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Yosef Gar: Umkum fun der yiddisher Kovne. Minkhen : Farband fun Liṭṿishe Yidn in der Ameriḳaner-Zone in Dayṭshland 1948. Signatur: O 63_4 A. Staatsbibliothek zu Berlin - PK - Lizenz: CC BY_NC-SA

2. Buchpatenschaft für den Monat Mai

Eine zweite Buchpatenschaft aus der Sammlung der Displaced-Person-Literatur möchten wir gerne für den Monat Mai vorstellen, da wir für die erste bereits eine Patin gefunden haben. Herzlichen Dank an dieser Stelle.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs im Mai 1945 wurden die westlichen Besatzungszonen Deutschlands zur Transitstation für geschätzt 250.000 jüdische Flüchtlinge und Überlebende. Sie fanden eine erste Zuflucht in den Displaced-Persons-Camps der Alliierten. Hier stellten sie in den Jahren 1945 bis 1950 mehr als 400 Bücher und Zeitschriften her. Diese Literatur half den entwurzelten Menschen, die die Qualen der Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager überlebt oder im Untergrund und in Verstecken ausgeharrt hatten, nun jedoch nicht in ihre Heimatorte zurückkehren konnten oder wollten, sich mit Erlebtem auseinanderzusetzen, neue Orientierung zu finden, Bildung zu vermitteln, sich gegenseitig zu informieren oder zu agitieren.

Yosef Gar: Umkum fun der yiddisher Kovne. Minkhen : Farband fun Liṭṿishe Yidn in der Ameriḳaner-Zone in Dayṭshland 1948. Signatur: O 63_4 A 33991.

Yosef Gar: Umkum fun der yiddisher Kovne. Minkhen : Farband fun Liṭṿishe Yidn in der Ameriḳaner-Zone in Dayṭshland 1948.

Dieses Buch behandelt die Geschichte der Juden in Litauen, speziell in Kaunas. Im Buch abgedruckt sind auch Bilder und Fotos vom Kaunas der Vor- und der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Der Autor, Yosef Gar, wurde 1905 in Kaunas, Littauen geboren. 1932 erschien sein literarisches Debut In kupe in Kaunas und schrieb später vornehmlich Rezebsionen und Essays über allgemeine jüdische Themen. Bis zu seiner Deportation nach Dachau 1944 lebte er im Ghetto Kaunas. Yosef Gar gelang die Flucht aus dem fahrenden Zug und die Rückkehr in seine Heimatstadt. 1945 kam er nach Deutschland. 1948 emigrierte er zunächst in die USA und schrieb dort weiterhin für verschiedene jüdische Zeitungen. Später zog Yosef Gar nach Israel (weitere biographische Hinweise in dem Buch von Tamar Lewinsky “Displaced Poets”, Göttingen 2008, online verfügbar: http://opacplus.bsb-muenchen.de/title/BV023325947/ft/bsb00083992?page=2, S. 238).
Yosef Gar widmet das Exemplar auf dem Titelblatt dem Historiker Dr. Philip Friedman. Friedman wurde 1901 in Lemberg geboren, studierte Geschichte in Lemberg und Wien und war dann als Lektor der YIVO (= jiddisches wissenschaftliches Insitut)-Kurse in Vilnius und später in Warschau tätig. Er überlebte den Holocaust versteckt in Polen. 1946 wanderte er in Richtung Deutschland aus. Philip Friedman sammelte Augenzeugenberichte und Dokumente zur Shoah. Er wurde bei den Ermittlungen zum Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess befragt und arbeitete bis 1948 für den Joint in der Schul- und Kulturabteilung in der Amerikanischen Besatzungszone. Nach seiner Emigration in die USA lehrte Philip Friedman jüdische Geschichte an der Columbia-Universität in New York. Er starb 1960 (weitere biographische Hinweise in dem Buch von Tamar Lewinsky “Displaced Poets”, Göttingen 2008, online verfügbar: http://opacplus.bsb-muenchen.de/title/BV023325947/ft/bsb00083992?page=2, S. 237).

