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Wutbürger und Polygamisten – die Reformation radikalisiert sich

Eine faszinierende Bilderhandschrift erzählt in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“ über die „Kinderkrankheiten“ der Reformation.

Ein Beitrag von Kurt Heydeck.

„Hondert figuuren in teckeningh van dem opkomst begin en handel der voornamste eerste weederdopers tot haar sterven en ondergang“

Die querformatige Papierhandschrift Libr. pict. A 96 zeichnet in 100 Bildern Episoden aus dem Bauernkrieg (Bild 1-14) und vor allem die Ereignisse um die Wiedertäuferherrschft in Münster (Bild 15-100) nach. Beide Bewegungen aus der Anfangszeit der Reformation entzogen sich Luthers Lehre und verweigerten den Gehorsam gegen die weltliche Obrigkeit. An der Spitze standen charismatische Köpfe wie Thomas Müntzer (um 1489-1525) und Jan van Leiden (eigentlich Jan Beuckelszoon; 1509-1536), die diese radikalen Strömungen zumindest zeitweise erfolgreich machten. Zeitgenössische Einblattdrucke haben die hier dargestellten historischen Episoden bereits zuvor auch bildlich festgehalten; eine derart umfangreiche und zusammenhängende Abfolge von kommentierten Bildern, wie sie dieses Album präsentiert, ist jedoch einzigartig.

Bild 100: Initialen J.d.R. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Zeichner und Quellen der Bilderhandschrift

Unsere Hand-„Schrift“ besteht nur in geringem Maße tatsächlich aus Schrift, vielmehr aus gezeichneten und bräunlich lavierten Bildern, die Ende des ersten Viertels des 18. Jahrhunderts, etwa 1720, in den nördlichen Niederlanden entstanden sind. Ihr Urheber ist mit einiger Wahrscheinlichkeit Jan de Ridder (1665-1735), ein Zeichner und Kupferstecher, der vornehmlich in Amsterdam wirkte und seine Initialen in einer Bildbeschriftung auf dem letzten Blatt der Handschrift hinterließ. Doch es gibt eine direkte schriftliche Quelle, an der sich der Zeichner eng orientierte und aus der die Bildbeischriften meist wortwörtlich entnommen sind: das 1570 erschienene, auf zeitgenössischen Geschichtswerken beruhende Werk „De Wortel, den Oorspronck ende het Fundament der Weder-dooperen oft Herdooperen van onsen tijde“ (1565 bereits auf Französisch publiziert und 100 Jahre später noch ins Englische übersetzt) des niederländischen Reformators Guy de Brès (1522-1567). Über Auftraggeber, Anlass und Zweck für diese Zeichnungen, die ein Thema behandeln, das zum Zeitpunkt ihrer Entstehung immerhin fast 200 Jahre zurücklag, ist in der Forschung viel spekuliert worden, ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen. Umstritten ist auch, ob man sich dieses eher skizzenhafte und wenig kunstreich ausgeführte Album als eine Vorstufe für eine intensivere Ausarbeitung vorzustellen hat. Eine eigene Interpretation der Ereignisse aus der Perspektive des 18. Jahrhunderts entsprach jedenfalls nicht der Intention dieses Bildwerkes.

Das Täuferreich von Münster

Die Täuferbewegung, in deren religiös-ideologischem Zentrum die Ablehnung der Kindertaufe (deshalb auch „Wiedertäufer“) stand, breitete sich seit 1527 von der Schweiz kommend bis in den Norden Deutschlands und in die Niederlande aus. In den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts etablierten sich die Wiedertäufer auf der Flucht vor Verfolgung in Münster. 1534/1535 fand diese Bewegung im gewalttätigen Regime des Täuferreichs von Münster eine besonders brutale Ausformung. Ihr nicht minder blutiges Ende nahm die Täuferherrschaft mit der Erstürmung der Stadt durch Fürstbischof Franz von Waldeck im Juni 1535. Zu diesem Zeitpunkt waren die Täufer für Martin Luther, der sich zuvor mit der täuferischen Theologie intensiv auseinandergesetzt hatte, nur noch Aufrührer und Sektierer, die es mit aller Härte zu bestrafen galt.

Visuelles Storytelling des frühen 18. Jahrhunderts

Bild 2: Thomas Müntzers begeistert als Prediger. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 14: Thoms Müntzer wird – nach der Niederlage bei Frankenhausen – am 27. Mai 1525 vor den Toren der Stadt Mühlhausen öffentlich hingerichtet. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 27: Die niederländischen Täufer gewinnen dank wortgewaltiger Unterstützer unter den Einheimischen die Macht in der Stadt Münster, bekehren die einen zum neuen Glauben und treiben die Verweigerer ins Exil. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 29: Das Täuferreich wird durch den radikalen Umbau der städtischen Strukturen trotz des stärker werdenden äußeren Drucks am Leben erhalten: Hier wird eine an die Jerusalemer Urgemeinde angelehnte Gütergemeinschaft (und damit die Einziehung des Privateigentums) durchgeführt; außerdem schaffte man den alten Rat der Stadt ab und verbrannte das Stadtarchiv. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 40: Die Täufer können sich der Belagerung durch die Truppen des Münsteraner Bischofs Franz von Waldeck zunächst widersetzen. Durch diese  militärischen Erfolge kann der Gastwirt und Bordellbetreiber Jan van Leiden, der ursprünglich in der zweiten Reihe des Führungspersonals der niederländischen Täufer gestanden hatte,  seinen Führungsanspruch festigen Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 49: Jan van Leiden lässt sich zum König ausrufen und führt schließlich die mit alttestamentarischen Vorbildern begründete Vielehe ein, bei der er den Männern mehrere Frauen zuweist. In diesem – der lutherischen Aufwertung der Ehe diametral entgegengesetzten – Punkt regt sich auch bei einigen Männern Widerstand, der brutal unterdrückt wird. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 74: Verfehlungen und Ungehoprsam werden von Jan van Leiden rücksichtslos geahndet; so richtet er hier seine Ehefrau Elise selbst mit dem Schwert hin. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 80: Der Belagerungsring um die Stadt führt zu einer Hungersnot, die zu Kannibalismus und anderen grotesken Szenen der Nahrungsbeschaffung führt; Vorboten des nahenden Untergangs. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 92:  Die nach der blutigen Eroberung der Stadt durch Fürstbischof Franz von Waldeck zunächst am Leben gelassenen Anführer der Täufer Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling werden zunächst ein halbes Jahr lang herumgezeigt und „befragt“. Im Januar 1536 verurteilt man sie zum Tode und foltert sie zu Füßen der Münsteraner Lambertikirche zu Tode. Hier wird der „König“ Jan van Leiden mit glühenden Zangen traktiert. Die drei Leichen hängt man anschließend zur Abschreickung in eigentlich für den Gefangenentransport verwendeten eisernen Körben am Turm der Lambertikirche auf (unser Beitragsbild), wo die Körbe bis heute zu sehen sind. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie noch bis zum 2. April die Bildergeschichte des Täuferreiches sowie weitere spannende Objekte zu den propagandistischen Auseinandersetzungen der Reformationszeit im Original betrachten!

