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Erziehungsprogramm für Familie Luther – eine Idee des Reformationsjubiläums 1817

Friedrich Schleiermachers eigenhändiger Fundraising-Aufruf in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Autograph Friedrich Schleiermachers, Druckmanuskript, 1818. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer.

Porträts von Vertretern der Familie Luther, Kupferstich von Friedrich Roßmäßler, um 1810. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bei der Planung der Reformationsfeierlichkeiten des Jahres 1817 war deutlich geworden, dass die männlichen Nachfahren der Familie Martin Luthers – die Nachkommen seiner Brüder, da die direkte Linie ausgestorben war – in höchst einfachen Verhältnissen lebten.

Rudolf Zacharias Becker, Porträt von Friedrich Wilhelm Bollinger, um 1820. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Aufklärer, Philanthrop und Verleger des Allgemeinen Anzeigers der Deutschen Rudolf Zacharias Becker entschloss sich spontan, eine Stiftung für diese männlichen Nachfahren zu gründen: die „Lutherische Jubelstiftung“. Durch diese Stiftung konnten die beiden Söhne des Viehhirten Nikolaus Luther aus Möhra, dem Herkunftsort der Familie, Johann Georg und Johann Ernst Luther von dem Pädagogen Friedrich Fröbel in seine gerade gegründete Erziehungsanstalt in Keilhau aufgenommen werden. Und das mit Erfolg: Georg Luther absolvierte anschließend ein Theologiestudium und Ernst Luther lernte das Maurerhandwerk. Eine gründliche Suche förderte zahlreiche weitere Nachfahren Luthers zu tage. Ähnliche Stiftungen wurden initiiert, die dann auch die Nachkommen in weiblicher Linie berücksichtigten.

Der große Berliner Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher griff Beckers Idee auf und entwickelte in den Kieler Blättern für 1819 den Plan einer deutschlandweiten Stiftung für die Nachfahren Luthers, die in jeder deutschen Provinz eine Niederlassung haben sollte. Offenkundig war Schleiermacher zunächst von Becker um Unterstützung gebeten worden, hatte dessen Initiative aber als zu klein gedacht empfunden.

Bereits im November 1818 erläuterte Schleiermacher in einem Brief an den Grafen Dohna ausführlich die Idee eines großangelegten Unternehmens, um „die ganze Familie von Luthers Brüdern aus dem niederen Tagelöhnerstande, in dem sie größtentheils existiren, in den mittleren Bürgerstand durch eine zweckmäßige Erziehung und Fürsorge zu erheben, indem von diesem Stande aus es jedem Individuum leicht wird, wenn es besonders begabt ist, eine öffentliche Laufbahn einzuschlagen und sich eine geschichtliche Bedeutung zu verschaffen.“ Schleiermacher rechnete von den acht zu diesem Zeitpunkt bekannten Nachfahren hoch und bezog deren potentielle Kinder gleich für kommende Stipendien mit ein. Ausgehend von 3.000 Talern jährlich, fragt er bei Dohna an, ob dieser sich in der Lage fühle, den Part des „Fundraisers“ für Preußen zu übernehmen, damit diese Summe „durch Subscription“ aufgebracht werden könne.

Dieses Ansinnen richtete Schleiermacher bereits zuvor an die Oberpräsidenten von Westpreußen und Schlesien, Theodor von Schön und Friedrich Theodor Merckel, sowie an den Breslauer Theologieprofessor Joachim Christian Gaß, mit dem er gut befreundet war, und an weitere Freunde aus dem holsteinischen Raum. Gaß machte er deutlich, dass es vor allem „der Adel und die Kaufmannschaft“ seien, die in finanzieller Hinsicht „natürlich am meisten thun“ müssten.

Schleiermacher plante eine differenzierte Verwaltung für die eingehenden Gelder, denn von den Subskribenten sollten in jeder Region Verwalter des Geldes gewählt werden, sowie ein „Erziehungsrath“, der zunächst die erste Generation betreuen und anschließend diese bei der Erziehung ihrer Kinder unterstützen sollte.

Unterschrift Schleiermachers, Druckmanuskript, 1818. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Dem gesellschaftlichen Wiederaufstieg der Familie Luther schien nun nichts mehr im Wege zu stehen. Doch Schleiermachers Konzept war wohl zu groß geraten: Der Aufruf in den Kieler Blättern hatte offenkundig keinen großen Erfolg. Schleiermachers ehrgeiziger Plan wurde nie umgesetzt.

