So viel Busoni

Am 4. September eröffnet die mehrmonatige Ausstellung “BUSONI. Freiheit für die Tonkunst!”. Dass es überhaupt möglich ist, heute so viel von und über Ferruccio Busoni auszustellen, ist all denen zu verdanken, die schon zu seinen Lebzeiten wie auch nach seinem Tod sorgsam darauf achteten, dass sein Nachlass als Sammlung aufgebaut und späterhin als Ganzes bewahrt wurde – und bis heute nach Möglichkeit weiter ergänzt wird. Auch sind die umsichtigen Bibliothekare nicht zu vergessen, die während des Zweiten Weltkrieges mit der Auslagerung all der Schätze der Staatsbibliothek befasst waren und dabei auch im Nachlass Busoni solche Partien bildeten, dass ein Totalverlust ausgeschlossen sein würde. So beherbergt die Staatsbibliothek zu Berlin heute über 11.000 Stücke im Busoni-Nachlass, lediglich 25 Musikautographe sind kriegsbedingt in der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau.

Der Umfang des Nachlasses Ferruccio Busoni ist außerordentlich, und auch seine Qualität ist für die Wissenschaft hervorragend. Anhand von 9.000 Briefen,  366 Musikautographen, 180 theoretischen Schriften und Libretti, etwa 900 Konzertprogrammen und Kritiken sowie 600 Fotografien können seine Entwicklung, sein Ringen mit der Kunst, seine Kontakte, sein Dasein als Förderer junger Künstler oder als in jungen Jahren selbst Geförderter nachvollzogen werden.

Schon Ferruccios Eltern ahnten, dass ihr als Wunderkind wahrgenommener Sohn stets Gegenstand der Forschung sein könnte – und so hielten sie seine täglichen Notizen und Kompositionen und frühen Bearbeitungen anderer Werke zusammen, legten Alben an und sammelten alles, was über ihr Kind erschien. Später wurde dieses durch seine eigene Familie fortgesetzt, seine Frau Gerda und sein Söhne. Von den 150 Exponaten in der Busoni-Ausstellung stammen 110 aus diesem Nachlass.

Dass auch nach seinem Tod der Nachlass zusammenblieb und schließlich in die damals Preußische Staatsbibliothek fand, ist vor allem dem Busoni-Comité zu danken. Zu diesem informellen Kreis fanden sich nach seinem Tod im Jahr 1925 solche Persönlichkeiten zusammen, die Busoni in der einen oder anderen Weise nahe gestanden hatten und nun gemeinsam dafür Sorge trugen, dass mit seinem Erbe ganz in seinem Sinne verfahren würde. Neben seinen Söhnen und seiner Witwe Gerda, zu der Ferruccio Busoni immer ein überaus inniges Verhältnis hatte, wirkten in dem Comité auch einstige Schüler Busonis, die später selbst zu Komponisten gereift waren, so Egon Petri und Kurt Weill. Es war für die Preußische Staatsbibliothek auch sicher nicht von Nachteil, dass zu diesem Comité Leo Kestenberg gehörte – selbst ein Musikpädagoge und Pianist, und im Preußischen Kulturministerium über viele Jahre für Musik zuständig. Das Comité achtete darauf, dass der Nachlass in einem Archiv zusammengefasst blieb, um optimale Bedingungen für Editions- und Forschungsvorhaben zu schaffen. Unter anderem sorgte man gemeinsam dafür, dass die beachtliche Liszt-Sammlung Busonis – darin 70 Klavierwerke Liszt als Erstausgaben – nicht herausgelöst und, wie damals aus Thüringen erbeten, nach Weimar ging. Der als Schenkung übereignete Nachlass kam ab November 1925 bis zum Jahr 1943 in mehreren Partien in die Preußische Staatsbibliothek, heute Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz.

Allein die immens vielen Briefe, 9.000, zeugen von dem reichen Leben des Künstlers, der mit Franz Liszt, Leo Blech, Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Béla Bartók, Arthur Schnabel, Otto Klemperer, Stefan Zweig, Max Oppenheimer, Jakob Wassermann, Jean Sibelius, George Bernard Shaw und vielen anderen Persönlichkeiten korrespondierte. Allein diese Briefe sind eine enorme Fundgrube zur Berliner Zeitgeschichte und liefern wie kein zweiter Nachlass Informationen zur europäischen Kultur- und Musikgeschichte. Nahezu alle Briefe sind in der Datenbank Kalliope erschlossen, also für jeden Interessierten bequem von zu Hause aus zu erreichen.

Übrigens ist in die Ausstellung in der Kunstbibliothek, die wie die Staatsbibliothek zu Berlin am Kulturforum liegt, für die ersten Wochen ein besonderes Stück aus der großen Johann Sebastian Bach Sammlung der Staatsbibliothek integriert: Die Kunst der Fuge wird mit einem Blatt vorgestellt, dies weil Busoni zu der Musik von J. S. Bach eine sehr enge Beziehung hat und fortwährend dessen Werke bearbeitete.

Die Busoni-Ausstellung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist ein hevorragendes Beispiel für das Zusammenspiel ihrer verschiedenen Wissenschaftsrichtungen, also des Staatlichen Instituts für Musikforschung, der Staatsbibliothek zu Berlin und der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin: Die Kuratoren der Ausstellung, wie auch zusätzlich hinzugewonnene externe Autoren des bald erscheinenden Katalogs, widmeten sich dem Leben und Werk Ferruccio Busonis aus verschiedenen Perspektiven und zeigen so zum ersten Mal ein Bild einer Persönlichkeit, die weit mehr war als Komponist, Interpret, Msikpädagoge und Förderer junger Musiker. Gezeigt wird eine Persönlichkeit, die stets alle Seiten der Kunst einbezog, auch indem Busoni selbst als Literat oder bildender Künstler aktiv war.

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