Ser o no ser: Shakespeare in den Sprachen Spaniens

Gastbeitrag von Dr. Ulrike Mühlschlegel, Ibero-Amerikanisches Institut

Ser o no ser, ésa es la cuestión: diese Worte erkennen Sie – egal ob Shakespeare-Experte oder nicht – natürlich sofort. Aber hätten Sie auch Izan ala ez izan, hor dago arloa erkannt? Im Staate Spanien gibt viele Sprachen, dazu gehören größere wie Katalanisch, Galicisch und das hier zitierte Baskisch, aber auch kleinere wie Asturisch. Übersetzungen in diese Sprachen liegen für Shakespeares Gesamtwerk oder für einzelne Teile vor. Dabei übten die Texte des englischen Dichters nicht nur einen großen Einfluss auf die hispanischen Literaturen und die Philosophie aus, hier sind vor allem der nicaraguanische Schriftsteller Rubén Darío und der uruguayische Philosoph José Enrique Rodó zu nennen, in dessen wegweisendem Essay Ariel (1900) drei Figuren aus Shakespeares Stück The Tempest die Hauptrolle spielen: Prospero, Ariel und Caliban. Shakespeare-Übersetzungen, die Übertragung von Weltliteratur in die eigene Sprache und die Suche nach Form und Reim spielen auch für den Sprachausbau eine wichtige Rolle.

Die spanischen Shakespeare-Übersetzungen des 18. und 19. Jahrhunderts entstehen zunächst auf Basis der französischen Versionen, so z.B. der Hamlet des Dramatikers Moratín. Eine erste spanische Ausgabe, aus dem Englischen übersetzt, entsteht beeinflusst durch den hohen Stellenwert Shakespeares für die Romantiker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert: Die Obras de William Shakspeare trad. fielmente del… inglés con presencia de las primeras ediciones y de los textos dados á luz por los más célebres comentadores del inmortal poeta, Madrid, 1872-1877, erreichen allerdings nur drei Bände  (Gedichte und Sonnette, Der Kaufmann von Venedig und Romeo und Julia). Es folgen rasch weitere Ausgaben, darunter die grundlegende, stark an Schlegel angelegte Übersetzung von 23 Theaterstücken in Versen durch Guillermo Macpherson, Sohn eines schottischen Einwanderers.

Die Verbreitung von Shakespeares Dramen zeigt sich auch in populären, oft gekürzten Versionen, die in den zur damaligen Zeit an Kiosken verkauften Theaterzeitschriften, einer Art „Heftchenliteratur“, publiziert wurden. Beispiele aus der argentinischen Zeitschrift En el mundo de la cultura (1928) finden sich hier und hier in den Digitalen Sammlungen des IAI. In bürgerlichen Haushalten waren ebenfalls gekürzte Ausgaben verbreitet, die alle Werke Shakespeares in einem Band vereinten, wie die Werbung in der Zeitschrift Cervantes zeigt.

Ein geheimnisvoller Autor und ein Plagiat prägen das frühe 20. Jahrhundert: zwischen 1917 und 1918, publiziert „R. Martínez Lafuente“ seine vermeintlich neue Übersetzung von 35 Dramen und Komödien. Nachdem über diesen Übersetzer und Autor nie weitere Daten bekannt wurden, entdeckte eine Forscherin im Jahre 2009 schließlich, dass es sich dabei um ein Pseudonym des Publizisten Vicente Blasco Ibáñez handelt, der bereits vorhandene Übersetzungen des ausgehenden 19. Jh. aus dem Französischen erneut kopiert hatte.

Wie sieht es mit den anderen Sprachen aus? Wussten Sie, dass die Sonette z.B. in über 70 verschiedenen deutschen Übersetzungen vorliegen und sogar ins Lateinische, aber auch ins Klingonische (eine konstruierte Sprache aus dem Film Star Trek) übertragen wurden? Auch das Galicische, eine Sprache, die im Nordwesten der Iberischen Halbinsel gesprochen wird, verfügt seit 2011 über seine Version von Sonetos (übersetzt von Ramón Gutiérrez Izquierdo). Den Anfang der Shakespeare-Übersetzungen macht hier Macbeth (1972, von Fernando Pérez-Barreiro Nolla), es folgen zwischen 1989 und 2006 Soño de una noite de San Xoán, O mercader de Venecia, Romeo e Xulieta, O rei Lear, Noite de reis, A tempestade, Otelo sowie erneut Macbeth in der Übertragung von Miguel Pérez Romero. Wenn Sie sich übrigens wundern, wie spät diese Versionen entstehen: Galicisch unterlag wie auch Katalanisch und Baskisch während der bis 1974 dauernden Franco-Diktatur einer starken Unterdrückung.

Katalonien, das im Unterschied zum lange Zeit eher ländlich geprägten Galizien mit Barcelona über eine vibrierendes Kulturmetropole verfügte, sieht 1898 die Entstehung der ersten Übersetzung eines kompletten Shakespeare-Textes: Hamlet, von Artur Masriera. Bürgerliche Bildung zu erschwinglichen Preisen will die Buchreihe Biblioteca Popular dels Grans Mestres vermitteln, in der von 1907 bis 1910 insgesamt 16 Theaterstücke erscheinen. Es folgen wichtige Übersetzungen durch Magí Morera y Galícia wie XXIV Sonets (1912), Venus i Adonis (1917), Coriolà (1918), Hàmlet (1920), Romeu i Julieta (1923) und El marxant de Venècia (1924). Einen guten Überblick über die Geschichte, aber auch die Bedeutung der katalanischen Shakespeare-Übersetzungen bietet der Artikel von Dídac Pujol (2010) in der Zeitschrift des katalischen PEN-Clubs.

Auch für das Baskenland mit seiner regen Theaterszene spielen Shakespeare-Übersetzungen eine wichtige Rolle. So liegen Macbeth, Hamlet: Danimarkako Printzea und Lear Erregea bereits seit den 1950er Jahren komplett vor, in Auszügen auch schon früher. Inzwischen können baskische Leser über alle Werke verfügen bis hin zur gelobten Übersetzung der Sonnette durch Juan Garzia Garmendia von 2015.

Asturisch, ebenfalls im Nordwesten der Iberischen Halbinsel, wird von etwa 400.000 bis 500.000 Menschen gesprochen. Die SprecherInnen können Shakespeares Dramen seit 20 Jahren in ihrer eigenen Sprache lesen: El Rei Ricardo’l Terceru und El rei Enrique’l quintu wurden in den Jahren 1994 und 1995 von Milio Rodríguez Cueto übertragen, inzwischen liegen in der Version von Jon Bilbao auch Titus Andronicus und Coriolan vor.

 

23.4.1616… da war doch noch was anderes: zu Cervantes in Großbritannien, Irland und den USA geht’s hier.

Und für Kurzentschlossene: Am 26.4.2016 um 17 Uhr ist Shakespeare in der Staatsbibliothek.

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