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Dialektal schwankend – die erste Übersetzung der Lutherbibel in eine andere Sprache

Das niedersorbische Neue Testament des Mikławš Jakubica von 1548 in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Vaclav Zeman.

Erste Seite der sorbischen Übersetzung. Handschrift. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das niedersorbische Neue Testament von 1548 ist einmalig: Die 669 Seiten zählende Papierhandschrift von Mikławš Jakubica wurde 1548 vollendet und enthält eine komplette Übersetzung des Neuen Testamentes ins Niedersorbische und damit die erste Übersetzung der Lutherbibel in eine andere Sprache. Die Übersetzung des lutherischen Neuen Testamentes stammt von der östlichen Grenze des sorbischen Sprachgebietes. Der Übersetzer, über den kaum gesicherte Erkenntnisse vorliegen, nennt sich Mikławš Jakubica und war vermutlich ein dort beheimateter protestantischer Geistlicher.

Zur Einordnung der Sprache dieser Übertragung sowie zum Entstehungsort gibt es seit über 100 Jahren unterschiedliche Ansichten, deren Spuren sich auch in der Handschrift finden:

Auf einem eingeklebten Zettel auf dem vorderen Spiegel vermerkte der polnische Sorabist Andrzej Kucharski bei seinem Aufenthalt in Berlin am 10. März 1827, dass das “Testamentum Novum polonicum” genannte Manuskript “nicht polnisch aber wendisch wie man in [der] Lausitz spricht” sei. Und weiter: “Die Sprache ist eine Mittelsprache zwischen der Ober und Niederlausitzischen wie um Muskau, Spremberg und Senftenberg gesprochen wird … eigentlich also ist das Testamentum Novum Sorabicum, denn so wird die Wendische Sprache lateinisch und von den Wenden selbst genannt.” Ein auf den 4. Juli 1862 datierter, vorgehefteter Zettel vermerkt dagegen die Einschätzung von C.A. Jentzsch aus dem Königreicht Sachsen: “Die Sprache ist mehr oberlausitzisch wendisch als niederlausitzisch wendisch… doch finden sich in dem Manuskript auch viele böhmische Worte…”.

Der evangelische Pfarrer Mikławš Jakubica benutzte als Grundlage für seine Übersetzung die Lutherbibel, die lateinische Vulgata und tschechische Vorlagen. Die von Jakubica verwendete tschechische Vorlage ist aber bis heute unbekannt. Er ließ sich daneben von tschechischer Lexik und Orthographie inspirieren und beeinflussen. Man findet in der Übersetzung sogar Sätze, die nicht in dem Lutherschen Neuen Testament vorkommen. Jakubica wollte mit seinem sorbischen Neuen Testament eine kirchensprachliche Terminologie entwickeln und ein besseres Kirchenverständnis der um Sorau lebenden wendischen Bevölkerung schaffen. Am Ende der Übersetzung betonte er, dass er das Neue Testament zu Lob und Ehre der sorbischen Sprache und des sorbischen Volkes übersetzt habe.

Die Freiräume für Initialen und Anmerkungen für den Buchdrucker verweisen auf die beabsichtigte Drucklegung, aber Jakubicas Handschrift blieb ungedruckt. Nach der Schlacht bei Mühlberg im Jahre 1547 verbot Kaiser Ferdinand alle evangelischen Druckereien. Da somit der geplante Druck des niedersorbischen Testamentes unmöglich wurde, ließ Jakubica sein Manuskript in Leder binden. Gebrauchsspuren deuten darauf hin, dass die Handschrift längere Zeit in einer Kirchengemeinde in Gebrauch war. Die Handschrift wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts von Andrzej Kucharski in der Königlichen Bibliothek zu Berlin wieder entdeckt. Alle Forscher, die sich daraufhin mit dem von Jakubica übersetzten Neuen Testament beschäftigten, hoben die Uneinheitlichkeit seiner Sprache hervor. Seine Sprache war ostniedersorbisch, aber dialektal uneinheitlich.

Jakubicas Übersetzung des Neuen Testaments gehört zu den größten zusammenhängenden und ältesten Sprachdenkmälern des Sorbischen aus dem 16. Jahrhundert. Für die slawische Minderheit in Deutschland ist diese Übersetzung das bedeutendste und damit wertvollste Zeugnis der sorbischen Sprache und der sorbischen Kultur- und Kirchengeschichte; zugleich stellt sie eine wichtige Quelle für die gesamte westslawische historische Dialektologie dar. Ihre wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung für die Sorabistik seit dem 19. Jahrhundert ist hoch; nicht zuletzt, weil die Übersetzung der Lutherbibel ins Niedersorbische das erste schriftliche Sprachdokument einer slawischen Minderheit in Deutschland darstellt. Die sorbische Sprache gehört heute zu den gefährdeten Sprachen dieser Welt.

Die niedersorbische Übersetzung der Lutherbibel ist zusammen mit anderen frühen Übertragungen wie etwa die chinesische Übersetzung des Lukasevangeliums durch Fung Asseng sowie viele weitere Objekte rund um die Lutherbibel sind vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek zu sehen.

Ende der sorbischen Übersetzung (Bl. 332v/333r). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Pfui über Herrn Posauke? – Der junge Professor Luther annotiert Wilhelm von Ockham

Inkunabel mit frühen eigenhändigen Randbemerkungen Martin Luthers in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Falk Eisermann.

„Wenn einer und er entleiht ein Buch von einer Bibliothek, sagen wir den Marx: Was will er dann lesen? Dann will er den Marx lesen. Wen aber will er mitnichten lesen? Den Herrn Posauke will er mitnichten lesen. Was aber hat der Herr Posauke getan? Der Herr Posauke hat das Buch vollgemalt. Pfui!“

Als ein solcher, von Kurt Tucholsky in seiner „Kleinen Bitte“ vom Jahre 1931 vehement verdammter Bibliotheksbenutzer entpuppt sich – glücklicherweise – Martin Luther: Der „Herr Posauke“, der diesen Wiegendruck mit handschriftlichen Notizen versehen hat, war niemand anderes als der spätere Reformator. Er benutzte den 1491 in Straßburg gedruckten Band mit Schriften des englischen Franziskaners Wilhelm von Ockham (um 1288-1347) während seines Aufenthalts im Erfurter Augustiner-Eremitenkloster zwischen 1509 und dem Spätsommer 1511. Im Gegensatz zu vielen anderen Kirchenschriftstellern des Mittelalters schätzte Luther den Spätscholastiker Ockham sehr hoch, bezeichnete sich gar selbst mehrfach als „Ockhamisten“.

Bl. 123v der Inkunabel mit Annotationen Martin Luthers. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Hebräische Bibel aus dem Besitz Martin Luthers. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA.

Die Inkunabel mit der Signatur 4° Inc 2442.5 (GW 11912) spiegelt wahrscheinlich seine erste Begegnung mit den Schriften des Franziskaners, der als einer der einflussreichsten Denker der spätmittelalterlichen Theologie- und Philosophiegeschichte gilt. Etwa 160 Notizen und 100 Korrekturen Luthers finden sich auf dem Pergamentvorsatz, dem Titelblatt, auf der Innenseite des Rückdeckels und an den Rändern der Texte selbst. Sie konzentrieren sich auf den zweiten Text „De sacramento altaris“, eine aus zwei Schriften Ockhams zusammengesetzte Abhandlung über die Eucharistie. Im Hintergrund steht einerseits die intensive Auseinandersetzung mit den nominalistischen Lehren Ockhams an der Universität Erfurt seit etwa 1497 – was das Vorhandensein zahlreicher Schriften von und über Ockham in Erfurt erklärt – und andererseits Luthers Vorbereitung auf eine anstehende Wittenberger Vorlesung zum Thema der Sakramente.

Wie bei der 2015 ins UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommenen hebräischen Bibel aus seinem Privatbesitz (8° Inc 2840) zeigt sich Luther auch hier als ein im durchaus modernen Sinn textkritischer Leser, dem es in genauem Vergleich um das Erreichen der bestmöglichen Textgestalt geht. Zu diesem Zweck zog er verschiedene Handschriften heran, deren Lesarten sich in seinen Marginalien wiederfinden. Bemerkenswert ist dabei, dass Luther auf eine sehr gute Überlieferung zurückgegriffen und mit sicherem philologischen Blick die nicht wenigen Fehlleistungen des Straßburger Drucks korrigiert hat.