Die Stiftung von Rudolf Zacharias Becker degegen wurde nach dessen Tode von seinem Sohn weitergeführt und bestand bis zur Inflation im Jahre 1925. In diesem Jahr fanden sich die Nachkommen der Familie Luther dann selbst zu einem noch heute existierenden Familienverband zusammen.

Das Autograph Friedrich Schleiermachers ist das Druckmanuskript für seinen Aufruf in den Kieler Blättern. Es stammt aus dem Nachlass seines Nachfolgers an der Berliner Universität, des Theologen August Twesten. In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur historischen Rezeption der Reformation – bis hin zu den aktuellen Mosaik-Heften – selbst in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Luther im Kreise seiner Familie (im Hintergrund Melanchthon) von Gustav Spangenberg, Photogravure 1894. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Acht Lieder – die Geburt des evangelischen Kirchengesangbuchs

Das Achtliederbuch und weitere frühe Gesangbuchdrucke der Reformationszeit in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Titelblatt des Achtliederbuchs. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luthers Lieder wurden zunächst als Flugblätter verbreitet, um die neuen Lehren schnell bekannt zu machen. Doch schon 1524 erschienen mit dem Achtliederbuch, dem Erfurter Enchiridion und dem mehrstimmigen Gesangbüchlein Johann Walters gleich drei verschiedene Sammlungen seiner und anderer reformatorischer Lieder, die zum Teil umgehend nachgedruckt wurden.

Das Achtliederbuch wurde bereits um die Jahreswende 1523/1524 publiziert und kann gewissermaßen als Vorläufer aller evangelischen Gesangbücher gelten. Allerdings handelt es sich hier noch nicht um ein planvoll zusammengestelltes Kirchengesangbuch, sondern vielmehr um eine von dem Nürnberger Drucker Jobst Gutknecht veranstaltete Sammlung verschiedener als Flugdrucke kursierender Lieder. Um seine Identität nicht preiszugeben, gibt Gutknecht als Impressum „Wittenberg. M.DXXiiij.“ an, Angaben zum Drucker fehlen.

Das kleine Büchlein mit dem umfänglichen Titel „Etlich Cristlich lider Lobgesang und Psalm dem rainen wort Gottes gemeß auß der heyligen schrifft durch mancherley hochgelerter gemacht in der Kirchen zu singen wie es dann zum tayl berayt zu Wittenberg in uebung ist“ enthält vier Lieder von Martin Luther (1 sowie 5-7), dazwischen drei von Paulus Speratus (2-4) und schließt mit einem eventuell Justus Jonas zuzuschreibenden Lied (8):

1) Ein Christenlichs lied Doctoris Martini Luthers, die unaussprechliche gnaden Gottes und des rechten Glaubens begreyffendt. – Nun frewt euch lieben Christen gmein (mit Noten, datiert 1523)

2) Ein lied vom gesetz und glauben, gewaltigklich mit götlicher schrifft verlegt, Doctoris Pauli Sperati. – Es ist das hayl uns kummen her (mit ausführlicher Angabe der zugrunde liegenden Bibelstellen und Noten, datiert 1523)

3) Ein gesang Doct. Sperati, zu bekennen den glauben, mit anzaygung der schrifft, alts unnd news Testaments, wo ein yeder artickel des glaubens, in ir gegründt ist, nach außweysung der buchstaben verzeychet. – In Got, gelaub ich das er hat (mit Noten, datiert 1524)

4) Ein gesang Doct. Sperati, zu bitten umb volgung der besserung, auß dem wort Gottes. – Hilff got, wie ist der menschen not (datiert 1524)

5-7) Der xi. Psalm. Salvum me fac: Ach got von hymel sihe darein (mit Noten, geltend für alle drei Psalmlieder). – Der xiii. Psalm. Dixit insipiens: Es spricht der unweysen mundt wol. – Der Psalm De profundis: Auß tieffer not schrey ich zu dir.

8) Ein fast Christlichs lied vom waren glauben, und rechter lieb Gottes und des nechsten. – In Jesus namen heben wir an (mit Noten, zweistimmig, je zwei Zeilen, notiert im Tenor- und Altschlüssel)

Ein melodisches Ungeheuer?

Zweistimmige Melodie zu “In Jesus Namen heben wir an” aus dem Achtliederbuch. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Fünf Melodien für die acht Lieder wurden in den Druck aufgenommen – wegen des damit verbundenen Aufwandes durchaus nicht selbstverständlich und Ausdruck des musikalischen Gestaltungswillens der Anhänger Luthers.