Restaurierungsbedarf: Trockenreinigung, Klammern entfernen, Blockheftung mit Faden erneuern, Nassbehandlung Umschlagblatt, Umschlag verso kaschieren, Rückenmaterial ergänzen, Kanten Ecken glätten, Risse sichern

Kalkulierte Kosten: 385 €

 

Die Staatsbibliothek zu Berlin besitzt mehr als die Hälfte der rund 400 in den DP-Lagern erschienenen Schriften und ist bestrebt, eine größtmögliche Vollständigkeit zu erreichen. Oft sind nur wenige Exemplare dieser Werke erhalten, denn sie wurden in sehr kleinen Auflagen und meist auf schlechtem Papier gedruckt, wurden viel genutzt und dabei oft ‚zerlesen’. In Hebräisch sind religiöse Werke, Bibeln, Gebetbücher, einzelne Talmudtraktate und Schriften zur religionsgesetzlich vorgeschriebenen Lebensführung verfasst. Daneben gibt es vielfältige säkulare Literatur: Wochenzeitungen und Propagandaschriften der verschiedenen Gruppierungen, Romane und Gedichte der modernen jiddischen und hebräischen Klassik, Lese- und Lehrbücher für die in den Lagern eingerichteten Schulen, praktische Ratgeber jedweder Art, schließlich die ersten Dokumentationen der Sho’ah in Wort und Bild.

 

Übernehmen Sie eine Buchpatenschaft bei den “Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V.”

Wenn Sie Interesse daran haben, dass dieses Buch aus der Sammlung der DP-Literatur  restauriert und damit wieder benutzt werden kann, dann schreiben Sie an freunde@sbb.spk-berlin.de. Gerade weil diese Bücher unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg auf schlechtem Papier gedruckt und viel genutzt wurden, sind viele von ihnen dringend restaurierungsbedürftig. Für Ihre Hilfe, ein bedrohtes Werk vor dem Verfall zu bewahren, erhalten Sie:

  • ein Exlibris aus alterungsbeständigem Papier mit Ihrem Namen oder einem von Ihnen gewünschten Namen,
  • die Möglichkeit, das restaurierte Werk zu besichtigen beim Jahresempfang oder bei einem Termin nach Vereinbarung,
  • eine Spendenbescheinigung für Ihr Finanzamt.Kontakt: Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V., Gwendolyn Mertz, Unter den Linden 8, 10117 Berlin, Telefon: 030 – 266 43 8000, Mail: freunde@sbb.spk-Berlin.de
  • Weitere Hinweise zu Buchpatenschaften und eine große Auswahl an  Patenschaften aus allen Abteilungen der Staatsbibliothek zu Berlin finden Sie auf der Seite der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V. Das Spektrum reicht weit über Bücher hinaus – hier finden Sie auch Noten, Landkarten, Zeitungen, Handschriften.

Buchpatenschaft für den Monat Mai – Vergeben

Wir freuen uns sehr, dass diese Buchpatenschaft aus der Sammlung der DP-Literatur auf diesem Weg eine Patin gefunden hat. Herzlichen Dank.
Da der Monat Mai erst zur Hälfe vergangen ist, werden wir eine weitere Buchpatenschaft aus dieser Sammlung in einem eigenen Blogbeitrag vorschlagen.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs im Mai 1945 wurden die westlichen Besatzungszonen Deutschlands zur Transitstation für geschätzt 250.000 jüdische Flüchtlinge und Überlebende. Sie fanden eine erste Zuflucht in den Displaced-Persons-Camps der Alliierten. Hier stellten sie in den Jahren 1945 bis 1950 mehr als 400 Bücher und Zeitschriften her. Diese Literatur half den entwurzelten Menschen, die die Qualen der Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager überlebt oder im Untergrund und in Verstecken ausgeharrt hatten, nun jedoch nicht in ihre Heimatorte zurückkehren konnten oder wollten, sich mit Erlebtem auseinanderzusetzen, neue Orientierung zu finden, Bildung zu vermitteln, sich gegenseitig zu informieren oder zu agitieren.

