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Wenn der Vorhang fällt, das Licht erlischt oder sich die Protagonisten von Theater- und Tanzdarstellungen vor ihrem Publikum verbeugen, ist es eigentlich schon zu spät: Die jeweilige Aufführung  ist für immer verloren, da sie nur durch das Zusammenwirken von Publikum und Darstellerinnen sowie Darstellern entsteht und beim Auflösen dieses Zusammenspiels auch wieder verschwindet. Die Flüchtigkeit von Tanz und Theater – die Theaterwissenschaft spricht hier von „Performativität“ – macht diese Kunstformen so reizvoll, aber auch zu einer großen Herausforderung für die Forschung. Die „Überreste“ einer Aufführung – Requisiten, Kostüme oder Textbücher – können lediglich Hinweise auf das jeweilige Ereignis bieten, die Aufführung selbst aber nicht mehr erlebbar machen.

Umso wichtiger sind für die Theater- und Tanzwissenschaft Dokumentationen beispielsweise in Form von Videoaufnahmen der Performances. Auch wenn es sich hierbei ebenfalls lediglich um Annäherungen handelt, nehmen Videoaufnahmen als Quellen eine zentrale Stellung in der theater- und tanzwissenschaflichen Forschung ein. Dank der Finanzierung durch BKM-Sondermittel konnte die Staatsbibliothek zu Berlin in den letzten Wochen einige elektronische Ressourcen dauerhaft erwerben, die reichhaltige Schätze für die Theater-, Tanz- und Filmwissenschaft bereithalten.

Nach dem Motto „alles neu macht der Mai“ und passend zum Welttanztag finden Sie hier einen Überblick über unsere neuen Ressourcen im Fachgebiet Theater, Tanz und Film:

Merce Cunningham April 16, 1919- July 26, 2009 / By Floor (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Merce_Cunningham_April_16,_1919-_July_26,_2009.png) – Ränder beschnitten – CC BY-SA 2.0 Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0, via Wikimedia Commons

 

Dance online, dance in video

Dance online bietet über 1300 Videos an – von Aufnahmen von Tanzproduktionen über Interviews mit bedeutenden Tänzerinnen und Tänzern bis hin zu zahlreichen weiteren Dokumentationen, die die Arbeit verschiedener Tanzkompanien festhalten. Ein Highlight aus der Sammlung: Merce Cunnigham revolutionierte den zeitgenössischen Tanz. In der Datenbank finden Sie ca. 50 verschiedene Videoaufnahmen seiner Tanzperformances sowie viele weitere Zeugnisse und können so die Geschichte des modernen Tanzes anhand diverser Quellen nachverfolgen. Weitere Informationen finden Sie hier.

 

Theatre in video, vol. I

Theatre in video, vol. II

Über 700 Stunden Videomaterial – seien es die verschiedenen Interpretationen der Shakespeareschen Theaterstücke, Interviews mit Regisseur*innen und Theatermacher*innen oder weitere Quellen zu unterschiedlichen Theaterformen wie Puppentheater – lassen die (vor allem angloamerikanische) Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts nacherlebbar werden. Außerdem finden Sie Videoaufnahmen von weniger bekannten Stücken und Künstler*innen. Weitere Informationen finden Sie hier und hier.

 

Filmakers library online

Das interdisziplinäre Angebot an Filmdokumentationen bietet Quellenmaterial für ganz unterschiedliche Disziplinen zu den Themen Kultur, Politik, Gesellschaft und vielen mehr. Die Filme stammen von unabhängigen Filmemachern oder bekannten Produzenten wie beispielsweise der BBC. Funktionen wie die Zusammenstellung verschiedener Szenen zu einem Clip sind über einen persönlichen Account möglich. Weitere Informationen finden Sie hier.

 

Shakespeare in performance

Theater wäre ohne Shakespeare nicht zu denken. Kern dieser Sammlung sind die über 1000 Theatermanuskripte zu Shakespeare-Inszenierungen der Folger Shakespeare Library. Auch wenn der Text für viele Theaterwissenschaftlerinnen und Theaterwissenschaftler ein wichtiger Zugang zu einer Aufführung ist, bleibt er doch nur ein Element neben vielen anderen. Umso spannender werden (vor allem auch historische) Theatertexte, wenn sie mit konkreten Regieanweisungen und Kommentaren versehen sind, die Aufschluss über bestimmte Inszenierungspraktiken geben. Weitere Informationen finden Sie hier.

 

Alle genannten elektronischen Ressourcen bieten wir registrierten Benutzer*innen im Remote Access an, so dass Sie die Quellen auch im Fernzugriff nutzen können. Sämtliche enthaltene Videos stehen Ihnen im Streaming-Verfahren zur Verfügung und enthalten zusätzlich ein durchsuchbares Transkript des gesprochenen Textes. Die Angebote können jeweils gezielt durchsucht oder auch über verschiedene Sucheinstiege (beispielweise Titel, Personen, Genres) erkundet werden.

 

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Dann wünschen wir Ihnen viel Spaß beim Tanz in den Mai!

"Das Fräulein von Scuderi" (DDR/SE 1954/55, Eugen York) Quelle: Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen, Berlin ©DEFA-Stiftung/Eduard Neufeld

Beim 30. Internationalen Filmhistorischen Kongress („Zwischen Revolution und Restauration. Kultur und Politik 1789–1848 im Spiegel des Films“) tauschten sich vom 23.–25. November in Hamburg Forschende über filmische Bearbeitungen literarischer Werke aus, die im Kern die Umbrüche zwischen der Französischen Revolution und der gescheiterten Revolution von 1848 verhandeln. Dass E.T.A. Hoffmann als Vertreter der Romantik in diesem Kontext nicht fehlen durfte, versteht sich von selbst. Drei Vorträge beschäftigten sich deshalb auch mit Verfilmungen von Werken Hoffmanns und immerhin vier der zahlreichen Verfilmungen wurden im Rahmen des cinefests 2017 im Kino Metropolis gezeigt:

  • Der Filmwissenschaftler und Leiter der Rowohlt Agentur für Medienrechte Michael Töteberg stellte den Neuen Deutschen Film ins Zentrum seiner Ausführungen und zog unter anderem den 1968/69 von Edgar Reitz gedrehten Film „Cardillac“ als Beispiel heran. Diese Verfilmung von Hoffmanns Novelle „Das Fräulein von Scuderi“ (1819) siedelt den Stoff in der 1968er Gegenwart an und ist in Tötebergs Augen ein Beispiel für Literaturverfilmungen, die nicht zuletzt deshalb zustande kamen, weil klassische Stoffe dem Profil der neu begründeten Filmförderung entsprachen.
  • Auch bei Anett Werner-Burgmann standen Klassikerverfilmungen im Zentrum, allerdings diejenigen der DEFA aus den 1970er und 1980er Jahren. In Ralf Kirstens Verfilmung der „Elixiere des Teufels“ (1972/73) als deutsch-tschechoslowakische Produktion offenbart sich die Entstehungszeit nicht nur durch teilweise zeitgenössische Kostüme, sondern auch auf der Ebene der von Synthesizern geprägten Filmmusik. Obwohl der Film damit insbesondere ein jugendliches Publikum ansprechen wollte, fand Kirstens Werk nur wenig Anklang: Die Einflüsse der Nouvelle Vague und der Tschechoslowakischen Neuen Welle ließen einen Film entstehen, der für den Publikumsgeschmack zu intellektuell und zu schwer verständlich war.
  • Der Germanist Günter Dammann fokussierte ebenfalls auf eine DEFA-Verfilmung und skizzierte die Textgrundlagen von Eugen Yorks das „Fräulein von Scuderi“ (1955): Die Koproduktion mit der schwedischen Firma Pandora – die von westdeutschen Filmschaffenden zum Zwecke der Kooperation mit DDR-Filmern gegründet worden war – bezieht sich mindestens so sehr auf die 1847 erschienene Dramatisierung der Novelle durch Otto Ludwig wie auf den eigentlichen Text Hoffmanns.

Im Kino konnten die TeilnehmerInnen des Kongresses dann neben dem Film von Eugen York auch den frühen unter der Regie Richard Oswalds entstandenen Autorenfilm „Hoffmanns Erzählungen“ (1916) sowie zwei weitere Verfilmungen vom „Fräulein von Scuderi“ kennenlernen: Den Stummfilm „Juwelen“, der 1929 von Hans Brückner gedreht wurde, und den bereits erwähnten „Cardillac“ von Edgar Reitz. Während der bei seinem Erscheinen gefeierte Stummfilm „Hoffmanns Erzählungen“ in seiner technischen Konventionalität den Stand des deutschen Kinos um 1916 repräsentiert, verlegt „Juwelen“ die Handlung der Hoffmannschen Novelle in das Wien der damaligen Gegenwart und präsentiert einen der letzten Krimis als Stummfilm. Nicht zuletzt wegen des 1930 folgenden Umbruchs zum Tonfilm erhielt „Juwelen“ nur wenig Aufmerksamkeit. Heute sind leider nur noch etwa zwei Drittel des Films erhalten.

Schon diese kleine Filmauswahl zeigt, dass die Wirkung E.T.A. Hoffmanns auf den Film kaum zu überschätzen ist und nach wie vor reges Interesse der Forschung weckt. Weitere Informationen finden Sie im Katalog des Hamburger Kongresses, der neben einer großen Auswahlfilmographie zum Kongressthema auch informative Kurzeinführungen oder zeitgenössische Kritiken zu allen beim cinefest gezeigten Filmen bereithält.

Montagskino im November und Dezember

Begleitend zur Kabinettausstellung »Im fremden Land. Publikationen aus den Lagern für Displaced Persons«, die Einblicke in die Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz gibt, zeigt das Jüdische Museum Berlin Filme zur Situation der Überlebenden der Konzentrationslager – unmittelbar nach der Befreiung der Lager, auf dem illegalen Weg nach Palästina, sowie zu den  Nachwirkungen der Traumatisierung in der israelischen Nachkriegsgesellschaft.

Das Filmprogramm finden Sie hier auch als PDF zum Download.

Weitere Informationen zu Ausstellung und Begleitprogramm im Jüdischen Museum finden Sie unter www.jmberlin.de/displaced-persons

 

23. November 2015, 19.30 Uhr

German Concentration Camps Factual Survey

UK 1945/2014, 88 min., Dokumentarfilm, englische Originalversion

Im Jahr 1945 dokumentierten Soldaten und Kameramänner im Auftrag des Hauptquartiers der alliierten Streitkräfte die deutschen Gräueltaten und Konzentrationslager. Der daraus entstandene Film sollte nach dem Ende der NS-Herrschaft deutschen Zivilisten und Kriegsgefangenen vorgeführt werden.

Produzent Sidney Bernstein versammelte im Britischen Informationsministerium ein Team von bekannten Filmemachern, darunter Stewart McAllister und Peter Tanner, Colin Wills und Richard Crossman sowie Alfred Hitchcock als Drehbuchberater. Es stellte sich als schwierig heraus, einen Film über ein solch komplexes und schwieriges Thema zu machen, sodass der Film nicht rechtzeitig fertig gestellt wurde. Im September 1945 hatten sich die Prioritäten der Briten von der Entnazifizierung zum Wiederaufbau verschoben und das Filmprojekt verschwand in der Schublade.

Das Imperial War Museum hat das Filmmaterial über fünf Jahre aufwendig digital restauriert und um die sechste und letzte Filmrolle ergänzt. Der Film konnte 2014 nach den Aufzeichnungen des ursprünglichen Produktionsteams von 1945 abgeschlossen werden und ist nun erstmals in voller Länge zu sehen.

Toby Haggith, Senior Curator (Imperial War Museum) und Leiter der Restaurierung von »German Concentration Camps Factual Survey«, ist zu Gast und spricht im Anschluss mit der Programmdirektorin Cilly Kugelmann über seine Arbeit an dem Film.

 

30. November 2015, 19.30 Uhr

The Illegals

USA/Israel (Palästina) 1947/48, 72 min., Regie: Meyer Levin, Doku-Drama, englische Originalversion

Die Jahre zwischen der Befreiung der Vernichtungslager und der Staatsgründung Israels sind die Zeit der organisierten Fluchtbewegung Richtung Palästina, der »Bricha«. Auf illegalen Schiffen wie der »Exodus 47« hoffen die »Displaced Persons«, Überlebende der Konzentrationslager, ihr Ziel zu erreichen. In dieses Spannungsfeld begeben sich im September 1947 der amerikanische Journalist Meyer Levin und Tereska Torres. Als Regisseur und Schauspielerin begleiten sie auf Routen der Bricha Gruppen von Flüchtlingen. Der Film »The Illegals« hält die Bilder und Hoffnungen dieser Reise fest.

Mit freundlicher Genehmigung des Steven Spielberg Jewish Film Archive

Im Anschluss:

Displaced Persons

»Displaced Persons«, Israel 1979, ca. 48 Min., Regie: Igal Bursztyn. Dokumentarfilm, englische Originalversion

Gegen Ende des Jahres 1947 macht sich das Schiff »SS Unafraid« mit mehreren hundert jüdischen Flüchtlingen an Bord von Italien aus auf den Weg nach Palästina. Der Dokumentarfilm zeigt die bewegende Reise.

Mit freundlicher Genehmigung des Israel Film Service

Mit einer Einführung von Tamar Lewinsky, Kuratorin für Zeitgeschichte

 

7. Dezember 2015, 19.30 Uhr

Aviyas Sommer / Ha-Kayitz Shel Aviya

Israel 1988, ca. 95. Min., Regie: Eli Cohen, Drama, Hebräisch mit deutschen Untertiteln

In den Sommerferien 1951, kurz nach der Gründung Israels, besucht die zehnjährige Aviya ihre depressive Mutter Henya in einem kleinen Dorf bei Tel Aviv. Henya hat im Zweiten Weltkrieg in einem KZ die Schoa überlebt und ist nach der Befreiung nach Israel emigriert. Ihre Vergangenheit kann sie, gerade erst aus einer psychiatrischen Anstalt entlassen, noch immer nicht verarbeiten. Mutter und Tochter stoßen in dem kleinen Dorf auf das Unverständnis der Einheimischen, werden verspottet.

Im Anschluss Gespräch mit Cilly Kugelmann, Programmdirektorin

 

WO Jüdisches Museum Berlin, Altbau EG, Auditorium

EINTRITT frei

ANMELDUNG   erbeten unter Tel. 030 259 93 488 oder per E-Mail an reservierung@jmberlin.de

Unsere Blog-Nachricht zur Ausstellung:
http://blog.sbb.berlin/ausstellung-im-juedischen-museum-sammlung-der-staatsbibliothek-displaced-persons-3-9-15-12-2015/