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Ausschnitt aus dem Nürnberger Plakatdruck der 95 Thesen, 1517 | Quelle: Digitale Bibliothek der Staatsbibliothek zu Berlin - PK || CC BY-SA-NC 3.0

Werkstattgespräch zur Neugestaltung der Lutherbibel am 7.2.

Wissenswerkstatt
95 Thesen zur Neugestaltung der Lutherbibel
Werkstattgespräch mit Prof. Friedrich Forssman, Kassel / Fachhochschule Potsdam
Dienstag 7. Februar 2017
18.15 Uhr
Otto-Braun-Saal
Haus Potsdamer Straße 33
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Zum Luther-Jubiläumsjahr 2017 erscheint eine Neuausgabe der Lutherbibel mit der ersten Neugestaltung seit 1982. Friedrich Forssman spricht über das ganze und die Details und über Buchgestaltung im Allgemeinen am Beispiel einer besonders vielschichtigen Aufgabe.

Veranstaltungshinweis:
Am 3. Februar wird in der Staatsbibliothek die Ausstellung
„BIBEL – THESEN – PROPAGANDA. Die Reformation erzählt in 95 Objekten
eröffnet und am 7. Februar bis 20.30 Uhr geöffnet sein.

 

Eine Veranstaltung der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit

Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.

Acht Lieder – die Geburt des evangelischen Kirchengesangbuchs

Das Achtliederbuch und weitere frühe Gesangbuchdrucke der Reformationszeit in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Titelblatt des Achtliederbuchs. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luthers Lieder wurden zunächst als Flugblätter verbreitet, um die neuen Lehren schnell bekannt zu machen. Doch schon 1524 erschienen mit dem Achtliederbuch, dem Erfurter Enchiridion und dem mehrstimmigen Gesangbüchlein Johann Walters gleich drei verschiedene Sammlungen seiner und anderer reformatorischer Lieder, die zum Teil umgehend nachgedruckt wurden.

Das Achtliederbuch wurde bereits um die Jahreswende 1523/1524 publiziert und kann gewissermaßen als Vorläufer aller evangelischen Gesangbücher gelten. Allerdings handelt es sich hier noch nicht um ein planvoll zusammengestelltes Kirchengesangbuch, sondern vielmehr um eine von dem Nürnberger Drucker Jobst Gutknecht veranstaltete Sammlung verschiedener als Flugdrucke kursierender Lieder. Um seine Identität nicht preiszugeben, gibt Gutknecht als Impressum „Wittenberg. M.DXXiiij.“ an, Angaben zum Drucker fehlen.

Das kleine Büchlein mit dem umfänglichen Titel „Etlich Cristlich lider Lobgesang und Psalm dem rainen wort Gottes gemeß auß der heyligen schrifft durch mancherley hochgelerter gemacht in der Kirchen zu singen wie es dann zum tayl berayt zu Wittenberg in uebung ist“ enthält vier Lieder von Martin Luther (1 sowie 5-7), dazwischen drei von Paulus Speratus (2-4) und schließt mit einem eventuell Justus Jonas zuzuschreibenden Lied (8):

1) Ein Christenlichs lied Doctoris Martini Luthers, die unaussprechliche gnaden Gottes und des rechten Glaubens begreyffendt. – Nun frewt euch lieben Christen gmein (mit Noten, datiert 1523)

2) Ein lied vom gesetz und glauben, gewaltigklich mit götlicher schrifft verlegt, Doctoris Pauli Sperati. – Es ist das hayl uns kummen her (mit ausführlicher Angabe der zugrunde liegenden Bibelstellen und Noten, datiert 1523)

3) Ein gesang Doct. Sperati, zu bekennen den glauben, mit anzaygung der schrifft, alts unnd news Testaments, wo ein yeder artickel des glaubens, in ir gegründt ist, nach außweysung der buchstaben verzeychet. – In Got, gelaub ich das er hat (mit Noten, datiert 1524)

4) Ein gesang Doct. Sperati, zu bitten umb volgung der besserung, auß dem wort Gottes. – Hilff got, wie ist der menschen not (datiert 1524)

5-7) Der xi. Psalm. Salvum me fac: Ach got von hymel sihe darein (mit Noten, geltend für alle drei Psalmlieder). – Der xiii. Psalm. Dixit insipiens: Es spricht der unweysen mundt wol. – Der Psalm De profundis: Auß tieffer not schrey ich zu dir.

8) Ein fast Christlichs lied vom waren glauben, und rechter lieb Gottes und des nechsten. – In Jesus namen heben wir an (mit Noten, zweistimmig, je zwei Zeilen, notiert im Tenor- und Altschlüssel)

Ein melodisches Ungeheuer?

Zweistimmige Melodie zu „In Jesus Namen heben wir an“ aus dem Achtliederbuch. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Fünf Melodien für die acht Lieder wurden in den Druck aufgenommen – wegen des damit verbundenen Aufwandes durchaus nicht selbstverständlich und Ausdruck des musikalischen Gestaltungswillens der Anhänger Luthers.

Allerdings kam es dabei auch zu musikalischen Missverständnissen: Die Melodie zum achten Lied In Jesus Namen heben wir an gab der Wissenschaft lange Zeit Rätsel auf, die erst der Hymnologe Konrad Ameln 1978 überzeugend lösen konnte. Hundert Jahre zuvor bewertete der Volksliedforscher und -sammler Franz Magnus Böhme in seinem Altdeutschen Liederbuch (1877) die vierzeilige Musiknotation als „melodisches Ungeheuer, mit Tenor- und Altschlüssel notiert“; dabei handele es sich – so Böhme – um die Begleitstimme eines mehrstimmigen Satzes, die durch ein Versehen des Setzers hierhin geraten sei, während die eigentliche Hauptstimme fehle. Für Böhme war klar, dass dieser unsingbare „Notenhaufen“ ein Grund dafür war, dass In Jesus Namen heben wir an als einziges der acht Lieder nicht in Johann Walters mehrstimmiges Gesangbüchlein von 1524 aufgenommen wurde. Gleichzeitig stellte Böhme fest, dass auch die im Erfurter Enchiridion zu diesem Lied gedruckte Melodie „durch ihren ungeheuren Tonumfang und gesuchte Rhythmen“ ebenfalls nicht gut singbar und wenig volkstümlich sei.

Erst Konrad Ameln erkannte, dass es sich im Achtliederbuch um eine zweizeilige Hauptmelodie im Tenorschlüssel mit einer ebenfalls zweizeiligen Oberstimme im Altschlüssel handelte, die für eine damals bei Bergleuten beliebte Form improvisierter Mehrstimmigkeit typisch war. Die ins Erfurter Enchiridion aufgenommene, wenig eingängige Melodie beruht dagegen auf einem Hörfehler: offenbar wurde hier versehentlich die durchdringendere Oberstimme statt der eigentlichen Hauptstimme nach dem Gehör notiert und an die Erfurter Drucker übermittelt.

