Leben wir in Zeiten des abnehmenden Lichts?

Ein Werkstattgespräch mit Eugen Ruge am Montag 26. Juni 2017

Nein, an diesem Abend war das Licht nicht abnehmend. Der Dietrich-Bonhoeffersaal war bis auf den letzten Platz gefüllt, als die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin Barbara Schneider-Kempf die geschätzt 150 Besucher zum Gespräch mit dem Schriftsteller Eugen Ruge begrüßte. Es sollte bewusst keine reine „Dichterlesung“ sein, obwohl auch gelesen wurde. Vielmehr  sollte man den Autor und seine Leben in einem Gespräch „aus dem Atelier“  kennenlernen. Zunächst stellte Frau Schneider-Kempf  Eugen Ruge kurz vor: „ Am ersten Juni dieses Monats hatte die Verfilmung Ihres Erfolgsromans In Zeiten des abnehmenden Lichts Premiere. Eine Verfilmung, von der Sie zunächst behaupteten, sie sei nicht möglich, der Roman sei nicht verfilmbar. Der Film hat bei Kritik und Publikum begeisterte Aufnahme gefunden. Lieber Herr Ruge, bestimmt haben Sie zurzeit einen vollen Terminkalender, umso mehr freuen wir uns, dass Sie heute bei uns sind“.

Die Freude war auf beiden Seiten. Der Moderator des Abends, Raimund Waligora, wissenschaftlicher Fachreferent an der Staatsbibliothek, der den Autor seit Schultagen kennt, stieg ein mit Fragen zum Lebensweg Eugen Ruges. Ruge wurde 1954 (ein Jahr und zwei Monate nach dem Tode Stalins) in dem kleinen Ort Sosswa hinter dem Ural geboren. Geburtsjahr und Ort waren nicht zufällig, sein Vater war zur lebenslänglichen Verbannung dorthin verschickt worden. In der nun ansetzenden „Tauwetterperiode“ lockerten sich die harten Lebensbedingungen allmählich. 1956 kam Eugen mit den Eltern in die DDR, die Mutter Russin (sowjetische Staatsbürgerin), der Vater bald bedeutender Historiker  im jungen Arbeiter- und Bauernstaat. Im lockeren Dialog spielten sich Waligora und Ruge gegenseitig  die Bälle zu, was auch an der Machart des Abends lag, der sich nicht detailliert an einer Fragenliste abarbeiten wollte. Dadurch gestaltete sich der gegenseitige Austausch spontan, farbig und abwechslungsreich. Zu den Themen, die angesprochen wurden, gehörten etwa Ruges Zweisprachigkeit und seine Verwurzelung in unterschiedlichen Kulturen sowie die Frage, ob sich daraus Ausgrenzungen in Kindheit und Schulzeit ergeben hätten.
Ausgeschmückt mit mancher Anekdote erzählte Eugen Ruge von einer durchaus lebenswerten, spannenden Kindheit und Jugend in der DDR, in einer erweiterten Oberschule mit mathematischem Profil. Stationen seines weiteren Bildungswegs waren zunächst: ein Mathematikstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin und einige Jahre Tätigkeit im Zentralinstitut für Physik der Erde in Potsdam, wo auch sein Wohnort lag.

Das eher unpolitische und künstlerisch wenig ambitionierte Leben als Erdbebenforscher füllte Eugen Ruge nicht aus, 1986 wagte er den Sprung ins  kalte Wasser und wurde freier Autor. Zunächst als Mitarbeiter im DEFA-Dokumentarstudio, dann als Hörspiel und Theaterautor.  1988 fand er die DDR schließlich so reformunwillig und wohl auch -unfähig, dass er von einer Westreise nicht zurückkehrte. Erst im Jahr 1995 zog Ruge wieder in den jetzt nur noch geographischen Osten Deutschlands um.

Die DDR war Geschichte, für Ruge aber künstlerische und wissenschaftliche Herausforderung. Es entstanden neue Prosatexte, eigene dramatische Versuche (seine Theaterstücke wurden auf über 50 deutschen Bühnen gespielt), wissenschaftliche Bearbeitungen von Texten seines Vaters und schließlich der Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts, ein Werk, das inzwischen in 29 (!) Sprachen übersetzt wurde, und für das Ruge unter anderem 2011 den Deutschen Buchpreis zugesprochen bekam.
Diese auch als „DDR-Buddenbrooks“ bezeichnete Familiensaga spiegelt die Spätzeit der DDR aus der Perspektive von vier Generationen wider, die alle beim 90. Geburtstag des überzeugten Kommunisten Wilhelm Powileit  zusammentreffen. Ruge führt so vom Mexikoemigranten zur Zeit des Faschismus bis zum eher unpolitischen Urenkel verschiedene Lebenswege und Haltungen zur DDR montageartig zusammen.

Da es sich ja um keine Dichterlesung im engeren Sinne handelte, bei der ein Werk vorgestellt und diskutiert wird, las Ruge auch nicht aus einem der schon bekannten Romane, sondern brachte eine kleine Erzählung zu Gehör, die nach seinem eigenem Zeugnis auf einer wahren Geschichte beruht. Sie wurde bisher nicht veröffentlicht, trägt den Arbeitstitel SALOMO und handelt von den Verfolgungsphantasien und Ängsten eines jungen  Literaten, der Probleme mit den staatlichen Behörden hat. Von der panischen Angst erfüllt, abgehört zu werden, vernichtet er seine technischen Geräte, lässt sich ganze Zähne ziehen und läuft zuletzt in einem selbstgebastelten faradayschen Käfig durch die Straßen… Aber mehr sei hier nicht verraten.

Leben und Werk Ruges sowie die vorgetragene Kurzgeschichte boten genug Anknüpfungspunkte, um nun auch das Publikum in das Werkstattgespräch einzubeziehen. Es machte von der Gelegenheit, Fragen an den Autor zu stellen, regen Gebrauch und nahm auch die Möglichkeit zur Buchsignierung dankbar an.

 

[Raimund Waligora / Jens Prellwitz]

 

 

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