethes West-östlichen Divan ebenso wie sein heftiger Disput mit Joseph von Hammer-Purgstall. In seinen letzten Lebensjahren wurde Diez ein tiefgläubiger Christ. Er starb 1817 während seiner Arbeit an einer osmanischen Bibelausgabe.

Diez vermachte seine herausragende Privatbibliothek mit ca. 17.000 Druckschriften und mehr als 850 orientalischen und abendländischen Handschriften der damaligen Königlichen Bibliothek in Berlin, wo sie bis heute als eine der wichtigsten historischen Büchersammlungen erhalten ist.

 

Wir erbitten Vorschläge für Vorträge in Deutsch, Englisch und Französisch zu den folgenden Themen:

– Heinrich Friedrich von Diez’ Leben und Wirken, die Rezeption seiner Werke und seine Korrespondenz

– Untersuchungen zu Diez’ Bibliothek und Handschriftensammlung

– Politische Beziehungen und Kulturtransfer zwischen Europa (insbesondere Preußen) und dem Osmanischen Reich im 18./frühen 19. Jahrhundert

– Entwicklung der Orientalistik und insbesondere der Türkischen Studien im 18./frühen 19. Jahrhundert in Deutschland und Europa

 

Interessenten werden gebeten, Ihre Themenvorschläge mit Titel, Kurzbeschreibung (max. 400 Wörter) und Kurz-Lebenslauf bis spätestens 27. November 2016 per Email einzusenden an christoph.rauch@sbb.spk-berlin.de.

Die Kostenübernahme für Vortragende ist vorgesehen, jedoch an eine noch ausstehende Drittmittelbewilligung gebunden.

 

Call for Papers

Symposium „Heinrich Friedrich von Diez (1751-1817) ­ – Diplomat, Orientalist, and Collector“

Staatsbibliothek zu Berlin, 7./8. September 2017

 

In 2017 we will commemorate the 200th anniversary of the death of Heinrich Friedrich von Diez (2.9.1751-7.4.1817). He was a profound and belligerent expert of the languages and cultures of the Middle East and a passionate book-collector. A fresh look on him and his almost forgotten works can contribute to a better understanding of the development of Oriental studies in Germany between the period of Enlightenment and the emergence of Oriental philology.

 

As a young man Diez was a committed freemason and published some essays on social and political issues that make him appear as a typical representative of the Sturm und Drang era. Between 1784 and 1790 he was the Prussian envoy at the Ottoman Sublime Porte in Constantinople. During these years he intensified his studies of Oriental languages and became a widely acknowledged scholar and connoisseur of the Middle and Near East. After his premature dismissal in 1790 he settled down near Berlin and devoted himself to studying the books and manuscripts he had brought from Turkey. He made German readers aware of the Turkish national epic of Dede Qorqūd and the Persian mirror for princes Qābūsnāma. In his Denkwürdigkeiten of Asien, published in two volumes in 1811 and 1815, he dealt with many geographical, linguistic, literary and ethnographic topics based on sources in his manuscript collection. His impact on Goethes West-östlichen Divan and his heavy dispute with Joseph von Hammer-Purgstall are well known. In the last years of his life Diez became a devout Christian. He died in 1817 while working on an Ottoman edition of the Bible.

 

Diez bequeathed his outstanding personal library comprising about 17,000 printed books and more than 850 Oriental and Western manuscripts to the Royal Library in Berlin, where it is preserved to this day as one of its most important collections.

 

We invite contributions in German, English and French to the following themes:

– Aspects dealing with Heinrich Friedrich von Diez’ career, works, scholarly correspondance, and the perception of his works

– Investigations into Diez’ manuscript and book collection

– Political relations and cultural transfer between Europe (especially Prussia) and the Ottoman Empire in that period

– Development of Oriental and particularly Turkish studies (especially but not exclusively in Germany) in the 18th/early 19th century

 

Interested participants are invited to submit a proposal (by email only) with a title, abstract (max. 400 words) and short CV by 27 November 2016 to christoph.rauch@sbb.spk-berlin.de.

 

Travel expenses of successful applicants will be most probably covered, provided that external funding is granted.

 

“Nachhaltigkeit und Zugang” – Reinhard Altenhöner moderiert die Podiumsdiskussion

Die Digitalisierung des kulturellen Erbes hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Doch angesichts der rasanten technologischen Entwicklung der elektronischen Medien, der Projektorientierung von Kulturförderung und der Flüchtigkeit digitaler Kommunikation gewinnen Fragen nach der Nachhaltigkeit an Bedeutung. Auf der 6. internationalen “Zugang gestalten!”-Konferenz sollen am 17. und 18. November 2016 die damit zusammenhängenden Aspekte erörtert werden.

Veranstaltungsort:
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart
Invalidenstr. 50-51
10557 Berlin

Der Eintritt ist frei – Tagungsprogramm

Innerhalb der Konferenz moderiert Reinhard Altenhöner, Ständiger Vertreter der Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und Leiter der Zentralabteilung der Staatsbibliothek, am 17. November eine Podiumsdiskussion zum Thema

Nachhaltigkeit und Zugang

Wenn die Verantwortung für das kulturelle Erbe eine gesellschaftliche ist, wer trägt sie dann genau und wie?

Das Panel “Nachhaltigkeit und Zugang” ist ideal besetzt, um zu diskutieren, welche Rollen Institutionen und Bürger heute haben und in Zukunft haben sollten, wenn es um die Nachhaltigkeit des Zugangs zum kulturellen Erbe geht. Hier stellen sich weniger Fragen des Eigentums an Kulturobjekten, sondern der Berechtigung, den Zugang zu ihnen zu regeln. Gedächtnisinstitutionen bewegen sich hierbei in einem Spannungsfeld zwischen spürbarem Veränderungsdruck auf ihr Selbstverständnis auf der einen und öffentlichem Auftrag auf der anderen Seite. Dadurch entsteht die Notwendigkeit zu strategischen Weichenstellungen, die in ihrer Tragweite noch vor wenigen Jahren kaum vorhersehbar waren.

 

 

Buchpatenschaft des Monats Oktober

Das Patenschaftsprogramm der “Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V.”

Jeden Monat stellen wir Ihnen an dieser Stelle eine neue Buchpatenschaft vor. Bücher, aber auch Landkarten, Noten, Handschriften und Zeitungen, die so stark beschädigt sind, dass sie nicht mehr Nutzerinnen und Nutzern zur Verfügung gestellt werden können, brauchen Patinnen und Paten für die Restaurierung.

Als Buchpatenschaft für den Monat Oktober haben wir einen Band mit Tierbildern ausgewählt – nicht nur für alle Tierfreunde und Freunde des Berliner Zoologischen Garten.

Heck, Ludwig:

Tiere, wie sie wirklich sind. Ein Bilder- und Lesebuch für jedermann.

Berlin: Parey, 1934.120 S., 8°. Zahlreiche Illustrationen.

Der Biologe Ludwig Heck (1860-1951) war 1888 bis 1931 Direktor des Berliner Zoologischen Gartens. So stammen auch die in diesem Band versammelten zahlreichen Schwarzweiß-Abbildungen  komplett aus dem Photoarchiv dieses Zoologischen Gartens. Mit seinem Werk verfolgt Heck ausdrücklich den Tierschutzgedanken: Er versteht – so das Vorwort – Tiere als „unsere lebenden Mitgeschöpfe“. Nicht übertriebene Tierliebe, vielmehr sachliche Tierkunde ist erforderlich, um ihnen gerecht zu werden.

nötige Reparaturen: Einbanderhaltung

kalkulierte Kosten: 120 €

Abbildung aus dem Buch: Heck - Tiere, wie sie wirklich sind "Sieht gefährlich aus, ist aber ein guter Riesenkerl: Gorilla Bobby als Jüngling" (c) SBB

Abbildung aus dem Buch: Heck – Tiere, wie sie wirklich sind. Ein bilder- und Lesebuch für jedermann. Berlin: Parey, 1934
“Sieht gefährlich aus, ist aber ein guter Riesenkerl: Gorilla Bobby als Jüngling”

Übernehmen Sie eine Buchpatenschaft bei den “Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V.”

Wenn Sie Interesse daran haben, dass dieses Buch restauriert und damit Forscherinnen und Forschern aus aller Welt wieder zur Verfügung stehen wird, dann schreiben Sie an freunde@sbb.spk-berlin.de. Für Ihre Hilfe, ein bedrohtes Werk vor dem Verfall zu bewahren, erhalten Sie:

  • ein Exlibris aus alterungsbeständigem Papier mit Ihrem Namen oder einem von Ihnen gewünschten Namen,
  • die Möglichkeit, das restaurierte Werk zu besichtigen beim Jahresempfang oder bei einem Termin nach Vereinbarung,
  • eine Spendenbescheinigung für Ihr Finanzamt.

Weitere Hinweise zu Buchpatenschaften und eine große Auswahl an  Patenschaften aus allen Abteilungen der Staatsbibliothek zu Berlin finden Sie auf der Seite der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V. Das Spektrum reicht weit über Bücher hinaus – hier finden Sie auch Noten, Landkarten, Zeitungen, Handschriften.

Kontakt: Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V., Gwendolyn Mertz, Unter den Linden 8, 10117 Berlin, Telefon: 030 – 266 43 8000, Mail: freunde@sbb.spk-Berlin.de

Besucher im Sommer und Reisen um die Welt

Sommerzeit ist Reisezeit, auch oder gerade für Besucher des Lesesaals der Handschriftenabteilung.

Sie nutzen die vorlesungsfreie Zeit für Bibliotheksreisen, um neue Projekte zu starten und alte Manuskripte zu sehen. Unter Manuskript, aus dem lateinischen manu scriptum,  von Hand geschrieben, verstehen wir weit mehr als die umgangssprachlichen Druck- oder Sendevorlagen. Mit einem Einband versehene, gebundene Handschriften, auch Codices genannt, werden unter regionalen, sprachlichen, inhaltlichen Aspekten oder nach ihrer Herkunft gesammelt und erschlossen. Die ältesten stammen aus dem 5. Jahrhundert. Manuskripte befinden sich natürlich auch in Nachlässen. Der Nachlass einer Person oder Vereinigung wird nach Materialarten in Manuskripte, Briefe, Lebensdokumente und Sammlungen gegliedert. Da kein Stück dem anderen gleicht gibt es eine Unzahl von Signaturen und Nachweisen. Die Fülle der abendländische Handschriften mit 37 Signaturenreihen  zeigt die Signaturenübersicht der Homepage. Durch kriegsbedingte Verlagerungen, die Teilungsgeschichte der Bibliothek und unzählige Sonderfälle gibt es noch weit mehr Nachweisinstrumente als den Stabikat. Denn für solch individuelle Stücke ist der Stabikat noch nicht das geeignete Nachweisinstrument.

Auskunft im Lesesaal

Wenn Sie auf Nachweise mit Hdschr. Ham. und  Alb.am., Nachl. oder Dep . stoßen und zunächst nichts damit anfangen können, so lohnt sich eine direkte Nachfrage bei der Auskunft im Lesesaal. Nur eine korrekte Signatur führt zu dem gewünschten Objekt.

Voranmeldungen aus aller Herren Länder gibt es  besonders jetzt im Sommer. Gestern wird die mail abgeschickt, heute steht der Besucher schon im Lesesaal und bestellt, wo er schon mal da ist vielleicht auch 10 und mehr Handschriften und Nachlasskästen. Das bringt dann die Kollegen aus dem Magazin ins Schwitzen, denn Folio- und Großfolio-Bände mit Eichenbrettern als Material für die Einbanddeckel können sehr schwer sein.

Empfindliches als Faksimile und in der Digitalen Bibliothek

Bei manchmal unvermeidlichen tropischen Temperaturen, auch im Lesesaal, kann dann eine Handschrift, besonders wenn es eine Zimelie ist, also eine besonders wertvolle Handschrift, nicht bereitgestellt werden. Denn solche Temperaturschwankungen und die Unterschiede bei der Luftfeuchtigkeit sind aus konservatorischen Gründen Gift für alte Werke. Besonders Pergamenthandschriften reagieren darauf sensibel. In der Antike bezeichnete man diesen Beschreibstoff, der vor allem vor der Erfindung des Papiers verwendet wurde, nach dem Ort Pergamon in Kleinasien, der heutigen Türkei. Auch nach 500 oder 1000 Jahren reagieren diese ursprünglichen,  nur leicht bearbeiteten und getrockneten Tierhäute mit Ausdehnung. Der Handschriftenband passt nach der Benutzung nicht in seinen Schutzbehälter, Schließen können nicht geschlossen werden. Für Wissenschaftler ist die Arbeit mit den Originalen unverzichtbar, aber zum Glück besitzen wir eine außerordentlich große Sammlung an Faksimiles und  auch unsere digitalen Sammlungen weisen immer mehr Handschriftenbände nach. Schaut man sich die digitalisierten Seiten von

Ms. Phill. 1896  aus dem 8./9. Jh. an,

kann man genau die Fleisch- und die Haarseite des Pergaments erkennen, sowie die zerstörerische Kraft der Eisengallus-Tinte.

Zu Hause rund um die Welt

Gut, die schönsten Reisen finden sprichwörtlich im Kopf oder vielleicht beim Lesen statt. Für alle Daheimgebliebenen kann es daher spannend sein, Reisebeschreibungen zu lesen. Es gibt unzählige gedruckte Werke dieser Art, auch in unserem Bestand. Die Reisetagebücher der großen Weltreisenden wie Alexander von Humboldt,  Georg Forster,   Adelbert von Chamisso  sind bekannt und  ihre erlebnisreichen Aufzeichnungen können sogar über digitale Portale betrachtet werden. Weniger bekannte Schilderungen findet man aber auch in den digitalen Sammlungen, wie eine Beschreibung der  Reise von Bamberg nach Jerusalem im Jahr 1467.

Adelbert von Chamisso, der spätere Weltreisende, schrieb in der Abgeschiedenheit des brandenburgischen Kunersdorf im Jahr 1813 „Peter Schlemiels Schicksale“ nieder: Als Ms. germ. qu. 1809 ging das Heft mit der Geschichte um den Mann ohne Schatten und seine lange Reise  in unsere Bestände ein. Als solches kann man das Heft in den digitalen  Sammlungen sehen oder als Faksimile erwerben. 

Zwei Jahre später brach er im Juli 1815 in Berlin auf und begann am 17.August 1815 seine Weltreise auf dem Expeditionsschiff „Rurik“ unter Otto von Kotzebue. Er bezeichnete den 17. Juli 1816 als den Beginn der „Sommercampagne“, den Beginn der Nordfahrt durch die Beringsee und die angrenzenden Regionen auf dem asiatischen und amerikanischen Kontinent.  Seine Manuskripte, auch  zum Nachlesen gibt es im Katalog „Weltreise- Forster-Humboldt-Chamisso-Ottinger “, ein wunderbares  Werk mit zwei Bänden, auf temperatur- und alterungsbeständigem Papier gedruckt. Im Lesesaal kann man es studieren oder sein eigenes Exemplar – für den Balkon- erwerben.

Es liegt auf der Hand, Reisen bildet…

An der Handschrift mit der Signatur Ms. Phill. 1479 scheint etwas besonders  Reizvolles zu sein. Diese kleine griechische Handschrift mit fünf Abschnitten stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde bislang selten benutzt. In der Datenbank Manuscripta Mediaevalia wird sie kurz  verzeichnet. Jetzt ist das Interesse daran so groß, dass innerhalb von vier Monaten Besucher aus Frankreich, Italien und den USA diesen Band  sehen wollen, der noch nicht digitalisiert wurde. Sie enthält zwei griechische Tragödien nach Euripides und Traktate zu prognostischen Methoden. Vielleicht sind es ja die charmanten Zeichnungen mit Angaben zur Handlesekunst und ein Text zur Chiromantie.

Sehen Sie grün im StaBiKat!

Mit unserer neuen Verfügbarkeitsanzeige im klassischen StaBiKat erkennen Sie jetzt bereits in der Trefferliste, welche der gefundenen Medien Sie zeitnah lesen können. Dazu nutzen wir die bewährten Ampelfarben kombiniert mit einer beschreibenden Ausschrift. So können Sie gleich auf den ersten Blick erfassen, dass Sie ein gesuchtes Buch bestellen können und sparen viele Klicks!

Unsere Ampelfarben

Grün steht für aktuell verfügbare, bestellbare Bände und Präsenzbestand in den Lesesälen sowie für online verfügbare Quellen. Hierbei haben wir uns von Ihren Aussagen zu „verfügbar“ in der stabikat+ -Umfrage im letzten Sommer leiten lassen.
Gelb angezeigt werden verliehene, vormerkbare Bände aber auch einige ältere Werke mit dem Hinweis „Kriegsverlust möglich“, deren Daten wir in der nächsten Zeit noch korrigieren werden.

StaBiKat-Ausschnitt mit Verfügbarkeitsanzeige – Staatsbibliothek zu Berlin – PK / CC BY-SA-NC

Rot werden Werke gekennzeichnet, die nicht mehr in der Staatsbibliothek vorhanden oder langfristig nicht zugänglich sind, also Verluste oder vermisste Bände, die aber der Vollständigkeit halber weiterhin im StaBiKat angezeigt bleiben.
Graue Buttons sehen Sie, wenn zu einem Treffer mehrere Exemplare oder mehrere Bände gehören. Die Ampelfarben finden Sie dann erst nach dem nächsten Klick in der Detailanzeige des Treffers wieder.
Der farbige Button mit der zugehörigen Ausschrift führt entweder direkt zum Bestellen oder zur Detailanzeige im StaBiKat.

Snippets im Katalog?

Haben Sie unter einigen Suchergebnissen … Snippets … bemerkt? Snippets sind kurze Textauszüge. Im StaBiKat zeigen sie den Kontext des gesuchten Begriffes im Inhaltsverzeichnis des Bandes oder einer Rezension an, wenn Ihr Suchbegriff nicht in der Titelbeschreibung genannt ist.

Jetzt die neuen Funktionen testen

… und selbst den Mehrwert entdecken. Wir bieten Ihnen die Verfügbarkeitsanzeige zunächst im klassischen StaBiKat in einer Beta-Version an. Manche Einstellungen könnten sich noch ändern. Die komfortable Trefferanzeige möchten wir Ihnen aber nicht länger vorenthalten.

Verfügbarkeit demnächst auch in stabikat+

Für unsere Literatursuchmaschine stabikat+ ist die Einbindung der Verfügbarkeitsanzeige selbstverständlich ebenfalls aktuell geplant, um auch hier die Recherche für Sie noch attraktiver zu gestalten.

 

„Wissenschaftler dieser Welt, kommt nach Berlin in diese Bibliothek und forscht!“ Barbara Schneider-Kempf ist neue Botschafterin für „Brain City“

Die Kampagne „Brain City“, initiiert vom Hauptstadtmarketing der Stadt Berlin, verfolgt – als Teil der Imagekampagne „be Berlin“ – das Ziel, Wissenschaft als Standortfaktor für Berlin besser sichtbar zu machen. Die Wissenschaft soll stärker in den Fokus der Standortvermarktung rücken. Dazu wurde gemeinsam mit vielen wissenschaftlichen Einrichtungen Berlins (Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Zukunftsorte, Stiftungen, Institute) eine Botschafterkampagne entwickelt. Derzeit stehen 18 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus diesen Einrichtungen als Testimonials bereit und verbreiten über ihre Kanäle Berlins exzellenten Ruf als Wissenschaft- und Forschungsmetropole. Ausführende Firma ist die Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH.

Alsbald rückte auch die Staatsbibliothek in das Interesse von „BrainCity“: auch die größte wissenschaftliche Universalbibliothek in Deutschland böte, so stellten die Verantwortlichen fest, einen guten Ausgangspunkt für die Verbreitung von wissenschaftlicher Exzellenz „made in Berlin“. Vor diesem Hintergrund lud man Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek, ein, ebenfalls als „Wissenschafts-Botschafterin“ zu fungieren. Der ‚Claim‘ nun hier:

Frank Günther am 26.04.2016 in der Staatsbibliothek zu Berlin

Shakespeare: Ein Untoter in der Staatsbibliothek

Shakespeare ist tot. Seit 400 Jahren. Seine Sprache, damals noch nicht standardisiert, ist fremd und den Alltag der elisabethanischen Zeitgenossen können wir in etwa so tief nachempfinden wie den von Marsmännchen. Dennoch ist Shakespeare allgegenwärtig, wird ständig neu adaptiert, vereinnahmt, verklärt und immer wieder als zeit- und grenzenlos deklariert. Er ist der kulturelle Beleg für eine anthropologische Konstante, die Menschen auf der ganzen Welt, über alle Zeitalter hinweg eint.

Den Shakespeare-Hype des Jubiläumsjahres nahm die Staatsbibliothek zu Berlin zum Anlass, um am 26. April 2016 die Wirkungsgeschichte des kosmopolitischen, majestätischen, allgegenwärtigen Riesen (frei nach dem amerikanischen Prediger William A. Quayle) einmal etwas gegen den Strich zu lesen. Die mit über 130 Gästen sehr gut besuchte Veranstaltung, die Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf mit einem Grußwort eröffnete, bot drei seltene alte Bücher, zwei wissenschaftliche Vorträge und eine philologische Performance.

Der Dietrich-Bonhoeffer-Saal war vollbesetzt (Foto: Staatsbibliothek zu Berlin – PK, CC NC-BY-SA)

Sabine Schülting, Professorin für Englische Philologie an der Freien Universität Berlin und Herausgeberin des Shakespeare-Jahrbuchs, beleuchtete in ihrem Vortrag Shakespeare – der Untote? die internationale Bardolatrie, also die quasi-sakrale Verehrung Shakespeares. Sie diskutierte unter anderem die zahllosen Veranstaltungen der Reihe Shakespeare Lives, die unter der Federführung des British Council in diesem Jahr in rund 70 Ländern der Welt stattfinden. Ihr versöhnlicher Ausblick: Es lässt sich trotz aller inszenatorischer Überhöhung hinter den Mythos blicken und dort etwas vom Menschen Shakespeare erkennen.

Sabine Schülting

Sabine Schülting (Foto: Staatsbibliothek zu Berlin – PK, CC NC-BY-SA)

Ein materieller Ausdruck der frühen Shakespeare-Kanonisierung sind die Folio-Ausgaben von Shakespeares Werken, die in großformatigen Bänden in vier Auflagen zwischen 1623 und 1685 herausgegeben wurden. Von den vier Folianten konnten drei am Veranstaltungsabend ausgestellt werden. Eine Vitrine blieb leer. Durch die Auslagerung der Bücher im Zweiten Weltkrieg wurde der Bestand getrennt, der Second Folio befindet sich heute in Krakau. Andreas Wittenberg, Referatsleiter in der Abteilung Historische Drucke der Staatsbibliothek zu Berlin, erläuterte die Folios und ihre Druck- und Provenienzgeschichte aus buchwissenschaftlicher Perspektive. Besondere Aufmerksamkeit richtete er auf ihre unterschiedlich verarbeiteten Einbände. Höchstpreise erzielt, wer heutzutage einen dieser seltenen Bände bei Sotheby’s versteigert, was angesichts der globalen Bardolatrie sicherlich wenig überraschend ist.

Andreas Wittenberg (Foto: Staatsbibliothek zu Berlin – PK, CC NC-BY-SA)

Wittenbergs Ausführungen über die typografisch verschiedenartig gestalteten Bände konnte das Publikum in einer kurzen Umbaupause an den nur selten ausgestellten Folianten nachvollziehen.

Nach der Pause verwandelte Frank Günther den Abend, der entschieden kultur- und buchwissenschaftlich begonnen hatte, in eine Bühnenshow, die von den Leiden und Höhenflügen eines Literaturübersetzers handelte, der es wagte, den Meister herauszufordern und sein Gesamtwerk komplett neu ins Deutsche zu übersetzen. Frank Günther schleppte einen Arztkoffer voll mit Wörterbüchern, kommentierten Shakespeare-Ausgaben und verschiedenen Übersetzungen auf die Bühne. In wenigen Minuten zog er mit diesen Requisiten das Publikum in den Bann. Er zeigte, wie fremd heute Shakespeares English selbst für Muttersprachler ist und wie schwierig die Übersetzung der Texte in eine andere Sprache. Günther hat es sich zur Aufgabe gemacht, all die Metaphern, Wortspiele und Zoten aus den Originaltexten ins Deutsche zu übertragen und sich dabei von August Wilhelm Schlegels romantischer Übersetzungsvorlage zu emanzipieren. Eine Mammutaufgabe, an deren Übermut er das Publikum teilhaben ließ. Frank Günther stampfte über die Bühne, blätterte wild in den verschiedenen Ausgaben und Wörterbüchern, raufte sich die Haare, verzweifelte, bis er endlich den einen Geistesblitz hatte, der nicht nur Inhalt und Metaphorik, sondern auch Klang und Versmaß des Originals berücksichtigt. Und nur die Anwesenden (und LeserInnen von Günthers Shakespeare-Übersetzungen) wissen nun, wie aus dem medlar tree (Mispelbaum), unter dem Romeo zum ersten Mal von Julia fantasierte, der Vögelbaum wurde.

Auf in den Lesegarten

Wie schon berichtet, ist der sanierte Lesegarten vor dem Haus Potsdamer Straße wieder zugänglich. Am Nachmittag des 3. Mai wurde er an die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, Barbara Schneider-Kempf übergeben, und schon setzte sie sich als Erste in das frische Grün.

Die Eröffnung des Lesegartens setzte einen Schlusspunkt unter die sechs Jahre dauernde Bauwerksabdichtung, in deren Zuge rund um das Gebäude sämtliche Fundamente freigelegt und so abgedichtet wurden, dass keine Feuchtigkeit eindringen kann. Mit dieser Baumaßnahme, die ein Jahr eher als geplant beendet wurde (!), ging der wunderbare Effekt einher, dass nunmehr alle Außenanlagen des denkmalgeschützten Hauses Potsdamer Straße saniert sind. Die Anlagen wurden nach den ursprünglichen Plänen aus dem Jahr 1971 wiederhergestellt, moderne Anforderungen – etwa eine Vielzahl von Fahrradständern einzurichten – wurden gleich mit berücksichtigt.

Die Wiederherstellung der Außenanlagen plante das in Hannover angesiedelten Büro Nagel Schonhoff + Partner. Das Besondere daran: Eben dieses, 1970 von Günter Nagel gegründete Büro hatte schon bei der Errichtung des Gebäudes in einer Arbeitsgemeinschaft mit dem Landschaftsarchitekten Hermann Mattern und in enger Zusammenarbeit mit dem Büro Hans Scharoun im Jahr 1971 die Gestaltungsvorgaben für die Außenanalagen entwickelt. Jetzt, 45 Jahre später, gab eben dieser herausragende Landschaftsarchitekt, Professor Günter Nagel, der Bibliothek wie auch dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, das das gesamte Projekt “Bauwerksabdichtung” verantwortete, die Ehre und war bei der Übergabe des Lesegartens anwesend. Dabei erläuterte er unter anderem seinen Wunsch, dass dieser schöne Ort nicht nur unseren Benutzern wertvoll sein möge, sondern dass er ebenso zu einer sicht- und erlebbaren Brücke zu den anderen Gebäuden und Plätzen des Kulturforums werden soll, die durch die mehrspurige Potsdamer Straße vom Areal der Staatsbibliothek leider allzu deutlich abgetrennt sind.

Aufhorchen ließen die Erklärungen Professor Nagels zur räumlichen Gestaltung der mehrfach abgewinkelten Sitzbänke: Mit ihren Formen zitieren die Bänke das Logo der Berliner Philharmonie, das drei ineiander verschachtelte Fünfecke zeigt. Dieses Logo wiederum symbolisiert den Grundriss des Philharmonie-Gebäudes, welches wie auch die Bibliothek einst von Hans Scharoun entworfenen worden war. Die hiesigen Sitzbänke formen eine Hälfte des Philharmonie-Logos nach und stellen so einen Rückbezug zu Scharouns Gesamtwerk am Kulturforum her – und wohl kaum zeigen sich in Berlin zwei so eng ‘verschwisterte’ Gebäude wie diese Scharounschen Edelsteine der Architektur und der Kultur.