Für die Buchpatenschaft im Mai haben wir einen Erzählungsband  ausgesucht:

Titelseite von Binyomen Elis: In aza velt : dertseylungen. Shtutgart 1948. Bibliothekssignatur: 4 A 34394. Staatsbibliothek zu Berlin-PK

Binyomen Elis (1907-1984): In aza velt : dertseylungen. Shtutgart 1948.

Erzählband in jiddischer Sprache. In diesem Band hat Binyomin Elis (1907-1984) die Erfahrungen der Shoah in neun Kurzgeschichten und einem einaktigen Theaterstück verarbeitet. Er widmet das Buch seiner Mutter, Golde Mendel, die 1942 ermordet wurde. Ansonsten ist über diesen, in jiddischer Sprache schreibenden Autor wenig bekannt. Geboren 1907 in Radom, einer Stadt rund 100 km südlich von Warschau, lebte er in Lodz, Warschau und Vilnius und überlebte den 2. Weltkrieg in Sibirien. Noch vor Beginn des 2. Weltkrieges veröffentlichte er in Warschau zwei Werke: Heymloze (1931) und das Drama Ba der grenets (1936). Neben dem hier vorgestellten Erzählungsband schrieb Binyomen Elis während seiner Zeit in Deutschland auch in der jüdischen Zeitschrift “Bafrajung”.  Er emigrierte in die USA und veröffentlichte weiterhin in Jiddisch. So erschienen 1955 in New York der Erzählungsband Ba farsheydene tishn und 1962 der Roman Afn veg tsum bunker 1962, das in einer englischen Übersetzung  The road to the bunker 1972 erschien. Als letztes veröffentlichte er das Theaterstück Seperirte 1978. Binyomen Elis starb 1984 in New York.

Restaurierungsbedarf: Trockenreinigung, Klammern entfernen, Blockheftung mit Faden erneuern, Nassbehandlung Umschlagblatt, Umschlag verso kaschieren, vordere Kante Umschlag begradigen, Kanten und Ecken glätten, Risse sichern, Schutzverpackung

Kalkulierte Kosten: 385 €

 

Die Staatsbibliothek zu Berlin besitzt mehr als die Hälfte der rund 400 in den DP-Lagern erschienenen Schriften und ist bestrebt, eine größtmögliche Vollständigkeit zu erreichen. Oft sind nur wenige Exemplare dieser Werke erhalten, denn sie wurden in sehr kleinen Auflagen und meist auf schlechtem Papier gedruckt, wurden viel genutzt und dabei oft ‚zerlesen’. In Hebräisch sind religiöse Werke, Bibeln, Gebetbücher, einzelne Talmudtraktate und Schriften zur religionsgesetzlich vorgeschriebenen Lebensführung verfasst. Daneben gibt es vielfältige säkulare Literatur: Wochenzeitungen und Propagandaschriften der verschiedenen Gruppierungen, Romane und Gedichte der modernen jiddischen und hebräischen Klassik, Lese- und Lehrbücher für die in den Lagern eingerichteten Schulen, praktische Ratgeber jedweder Art, schließlich die ersten Dokumentationen der Sho’ah in Wort und Bild.

 

Übernehmen Sie eine Buchpatenschaft bei den “Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V.”

Wenn Sie Interesse daran haben, dass dieses Buch aus der Sammlung der DP-Literatur  restauriert und damit wieder benutzt werden kann, dann schreiben Sie an freunde@sbb.spk-berlin.de. Gerade weil diese Bücher unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg auf schlechtem Papier gedruckt und viel genutzt wurden, sind viele von ihnen dringend restaurierungsbedürftig. Für Ihre Hilfe, ein bedrohtes Werk vor dem Verfall zu bewahren, erhalten Sie:

  • ein Exlibris aus alterungsbeständigem Papier mit Ihrem Namen oder einem von Ihnen gewünschten Namen,
  • die Möglichkeit, das restaurierte Werk zu besichtigen beim Jahresempfang oder bei einem Termin nach Vereinbarung,
  • eine Spendenbescheinigung für Ihr Finanzamt.

Weitere Hinweise zu Buchpatenschaften und eine große Auswahl an  Patenschaften aus allen Abteilungen der Staatsbibliothek zu Berlin finden Sie auf der Seite der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V. Das Spektrum reicht weit über Bücher hinaus – hier finden Sie auch Noten, Landkarten, Zeitungen, Handschriften.

Kontakt: Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V., Gwendolyn Mertz, Unter den Linden 8, 10117 Berlin, Telefon: 030 – 266 43 8000, Mail: freunde@sbb.spk-Berlin.de

„… im Herzen unsere täglichen Mörder und blutdürstigen Feinde“ – Martin Luther und die Juden

Martin Luthers antijüdisches Pamphlet “Von den Juden und ihren Lügen” in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Andreas Wittenberg.

St. Andreas-Kirche in Eisleben um 1800. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die letzte Reise in seinem Leben führte Martin Luther nach Eisleben. Der wichtigste Grund für diese beschwerliche Fahrt des von Alter und Krankheit bereits schwer gezeichneten Reformators bestand in der Schlichtung von Erbschaftsfragen der untereinander zerstrittenen Mansfelder Grafen. Doch Luther wollte den Besuch in seiner Geburtsstadt auch noch anders nutzen. In einem Brief an seine Frau vom 1. Februar 1546 ist zu lesen, er müsse sich, sobald der Streit der Grafen beigelegt sei, „daran legen, die Juden [aus der Grafschaft Mansfeld] zu vertreiben.“ Es verwundert also nicht, dass Luther in seinen letzten Predigten, die er in der St. Andreas-Kirche zu Eisleben hielt, auch die Besonderheiten des christlichen Glaubens im Unterschied zu den Religionen von „Juden und Türken“ thematisierte.

Luthers Einstellung zum Judentum war im Verlauf seines Lebens nicht stringent und veränderte sich innerhalb von zwei Jahrzehnten grundlegend. Vertrat er noch 1523 die bedingungslose Duldung von Juden inmitten einer christlichen Umwelt, so forderte er zwanzig Jahre später deren Vertreibung aus den christlichen Ländern Europas. Seine Polemik gipfelte in den judenfeindlichen Schriften, die ab 1543 erschienen.

Victor von Karben: Juden Büchlein (Ausgabe 1550). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Während seiner gesamten theologischen Wirkungszeit kam Luther durch das Studium exegetischer Kommentare, die Ausarbeitung von Predigten, das Schreiben von Briefen und vor allem durch seine thematischen Schriften und die Übersetzung des Alten Testaments mit dem Judentum in Berührung. Persönliche Kontakte mit Vertretern dieses Glaubens hatte er allerdings nur wenige. Umso gegenwärtiger waren in dieser Zeit die stereotypen Anschuldigungen, mit denen die Juden konfrontiert wurden und die durch den Buchdruck schnelle und weite Verbreitung fanden. So erschien bereits 1508 in Köln das Juden Büchlein des Victor von Karben, eines zum katholischen Glauben konvertierten Juden und späteren Priesters, der die jüdischen Lebensumstände und Bräuche in Hinblick auf eine „Bekehrung“ beschrieb.

1530 veröffentlichte Antonius Margaritha, ebenfalls ein zum Christentum konvertierter Jude, das Buch Der gantz Jüdisch Glaub. Darin wurden die Zeremonien und Bräuche des Judentums angegriffen. Der Autor schrieb von Wucher und Faulheit und schmähte das jüdische messianische Verständnis.

Antonius Margaritha: Der gantz Jüdisch Glaub (Ausgabe Frankfurt/M., 1544). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Neben Anklagen wegen Hostienschändung, Brunnenvergiftung und Ritualmordes war vor allem die schon alte und weitverbreitete Meinung, die Verfolgung der Juden wäre die Strafe Gottes für die Kreuzigung Christi, im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation bereits seit dem 12./13. Jahrhundert Grundlage für die sogenannte Kammerknechtschaft. Diese gewährte den Juden zwar einerseits einen gewissen Schutz, verlangte aber andererseits dafür die Zahlung von Geld. Im Zuge der Entstehung früher Territorialstaaten wurde dieses Recht an die Landesherren weitergegeben und für diese zu einer nicht unbedeutenden Einnahmequelle. Sozial und ökonomisch waren die Juden auch deshalb isoliert, weil ihnen in den Städten der Zugang zu den christlich geprägten Handwerkszünften bzw. auf dem Lande in der Regel der Erwerb von Grundbesitz verwehrt wurde. Oft blieb als einzig mögliche  Erwerbsquelle nur der Waren- und Geldhandel, zumal für einen Christen noch lange Zeit jede über den geliehenen Betrag hinausgehende Zinsforderung als Sünde galt. Doch gerade diese Tätigkeit brachte wiederum Anfeindungen hervor.

In den Vorlesungen der Jahre 1513/1516 übernahm Luther noch einen Teil der bekannten Vorwürfe. Doch diese Sicht änderte sich und in seiner Schrift aus dem Jahr 1523 Das Jhesus Christus eyn geborner Jude sey bezeichnete er Päpste, Bischöfe, Mönche und Sophisten als grobe Eselsköpfe und Tölpel und gab ihnen die Schuld daran, dass sich die Juden so ablehnend gegenüber dem Christentum verhielten. Die Einstellung des jungen Luther, die ihm von seinen Zeitgenossen den Vorwurf eines zu nachsichtigen Umgangs mit dem Judentum einbrachte, war aber auch zu dieser Zeit nicht frei von Vorurteilen und Widersprüchen.

Luth. 795<bis>: Luth. 3303<ter>, 50 MA 7728 R

Martin Luther: Ein Sermon von dem Wucher (Ausgabe Leipzig 1520), Das Jhesus Christus eyn geborner Jude sey. (Ausgabe Wittenberg 1523), Von den Juden und ihre Lügen (2. Ausgabe Wittenberg 1543). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Einige Jahre später begann sich Luthers Einstellung erneut zu ändern. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass sich seine Hoffnungen, mit der Schrift von 1523 den Juden den durch die Reformation neu gefundenen Christusglauben näher bringen zu können, nicht erfüllt hatten. Luther zog aus dieser „Verweigerung“ den Schluss, die Juden würden auch weiterhin unter dem Zorn Gottes stehen. In den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts scheinen auch einige persönliche Erfahrungen mit jüdischen Zeitgenossen das negative Bild Luthers weiter verfestigt zu haben. So hatte die jüngste Schwester Hartmut von Cronbergs, einem Anhänger der Reformation, heimlich einen Juden geheiratet, der bereits Frau und Kinder hatte. Während eines zeitweiligen Aufenthalts in Wittenberg stand Luther, der die Hintergründe noch nicht kannte, für ein neugeborenes Kind Pate. Nachdem die Familie die Stadt wieder verlassen hatte, wurde der Mann von Verwandten der Frau erstochen. Luther, inzwischen besser informiert, nahm an dieser Selbstjustiz – wie aus Briefen hervorgeht – offenbar keinen Anstoß. Auch in der Überlieferung der lutherischen Tischreden häufen sich nun judenfeindliche Äußerungen. Verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle, u. a. eigene Erfahrungen aus den direkten Begegnungen, ihm mündlich zugetragene Nachrichten sowie persönliche Enttäuschungen und Ängste vor Anschlägen auf sein Leben. Möglicherweise auch der Umstand, dass die Zahl der Juden im mitteldeutschen Raum zu dieser Zeit angestiegen war, weil sie aus anderen europäischen Ländern vertrieben wurden. Ein Vorgehen, das auch Ersamus von Rotterdam, einer der führenden Humanisten der damaligen Zeit, ausdrücklich befürwortete.

Zeitgenössischer Sammelband mit antijüdischen Drucken, Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das in der Lutherausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin gezeigte Exemplar der Schrift Von den Juden und ihren Lügen ist Teil eines offenbar gezielt zum Thema Judentum zusammengestellten zeitgenössischen Sammelbandes, der neben Luthers antijüdischer Schrift Vom Schem Hamphoras auch Margarithas Der gantz Jüdisch Glaub enthält.

Theologisch ordnete Luther das Judentum als Gesetzesreligion ein, sah es schon deshalb mit kritischem Blick, weil es seinem Grundsatz der Rechtfertigung des Menschen allein durch die Gnade Gottes nicht entsprach. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner späten Judenschriften lag eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Alten Testament hinter ihm, jedes Wort hatte er nicht nur im hebräischen Originaltext gelesen, sondern es auch in die deutsche Sprache übertragen. Es ging ihm dabei stets auch um die alttestamentliche Verheißung vom Erscheinen des Messias, die bereits Abraham erhalten hatte und die durch die Propheten gegenüber dem Volke Israel erneuert worden war – der aber bei seinem Erscheinen dann von diesem nicht erkannt wurde. Auch aus dieser Sichtweise erwuchs, in Verbindung mit einer zunehmenden eschatologischen Weltsicht, die Schärfe der antijüdischen Polemik des „späten“ Luther. Hatte er 1523 noch ausdrücklich zurückgewiesen, dass die Juden christliche Kinder töten würden, nahm er diese – und andere Anschuldigungen – 1543 auf. Er stellte die Kammerknechtschaft nicht nur in Frage, sondern forderte die Herrschenden direkt dazu auf kein Geld mehr anzunehmen, da dieses vorher ihren christlichen Untertanen abgepresst worden sei. Der umfangreiche Katalog an „Maßnahmen“, die er der Obrigkeit für den „Kampf gegen die Juden“ empfahl, reichte vom Verbrennen der Synagogen über die Zerstörung der Wohnhäuser und den Einzug des Eigentums sowie der Beschlagnahme der jüdischen Bücher bis hin zur Forderung nach einer generellen Vertreibung aus Deutschland.

Die Haltung Luthers zu den Juden – die heute so unverständlich wie erschreckend wirkt – war zu Lebzeiten des Reformators nicht ungewöhnlich, seine Umgebung teilte weitgehend diese Meinung. Er war der wohl einflussreichste Autor zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum des 16. Jahrhunderts. Die Wahl seiner Sprache, die auch eine direkte Dämonisierung einschloss, war jedoch nicht beispiellos und begegnet so extrem auch bei anderen Themen. Ähnlich scharf griff er andere Gegner an, sei es die Papstkirche, einzelne Personen oder die Türken und Schwärmer.  Doch in der Auseinandersetzung mit den Juden gab es noch einen anderen Aspekt. Die Schrift Von den Juden und ihren Lügen zeigt, dass das früher so unerschütterliche Vertrauen Luthers auf die alleinige Kraft des göttlichen Wortes hier versagte.

So bleibt auch im 500. Jahr der Reformation die Erkenntnis, dass Martin Luther – trotz all seiner Verdienste – weder ein Heiliger noch ein Idol war, sondern schlicht ein Mensch, der sich auch fatal irren konnte.

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie diesen Sammelband mit antijüdischen Drucken zusammen mit vielen anderen spektakulären Zeugnissen der Reformationszeit vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen.