Von Hamburgern und Kahlenbergern

Zu den angenehmen Aufgaben des Inkunabelreferats gehört es, Präsentationen und Seminare für auswärtige Gäste und Studierende zu veranstalten. Ein schon zur Tradition gewordener Termin für solche Workshops ist die Pfingstwoche – der klassische Exkursionszeitraum an vielen deutschen Universitäten. Dabei ermöglicht die außerordentliche Breite und Tiefe der Handschriften- und Inkunabelbestände der Staatsbibliothek, (fast) alle konkreten Seminarthemen und Forschungsvorhaben mit Anschauungsmaterial zu versorgen.

Bereits zum vierten Mal seit 2013 besuchte eine Seminargruppe der Universität Hamburg in der vergangenen Woche die Handschriftenabteilung der SBB, um deutschsprachige Codices und Inkunabeln zu untersuchen und auf diese Weise die Welt der spätmittelalterlichen Textüberlieferung in intensiver Arbeit mit den Originalen kennenzulernen. Das Seminar stand unter der Leitung des Altgermanisten PD Dr. Michael Baldzuhn, der seit langem die Verflechtungen von Handschrift und Buchdruck erforscht und eng mit dem GW verbunden ist; außerordentlich nützlich für unsere Arbeit ist u.a. die von ihm betriebene Disticha Catonis-Datenbank.

Bleilettern

M wie Medienrevolution – diese Typen haben sie ausgelöst. Foto: Falk Eisermann

Nachdem sich die Studierenden am 17. Mai im Haus Potsdamer Straße mit mittelalterlichen Handschriften beschäftigt hatten, fand am Mittwoch ein ganztägiges Wiegendruck-Seminar im Haus 1 statt. Zunächst erläuterte Dr. Oliver Duntze die technischen Voraussetzungen des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und insbesondere die Methode der Typenbestimmung. Die SBB betreibt die weltweit einzige Datenbank zur Typenkunde des 15. Jahrhunderts, das Typenrepertorium der Wiegendrucke (TW), das  inzwischen – in aller Bescheidenheit – zu einem konkurrenzlosen Rechercheinstrument der internationalen Inkunabelforschung geworden ist. Im Anschluss an Duntzes Vortrag konnten die Studierenden das Gelernte am konkreten Beispiel anwenden, indem sie unter Zuhilfenahme des TW den Druckort, Drucker und die Typen der ersten Ausgabe von Thomas Lirers Schwäbischer Chronik (GW M18409) ermittelten; die Lösung findet sich hier.

Teilnehmer

Arbeit am Original. Foto: Falk Eisermann

Das literaturgeschichtliche Thema des Seminars sind die deutschen Schwankbücher des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, insbesondere der berühmte Pfarrer vom Kahlenberg. Dieses unterhaltsame Werk wurde um 1480 erstmals gedruckt, der GW verzeichnet vier frühe, allesamt sehr seltene Ausgaben (GW 10287-10290). Unter der Signatur 8° Inc 1487.7 besitzt die SBB ein Fragment des niederdeutschen Drucks GW 10290; dieses stellt gemeinsam mit einem genau übereinstimmenden Fragment in der British Library die einzig erhaltenen Überreste dieser Ausgabe dar. Zum Vergleich konnten mehrere Kahlenberger-Drucke des 16. und 17. Jahrhunderts konsultiert werden, die freundlicherweise von der Abteilung Historische Drucke bereitgestellt wurden, u.a. ein Exemplar der 1602 in Augsburg erschienenen Ausgabe mit der Signatur Yg 3906, das auch online zu bewundern ist.

Als weitere prominente deutsche Inkunabeln wurden u.a. ein Exemplar von Hartmann Schedels berühmter Chronik aus dem Jahr 1493 (GW M40796) und die eigenartigen Wolfram von Eschenbach-Drucke aus der Werkstatt von Johannes Mentelin, 1477, besprochen.

Wir hoffen, den Studierenden die Faszination der wissenschaftlichen Beschäftigung mit mittelalterlichen Überlieferungsträgern durch die Präsentation anschaulich vermittelt zu haben. Darüber hinaus ziehen wir selbst unmittelbaren Nutzen aus solchen Veranstaltungen, denn bei den Vor- und Nachbereitungen ergibt sich regelmäßig die Gelegenheit, die jeweils behandelten Exemplare und Texte eingehender zu untersuchen, bisherige Forschungsergebnisse zu überprüfen und neue Erkenntnisse zu den einzelnen Inkunabeln zu gewinnen.

Berliner Kahlenberger-Fragment

Fragment der niederdeutschen Pfarrer vom Kahlenberg-Ausgabe (8° Inc 1487.7). Foto: SBB-Inkunabelreferat

Die Kahlenberger-Ausgabe GW 10290 interessierte uns besonders, weil wir uns derzeit intensiv mit den zahlreichen Fragmenten in der Inkunabelsammlung befassen. Die nur durch die Berliner und Londoner Fragmente repräsentierte niederdeutsche Kahlenberger-Ausgabe stellt ganz offenkundig ein typenkundliches Problem dar; im 1991 erschienenen 9. Band der GW-Druckausgabe war sie vorsichtig auf [Deutschland? um 1500?] bestimmt worden, jedoch wurde in der Forschung eine Zuweisung an den Lübecker Inkunabeldrucker Steffen Arndes und eine Datierung auf ‚um 1497‘ erwogen. Nach der neuen Untersuchung, die Oliver Duntze im Zusammenhang mit der Präsentation vorgenommen hat, erscheint auch dieses Ergebnis fraglich, denn die verwendete Type gehört eher dem Lübecker Drucker Georg Richolff d.Ä., von dem wir wissen, dass er bereits 1499 in Arndes‘ Offizin tätig war, mit eigenen Drucken aber erst 1501 in Erscheinung trat – demnach wäre diese Inkunabel gar keine!

Diese und andere neue Erkenntnisse fließen jeweils zeitnah in die GW-Datenbank und ins TW ein. So profitieren letztlich nicht nur die Studierenden und wir selbst von unseren Präsentationen, sondern auch die Inkunabelforschung insgesamt.

Weiterführende Hinweise: Viele Forschungsarbeiten von Michael Baldzuhn stehen auf seiner Homepage zum Download zur Verfügung. Erste Ergebnisse unserer Forschungen zu Inkunabelfragmenten sind in einem soeben erschienenen Aufsatz nachzulesen: Oliver Duntze und Falk Eisermann: Fortschritt oder Fidibus? Zur Bestimmung, Bewahrung und Bedeutung von Inkunabelfragmenten. In: Fragment und Makulatur. Überlieferungsstörungen und Forschungsbedarf bei Kulturgut in Archiven und Bibliotheken. Hg. von Hanns Peter Neuheuser und Wolfgang Schmitz. Wiesbaden 2015 (Buchwissenschaftliche Beiträge, Bd. 91), S. 281-307.

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