In memoriam Doreen Massey und John Urry – zwei Protagonist*innen des spatial turn im März verstorben

In diesem Monat sind in kurzem Abstand zwei vielrezipierte britische Protagonist*innen des spatial turn verstorben, am 11. März die Geographin Doreen Massey (*1944) und am 18. März der Soziologe John Urry (*1946).

Als spatial turn wird eine geographische und sozialwissenschaftliche Forschungsrichtung bezeichnet, die sich seit den 1980er Jahren in einem intensiven Dialog zwischen der Humangeographie und soziologischen Theorien entwickelt hat. In der Humangeographie eröffnet dieser Dialog mit konstruktivistischen und praxistheoretischen Ansätzen neue Perspektiven auf das zentrale geographische Konzept “Raum”. Der Blick verschiebt sich weg von einem physisch geprägten und tendenziell positivistischen Verständnis von Raum, in dem konkrete Orte der Hintergrund für menschliches Handeln sind, hin zu einem Verständnis von Raum als genuin sozialer Kategorie, in dem Orte durch soziale Praxen produziert werden. Diese Anbindung der Humangeographie an aktuelle Entwicklungen in den Sozialwissenschaften stellt eine der bedeutendsten theoretischen Verschiebungen in der Geographie seit dem Zweiten Weltkrieg dar. In den übrigen Sozialwissenschaften lenkt diese “raumkritische Wende” die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung von lokaler Spezifizität auch für moderne und postmoderne Gesellschaften. Damit stellt sie die überkommene These der soziologischen Klassiker in Frage, dass durch Beschleunigung Räumlichkeit unwichtig werde. Dies eröffnet unter anderem Möglichkeiten zur Analyse von räumlicher Ungleichheit und ihrer Überschneidung mit anderen Achsen von Ungleichheit wie race, class und gender.

Doreen Massey war eine der meistgelesenen und meistzitierten Geograph*innen der letzten Jahrzehnte. Weltweit ist sie vor allem für ihre herausragenden Beiträge zur geographischen Theoriebildung bekannt. Ihre Artikel und Monographien gaben wichtige Impulse für die Raumtheorie (u.a. For Space, 2005), die Wirtschaftsgeographie (u.a. Spatial divisions of labour, 1984/1995) und die Globalisierungsforschung (u.a. World City, 2007). Zudem gilt sie als eine Mitbegründerin der feministischen Geographie (u.a. Space, place, and gender, 1994). Massey, die nach dem Studium zunächst bei einem Think Tank arbeitete, blieb jedoch Zeit ihres Lebens auch der Angewandten Geographie verbunden (u.a. Rethinking the Region, Ko-Herausgeberin mit John Allen und Allan Cochrane, 1998). In Großbritannien wurde sie außerdem als public intellectual wahrgenommen, als eine der führenden Stimmen eines politisch engagierten, öffentlichkeitswirksamen Verständnisses von Sozialwissenschaft.

John Urry war vor allem ein außergewöhnlicher Kommunikator. Als Soziologe, der oft mit Humangeograph*innen und Wissenschaftsforscher*innen zusammenarbeitete, trug er viel zur Rezeption geographischer Forschung in den Sozialwissenschaften bei (u.a. Social Relations and Spatial Structures, Ko-Herausgeber mit Derek Gregory, 1985), aber auch zur Rezeption aktueller soziologischer Theorieentwicklung in der Kultur- und Wirtschaftsgeographie (u.a. Economies of Signs and Space, Ko-Autor mit Scott Lash, 1994) sowie zur Rezeption der Wissenschaftsforschung in der Allgemeinen Soziologie (u.a. Global Complexity, 2003). Urry war zudem ein wichtiger Protagonist der sozialwissenschaftlichen Mobilitätsforschung (u.a. Sociology Beyond Societies, 2000). In den letzten Jahren galt sein Interesse vor allem gesellschaftlicher Transformation in Zeiten des Klimawandels und der Finanzkrise. Dabei war es ihm besonders wichtig, spezifisch soziologische Erkenntnisse in die öffentliche Debatte einzubringen (u.a. Climate Change and Society, 2011; Offshoring, 2014, deutsch als Grenzenloser Profit, 2015).

Mehr über Leben und Werk von Doreen Massey und John Urry erfahren Sie auf den offiziellen Nachruf-Websites der Open University (Massey) und der Lancaster University (Urry).

Selbstverständlich finden Sie in der Staatsbibliothek die wichtigsten Werke von Massey und Urry sowie allgemeine Literatur zum spatial turn. Einen guten Einstieg für weitere Informationen zum spatial turn bietet eine Sammelrezension deutschsprachiger Reader von Ulrike Jureit auf H / SOZ / KULT. Auch die beiden dort besprochenen Bände finden Sie natürlich im Bestand der Staatsbibliothek.

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.