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„Irgendwas stimmt immer nicht“

Klaus Ensikat (nachträglich) zum 80. Geburtstag

Im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe “Kinderbuch im Gespräch” feierte die Kinder- und Jugendbuchabteilung am 3. November nachträglich den 80. Geburtstag des herausragenden Graphikers und Illustrators Klaus Ensikat.

Frau Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Als erste Gratulantin begrüßte Frau Schneider-Kempf, die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, den Jubilar und seine Familie sowie die gut 100 Gäste. Die Leistungen Klaus Ensikats flößten sowohl hinsichtlich des Umfangs seines Schaffens, als auch der höchst anspruchsvollen künstlerischen Ausführung Ehrfurcht ein, bekannte sie. So weise der Katalog der Staatsbibliothek über 200 Bücher nach, die von ihm illustriert wurden, und das Goethe-Institut stelle Ensikat der Welt völlig zu recht als “Bilderzauberer” vor. An anderer Stelle, so schob Frau Schneider-Kempf ein, werde der hier Gefeierte als der “ungekrönte König der Buchillustratoren” bezeichnet. Allein in den letzten zehn Jahren, also im achten Lebensjahrzehnt, seien mehr als 20 Bücher entstanden, darunter so gewichtige Arbeiten wie die von ihm illustrierte Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen und die zweibändige Bibel-Edition im Tulipan Verlag, das Sachbuch „Das Rätsel der Varusschlacht“, für das Ensikat gemeinsam mit dem Verfasser Klaus Korn 2009 den deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Sachbuch erhielt, darüber hinaus fünf literarische Bilderbücher im Kindermann Verlag, zu Texten von Wilhelm Busch, Theodor Storm,  zu Schillers „Räubern“ und Goethes „Osterspaziergang“ sowie der Band „Von Martin Luthers Wittenberger Thesen“.

Carola Pohlmann, die Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, führte die Laudatio fort und rühmte die altmeisterliche Zeichenkunst und handwerkliche Perfektion Klaus Ensikats. Jeder Strich seiner akribischen Federzeichnungen sitze perfekt. Jedes Projekt werde sorgfältig recherchiert, und dieses Wissen bringe Ensikat detailfreudig und immer wieder mit dem typischen verschmitzten Humor in die Darstellungen ein. „Intelligente Akribie“ habe der Bilderbuchexperte Hans ten Doornkaat diese Arbeitsweise genannt. Insgesamt, so resümierte Frau Pohlmann, verwahre die Kinder- und Jugendbuchabteilung etwa 150 Originale seiner Arbeiten als Depositum. Diese stünden der Forschung im Sonderlesesaal der Abteilung zur Verfügung, erfreuten sich aber auch für Ausstellungen weit über das Bundesgebiet hinaus großer Nachfrage.

Dr. Barbara Kindermann. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Über den Zauber, der von den Originalzeichnungen Klaus Ensikats ausgeht, berichtete im Folgenden die Verlegerin Barbara Kindermann. Die Germanistin hatte 1994 einen eigenen Verlag gegründet und im Sommer 2001 den berühmten Illustrator angesprochen, ob sie ihn für ein gemeinsames Projekt – die Illustration des “Faust” in einer Nacherzählung für Kinder – gewinnen könne. Damit, so Frau Kindermann, wurde der Grundstein für eine inzwischen bereits 16 Jahre und sieben Bände umfassende Zusammenarbeit gelegt, und noch immer sei es für sie ein magischer Moment, wenn Herr Ensikat seine fertigen Zeichnungen persönlich vorbeibringe (niemals per Boten!). Sein unverwechselbarer Stil – unzählige feine, akkurate Striche, gleich einem Kupferstich, Schraffuren, gedämpfte Kolorierung – sei aus der Notwendigkeit der anfangs eher unzuverlässigen Drucktechnik der DDR heraus entstanden und habe sie von Beginn an tief beeindruckt. Bei Goethes Osterspaziergang (aus dem wir die Illustration für die Einladung benutzen durften, Anm. d. Verf.) im typischen Aprilwetter “sitzt jedes Hagelkorn an seinem Platz!”, so Frau Kindermann. Auch auf ein schönes Beispiel für Ensikats leisen Humor wies sie hin: In dem bislang jüngsten Produkt ihrer Zusammenarbeit, dem Band Knecht Ruprecht (Text: Theodor Storm), finde sich an einer kahlen Hauswand ein unscheinbares Schild “Nepom. Klein – Grosshandel”. “Na ja,” habe Klaus Ensikat geschmunzelt, “ich dachte, wenn der arme Kerl schon Nepomuk Klein heißt, muss er wenigstens einen Großhandel haben.” Einen Auftrag rundheraus abgelehnt habe Herr Ensikat nie, überlegte die Verlegerin, wohl aber Bedenken geäußert, ob sich Luthers Thesen überhaupt illustrieren ließen – und sie dann mit den fertigen Zeichnungen überrascht. (Ensikat sei niemand, der Illustrationen im Skizzenstadium zeige!) Sie freue sich, dass mit dem Sachbuch Johannes Gutenberg und das Werk der Bücher im Januar 2018 ein weiterer von Klaus Ensikat illustrierter Band in ihrem Verlag erscheine, und hoffe sehr, dass er noch lange weiter mit Freude “stricheln” möge.

Roswitha Budeus-Budde. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Angesichts dieser enormen künstlerischen Arbeitsleistung scheint es kaum vorstellbar, dass Klaus Ensikat möglicherweise noch mehr geschaffen haben könnte, was uns nicht im Druck bekannt ist. Doch mit genau dieser Überraschung wartete die vierte Laudatorin des Abends, die Kinder- und Jugendbuchrezensentin der Süddeutschen Zeitung, Roswitha Budeus-Budde, auf. Tatsächlich fertigte der Künstler Zeichnungen für eine Erzählung über Juri Gagarin an, die am 12. April 2011 zum 50. Jahrestag des ersten bemannten Weltraumflugs erscheinen sollte. Als der in Leipzig ansässige Verlag jedoch merkte, dass der Publikationstermin nicht pünktlich zum Jubiläum zu halten sein würde, sei das Projekt gestrichen worden. Seitdem verwahrt Klaus Ensikat die zehn Illustrationen, von denen drei am Tag nach dieser Veranstaltung in der Süddeutschen Zeitung der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Insbesondere aufgrund der Allegorie des Kalten Krieges, für die Ensikat die Ikonen der russischen Propaganda (Marx, Lenin, Stalin, Sputnik, Leika) den Insignien der amerikanischen Lebensart (Freiheitsstatue, Coca Cola, Mickey Mouse) gegenüberstellte, verorte sie, so Frau Budeus-Budde, den Illustrator durchaus an der Grenze zur Pop-Art. Seine bestechend detaillierten, in ihrer Anmutung geradezu einem Kupferstich gleichen und zuweilen nahezu biedermeierlich wirkenden Zeichnungen kontrastiere Klaus Ensikat stets mit ironischen Zitaten, die das klassische Ambiente der Illustration durchbrächen.

Silva Finger. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Der solchermaßen Geehrte, als zurückhaltender Mensch bekannt, der lieber seine Illustrationen als seine eigene Person im Mittelpunkt des Interesses sieht, schien unter der Last der Lobes immer mehr in sich zusammenzusinken. Die virtuosen Einlagen der Violinistin Silva Finger boten da willkommene Abwechslung und Ablenkung. Frau Finger hatte die Stücke im Vorfeld mit Frau Röder-Ensikat abgestimmt, sie rangierten zwischen der anspruchsvollen für die Geige transponierten Suite für Violoncello Nr. G-Dur von Johann Sebastian Bach bis hin zur fröhlichen Volksweise “Kanârek”, deren Interpretation einen Humor durchblitzen ließ, wie man ihn auch in den Zeichnungen Ensikats findet.

In einem abschließenden Podiumsgespräch gingen Klaus Ensikat und Carola Pohlmann u.a. noch einmal auf die im Zeitungsdruck verwendete Drucktechnik der 50er bis 70er Jahre ein. In diesem Bereich hatte die Laufbahn des Künstlers als Illustrator begonnen, zu einer Zeit, in der die Darstellung von Halbtönen ein großes technisches Problem darstellte, in der gerasterte Schwarz-Weiß-Bilder Usus waren und für farbige Abbildungen für jede der vier Farben (die drei Grundfarben sowie Schwarz) zunächst eine eigene Vorlage erarbeitet werden musste. In dieser Zeit entwickelte Klaus Ensikat seinen unverwechselbaren Stil, um sicherzustellen, dass als Druckbild am Ende eine klare Illustration vorliegen würde – nicht etwa Farbbrei. Hinsichtlich der von ihm illustrierten Themen sei bislang eigentlich kein Wunsch offen geblieben. Auf die Texte Theodor Fontanes angesprochen seufzte Herr Ensikat, Fontane habe doch alles so stimmungsvoll und ausführlich formuliert, dem gebe es als Illustrator nichts hinzuzufügen. “Was vermissen Sie denn bei Fontane?” gab er die Frage geschickt zurück, und Carola Pohlmann, die in Klaus Ensikat einen kongenialen künstlerischen Partner des preußischen Dichters sieht, bekannte: “Mir fehlt bei Fontane eigentlich nichts – nur ab und zu ein Ensikat. Aber: Irgendwas stimmt immer nicht.”

Auftaktfolie der Bildschirmpräsentation
am 3. November 2017

„Man empfindet Unruhe, wenn ein Tier irgendwo auftaucht.“

Am 11. September stellte der Kinderbuchautor und -illustrator Sebastian Meschenmoser im Rahmen des internationalen literaturfestals berlin sein neuestes Werk Die verflixten sieben Geißlein vor und sprach über seine Illustrationen zu der Neuübersetzung von Der Wind in den Weiden. Zu Beginn des Abends führte Carola Pohlmann, die Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, ein kurzes Interview, in welchem Meschenmoser über seine Arbeit als Illustrator und Maler berichtete. Im Anschluss daran las Meschenmoser aus beiden Werken vor und begeisterte mit einigen Live-Zeichnungen.

Sebastian Meschenmoser: Die verflixten sieben Geißlein (2017)

Sebastian Meschenmoser: Die verflixten sieben Geißlein (2017). Mit frdl. Genehmigung des Thienemann-Esslinger Verlags.

Bereits in der Schulzeit stand für Sebastian Meschenmoser das Berufsziel „Kinderbuchillustrator“ fest. Beatrix Potter, Ernest Shepard und der Autor Roald Dahl hätten ihn seit seiner Kindheit fasziniert, bekannte er. Für das Studium der Freien Kunst entschloss er sich dann aufgrund der Überlegung, sich in dem Rahmen frei entfalten und gleichzeitig nebenbei an seinen Illustrationen arbeiten zu können. Heute trennt Meschenmoser klar zwischen beiden Tätigkeiten, der des Künstlers und der des Illustrators. Letztlich ergänze sich aber doch beides, räumte er ein.

Der Arbeitsprozess für einen neuen Band beginnt bei Sebastian Meschenmoser mit den Illustrationen, erst danach schreibt er die Texte zu seinen Geschichten. Lediglich bei Rotkäppchen hat keine Lust ging er in umgekehrter Reihenfolge vor. Das liege daran, erklärte Meschenmoser, dass er sich seine Geschichten in Form von Bildern ausdenke, und deswegen sei es auch nicht verwunderlich, dass seine Bilder mehr erzählen können als der Text selbst. Abschließend erfolge jeweils eine kritische Prüfung durch „Testkinder“, so bekomme er einen Eindruck, wie seine Arbeit aufgenommen werde.

Zu seinem Werk Gordon und Tapir erzählte der Künstler, dass es stark von seinen Erfahrungen in WGs zu Studienzeiten beeinflusst wurde. Er sei sich aber nicht sicher, ob er Pinguin oder Tapir sei. Meschenmoser zeichnet vorzugsweise Tiere, da Leser gegenüber diesen keine Vorurteile hätten oder anders ausgedrückt: „Niemand hat schlechte Erfahrungen mit Tapiren.“ Tiere faszinieren ihn auch deshalb, da man nicht wisse, was in ihnen vorgehe und es eine gewisse Urangst vor Tieren – auch speziell in Räumen – zu geben scheine: „Man empfindet Unruhe, wenn ein Tier irgendwo auftaucht.“ Während seines Studiums in Mainz betrieb Meschenmoser Tierstudien im Frankfurter Zoo. Als Protagonisten seiner Geschichten wählt er heute nach Möglichkeit Tiere aus, die dem Charakter der Figuren entsprechen. Sich selbst dagegen, so Meschenmoser, zeichne man eigentlich eher aus Versehen. In dem Band Die verflixten sieben Geißlein habe er dagegen durchaus Spielzeuge seiner eigenen Kindheit verarbeitet. Auch eine ganz bestimmte Palme, die im Laufe der Jahre mitgewachsen sei, finde sich in seinen Büchern immer wieder.

Der Wind in den Weiden / illustriert von Sebastian Meschenmoser. (2017)

Der Wind in den Weiden / illustriert von Sebastian Meschenmoser. (2017). Mit frdl. Genehmigung des NordSüd-Verlags.

Um sich für die von Sybil Gräfin Schönfeld neu übersetzte Ausgabe von Der Wind in den Weiden inspirieren zu lassen, suchte Meschenmoser nach Bildideen in früheren Ausgaben des Klassikers von Kenneth Grahame. Als Beispiel nannte er die eher düster wirkenden Illustrationen Robert Ingpens. Meschenmoser hingegen wollte eine eher leichte Seite der Geschichte hervorheben.

Das Besondere an diesem Werk liegt im Wechsel zwischen Öl und Aquarell. Jedes Kapitel ist mit jeweils einem Ölbild sowie einigen Aquarellen ausgestattet. Meschenmoser erklärte, dass er die Leser dadurch bewusst irritieren wolle, um die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Als eine Art Testlauf betrachtete er insofern den Band Herr Eichhorn und der König des Waldes, in dem er erstmals einige Ölbilder verwendete. Eine spezielle Schwierigkeit, Grahames Roman zu illustrieren, habe darin bestanden, das Verhältnis Tier-Mensch-Tier umzusetzen, da es neben den Tieren als Charaktere auch Nutztiere gab und es galt, diesen Unterschied auch bildlich klarzumachen.

Sebastian Meschenmoser zeichnet Kröterich zur Lesung von Carola Pohlmann.

Das abschließende Highlight des Abends waren die Live-Zeichnungen von Kröterich und von Herrn Dachs, die Sebastian Meschenmoser anfertigte, während Carola Pohlmann aus dem Kapitel „Kröterichs Abenteuer“ vorlas. Besonders Kröterich hatte es Sebastian Meschenmoser während der Arbeit an den Illustrationen angetan, da er interessant zu zeichnen war. Ein besonderes Merkmal von Herrn Dachs ist sein Rauschebart, der sehr an Harry Rowohlt erinnert, was der Künstler dadurch erklärte, dass er während seiner Arbeit stets dem Hörbuch zu Der Wind in den Weiden gelauscht habe. Sprecher: Harry Rowohlt.

 

Text: Salome Berhanu

Der goldene Käfig. Prächtiges Federvieh von Carll Cneut

Ein Rückblick auf die Ausstellung vom 7. bis 17. September sowie den Gesprächsabend am 13. September 2016

Ankunft der Illustrationen Carll Cneuts in der Staatsbibliothek. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Müller CC NC-BY-SA

Ankunft der Illustrationen Carll Cneuts in der Staatsbibliothek. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Müller CC NC-BY-SA

Der Besuch des vielfach ausgezeichneten flämischen Illustrators Carll Cneut und seiner Werke, insbesondere zu dem Bilderbuch „Der goldene Käfig“, sorgten im „goldenen Bücherschiff“ am Potsdamer Platz für zahlreiche erfreuliche Überraschungen.

Es begann mit der Zusendung der Originalillustrationen für die Ausstellung im Foyer. Die Auswahl des Künstlers war sehr großzügig. Und da Carll Cneut seine Buchillustrationen nicht als eine Sammlung von Gebrauchsgrafiken, sondern jede einzelne als individuelles Kunstwerk versteht, ging jedes Bild in seinem in Stil und Farbe individuellen Rahmen auf die Reise. Um allerdings möglichst viele von ihnen in den Vitrinen im Foyer zeigen zu können, mussten einige Werke vorsichtig ausgerahmt werden.

Diese wurden tagsüber, da es sich um eine Veranstaltung in Kooperation mit dem internationalen literaturfestival berlin (ilb) handelte, von einigen Volontärinnen des ilb beaufsichtigt. Sehr freundlich und mit großem Enthusiasmus gingen sie auf die Besucher zu und informierten über die Ausstellung – ein Luxus, den wir uns sonst leider nicht leisten können.

Aufbau der Ausstellung. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/J. Lausch CC NC-BY-SA

Aufbau der Ausstellung. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/J. Lausch CC NC-BY-SA

Am Abend des 13. September blieb der Dietrich-Bonhoeffer-Saal zunächst denn auch erstaunlich leer. Die Besucher des Gesprächsabends mit Carll Cneut standen im Foyer, erfreuten sich an der Ausstellung und vertieften sich ins Gespräch. Die opulenten Bilder des „bibliophilen Gesamtkunstwerks“, wie Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung,  kurz darauf vor den gut gefüllten Reihen des Vortragssaals aus der Jurybegründung für die Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis zitierte, hatte alle in den Bann gezogen.

Dieser Sog verstärkte sich noch, als Carll Cneut – auf Flämisch – und Carola Pohlmann – auf Deutsch – die ersten Seiten des Bilderbuchs zur entsprechenden Beamer-Präsentation vorlasen. (Der Künstler wäre auch ein hervorragender Hörbuchsprecher!)

Nur ungern kehrte man, gerade nachdem die Erzählung sich dem Höhepunkt der Spannungskurve näherte, in die Realität zurück, wurde jedoch gleich in der Folge von den bunten Lebensgeschichten Carll Cneuts, genial übersetzt von Rosalie Förster, mitgerissen. Ein Künstler, der als Kind vor allem Märchenbücher liebte, die er sich mit Sammelpunkten zusammensparte. Dessen Liebe zu Spaghetti schließlich zur frühen künstlerischen Prägung durch Kunstdrucke James Ensors führte, eine Sammelpunkt-Werbeaktion der Nudelfirma Soubry. Ein Illustrator, der nie Illustrator werden wollte und schon an der Hochschule, dem Sint-Lucas-Institut in Gent, regelmäßig durch die entsprechenden Fachprüfungen fiel. Ein begeisterter Werbegraphiker, der als Berufsanfänger mit Vorliebe Tiefkühlnahrung für den russischen Markt bewarb. Spezialität: Primavera – Frühlingssalat.

Die Podiumsrunde: Carll Cneut, Rosalie Förster, Carola Pohlmann. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Die Podiumsrunde: Carll Cneut, Rosalie Förster, Carola Pohlmann. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Am Einstieg in die Illustration waren eine verzweifelte Nachbarin und ein weißer Fleck in dem von ihr betreuten Magazin „Flair“ schuld. Nach einiger Überredung füllte Cneut die leere Stelle mit einer Illustration. Das Prozedere wiederholte sich gleich in der nächsten Woche – und in der übernächsten. Es stellte sich heraus, dass der eigentlich zuständige Illustrator sich das Handgelenk gebrochen hatte. Nach drei Wochen lud der Herausgeber der „Flair“ Carll Cneut nach Antwerpen ein. Er warf ihm angesichts seiner realistischen Darstellungsweise von Frauenfiguren (groß/klein, dick/dünn) Frauenfeindlichkeit vor und verbat sich jegliche weitere Mitarbeit. Am nächsten Tag, als hätte das Schicksal diese ungerechtfertigte Kritik und das undankbare Verhalten strafen wollen, war er tot. „Ein Herzinfarkt beim Fahrradfahren, hätte jederzeit passieren können“, beteuerte Cneut, dessen Illustratorenkarriere damit zunächst einmal beendet war.

Ein weiterer Zufall bescherte ihm dann die erste Zusammenarbeit mit Geert de Kockere, zu dem Zeitpunkt bereits ein bekannter belgischer Kinderbuchautor und –lyriker. Bei der Besprechung einer neuen Werbekampagne war Cneut eine alte Illustration aus der Mappe gerutscht, die er seinerzeit für die „Flair“ gezeichnet hatte. Die Marketingspezialistin vermittelte ihn daraufhin an ihren Bruder, der Kinderbücher verlegte. Allerdings stießen die ersten beiden Illustrationen, die Cneut für Gedichte de Kockeres anfertigte, nicht auf die Gegenliebe des Lyrikers. Er beschwerte sich jeweils prompt per Fax, obgleich sich Cneut Mühe gegeben hatte, lustige Gesichter zu zeichnen, wie er sie für ein junges Publikum für passend hielt. Dem Künstler wurde eine dritte und definitiv letzte Chance eingeräumt. Diese nutzte er, indem er zwei Varianten einreichte: eine, von der er vermutete, dass man sie in dieser Form für Kinder erwarten würde, und eine, die er so gestaltete, wie es ihm persönlich am besten gefiel. De Kockere meldete sich wiederum postwendend per Fax. Er freute sich über die zweite Variante und schlug die Zusammenarbeit für ein Kinderbuch vor.

Inzwischen illustriert Carll Cneut seit zwei Jahrzehnten höchst erfolgreich vornehmlich Kinderbücher. Dabei hat sich eine relativ feste Vorgehensweise etabliert:

Carll Cneut. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Carll Cneut. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Der Illustrator liest zunächst den Text. Dabei ist es ihm wichtig, dass er den Autor oder die Autorin kennt und mag und dass die Urheber des Textes ihm vertrauen und ihr Werk „loslassen“ können. Schließlich übernimmt Cneut auch die Aufteilung des Textes und entscheidet über graphische Hervorhebungen.

Danach müssen die Ideen reifen. Das könne mehrere Monate, ein Jahr – oder auch mal fünf Jahre dauern, schmunzelte Cneut. Er beginne dann herumzuprobieren, und an dem Punkt packe ihn immer wieder die Panik, nicht rechtzeitig fertigzuwerden. Innerhalb von drei bis vier Monaten fertigt er die Skizzen sehr exakt und präzise mit Bleistift an. Letztlich entsteht ein Dummy des zukünftigen Buches.

Der Illustrator zeigt dem Autor die Skizzen, für den Fall, dass es massive Einwände geben sollte. Allerdings, überlegte Cneut, komme das eigentlich nie vor. Er habe sich von Anfang an eine sehr eigenständige Arbeitsweise angewöhnt.

Auf der Grundlage dieser Skizzen fertigt er anschließend die eigentlichen Illustrationen auf dickem Zeichenpapier („Steinbach, 300g!“) an. Lage für Lage arbeitet sich Cneut von den dunkleren zu den helleren Farben vor. Auch die handschriftlichen Passagen des Textes gehören dazu, auch für die Textfassungen von Übersetzungen, sofern es sich nicht um eine spanische oder polnische Ausgabe handelt. Das sei ihm dann doch zu kompliziert.

Wenn der Künstler im Verlauf des Entstehungsprozesses einen Punkt erreicht, an dem er selbst einigermaßen zufrieden ist, ruft er seine Verlegerin an. Diese wohnt nur 200 Meter entfernt. Sie weiß, dass eine solche Einladung, eben einmal gucken zu kommen, ihre einzige Chance sein wird, vor der Fertigstellung des Buches etwas zu sehen zu bekommen. Das weitere Ritual, das sich in stillschweigendem Einverständnis in den letzten zwanzig Jahren herausgebildet hat, sieht vor, dass sie lobt: „Das ist SEHR schön!“ – und er dann beflügelt weitermalt. Schließlich schickt er seine Gemälde an den Verlag. Dort werden sie gescannt, eine weitere Bearbeitung findet danach nicht mehr statt.

Illustration aus "Der goldene Käfig" von Carll Cneut. - Mit frdl. Genehmigung des Bohem Verlags

Illustration aus “Der goldene Käfig” von Carll Cneut. – Mit frdl. Genehmigung des Bohem Verlags

An dem Bilderbuch „Der goldene Käfig“ arbeitete Carll Cneut ein Jahr und vier Monate. Das Buch wurde 2015 mit dem flämischen Culturrprijs voor de Letteren ausgezeichnet („Den Preis bekommen sonst nur große Romanautoren. Ich hielt den Anruf also zunächst für einen Scherz und legte wieder auf.“), und es befindet sich aktuell auf der Liste der Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016. Dass ein solcher Titel, der sich mit einem schwierigen, dunklen Thema der Kindheit (Grausamkeit eines vernachlässigten Kindes) beschäftigt, zuerst von einem flämischen Verlag herausgebracht wurde, ist nicht ungewöhnlich. Flandern umfasst zwar ein recht kleines Sprachgebiet, durch eine intensive staatliche Förderung von Buchprojekten sind jedoch auch wirtschaftlich riskantere Verlagsaktivitäten möglich. Insofern verfügt Flandern, wie u.a. auch Schweden, über ein sehr vielfältiges Kinder- und Jugendliteraturangebot. Deutsche Verlage übernehmen häufig solche innovativen Bücher aus skandinavischen Ländern, bzw. aus Belgien und den Niederlanden in ihre Programme.

Die Frage aus dem Publikum, warum denn in „Der goldene Käfig“ nur Gelb-, Rot- und Orangetöne sowie Schwarz und Weiß vorherrschen, aber z.B. kein Blau, parierte Cneut spontan flämisch: „Ik heb mijn gele fase!“ Tatsächlich, erläuterte er anschließend, habe jede Geschichte für ihn eine Hauptfarbe, um die er dann alles andere herumgruppiere.

Eine weitere Publikumsfrage verdeutlichte die Begeisterung für Cneuts Illustrationen quer durch alle Altersschichten: „Gibt es schon jemanden, der eine Ihrer Illustrationen als Tattoo trägt?“ Carll Cneut lachte: „Ja, und ich sollte es sogar selber stechen!“ Das habe er dann aber doch abgelehnt, sowohl für den gewünschten Totenschädel als auch für den Vogel.

Carll Cneut signiert - auf Papier, nicht als Tattoo! - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Carll Cneut signiert – auf Papier, nicht als Tattoo! – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Die Pläne für die nächsten Jahre sind vielfältig und anspruchsvoll. Für 2017 hat Carll Cneut einer Galerie eine Ausstellung freier Arbeiten versprochen. (Eine Ausstellung von Illustrationen begeisterte in Flandern jüngst 50.000 Besucher, gerechnet hatte der Künstler mit „vielleicht 5.000“. Tatsächlich zählte aber rein rechnerisch fast jeder hundertste Einwohner Flanderns zu den Besuchern!) Außerdem will Cneut bis 2021 sämtliche Märchen der Brüder Grimm und Andersens illustrieren! Dazu soll eine große Ausstellung stattfinden. Alle diese Vorhaben sind bereits vertraglich festgehalten und verursachen bei den Rezipienten bereits große Vorfreude, beim Künstler selbst jedoch immer wieder Panikanflüge unterschiedlicher Intensität. Eins steht für Carll Cneut jedoch unverrückbar fest: Das Buch mit seinen Bildern muss seine Leser finden, nicht umgekehrt. Auf die Frage, ob er je noch einmal etwas speziell für Kinder illustrieren wolle, lautete die Antwort: „Nein, das letzte Mal gab’s ja immerhin einen Toten!“

Christoph Rieger (ilb). - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Christoph Rieger (ilb). – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Am Ende dieses ebenso informativen wie unterhaltsamen Abends bleibt zu hoffen, dass es sich um den Auftakt zu einer langen Reihe gemeinsamer Veranstaltungen der Staatsbibliothek mit dem ilb gehandelt haben möge; eine Absicht, die bereits eingangs von Christoph Rieger, dem Programmleiter Internationale Kinder- und Jugendliteratur des ilb, als auch von Carola Pohlmann formuliert wurde.