Register zum Erfurter Enchiridion. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das Erfurter Enchiridion

Das Erfurter Enchiridion (griech. für Handbüchlein) erschien ebenfalls 1524 in harter Konkurrenz zwischen zwei Erfurter Druckern: Johannes Loersfeld war vermutlich ein wenig schneller als sein Berufskollege Matthes Maler, beide Ausgaben zeigen Spuren einer eiligen Fertigstellung. Erst 1525 erschien die Ausgabe von Wolfgang Stürmer, einem weiteren Erfurter Drucker, die nicht mehr das anonym gegen den „alten Kirchengesang“ als Geschrei der „Baalspriester und Waldesel“ polemisierende Vorwort der Ausgaben von 1524 enthält, sondern das für Johann Walters mehrstimmiges Gesangbüchlein verfasste Vorwort Martin Luthers voranstellt und am Schluss ein Register der Liedanfänge bietet. Das für alle Ausgaben gewählte handliche Oktavformat machte das angestrebte stete Mitführen dieses Gesangbüchleins tatsächlich möglich.

Die früheste Sammlung mehrstimmiger Luther-Choräle

Im selben Jahr wie das Achtliederbuch und das Erfurter Enchiridion erschien 1524 in Wittenberg das Geystliche Gesangk Buchleyn mit 43 drei- bis fünfstimmigen Kirchenlied-Bearbeitungen von Johann Walter. Martin Luther steuerte zu dieser Sammlung eine Vorrede und 24 Lieder bei, darunter sechs Dichtungen, die zuvor noch nicht im Druck erschienen waren. Gedruckt wurden die Sätze wie damals üblich nicht in Partitur, sondern in einzelnen Stimmbüchern. Die erste Auflage von 1524 ist heute nur noch unvollständig erhalten; die zweite, weitgehend unveränderte Auflage erschien unter leicht modifiziertem Titel im folgenden Jahr in Worms, wohingegen die weiteren von Walter besorgten Neuausgaben der Jahre 1537, 1544 und 1551 jeweils erheblich abweichen.

Johann Walters Gesangbüchlein, Stimmbuch für den Tenor. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Diese frühen protestantischen Liedersammlungen können Sie zusammen mit vielen anderen Objekten zur lutherischen Kirchenmusik – darunter ein eigenhändiger Melodieentwurf Luthers, das einzige Autograph einer Reformationskantate von Johann Sebastian Bach und Mendelssohns römisches Weihnachtsliedvom 3.2. bis 2.4.2017 selbst in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

 

Wenn Schriftgötter auf Reformatoren treffen – Friedrich Forssmans 95 Thesen zur Neugestaltung der Lutherbibel

Wenn es um die Neugestaltung der Lutherbibel zum Reformationsjubiläum geht, dann sollte mit dieser Aufgabe schon ein „Schriftgott“ betraut werden – mindestens! Dass dieser allerdings nicht vom Olymp, sondern vielmehr von der Kasseler Wilhelmshöhe herabgestiegen sein muss, legt bereits seine Wahl der Documenta als Schrift für die frisch revidierte „Heilige Schrift“ nahe. Und tatsächlich hat sich Friederich Forssman – der zwar nicht von, aber immerhin im „Cicero“ so bezeichnete Schriftgott aus Kassel – der ebenso ehrenvollen wie herkulischen Herausforderung gestellt, den besonders leicht erkennbaren, weil seit Jahrhunderten kanonischen Buchtypus „Bibel“ einer gestalterischen Verjüngungskur zur Verbesserung von Lesefreundlichkeit und Klarheit zu unterziehen.

Klar ist aber auch, dass sich Friedrich Forssman dabei an jenen Kriterien guter Buchgestaltung messen lassen muss, die er anlässlich seines ersten Auftritts in unserer gemeinsam mit der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Universität Potsdam organisierten Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit benannt hat. Umso mehr freuen wir uns also darauf, diese Überprüfung ebenfalls im Rahmen unseres Dialogs mit der Forschung – so der programmatische Untertitel der auch im Reformationsgedenkjahr fortgesetzten Kooperationsveranstaltung – zusammen mit Ihnen vorzunehmen. Denn Friedrich Forssman wird uns am 7. Februar 2017 ebenso persönliche wie feinsinnige Einblicke in den Prozess der Neugestaltung der Lutherbibel geben – und zwar konsequenterweise in Form von 95. Thesen. Hoffen wir bloß, dass die Glastüren unseres denkmalgeschützten Hauses an der Potsdamer Straße den Abend heil überstehen werden.

Nur dort sind übrigens zeitgleich alle drei lateinischen Ausgaben der inzwischen zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählenden Ablassthesen – vor 500 Jahren gedruckt in Basel, Leipzig und Nürnberg – parallel zu sehen. Denn vom 3. Februar 2017 bis zum 2. April 2017 sowie während des Evangelischen Kirchentags laden wir Sie herzlich ein zu unserer großen Ausstellung BIBEL – THESEN – PROPAGANDA. Die Reformation erzählt in 95 Objekten.

Ganz gleich, ob nun Forssman- oder Luther-Thesen. In beiden Fällen gilt also: solum in Bibliotheca olim Regia Berolinensi.

Die Lutherbibel und der vermutlich erste Chinese Deutschlands

Fung Assengs 1828 angefertigte Übersetzung des Lukasevangeliums ins Chinesische in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Cordula Gumbrecht.

Drei frühe Übersetzungen von Texten Martin Luthers ins Chinesische – alle aus den Jahren 1828/1829 – finden sich im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin. Angefertigt wurden sie von Fung Asseng, dem wohl ersten Chinesen, der vor rund 200 Jahren nach Deutschland kam. Asseng überreichte seine Übersetzungen persönlich dem preußischen König Friedrich Wilhelm III., der sie 1829 der Königlichen Bibliothek zu Berlin schenkte. Es handelt sich um Übertragungen von Luthers Kleinem Katechismus (fertiggestellt am 8. Febr. 1828) und von Luthers deutscher Bibelübersetzung, allerdings nur des Lukas- und des Markusevangeliums (Shengchuan fuyin lujia 聖傳福音路加 sowie Chuan fuyin ma’erke 傳福音馬耳可). Vom 9. April bis 4. Nov. 1828 schrieb Asseng zunächst seine Übersetzung des Lukasevangeliums und anschließend – vom 18. Nov. 1828 bis 10. Mai 1829 – die des Markusevangeliums nieder.

Fung Assengs Weg über St. Helena nach Berlin

Fung Asseng (Feng Yaxing 馮亞星, auch Feng Yasheng 馮亞生) wurde 1792 oder 1793 in der südchinesischen Provinz Guangdong 廣東als Sohn eines Priesters und Astrologen geboren. Sehr wahrscheinlich auf Anregung seines Onkels verließ er zum ersten Mal vor nahezu genau zweihundert Jahren China, um im Westen sein Glück zu machen. Fung Assengs Onkel war Vorsteher des Kantoner Seezollamtes in Whampoa (Huangpu 黃埔) und damit für die Ausfertigung und Visierung von Schiffspapieren zuständig. Fung Asseng, der mit fünf Jahren seinen Vater verloren hatte und dessen Mutter ihn in der chinesischen Schriftsprache und wohl auch in der klassischen Literatur unterrichten ließ, hielt sich oft im Hause seines Onkels auf, wo er auch erste Kenntnisse der englischen Sprache erworben haben soll.

Fung Assengs eigenhändig geschriebener Lebenslauf, in seiner Übersetzung von Luthers Kleinem Katechismus (1828). Ostasienabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Am 3. August 1816 reiste er seinen eigenen Angaben zufolge zunächst auf einem portugiesischen Schiff nach Macao, dann auf einem englischen nach Ostindien und von dort aus zur britischen Insel St. Helena im Südatlantik, wo zu jener Zeit zahlreiche Chinesen auf den Plantagen der Ostindien-Kompanie arbeiteten. Fung Asseng selbst gehörte rund dreieinhalb Jahre als Koch zur Dienerschaft des im Jahr 1815 nach St. Helena verbannten französischen Kaisers Napoleon I.. Nach einem Heimaturlaub, nicht zuletzt um seine Frau und seine beiden Kinder zu besuchen, kam Fung Asseng – kurz nachdem Napoleon im Jahr 1821 verstorben war – nochmals nach St. Helena. Von hier aus reiste er wenig später nach London, wobei er an Bord zwischen dem englischen Kapitän und den chinesischen Matrosen gedolmetscht haben soll. In London angekommen, traf Fung Asseng im Ostindienhaus, dem Hauptsitz der East Indian Company auf seinen späteren Reisegefährten, den 26jährigen Fung Ahok (Feng Yaxue 馮亞斈[學]), der wie Assengs Onkel aus Whampoa stammte und Sohn eines Seidenhändlers war. Beide Männer unterschrieben in London einen Vertrag mit dem Waffelbäcker und Schausteller Heinrich Lasthausen, demzufolge sie mit letzterem nach dem Kontinent reisen und dort gegen Geld zur Schau gestellt werden sollten. So kamen sie in die deutschen Städte Weimar, Jena, Halle und schließlich Berlin.

Anzeige des Waffelkuchenbäckers Lasthausen aus Amsterdam in der Leipziger Zeitung vom 21. Mai 1814. Zeitungsabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Diese Darstellung Fung Assengs ist abgedruckt in Johann Karl Bullmanns 1833 erschienenen Denkwürdigen Zeitperioden der Universität zu Halle (S. 215/216). Einem anderen Bericht zufolge reisten Fung Asseng und Fung Ahok zusammen aus China ab und machten gemeinsam auf der Insel St. Helena „Station“, wo sie von Napoleon I. „empfangen und zu einem Essen eingeladen wurden“ (Acta Lasthausen, zitiert nach Erich Gütinger, Die Geschichte der Chinesen in Deutschland, S. 80).

In Berlin waren die beiden Chinesen – wie Der Freimüthige oder Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser vom 8. März 1823 berichtet – sieben Tage zuvor in der Behrenstraße Nr. 65 zu bewundern. Bereits am 17./18. Januar hatte Johann Gottfried Schadow, der sich intensiv mit Physiognomik beschäftigte, erst Fung Ahok und dann einige Tage darauf auch Fung Asseng gezeichnet und ihre Köpfe vermessen. Die Originalzeichnungen Schadows sind im Bestand der Nationalgalerie Berlin erhalten. Als Zinkdrucke fanden die Porträts später Aufnahme in Schadows National-Physiognomien (1835).

Porträt Fung Assengs aus Schadows National-Physiognomien (1835). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

An der Universität Halle

Per Kabinett-Ordre vom 10. April 1823 entschied der preußische König Friedrich Wilhelm III. auf Anraten seines Kultusministers Karl vom Stein zum Altenstein, dass Fung Asseng und Fung Ahok in Deutschland „fixiert“ und zum Deutsch- bzw. Chinesischunterricht an die Universität Halle geschickt werden sollten. Nach den Plänen des Großen Kurfürsten zur Gründung einer Ostindischen Handelskompanie und seinen im Zusammenhang damit stehenden Bemühungen um die Förderung der Chinesischstudien Andreas Müllers und Christian Mentzels im 17. Jahrhundert ist dies als ein neuer Versuch zur Etablierung der Chinastudien in Deutschland und mittelbar der Entwicklung des Chinahandels zu werten.

Aus der preußischen Staatskasse wurden 4.600 Taler zwecks „Fixierung“ der beiden Chinesen zur Verfügung gestellt. 1.000 Taler gingen als „Ablösesumme“ an den Schausteller Heinrich Lasthausen. Mit dem restlichen Geld wurden zwei deutsche Betreuer sowie die Lebenshaltungs- und Studienkosten finanziert. Fung Asseng und Fung Ahok gingen an die Universität Halle und wurden dort durch Friedrich Helmke und Wilhelm Schott in der deutschen Sprache unterrichtet, im Gegenzug sollten die beiden Helmke und Schott in der chinesischen Sprache unterweisen. Ziel war es, dass so die Bekanntschaft mit der chinesischen Sprache „auf deutschen Boden verpflanzt werde und daselbst mehr als bisher Wurzel fasse“.

Am preußischen Hof

Fung Asseng und wohl auch Fung Ahok hielten sich mindestens bis 1826 in Halle auf, am 2. April dieses Jahres ehelichte ersterer – nachdem er sich zuvor hatte taufen lassen und von da an den Namen Friedrich Wilhelm Asseng trug – Johanne Marie Clara Kraftmüller. Bereits am 18. Febr. 1826 war der gemeinsame Sohn Heinrich Wilhelm Andreas geboren worden. Bald darauf gingen die beiden Chinesen nach Potsdam, wo sie – nach mündlicher Überlieferung der Nachfahren Assengs – „Teediener“ des Königs waren. Fung Assengs Ehe mit Johanne Kraftmüller währte sieben Jahre. Das Paar hatte vier Kinder. Nach der Geburt des jüngsten Kindes, am 3. Mai 1832, verstarb Fung Assengs Frau. Assengs Leben nahm nun eine ungute Wendung. Eine erneute Heirat war ihm seitens des Königs nicht erlaubt worden, worauf er sich dem Alkohol und der Spielsucht hingegeben haben soll. Erst seinem dritten Antrag auf Rückkehr nach China wurde stattgegeben, so dass er endlich im Jahr 1836 die Heimreise antreten konnte. Er soll am 15. Febr. 1889 in China verstorben sein.

Die Luther-Übersetzungen

Geblieben sind uns Assengs Luther-Übersetzungen, alle drei nach demselben Muster aufgebaut: Unter jedem chinesischen Zeichen findet sich die kantonesische Aussprache in lateinischen Buchstaben und darunter der deutsche Wortlaut. Die Übertragungen des Lukas- und des Markusevangeliums weisen im Vokabular eine große Ähnlichkeit mit Robert Morrisons (1782-1834) Bibelübertragungen auf. In der Syntax folgt der chinesische Text sehr dem deutschen, ein Umstand, der der Lesbarkeit desselben Abbruch tut. Zu welchem Zweck die Übersetzungen angefertigt wurden, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.

Die Übertragung des Lukasevangeliums durch Fung Asseng wie auch die früheste komplette protestantische Bibelübersetzung ins Chinesische von 1822 durch Joshua Marshman und Joannes Lassar sowie viele weitere Objekte rund um die Lutherbibel sind vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek zu sehen.

Beginn der Übersetzung des Lukasevangeliums von Fung Asseng. Ostasienabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Unser Beitrag hat inzwischen durch die Recherchen zum weiteren Schicksal der Familie Asseng eine aktuelle Fortsetzung gefunden:

Kontakt zu Fung Assengs Nachfahren – ein Ergebnis unserer Ausstellungsvorbereitungen

Jölund Asseng vor der Neumayer-Station. Mit freundlicher Genehmigung von Jölund Asseng

Im Zuge der Vorbereitung der Ausstellung gelang es, Kontakt zu einem der doch recht zahlreichen Nachfahren Fung Assengs herzustellen. Rainer Schwarz hatte bereits Ende der achtziger Jahre bei  Recherchen  für seinen Aufsatz Heinrich Heines „chinesische Prinzessin“ und seine beiden „chinesischen Gelehrten“ sowie deren Bedeutung für die Anfänge der deutschen Sinologie (erschienen in: NOAG 144 (1988) 81-109) durch einen glücklichen Zufall Ekkehard Asseng (1937-1993), einen Urenkel 3. Grades des wohl ersten nach Deutschland gelangten Chinesen kennenlernen und interviewen können. Ekkehard Asseng war Meteorologe und arbeitete viele Jahre im Aeronautischen Observatorium Lindenberg im Bereich der Aerologie. In seiner Freizeit hat er sich um die Bewahrung der Familienhistorie verdient gemacht. Die Deutsche Meteorologische Gesellschaft, genauer deren Sekretärin Frau Marion Schnee, vermittelte nun über Umwege den Kontakt zu dessen ältestem Sohn, Jölund Asseng. Dieser ist gewissermaßen in die Fußstapfen seines Vaters getreten, sowohl in beruflicher Hinsicht als auch im Hinblick auf sein Interesse an dem doch außergewöhnlichen Vorfahren. Jölund Asseng arbeitet heute als Geophysiker am Alfred-Wegener-Institut des Helmholtz-Zentrums für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, hat auf der Neumayer-Station in der Antarktis überwintert und nimmt weiter regelmäßig an Expeditionen dorthin teil.

Messingpetschaft nach dem Entwurf des Sohnes von Fung Asseng, Heinrich Wilhelm Andreas Asseng, Mit freundlicher Genehmigung von Jölund Asseng. Foto: Christine Kösser, Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Wie sein Vater betreibt er Ahnenforschung und ist u.a. um die Vervollständigung des Familienstammbaumes hier in Deutschland, aber auch in China, bemüht. In seinem Besitz findet sich heute ein letztes Sachzeugnis für den außergewöhnlichen Vorfahren, die schon bei Rainer Schwarz erwähnte Messingpetschaft, die Fung Assengs ältester Sohn Heinrich Wilhelm Andreas Asseng (1826-?), Dekorationsmaler in Berlin, entworfen haben soll und die mit den Zeichen renzi 壬子(= 49.Jahr des Sechzigerzyklus) an das Geburtsjahr Fung Assengs 1792 erinnert.

Jölund Asseng wiederum stellte den Kontakt zu Erich Gütinger (dem Verfasser der Geschichte der Chinesen in Deutschland, s.o.) her, mit dem ihn seit Jahren eine Freundschaft verbindet. Wir schätzen uns glücklich,  dass beide unserer Einladung zur Eröffnung der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda am 2. Februar gefolgt sind und hoffen, bald weitere Ergebnisse aus der Asseng-Forschung zu veröffentlichen.

Von r. n. l.: Jölund Asseng, Cordula Gumbrecht u. Erich Gütinger in der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda, vor der Vitrine mit Fung Assengs Bibelübersetzung. Foto: Hagen Immel, Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA

„Er schuff sie eyn menlin und frewlin“ – Luther und die Ehe

Luthers 1524 publizierter Sendbrief zur Praxis der Eheversprechen in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch.

„So wie mein Herz bisher gestanden und jetzt steht, wird es nicht geschehen, daß ich ein Weib nehme – ich bin weder Holz noch Stein, aber mein Sinn ist fern vom Heiraten“ schrieb Martin Luther in einem Brief am 30. November 1524, kurz nachdem er aus dem Orden der Augustiner-Eremiten ausgetreten war. Nur ein halbes Jahr später, am 13. Juni 1525 heiratete er Katharina von Bora. Sein neues Verständnis von der Ehe findet sich schon in einigen früheren Werken.

Nicht autorisierter Druck der Predigt vom ehelichen Stand. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Nicht autorisierter Druck der Predigt vom ehelichen Stand. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Am Anfang war die Predigt

Erstmals äußerte er sich am 16. Januar 1519 in einer Predigt öffentlich zur Eheproblematik, von der kurz darauf – ohne Luthers Einverständnis – eine Nachschrift bei Wolfgang Stöckel in Leipzig in den Druck ging. Diese von ihm nicht autorisierte Variante rief Luther auf den Plan und noch im selben Jahr ließ er bei Johann Rhau-Grunenberg in Wittenberg die überarbeitete und korrigierte Version Eyn Sermon von dem Elichen stand drucken. Der Sermon erlangte große Popularität, es erschienen vierzehn weitere Ausgaben, darunter eine Übersetzung ins Dänische. Luther unterscheidet in der Predigt dreierlei Liebe, die falsche, die natürliche und die eheliche Liebe, die er als die höchste Liebe anerkennt. Schon im darauffolgenden Jahre entwickelte sich die Priesterehe zu einem zentralen Reformthema bei Luther. In den programmatischen Schriften von 1520 An den Christlichen Adel deutscher Nation und De captivitate Babylonica ecclesiae behandelt er unter anderem das Problem des Eheverbots für Priester: „wir sehen auch wie die priesterschafft gefallen, und mancher armer pfaff mit weib und kind ubirladen“ und spricht sich gegen den Sakramentscharakter der Ehe aus. In beiden Werken entwickelt Luther erstmals die Idee der Abschaffung des Priesterzölibats.

Von Luther korrigierte Druck der Predigt vom ehelichen Stand. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Von Luther autorisierter Druck der Predigt vom ehelichen Stand. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luthers Theorie vom ehelichen Leben

Im Jahre 1522 reizte es Luther erneut, sich öffentlich mit der Ehethematik in der Schrift Vom ehelichen Leben auseinanderzusetzen, die er wieder bei Johann Rhau-Grunenberg in Druck gab. Mit zwölf Nachdrucken, darunter einer niederländischen Übersetzung, fand der Traktat eine ähnliche Verbreitung wie die Predigt vom ehelichen Stand. Vom ehelichen Leben ist Luthers reformatorisches Programm von Familie und Ehe in drei Teilen: Im ersten Teil geht er auf die Frage ein, welche Menschen heiraten können, den geistlichen Stand eingeschlossen, im zweiten beschäftigt er sich mit Gründen für eine Scheidung, entweder durch Hurerei und Ehebruch oder durch Verweigerung der ehelichen Pflichten, im dritten Teil führt er aus, wie der Ehestand christlich und gottgefällig zu führen sei.

Luthers Traktat Vom ehelichen Leben (1522). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luthers Traktat Vom ehelichen Leben (1522). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Nein zum Priesterzölibat

Im Sommer 1523 schließlich erreichte die Auseinandersetzung über den Priesterzölibat seinen Höhepunkt. Ausgelöst durch die Heirat dreier Priester im sächsischen Raum war das Thema in der Öffentlickeit höchst virulent. Im selben Jahr entflohen immer mehr Nonnen und Mönche den Klostermauern, darunter auch jene zwölf Nonnen, die mit Luthers tatkräftiger Unterstützung in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Zisterzienserkloster Marienthron in Nimbschen bei Grimma flohen – unter ihnen seine spätere Ehefrau Katharina von Bora. Im August 1523 verfasste er mit Das siebende Capitel S. Pauli zu den Chorintern ein nachdrückliches Statement gegen den Zölibat und für die Ehe.

Der Fall Hans Schott

Im Frühjahr 1524 veröffentliche Luther die kleine Schrift Daß Eltern die Kinder zur Ehe nicht zwingen noch hindern, und die Kinder ohne der Eltern Willen sich nicht verloben sollen. Das als Sendbrief gestaltete Werk ist an jenen fränkischen Reichsritter Hans Schott von Schottenstein gerichtet, der Luther 1521 bei dessen Ankunft auf dem Reichstag zu Worms zur Herberge geleitete. Wenige Jahre nach diesem schicksalsträchtigen Reichstag schrieb Hans Schott in eigener Sache an Luther. Der Brief ist nicht erhalten, aber er behandelte wohl den Fall der erzwungenen Ehe von Jakob Hufener und dessen Ehefrau Anna, geb. Auerbach, die in Unfrieden mit ihrem ehebrecherischen Ehemann lebte. Sie trennte sich von ihrem Ehemann, der sich eine andere Frau ins Haus geholt hatte, erwirkte von einem Torgauer Prediger den Ehedispens und ehelichte schließlich Hans Schott von Schottenstein. Der Fall wurde publik und Luther sprach 1526 sein Bedenken gegen diese Hochzeit aus. Schließlich erklärte Kurfürst Johann von Sachsen 1528 in einem Urteilsspruch die Ehe zwischen Hans Schott und Anna Auerbach für ungültig. Anna sollte zu ihrem ersten Ehemann Jakob Hufener zurückkehren und Schott zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden.

„das eyn mensch zur ehe geschaffen ist … als ein bawm geschaffen ist, öpffel odder byrn zu tragen“

In dem Sendbrief von 1524 thematisiert Luther das häufig auftretende Eherechtsproblem der heimlichen Verlöbnisse. Im ersten Teil spricht sich Luther sowohl gegen Eheversprechen zwischen Brautleuten ohne elterliches Einverständnis aus, als auch gegen Eltern, die ihre Kinder gegen ihren Willen zur Ehe zwingen wollen: „Denn es ist yhe leydlicher, das die liebe, so zwey gegenander haben, zutrennet und verhyndert werde, denn das zwey zusamen getrieben werden, die widder lust noch liebe zusamen haben“. Luther appelliert an die Väter, in ihrer Fürsorge das rechte Maß walten zu lassen, denn sonst liefen sie Gefahr, zu Tyrannen zu werden, die ihre Herrschafft missbrauchen und somit gegen Gott handeln würden. Dabei wirft Luther die Frage auf, ob „eyn kind schüldig sey dem vater gehorsam zu seyn, der es zur ehe, odder zu der person dringet, da es nicht lust zu hatt“. Er beantwortet die Frage mit einem Nein, in solch einem Falle müsse die weltliche Obrigkeit eingreifen und eine erzwungene Ehe bestrafen. Im zweiten Teil erörtert Luther heimliche Verlöbnisse und die Frage, ob Kinder eine gültige Ehe ohne das elterliche Einverständnis eingehen könnten. Auch hier rät Luther, das Maß zu wahren und keinen Zwang auf die Kinder auszuüben, denn „die elltern sollen wissen, das eyn mensch zur ehe geschaffen ist, früchte seynes leibs zu zichten, so wol als eyn bawm geschaffen ist, öpffel odder byrn zu tragen“. Deshalb müsse es das erklärte Ziel der Eltern sein, den Kindern zu einer guten Ehe zu verhelfen. Täten sie das nicht, seien sie keine Eltern mehr und „so ist das kind schuldig sich selb zu verloben“. Ebensowenig wie ein Vater sein Kind zur Ehe zwingen dürfe, dürfe er es zur Keuschheit und zur Ehelosigkeit zwingen. Die Ehe, „das weltlich ding“, ist der Stand, in dem der Mensch Gott vor allem durch die Erziehung der Kinder dient.

Schutzmarke Lutherrose

Der Sendbrief, dessen Erstausgabe bei Lucas Cranach d. Ä. in Wittenberg erschien, war mit zehn Nachdrucken, einer lateinischen Übersetzung und dem Abdruck in den Gesamtausgaben ebenfalls sehr erfolgreich. In der Wittenberger Druckerpresse von Lucas Cranach d. Ä., die er zwischen 1523 und 1526 gemeinsam mit Christian Döring betrieb, enstanden in diesem kurzen Zeitraum nur insgesamt 45 Drucke, davon 39 reine Lutherdrucke. Die Druckergemeinschaft tat sich mit besonders modern gestalteten Titelblättern hervor. Das Titelblatt des Sendbriefs illustriert ein architektonisch streng gestalteter Titelrahmen. Der mittig in einer viereckigen Tafel stehende Titel ist von einem reich verzierten Tonnengewölbe umrahmt, das auf vier Säulen ruht. Unter dem Titel halten zwei Engel die Lutherrose mit den Initialen M. L. Diese Luthersche Schutzmarke wurde zu Beginn des Jahres 1524 von Cranach und Döring als Zeichen der Authentizität Wittenberger Lutherdrucke mit nachhaltigem Erfolg eingeführt. Unter der Lutherrose verkündet eine zweite querrechteckige Tafel das Motto des Sendbriefs: „Er schuff sie eyn menlin und frewlin.“

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zu den theologischen und moralischen Positionen Martin Luthers selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Luthers Sendbrief zur Praxis der Eheversprechen von 1524. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Titelblatt zu Luthers Sendbrief zur Praxis der Eheversprechen von 1524. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luther als Erfinder des Weihnachtsbaums – eine Interpretation des 19. Jahrhunderts

Karl Reinthalers Weihnachtsbüchlein für alle Christenkinder in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Carola Pohlmann.

Das Martinsstift im Erfurter Augustinerkloster

Titelblatt von Reinthalers Weihnachtsbüchlein aus dem Jahre 1843. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Titelblatt zu Karl Reinthalers Weihnachtsbüchlein von 1843. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Im Erfurter Augustinerkloster, dem Martin Luther von 1505 bis 1511 angehörte, wurde 1821 das Martinsstift gegründet, eine karitative Einrichtung, die sich der Erziehung hilfsbedürftiger, verwaister und verwahrloster Kinder widmete. Initiator und langjähriger Leiter des Stifts war der evangelische Theologe, Pädagoge und Schriftsteller Karl Christian Wilhelm Reinthaler (1794-1863). Zum 22. Jahrestag des Martinsstifts im Jahr 1843 erschien das von Reinthaler zusammengestellte, mit vier Stahlstichen illustrierte Buch „Adam und Christus oder der Christbaum in M. Luthers Kinderstube. Ein Weihnachtsbüchlein für alle Christenkinder“.

Reinthalers Weihnachtsbüchlein und die Wiederbelebung des Kirchengesangs

Der Band enthält Andachten, Choräle und Kirchenlieder sowie drei „Weihnachtsgespräche“ der Familie Luther. Zu dem Textband erschien der Anhang „Sangweisen und Saitenspiel zum Christbaum in M. Luthers Kinderstube“, in dem die Noten zu 80 Kirchenliedern abgedruckt sind – darunter zu dem Luther-Choral „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, den einige Jahre zuvor auch Felix Mendelssohn-Bartholdy in Rom zum Ausgangspunkt einer Kantatenkomposition machte. Im Vorwort weist der Herausgeber auf sein Anliegen hin, den Kirchengesang wiederbeleben zu wollen: „Die Sangweisen unsrer Kirchenlieder erscheinen hier wieder in ihrer ursprünglichen Form, also auch wieder in dem volksthümlichen Rhythmus, durch welchen sich der deutsche Gemeinde-Gesang wesentlich von dem römischen Priester-Chorale geschieden hat.“

Der Luther-Choral "Vom Himmel hoch da komm ich her" in Reinthalers Weihnachtsbüchlein. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Noten zum Luther-Choral „Vom Himmel hoch da komm ich her“ (mit dem Text der Strophen 3-5 des Luther-Chorals „Vom Himmel kam der Engel Schar“) in Reinthalers Weihnachtsbüchlein. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Darstellung des Weihnachtsabends bei der Familie Luther von Carl August Schwerdgeburth

Das Weihnachtsbüchlein wurde in drei Ausgaben publiziert: in einer großformatigen auf sogenantem Propatria-Papier und in zwei preiswerteren Ausführungen, der vorliegenden auf Velin-Papier und einem Druck auf billigerem Papier ohne Stahlstiche. Folgenreich war das Frontispiz des Thüringer Malers und Kupferstechers Carl August Schwerdgeburth (1785–1878), das einen fiktiven Weihnachtsabend bei der Familie Luther zeigt. Auf dem Bild ist ein Lichterbaum zu sehen, der – ebenso wie der Titel des Buchs – fälschlich den Eindruck erweckt, der Weihnachtsbaum sei bereits zur Zeit der Reformation verbreitet gewesen und damit sogar die Annahme begründete, der Christbaum wäre von Martin Luther eingeführt worden. Zwar gibt es im 16. Jahrhundert erste Erwähnungen von Weihnachtsbäumen, darunter den urkundlichen Beleg aus dem Jahr 1539 über die Aufstellung eines Baums im Straßburger Münster, doch im umfangreichen Schrifttum zu Luther ist kein Weihnachtsbaum nachgewiesen.  Der Brauch eines geschmückten Baums zu Weihnachten setzte sich erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch. Eines der ersten literarischen Zeugnisse für den Weihnachtsbaum findet sich Goethes „Leiden des jungen Werther“. Unter dem Datum 20. Dezember 1772 wird ein Besuch Werthers bei Lotte beschrieben, in dem dieser von „den Zeiten, da einen die unerwartete Öffnung der Tür und die Erscheinung eines aufgeputzten Baumes mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfeln in paradiesische Entzückung setzte“ spricht.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur Reformationsgeschichte und ihrer Interpretation in späteren Jahrhunderten – bis hin zu den aktuellen Abenteuern der Abrafaxe – selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Frontispiz zu Karl Reinthalers Weihnachtsbüchlein von 1843. Kinder- und Jugendbuchabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron! Mendelssohns römisches Weihnachtslied – ein Luther-Choral

Das Autograph von Mendelssohns Weihnachtslied in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Felix Mendelssohn Bartholdy um 1829. Aquarell von James Warren Childe. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Felix Mendelssohn Bartholdy um 1829. Aquarell von James Warren Childe. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ein Beitrag von Roland Schmidt-Hensel.

Dem steten Strom deutscher Italienreisender des frühen 19. Jahrhunderts schloss sich 1830 auch Felix Mendelssohn Bartholdy an. Nach längeren Aufenthalten in München, Wien und Venedig erreichte er Anfang November schließlich Rom, wo er rund fünf Monate lang blieb. Kunst und Architektur der Ewigen Stadt beeindruckten den jungen Komponisten nachhaltig, wohingegen er sich von der dortigen Musikpflege eher enttäuscht zeigte.

Petersplatz und Petersdom, aus: Andrea Manazzale, Itinerario di Roma e Suoi Contorni […], Roma 1817. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Petersplatz und Petersdom, aus: Andrea Manazzale, Itinerario di Roma e Suoi Contorni […], Roma 1817. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Auf der Durchreise durch Wien hatte Mendelssohn von einem Freund eine Ausgabe von Luthers Chorälen zum Geschenk erhalten, die ihn offenbar gerade in der neuen, katholischen Umgebung nachhaltig inspirierten. So entstanden in den römischen Wintermonaten 1830/31 neben lateinischen Psalmvertonungen auch mehrere Kompositionen, die auf lutherischen Chorälen basieren. Das umfangreichste dieser Werke ist die von Mendelssohn schlicht als „Weihnachtslied“ überschriebene Kantate „Vom Himmel hoch da komm ich her“, die Mendelssohn wohl um Weihnachten 1830 begann und Ende Januar 1831 abschloss.

Die Kantate besteht aus sechs Sätzen, denen insgesamt acht Strophen aus Luthers Weihnachtslied von 1535 zugrunde liegen. Musikalisch stellen die drei Chorsätze unterschiedlich gestaltete Bearbeitungen der Choralmelodie dar, wohingegen die Solo-Sätze keine offensichtlichen musikalischen Bezugnahmen auf den Choral zeigen. Im Schlusschor zur Strophe „Lob, Ehr‘ sei Gott im höchsten Thron“ wird der Choral zunächst unisono vorgetragen und von Arpeggien in den Streichern umrahmt, bevor eine mächtige Schlusssteigerung die Kantate in festlichem Jubel ausklingen lässt.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur lutherischen Kirchenmusik – darunter eine eigenhändige Komposition Bachs zum Reformationsfest 1725 und einen eigenhändigen Kompositionsversuch Luthers – selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Felix Mendelssohn Bartholdy: Vom Himmel hoch da komm ich her MWV A 10. Autographe Partitur. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Felix Mendelssohn Bartholdy: Vom Himmel hoch da komm ich her MWV A 10. Autographe Partitur. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Felix Mendelssohn Bartholdy: Vom Himmel hoch da komm ich her MWV A 10. Autographe Partitur. Beginn des Schlusschors. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Felix Mendelssohn Bartholdy: Vom Himmel hoch da komm ich her MWV A 10. Autographe Partitur. Beginn des Schlusschors. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Probleme mit gekrönten Häuptern – Martin Luthers „Dezembertestament“ von 1522

Die verbesserte zweite Auflage der Luther’schen Übersetzung des Neuen Testaments in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Andreas Wittenberg.

Titelblatt des "Dezembertestaments". Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Titelblatt des „Dezembertestaments“. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Seinen durch die Verhängung von Kirchenbann und Reichsacht erzwungenen Aufenthalt als „Junker Jörg“ auf der Wartburg vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 nutzte Martin Luther für die Übersetzung des Neuen Testaments in die deutsche Sprache. Nach seiner Rückkehr nach Wittenberg wurde der Text insbesondere unter Mitarbeit von Philipp Melanchthon überarbeitet. Den Auftrag zum Druck erhielt die Wittenberger Offizin von Melchior Lotter d. J., Verleger waren Christian Döring und Lucas Cranach d. Ä. Weder der Name des Übersetzers noch die des Druckers und der Verleger wurden genannt. Die Nachfrage nach dem wegen des Erscheinungsmonats als „Septembertestament“ bezeichneten Druck des Jahres 1522 war so überwältigend, dass die ungewöhnlich hohe Auflage von 3.000 Exemplaren innerhalb kurzer Zeit vollständig vergriffen war.

Gut, dass man schon an einer zweiten, verbesserten Auflage arbeitete. Diese erschien drei Monate später – wiederum gedruckt von Melchior Lotter d. J. – und ging als das „Dezembertestament“ in die Geschichte ein.

Korrektur der Kronen

Neben vielen Korrekturen des Textes fallen insbesondere die Veränderungen bei einigen Holzschnitten zur Offenbarung des Johannes auf. In den Illustrationen des „Septembertestaments“ tragen einige außerordentlich negativ belegte Figuren wie das „Tier aus der Tiefe“ und die auf der siebenköpfigen Bestie reitende „Hure Babylon“ Kronen, die starke Ähnlichkeit mit der päpstlichen Tiara aufweisen. Dies führte auf katholischer Seite zu heftigen Protesten, etwa durch den albertinischen Sachsen-Herzog Georg den Bärtigen. Deshalb wurden diese Holzstöcke für die zweite Auflage in der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ä. erneut bearbeitet und die Kronen so verändert, dass sie keinen Anstoß mehr erregen konnten. Ergebnis dieser Korrektur war unter anderem eine auffallend große, nun völlig leer erscheinende Stelle über dem Kopf der dargestellten Frauenfigur.

Die „Hure Babylon“ aus dem September- und dem Dezembertestament (Holzschnitt aus der Werkstatt Lucas Cranachs d. Ä.). Abteilung Historische Drucke. Lizenz CC-BY-NC-SA

Die „Hure Babylon“ aus dem September- und dem Dezembertestament (Holzschnitt aus der Werkstatt Lucas Cranachs d. Ä.). Abteilung Historische Drucke. Lizenz CC-BY-NC-SA

Der Siegeszug der Luther-Übersetzung ging weiter: Bis 1534 wurde das Neue Testament Martin Luthers allein in Wittenberg vierzehn Mal in hochdeutscher und sieben Mal in niederdeutscher Sprache gedruckt. Und 1534 – in dem mit neuen Holzschnitten des Monogrammisten MS ausgestatteten Druck von Hans Lufft – trägt die „Hure Babylon“ wieder eine Tiara!

Katholische „Korrekturbibel“ von Hieronymus Emser

Ein interessanter, fast ein wenig kurios wirkender Umstand sei noch erwähnt: 1527 wollte der entschiedene Luther-Gegner Herzog Georg der Bärtige von Sachsen der lutherischen eine katholische Übersetzung entgegen stellen, um den Einfluss von Luthers Neuem Testament zurückzudrängen. Er beauftragte den in Schwaben geborenen Hofkaplan Hieronymus Emser, eine Übersetzung im traditionellen Sinne nach der lateinischen Vulgata anzufertigen. Allerdings folgte Emser bis auf einige oberdeutsche Wendungen weitgehend der ostmitteldeutschen Luther-Übersetzung. Da es in Dresden keine Bildvorlagen zur Offenbarung des Johannes gab, wurden zudem die Illustrationen in Wittenberg gekauft. So erscheint die „Hure Babylon“ aus Luthers „Dezembertestament“ auch in der 1527 in Dresden gedruckten katholischen Gegenbibel – allerdings in der „entschärften“ Kronen-Fassung.

Rückkehr aus Polen am Nikolaustag 2000

Das hier gezeigte Exemplar des „Dezembertestaments“ wurde durch die Königliche Bibliothek zu Berlin im Jahr 1836 zusammen mit der gesamten Bibliothek des preußischen Generalpostmeisters Karl Ferdinand Friedrich von Nagler erworben. Während des Zweiten Weltkrieges wurde es zusammen mit weiteren Beständen der Bibliothek auf heute polnisches Gebiet verlagert. Am 6. Dezember 2000 überreichte der polnische Ministerpräsident Jerzy Buzek diesen Band im Warschauer Parlament dem damaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder – so kehrte das „Dezembertestament“ nach Berlin zurück.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur Lutherbibel bis hin zur Bibelübersetzung des ersten Chinesen in Deutschland selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Erhalt uns Herr bei Deinem Wort! – Reformationspropaganda im Bild

Kolorierte Flugblatt-Illustration zum Kampflied der Reformation in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer

Dieser schablonenkolorierte Holzschnitt gehört zu den protestantischen Propagandaflugblättern der Reformationszeit. Er stammt wohl aus der Cranach-Werkstatt und wurde nach 1548 vermutlich in Magdeburg von Pancraz Kempff gedruckt. Damit stammt das Flugblatt aus der Zeit der heftigen Auseinandersetzungen um das Augsburger Interim – ein Reichsgesetz, mit dem Kaiser Karl V. nach dem Sieg über den Schmalkaldischen Bund das Reich religiös wieder einen und gleichzeitig seine Macht konsolidieren wollte.

Der Holzschnitt zeigt im oberen Bildbereich das Weltgericht mit Gottvater, Christus und dem heiligen Geist in Gestalt einer Taube in den Wolken. Darunter sinken die katholische Geistlichkeit und die Türken in die Hölle hinab, gezogen und gepiesackt von kleinen Teufeln. Links stehen Martin Luther, Johann Friedrich der Großmütige von Sachsen, bereits mit der Gesichtsnarbe aus der Schlacht bei Mühlberg (1547), sowie Landgraf Philipp von Hessen, Georg Spalatin, Philipp Melanchthon und Jan Hus als Vorläufer der Reformation. Rechts steht eine Gruppe von Frauen, unter ihnen Sibylla von Kleve-Jülich-Berg, die Frau des sächsischen Kurfürsten, und Katharina von Bora. Dazu im Hintergrund wahrscheinlich Lukas Cranach der Jüngere mit seiner Familie. Die Gruppe der Reformatoren und ihrer Angehörigen trägt eine Miene der inneren Gelassenheit zur Schau, während die höheren Mächte die Probleme lösen.

Justus Jonas (1493–1555). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Justus Jonas (1493–1555). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Den originalen Aufbau des Flugblattes kann man an dem 1858 hergestellten Faksimile eines unkolorierten, aber vollständigen Exemplars dieses Flugblattes sehen. Was im kolorierten Original der Staatsbibliothek fehlt, ist der zugehörige Text und damit Luthers Lied von 1541/42. Es war kurz nach der Niederlage des kaiserlichen Heeres in Ofen (Budapest) 1541 gegen Suleiman II. zusammen mit den andern Türkenschriften Luthers im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich dem Großmütigen entstanden. Bereits der Titel erinnert an die allein auf das göttliche Wort gerichtete protestantische Glaubenslehre. In den ersten drei Strophen bittet Luther in drastischen Worten die Trinität um Beistand gegen die Bedrohung durch die Türken und das Papsttum. Zwei von Justus Jonas 1545 ergänzte Strophen nehmen diese Bitte um die tatkräftige göttliche Hilfe auf: „So werden sie erkennen doch/ das du vnser Got lebest noch/ vnnd hilffst gewaltig deiner schar/ die sich auf dich verlassen gar.“ Dieses gelassene „Sich verlassen“ auf den göttlichen Beistand zeigen dann auch die auf dem Holzschnitt abgebildeten Vertreter der Reformation.

Das Lied war in seiner ersten Strophe von Luther als Kinderlied apostrophiert worden und wurde regelmäßig in den Gottesdiensten gesungen. Es gehört zu den umstrittensten evangelischen Kirchenliedern, da hier zum Mord an den Gegnern aufgerufen wird. In den Jahren 1547/48 und 1550 wurde es immer wieder verboten, da man die Vergeltung des Kaisers fürchtete, aber auch umgedichtet und persifliert: „Erhalt uns, Herr, bei deiner Wurst, / Sechs Maß, die löschen einen den Durst,“ so lautete eine Variante aus katholischer Feder. Die außerordentliche Beliebtheit dieses lutherischen Kampfliedes zeigen auch die etwa hundert im 16. und 17. Jahrhundert publizierten Liedflugschriften, deren Lieder nach der Melodie von „Erhalt uns Herr bei Deinem Wort“ zu singen waren.

Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen (1503-1554). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen (1503-1554). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Zum Zeitpunkt, als dieser Druck entstand, hatte sich die Welt Johann Friedrichs von Sachsen, des Auftraggebers des Luther-Liedes, völlig verändert. Bis 1547 war er der Kurfürst von Sachsen, Förderer der Reformation und Gönner Martin Luthers, mit Philipp von Hessen Führer des Schmalkaldischen Bundes, des militärischen Beistandspaktes der protestantischen Fürsten und Reichsstädte. Im Schmalkaldischen Krieg aber wurde er 1547 in der Schlacht bei Mühlberg von den kaiserlichen Truppen vernichtend geschlagen, verhaftet, seiner Kurwürde enthoben und zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wurde in eine langjährige Gefängnisstrafe umgewandelt. Einer der großen Helden der Reformation und Kämpfer für den wahren Glauben war geschlagen und wurde nun als Märtyrer der Reformation inszeniert. Aus der Schlacht hatte er eine lange Gesichtsnarbe davon getragen, die er jetzt mit großer Würde trug. Obwohl Johann Friedrich große Besitzungen und politischen Einfluss verloren hatte, blieb er in religiösen Fragen fest und widerstand allen Versuchen der kaiserlichen Seite – darunter Nahrungsentzug und verschärfte Gefangenschaft – ihn zur Unterzeichnung des Interims zu bewegen. So inszeniert ihn inmitten seiner Mitstreiter auch dieses Blatt der protestantischen Propaganda für den neuen Glauben.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zum medialen Kampf um den wahren Glauben selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Koloriertes Flugblatt zum Luther-Lied "Erhalt uns Herr bei Deinem Wort", Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Koloriertes Flugblatt zum Luther-Lied „Erhalt uns Herr bei Deinem Wort“, Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Sofort gestrichen – Luther komponiert zu einem seiner Choräle

Das Autograph des Vaterunser-Liedes von 1539 mit Melodie-Entwurf in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer

Luther im Studierzimmer mit Laute. Lithographie 19. Jh. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luther im Studierzimmer mit Laute. Lithographie 19. Jh. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Gemeindegesang gehörte zu den wesentlichen Neuerungen des protestantischen Gottesdienstes. Während bisher die Gläubigen den Worten des Priesters während der Messe und der Eucharestiefeier lauschten und nur im Rahmen der Liturgie einmal respondierten, weist ihnen Martin Luther mit Gebet und Lobgesang eine aktive Rolle im Gottesdienst zu. Für ihn war der Gemeindegesang von großer Bedeutung für die religiöse Unterweisung der Gläubigen. Hier konnten sie sich ihrer selbst und ihres Glaubens versichern. So brachte Luther seine eigene Liebe zur Musik – er war ein begeisterter Sänger und Lautenspieler ‑ in die 1523 begonnene Reform des Gottesdienstes ein. Rund 40 Lieder schrieb er seit 1523/24, wobei er häufig an alte Hymnen und Antiphonstrophen anknüpfte.

Immer noch im Dunkeln aber liegt, inwieweit Luther seine Verse auch mit Melodien versah. Die oft zunächst auf Flugblättern verbreiteten Lieder haben immer wieder unterschiedliche Melodien, was vermuten lässt, dass sie aus der Feder von Musikern aus dem Umfeld der Drucker stammten. Daneben unterstützte auch der Hofmusiker und Kantor aus Torgau Johann Walter Luther in musikalischen Fragen.

Dennoch gibt es an der Staatsbibliothek ein Zeugnis, das Luther als Liedautor und Komponist zeigt: das Autograph seines Vaterunser-Liedes. Es stammt aus der privaten Sammlung des Mitinhabers des Musikverlags Breitkopf und Härtel, Hermann Härtel (1803-1875), die 1969 von der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz erworben wurde. Auf dem stark beschnittenen Blatt schrieb Luther sein Lied nieder und versuchte gleichzeitig eine Melodie zu skizzieren, die er aber bereits hier als für den Gesang untauglich erkannt und energisch durchgestrichen hat. Das heutige evangelische Kirchengesangbuch nennt neben Luther auch den Tischsegen des Mönchs von Salzburg und eine Melodie aus dem Gesangbuch der Böhmischen Brüder von 1531 als Quellen für die Musik, und ein Vergleich der Melodien bestätigt die Ähnlichkeit.

Die Niederschrift der Verse mag nicht der erste Entwurf Luthers sein, aber das Blatt zeigt, wie intensiv der Reformator am Text gearbeitet hat. Besonders die sechste Strophe hat er immer wieder neu formuliert und sie auf der zweiten Seite noch einmal in der neuen Fassung ins Reine geschrieben. In neun Strophen werden neben der Anrede und dem abschließenden „Amen“ die sieben Bitten des Vaterunser in einer je eigenen Strophe benannt und ausgelegt. Die Strophen sind mit ihren sechs paargereimten vierhebigen Jamben als Volksliedstrophen ausgewiesen, d.h. sie sind gut sangbar und leicht zu merken.

Das Vaterunser-Lied ist eines der acht Katechismus-Lieder Luthers, in denen Luther seine Christenlehre in Lieder und Musik übertrug und so die Glaubensinhalte memorierbar machte, so dass sie sich in das Gedächtnis der Gläubigen einschrieben. Damit ergänzt er lyrisch-musikalisch seine Arbeiten am Katechismus, der 1529 in Wittenberg als Deudsch Catechismus (Der große Katechismus) und Enchiridion (Der kleine Katechismus) erschien. Hier stellt er die zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, sowie die Taufe und das Abendmahl (mit Beichte) dar und legt sie im Sinne der evangelischen Glaubenslehre aus. Der Kleine Katechismus ist bis heute Teil der evangelischen Gesangbücher.

Luther verfasste die hier vorgestellten Verse zwischen 1538 und 1539. Sie wurden zunächst als Einblattdruck unter dem Titel „Das Vater vnser kurtz ausgelegt, vnd jnn Gesang weyse gebracht“ 1539 veröffentlicht wurden. Ein Exemplar des Liedflugblatts befindet sich noch in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Im gleichen Jahr erschien das Lied mit der heute noch gesungenen Melodie in dem von Valentin Schumann herausgegebenen und gedruckten Gesangbuch „Geistliche lieder, auffs new gebessert und gemehrt, zu Wittenberg. Leipzig: Valentin Schumann, 1539“.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zu Martin Luther als Liederdichter und zur lutherischen Kirchenmusik selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen – darunter auch Johann Sebastian Bachs Autograph zum Reformationsfest 1725.

 

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539. Autograph. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539.
Autograph. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539. Autograph, Rückseite. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539.
Autograph, Rückseite.
Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA