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Ausstellung “Bulgarische Buchstaben” noch bis zum 14.7.2018 im Foyer des Hauses Potsdamer Straße

Dank französisch-deutsch-amerikanischer Kooperation kehrt eine mittelalterliche Handschrift nach 77 Jahren nach Berlin zurück

In gemeinsamer Anstrengung gelang es vier Institutionen in Frankreich, Deutschland und den U.S.A., eine mittelalterliche Handschrift wieder dorthin zurückzubringen, von wo aus sie vor 77 Jahren ihren über viele Jahre unbekannten Weg genommen hatte: in die Staatsbibliothek zu Berlin, Unter den Linden. Beteiligt waren die Pariser Société des manuscrits des assureurs français, die Bibliothèque Nationale de France mit Sitz in Paris, die B. H. Breslauer Foundation, New York, und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit der Staatsbibliothek zu Berlin.

Im Jahr 1852 schenkte das Preußische Königshaus die kostbare mittelalterliche französische Handschrift, die sich zuvor im Besitz des Prinzen Heinrich befunden hatte, der damals Königlichen Bibliothek, später Preußische Staatsbibliothek, heute Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. 1941 kam die Handschrift zusammen mit anderen Pretiosen der Bibliothek nach Schlesien ins Schloß Fürstenstein, um vor möglichen Kriegsschäden geschützt zu sein. Jedoch verlor sich dort ihre Spur, die mittelalterliche Handschrift galt jahrzehntelang als verschollen.

Als die Pariser Société des manuscrits des assureurs français, SMAF, im Jahr 1980 eben diese Handschrift erwarb, war deren wahre Herkunft nicht feststellbar, denn schon Jahre zuvor waren Besitzstempel und Signaturen entfernt und der originale Einband durch einen anderen ersetzt worden. Die SMAF hatte, ebenso wie schon im Jahr 1972 ein anderer Käufer, die Handschrift im guten Glauben erworben. Erst 1996 konnte die Provenienz durch Forschungsarbeiten zweifelsfrei als Altbestand der Staatsbibliothek zu Berlin geklärt werden.

Als sich die SMAF entschied, ihre inzwischen zum nationalen Kulturgut Frankreichs erklärte Handschriftensammlung zu verkaufen, wurde diese von der BnF nahezu vollständig erworben, nicht jedoch die Handschrift mit der Berliner Provenienz, die zwischenzeitlich bekannt geworden war. Später bot die SMAF der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz den Rückerwerb der Handschrift an. Kürzlich nun gelang dank der Vermittlung und finanziert durch die B. H. Breslauer Foundation, New York, gegenüber der SMAF ein angemessener finanzieller Ausgleich.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Präsident von Europa Nostra, erklärt, dass „noch mehrere Generationen mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges, der von Deutschland ausging, werden umgehen müssen. In ganz Europa wurden Kulturgüter verlagert, gingen verloren oder wurden nachweislich zerstört, andere unterlagen unrechtmäßigen Aneignungen und vielerlei anderen Umständen. Dabei entstanden auch solche komplexen Rechtslagen, die wie im Fall der mittelalterlichen Handschrift nach einer pragmatischen Lösung verlangen. Ich bin dankbar, dass dies zwischen Paris und Berlin mithilfe unserer amerikanischen Freunde gelungen ist.“

Bertrand de Feydeau, Präsident der Société des manuscrits des assureurs français, Paris, betont, dass „der Rat der SMAF sich mit der Entscheidung, der Staatsbibliothek zu Berlin die Handschrift zu einem Viertel des geschätzten Preises zu überlassen, insbesondere für die deutsch-französische Freundschaft aussprach. Damit würdigte die SMAF auch die enge Kooperation beider Länder, die trotz früherer schmerzhafter Phasen der gemeinsamen Geschichte ein fester Bestandteil der einstigen Gründung und des Gedeihens der Europäischen Union ist.“

Der Präsident der B.H. Breslauer Foundation, New York, Felix de Marez Oyens: “Die spätmittelalterliche Handschrift über ‚das gute Regieren‘ wurde zu jener Zeit von Berlin aus in Sicherheit gebracht, in der kurz zuvor auch die Familie Breslauer gezwungen war, von eben hier zu fliehen und sich ebenfalls in Sicherheit zu bringen, allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Die Folgen solcher Ereignisse werden auch weiterhin den Kunst- und Antiquariatsmarkt verfolgen und beeinflussen. Wir können sicher sein, dass Martin und Berndt Breslauer, die dieser großartigen Berliner Bibliothek aufs Engste verbunden waren und deren Archive hier auf Dauer ihren Platz gefunden haben, es sehr begrüßt hätten, welche entscheidende Rolle ihre Stiftung bei der Rückführung der Handschrift Ms. gall. fol. 177 jüngst gespielt hat.”

Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, würdigt vor allem „das konstruktive Aufeinander-Zugehen der drei Präsidenten der Société des manuscrits des assureurs français, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wie auch der B. H. Breslauer Foundation, die es gemeinsam schafften, für die ungewöhnliche Problemlage eine einvernehmliche Lösung zu finden.“


Die Handschrift Ms. gall. fol. 177

Die Handschrift aus dem 15. Jahrhundert enthält auf 100 Pergament-Seiten zwei prachtvoll mit drei großen und 18 kleinen Miniaturen ausgemalte „Fürstenspiegel“. Fürstenspiegel sind Texte mahnender und belehrender Art, die für Adlige und ihre Erzieher verfasst wurden, um den künftigen Regenten das Rüstzeug für gutes Regieren und Handeln mitzugeben. Enthalten sind
a) Ghillebert de Lannoy (1386-1462), ein flämischer Adliger, schrieb zur Erziehung des jungen Karls des Kühnen (1433-1477), des Sohnes des Herzogs von Burgund, einen Fürstenspiegel, die Instruction d’un jeune prince pour se bien gouverner envers Dieu et le monde. Eine überarbeitete Version seines Textes ist in der Berliner Handschrift überliefert.
b) Auch Olivier de la Marche (1425-1502) war ein Adliger im Burgundischen Dienst, war Page, Sekretär und Gesandter. Sein Chevalier délibéré („Der entschiedene Ritter“) umfasst 2.704 Verse, die er Franz Phoebus (1466-1483), König von Navarra, einem Neffen des französischen Königs Ludwig XI., widmete.

Honorarfreie Abbildungen

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Lesung mit Daniel Kehlmann am 27.6.

Daniel Kehlmanns neuester Roman: «Tyll» Ulenspiegel – die Neuerfindung einer legendären Figur

  • Termin

    Mi, 27. Juni 2018
    19 Uhr

  • Veranstaltungsort

    Staatsbibliothek zu Berlin
    Otto-Braun-Saal
    Potsdamer Straße 33
    10785 Berlin

    Eintritt frei, Anmeldung erbeten

  • Anfahrt

    S + U Potsdamer Platz

    Bushaltestelle
    H Potsdamer Brücke (Bus M29)
    H Varian-Fry-Straße (Bus 200)
    H Kulturforum (Bus M48)

  • Alle Veranstaltungen

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© SBB-PK, Buchcover: Rowohlt Verlag GmbH, CC NC-BY-SA



Daniel Kehlmann liest aus seinem Roman «Tyll» am 27. Juni 2018

Begrüßen werden Sie Barbara Schneider‑Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und André Schmitz, Vorsitzender der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V.

Tyll Ulenspiegel – Vagant, Schausteller und Provokateur – wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn in einem kleinen Dorf geboren. Sein Vater, ein Magier und Welterforscher, gerät schon bald mit der Kirche in Konflikt. Tyll muss fliehen, die Bäckerstochter Nele begleitet ihn. Auf seinen Wegen durch das von den Religionskriegen verheerte Land begegnen sie kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen: dem jungen Gelehrten und Schriftsteller Martin von Wolkenstein, der den Krieg kennenlernen möchte, dem melancholischen Henker Tilman und Pirmin, dem Jongleur, dem sprechenden Esel Origenes, dem exilierten Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen, deren Ungeschick den Krieg einst ausgelöst hat, dem Arzt Paul Fleming, der Gedichte auf Deutsch schreiben will, und nicht zuletzt dem fanatischen Jesuiten Tesimond und dem Weltweisen Athanasius Kircher, der verheimlicht, dass er seine aufsehenerregenden Versuchsergebnisse erfunden hat. Ihre Schicksale verbinden sich zu einem Zeitgewebe, zum Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Und um wen sollte es sich entfalten, wenn nicht um Tyll, jenen rätselhaften Gaukler, der eines Tages beschlossen hat, niemals zu sterben. Ein großer Roman über die Macht der Kunst und die Verwüstungen des Krieges, über eine aus den Fugen geratene Welt.


Claudio Armbruster, ZDF heute-journal: «Kehlmann ist ein Sprachzauberer. Er lässt den Leser den Dreißigjährigen Krieg spüren, riechen, schmecken. Sein Buch ist dreckig, feucht und kalt, es stinkt nach Pest, Tod und Verderben – und ist dabei trotzdem so lebensbejahend und abgründig komisch. Kurz, «Tyll› ist verdammt großartig.»

Volker Weidermann, Der Spiegel: «‹Tyll› ist das beste Buch, das Daniel Kehlmann bislang geschrieben hat (…). Ja, es ist wieder ein Geschichtsbuch, wie 2005 «Die Vermessung der Welt›, der meistverkaufte deutsche Roman seit Patrick Süskinds ‹Parfum›, das Buch, mit dem Kehlmann zum Weltstar der deutschen Literatur wurde. Aber anders als die hyperionisch erzählte Geschichte der deutschen Weltvermesser (…) ist das neue Werk ein – ja – zu Herzen gehendes, lebensvolles, wundervoll undistanziert geschriebenes, brutales, modernes, romantisches deutsches Epos. (…) ‹Tyll› ist Daniel Kehlmanns Sieg über die Geschichte, sein historischer Triumph.»



Daniel Kehlmann wurde 1975 als Sohn des Regisseurs Michael Kehlmann und der Schauspielerin Dagmar Mettler in München geboren. 1981 Umzug nach Wien. Nach dem Besuch der Jesuitenschule Kollegium Kalksburg studierte er Philosophie und Germanistik in Wien. 1997 erschien sein erster Roman »Beerholms Vorstellung«. Er hatte Poetikdozenturen in Mainz, Wiesbaden und Göttingen inne und wurde mit zahlreichen Preisen, darunter dem Candide-Preis, dem Doderer-Preis, dem Kleist-Preis 2006 sowie zuletzt dem WELT-Literaturpreis 2007 ausgezeichnet. Kehlmanns Rezensionen und Essays erschienen in Magazinen und Zeitungen, darunter »Der Spiegel«, »Guardian«, »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, »Süddeutsche Zeitung« und »Volltext«. Sein Roman »Ich und Kaminski« war ein internationaler Erfolg, sein Roman »Die Vermessung der Welt« wurde in bisher vierzig Sprachen übersetzt. Daniel Kehlmann lebt als freier Schriftsteller in Wien und Berlin.