Vorderdeckel des Einbands aus dem Erfurter Augustinereremiten-Kloster. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bemerkenswert ist der Band auch wegen seines eindrucksvollen weißen Schweinsleder-Einbandes aus der Werkstatt der Erfurter Augustiner-Eremiten. Der Einband trägt an Vorder- und Rückdeckel ornamentierte Messingbeschläge, zwei lilienförmige Schließen, die als typisch für die Erfurter Einbandkunst der Zeit um 1500 gelten, sowie ein metallumrahmtes Hornplättchen auf dem vorderen Deckel, unter dem ein Zettel mit dem Buchtitel sichtbar ist. Löcher von einer Kettenbefestigung oben am Rückdeckel zeigen an, dass der Band in der Erfurter Klosterbibliothek einstmals angekettet war, was ihn vor Diebstahl und unberechtigter „Ausleihe“ schützte – nicht aber vor dem eifrigen Leser Martin Luther, der als junger Universitätslehrer auf den Zugang zu möglichst vielen Büchern angewiesen war, zu diesem Zeitpunkt aber kaum eigene besessen haben dürfte.

„Der guoten buecher … ist noch nie keyn mal zuvil gewesen“, das wußte Luther, und diese guten Bücher fand er vor seiner Karriere als Reformator vor allem in den Bibliotheken seines Ordens. Anders als die meisten Bände aus seinem Privatbesitz haben einige von ihm in Erfurt annotierte Bücher die Zeiten überdauert. Die Ockham-Inkunabel verblieb lange in Erfurt und gelangte erst im Jahr 1909 als vormaliger Bestandteil der „Königlichen Bibliothek Erfurt“ nach Berlin. So blieben Luthers Marginalien zu diesem wichtigen spätscholastischen Text als eines der frühesten Zeugnisse aus seiner Feder für die Nachwelt erhalten. Sie wurden 2009 mit anderen „Erfurter Annotationen“ in einer umfassenden kritischen Edition herausgegeben.

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie dieses durch Martin Luther “posaukisierte” Exemplar selbst zusammen mit anderen spektakulären Zeugnissen von Luthers eigener Hand vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

 

Nur in Berlin: Die einzige Luther-Ausstellung mit allen drei Thesen-Drucken von 1517

„BIBEL – THESEN – PROPAGANDA.
Die Reformation erzählt in 95 Objekten“

Daten zur Ausstellung
3. Februar – 2. April 2017
+ zum Evangelischen Kirchentag 24. – 28. Mai 2017
dienstags-samstags 11-19 Uhr, sonntags 13-18 Uhr

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum, 10785 Berlin
freier Eintritt
Katalog 20 €, original gefaltetes Faksimile des Nürnberger Thesen-Drucks und Erläuterungen 8 €, beide zusammen 25 €

Blog zur Ausstellung

Honorarfreie Abbildungen von Ausstellungsobjekten

Thesendrucke in der Digitalen Bibliothek der Staatsbibliothek:
der Nürnberger Thesendruck (im Besitz der Staatsbibliothek)
der Leipziger Thesendruck (im Besitz des Geheimen Staatsarchivs)

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Zu den Quellen!

„Es ist der Staatsbibliothek zu Berlin Privileg und Freude, aus der Fülle der eigenen Beständen diese Ausstellung zusammenstellen zu können, die sich ganz und gar auf zentrale zeitgenössische Dokumente der vor 500 Jahren einsetzenden Reformationsbewegung konzentriert“, führte Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin zu der ab dem 3. Februar 2017 geöffneten Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“ aus. Und weiter: „Wer der damaligen Zeit nahe kommen will, sollte sich mit den hier gezeigten handschriftlichen und gedruckten Quellen jener Bewegung befassen, die  Martin Luther mit seinen Werken auslöste und in der Folge die christliche Welt tiefgreifend veränderte.“

95 Thesen lösen die Reformation aus

Einer der wesentlichen Auslöser der Reformationsbewegung ab dem Ende des Jahres 1517 war die Verbreitung der 95 Thesen Martin Luthers, in denen er seine fundamentale Kritik zum Ablasshandel niedergeschrieben hatte. Seine Thesen über den Ablass sandte er am 31. Oktober 1517 dem Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg, zugleich kursierten in Luthers Umfeld einige Abschriften. Noch im selben Jahr 1517 wurden drei Ausgaben der in Latein abgefassten Thesen gedruckt: Zwei Plakatdrucke entstanden in Nürnberg und in Leipzig, eine kleinere Ausgabe auf vier Blättern in Basel. Luther selbst war über die rasche Verbreitung seiner Thesen nicht glücklich, denn er hatte diese zunächst in einem kleinen Kreis von Theologen diskutieren wollen, wozu es jedoch aufgrund der rasanten Entwicklung nie kam. Um dem Volk, für das er die Materie für zu schwierig hielt, seine Ansichten näher zu bringen, verfasste er 1518 „Ein Sermon von Ablass und Gnade“ – dieses Buch erfuhr innerhalb eines Jahres 18 Ausgaben.

Heute sind nur noch sieben Exemplare der Thesendrucke aus Nürnberg und Leipzig bekannt, zwei davon werden in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufbewahrt: Das Geheime Staatsarchiv besitzt einen Druck aus Leipzig, die Staatsbibliothek zu Berlin einen aus Nürnberg. Nur bis zum 19. Februar werden – zum ersten Mal überhaupt – die beiden Plakatdrucke zusammen mit dem Baseler Druck gezeigt, auch letzterer gehört zum Bestand der Staatsbibliothek.

Der Nürnberger Plakatdruck der Staatsbibliothek zu Berlin wurde im Jahr 2015 in das UNESCO-Register „Memory of the World“ aufgenommen und damit zum Weltdokumentenerbe erklärt. Von diesem Exemplar erschien zur Ausstellung ein Faksimile, das auf jene praktische Handgröße gefaltet ist, wie es die Faltspuren des Originals aus dem Jahr 1517 zeigen.

Ausstellung in sechs Kapiteln

Die Staatsbibliothek zu Berlin stellt mit 95 Objekten die Reformationsbewegung in großer formaler Breite und inhaltlicher Tiefe vor, von ihren Anfängen vor 500 Jahren bis hin zur Manifestation der lutherischen Kirche zunächst in Europa, später auch auf anderen Kontinenten.

>> „Ich kann und will nicht widerrufen“ – Schlüsselereignisse

Neben den anfangs drei, ab dem 21. Februar zwei gezeigten Drucken der 95 Thesen (Nürnberger und Baseler) ist in diesem Kapitel auch der eigenhändige Briefentwurf Luthers vom November 1518 gezeigt, den für den Rektor und die Professoren der Universität Wittenberg an Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen fertigte und in dem um Schutz für ebendiesen Martin Luther gebeten wird. Zu sehen ist ein Druck der päpstlichen Bulle, mit der Papst Leo X. im Jahr 1520 Luther den Bann androhte.

>> „Das Wort sie sollen lassen stahn“ – Die Heilige Schrift

Nachdem Martin Luther im Jahr 1521 Zuflucht auf der Wartburg gefunden hatte, begann er mit der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche, es folgte das Alte Testament, 1534 lag die Bibel komplett in Deutsch vor. Im Ausstellungskapitel über die Bibel werden neben außergewöhnlich schön ausgestalteten Exemplaren auch Übersetzungen aus dem Deutschen in andere Sprachen gezeigt, darunter in das Sorbische wie auch in eine Variante der Hindustani-Sprache und ins Chinesische.

Die handkolorierten Bibeln, gar mit zusätzlicher individueller Bildausstattung und auf Pergament gedruckt, wurden als Luxusprodukte hergestellt und blieben aufgrund ihrer Preise in der Regel dem Hochadel vorbehalten. Aus der Wittenberger Cranach-Werkstatt stammen vier sorgfältig produzierte Prachtbibeln, von denen in der Ausstellung zwei gezeigt werden. Eine dieser zweibändigen Bibeln entstand im Jahr 1541, im Jahr 1659 kam diese als Geschenk zum Großen Kurfürsten von Brandenburg, dem Gründer der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin.

>> „Erhalt uns Herr bei deinem Wort“ – Theologie und Propaganda

Der Buchdruck machte die rasante Verbreitung der reformatorischen Schriften möglich  und beförderte zugleich den Einsatz von Flugblättern. Eins in der Ausstellung ist ein lutherisches Propagandablatt von 1556, das sich gegen die katholische Kirche richtet und den Sieg Christi, der allein mit den Worten den Antichristen niedergerungen habe, feiert. Luther hatte bereits in den 1520er Jahren das Papsttum als Personifikation des Antichristen bezeichnet. Auch nach der Etablierung der beiden Konfessionen in den 1550er Jahren blieb diese Vorstellung erhalten und die Parteien beschuldigten sich fortlaufend gegenseitig, den Teufel zu repräsentieren.

>> „Und wenn die Welt voll Teufel wär‘“ – Streit und Krieg

Das konfessionelle Zeitalter von der Reformation bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) war von theologischen Streitigkeiten und immer wieder aufflammenden kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt, vor allem innerhalb der reformatorischen Bewegung selbst. Das anonym verfasste Blatt „Cucina opiniorum  – die Glaubensküche“ (23×34,5cm) stellt die Vertreter der Konfessionen in einer Küche dar, in der jeder sein eigenes Süppchen isst.

>> Vom Himmel hoch da komm ich her“ – Kirchenmusik

In diesem Kapitel ist unter anderem eines der wenigen Autographen Martin Luthers zu sehen, mit dem auch seine kompositorischen Interessen überliefert sind: Luther entwarf ein Katechismuslied, „Vaterunserlied“, und skizzierte dazu eine Melodie, die er jedoch wieder verwarf. Die Spuren im Autograph zeugen von seiner intensiven Textarbeit. Zur lutherischen Kirchenmusik sind des Weiteren Autographe von Bach, Telemann und Mendelssohn zu bewundern.

>> „Die Wittenbergisch Nachtigall die man jetzt höret überall“ – Rezeption

Für Deutschland und mindestens für Nordeuropa war die Reformation ein historisches Großereignis. 1648 besiegelte der Westfälische Frieden die konfessionelle Spaltung Europas. Bis heute ist die Rezeption der Reformation in der Literatur, bildenden Kunst und Musik von immenser Bedeutung, und Luther wurde zum Sinnbild der Reformation schlechthin. Ein häufiges Bildmotiv wurde die Darstellung Luthers mit dem Schwan, ein Sinnbild der Reinheit des Reformators.

Mit dem rasanten Anstieg der Buchproduktion ab dem 16. Jahrhundert begann auch eine bildungspolitische Ära: So setzte sich vor allem Melanchthon dafür ein, dass möglichst viele Menschen in die Lage versetzt wurden zu lesen. Die zunehmende Anzahl der gedruckten Bücher ließ wiederum den Wunsch wachsen, diese auch schön auszugestalten, die Bücher in einem möglichst preiswerten, dennoch ansprechenden Einband aufzubewahren. In Wittenberg entstand in dieser Zeit der figurale Einbandstil, von dem einige Beispiele in der Ausstellung zeugen, darunter ein Buch aus dem Jahr 1581: Es zeigt auf dem Vorderdeckel negativ geprägt und farbig gestaltet die Ganzkörperfigur Martin Luthers, auf dem Hinterdeckel Philipp Melanchthon. Ein mosaik-Heft aus dem Jahr 2016 sowie der Playmobil-Luther führen den Ausstellungsbesucher ins Heute.

Sackpfeifenesel & Co. – Kampfbilder gegen das Papsttum

Seltene Sammlung der derben anti-päpstlichen Propaganda Martin Luthers in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer, Michaela Scheibe und Karla Faust.

Als Antwort auf die anhaltenden Auseinandersetzungen um die Einberufung eines Konzils auf deutschem Boden, wie von den Protestanten gefordert, schrieb Luther 1545 nicht nur den Traktat Wider das Papstum zu Rom, vom Teufel gestiftet, sondern er initiierte auch eine Serie von Einblattdrucken, für die er die Texte schrieb und Lucas Cranach d. Ä. bzw. dessen Werkstatt beauftragte, die Holzschnitte für die Bilder herzustellen.

Holzschnitt Adoratur Papa deus terrenus, Quartdruck mit Nachschnitten des Bilderzyklus, um 1600. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bilder und Texte sind so dem Grobianismus der Zeit verhaftet, dass sogar Luthers Freunde ihn schockiert fragten, ob es so derb sein müsse. Der Reformator äußerte sich kurz vor seinem Tod sehr dezidiert dazu: „Dies ist mein Testament“ und er blieb dabei, dass diese drastischen Bilder auch den Leseunkundigen den „wahren“ Charakter des Papsttums vor Augen führen sollten. So zeigt ein Bild aus der Reihe einige Bauern, die im Begriff sind, sich in die Tiara zu entleeren. Kommentiert wird dies mit den deutlichen Worten Luthers: „Der Bapst hat dem Reich Christi gethon, wie man hie handelt seine Cron“. In einer anderen Darstellung schlagen dem Papst und seiner “flammenden” Sentenz – statt der Demutsbezeugung des zeremoniellen Fußkusses – heftige Flatulenzen entgegen.

Holzschnitt Hic oscula pedibus Papae figuntur, Quartdruck mit Nachschnitten des Bilderzyklus, um 1600. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Zunächst wurden die Bilder mit den zugehörigen Versen als Flugblätter gedruckt und vertrieben. Seit 1545 sind zahlreiche Auflagen erschienen. Bis ins 17. Jahrhundert hinein blieb der Bilderzyklus populär: Die Bilder wurden nachgedruckt, auch nachgeschnitten und umgestaltet. Immer wieder fasste man die Einblattdrucke auch in höchst unterschiedlicher Form in Serien zusammen – als Buch gedruckt, handschriftlich kommentiert oder auch beschnitten und neu zusammengeklebt.

Titelblatt des um 1600 entstandenen Quartdrucks. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Seltener Quartdruck mit Nachschnitten der Bilder um 1600

Um 1600 entstand diese Version des Bilderzyklus gegen das Papstum: Der äußerst seltene Quartdruck mit gegenüber den Originalstöcken leicht verkleinerten Nachschnitten der Bilder. Die Schmuckelemente des Titelblattes sind in den Druckerwerkstätten von Josef Klug und auch von Georg Rhau zwischen 1528 und 1537 nachweisbar. Typen und Papier weisen allerdings auf einen späteren Druck hin.

Joachim Greffs Verse zum Bilderzyklus gegen das Papsttum

Diese Sammlung gibt die Holzschnitte in den auch im Quartdruck um 1600 verwendeten Nachschnitten wieder; die Überschriften und Texte sind dagegen handschriftlich eingefügt. Dazu gehört eine lateinische Übersetzung der Originalverse Luthers und – jeweils auf der Rückseite – eine Glossa magistralis aus etwa fünfzig paargereimten Knittelversen mit ausführlichen Bildinterpretationen. Das Monogramm IGZ, mit dem die Übersetzung gezeichnet ist, verweist auf Joachim Greff aus Zwickau, der vor allem als Autor protestantischer Schuldramen bekannt wurde. Greff studierte seit 1528 in Wittenberg, wirkte anschließend als Lehrer in Halle, Magdeburg und Dessau und von 1548 bis zu seinem Tod im Jahr 1552 als Pfarrer in Roßlau. Die Handschrift ist kein Autograph Greffs, die Textvorlage muss jedoch zwischen 1545 und dem Todesjahr Greffs 1552 entstanden sein.

Die Papstgeburt, Handschrift mit Nachschnitten der Bilder und Texten von Joachim Greff. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Papstgeburt

Die Handschrift mit Joachims Greffs Texten beginnt mit der Darstellung der Geburt des Papstes in der Hölle, geboren von der Mutter des Teufels und aufgezogen von den Furien. Greffs Verse berichten dazu ausführlich über die Zustände in der Hölle.

Der Papstesel

Das Bild des Papstesels (unser Beitragsbild), eines Ungeheuers mit Eselskopf, Frauenleib und Schuppenkörper, stammt ursprünglich aus dem Jahr 1523 und ist vielfach nachgestochen worden. Es wurde zunächst als Flugblatt und als Flugschrift vertrieben, auch als Doppelbild z.B. mit dem Mönchskalb. Beide Bilder waren Darstellungen von Missgeburten, die allegorisch auf das Papsttum bzw. die Geistlichkeit bezogen wurden. Die Texte schrieben Martin Luther und Philipp Melanchthon.

Höllenrachen, ausgeschnittenes und aufgeklebtes Flugblatt. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Höllenrachen

Dieses Bild wurde auch als Titelholzschnitt für Luthers Schrift Wider das Papsttum zu Rom, vom Teuffel gestifft verwendet. Mit seinen vielen Teufelsfiguren und dem Papst, der von den Teufeln gekrönt wird, ist das eigentliche Geschehen schwer zu deuten. Ob es sich um den Abstieg des Papstes in die oder seinen Aufstieg aus der Hölle handelt, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Der Sauritt

Der Papst reitet in vollem Ornat auf einer Sau, die rechte Hand segnend erhoben, in der linken einen dampfenden Kothaufen. Die lateinische Überschrift und die deutsche Unterschrift erklären das Bild: Der Papst lenkt die deutsche Sau mit einem Haufen Kot davon ab, ihn weiterhin unter Druck zu setzen und auf einem Konzil in Deutschland zu bestehen.

Sauritt und Sackpfeifenesel, Flugblatt, 1545. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Sackpfeifenesel

Dieses Kampfbild nimmt ein mittelalterliches Fabelmotiv auf und zeigt einen mit der Tiara gekrönten Esel, der unter einem Baldachin sitzt und Sackpfeife spielt. Dazu der das Bild ironisierende Text: „Der Bapst kan allein auslegen/ Die schrifft: vnd jrtum ausfegen/ Wie der Esel allein pfeiffen/ kan: vnd die noten recht greiffen“.

Papst und Kardinäle am Galgen, Flugblatt, 1545. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Lästerzungen der Katholiken

Der Papst und drei hochrangige Theologen (Albrecht von Brandenburg, Otto Truchsess von Waldenburg, Johannes Cochlaeus) hängen am Galgen. Ihre »Lesterzungen« sind am Querbalken festgenagelt und ihre entweichenden Seelen werden von Teufeln eingefangen. Das in der Ausstellung gezeigte Flugblatt gehört zur ersten Auflage (1545) mit der Überschrift in großen Versalien.

Die Flugdrucke der ersten Stunde ebenso wie die höchst unterschiedlichen späteren Zusammenstellungen des Bilderzyklus gegen das Papsttum sind mit gleich vier Objekten in der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda vertreten. Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses „Testament“ Martin Luthers und seine derben Details selbst in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

 

Erziehungsprogramm für Familie Luther – eine Idee des Reformationsjubiläums 1817

Friedrich Schleiermachers eigenhändiger Fundraising-Aufruf in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Autograph Friedrich Schleiermachers, Druckmanuskript, 1818. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer.

Porträts von Vertretern der Familie Luther, Kupferstich von Friedrich Roßmäßler, um 1810. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bei der Planung der Reformationsfeierlichkeiten des Jahres 1817 war deutlich geworden, dass die männlichen Nachfahren der Familie Martin Luthers – die Nachkommen seiner Brüder, da die direkte Linie ausgestorben war – in höchst einfachen Verhältnissen lebten.

Rudolf Zacharias Becker, Porträt von Friedrich Wilhelm Bollinger, um 1820. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Aufklärer, Philanthrop und Verleger des Allgemeinen Anzeigers der Deutschen Rudolf Zacharias Becker entschloss sich spontan, eine Stiftung für diese männlichen Nachfahren zu gründen: die „Lutherische Jubelstiftung“. Durch diese Stiftung konnten die beiden Söhne des Viehhirten Nikolaus Luther aus Möhra, dem Herkunftsort der Familie, Johann Georg und Johann Ernst Luther von dem Pädagogen Friedrich Fröbel in seine gerade gegründete Erziehungsanstalt in Keilhau aufgenommen werden. Und das mit Erfolg: Georg Luther absolvierte anschließend ein Theologiestudium und Ernst Luther lernte das Maurerhandwerk. Eine gründliche Suche förderte zahlreiche weitere Nachfahren Luthers zu tage. Ähnliche Stiftungen wurden initiiert, die dann auch die Nachkommen in weiblicher Linie berücksichtigten.

Der große Berliner Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher griff Beckers Idee auf und entwickelte in den Kieler Blättern für 1819 den Plan einer deutschlandweiten Stiftung für die Nachfahren Luthers, die in jeder deutschen Provinz eine Niederlassung haben sollte. Offenkundig war Schleiermacher zunächst von Becker um Unterstützung gebeten worden, hatte dessen Initiative aber als zu klein gedacht empfunden.

Bereits im November 1818 erläuterte Schleiermacher in einem Brief an den Grafen Dohna ausführlich die Idee eines großangelegten Unternehmens, um „die ganze Familie von Luthers Brüdern aus dem niederen Tagelöhnerstande, in dem sie größtentheils existiren, in den mittleren Bürgerstand durch eine zweckmäßige Erziehung und Fürsorge zu erheben, indem von diesem Stande aus es jedem Individuum leicht wird, wenn es besonders begabt ist, eine öffentliche Laufbahn einzuschlagen und sich eine geschichtliche Bedeutung zu verschaffen.“ Schleiermacher rechnete von den acht zu diesem Zeitpunkt bekannten Nachfahren hoch und bezog deren potentielle Kinder gleich für kommende Stipendien mit ein. Ausgehend von 3.000 Talern jährlich, fragt er bei Dohna an, ob dieser sich in der Lage fühle, den Part des „Fundraisers“ für Preußen zu übernehmen, damit diese Summe „durch Subscription“ aufgebracht werden könne.

Dieses Ansinnen richtete Schleiermacher bereits zuvor an die Oberpräsidenten von Westpreußen und Schlesien, Theodor von Schön und Friedrich Theodor Merckel, sowie an den Breslauer Theologieprofessor Joachim Christian Gaß, mit dem er gut befreundet war, und an weitere Freunde aus dem holsteinischen Raum. Gaß machte er deutlich, dass es vor allem „der Adel und die Kaufmannschaft“ seien, die in finanzieller Hinsicht „natürlich am meisten thun“ müssten.

Schleiermacher plante eine differenzierte Verwaltung für die eingehenden Gelder, denn von den Subskribenten sollten in jeder Region Verwalter des Geldes gewählt werden, sowie ein „Erziehungsrath“, der zunächst die erste Generation betreuen und anschließend diese bei der Erziehung ihrer Kinder unterstützen sollte.

Unterschrift Schleiermachers, Druckmanuskript, 1818. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Dem gesellschaftlichen Wiederaufstieg der Familie Luther schien nun nichts mehr im Wege zu stehen. Doch Schleiermachers Konzept war wohl zu groß geraten: Der Aufruf in den Kieler Blättern hatte offenkundig keinen großen Erfolg. Schleiermachers ehrgeiziger Plan wurde nie umgesetzt.

Die Stiftung von Rudolf Zacharias Becker degegen wurde nach dessen Tode von seinem Sohn weitergeführt und bestand bis zur Inflation im Jahre 1925. In diesem Jahr fanden sich die Nachkommen der Familie Luther dann selbst zu einem noch heute existierenden Familienverband zusammen.

Das Autograph Friedrich Schleiermachers ist das Druckmanuskript für seinen Aufruf in den Kieler Blättern. Es stammt aus dem Nachlass seines Nachfolgers an der Berliner Universität, des Theologen August Twesten. In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur historischen Rezeption der Reformation – bis hin zu den aktuellen Mosaik-Heften – selbst in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Luther im Kreise seiner Familie (im Hintergrund Melanchthon) von Gustav Spangenberg, Photogravure 1894. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Acht Lieder – die Geburt des evangelischen Kirchengesangbuchs

Das Achtliederbuch und weitere frühe Gesangbuchdrucke der Reformationszeit in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Titelblatt des Achtliederbuchs. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luthers Lieder wurden zunächst als Flugblätter verbreitet, um die neuen Lehren schnell bekannt zu machen. Doch schon 1524 erschienen mit dem Achtliederbuch, dem Erfurter Enchiridion und dem mehrstimmigen Gesangbüchlein Johann Walters gleich drei verschiedene Sammlungen seiner und anderer reformatorischer Lieder, die zum Teil umgehend nachgedruckt wurden.

Das Achtliederbuch wurde bereits um die Jahreswende 1523/1524 publiziert und kann gewissermaßen als Vorläufer aller evangelischen Gesangbücher gelten. Allerdings handelt es sich hier noch nicht um ein planvoll zusammengestelltes Kirchengesangbuch, sondern vielmehr um eine von dem Nürnberger Drucker Jobst Gutknecht veranstaltete Sammlung verschiedener als Flugdrucke kursierender Lieder. Um seine Identität nicht preiszugeben, gibt Gutknecht als Impressum „Wittenberg. M.DXXiiij.“ an, Angaben zum Drucker fehlen.

Das kleine Büchlein mit dem umfänglichen Titel „Etlich Cristlich lider Lobgesang und Psalm dem rainen wort Gottes gemeß auß der heyligen schrifft durch mancherley hochgelerter gemacht in der Kirchen zu singen wie es dann zum tayl berayt zu Wittenberg in uebung ist“ enthält vier Lieder von Martin Luther (1 sowie 5-7), dazwischen drei von Paulus Speratus (2-4) und schließt mit einem eventuell Justus Jonas zuzuschreibenden Lied (8):

1) Ein Christenlichs lied Doctoris Martini Luthers, die unaussprechliche gnaden Gottes und des rechten Glaubens begreyffendt. – Nun frewt euch lieben Christen gmein (mit Noten, datiert 1523)

2) Ein lied vom gesetz und glauben, gewaltigklich mit götlicher schrifft verlegt, Doctoris Pauli Sperati. – Es ist das hayl uns kummen her (mit ausführlicher Angabe der zugrunde liegenden Bibelstellen und Noten, datiert 1523)

3) Ein gesang Doct. Sperati, zu bekennen den glauben, mit anzaygung der schrifft, alts unnd news Testaments, wo ein yeder artickel des glaubens, in ir gegründt ist, nach außweysung der buchstaben verzeychet. – In Got, gelaub ich das er hat (mit Noten, datiert 1524)

4) Ein gesang Doct. Sperati, zu bitten umb volgung der besserung, auß dem wort Gottes. – Hilff got, wie ist der menschen not (datiert 1524)

5-7) Der xi. Psalm. Salvum me fac: Ach got von hymel sihe darein (mit Noten, geltend für alle drei Psalmlieder). – Der xiii. Psalm. Dixit insipiens: Es spricht der unweysen mundt wol. – Der Psalm De profundis: Auß tieffer not schrey ich zu dir.

8) Ein fast Christlichs lied vom waren glauben, und rechter lieb Gottes und des nechsten. – In Jesus namen heben wir an (mit Noten, zweistimmig, je zwei Zeilen, notiert im Tenor- und Altschlüssel)

Ein melodisches Ungeheuer?

Zweistimmige Melodie zu “In Jesus Namen heben wir an” aus dem Achtliederbuch. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Fünf Melodien für die acht Lieder wurden in den Druck aufgenommen – wegen des damit verbundenen Aufwandes durchaus nicht selbstverständlich und Ausdruck des musikalischen Gestaltungswillens der Anhänger Luthers.

Allerdings kam es dabei auch zu musikalischen Missverständnissen: Die Melodie zum achten Lied In Jesus Namen heben wir an gab der Wissenschaft lange Zeit Rätsel auf, die erst der Hymnologe Konrad Ameln 1978 überzeugend lösen konnte. Hundert Jahre zuvor bewertete der Volksliedforscher und -sammler Franz Magnus Böhme in seinem Altdeutschen Liederbuch (1877) die vierzeilige Musiknotation als „melodisches Ungeheuer, mit Tenor- und Altschlüssel notiert“; dabei handele es sich – so Böhme – um die Begleitstimme eines mehrstimmigen Satzes, die durch ein Versehen des Setzers hierhin geraten sei, während die eigentliche Hauptstimme fehle. Für Böhme war klar, dass dieser unsingbare „Notenhaufen“ ein Grund dafür war, dass In Jesus Namen heben wir an als einziges der acht Lieder nicht in Johann Walters mehrstimmiges Gesangbüchlein von 1524 aufgenommen wurde. Gleichzeitig stellte Böhme fest, dass auch die im Erfurter Enchiridion zu diesem Lied gedruckte Melodie „durch ihren ungeheuren Tonumfang und gesuchte Rhythmen“ ebenfalls nicht gut singbar und wenig volkstümlich sei.

Erst Konrad Ameln erkannte, dass es sich im Achtliederbuch um eine zweizeilige Hauptmelodie im Tenorschlüssel mit einer ebenfalls zweizeiligen Oberstimme im Altschlüssel handelte, die für eine damals bei Bergleuten beliebte Form improvisierter Mehrstimmigkeit typisch war. Die ins Erfurter Enchiridion aufgenommene, wenig eingängige Melodie beruht dagegen auf einem Hörfehler: offenbar wurde hier versehentlich die durchdringendere Oberstimme statt der eigentlichen Hauptstimme nach dem Gehör notiert und an die Erfurter Drucker übermittelt.

Register zum Erfurter Enchiridion. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das Erfurter Enchiridion

Das Erfurter Enchiridion (griech. für Handbüchlein) erschien ebenfalls 1524 in harter Konkurrenz zwischen zwei Erfurter Druckern: Johannes Loersfeld war vermutlich ein wenig schneller als sein Berufskollege Matthes Maler, beide Ausgaben zeigen Spuren einer eiligen Fertigstellung. Erst 1525 erschien die Ausgabe von Wolfgang Stürmer, einem weiteren Erfurter Drucker, die nicht mehr das anonym gegen den „alten Kirchengesang“ als Geschrei der „Baalspriester und Waldesel“ polemisierende Vorwort der Ausgaben von 1524 enthält, sondern das für Johann Walters mehrstimmiges Gesangbüchlein verfasste Vorwort Martin Luthers voranstellt und am Schluss ein Register der Liedanfänge bietet. Das für alle Ausgaben gewählte handliche Oktavformat machte das angestrebte stete Mitführen dieses Gesangbüchleins tatsächlich möglich.

Die früheste Sammlung mehrstimmiger Luther-Choräle

Im selben Jahr wie das Achtliederbuch und das Erfurter Enchiridion erschien 1524 in Wittenberg das Geystliche Gesangk Buchleyn mit 43 drei- bis fünfstimmigen Kirchenlied-Bearbeitungen von Johann Walter. Martin Luther steuerte zu dieser Sammlung eine Vorrede und 24 Lieder bei, darunter sechs Dichtungen, die zuvor noch nicht im Druck erschienen waren. Gedruckt wurden die Sätze wie damals üblich nicht in Partitur, sondern in einzelnen Stimmbüchern. Die erste Auflage von 1524 ist heute nur noch unvollständig erhalten; die zweite, weitgehend unveränderte Auflage erschien unter leicht modifiziertem Titel im folgenden Jahr in Worms, wohingegen die weiteren von Walter besorgten Neuausgaben der Jahre 1537, 1544 und 1551 jeweils erheblich abweichen.

Johann Walters Gesangbüchlein, Stimmbuch für den Tenor. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Diese frühen protestantischen Liedersammlungen können Sie zusammen mit vielen anderen Objekten zur lutherischen Kirchenmusik – darunter ein eigenhändiger Melodieentwurf Luthers, das einzige Autograph einer Reformationskantate von Johann Sebastian Bach und Mendelssohns römisches Weihnachtsliedvom 3.2. bis 2.4.2017 selbst in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

 

Die Lutherbibel und der vermutlich erste Chinese Deutschlands

Fung Assengs 1828 angefertigte Übersetzung des Lukasevangeliums ins Chinesische in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Cordula Gumbrecht.

Drei frühe Übersetzungen von Texten Martin Luthers ins Chinesische – alle aus den Jahren 1828/1829 – finden sich im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin. Angefertigt wurden sie von Fung Asseng, dem wohl ersten Chinesen, der vor rund 200 Jahren nach Deutschland kam. Asseng überreichte seine Übersetzungen persönlich dem preußischen König Friedrich Wilhelm III., der sie 1829 der Königlichen Bibliothek zu Berlin schenkte. Es handelt sich um Übertragungen von Luthers Kleinem Katechismus (fertiggestellt am 8. Febr. 1828) und von Luthers deutscher Bibelübersetzung, allerdings nur des Lukas- und des Markusevangeliums (Shengchuan fuyin lujia 聖傳福音路加 sowie Chuan fuyin ma’erke 傳福音馬耳可). Vom 9. April bis 4. Nov. 1828 schrieb Asseng zunächst seine Übersetzung des Lukasevangeliums und anschließend – vom 18. Nov. 1828 bis 10. Mai 1829 – die des Markusevangeliums nieder.

Fung Assengs Weg über St. Helena nach Berlin

Fung Asseng (Feng Yaxing 馮亞星, auch Feng Yasheng 馮亞生) wurde 1792 oder 1793 in der südchinesischen Provinz Guangdong 廣東als Sohn eines Priesters und Astrologen geboren. Sehr wahrscheinlich auf Anregung seines Onkels verließ er zum ersten Mal vor nahezu genau zweihundert Jahren China, um im Westen sein Glück zu machen. Fung Assengs Onkel war Vorsteher des Kantoner Seezollamtes in Whampoa (Huangpu 黃埔) und damit für die Ausfertigung und Visierung von Schiffspapieren zuständig. Fung Asseng, der mit fünf Jahren seinen Vater verloren hatte und dessen Mutter ihn in der chinesischen Schriftsprache und wohl auch in der klassischen Literatur unterrichten ließ, hielt sich oft im Hause seines Onkels auf, wo er auch erste Kenntnisse der englischen Sprache erworben haben soll.

Fung Assengs eigenhändig geschriebener Lebenslauf, in seiner Übersetzung von Luthers Kleinem Katechismus (1828). Ostasienabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Am 3. August 1816 reiste er seinen eigenen Angaben zufolge zunächst auf einem portugiesischen Schiff nach Macao, dann auf einem englischen nach Ostindien und von dort aus zur britischen Insel St. Helena im Südatlantik, wo zu jener Zeit zahlreiche Chinesen auf den Plantagen der Ostindien-Kompanie arbeiteten. Fung Asseng selbst gehörte rund dreieinhalb Jahre als Koch zur Dienerschaft des im Jahr 1815 nach St. Helena verbannten französischen Kaisers Napoleon I.. Nach einem Heimaturlaub, nicht zuletzt um seine Frau und seine beiden Kinder zu besuchen, kam Fung Asseng – kurz nachdem Napoleon im Jahr 1821 verstorben war – nochmals nach St. Helena. Von hier aus reiste er wenig später nach London, wobei er an Bord zwischen dem englischen Kapitän und den chinesischen Matrosen gedolmetscht haben soll. In London angekommen, traf Fung Asseng im Ostindienhaus, dem Hauptsitz der East Indian Company auf seinen späteren Reisegefährten, den 26jährigen Fung Ahok (Feng Yaxue 馮亞斈[學]), der wie Assengs Onkel aus Whampoa stammte und Sohn eines Seidenhändlers war. Beide Männer unterschrieben in London einen Vertrag mit dem Waffelbäcker und Schausteller Heinrich Lasthausen, demzufolge sie mit letzterem nach dem Kontinent reisen und dort gegen Geld zur Schau gestellt werden sollten. So kamen sie in die deutschen Städte Weimar, Jena, Halle und schließlich Berlin.

Anzeige des Waffelkuchenbäckers Lasthausen aus Amsterdam in der Leipziger Zeitung vom 21. Mai 1814. Zeitungsabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Diese Darstellung Fung Assengs ist abgedruckt in Johann Karl Bullmanns 1833 erschienenen Denkwürdigen Zeitperioden der Universität zu Halle (S. 215/216). Einem anderen Bericht zufolge reisten Fung Asseng und Fung Ahok zusammen aus China ab und machten gemeinsam auf der Insel St. Helena „Station“, wo sie von Napoleon I. „empfangen und zu einem Essen eingeladen wurden“ (Acta Lasthausen, zitiert nach Erich Gütinger, Die Geschichte der Chinesen in Deutschland, S. 80).

In Berlin waren die beiden Chinesen – wie Der Freimüthige oder Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser vom 8. März 1823 berichtet – sieben Tage zuvor in der Behrenstraße Nr. 65 zu bewundern. Bereits am 17./18. Januar hatte Johann Gottfried Schadow, der sich intensiv mit Physiognomik beschäftigte, erst Fung Ahok und dann einige Tage darauf auch Fung Asseng gezeichnet und ihre Köpfe vermessen. Die Originalzeichnungen Schadows sind im Bestand der Nationalgalerie Berlin erhalten. Als Zinkdrucke fanden die Porträts später Aufnahme in Schadows National-Physiognomien (1835).

Porträt Fung Assengs aus Schadows National-Physiognomien (1835). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

An der Universität Halle

Per Kabinett-Ordre vom 10. April 1823 entschied der preußische König Friedrich Wilhelm III. auf Anraten seines Kultusministers Karl vom Stein zum Altenstein, dass Fung Asseng und Fung Ahok in Deutschland „fixiert“ und zum Deutsch- bzw. Chinesischunterricht an die Universität Halle geschickt werden sollten. Nach den Plänen des Großen Kurfürsten zur Gründung einer Ostindischen Handelskompanie und seinen im Zusammenhang damit stehenden Bemühungen um die Förderung der Chinesischstudien Andreas Müllers und Christian Mentzels im 17. Jahrhundert ist dies als ein neuer Versuch zur Etablierung der Chinastudien in Deutschland und mittelbar der Entwicklung des Chinahandels zu werten.

Aus der preußischen Staatskasse wurden 4.600 Taler zwecks „Fixierung“ der beiden Chinesen zur Verfügung gestellt. 1.000 Taler gingen als “Ablösesumme” an den Schausteller Heinrich Lasthausen. Mit dem restlichen Geld wurden zwei deutsche Betreuer sowie die Lebenshaltungs- und Studienkosten finanziert. Fung Asseng und Fung Ahok gingen an die Universität Halle und wurden dort durch Friedrich Helmke und Wilhelm Schott in der deutschen Sprache unterrichtet, im Gegenzug sollten die beiden Helmke und Schott in der chinesischen Sprache unterweisen. Ziel war es, dass so die Bekanntschaft mit der chinesischen Sprache „auf deutschen Boden verpflanzt werde und daselbst mehr als bisher Wurzel fasse“.

Am preußischen Hof

Fung Asseng und wohl auch Fung Ahok hielten sich mindestens bis 1826 in Halle auf, am 2. April dieses Jahres ehelichte ersterer – nachdem er sich zuvor hatte taufen lassen und von da an den Namen Friedrich Wilhelm Asseng trug – Johanne Marie Clara Kraftmüller. Bereits am 18. Febr. 1826 war der gemeinsame Sohn Heinrich Wilhelm Andreas geboren worden. Bald darauf gingen die beiden Chinesen nach Potsdam, wo sie – nach mündlicher Überlieferung der Nachfahren Assengs – „Teediener“ des Königs waren. Fung Assengs Ehe mit Johanne Kraftmüller währte sieben Jahre. Das Paar hatte vier Kinder. Nach der Geburt des jüngsten Kindes, am 3. Mai 1832, verstarb Fung Assengs Frau. Assengs Leben nahm nun eine ungute Wendung. Eine erneute Heirat war ihm seitens des Königs nicht erlaubt worden, worauf er sich dem Alkohol und der Spielsucht hingegeben haben soll. Erst seinem dritten Antrag auf Rückkehr nach China wurde stattgegeben, so dass er endlich im Jahr 1836 die Heimreise antreten konnte. Er soll am 15. Febr. 1889 in China verstorben sein.

Die Luther-Übersetzungen

Geblieben sind uns Assengs Luther-Übersetzungen, alle drei nach demselben Muster aufgebaut: Unter jedem chinesischen Zeichen findet sich die kantonesische Aussprache in lateinischen Buchstaben und darunter der deutsche Wortlaut. Die Übertragungen des Lukas- und des Markusevangeliums weisen im Vokabular eine große Ähnlichkeit mit Robert Morrisons (1782-1834) Bibelübertragungen auf. In der Syntax folgt der chinesische Text sehr dem deutschen, ein Umstand, der der Lesbarkeit desselben Abbruch tut. Zu welchem Zweck die Übersetzungen angefertigt wurden, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.

Die Übertragung des Lukasevangeliums durch Fung Asseng wie auch die früheste komplette protestantische Bibelübersetzung ins Chinesische von 1822 durch Joshua Marshman und Joannes Lassar sowie viele weitere Objekte rund um die Lutherbibel sind vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek zu sehen.

Beginn der Übersetzung des Lukasevangeliums von Fung Asseng. Ostasienabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Unser Beitrag hat inzwischen durch die Recherchen zum weiteren Schicksal der Familie Asseng eine aktuelle Fortsetzung gefunden:

Kontakt zu Fung Assengs Nachfahren – ein Ergebnis unserer Ausstellungsvorbereitungen

Jölund Asseng vor der Neumayer-Station. Mit freundlicher Genehmigung von Jölund Asseng

Im Zuge der Vorbereitung der Ausstellung gelang es, Kontakt zu einem der doch recht zahlreichen Nachfahren Fung Assengs herzustellen. Rainer Schwarz hatte bereits Ende der achtziger Jahre bei  Recherchen  für seinen Aufsatz Heinrich Heines „chinesische Prinzessin“ und seine beiden „chinesischen Gelehrten“ sowie deren Bedeutung für die Anfänge der deutschen Sinologie (erschienen in: NOAG 144 (1988) 81-109) durch einen glücklichen Zufall Ekkehard Asseng (1937-1993), einen Urenkel 3. Grades des wohl ersten nach Deutschland gelangten Chinesen kennenlernen und interviewen können. Ekkehard Asseng war Meteorologe und arbeitete viele Jahre im Aeronautischen Observatorium Lindenberg im Bereich der Aerologie. In seiner Freizeit hat er sich um die Bewahrung der Familienhistorie verdient gemacht. Die Deutsche Meteorologische Gesellschaft, genauer deren Sekretärin Frau Marion Schnee, vermittelte nun über Umwege den Kontakt zu dessen ältestem Sohn, Jölund Asseng. Dieser ist gewissermaßen in die Fußstapfen seines Vaters getreten, sowohl in beruflicher Hinsicht als auch im Hinblick auf sein Interesse an dem doch außergewöhnlichen Vorfahren. Jölund Asseng arbeitet heute als Geophysiker am Alfred-Wegener-Institut des Helmholtz-Zentrums für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, hat auf der Neumayer-Station in der Antarktis überwintert und nimmt weiter regelmäßig an Expeditionen dorthin teil.

Messingpetschaft nach dem Entwurf des Sohnes von Fung Asseng, Heinrich Wilhelm Andreas Asseng, Mit freundlicher Genehmigung von Jölund Asseng. Foto: Christine Kösser, Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Wie sein Vater betreibt er Ahnenforschung und ist u.a. um die Vervollständigung des Familienstammbaumes hier in Deutschland, aber auch in China, bemüht. In seinem Besitz findet sich heute ein letztes Sachzeugnis für den außergewöhnlichen Vorfahren, die schon bei Rainer Schwarz erwähnte Messingpetschaft, die Fung Assengs ältester Sohn Heinrich Wilhelm Andreas Asseng (1826-?), Dekorationsmaler in Berlin, entworfen haben soll und die mit den Zeichen renzi 壬子(= 49.Jahr des Sechzigerzyklus) an das Geburtsjahr Fung Assengs 1792 erinnert.

Jölund Asseng wiederum stellte den Kontakt zu Erich Gütinger (dem Verfasser der Geschichte der Chinesen in Deutschland, s.o.) her, mit dem ihn seit Jahren eine Freundschaft verbindet. Wir schätzen uns glücklich,  dass beide unserer Einladung zur Eröffnung der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda am 2. Februar gefolgt sind und hoffen, bald weitere Ergebnisse aus der Asseng-Forschung zu veröffentlichen.

Von r. n. l.: Jölund Asseng, Cordula Gumbrecht u. Erich Gütinger in der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda, vor der Vitrine mit Fung Assengs Bibelübersetzung. Foto: Hagen Immel, Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA

“Er schuff sie eyn menlin und frewlin” – Luther und die Ehe

Luthers 1524 publizierter Sendbrief zur Praxis der Eheversprechen in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch.

“So wie mein Herz bisher gestanden und jetzt steht, wird es nicht geschehen, daß ich ein Weib nehme – ich bin weder Holz noch Stein, aber mein Sinn ist fern vom Heiraten” schrieb Martin Luther in einem Brief am 30. November 1524, kurz nachdem er aus dem Orden der Augustiner-Eremiten ausgetreten war. Nur ein halbes Jahr später, am 13. Juni 1525 heiratete er Katharina von Bora. Sein neues Verständnis von der Ehe findet sich schon in einigen früheren Werken.

Nicht autorisierter Druck der Predigt vom ehelichen Stand. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Nicht autorisierter Druck der Predigt vom ehelichen Stand. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Am Anfang war die Predigt

Erstmals äußerte er sich am 16. Januar 1519 in einer Predigt öffentlich zur Eheproblematik, von der kurz darauf – ohne Luthers Einverständnis – eine Nachschrift bei Wolfgang Stöckel in Leipzig in den Druck ging. Diese von ihm nicht autorisierte Variante rief Luther auf den Plan und noch im selben Jahr ließ er bei Johann Rhau-Grunenberg in Wittenberg die überarbeitete und korrigierte Version Eyn Sermon von dem Elichen stand drucken. Der Sermon erlangte große Popularität, es erschienen vierzehn weitere Ausgaben, darunter eine Übersetzung ins Dänische. Luther unterscheidet in der Predigt dreierlei Liebe, die falsche, die natürliche und die eheliche Liebe, die er als die höchste Liebe anerkennt. Schon im darauffolgenden Jahre entwickelte sich die Priesterehe zu einem zentralen Reformthema bei Luther. In den programmatischen Schriften von 1520 An den Christlichen Adel deutscher Nation und De captivitate Babylonica ecclesiae behandelt er unter anderem das Problem des Eheverbots für Priester: “wir sehen auch wie die priesterschafft gefallen, und mancher armer pfaff mit weib und kind ubirladen” und spricht sich gegen den Sakramentscharakter der Ehe aus. In beiden Werken entwickelt Luther erstmals die Idee der Abschaffung des Priesterzölibats.

Von Luther korrigierte Druck der Predigt vom ehelichen Stand. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Von Luther autorisierter Druck der Predigt vom ehelichen Stand. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luthers Theorie vom ehelichen Leben

Im Jahre 1522 reizte es Luther erneut, sich öffentlich mit der Ehethematik in der Schrift Vom ehelichen Leben auseinanderzusetzen, die er wieder bei Johann Rhau-Grunenberg in Druck gab. Mit zwölf Nachdrucken, darunter einer niederländischen Übersetzung, fand der Traktat eine ähnliche Verbreitung wie die Predigt vom ehelichen Stand. Vom ehelichen Leben ist Luthers reformatorisches Programm von Familie und Ehe in drei Teilen: Im ersten Teil geht er auf die Frage ein, welche Menschen heiraten können, den geistlichen Stand eingeschlossen, im zweiten beschäftigt er sich mit Gründen für eine Scheidung, entweder durch Hurerei und Ehebruch oder durch Verweigerung der ehelichen Pflichten, im dritten Teil führt er aus, wie der Ehestand christlich und gottgefällig zu führen sei.

Luthers Traktat Vom ehelichen Leben (1522). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luthers Traktat Vom ehelichen Leben (1522). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Nein zum Priesterzölibat

Im Sommer 1523 schließlich erreichte die Auseinandersetzung über den Priesterzölibat seinen Höhepunkt. Ausgelöst durch die Heirat dreier Priester im sächsischen Raum war das Thema in der Öffentlickeit höchst virulent. Im selben Jahr entflohen immer mehr Nonnen und Mönche den Klostermauern, darunter auch jene zwölf Nonnen, die mit Luthers tatkräftiger Unterstützung in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Zisterzienserkloster Marienthron in Nimbschen bei Grimma flohen – unter ihnen seine spätere Ehefrau Katharina von Bora. Im August 1523 verfasste er mit Das siebende Capitel S. Pauli zu den Chorintern ein nachdrückliches Statement gegen den Zölibat und für die Ehe.

Der Fall Hans Schott

Im Frühjahr 1524 veröffentliche Luther die kleine Schrift Daß Eltern die Kinder zur Ehe nicht zwingen noch hindern, und die Kinder ohne der Eltern Willen sich nicht verloben sollen. Das als Sendbrief gestaltete Werk ist an jenen fränkischen Reichsritter Hans Schott von Schottenstein gerichtet, der Luther 1521 bei dessen Ankunft auf dem Reichstag zu Worms zur Herberge geleitete. Wenige Jahre nach diesem schicksalsträchtigen Reichstag schrieb Hans Schott in eigener Sache an Luther. Der Brief ist nicht erhalten, aber er behandelte wohl den Fall der erzwungenen Ehe von Jakob Hufener und dessen Ehefrau Anna, geb. Auerbach, die in Unfrieden mit ihrem ehebrecherischen Ehemann lebte. Sie trennte sich von ihrem Ehemann, der sich eine andere Frau ins Haus geholt hatte, erwirkte von einem Torgauer Prediger den Ehedispens und ehelichte schließlich Hans Schott von Schottenstein. Der Fall wurde publik und Luther sprach 1526 sein Bedenken gegen diese Hochzeit aus. Schließlich erklärte Kurfürst Johann von Sachsen 1528 in einem Urteilsspruch die Ehe zwischen Hans Schott und Anna Auerbach für ungültig. Anna sollte zu ihrem ersten Ehemann Jakob Hufener zurückkehren und Schott zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden.

“das eyn mensch zur ehe geschaffen ist … als ein bawm geschaffen ist, öpffel odder byrn zu tragen”

In dem Sendbrief von 1524 thematisiert Luther das häufig auftretende Eherechtsproblem der heimlichen Verlöbnisse. Im ersten Teil spricht sich Luther sowohl gegen Eheversprechen zwischen Brautleuten ohne elterliches Einverständnis aus, als auch gegen Eltern, die ihre Kinder gegen ihren Willen zur Ehe zwingen wollen: “Denn es ist yhe leydlicher, das die liebe, so zwey gegenander haben, zutrennet und verhyndert werde, denn das zwey zusamen getrieben werden, die widder lust noch liebe zusamen haben”. Luther appelliert an die Väter, in ihrer Fürsorge das rechte Maß walten zu lassen, denn sonst liefen sie Gefahr, zu Tyrannen zu werden, die ihre Herrschafft missbrauchen und somit gegen Gott handeln würden. Dabei wirft Luther die Frage auf, ob “eyn kind schüldig sey dem vater gehorsam zu seyn, der es zur ehe, odder zu der person dringet, da es nicht lust zu hatt”. Er beantwortet die Frage mit einem Nein, in solch einem Falle müsse die weltliche Obrigkeit eingreifen und eine erzwungene Ehe bestrafen. Im zweiten Teil erörtert Luther heimliche Verlöbnisse und die Frage, ob Kinder eine gültige Ehe ohne das elterliche Einverständnis eingehen könnten. Auch hier rät Luther, das Maß zu wahren und keinen Zwang auf die Kinder auszuüben, denn “die elltern sollen wissen, das eyn mensch zur ehe geschaffen ist, früchte seynes leibs zu zichten, so wol als eyn bawm geschaffen ist, öpffel odder byrn zu tragen”. Deshalb müsse es das erklärte Ziel der Eltern sein, den Kindern zu einer guten Ehe zu verhelfen. Täten sie das nicht, seien sie keine Eltern mehr und “so ist das kind schuldig sich selb zu verloben”. Ebensowenig wie ein Vater sein Kind zur Ehe zwingen dürfe, dürfe er es zur Keuschheit und zur Ehelosigkeit zwingen. Die Ehe, “das weltlich ding”, ist der Stand, in dem der Mensch Gott vor allem durch die Erziehung der Kinder dient.

Schutzmarke Lutherrose

Der Sendbrief, dessen Erstausgabe bei Lucas Cranach d. Ä. in Wittenberg erschien, war mit zehn Nachdrucken, einer lateinischen Übersetzung und dem Abdruck in den Gesamtausgaben ebenfalls sehr erfolgreich. In der Wittenberger Druckerpresse von Lucas Cranach d. Ä., die er zwischen 1523 und 1526 gemeinsam mit Christian Döring betrieb, enstanden in diesem kurzen Zeitraum nur insgesamt 45 Drucke, davon 39 reine Lutherdrucke. Die Druckergemeinschaft tat sich mit besonders modern gestalteten Titelblättern hervor. Das Titelblatt des Sendbriefs illustriert ein architektonisch streng gestalteter Titelrahmen. Der mittig in einer viereckigen Tafel stehende Titel ist von einem reich verzierten Tonnengewölbe umrahmt, das auf vier Säulen ruht. Unter dem Titel halten zwei Engel die Lutherrose mit den Initialen M. L. Diese Luthersche Schutzmarke wurde zu Beginn des Jahres 1524 von Cranach und Döring als Zeichen der Authentizität Wittenberger Lutherdrucke mit nachhaltigem Erfolg eingeführt. Unter der Lutherrose verkündet eine zweite querrechteckige Tafel das Motto des Sendbriefs: “Er schuff sie eyn menlin und frewlin.”

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zu den theologischen und moralischen Positionen Martin Luthers selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Luthers Sendbrief zur Praxis der Eheversprechen von 1524. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Titelblatt zu Luthers Sendbrief zur Praxis der Eheversprechen von 1524. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ausstellungsplakat BUSONI

Finissage der BUSONI-Ausstellung am 8.1.

Ein letztes Mal die Ausstellung BUSONI. Freiheit für die Tonkunst erleben und dabei viel Interessantes erfahren und Busoni hören: Das ist möglich auf der Finissage am Sonntag, dem 8.1.2017 von 11.30 bis 17 Uhr am Kulturforum.

Das Programm:

(als pdf zum Ausdrucken)

Im Vortragssaal des Kunstgewerbemuseums
11.30 Uhr Christian Schaper und Ullrich Scheideler, HU Berlin
Schriften und Briefwechsel Busonis. Möglichkeiten und Chancen einer digitalen Edition
12.15 Uhr Carsten Schmidt, SIMPK
›… jeder Ton für ewig‹: Busoni, gestanzt und graviert

– Pause –

14.30 Uhr Wolfgang Rathert, LMU München
Im Land der ›unmöglichen Begrenztheit‹. Ferruccio Busoni und Amerika

Im Foyer der Kunstbibliothek
15.30 Uhr Podiumsgespräch
mit Thomas Ertelt, Susanne Fontaine, Michael Lailach, Albrecht Riethmüller und Marina Schieke-Gordienko

Im Ausstellungsraum der Kunstbibliothek
16.30 Uhr Ausklang

Holger Groschopp, Klavier
Adele Bitter, Violoncello
spielen Werke von Ferruccio Busoni

Der Eintritt ist frei

Weitere Informationen zur Ausstellung sowie zum Busoni-Nachlass in der Staatsbibliothek

Luther als Erfinder des Weihnachtsbaums – eine Interpretation des 19. Jahrhunderts

Karl Reinthalers Weihnachtsbüchlein für alle Christenkinder in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Carola Pohlmann.

Das Martinsstift im Erfurter Augustinerkloster

Titelblatt von Reinthalers Weihnachtsbüchlein aus dem Jahre 1843. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Titelblatt zu Karl Reinthalers Weihnachtsbüchlein von 1843. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Im Erfurter Augustinerkloster, dem Martin Luther von 1505 bis 1511 angehörte, wurde 1821 das Martinsstift gegründet, eine karitative Einrichtung, die sich der Erziehung hilfsbedürftiger, verwaister und verwahrloster Kinder widmete. Initiator und langjähriger Leiter des Stifts war der evangelische Theologe, Pädagoge und Schriftsteller Karl Christian Wilhelm Reinthaler (1794-1863). Zum 22. Jahrestag des Martinsstifts im Jahr 1843 erschien das von Reinthaler zusammengestellte, mit vier Stahlstichen illustrierte Buch „Adam und Christus oder der Christbaum in M. Luthers Kinderstube. Ein Weihnachtsbüchlein für alle Christenkinder“.

Reinthalers Weihnachtsbüchlein und die Wiederbelebung des Kirchengesangs

Der Band enthält Andachten, Choräle und Kirchenlieder sowie drei „Weihnachtsgespräche“ der Familie Luther. Zu dem Textband erschien der Anhang „Sangweisen und Saitenspiel zum Christbaum in M. Luthers Kinderstube“, in dem die Noten zu 80 Kirchenliedern abgedruckt sind – darunter zu dem Luther-Choral „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, den einige Jahre zuvor auch Felix Mendelssohn-Bartholdy in Rom zum Ausgangspunkt einer Kantatenkomposition machte. Im Vorwort weist der Herausgeber auf sein Anliegen hin, den Kirchengesang wiederbeleben zu wollen: „Die Sangweisen unsrer Kirchenlieder erscheinen hier wieder in ihrer ursprünglichen Form, also auch wieder in dem volksthümlichen Rhythmus, durch welchen sich der deutsche Gemeinde-Gesang wesentlich von dem römischen Priester-Chorale geschieden hat.“

Der Luther-Choral "Vom Himmel hoch da komm ich her" in Reinthalers Weihnachtsbüchlein. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Noten zum Luther-Choral “Vom Himmel hoch da komm ich her” (mit dem Text der Strophen 3-5 des Luther-Chorals “Vom Himmel kam der Engel Schar”) in Reinthalers Weihnachtsbüchlein. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Darstellung des Weihnachtsabends bei der Familie Luther von Carl August Schwerdgeburth

Das Weihnachtsbüchlein wurde in drei Ausgaben publiziert: in einer großformatigen auf sogenantem Propatria-Papier und in zwei preiswerteren Ausführungen, der vorliegenden auf Velin-Papier und einem Druck auf billigerem Papier ohne Stahlstiche. Folgenreich war das Frontispiz des Thüringer Malers und Kupferstechers Carl August Schwerdgeburth (1785–1878), das einen fiktiven Weihnachtsabend bei der Familie Luther zeigt. Auf dem Bild ist ein Lichterbaum zu sehen, der – ebenso wie der Titel des Buchs – fälschlich den Eindruck erweckt, der Weihnachtsbaum sei bereits zur Zeit der Reformation verbreitet gewesen und damit sogar die Annahme begründete, der Christbaum wäre von Martin Luther eingeführt worden. Zwar gibt es im 16. Jahrhundert erste Erwähnungen von Weihnachtsbäumen, darunter den urkundlichen Beleg aus dem Jahr 1539 über die Aufstellung eines Baums im Straßburger Münster, doch im umfangreichen Schrifttum zu Luther ist kein Weihnachtsbaum nachgewiesen.  Der Brauch eines geschmückten Baums zu Weihnachten setzte sich erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch. Eines der ersten literarischen Zeugnisse für den Weihnachtsbaum findet sich Goethes „Leiden des jungen Werther“. Unter dem Datum 20. Dezember 1772 wird ein Besuch Werthers bei Lotte beschrieben, in dem dieser von „den Zeiten, da einen die unerwartete Öffnung der Tür und die Erscheinung eines aufgeputzten Baumes mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfeln in paradiesische Entzückung setzte“ spricht.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur Reformationsgeschichte und ihrer Interpretation in späteren Jahrhunderten – bis hin zu den aktuellen Abenteuern der Abrafaxe – selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Frontispiz zu Karl Reinthalers Weihnachtsbüchlein von 1843. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA