„… im Herzen unsere täglichen Mörder und blutdürstigen Feinde“ – Martin Luther und die Juden

Martin Luthers antijüdisches Pamphlet „Von den Juden und ihren Lügen“ in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Andreas Wittenberg.

St. Andreas-Kirche in Eisleben um 1800. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die letzte Reise in seinem Leben führte Martin Luther nach Eisleben. Der wichtigste Grund für diese beschwerliche Fahrt des von Alter und Krankheit bereits schwer gezeichneten Reformators bestand in der Schlichtung von Erbschaftsfragen der untereinander zerstrittenen Mansfelder Grafen. Doch Luther wollte den Besuch in seiner Geburtsstadt auch noch anders nutzen. In einem Brief an seine Frau vom 1. Februar 1546 ist zu lesen, er müsse sich, sobald der Streit der Grafen beigelegt sei, „daran legen, die Juden [aus der Grafschaft Mansfeld] zu vertreiben.“ Es verwundert also nicht, dass Luther in seinen letzten Predigten, die er in der St. Andreas-Kirche zu Eisleben hielt, auch die Besonderheiten des christlichen Glaubens im Unterschied zu den Religionen von „Juden und Türken“ thematisierte.

Luthers Einstellung zum Judentum war im Verlauf seines Lebens nicht stringent und veränderte sich innerhalb von zwei Jahrzehnten grundlegend. Vertrat er noch 1523 die bedingungslose Duldung von Juden inmitten einer christlichen Umwelt, so forderte er zwanzig Jahre später deren Vertreibung aus den christlichen Ländern Europas. Seine Polemik gipfelte in den judenfeindlichen Schriften, die ab 1543 erschienen.

Victor von Karben: Juden Büchlein (Ausgabe 1550). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Während seiner gesamten theologischen Wirkungszeit kam Luther durch das Studium exegetischer Kommentare, die Ausarbeitung von Predigten, das Schreiben von Briefen und vor allem durch seine thematischen Schriften und die Übersetzung des Alten Testaments mit dem Judentum in Berührung. Persönliche Kontakte mit Vertretern dieses Glaubens hatte er allerdings nur wenige. Umso gegenwärtiger waren in dieser Zeit die stereotypen Anschuldigungen, mit denen die Juden konfrontiert wurden und die durch den Buchdruck schnelle und weite Verbreitung fanden. So erschien bereits 1508 in Köln das Juden Büchlein des Victor von Karben, eines zum katholischen Glauben konvertierten Juden und späteren Priesters, der die jüdischen Lebensumstände und Bräuche in Hinblick auf eine „Bekehrung“ beschrieb.

1530 veröffentlichte Antonius Margaritha, ebenfalls ein zum Christentum konvertierter Jude, das Buch Der gantz Jüdisch Glaub. Darin wurden die Zeremonien und Bräuche des Judentums angegriffen. Der Autor schrieb von Wucher und Faulheit und schmähte das jüdische messianische Verständnis.

Antonius Margaritha: Der gantz Jüdisch Glaub (Ausgabe Frankfurt/M., 1544). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Neben Anklagen wegen Hostienschändung, Brunnenvergiftung und Ritualmordes war vor allem die schon alte und weitverbreitete Meinung, die Verfolgung der Juden wäre die Strafe Gottes für die Kreuzigung Christi, im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation bereits seit dem 12./13. Jahrhundert Grundlage für die sogenannte Kammerknechtschaft. Diese gewährte den Juden zwar einerseits einen gewissen Schutz, verlangte aber andererseits dafür die Zahlung von Geld. Im Zuge der Entstehung früher Territorialstaaten wurde dieses Recht an die Landesherren weitergegeben und für diese zu einer nicht unbedeutenden Einnahmequelle. Sozial und ökonomisch waren die Juden auch deshalb isoliert, weil ihnen in den Städten der Zugang zu den christlich geprägten Handwerkszünften bzw. auf dem Lande in der Regel der Erwerb von Grundbesitz verwehrt wurde. Oft blieb als einzig mögliche  Erwerbsquelle nur der Waren- und Geldhandel, zumal für einen Christen noch lange Zeit jede über den geliehenen Betrag hinausgehende Zinsforderung als Sünde galt. Doch gerade diese Tätigkeit brachte wiederum Anfeindungen hervor.

In den Vorlesungen der Jahre 1513/1516 übernahm Luther noch einen Teil der bekannten Vorwürfe. Doch diese Sicht änderte sich und in seiner Schrift aus dem Jahr 1523 Das Jhesus Christus eyn geborner Jude sey bezeichnete er Päpste, Bischöfe, Mönche und Sophisten als grobe Eselsköpfe und Tölpel und gab ihnen die Schuld daran, dass sich die Juden so ablehnend gegenüber dem Christentum verhielten. Die Einstellung des jungen Luther, die ihm von seinen Zeitgenossen den Vorwurf eines zu nachsichtigen Umgangs mit dem Judentum einbrachte, war aber auch zu dieser Zeit nicht frei von Vorurteilen und Widersprüchen.

Luth. 795<bis>: Luth. 3303<ter>, 50 MA 7728 R

Martin Luther: Ein Sermon von dem Wucher (Ausgabe Leipzig 1520), Das Jhesus Christus eyn geborner Jude sey. (Ausgabe Wittenberg 1523), Von den Juden und ihre Lügen (2. Ausgabe Wittenberg 1543). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Einige Jahre später begann sich Luthers Einstellung erneut zu ändern. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass sich seine Hoffnungen, mit der Schrift von 1523 den Juden den durch die Reformation neu gefundenen Christusglauben näher bringen zu können, nicht erfüllt hatten. Luther zog aus dieser „Verweigerung“ den Schluss, die Juden würden auch weiterhin unter dem Zorn Gottes stehen. In den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts scheinen auch einige persönliche Erfahrungen mit jüdischen Zeitgenossen das negative Bild Luthers weiter verfestigt zu haben. So hatte die jüngste Schwester Hartmut von Cronbergs, einem Anhänger der Reformation, heimlich einen Juden geheiratet, der bereits Frau und Kinder hatte. Während eines zeitweiligen Aufenthalts in Wittenberg stand Luther, der die Hintergründe noch nicht kannte, für ein neugeborenes Kind Pate. Nachdem die Familie die Stadt wieder verlassen hatte, wurde der Mann von Verwandten der Frau erstochen. Luther, inzwischen besser informiert, nahm an dieser Selbstjustiz – wie aus Briefen hervorgeht – offenbar keinen Anstoß. Auch in der Überlieferung der lutherischen Tischreden häufen sich nun judenfeindliche Äußerungen. Verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle, u. a. eigene Erfahrungen aus den direkten Begegnungen, ihm mündlich zugetragene Nachrichten sowie persönliche Enttäuschungen und Ängste vor Anschlägen auf sein Leben. Möglicherweise auch der Umstand, dass die Zahl der Juden im mitteldeutschen Raum zu dieser Zeit angestiegen war, weil sie aus anderen europäischen Ländern vertrieben wurden. Ein Vorgehen, das auch Ersamus von Rotterdam, einer der führenden Humanisten der damaligen Zeit, ausdrücklich befürwortete.

Zeitgenössischer Sammelband mit antijüdischen Drucken, Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das in der Lutherausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin gezeigte Exemplar der Schrift Von den Juden und ihren Lügen ist Teil eines offenbar gezielt zum Thema Judentum zusammengestellten zeitgenössischen Sammelbandes, der neben Luthers antijüdischer Schrift Vom Schem Hamphoras auch Margarithas Der gantz Jüdisch Glaub enthält.

Theologisch ordnete Luther das Judentum als Gesetzesreligion ein, sah es schon deshalb mit kritischem Blick, weil es seinem Grundsatz der Rechtfertigung des Menschen allein durch die Gnade Gottes nicht entsprach. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner späten Judenschriften lag eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Alten Testament hinter ihm, jedes Wort hatte er nicht nur im hebräischen Originaltext gelesen, sondern es auch in die deutsche Sprache übertragen. Es ging ihm dabei stets auch um die alttestamentliche Verheißung vom Erscheinen des Messias, die bereits Abraham erhalten hatte und die durch die Propheten gegenüber dem Volke Israel erneuert worden war – der aber bei seinem Erscheinen dann von diesem nicht erkannt wurde. Auch aus dieser Sichtweise erwuchs, in Verbindung mit einer zunehmenden eschatologischen Weltsicht, die Schärfe der antijüdischen Polemik des „späten“ Luther. Hatte er 1523 noch ausdrücklich zurückgewiesen, dass die Juden christliche Kinder töten würden, nahm er diese – und andere Anschuldigungen – 1543 auf. Er stellte die Kammerknechtschaft nicht nur in Frage, sondern forderte die Herrschenden direkt dazu auf kein Geld mehr anzunehmen, da dieses vorher ihren christlichen Untertanen abgepresst worden sei. Der umfangreiche Katalog an „Maßnahmen“, die er der Obrigkeit für den „Kampf gegen die Juden“ empfahl, reichte vom Verbrennen der Synagogen über die Zerstörung der Wohnhäuser und den Einzug des Eigentums sowie der Beschlagnahme der jüdischen Bücher bis hin zur Forderung nach einer generellen Vertreibung aus Deutschland.

Die Haltung Luthers zu den Juden – die heute so unverständlich wie erschreckend wirkt – war zu Lebzeiten des Reformators nicht ungewöhnlich, seine Umgebung teilte weitgehend diese Meinung. Er war der wohl einflussreichste Autor zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum des 16. Jahrhunderts. Die Wahl seiner Sprache, die auch eine direkte Dämonisierung einschloss, war jedoch nicht beispiellos und begegnet so extrem auch bei anderen Themen. Ähnlich scharf griff er andere Gegner an, sei es die Papstkirche, einzelne Personen oder die Türken und Schwärmer.  Doch in der Auseinandersetzung mit den Juden gab es noch einen anderen Aspekt. Die Schrift Von den Juden und ihren Lügen zeigt, dass das früher so unerschütterliche Vertrauen Luthers auf die alleinige Kraft des göttlichen Wortes hier versagte.

So bleibt auch im 500. Jahr der Reformation die Erkenntnis, dass Martin Luther – trotz all seiner Verdienste – weder ein Heiliger noch ein Idol war, sondern schlicht ein Mensch, der sich auch fatal irren konnte.

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie diesen Sammelband mit antijüdischen Drucken zusammen mit vielen anderen spektakulären Zeugnissen der Reformationszeit vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen.

 

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