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Welche Schrift für die „Heilige Schrift“? Friedrich Forssman zur Neugestaltung der Lutherbibel

Am 7. Februar 2017 präsentierte Friedrich Forssman bei uns vor großem Publikum 95 Thesen zur Neugestaltung der Lutherbibel – im Rahmen unserer gemeinsam mit Forschenden der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Universität Potsdam organisierten Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog. Vorgestellt wurde der bekannte Typograph und Buchgestalter von Dr. Thomas Rahn (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin), dessen Einführungsrede im Folgenden als Gastbeitrag veröffentlicht wird:

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Spätestens seit dem Erscheinen von Zettels Traum in der Bargfelder Arno-Schmidt-Ausgabe – ein Ereignis, das durch die Feuilletons ging – muss man den Typographen Friedrich Forssman nicht mehr vorstellen. Zettels Traum – das ist für die Gemeinde der Schmidt-Jünger ja ein heiliges Buch. Der Typograph hatte sich damit also für die Gestaltung weiterer heiliger Texte empfohlen. Nur konsequent, dass Cornelia Feyll und Friedrich Forssman nun die Neugestaltung der revidierten Lutherbibel übernahmen. Ein Schmidt-Jünger wird vielleicht einwenden, der Schritt von Zettels Traum zur Bibel sei ein Abstieg, was die Bedeutung der Texte angeht. Aber immerhin: Ein größeres Typographie-Publikum als mit der Bibel ist nun nicht mehr zu erreichen – und wer die Lutherbibel gestaltet, überarbeitet nicht allein einen Buchtyp, sondern arbeitet ganz nebenbei auch noch am Image einer ganzen Konfession.

August Strindberg macht in seinem autobiographischen Roman Einsam den möglichen typographischen Anteil an der besonderen Gestimmtheit einer Bibellektüre zum Thema. Der Autor reflektiert über die unterschiedliche Atmosphäre und Wirkung zweier Bibeln aus seinem Besitz. Die eine Bibel aus dem 17. Jahrhundert, schwarz eingebunden und schwarz im Druckbild, scheint ihn vor allem zu Textstellen zu führen, in denen es um Fluch und Zorn geht. Die andere Bibel aus dem 18. Jahrhundert dagegen „sieht aus wie ein Roman, und zeigt einem meist die schöne Seite; das Papier selbst ist heller, die Typographie fröhlicher, und es lässt mit sich reden […]“ (August Strindberg, Werke in zeitlicher Folge: Frankfurter Ausgabe, Bd. 10, S. 42).

Wer – wie ich – seine Bibellektüre einst mit einer alten Fraktur-Taschenbibel der Württembergischen Bibelanstalt gestartet hat und nun einen Blick in die Lutherbibel 2017 tut, wird Strindbergs kontrastierende Assoziationen gut nachvollziehen können. Feyll und Forssman haben durch ihre typographische Reformation dem Text ein offenes Gesicht gegeben. – Gute Imagearbeit. Jetzt müssen die Katholiken erst einmal gleichziehen.

Nun liegt – das gilt auch für den heiligen Text – der Teufel im Detail. Max Caflisch beginnt seinen Aufsatz Über die Probleme der Bibeltypographie mit der Bemerkung, dass der typographische Laie wohl leicht imponierende Titelblätter, verzierte Initialen und Illustrationen von Prachtbibeln, d.h. das Spektakuläre im Gedächtnis behalte, der Fachmann sich dagegen mehr für das Beiwerk der Normalbibel interessiere, d.h. für all das, was funktionieren muss, aber optisch nicht dominieren darf. Die Bibel als Buchtypus ist ja gekennzeichnet durch einen Apparat von Gliederungs- und Verweismarkierungen.

Funktional besitzt der Bibeldruck der Normalbibel einen Sonderstatus, der beim gestalterischen Einsatz der paratextuellen Elemente berücksichtigt sein will. Einerseits ist die Bibel ein Text, in dem – ob aus historischem, theologischem oder glaubenspraktischem Interesse – Stellen nachgeschlagen werden. Andererseits muss das Buch eine intensive, unabgelenkte Lektüre ermöglichen. Die Typographie der Bibel muss also – um hier die Typologie der Lesearten in Willberg/Forssmans Standardwerk Lesetypographie aufzugreifen – zwischen den eigentlich konträren Gestaltungsansprüchen des konsultierenden Lesens und denen des linearen Lesens vermitteln können. Die Gestaltung sollte ebenso den weiten Spielraum zwischen so unterschiedlichen Rezeptionsweisen wie einer dezidiert wissenschaftlichen und einer dezidiert frommen Lektüre lassen. Oder: Wie Carl Keidel es vor 50 Jahren und wohl schon damals altfränkisch klingend in seinem Aufsatz Die Bibel als Aufgabe der Buchgestaltung ausdrückt: „Wir müssen eine Bibel schaffen, die der Universitätsprofessor genauso liebhat wie die Bauersfrau.“ (Entwürfe zur Bibel, S. 8)

Zu den Besonderheiten der Bibeldrucktradition zählt es, dass sich bloße Leseausgaben des Bibeltextes, die vom editorischen Beiwerk weitgehend befreit sind, nicht als bedeutender Alternativtypus durchsetzen konnten. Das liegt wohl auch daran, dass die sichtbare editorische Aufbereitung des Textes bereits mehr als ein bloßes Funktionselement darstellt, sie ist als historisches typographisches Dispositiv der Bibel nämlich auch eine Markierung, welche die Autorität des Textes selbst unterstützt. Ebenso ist die Norm, den kompletten Bibeltext – d.h. eine Textmenge, die nach Keidels Rechnung 10 x den Wahlverwandtschaften entspricht – in nur einem Buch unterzubringen, nicht nur praktisch motiviert. Wenn das eine Buch immer als ein Buch erscheint, lässt sich darin auch eine unhintergehbare Würdeform erkennen.

Wer sich an die Neugestaltung der Lutherbibel macht, hat es also mit divergierenden Funktionsansprüchen, aber auch mit konservativen Lesererwartungen zu tun. Wie dabei die Teufel im typographischen Detail auszutreiben sind und wie man reformiert, was sich immer auch gleich bleiben muss, wird uns Friedrich Forssman nun gleich berichten. Zuvor aber noch der Hinweis auf einen ästhetisch-glaubenspraktischen Service der Deutschen Bibelgesellschaft. Diese bietet von Prominenten gestaltete Bibelschuber an. Man kann zum Beispiel die Edition Margot Käßmann, Uschi Glas, Jürgen Klopp oder Harald Glööckler kaufen. Nachdem der Protestantismus den Heiligenkult einst verabschiedet hat, führt ihn die Deutsche Bibelgesellschaft jetzt wieder ein; jeder kann zwischen sich und dem Gotteswort nun qua Schuberprogramm eine selbstgewählte Fürbittinstanz installieren. Auf dem Glööckler-Schuber etwa erwartet der Modedesigner, mit Taubenwirbel über dem Haupt, gerade seine Himmelfahrt. Wem das zu dick aufgetragen oder ikonographisch zu heikel ist, kann aber auch die bildlose Leder-Bibelhülle Wittenberg erwerben.

Friedrich Forssman wird nicht müde zu betonen, dass ein Buch von innen nach außen durchgestaltet werden muß – und er liefert als Typograph immer wieder die überzeugendsten Umsetzungen dieser Regel. Jetzt wollen wir natürlich gleich auch wissen, in welchen Schuber er nach Maßgabe dieses Gestaltungsprinzips die Lutherbibel 2017 stecken würde.

Friedrich, wir freuen uns auf Deinen Vortrag!

Text: Dr. Thomas Rahn

 

Technische Rahmenbedingungen des Schriftdesigns: Werkstattgespräch am 7.3.

 

Wissenswerkstatt

Technische Rahmenbedingungen des Schriftdesigns

Werkstattgespräch mit Dr. Thomas Maier, Kunstuniversität Linz
Dienstag 7. März 2017
18.15 Uhr
Konferenzraum 4
Haus Unter den Linden (Eingang Dorotheenstraße 27)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Die technisch-materiellen Rahmenbedingungen haben Einfluss auf die Form der Buchstaben, und das System Bleisatz bestimmt bis heute, wie die Anordnung von Buchstaben auf dem Bildschirm funktioniert. Auch wenn die reale Manifestation der Buchstaben von einer virtuellen Realität abgelöst wurde, gänzlich losgelöst von den Wurzeln der Vorgänger haben sie sich nicht. Das schlägt sich praktisch in der Punktgröße, in Gevierten und Durchschuss nieder, aber auch in Formen und Abständen innerhalb der Schriftarten, die aus dem Bleisatz über den Fotosatz und digitale Schriftgenerationen konserviert wurden. Im Vortrag werden einige konkrete praktische Problemstellungen von Schriftbestimmung und Textverarbeitung erörtert.

Eine Veranstaltung der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit

Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.
Ausschnitt aus dem Nürnberger Plakatdruck der 95 Thesen, 1517 | Quelle: Digitale Bibliothek der Staatsbibliothek zu Berlin - PK || CC BY-SA-NC 3.0

Außer Thesen nichts gewesen – Sonderöffnung unserer Luther-Ausstellung am 7. Februar 2017

Am 7. Februar 2017 laden wir Sie herzlich ein zu einem langen Abend der Thesen – der insgesamt 380 Thesen, um genau zu sein. Denn anlässlich des Vortrags des bekannten Buchgestalters Friedrich Forssman im Rahmen unserer gemeinsam mit der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Universität Potsdam organisierten Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog wird unsere große Ausstellung zum Reformationsjubiläum ausnahmsweise bis 20:30 Uhr geöffnet bleiben.

Auf diese Weise haben Sie die einmalige Gelegenheit, zunächst 95 Thesen zur von Friedrich Forssman verantworteten Neugestaltung der revidierten Lutherbibel 2017 zu diskutieren, um anschließend unsere Auswahl von 95 spektakulären Exponaten in Augenschein zu nehmen, die Ihnen die Reformation erzählen wollen – darunter erstmals alle drei Druckausgaben der Luther-Thesen in trauter Eintracht vereint.

Sollten Sie angesichts des Dreiklangs „Forssman – Thesen – Sensationen“ tatsächlich noch zweifeln, ob sich die für einen Besuch von Vortrag und Ausstellung aufzuwendenden Spesen an Zeit und Aufmerksamkeit überhaupt lohnen, so seien Sie versichert: Sie werden voll und ganz auf Ihre Kosten kommen!

Ausschnitt aus dem Nürnberger Plakatdruck der 95 Thesen, 1517 | Quelle: Digitale Bibliothek der Staatsbibliothek zu Berlin - PK || CC BY-SA-NC 3.0

Werkstattgespräch zur Neugestaltung der Lutherbibel am 7.2.

Wissenswerkstatt
95 Thesen zur Neugestaltung der Lutherbibel
Werkstattgespräch mit Prof. Friedrich Forssman, Kassel / Fachhochschule Potsdam
Dienstag 7. Februar 2017
18.15 Uhr
Otto-Braun-Saal
Haus Potsdamer Straße 33
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Zum Luther-Jubiläumsjahr 2017 erscheint eine Neuausgabe der Lutherbibel mit der ersten Neugestaltung seit 1982. Friedrich Forssman spricht über das ganze und die Details und über Buchgestaltung im Allgemeinen am Beispiel einer besonders vielschichtigen Aufgabe.

Veranstaltungshinweis:
Am 3. Februar wird in der Staatsbibliothek die Ausstellung
„BIBEL – THESEN – PROPAGANDA. Die Reformation erzählt in 95 Objekten
eröffnet und am 7. Februar bis 20.30 Uhr geöffnet sein.

 

Eine Veranstaltung der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit

Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.
Georg Hirth: Das deutsche Zimmer der Renaissance, München 1882. SBB PK: Signatur 1 C 345 | Stefan George: Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod, Berlin 1900. SBB PK: Signatur Yo 28000 | CC BY-SA-NC 3.0

Werkstattgespräch zur Buchkultur im 19. Jahrhundert am 24.1.

Wissenswerkstatt
Buchkultur im 19. Jahrhundert – Zeitalter, Materialität, Gestaltung.
Eine Buchvorstellung

Dr. Monika Estermann, Dr. Frieder Schmidt und Prof. Dr. Wulf D. von Lucius,
Maximilian-Gesellschaft für alte und neue Buchkunst
Dienstag 24. Januar 2017
18.15 Uhr
Simón-Bolívar-Saal
Haus Potsdamer Straße 33
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Nach den Bänden zum 15., 16. und 18. Jahrhundert präsentiert die Maximilian-Gesellschaft nunmehr den zweiten von insgesamt drei Teilbänden zur Buchkultur des 19. Jahrhunderts – ein Publikationsprojekt, das ohne die umfassende Sammlungstätigkeit der Staatsbibliothek zu Berlin und ihrer historischen Vorgängereinrichtungen kaum möglich gewesen wäre. Während der erste, bereits im Jahr 2010 erschienene Teilband die technischen Grundlagen der Buchproduktion im Zeitalter der Industrialisierung behandelt, liegen die Schwerpunkte des vorzustellenden Werks auf der Präsentation des neuen Zeitalters anhand der epochemachenden großen Ausstellungen, auf der veränderten beruflichen Ausbildung der Drucker sowie den Wandlungen des Buchinneren: Thematisiert werden vor allem die Entwicklung des gesamten Titelbogens sowie die Neugestaltung der Satzusancen bei bestimmten Textgattungen. Im Mittelpunkt steht dabei die enge Zusammenarbeit der bekannten Autoren mit ihren Druckern – darunter etwa Goethe, von Arnim und Brentano, George, Rilke und Holz – bei der Suche nach der adäquaten typographischen Form. Zwei abschließende Kapitel behandeln das Druck- sowie das Buntpapier. Der dritte, den Techniken der künstlerischen Buchgestaltung gewidmete Teilband soll im Lauf des kommenden Jahres folgen.

 

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.

Wenn Schriftgötter auf Reformatoren treffen – Friedrich Forssmans 95 Thesen zur Neugestaltung der Lutherbibel

Wenn es um die Neugestaltung der Lutherbibel zum Reformationsjubiläum geht, dann sollte mit dieser Aufgabe schon ein „Schriftgott“ betraut werden – mindestens! Dass dieser allerdings nicht vom Olymp, sondern vielmehr von der Kasseler Wilhelmshöhe herabgestiegen sein muss, legt bereits seine Wahl der Documenta als Schrift für die frisch revidierte „Heilige Schrift“ nahe. Und tatsächlich hat sich Friederich Forssman – der zwar nicht von, aber immerhin im „Cicero“ so bezeichnete Schriftgott aus Kassel – der ebenso ehrenvollen wie herkulischen Herausforderung gestellt, den besonders leicht erkennbaren, weil seit Jahrhunderten kanonischen Buchtypus „Bibel“ einer gestalterischen Verjüngungskur zur Verbesserung von Lesefreundlichkeit und Klarheit zu unterziehen.

Klar ist aber auch, dass sich Friedrich Forssman dabei an jenen Kriterien guter Buchgestaltung messen lassen muss, die er anlässlich seines ersten Auftritts in unserer gemeinsam mit der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Universität Potsdam organisierten Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit benannt hat. Umso mehr freuen wir uns also darauf, diese Überprüfung ebenfalls im Rahmen unseres Dialogs mit der Forschung – so der programmatische Untertitel der auch im Reformationsgedenkjahr fortgesetzten Kooperationsveranstaltung – zusammen mit Ihnen vorzunehmen. Denn Friedrich Forssman wird uns am 7. Februar 2017 ebenso persönliche wie feinsinnige Einblicke in den Prozess der Neugestaltung der Lutherbibel geben – und zwar konsequenterweise in Form von 95. Thesen. Hoffen wir bloß, dass die Glastüren unseres denkmalgeschützten Hauses an der Potsdamer Straße den Abend heil überstehen werden.

Nur dort sind übrigens zeitgleich alle drei lateinischen Ausgaben der inzwischen zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählenden Ablassthesen – vor 500 Jahren gedruckt in Basel, Leipzig und Nürnberg – parallel zu sehen. Denn vom 3. Februar 2017 bis zum 2. April 2017 sowie während des Evangelischen Kirchentags laden wir Sie herzlich ein zu unserer großen Ausstellung BIBEL – THESEN – PROPAGANDA. Die Reformation erzählt in 95 Objekten.

Ganz gleich, ob nun Forssman- oder Luther-Thesen. In beiden Fällen gilt also: solum in Bibliotheca olim Regia Berolinensi.

Werkstattgespräch zum wissenschaftlichen Layout um 1500 am 10.1.

Wissenswerkstatt
Wissenschaftliches Layout um 1500
Werkstattgespräch mit Dr. Oliver Duntze, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Dienstag 10. Januar 2017
18.15 Uhr
Konferenzraum 4
Haus Unter den Linden (Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt in der Eingangshalle (Rotunde)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Die Erfindung des Buchdrucks in der Mitte des 15. Jahrhunderts zieht im Bereich der Buchgestaltung deutliche Änderungen nach sich. Insbesondere für das Layout komplexer Textsynopsen, z.B. bei kommentierten Ausgaben literarischer oder religiöser Texte oder im Bereich des wissenschaftlichen Buches, musste dem neuen Medium und seinen technischen Möglichkeiten und Limitierungen angepasst werden. Der Vortrag soll anhand ausgewählter Beispiele zeigen, in welcher Weise zunächst handschriftliche Modelle mehr oder minder erfolgreich im Buchdruck imitiert wurden, sich aber um die Wende zum 16. Jahrhundert zunehmend eine eigene makrotypographische Formsprache für die Gestaltung komplexer wissenschaftlicher Texte ausbildet.

Eine Veranstaltung der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.
Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.

Die Materialität und Medialität literarischer Handschriftlichkeit – Ein Workshopbericht

Wie die Einrichtung der beiden Sonderforschungsbereiche Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa (Universität Hamburg) und Materiale Textkulturen. Materialität und Präsenz des Geschriebenen in non-typographischen Gesellschaften (Universität Heidelberg) dokumentiert, haben Forschungen zu Funktion und gesellschaftlichem Status von Handschriftlichkeit gegenwärtig Hochkonjunktur. Dabei profitiert dieser Aufschwung eminent von dem seit einiger Zeit wiedererwachten Interesse der Geistes- und Kulturwissenschaften an Artefakten – ein vielfach als material turn bezeichneter Prozess, der mit der Aufwertung von objekt- und sammlungsbezogenen Kompetenzen zu wissenschaftlichen Schlüsselqualifikationen einhergeht. Kein Wunder also, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als spartenübergreifendes Objektrepositorium von Weltrang und drittmittelaktive interdisziplinäre Forschungseinrichtungen ihre Aktivitäten auf den Feldern der material culture studies weiter ausbauen möchte – nicht zuletzt auch auf der Grundlage der im Rahmen der Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit: Bibliothek und Forschung im Dialog geknüpften Wissenschaftskontakte.

Vor diesem Hintergrund fand am 29. September 2016 in der Staatsbibliothek zu Berlin unter der Leitung von Reinhard Altenhöner, Jochen Haug und Christian Mathieu ein stiftungsinterner Workshop zum Thema Die Materialität und Medialität literarischer Handschriftlichkeit statt, der den Auftakt zu einer Reihe von Folgeveranstaltungen und Arbeitstreffen markieren möchte – mit der klaren Perspektive, interdisziplinäre spartenübergreifende Forschungsaktivitäten sowie als Meilenstein auf diesem Weg zunächst eine gemeinsame Sommerschule in Kooperation mit der universitären Forschung zu realisieren. Dem integrativen Ansatz der von der Staatsbibliothek zu Berlin entfalteten Initiative gemäß waren nahezu alle Stiftungseinrichtungen auf dem Workshop vertreten.

 

Zwischen wissenschaftlicher Kompetitivität und spartenübergreifendem Integrationspotential

Auf Grundlage der im Lauf des Vormittags präsentierten Impulsvorträge umkreiste die lebhafte Plenumsdiskussion die bereits von Präsident Parzinger in seiner Begrüßungsrede angesprochene Herausforderung, die schiere Vielfalt der Forschungsaktivitäten innerhalb der Stiftung in eine für möglichst viele Sammlungen und Einrichtungen anschlussfähige, zugleich aber wissenschaftlich wettbewerbsfähige Fragestellung zu gießen. Im Zentrum der Debatte stand dabei zunächst der im call for papers entwickelte Vorgehensvorschlag, der eine Zweiteilung des Kurrikulums der geplanten Sommerschule in eher propädeutische, der Vermittlung materialbezogener Kompetenzen gewidmete sowie stärker theorieorientierte Lehrveranstaltungen – etwa in Auseinandersetzung mit einer jüngst von Christian Benne (Universität Kopenhagen) vorgelegten Studie – vorsieht. Dieser zufolge habe sich erst zur Mitte des 18. Jahrhunderts ein spezifisches Nachlassbewusstsein herausgebildet, dessen Kennzeichen die Wertschätzung des Manuskripts als materiale Spur des literarischen Schreibvorgangs sei – ein auch durch die Referate von Falk Eisermann und Christoph Rauch akzentuierter Angriff auf den Linearitätsmythos des zunehmenden Bedeutungsverlusts von Handschriftlichkeit seit Erfindung des Buchdrucks. Freilich spricht einiges dafür, wie Eef Overgaauw in seinem Vortrag nahelegte, das Einsetzen des von Christian Benne beschriebenen Prozesses bereits ins 15. Jahrhundert zu datieren – eine Einschätzung, die sich im Rahmen der geplanten Sommerschule ohne weiteres anhand der zahlreichen in der Staatsbibliothek verwahrten Nachlässe überprüfen ließe.

Wichtige Anregungen erhielt die Diskussion vor allem von Markus Hilgert, der das grundlegende Spannungsverhältnis von spartenübergreifendem Integrationspotential und wissenschaftlicher Kompetitivität in seinem Eingangsstatement aus seiner persönlichen Doppelperspektive als ehemaliger Sprecher des eingangs erwähnten Heidelberger Sonderforschungsbereichs und Direktor des Vorderasiatischen Museums in den Blick nahm. Zwar unterstrich auch er das eminente forschungsstrategische Potential des vorgeschlagenen Untersuchungsfelds im Gefolge des material turn, plädierte zugleich aber dafür, das erkenntnisleitende Konzept der Literarizität schärfer zu fassen und die Erscheinungsformen von literarischer Handschriftlichkeit in ihrer diachronen wie diatopen Varianz zu betrachten. Anknüpfend an diese Empfehlungen wurde in der weiteren Diskussion sogar überlegt, die von einigen Teilnehmenden als zu statisch empfundene Scheidung zwischen literarischer und pragmatischer Handschriftlichkeit gänzlich aufzugeben und die angestrebte interdisziplinäre Sommerschule stattdessen der kulturvergleichenden Rekonstruktion von Strukturen des Skripturalen bzw. einer Genealogie oder Archäologie des Schreibens mit der Hand zu widmen. Im Interesse der sowohl für die Akquise von Fördermitteln als auch für die Gewinnung von Lehrenden unerlässlichen wissenschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit sprach sich Markus Hilgert mit Nachdruck für ein konsequent entlang einer zentralen Forschungsfrage strukturiertes Sommerschulkurrikulum aus und formulierte zugleich Bedenken hinsichtlich einer eher additiv angelegten exemplarischen Gesamtinventur mit der Hand beschrifteter Artefakte in den einzelnen Sammlungen. Der Charakter der Stiftung als spartenübergreifender Verbund von Objektrepositorien wiederum wurde von zahlreichen Teilnehmenden als Alleinstellungsmerkmal hervorgehoben, das in äußerst profitabler Weise für die geplante Sommerschule genutzt werden könne und es zudem gestatte, ganz unterschiedliche Zielgruppen zu adressieren.

Damit aber war ein stärker integrierender Alternativansatz zum ursprünglich vorgeschlagenen Vorgehen formuliert – eine Spannung, die sich für den weiteren spartenübergreifenden Abstimmungsprozess auf dem Weg zu einer gemeinsamen Sommerschule in Kooperation mit der universitären Forschung mit hoher Wahrscheinlichkeit als produktiv erweisen dürfte. Ungeachtet der darin zugleich zum Ausdruck kommenden Vorbehalte bezüglich der Eignung von Christian Bennes These von der Erfindung des Manuskripts um 1750 zur Verklammerung des gesamten Sommerschulkurrikulums, herrschte dennoch Konsens darüber, dass der rezente Impuls der material culture studies zur Neubewertung von Handschriftlichkeit in den Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz einen ebenso facettenreichen wie tonmächtigen Resonanzraum finden würde. Dies umso mehr, als diese doch – wie es Markus Hilgert mit Blick auf die Felder von Erschließung, Forschung und Vermittlung formuliert – als Rezeptionslabor von (literarischer) Handschriftlichkeit dienen könne.

 

Programm des Workshops am 29. September 2016

10:00 – 10:05 Uhr

Grußwort des ständigen Vertreters der Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin


10:05 – 10:10 Uhr

Grußwort des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz


Moderation:
Reinhard Altenhöner (SBB – Generaldirektion)


10:10 – 10:30 Uhr:
Jochen Haug | Christian Mathieu (SBB – Wissenschaftliche Dienste)

Die Materialität und Medialität literarischer Handschriftlichkeit –
Möglichkeiten einer interdisziplinären spartenübergreifenden Sommerschule


10:30 – 10:50 Uhr:
Eef Overgaauw (SBB – Handschriftenabteilung)

Literarische Nachlässe des 15. und 16. Jahrhunderts


10:50 – 11:10 Uhr:
Falk Eisermann (SBB – Handschriftenabteilung)

Handschrift und Buchdruck im 15. Jahrhundert – Aspekte einer medialen Konvergenz

 

11:10 – 11:30 Uhr: Dominik Erdmann (SBB – Handschriftenabteilung)

Der Kosmos als Papierprojekt –
Anmerkungen zu Alexander von Humboldts material-gestützten Schreibverfahren


11:30 – 12:00 Uhr:

Kaffeepause


12:00 – 12:20 Uhr:
Viola König (SMB – Ethnologisches Museum) Der Vortrag musste leider entfallen

Bilderhandschriften aus Mesoamerika: Codices, Lienzos und Mapas


12:20 – 12:40 Uhr:
Jutta Weber (SBB – Handschriftenabteilung) | Michael Lailach (SMB – Kunstbibliothek)

Der Brief: Form und Inhalt


12:40 – 13:00 Uhr:
Christoph Rauch (SBB – Orientabteilung)

Materialität und Medialität arabischer Handschriften: Ein Diskussionsbeitrag


13:00 – 13:45 Uhr:

Mittagspause


13:45 – 14:30 Uhr:
Markus Hilgert (SMB – Vorderasiatisches Museum)

Die Materialität und Medialität literarischer Handschriftlichkeit –
Potentiale eines Themas aus der Doppelperspektive von Forschung und Museum


14:30 – 16:00 Uhr:
Plenumsdiskussion

Eine spartenübergreifende Sommerschule der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Dialog mit der universitären Forschung – Schaffen wir das?

 

Mit Nadel, Klebstoff und Papier: Werkstattgespräch zur Revision musikalischer Werke am 6.12.

Wissenswerkstatt
Mit Nadel, Klebstoff und Papier: materiale Aspekte der Revision musikalischer Werke
Werkstattgespräch mit Dr. Roland Schmidt-Hensel, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Dienstag 6. Dezember 2016
18.15 Uhr
Konferenzraum 4
Haus Unter den Linden (Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt in der Eingangshalle (Rotunde)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Musikhandschriften spiegeln in vielfältigen Facetten Entstehungs- und Bearbeitungsprozesse der darin überlieferten Werke wider. Dies reicht von Korrekturen, die der Komponist während des Kompositionsprozesses in seinem Arbeitsmanuskript vornimmt, über Revisionen und Neufassungen eigener Werke bis hin zur Bearbeitung, Einrichtung und Anpassung insbesondere von Bühnenwerken für eine bestimmte Aufführungssituation. In vielen Fällen schlagen sich solche Revisionen in den überlieferten Quellen nicht nur durch schriftliche Eintragungen, sondern auch in Form von Heraustrennungen, Einfügungen und Überklebungen einzelner Blättern oder Lagen nieder. Umgekehrt bedingen bisweilen auch praktische Aspekte des Arbeitens im und mit dem Notenmaterial die resultierende Gestalt eines Werkes bzw. einer Aufführungsfassung.

Eine Veranstaltung der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.
Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.

Rahmungen: Psalmen – Faust – Insel-Verlag. Werkstattgespräch am 8.11.

Wissenswerkstatt
Rahmungen: Psalmen – Faust – Insel-Verlag
Werkstattgespräch mit Dr. Philip Ajouri, PD Dr. Ursula Kundert, PD Dr. Carsten Rohde, Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel
Dienstag 8. November 2016
18.15 Uhr
Konferenzraum 4
Haus Unter den Linden (Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt in der Eingangshalle (Rotunde)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Der Vortrag fragt nach dem Effekt materialer Rahmungen bei der Präsentation kanonischer Werke. Im Kontrast von Stoffen, Gattungen, Produktionszusammenhängen und Zeitpunkten werden Beispiele medialer Konstellationen beschrieben, welche zur systematischen und mediengeschichtlichen Diskussion anregen: War zum Beispiel der Einband für norddeutsche Psalmen des 15. Jahrhunderts, für Medialisierungen des Faust-Stoffes im 19. Jahrhunderts sowie für Bände des Insel-Verlages zu Anfang des 20. Jahrhunderts gleichermaßen wichtig und wirkmächtig? Welche mediengeschichtlichen Veränderungen gehen mit je unterschiedlichen Rahmungen einher? Welche Rahmungen sind über alle genannten Faktoren hinweg erstaunlich konstant?

Philip Ajouri, Carsten Rohde und Ursula Kundert bilden das Projekt „Text und Rahmen“ im Forschungsverbund des Deutschen Literaturarchivs Marbach, der Klassik Stiftung Weimar und der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.

Eine Veranstaltung der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.
Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.