 

Projekt E.T.A. Hoffmann Portal geht in die zweite Runde

Hurra – unser Folgeprojekt zum E.T.A. Hoffmann Portal ist genehmigt! Nachdem die BETA-Version des Portals nun seit Mitte Dezember online ist, neigt sich das erste Projekt zur Einrichtung des Portals (HoPo1) langsam dem Ende zu. Derzeit arbeitet unsere Entwicklerin – bis zum offiziellen Launch – kontinuierlich an der Optimierung der Funktionalitäten und der Erweiterung von Textbeiträgen und interaktiven Elementen. Parallel stellen wir aber auch schon die Weichen für unser Folgeprojekt (HoPo2), das im Januar 2017 offiziell gestartet ist und zwei neue Schwerpunkte beinhaltet: die Digitalisierung von Hoffmanniana und die Erweiterung des Angebots auf Einflüsse und Rezeption.

Während der Fokus von HoPo1 auf der Einrichtung der Infrastruktur und der Vermittlung von E.T.A. Hoffmanns Leben und Werk lag, widmet sich HoPo2 der Produktion von digitalen Inhalten und der Vermittlung von einerseits Einflüssen auf Hoffmann und andererseits der Rezeption von Hoffmann durch andere Künstler*innen und Wissenschaftsbereiche. Aktuell arbeiten wir an der Erstellung einer Liste der zu digitalisierenden Materialien und testen den eigens entwickelten Digitalisierungs-Workflow. Das Folgeprojekt hat eine Laufzeit von drei Jahren und gliedert sich in drei inhaltliche Arbeitspakete:

1 Digitalisierung der Werke Hoffmanns, seiner Einflüsse und seiner Rezeption

Geplant ist die Digitalisierung von etwa 2.000 Bänden, darunter Erstausgaben, illustrierte Drucke, Autographe, frühe Forschungsliteratur und Werke, die E.T.A. Hoffmann nachweislich besessen hat. Hinzu kommen in Auswahl Werke, die Hoffmann in seinem Schaffen beeinflusst haben, sowie Werke, die Hoffmanns Motive aufgreifen oder ganz grundsätzlich durch Hoffmann beeinflusst wurden.

2 Dokumentation der Einflüsse und der Rezeption E.T.A. Hoffmanns

Die vielfältigen Einflüsse auf Hoffmann und die Rezeption seines Schaffens sind bisher nicht zentral dokumentiert, vor allem eine medienübergreifende Zusammenstellung und Präsentation ist ein Desiderat. In enger Zusammenarbeit mit der Wissenschaft soll ein Arbeitsinstrument geschaffen werden, das die relevanten Informationen zusammenführt, diese mit digitalen Primärmaterialien verknüpft und visuell aufbereitet zugänglich macht. Das Projekt versteht sich in diesem Punkt ein weiteres Mal als Entwickler und Etablierer einer neuen Infrastruktur, auf deren Basis nach Projektende kontinuierlich weitere Inhalte verschiedener Institutionen aufgenommen werden können.

3 Aufbereitung von Inhalten für unterschiedliche Zielgruppen

Analog zu den Textbeiträgen und interaktiven Elementen, die im Projekt HoPo1 entwickelt und aufbereitet wurden, sollen nun in Kooperation mit Wissenschaft und Lehre Informationen zur Vermittlung von Hoffmanns Umfeld, seinen Einflüssen und der Rezeption durch andere Künstler*innen und Forscher*innen bereitgestellt werden. So soll beispielsweise eine Netzwerkdarstellung Hoffmanns Bekanntenkreis veranschaulichen und Personenkonstellationen verdeutlichen, eine grafisch aufbereitete Rezeptionsanalyse soll den Bezug Hoffmanns zu Persönlichkeiten wie Peter Tschaikowski, Thomas Mann oder Franz Kafka aufzeigen.

Bleiben Sie uns treu, verfolgen Sie die Entwicklungen und senden Sie uns Kritik und Anregungen!

Bibliophilie und Landadel in Thüringen – die Ebeleben-Bibel

Von Lucas Cranach d. J. gestaltete vierbändige Pergamentbibel von 1561/1562 in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Familienporträts aus dem 2. bis 4. Band der Ebeleben-Bibel. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luther-Porträt, Lutherrose und Wappen der Familien Ebeleben und Carlowitz. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Einmalig ist diese von Lucas Cranach d. J. gestaltete Pergamentbibel nicht zuletzt durch ihren Auftraggeber, der als einfacher Landadliger keineswegs dem Hochadel angehörte und sich dennoch eine derart hochpreisige bibliophile Kostbarkeit leistete. Nikolaus von Ebeleben stammte aus dem thüringischen Ebeleben bei Sondershausen und war mit Margarethe von Carlowitz verheiratet. Er studierte in Erfurt und Leipzig, unternahm Bildungsreisen nach Paris und Bologna. 1549 wurde er Domherr in Meißen, 1552 stand er in kurfürstlich sächsischen Diensten als Gesandter in Böhmen, 1568-1574 war er Amtshauptmann in Sangerhausen. 1563 erwarb Ebeleben das Gut Balgstedt bei Freyburg an der Unstrut. 1579 verstarb er hoch verschuldet als Domherr in Merseburg.

Ebeleben besaß eine kostbare Büchersammlung von ca. 400 Werken, meist in wertvollen Einbänden. Nach seinem Tod wurde seine Bibliothek durch den Buchbinder Marcus Bachmann aus Merseburg und den Buchhändler Jacob Apel aus Leipzig (gest. 1584) verzeichnet und taxiert. Ein Großteil des Buchbesitzes gelangte nach Leipzig an den in Auerbach geborenen Juristen Johann Stromer (1526-1607) und wurde anschließend weiter verkauft. Die vierbändige Pergamentbibel erwarb der Kurfürst von Brandenburg. Damit gehörte diese besondere Bibel mit großer Wahrscheinlichkeit bereits zum Gründungsbestand der Kurfürstlichen Bibliothek.

Datierung und Schlangensignet auf dem Luther-Porträt. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Nur drei Exemplare der 1561 auf Pergament gedruckten Bibel aus der Offizin des Wittenberger Druckers Hans Lufft sind heute noch bekannt. Die beiden anderen Exemplare hatten fürstliche Auftraggeber und besitzen Widmungsbilder Sigismunds von Brandenburg und Albrechts von Preußen.

Das Berliner Exemplar enthält im ersten Band ein Porträt Martin Luthers mit einer elaborierten Darstellung der Lutherrose (diese besondere Lutherrose ist auch das Erkennungszeichen für unseren Ausstellungs-Blog), die Bände 2 bis 4 sind dagegen mit Familienporträts und den Familienwappen von Ebeleben und Carlowitz geschmückt: Hier finden sich die einzigen bekannten Bildnisse des Nikolaus von Ebeleben, seiner Frau und drei ihrer Kinder.

Nur das Luther-Porträt ist datiert und signiert: über der linken Schulter findet sich in Gold die Jahreszahl 1562 und das berühmte Cranach’sche Schlangensignet mit angewinkelten Flügeln.

Im Schriftfeld unter dem Luther-Porträt ist ein lateinisches Lobgedicht auf den Reformator eingetragen, der wohl von dem Dichter und Altertumskundler Georg Fabricius (1516-1571) stammt:

Inter Theologos est gloria prima Lutherus,
Nam Christi merito nemo magis tribuit.
Huic par est nullus: placeat, non deneger eius,
Discipulus: cui laus contigit ista, sat est.

Eine bereits im 16. Jahrhundert kursierende deutsche Übersetzung dazu lautet:

Der Mann Gottes Lutherus ist/
Und bleibt gewiß zu jeder Frist/
Unter der Theologen Schar
Der best/ Ja ein Kron fürwar.
Denn er dem Verdienst Jesu Christ
Am meisten eignet und zumißt.
Seins gleich nicht ist/ Wer ihm nachschlägt/
Und Christum/ gleich wie er/ fürträgt/
Hat Lobs genug/ denn er gewiß
Lutheri rechter Jünger ist.

Schriftfeld unter dem Luther-Porträt. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das Bild der Lutherrose ist mit zwei Schriftfeldern zum Thema „Freude und Trauer“ ausgestattet, über der Rose findet sich zunächst eine Art lateinisches Wappengedicht zu den Symbolen des Kreuzes, der Rose und des Herzens und den stets mit Trauer vermischten Freuden des Lebens. Im Schriftfeld unter der Rose steht zunächst ein in den Tischreden überlieferter lateinischer Spruch Martin Luthers, gefolgt von einem deutschen Gedicht:

Schriftfeld unter der Lutherrose. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

In luctu gaudium: in gaudio luctus:
Gaudium in Domino: lugendum in nobis.
(In Trauren Freud, In Freuden Trauren; Fröhlich im Herrn, Traurig in uns seyn).

Sünden meidenn Ist einn Schrein,
Gedult inn Leidenn leg darein,
Wolthat vor arges thu – Das zu
Trost Inn armut, nun Schleuß zu.

Luther selbst liefert in einem Brief an den Nürnberger Ratsherrn Lazarus Spengler (8. Juli 1530) eine detaillierte Interpretation der Symbolik der Lutherrose als „Merkzeichen“ seiner Theologie (WA BR 5, Nr. 1628):

„Das erst sollt ein Kreuz sein, schwarz im Herzen, das seine natürliche Farbe hätte, damit ich mir selbst Erinnerung gäbe, daß der Glaube an den Gekreuzigten uns selig machet. Denn so man von Herzen glaubt, wird man gerecht. Ob’s nun wohl ein schwarz Kreuz ist, mortifizieret und soll auch wehe tun, dennoch läßt es das Herz in seiner Farbe, verderbt die Natur nicht, das ist, es tötet nicht, sondern erhält lebendig …
Solch Herz aber soll mitten in einer weißen Rosen stehen, anzuzeigen, daß der Glaube Freude, Trost und Friede gibt, darum soll die Rose weiß und nicht rot sein; denn weiße Farbe ist der Geister und aller Engel Farbe. Solche Rose stehet im himmelfarben Felde, daß solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlische Freude zukünftig, jetzt wohl schon drinnen begriffen und durch Hoffnung gefasset, aber noch nicht offenbar. Und in solch Feld einen goldenen Ring, daß solch Seligkeit im Himmel ewig währet und kein Ende hat und auch köstlich über alle Freude und Güter, wie das Gold das höchste, köstlichste Erz ist.“

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie diese prächtige thüringische Familienbibel zusammen mit vielen weiteren Objekten zur Entstehung und Verbreitung der Luther-Bibel noch bis zum 2.4.2017 in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen und dort auch die bereits seit 1524 belegte Verwendung der Lutherrose als Schutzmarke für die Wittenberger Lutherdrucke nachvollziehen. Und Sie können die 1541 gedruckte und von Lucas Cranach d. J. für den Fürsten Johann IV. von Anhalt gestaltete Pergamentbibel bestaunen!

 

Porträt Carl Friedrich Lessings von Carl Ferdinand Sohn | Detail des Vorzustandes – unter UV-Anregung – des Istzustandes

Lessing im Rahmen der Zeit – eine Restaurierung. Werkstattgespräch am 30.3.

 

Wissenswerkstatt

Lessing im Rahmen der Zeit – eine Restaurierung

Werkstattgespräch mit Thuja Seidel
Donnerstag, 30. März 2017
18.15 Uhr
Konferenzraum 4
Haus Unter den Linden (Eingang Dorotheenstraße 27)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Was macht das Porträt von Carl Friedrich Lessing (1856), das in ursprünglicher Rahmung vorliegt, so besonders? Was ist über den Künstler Carl Ferdinand Sohn und seine Maltechnik bekannt? Wie lassen sich Spuren an Gemälde und Zierrahmen interpretieren, so dass sie gültige Aussagen über die Provenienz und die Geschichte des historischen Ensembles liefern? Welchen Ansprüchen musste die Restaurierung genügen? Der Vortrag „Lessing im Rahmen der Zeit – eine Restaurierung“ widmet sich der Entstehungsgeschichte des Porträts unter kunsthistorischen Aspekten und rekonstruiert die Aufbewahrung des Ensembles vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Untersuchungen und Materialanalysen bilden die Grundlage für das Restaurierungskonzept, das, wie die umfangreichen Restaurierungsmaßnahmen, eingehend vorgestellt wird.

 

Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.

Gott Vater, Jesus Christus und Martin Luther – die neue Dreifaltigkeit

Ein handkoloriertes propagandistisches Flugblatt aus dem Kampf gegen das Interim in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer.

Die drei Köpfe des Ungeheuers

Der detailreiche Holzschnitt zeigt den auferstandenen Christus in Siegespose, der das Böse ‑ dargestellt als dreiköpfiger Drache ‑ bezwingt. Hinter ihm das himmlische Jerusalem auf der einen und Golgatha mit dem Kreuzigungsort auf der anderen Seite. Aus einer Wolke am oberen linken Rand spricht Gott Vater: „Dis ist mein lieber Son an welchem ich wolgefallen hab Den Sollt Ihr Hören“ (Matthaeus 17,5).

Ein Andachtsbild? Die Größe des Blattes und die reiche Ausstattung scheinen dafür zu sprechen. Aber genau das ist es nicht! Es ist ein Propagandaflugblatt reinsten Wassers. Selten sind Flugblätter so prachtvoll gestaltet. Aber auch dieses Blatt diente, wie alle Flugblätter, der schnellen Verbreitung aktueller Nachrichten und Meinungen. Es wurde von fliegenden Händlern verkauft, im Wirtshaus oder auf dem Marktplatz angeschlagen, angesehen, vorgelesen und diskutiert.

Beim näheren Hinsehen kann man zwei der drei Köpfe des besiegten Drachen gut zuordnen: dem Papstkopf mit Tiara entströmt ein Sprechstrom mit allen Ausgeburten der Hölle, daneben steht der turbangeschmückte Türkenkopf – beides Erzfeinde des Protestantismus. Der dritte Kopf aber hat ein Engelsgesicht und dazu eine Textwolke, die mit Referenz auf 2. Korinther 11-15 sagt „der Teufel kumpt in einer gstalt eins engels“. Im Zusammenhang mit dem Eingangstext – „Gehorch der himmelischen Stim und frag nicht nach dem Interim“ – wird damit deutlich, dass wir es mit einer Anspielung auf das Augsburger Interim von 1548 zu tun haben, das hier als Engelskopf dargestellt wird. Der Drache ist ein Interimsdrache, und wir sind mitten in der ersten heftigen Kontroverse zwischen den Wittenberger Protestanten nach dem Tode Luthers.

Kaiser Karl V. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Karl V. erlässt ein Reichsgesetz – das „Augsburger Interim“

Nach dem Sieg über den Schmalkaldischen Bund 1547 hatte sich Karl V. zwar einer Schändung des Luthergrabs in Wittenberg enthalten. Er hatte aber ein Jahr später den Versuch unternommen mit Hilfe eines Reichsgesetzes, des sogenannten Augsburger Interims, die kirchlichen Konflikte bis zur – erhofften – Wiedereingliederung der Protestanten unter das Dach der katholischen Kirche im Rahmen eines allgemeinen Konzils zu regeln. Die 26 Artikel des Interims behandelten die Auslegung der christlichen Lehre. Zum Teil flossen darin die früheren Kompromisse der diversen Religionsgespräche ein. Die kirchenrechtlichen, theologischen und politischen Zusammenhänge sind hoch komplex.

Worauf es schließlich hinauslief, war vor allem die weitgehende Wiederherstellung der Kultordnung der katholischen Kirche verbunden mit einem vom Papst in Aussicht gestellten Dispens, der den Laienkelch und die Priesterehe bei den Protestanten ermöglichte. Von einigen Protestanten um Philipp Melanchthon (Philippisten) wurde das Interim akzeptiert. Sie ließen sich achselzuckend auf diese „Adiaphora“, diese Nebensächlichkeiten wie Hochaltäre, Messgewänder und Stundengebete ohne Glaubensrelevanz, ein. Von anderen aber, den Genesiolutheranern, die sich dem Erbe Martin Luthers in allen Teilen stark verpflichtet fühlten, wurde der im Interim geschlossene Kompromiss wüst bekämpft. Die Durchsetzung des Interims gelang nicht. Die wenigsten Katholiken und Protestanten konnten sich mit dem Reichsgesetz anfreunden, ja, sprachen dem Kaiser die Kompetenz ab, Glaubensfragen zu regeln. Schlimmer noch: das Gesetz trieb einen ersten Keil zwischen die protestantischen Theologen.

Matthias Flacius Illyricus. Von Tobias Stimmer 1590. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Protest gegen das Interim

Dort wo das Interim politisch durchgesetzt werden sollte, flohen die Pfarrer: nach England wie Martin Bucer, aber vor allem nach Magdeburg, das zur publizistischen Hochburg, zur „Herrgotts Kanzlei“ der Interimsgegner wurde. Zu diesen zählte auch der Autor des hier vorgestellten Blattes Erasmus Alber (1500-1553), ein Schüler Luthers, Theologe, Kirchenlieddichter und Satiriker, der sich mit Nikolaus von Amsdorf (1483-1565) und Matthias Flacius Illyricus (1520-1575) in der Zeit zwischen 1548-1551/2 ganz dem Kampf gegen das Interim und die abtrünnigen protestantischen Theologen widmete.

So auch in diesem Flugblatt: Den Einsetzungsworten Gottes im oberen Bildteil, die das lutherische „Solo Christo“ – „Allein durch Christus“ darstellen, folgen jetzt die Einsetzungsworte von Jesus Christus für seinen Nachfolger auf Erden: Martin Luther: „ … große Lieb hat mich bezwungen, zu senden einen Mann auf Erden, durch den die Welt bekehrt soll werden. Martin Luther ist der Mann, der hat gesungen wie ein Schwan ein süss‘ Gesang im Sachsen Land, dadurch wart ich der Welt bekannt. …“ In Analogie kann man hier ein „Allein durch Martin Luther“ weiterdenken. Die folgenden Worte machen dies deutlich, wenn sie argumentieren, dass nach dem Widerchrist (dem Papst) auch das „Interim“ als Anfechtung für den aufrechten Christen gesehen werden muss. Der Autor, seine Aufenthaltsdauer in Magdeburg und der Text geben die Möglichkeit, das Blatt als einen in Magdeburg 1548/51 entstandenen Druck zu identifizieren.

Matthias Flacius Illyricus: Ein gesicht Phil. zu Regensburg anno 1541 Gesehen, Welches bedeutet die folgende Malerey und vergleichunge Christi und Beliall, sonderlich das jtzige Samaritisch Interim, dadurch ein Samaritische Confusion der waren und falschen Religion angericht wirt. (Folgt eine Abbildung, Hyena genannt.). Wittenberg (eigentlich Jena): nach 1548. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Darstellung des Interims als Drachen oder Monster ist auf etlichen Flugblättern präsent, so als Hyäne (Hyena) auf einem früheren Flugblatt, das wohl in Jena entstand und Matthias Flacius Illyricus zugeschrieben wird, sowie auf einem weiteren aus seiner Feder stammenden Flugblatt aus Magdeburg. Darüber hinaus gibt es in Magdeburger Drucken etliche Titelillustrationen, ja sogar Münzen und Leuchter, die den Interimsdrachen als Gefahr für die reine lutherische Lehre zeigen.

Matthias Flacius Illyricus: Der unschüldigen Adiaphoristen Chorrock, darüber sich die unruhige und Störrische Stoici mit jhnen zancken. Magdeburg: Pankratz Kempff 1550. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie dieses eindrucksvolle Propagandaflugblatt zusammen mit vielen anderen spektakulären Zeugnissen der konfessionellen und politischen Auseinandersetzungen vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen.

Erasmus Alber: Also spricht Gott/ Dis ist mein lieber Son … (Magdeburg nach 1548). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Plastikabfall am Strand der Insel Chiloé (Chile) | © Sven Bergmann

Plastik – Naturen – Kulturen. Werkstattgespräch am 14.3.

Wissenswerkstatt

Plastik – Naturen – Kulturen. Anthropologische Perspektiven auf Plastik im Meer
Werkstattgespräch mit Dr. Sven Bergmann (Universität Bremen)
Dienstag 14. März 2017
18.15 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal
Haus Potsdamer Straße 33
Treffpunkt in der Eingangshalle (I-Punkt)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Plastik in den Weltmeeren ist zu einem der größten ökologischen Problemen unserer Zeit geworden. Durch die wachsende Kunststoffproduktion landet ständig neues Plastik im Meer und wird dort häufig zur Gefahr für Lebewesen, die sich darin verheddern oder es mit Nahrung verwechseln – einerseits. Anderseits sind Ansammlungen von Plastikmüll in den Ozeanen zum Habitat für viele Lebewesen geworden. Es entstehen völlig neue Ökosysteme, die Meeresforscher/innen als „plastisphere“ bezeichnen. Wenn menschliche Hinterlassenschaften dazu führen, dass in den Ozeanen neuartige Lebensformen entstehen, macht dies jede klare Unterscheidung von Kategorien wie „Natur“ und „Kultur“ obsolet. Dies stellt etablierte Strategien für verantwortliches Handeln infrage, die auf der konventionellen Idee einer „Reinhaltung“ von Umwelt durch konsequente Trennung von „Natur“ und „Kultur“ beruhen. Hier sind die Sozial- und Kulturwissenschaften gefordert, einen neuen analytischen Umgang mit solchen hybriden Gegenständen zu finden. Genau dieser Fragestellung geht Dr. Sven Bergmann (Universität Bremen) ethnographisch nach.

 

Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.

„… im Herzen unsere täglichen Mörder und blutdürstigen Feinde“ – Martin Luther und die Juden

Martin Luthers antijüdisches Pamphlet „Von den Juden und ihren Lügen“ in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Andreas Wittenberg.

St. Andreas-Kirche in Eisleben um 1800. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die letzte Reise in seinem Leben führte Martin Luther nach Eisleben. Der wichtigste Grund für diese beschwerliche Fahrt des von Alter und Krankheit bereits schwer gezeichneten Reformators bestand in der Schlichtung von Erbschaftsfragen der untereinander zerstrittenen Mansfelder Grafen. Doch Luther wollte den Besuch in seiner Geburtsstadt auch noch anders nutzen. In einem Brief an seine Frau vom 1. Februar 1546 ist zu lesen, er müsse sich, sobald der Streit der Grafen beigelegt sei, „daran legen, die Juden [aus der Grafschaft Mansfeld] zu vertreiben.“ Es verwundert also nicht, dass Luther in seinen letzten Predigten, die er in der St. Andreas-Kirche zu Eisleben hielt, auch die Besonderheiten des christlichen Glaubens im Unterschied zu den Religionen von „Juden und Türken“ thematisierte.

Luthers Einstellung zum Judentum war im Verlauf seines Lebens nicht stringent und veränderte sich innerhalb von zwei Jahrzehnten grundlegend. Vertrat er noch 1523 die bedingungslose Duldung von Juden inmitten einer christlichen Umwelt, so forderte er zwanzig Jahre später deren Vertreibung aus den christlichen Ländern Europas. Seine Polemik gipfelte in den judenfeindlichen Schriften, die ab 1543 erschienen.

Victor von Karben: Juden Büchlein (Ausgabe 1550). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Während seiner gesamten theologischen Wirkungszeit kam Luther durch das Studium exegetischer Kommentare, die Ausarbeitung von Predigten, das Schreiben von Briefen und vor allem durch seine thematischen Schriften und die Übersetzung des Alten Testaments mit dem Judentum in Berührung. Persönliche Kontakte mit Vertretern dieses Glaubens hatte er allerdings nur wenige. Umso gegenwärtiger waren in dieser Zeit die stereotypen Anschuldigungen, mit denen die Juden konfrontiert wurden und die durch den Buchdruck schnelle und weite Verbreitung fanden. So erschien bereits 1508 in Köln das Juden Büchlein des Victor von Karben, eines zum katholischen Glauben konvertierten Juden und späteren Priesters, der die jüdischen Lebensumstände und Bräuche in Hinblick auf eine „Bekehrung“ beschrieb.

1530 veröffentlichte Antonius Margaritha, ebenfalls ein zum Christentum konvertierter Jude, das Buch Der gantz Jüdisch Glaub. Darin wurden die Zeremonien und Bräuche des Judentums angegriffen. Der Autor schrieb von Wucher und Faulheit und schmähte das jüdische messianische Verständnis.

Antonius Margaritha: Der gantz Jüdisch Glaub (Ausgabe Frankfurt/M., 1544). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Neben Anklagen wegen Hostienschändung, Brunnenvergiftung und Ritualmordes war vor allem die schon alte und weitverbreitete Meinung, die Verfolgung der Juden wäre die Strafe Gottes für die Kreuzigung Christi, im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation bereits seit dem 12./13. Jahrhundert Grundlage für die sogenannte Kammerknechtschaft. Diese gewährte den Juden zwar einerseits einen gewissen Schutz, verlangte aber andererseits dafür die Zahlung von Geld. Im Zuge der Entstehung früher Territorialstaaten wurde dieses Recht an die Landesherren weitergegeben und für diese zu einer nicht unbedeutenden Einnahmequelle. Sozial und ökonomisch waren die Juden auch deshalb isoliert, weil ihnen in den Städten der Zugang zu den christlich geprägten Handwerkszünften bzw. auf dem Lande in der Regel der Erwerb von Grundbesitz verwehrt wurde. Oft blieb als einzig mögliche  Erwerbsquelle nur der Waren- und Geldhandel, zumal für einen Christen noch lange Zeit jede über den geliehenen Betrag hinausgehende Zinsforderung als Sünde galt. Doch gerade diese Tätigkeit brachte wiederum Anfeindungen hervor.

In den Vorlesungen der Jahre 1513/1516 übernahm Luther noch einen Teil der bekannten Vorwürfe. Doch diese Sicht änderte sich und in seiner Schrift aus dem Jahr 1523 Das Jhesus Christus eyn geborner Jude sey bezeichnete er Päpste, Bischöfe, Mönche und Sophisten als grobe Eselsköpfe und Tölpel und gab ihnen die Schuld daran, dass sich die Juden so ablehnend gegenüber dem Christentum verhielten. Die Einstellung des jungen Luther, die ihm von seinen Zeitgenossen den Vorwurf eines zu nachsichtigen Umgangs mit dem Judentum einbrachte, war aber auch zu dieser Zeit nicht frei von Vorurteilen und Widersprüchen.

Luth. 795<bis>: Luth. 3303<ter>, 50 MA 7728 R

Martin Luther: Ein Sermon von dem Wucher (Ausgabe Leipzig 1520), Das Jhesus Christus eyn geborner Jude sey. (Ausgabe Wittenberg 1523), Von den Juden und ihre Lügen (2. Ausgabe Wittenberg 1543). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Einige Jahre später begann sich Luthers Einstellung erneut zu ändern. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass sich seine Hoffnungen, mit der Schrift von 1523 den Juden den durch die Reformation neu gefundenen Christusglauben näher bringen zu können, nicht erfüllt hatten. Luther zog aus dieser „Verweigerung“ den Schluss, die Juden würden auch weiterhin unter dem Zorn Gottes stehen. In den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts scheinen auch einige persönliche Erfahrungen mit jüdischen Zeitgenossen das negative Bild Luthers weiter verfestigt zu haben. So hatte die jüngste Schwester Hartmut von Cronbergs, einem Anhänger der Reformation, heimlich einen Juden geheiratet, der bereits Frau und Kinder hatte. Während eines zeitweiligen Aufenthalts in Wittenberg stand Luther, der die Hintergründe noch nicht kannte, für ein neugeborenes Kind Pate. Nachdem die Familie die Stadt wieder verlassen hatte, wurde der Mann von Verwandten der Frau erstochen. Luther, inzwischen besser informiert, nahm an dieser Selbstjustiz – wie aus Briefen hervorgeht – offenbar keinen Anstoß. Auch in der Überlieferung der lutherischen Tischreden häufen sich nun judenfeindliche Äußerungen. Verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle, u. a. eigene Erfahrungen aus den direkten Begegnungen, ihm mündlich zugetragene Nachrichten sowie persönliche Enttäuschungen und Ängste vor Anschlägen auf sein Leben. Möglicherweise auch der Umstand, dass die Zahl der Juden im mitteldeutschen Raum zu dieser Zeit angestiegen war, weil sie aus anderen europäischen Ländern vertrieben wurden. Ein Vorgehen, das auch Ersamus von Rotterdam, einer der führenden Humanisten der damaligen Zeit, ausdrücklich befürwortete.

Zeitgenössischer Sammelband mit antijüdischen Drucken, Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das in der Lutherausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin gezeigte Exemplar der Schrift Von den Juden und ihren Lügen ist Teil eines offenbar gezielt zum Thema Judentum zusammengestellten zeitgenössischen Sammelbandes, der neben Luthers antijüdischer Schrift Vom Schem Hamphoras auch Margarithas Der gantz Jüdisch Glaub enthält.

Theologisch ordnete Luther das Judentum als Gesetzesreligion ein, sah es schon deshalb mit kritischem Blick, weil es seinem Grundsatz der Rechtfertigung des Menschen allein durch die Gnade Gottes nicht entsprach. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner späten Judenschriften lag eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Alten Testament hinter ihm, jedes Wort hatte er nicht nur im hebräischen Originaltext gelesen, sondern es auch in die deutsche Sprache übertragen. Es ging ihm dabei stets auch um die alttestamentliche Verheißung vom Erscheinen des Messias, die bereits Abraham erhalten hatte und die durch die Propheten gegenüber dem Volke Israel erneuert worden war – der aber bei seinem Erscheinen dann von diesem nicht erkannt wurde. Auch aus dieser Sichtweise erwuchs, in Verbindung mit einer zunehmenden eschatologischen Weltsicht, die Schärfe der antijüdischen Polemik des „späten“ Luther. Hatte er 1523 noch ausdrücklich zurückgewiesen, dass die Juden christliche Kinder töten würden, nahm er diese – und andere Anschuldigungen – 1543 auf. Er stellte die Kammerknechtschaft nicht nur in Frage, sondern forderte die Herrschenden direkt dazu auf kein Geld mehr anzunehmen, da dieses vorher ihren christlichen Untertanen abgepresst worden sei. Der umfangreiche Katalog an „Maßnahmen“, die er der Obrigkeit für den „Kampf gegen die Juden“ empfahl, reichte vom Verbrennen der Synagogen über die Zerstörung der Wohnhäuser und den Einzug des Eigentums sowie der Beschlagnahme der jüdischen Bücher bis hin zur Forderung nach einer generellen Vertreibung aus Deutschland.

Die Haltung Luthers zu den Juden – die heute so unverständlich wie erschreckend wirkt – war zu Lebzeiten des Reformators nicht ungewöhnlich, seine Umgebung teilte weitgehend diese Meinung. Er war der wohl einflussreichste Autor zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum des 16. Jahrhunderts. Die Wahl seiner Sprache, die auch eine direkte Dämonisierung einschloss, war jedoch nicht beispiellos und begegnet so extrem auch bei anderen Themen. Ähnlich scharf griff er andere Gegner an, sei es die Papstkirche, einzelne Personen oder die Türken und Schwärmer.  Doch in der Auseinandersetzung mit den Juden gab es noch einen anderen Aspekt. Die Schrift Von den Juden und ihren Lügen zeigt, dass das früher so unerschütterliche Vertrauen Luthers auf die alleinige Kraft des göttlichen Wortes hier versagte.

So bleibt auch im 500. Jahr der Reformation die Erkenntnis, dass Martin Luther – trotz all seiner Verdienste – weder ein Heiliger noch ein Idol war, sondern schlicht ein Mensch, der sich auch fatal irren konnte.

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie diesen Sammelband mit antijüdischen Drucken zusammen mit vielen anderen spektakulären Zeugnissen der Reformationszeit vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen.

 

Wolf Biermann – Lesung aus der Autobiographie und Gespräch am 1. März um 18 Uhr

„Warte nicht auf bessre Zeiten!“

Lesung mit Burghart Klaußner
Wolf Biermann und André Schmitz im Gespräch
Einführung: Barbara Schneider-Kempf und André Schmitz

Mittwoch 1. März 2017
18 Uhr, Otto-Braun-Saal, Haus Potsdamer Str. 33
Eintritt frei, um Anmeldung unter freunde@sbb.spk-berlin.de wird gebeten

Genehmigung des Ullstein Verlages für Porpyläen liegt vor.

Cover von Wolf Biermann: „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ Propyläen

Selten sind persönliches Schicksal und deutsche Geschichte so eng verwoben wie bei Wolf Biermann. Ein Leben zwischen West und Ost, ein Widerspruchsgeist zwischen allen Fronten. Geboren 1936 in Hamburg ging er mit sechzehn Jahren in die DDR, die er für das bessere Deutschland hielt. Hanns Eisler ermutigte ihn, Lieder zu schreiben, bei Helene Weigel assistierte er am Berliner Ensemble. Dann fiel er in Ungnade, erhielt Auftritts- und Publikationsverbot. Die Stasi observierte ihn rund um die Uhr, während er im Westen gefeiert und geehrt wurde. Seit den 1960-er Jahren ist er einer der bedeutendsten deutschen Liedermacher und Lyriker. Die Proteste gegen seine Ausbürgerung 1976 gelten als Anfang vom Ende der DDR.

Eindringlich erzählt Biermann vom Vater, der als Jude und Kommunist in Auschwitz ermordet wurde, von der Mutter, die ihn aus dem Hamburger Bombeninferno rettete, vom väterlichen Freund Robert Havemann, mit dem er das Los des Geächteten teilte. Er berichtet von der absurden Welt der DDR-Diktatur, aber auch von ihren täglichen Dramen menschlicher Widerständigkeit. Und er erzählt die Geschichten seiner in den Westen geschmuggelten, im Osten heimlich kursierenden Lieder. Bei aller Heftigkeit des Erlebten lesen sich Biermanns Erinnerungen wie ein Schelmenroman. Wolf Biermann lebt heute mit seiner Frau, der Sängerin Pamela Biermann, in Hamburg.

Genehmigung zur Verwendung K:\ZWR\Bildrechte\Freunde

Burghart Klaußner -© Max Parovsky

 

Burghart Klaußner: geboren 1949 in Berlin, Schauspieler u.a. in Berlin, Hamburg, Zürich, Dresden und zur Zeit in Düsseldorf auf der Bühne, im Film zuletzt in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ und in „Terror – Ihr Urteil“. Als Theaterregisseur gab er 2006 sein Debüt; Hörbuchsprecher für Romane z.B. von Daniel Kehlmann und Botho Strauß. Als Sänger mit seinem Programm „Zum Klaußner“ seit 2010 unterwegs. Burghart Klaußner wurde mit zahlreichen Preisen geehrt.

 

 

Eine Veranstaltung der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V. und der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Luther und die Abrafaxe – die Reformation im „dienstältesten“ deutschen Comic

Aktuelle Comics zum Reformationsjubiläum in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Carola Pohlmann.

Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 488. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016

Von den Digedags zu den Abrafaxen – das „Mosaik“

Das „Mosaik“ ist die älteste noch erscheinende Comiczeitschrift deutscher Produktion. Sie entstand 1955 in Ostberlin nach einer Idee von Hannes Hegen (d.i. Johannes Eduard Hegenbarth, 1925-2014).  Bis 1959 wurde das „Mosaik“ im Verlag Neues Leben herausgegeben, vom Jahrgang 1960 an erschien es im Verlag Junge Welt. Die Helden der Zeitschrift waren die drei koboldartigen Figuren Dig, Dag und Digedag, die sich frei in Raum und Zeit bewegen konnten und Abenteuer in unterschiedlichen Epochen der Menschheitsgeschichte erlebten.  Besonders berühmt wurden zwei Serien des „Mosaiks“ – die Ritter-Runkel-Serie und die Amerika-Serie. Die Geschichten um den ehrgeizigen und tollpatschigen Ritter umfassen 62 Hefte und erschienen von Mai 1964 bis Juni 1969, die Amerika-Serie wurde als sechste Hauptserie der Zeitschrift von Juli 1969 bis Juni 1974 veröffentlicht. Nach einem Streit mit dem Verlag Junge Welt kündigte Hannes Hegen Ende 1974 seinen Vertrag und schied aus dem Mosaik-Kollektiv aus. Der Textautor Lothar Dräger (1927-2016) schuf mit den Abrafaxen ein an den Digedags orientiertes neues Konzept, nach dem seit 1976 Comics veröffentlicht werden. Ein wichtiger Garant für die künstlerische Qualität war die Zeichnerin Lona Rietschel (geb. 1933), die seit 1960 fest beim „Mosaik“ angestellt war und bis 1999 regelmäßig für die Zeitschrift arbeitete. Die Abrafaxe haben selbst die durch die Wende verursachten Verwerfungen im DDR-Verlagswesen unbeschadet überstanden: Nachdem 1991 der Verlag Junge Welt durch die Treuhandanstalt liquidiert wurde, übernahm zunächst die Procom Gesellschaft für Kommunikation und Marketing die Herausgabe der Zeitschrift, seit 1992 wird sie im Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag in Berlin verlegt.

Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 486. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016

Dank Brabax werden Luthers geplante 478 Thesen auf 95 gekürzt

Die aktuelle Reihe, beginnend mit Heft 483 (März 2016), ist dem Thema Reformation gewidmet. Abrax, Brabax und Califax reisen im Jahr 1517 durch Kursachsen und treffen dort bedeutende historische Persönlichkeiten wie Martin Luther, Thomas Müntzer, Lucas Cranach und Philipp Melanchthon. Gemäß der Ausrichtung des „Mosaiks“ „Geschichte von unten“ zu erzählen, setzen sie sich für soziale Gerechtigkeit ein und werden zu wichtigen Inspiratoren reformatorischer Ideen. So hat Brabax als Adlatus von Martin Luther entscheidenden Anteil an der Abfassung der Thesen, indem er Luther davon überzeugt, statt der angeblich ursprünglich geplanten 478 Thesen lediglich 95 zu veröffentlichen. Abrax und Califax leben während ihres Aufenthalts in Wittenberg bei Lucas Cranach d. Ä. und machen sich im Haushalt der Familie nützlich, wo immer wieder die Spuren der Verwüstungen zu beseitigen sind, die der kleine, stets zu Streichen aufgelegte Lucas d. J. anrichtet. Bei Familie Cranach treffen sie auch auf den jungen Künstler Michael Drachstädt, der die Nonne Katharina von Krahwinckel liebt und sie aus dem Kloster befreien will. In Rom macht sich Papst Leo X., der gerade mit dem Bau des Petersdoms beschäftigt ist, Sorgen um die Einbußen bei den Einnahmen aus dem Ablasshandel wegen der Umtriebe im fernen Wittenberg. Trotz der comictypischen humoristischen Form der Darstellung folgt die Handlung zentralen Ereignissen der Reformationsgeschichte und macht Kinder mit dem Gedankengut der Lutherzeit bekannt.

Das aktuelle Heft 494 (Februar 2017) schildert Luthers Aufbruch zum Reichstag nach Augsburg im Jahr 1518, wo bereits der Erzbischof von Mainz, Kardinal Cajetan und die Fugger ihre Intrigen gegen ihn spinnen. Die Fülle historischer Fakten zur Reformationszeit aus der Comic-Handlung wird in der Mitte jedes Hefts durch kurze Sachtexte ergänzt, eine eigene Serie bildet dabei die Doppelseite „Malen wie ein Meister. Michaels kleine Malakademie“, in der Kinder unter anderem sachgerecht über Bildthemen der Kunst des 16. Jahrhunderts, zeitgenössische Maler, die Farbenlehre oder den Bildaufbau informiert werden.

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie vom 3.2. bis 2.4.2017 neben den Abrafaxen weitere historische und aktuelle Kinderbücher in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen und beispielsweise herausfinden, warum Luther zum Erfinder des Weihnachtsbaumes wurde, oder aber Sie zählen bei den 1517 gedruckten Ausgaben der Thesen zur Klärung der Kraft der Ablässe noch einmal selbst nach.

Doppelseite aus Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 487. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016

 

Wissenswerkstatt-Workshop Haus Potsdamer Straße | SBB-PK CC NC-BY-SA

Wissenswerkstatt im März

In unserer Wissenswerkstatt vermitteln wir Ihnen elektronische Ressourcen oder Internetquellen zu Ihrem Fach, zeigen Ihnen Wege auf, wie Sie schnell und treffsicher zu den gewünschten Suchergebnissen kommen, elektronische Texte oder Digitalisate finden und diese weiter verarbeiten können. Im März möchten wir Sie zu folgenden Workshops einladen:

 

Workshop
Zahlen, Daten, Fakten – wo finde ich was? (Sozial- und Wirtschaftswissenschaften)
Dienstag, 14. März, 14.00 Uhr

 

Workshops Publish or Perish:

Teil 1: Konventionelles Publizieren in Wissenschaftsverlagen
Dienstag, 21. März, 16.00 Uhr

Teil 2: Wissenschaftliches Publizieren im Open Access
Donnerstag, 23. März, 16.00 Uhr

Teil 3: Klärung von Bildrechten
Dienstag, 28. März, 16.00 Uhr

Teil 4: Management und Veröffentlichung von Forschungsdaten
Donnerstag, 30. März, 16.00 Uhr

 

Zur Übersicht der Wissenswerkstatt

Ein Angebot der Staatsbibliothek zu Berlin und ihrer Kooperationspartner.