Allerdings kam es dabei auch zu musikalischen Missverständnissen: Die Melodie zum achten Lied In Jesus Namen heben wir an gab der Wissenschaft lange Zeit Rätsel auf, die erst der Hymnologe Konrad Ameln 1978 überzeugend lösen konnte. Hundert Jahre zuvor bewertete der Volksliedforscher und -sammler Franz Magnus Böhme in seinem Altdeutschen Liederbuch (1877) die vierzeilige Musiknotation als „melodisches Ungeheuer, mit Tenor- und Altschlüssel notiert“; dabei handele es sich – so Böhme – um die Begleitstimme eines mehrstimmigen Satzes, die durch ein Versehen des Setzers hierhin geraten sei, während die eigentliche Hauptstimme fehle. Für Böhme war klar, dass dieser unsingbare „Notenhaufen“ ein Grund dafür war, dass In Jesus Namen heben wir an als einziges der acht Lieder nicht in Johann Walters mehrstimmiges Gesangbüchlein von 1524 aufgenommen wurde. Gleichzeitig stellte Böhme fest, dass auch die im Erfurter Enchiridion zu diesem Lied gedruckte Melodie „durch ihren ungeheuren Tonumfang und gesuchte Rhythmen“ ebenfalls nicht gut singbar und wenig volkstümlich sei.

Erst Konrad Ameln erkannte, dass es sich im Achtliederbuch um eine zweizeilige Hauptmelodie im Tenorschlüssel mit einer ebenfalls zweizeiligen Oberstimme im Altschlüssel handelte, die für eine damals bei Bergleuten beliebte Form improvisierter Mehrstimmigkeit typisch war. Die ins Erfurter Enchiridion aufgenommene, wenig eingängige Melodie beruht dagegen auf einem Hörfehler: offenbar wurde hier versehentlich die durchdringendere Oberstimme statt der eigentlichen Hauptstimme nach dem Gehör notiert und an die Erfurter Drucker übermittelt.

Register zum Erfurter Enchiridion. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das Erfurter Enchiridion

Das Erfurter Enchiridion (griech. für Handbüchlein) erschien ebenfalls 1524 in harter Konkurrenz zwischen zwei Erfurter Druckern: Johannes Loersfeld war vermutlich ein wenig schneller als sein Berufskollege Matthes Maler, beide Ausgaben zeigen Spuren einer eiligen Fertigstellung. Erst 1525 erschien die Ausgabe von Wolfgang Stürmer, einem weiteren Erfurter Drucker, die nicht mehr das anonym gegen den „alten Kirchengesang“ als Geschrei der „Baalspriester und Waldesel“ polemisierende Vorwort der Ausgaben von 1524 enthält, sondern das für Johann Walters mehrstimmiges Gesangbüchlein verfasste Vorwort Martin Luthers voranstellt und am Schluss ein Register der Liedanfänge bietet. Das für alle Ausgaben gewählte handliche Oktavformat machte das angestrebte stete Mitführen dieses Gesangbüchleins tatsächlich möglich.

Die früheste Sammlung mehrstimmiger Luther-Choräle

Im selben Jahr wie das Achtliederbuch und das Erfurter Enchiridion erschien 1524 in Wittenberg das Geystliche Gesangk Buchleyn mit 43 drei- bis fünfstimmigen Kirchenlied-Bearbeitungen von Johann Walter. Martin Luther steuerte zu dieser Sammlung eine Vorrede und 24 Lieder bei, darunter sechs Dichtungen, die zuvor noch nicht im Druck erschienen waren. Gedruckt wurden die Sätze wie damals üblich nicht in Partitur, sondern in einzelnen Stimmbüchern. Die erste Auflage von 1524 ist heute nur noch unvollständig erhalten; die zweite, weitgehend unveränderte Auflage erschien unter leicht modifiziertem Titel im folgenden Jahr in Worms, wohingegen die weiteren von Walter besorgten Neuausgaben der Jahre 1537, 1544 und 1551 jeweils erheblich abweichen.

Johann Walters Gesangbüchlein, Stimmbuch für den Tenor. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Diese frühen protestantischen Liedersammlungen können Sie zusammen mit vielen anderen Objekten zur lutherischen Kirchenmusik – darunter ein eigenhändiger Melodieentwurf Luthers, das einzige Autograph einer Reformationskantate von Johann Sebastian Bach und Mendelssohns römisches Weihnachtsliedvom 3.2. bis 2.4.2017 selbst in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

 

Die Lutherbibel und der vermutlich erste Chinese Deutschlands

Fung Assengs 1828 angefertigte Übersetzung des Lukasevangeliums ins Chinesische in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Cordula Gumbrecht.

Drei frühe Übersetzungen von Texten Martin Luthers ins Chinesische – alle aus den Jahren 1828/1829 – finden sich im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin. Angefertigt wurden sie von Fung Asseng, dem wohl ersten Chinesen, der vor rund 200 Jahren nach Deutschland kam. Asseng überreichte seine Übersetzungen persönlich dem preußischen König Friedrich Wilhelm III., der sie 1829 der Königlichen Bibliothek zu Berlin schenkte. Es handelt sich um Übertragungen von Luthers Kleinem Katechismus (fertiggestellt am 8. Febr. 1828) und von Luthers deutscher Bibelübersetzung, allerdings nur des Lukas- und des Markusevangeliums (Shengchuan fuyin lujia 聖傳福音路加 sowie Chuan fuyin ma’erke 傳福音馬耳可). Vom 9. April bis 4. Nov. 1828 schrieb Asseng zunächst seine Übersetzung des Lukasevangeliums und anschließend – vom 18. Nov. 1828 bis 10. Mai 1829 – die des Markusevangeliums nieder.

Fung Assengs Weg über St. Helena nach Berlin

Fung Asseng (Feng Yaxing 馮亞星, auch Feng Yasheng 馮亞生) wurde 1792 oder 1793 in der südchinesischen Provinz Guangdong 廣東als Sohn eines Priesters und Astrologen geboren. Sehr wahrscheinlich auf Anregung seines Onkels verließ er zum ersten Mal vor nahezu genau zweihundert Jahren China, um im Westen sein Glück zu machen. Fung Assengs Onkel war Vorsteher des Kantoner Seezollamtes in Whampoa (Huangpu 黃埔) und damit für die Ausfertigung und Visierung von Schiffspapieren zuständig. Fung Asseng, der mit fünf Jahren seinen Vater verloren hatte und dessen Mutter ihn in der chinesischen Schriftsprache und wohl auch in der klassischen Literatur unterrichten ließ, hielt sich oft im Hause seines Onkels auf, wo er auch erste Kenntnisse der englischen Sprache erworben haben soll.

Fung Assengs eigenhändig geschriebener Lebenslauf, in seiner Übersetzung von Luthers Kleinem Katechismus (1828). Ostasienabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Am 3. August 1816 reiste er seinen eigenen Angaben zufolge zunächst auf einem portugiesischen Schiff nach Macao, dann auf einem englischen nach Ostindien und von dort aus zur britischen Insel St. Helena im Südatlantik, wo zu jener Zeit zahlreiche Chinesen auf den Plantagen der Ostindien-Kompanie arbeiteten. Fung Asseng selbst gehörte rund dreieinhalb Jahre als Koch zur Dienerschaft des im Jahr 1815 nach St. Helena verbannten französischen Kaisers Napoleon I.. Nach einem Heimaturlaub, nicht zuletzt um seine Frau und seine beiden Kinder zu besuchen, kam Fung Asseng – kurz nachdem Napoleon im Jahr 1821 verstorben war – nochmals nach St. Helena. Von hier aus reiste er wenig später nach London, wobei er an Bord zwischen dem englischen Kapitän und den chinesischen Matrosen gedolmetscht haben soll. In London angekommen, traf Fung Asseng im Ostindienhaus, dem Hauptsitz der East Indian Company auf seinen späteren Reisegefährten, den 26jährigen Fung Ahok (Feng Yaxue 馮亞斈[學]), der wie Assengs Onkel aus Whampoa stammte und Sohn eines Seidenhändlers war. Beide Männer unterschrieben in London einen Vertrag mit dem Waffelbäcker und Schausteller Heinrich Lasthausen, demzufolge sie mit letzterem nach dem Kontinent reisen und dort gegen Geld zur Schau gestellt werden sollten. So kamen sie in die deutschen Städte Weimar, Jena, Halle und schließlich Berlin.

Anzeige des Waffelkuchenbäckers Lasthausen aus Amsterdam in der Leipziger Zeitung vom 21. Mai 1814. Zeitungsabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Diese Darstellung Fung Assengs ist abgedruckt in Johann Karl Bullmanns 1833 erschienenen Denkwürdigen Zeitperioden der Universität zu Halle (S. 215/216). Einem anderen Bericht zufolge reisten Fung Asseng und Fung Ahok zusammen aus China ab und machten gemeinsam auf der Insel St. Helena „Station“, wo sie von Napoleon I. „empfangen und zu einem Essen eingeladen wurden“ (Acta Lasthausen, zitiert nach Erich Gütinger, Die Geschichte der Chinesen in Deutschland, S. 80).

In Berlin waren die beiden Chinesen – wie Der Freimüthige oder Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser vom 8. März 1823 berichtet – sieben Tage zuvor in der Behrenstraße Nr. 65 zu bewundern. Bereits am 17./18. Januar hatte Johann Gottfried Schadow, der sich intensiv mit Physiognomik beschäftigte, erst Fung Ahok und dann einige Tage darauf auch Fung Asseng gezeichnet und ihre Köpfe vermessen. Die Originalzeichnungen Schadows sind im Bestand der Nationalgalerie Berlin erhalten. Als Zinkdrucke fanden die Porträts später Aufnahme in Schadows National-Physiognomien (1835).

Porträt Fung Assengs aus Schadows National-Physiognomien (1835). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

An der Universität Halle

Per Kabinett-Ordre vom 10. April 1823 entschied der preußische König Friedrich Wilhelm III. auf Anraten seines Kultusministers Karl vom Stein zum Altenstein, dass Fung Asseng und Fung Ahok in Deutschland „fixiert“ und zum Deutsch- bzw. Chinesischunterricht an die Universität Halle geschickt werden sollten. Nach den Plänen des Großen Kurfürsten zur Gründung einer Ostindischen Handelskompanie und seinen im Zusammenhang damit stehenden Bemühungen um die Förderung der Chinesischstudien Andreas Müllers und Christian Mentzels im 17. Jahrhundert ist dies als ein neuer Versuch zur Etablierung der Chinastudien in Deutschland und mittelbar der Entwicklung des Chinahandels zu werten.

Aus der preußischen Staatskasse wurden 4.600 Taler zwecks „Fixierung“ der beiden Chinesen zur Verfügung gestellt. 1.000 Taler gingen als “Ablösesumme” an den Schausteller Heinrich Lasthausen. Mit dem restlichen Geld wurden zwei deutsche Betreuer sowie die Lebenshaltungs- und Studienkosten finanziert. Fung Asseng und Fung Ahok gingen an die Universität Halle und wurden dort durch Friedrich Helmke und Wilhelm Schott in der deutschen Sprache unterrichtet, im Gegenzug sollten die beiden Helmke und Schott in der chinesischen Sprache unterweisen. Ziel war es, dass so die Bekanntschaft mit der chinesischen Sprache „auf deutschen Boden verpflanzt werde und daselbst mehr als bisher Wurzel fasse“.

Am preußischen Hof

Fung Asseng und wohl auch Fung Ahok hielten sich mindestens bis 1826 in Halle auf, am 2. April dieses Jahres ehelichte ersterer – nachdem er sich zuvor hatte taufen lassen und von da an den Namen Friedrich Wilhelm Asseng trug – Johanne Marie Clara Kraftmüller. Bereits am 18. Febr. 1826 war der gemeinsame Sohn Heinrich Wilhelm Andreas geboren worden. Bald darauf gingen die beiden Chinesen nach Potsdam, wo sie – nach mündlicher Überlieferung der Nachfahren Assengs – „Teediener“ des Königs waren. Fung Assengs Ehe mit Johanne Kraftmüller währte sieben Jahre. Das Paar hatte vier Kinder. Nach der Geburt des jüngsten Kindes, am 3. Mai 1832, verstarb Fung Assengs Frau. Assengs Leben nahm nun eine ungute Wendung. Eine erneute Heirat war ihm seitens des Königs nicht erlaubt worden, worauf er sich dem Alkohol und der Spielsucht hingegeben haben soll. Erst seinem dritten Antrag auf Rückkehr nach China wurde stattgegeben, so dass er endlich im Jahr 1836 die Heimreise antreten konnte. Er soll am 15. Febr. 1889 in China verstorben sein.

Die Luther-Übersetzungen

Geblieben sind uns Assengs Luther-Übersetzungen, alle drei nach demselben Muster aufgebaut: Unter jedem chinesischen Zeichen findet sich die kantonesische Aussprache in lateinischen Buchstaben und darunter der deutsche Wortlaut. Die Übertragungen des Lukas- und des Markusevangeliums weisen im Vokabular eine große Ähnlichkeit mit Robert Morrisons (1782-1834) Bibelübertragungen auf. In der Syntax folgt der chinesische Text sehr dem deutschen, ein Umstand, der der Lesbarkeit desselben Abbruch tut. Zu welchem Zweck die Übersetzungen angefertigt wurden, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.

Die Übertragung des Lukasevangeliums durch Fung Asseng wie auch die früheste komplette protestantische Bibelübersetzung ins Chinesische von 1822 durch Joshua Marshman und Joannes Lassar sowie viele weitere Objekte rund um die Lutherbibel sind vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek zu sehen.

Beginn der Übersetzung des Lukasevangeliums von Fung Asseng. Ostasienabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Unser Beitrag hat inzwischen durch die Recherchen zum weiteren Schicksal der Familie Asseng eine aktuelle Fortsetzung gefunden:

Kontakt zu Fung Assengs Nachfahren – ein Ergebnis unserer Ausstellungsvorbereitungen

Jölund Asseng vor der Neumayer-Station. Mit freundlicher Genehmigung von Jölund Asseng

Im Zuge der Vorbereitung der Ausstellung gelang es, Kontakt zu einem der doch recht zahlreichen Nachfahren Fung Assengs herzustellen. Rainer Schwarz hatte bereits Ende der achtziger Jahre bei  Recherchen  für seinen Aufsatz Heinrich Heines „chinesische Prinzessin“ und seine beiden „chinesischen Gelehrten“ sowie deren Bedeutung für die Anfänge der deutschen Sinologie (erschienen in: NOAG 144 (1988) 81-109) durch einen glücklichen Zufall Ekkehard Asseng (1937-1993), einen Urenkel 3. Grades des wohl ersten nach Deutschland gelangten Chinesen kennenlernen und interviewen können. Ekkehard Asseng war Meteorologe und arbeitete viele Jahre im Aeronautischen Observatorium Lindenberg im Bereich der Aerologie. In seiner Freizeit hat er sich um die Bewahrung der Familienhistorie verdient gemacht. Die Deutsche Meteorologische Gesellschaft, genauer deren Sekretärin Frau Marion Schnee, vermittelte nun über Umwege den Kontakt zu dessen ältestem Sohn, Jölund Asseng. Dieser ist gewissermaßen in die Fußstapfen seines Vaters getreten, sowohl in beruflicher Hinsicht als auch im Hinblick auf sein Interesse an dem doch außergewöhnlichen Vorfahren. Jölund Asseng arbeitet heute als Geophysiker am Alfred-Wegener-Institut des Helmholtz-Zentrums für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, hat auf der Neumayer-Station in der Antarktis überwintert und nimmt weiter regelmäßig an Expeditionen dorthin teil.

Messingpetschaft nach dem Entwurf des Sohnes von Fung Asseng, Heinrich Wilhelm Andreas Asseng, Mit freundlicher Genehmigung von Jölund Asseng. Foto: Christine Kösser, Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Wie sein Vater betreibt er Ahnenforschung und ist u.a. um die Vervollständigung des Familienstammbaumes hier in Deutschland, aber auch in China, bemüht. In seinem Besitz findet sich heute ein letztes Sachzeugnis für den außergewöhnlichen Vorfahren, die schon bei Rainer Schwarz erwähnte Messingpetschaft, die Fung Assengs ältester Sohn Heinrich Wilhelm Andreas Asseng (1826-?), Dekorationsmaler in Berlin, entworfen haben soll und die mit den Zeichen renzi 壬子(= 49.Jahr des Sechzigerzyklus) an das Geburtsjahr Fung Assengs 1792 erinnert.

Jölund Asseng wiederum stellte den Kontakt zu Erich Gütinger (dem Verfasser der Geschichte der Chinesen in Deutschland, s.o.) her, mit dem ihn seit Jahren eine Freundschaft verbindet. Wir schätzen uns glücklich,  dass beide unserer Einladung zur Eröffnung der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda am 2. Februar gefolgt sind und hoffen, bald weitere Ergebnisse aus der Asseng-Forschung zu veröffentlichen.

Von r. n. l.: Jölund Asseng, Cordula Gumbrecht u. Erich Gütinger in der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda, vor der Vitrine mit Fung Assengs Bibelübersetzung. Foto: Hagen Immel, Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA