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„Schönheit im Buch regt zum Lesen an …“ – Zum 100. Geburtstag von Werner Klemke

„Schönheit im Buch regt zum Lesen an – Schönheit im Buch erleichtert das Lesen.“  So schrieb Werner Klemke vor fünfzig Jahren in der Modezeitschrift Sibylle (Heft 1, 1967). Im Rahmen jenes Beitrags innerhalb der Serie „Kurze Betrachtung über illustrierte Bücher“ resümierte er außerdem:

Bundesarchiv, Bild 183-F0310-0055-001 / Hochneder, Christa / CC-BY-SA 3.0
(https://commons.wikimedia.org/wiki /File:Bundesarchiv_Bild_183-F0310-0055-001, _Berlin,_50._Geburtstag_Werner_Klemke.jpg)
Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

 

 

„Unbrauchbar macht man ein Buch durch sinnlos dazugefügte Kunstwerke, und hätten sie auch noch so viel Qualität. Gebrauchsunfähig macht man es durch aufwendige und durch nichts begründete Typographie. Es ist damit wie mit dem Make-up oder dem Parfümieren. Merkt man’s erst, war’s schon zuviel. Es ist das Einfache, das schwer zu machen ist, das Natürliche und nicht das Ausgefallene, das Aufgedonnerte.“

Fünf Jahre nach dem Tod Werner Klemkes präsentierte die Staatsbibliothek zu Berlin in Zusammenarbeit mit der Pirckheimer-Gesellschaft e.V. eine Ausstellung zu Ehren des engagierten Künstlers und Ehrenlesers der Staatsbibliothek. Unter dem Titel „Brauchbar – unbrauchbar“ wurden Klemkes Betrachtungen ein weiteres Mal im gemeinsamen Ausstellungskatalog (Werner Klemke : 1917 – 1994 ; „Wie man Bücher durch Kunst (un-?)brauchbar machen kann“) publiziert.

Heute, weitere achtzehn Jahre später, zum 100. Geburtstag von Werner Klemke haben diese Aussagen nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Die Maxime, von denen sich der vielfach ausgezeichnete Künstler zeitlebens leiten ließ, offenbaren sich in den von ihm gestalteten Büchern, von denen siebzehn – von Boccaccios Dekameron einmal abgesehen alles Kinderbücher – bis heute verlegt werden. Titel wie „Hirsch Heinrich“, „Die Schwalbenchristine“, „Das Wolkenschaf“ und Klemkes berühmte Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ sind mittlerweile über drei Generationen sowie in Ost und West bekannt. (Die vollständige Liste findet sich am Ende dieses Beitrags.)

Widmung von Werner Klemke für Renate Gollmitz auf dem Vorsatz ihres Exemplars der „Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ (20.04.1967), Schenkung von Frau Gollmitz an die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. – Mit frdl. Genehmigung der Erbengemeinschaft Klemke

Der Beltz Verlag, als Nachfolger des Kinderbuchverlags, dem ehemaligen kinderliterarischen Hausverlag Werner Klemkes, feiert dessen 100. Geburtstag mit einem Märchenband, den bislang unveröffentlichte Illustrationen des Künstlers zieren. Werner Klemke hatte in den frühen siebziger Jahren an einer illustrierten Ausgabe der Märchen Hans Christian Andersens gearbeitet, der von der Öffentlichkeit gespannt erwartete Band erschien jedoch leider nicht.

So wie die Andersen-Illustrationen in diesem Jahr posthum für viel Freude sorgen werden, überraschte und erfreute der Fund des Archivs der Jüdischen Gemeinde von Bussum, nahe Amsterdam, vor fast sechs Jahren, indem er Aufschluss über die bis dahin gänzlich unbekannten Aktivitäten Werner Klemkes während seiner Zeit als Wehrmachtsoldat im Zweiten Weltkrieg gab. Der damalige Trickfilmzeichner Klemke war 1939 eingezogen und in eine Schreibstube an der Westfront beordert worden. Dort nutzte er sein künstlerisches Talent, neben der gelegentlichen Ausstellung von Urlaubsscheinen für die Kameraden,  zur überzeugenden Nachahmung von Lebensmittelkarten sowie zur Fälschung von Ausweisen jüdischer Einwohner, denen er damit das Leben rettete. Die meisterliche Beherrschung des Holzschnitts, die den Gefreiten befähigte, jeden benötigten Stempel herzustellen, half etwa 300 Verfolgten des NS-Regimes. Doch erst der Dokumentarfilm „Treffpunkt Erasmus“, der im Zuge des Archivfunds entstand, beleuchtete dieses bislang unbekannte Kapitel im Leben Klemkes.

Der Künstler und Buchliebhaber selbst schwieg darüber und entwickelte sich nach Kriegsende zu dem wohl renommiertesten Büchermacher der DDR. Den ersten großen Auftrag, ein Buch für den Ost-Berliner Verlag Volk und Welt zu gestalten, erhielt Werner Klemke bereits 1948. Diesem folgten in schneller Folge weitere und begründeten seinen hervorragenden Ruf, der ihn wiederum 1951 an die spätere Kunsthochschule Weißensee führte. Nur fünf Jahre später wurde ihm die Professur für Buchgrafik und Typographie übertragen. In den folgenden drei Jahrzehnten, bis 1988 ein zweiter Schlaganfall in kurzer Folge seine künstlerische Karriere beendete, wirkte Werner Klemke an der Gestaltung – sei es die Ausstattung, sei es die Illustration – von über 800 Büchern mit. Die Vielfalt der von ihm beherrschten künstlerischen Techniken ist ebenso beeindruckend wie die Anzahl der nationalen und auch internationalen Auszeichnungen, die er im Laufe seines Berufslebens erhielt. Seine Arbeiten für Kinderbücher wurden regelmäßig mit dem Prädikat „Schönstes Buch der DDR“ ausgezeichnet.

Zusammen u.a. mit Bruno Kaiser und Horst Kunze gründete Werner Klemke 1956 die Bibliophilenvereinigung Pirckheimer-Gesellschaft. Nicht zuletzt aufgrund dieser persönlichen Freundschaften waren auch der Künstler und die damalige Deutsche Staatsbibliothek (DSB) einander sehr verbunden. Klemke gestaltete unentgeltlich verschiedene Publikationen der Bibliothek, darunter auch mehrere Veröffentlichungen der von Horst Kunze gegründeten Kinder- und Jugendbuchabteilung. Im Gegenzug wurde er zum Ehrenleser ernannt, eine seltene Auszeichnung, die mit freiem Magazinzugang und Sonderkonditionen hinsichtlich der Ausleihe verbunden war.

Die Staatsbibliothek besitzt eine nahezu vollständige Sammlung der gedruckten Werke von Werner Klemke, die laufend durch aktuelle Veröffentlichungen ergänzt wird. Der künstlerische Nachlass befindet sich im Klingspor-Museum für Buch- und Schriftkunst in Offenbach am Main. Durch den Nachlass seines Freundes Horst Kunze, dem ehemaligen Direktor der DSB, sowie die Bibliothek Bruno Kaisers, der nach dem Krieg zunächst als Abteilungsdirektor an der DSB gewirkt hatte,  gelangten jedoch auch einige Originale des Künstlers in die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek. Sie gehören zur Sammlung der Originalillustrationen und werden dort, wie auch die besonders kunstvolle Widmung Klemkes in dem persönlichen Märchenbuchexemplar unserer ehemaligen Kollegin Renate Gollmitz, in Ehren gehalten.

Zeichnung von Werner Klemke für Renate Gollmitz auf dem hinteren Vorsatz ihres Exemplars der „Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ . – Mit frdl. Genehmigung der Erbengemeinschaft Klemke

Derzeit im Buchhandel verfügbar:

Kinderbücher

  • Bootsmann auf der Scholle / Text: Benno Pludra. Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2015
  • Hirsch Heinrich / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2016
  • Karlchen Duckdich / Text: Alfred Wellm. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2013
  • Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm / Text: Jacob und Wilhelm Grimm. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2012 (mit Schuber) und 2016 (ohne Schuber)
  • Ein kurzweilig Lesen von Till Eulenspiegel / Text: Gerhard Steiner. – Anaconda Verlag, 2012
  • Lütt Matten und die weiße Muschel / Benno Pludra. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2016
  • Das Pferdemädchen / Text: Alfred Wellm. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2012
  • Der Räuberhase / Text: Alfred Könner. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2014
  • Die Schwalbenchristine / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2016
  • Die Schwarze Mühle / Text: Jurij Brězan. – Domowina, 2012
  • Ein Teufel namens Fidibus / Text: Günter Spang. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2014
  • Wie Mauz und Hoppel Freunde wurden / Text: Walter Krumbach. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2017
  • Wir haben keinen Löwen / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2011
  • Das Wolkenschaf / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2015
  • Ein Wolkentier und nochmal 4 / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2009

Zudem eine nachträgliche Zusammenstellung von Bildergeschichten:

  • Lutz, Evchen und Herr Kannitverstahn. – (Klassiker der DDR-Bildgeschichte ; 30). – Holzhof Verlag, 2015

Erwachsenenliteratur

  • Das Dekameron / Text: Giovanni Boccaccio. – Lambert Schneider, 2015
  • Heiteres und Besinnliches von Lessing / Einleitung von Dieter Fratzke. – Lessing-Museum Kamenz, 1990

Werkstattgespräch zur Materialität von Spielbilderbüchern am 2.2.

Werkstattgespräch
Kein Kinderspiel. Spiel- und Verwandlungsbilderbücher vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Dienstag, 02. Februar
18.15 Uhr
Konferenzraum 4, Haus Unter den Linden
Treffpunkt: Eingangsbereich (Rotunde)
Anmeldung

– Carola Pohlmann, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz –

Der Vortrag beschreibt Entwicklungstendenzen von Spielbilderbüchern vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, analysiert die vielfältigen Bezüge zwischen Buch und Spiel, behandelt Übergangsformen vom Buch zum Spielobjekt und weist auf Besonderheiten in der Gestaltung und Produktion von Spiel- und Verwandlungsbilderbüchern hin.

Eine Veranstaltung aus der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

Weitere Termine der Wissenswerkstatt

Die Bilderbuchkünstlerin Lou Scheper-Berkenkamp – Vortrag am 17.11.15 in der Staatsbibliothek

 

„Sie war ihrer Zeit zu weit voraus.“ So könnte das Fazit des Vortrags der Kinderbuchforscherin und -Sammlerin Dr. Barbara Murken über das Schaffen der Bauhaus-Künstlerin Lou Scheper-Berkenkamp als Bilderbuchautorin und -illustratorin lauten. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kinderbuch im Gespräch“ hatte die Kinder- und Jugendbuchabteilung am 17.11. in den Simón-Bolivar-Saal geladen. Vor einem fünfzigköpfigen Fachpublikum, Illustratoren, Autoren und Forscher, darunter auch Dr. Dirk Scheper, der jüngste Sohn der Künstlerin, präsentierte Dr. Murken in einem spannenden, kenntnisreichen Vortrag ein facettenreiches Bild dieser vielseitigen Künstlerin. Über viele Jahre war Lou Scheper-Berkenkamp weitgehend in Vergessenheit geratenen, doch seit der Personalausstellung, die vom 31.10.2012 bis zum 14.1.2013 im Bauhaus-Archiv Berlin gezeigt wurde und dank der intensiven Forschungsarbeit von Dr. Barbara Murken findet gegenwärtig eine Wiederentdeckung der Bauhauskünstlerin statt. 

Lou Scheper-Berkenkamp hatte von 1920 bis 1922 am Bauhaus in Weimar studiert und ihre dortige Ausbildung nach der Hochzeit mit ihrem Kommilitonen Hinnerk Scheper aufgegeben. Ihre künstlerischen Aktivitäten führte sie jedoch, soweit es die jeweiligen familiären Umstände zuließen, stets fort. In diesem Zuge entstanden bereits in den frühen 30er Jahren fantasievolle Bildergeschichten, die hinsichtlich ihrer kreativen, farbenfrohen Schriftgestaltung wenig mit dem Funktionalismus des Bauhaus gemein hatten. Lou Scheper-Berkenkamp war ihrer Zeit damit voraus, auch noch 1948, als endlich die ersten dieser Bilderbücher gedruckt werden konnten. Nach vier Titeln sah sich der progressive Leipziger Verlag Wunderlich gezwungen, die Zusammenarbeit wegen des ausbleibenden wirtschaftlichen Erfolgs zu beenden. Lou Scheper war jedoch weiterhin erfolgreich als freischaffende Künstlerin tätig. 1957, nach dem frühen Tod ihres Mannes, kehrte sie zudem zu ihren künstlerischen Wurzeln, der Farbgestaltung im Bereich der Architektur, zurück. Sie übernahm Hinnerk Schepers Aufgaben in der aufstrebenden West-Berliner Architekturszene. Unter anderem zeichnete sie für die ursprüngliche Farbgestaltung der Philharmonie verantwortlich und arbeitete bis zu ihrem Tod 1976 an den Farbkonzepten für die Staatsbibliothek.

Ein weiterer Höhepunkt war die Vorstellung des frisch im Verlag BibSpider erschienenen Titels „Kinder- und Jugendliteratur: Sammeln und erwerben“, den Carola Pohlmann, die Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, herausgegeben hat. Dieser vielfältige Band wurde durch eine frühere Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Kinderbuch im Gespräch“ angeregt.

Eine kleine Vitrinenausstellung zum Wirken Lou Scheper-Berkenkamps rundete die Veranstaltung ab.

Ein Resümee von Sigrun Putjenter, stellvertretende Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin