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Die Materialität von Schriftlichkeit – Der Dialog zwischen Bibliothek und Forschung geht weiter

Die Aufwertung der lange als bloße Hilfswissenschaften geltenden objektbezogen-bibliothekarischen Kompetenzen zu wissenschaftlichen Schlüsselqualifikationen im Zuge des Material Turn der Geistes- und Kulturwissenschaften eröffnet gerade für Forschungsbibliotheken mit herausragenden Spezialbeständen ungeahnte Chancen zur Schärfung des eigenen Profils. Vor diesem Hintergrund hat die Staatsbibliothek zu Berlin im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem von Forschenden der Universitäten in Berlin und Potsdam getragenen Arbeitskreis Materialität der Literatur die Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit organisiert. Ziel dieses Dialogs zwischen Bibliothek und Forschung – so der programmatische Untertitel der mehrteiligen Reihe – ist es, theoriegeleitete Perspektiven auf Handschriften, historische Drucke und Künstlerbücher mit aus der Praxis entwickelten Fragestellungen zu konfrontieren.

Am vergangenen Dienstag startete die Veranstaltungsserie mit einem Vortrag in ihre zweite Runde, der unter gleich mehreren Aspekten paradigmatisch für die Konzeption der Gesamtreihe stehen kann: So wurden Alexander von Humboldts Amerikanische Reisetagebücher – die wohl spektakulärste Neuerwerbung unseres Hauses in jüngster Zeit – von zwei Vertreterinnen der Staatsbibliothek zu Berlin in Verbindung mit dem Leiter des an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelten Editionsvorhabens Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung vorgestellt. Zutreffender wäre es vor diesem Hintergrund eigentlich, von einem Trialog zwischen Bibliothek und Forschung zu sprechen, nahmen doch Dr. Jutta Weber, stellvertretende Leiterin unserer Handschriftenabteilung, und Julia Bispinck-Rossbacher, verantwortlich für die Restaurierungswerkstätten der Staatsbibliothek zu Berlin, ganz unterschiedliche Perspektiven ein. Nach einem Überblick über die formale wie inhaltliche Erschließung der Amerikanischen Reisetagbücher im Nachweisportal Kalliope stand der kodikologische Befund der Handschriftenbände im Zentrum, der wiederum die Grundlage für die geplante hybride Edition der höchst komplex aufgebauten und nur mit detektivischem Gespür zu entziffernden Quelle liefert. Denn – wie Dr. Tobias Kraft anschließend eindrucksvoll zeigte – nur eine um die Erkenntnismöglichkeiten materialwissenschaftlicher Forschung erweiterte Lektüre ermöglicht es, die vielschichtigen Dimensionen der lebenslangen Schreibprozesse in Alexander von Humboldts Amerikanischen Reisetagebüchern nachzuvollziehen.

Aber auch in Hinblick auf die aktuellen wissenschaftspolitischen bzw. förderstrategischen Rahmenbedingungen dokumentiert der Gemeinschaftsvortrag die durch den Material Turn beförderte neue Qualität des Dialogs zwischen Bibliothek und Forschung. Alexander von Humboldts Amerikanische Reisetagebücher sind nämlich zugleich auch Gegenstand eines von der Staatsbibliothek zu Berlin in Kooperation mit der Professur für französisch- und spanischsprachige Literatur der Universität Potsdam durchgeführten Forschungsprojekts. Gefördert wird dieses Gemeinschaftsvorhaben im Rahmen der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung lancierten mehrteiligen Ausschreibung Die Sprache der Objekte. Materielle Kultur im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen, die darauf zielt, die Hinwendung der Geistes- und Kulturwissenschaften zu den Dingen weiter zu beschleunigen.

Sollten Sie nun schleunigst erfahren wollen, welche Themen Sie im Rahmen der ersten Vortragsrunde verpasst haben, so werfen Sie doch einfach einen Blick in die aktuelle Ausgabe des Bibliotheksmagazins der Staatsbibliotheken in Berlin und München, in der wir die zurückliegenden Abende im Zeichen der Materialität von Schriftlichkeit in aller Kürze Revue passieren lassen. Ausgewählte Beiträge aus der zweiten Veranstaltungsserie werden Sie dagegen schon demnächst als Podcast im Youtube-Kanal der Staatsbibliothek zu Berlin finden können.

Und was die noch fernere Zukunft der überaus publikumswirksamen Reihe anbetrifft, so halten wir es mit unserer Nachbarschaft im Regierungsviertel und versprechen Ihnen: Wir werden den Dialog mit der Forschung nicht abreißen lassen!

Humboldts Reisetagebücher: Werkstattgespräch am 6.10.

Werkstattgespräch
“Alexander von Humboldts Amerikanische Reisetagebücher”

Dienstag, 06. Oktober
18.15 Uhr
Konferenzraum 4, Haus Unter den Linden
Treffpunkt: Eingangsbereich (Rotunde)

Anmeldung

Dr. Jutta Weber / Julia Bispinck-Roßbacher, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Dr. Tobias Kraft, Berlin Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Die Amerikanischen Reisetagebücher sind das wichtigste materielle Zeugnis für Alexander von Humboldts berühmte Forschungsreise durch die amerikanischen Tropen von 1799 bis 1804. Zugleich bilden sie die Arbeitsgrundlage des von Humboldt in den Jahren 1805 bis 1838 publizierten, 29-bändigen Reisewerks Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent. Darüber hinaus wissen wir, dass die im Konvolut der Tagebücher enthaltenen Texte nicht nur bereits vor der eigentlichen Amerika-Reise ansetzen, sondern auch durchgehend bis kurz vor seinem Tod 1859 von Humboldt benutzt, verändert, beschrieben und ergänzt worden sind. Erst eine um die Erkenntnismöglichkeiten materialwissenschaftlicher Forschung erweiterte Lektüre ermöglicht, die vielschichtigen Dimensionen dieses lebenslangen Arbeits- und Schreibprozesses in den Tagebüchern nachvollziehen und angemessen deuten zu können. Der Vortrag wird exemplarisch einige Dimensionen dieser Arbeit am Material der Humboldt‘schen Texte ausleuchten und zukünftige Kooperationsvorhaben zwischen Literaturwissenschaft, Bibliothek und Materialforschung vorstellen.

Eine Veranstaltung aus der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

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