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Shakespeare in drei Akten am 26.4., 17 Uhr

Dienstag, 26. April 2016, 17.00 Uhr
Staatsbibliothek zu Berlin, Potsdamer Straße 33, 10785 Berlin
Dietrich-Bonhoeffer-Saal
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

Eine Anglistin, ein wissenschaftlicher Bibliothekar und ein Übersetzer gestalten anlässlich des 400. Todestages William Shakespeares am 26. April 2016 in der Staatsbibliothek zu Berlin einen Themenabend in drei Akten. Prof. Dr. Sabine Schülting von der Freien Universität Berlin hält einen Vortrag mit dem Titel „Shakespeare – der Untote?“, Andreas Wittenberg von der Staatsbibliothek zu Berlin präsentiert die Shakespeare-Folios der Staatsbibliothek, und der freie Übersetzer Frank Günther berichtet über die Freuden und Leiden der Übersetzung Shakespearescher Texte. Die Veranstaltung steht im thematischen Zusammenhang mit der Reihe „Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog“, die von der Staatsbibliothek zu Berlin in Kooperation mit der Freien Universität Berlin, der Universität Potsdam sowie der Humboldt-Universität zu Berlin organisiert wird.

Sabine Schülting wirft in ihrem Vortrag einen kritischen Blick auf Geschichte und Gegenwart der internationalen Bardolatrie, der quasi-religiösen Verehrung Shakespeares als ein die Zeiten überdauerndes Universalgenie. „Shakespeare Lives“ – „Shakespeare lebt“ lautet das Motto der zahllosen Veranstaltungen, die unter der Federführung des British Council in diesem Jahr in rund 70 Ländern der Welt stattfinden. Aber ist Shakespeare tatsächlich ein globaler Autor? Ist er unser Zeitgenosse? Und ist er wirklich unsterblich?
Sabine Schülting ist Professorin für Englische Philologie an der Freien Universität Berlin. Sie ist die Herausgeberin des Shakespeare-Jahrbuchs und Mitglied des Vorstands der Deutschen Shakespeare Gesellschaft.

Andreas Wittenberg präsentiert unter dem Titel „Nur Wort‘ und Worte“ die Shakespeare-Folios der Staatsbibliothek zu Berlin. Diese Ausgaben von Shakespeares Werken gehören zu den bedeutendsten unter den Beständen der Bibliotheken. Auch die Preußische Staatsbibliothek, heute Staatsbibliothek zu Berlin, gehörte einst zu den Besitzern aller vier Ausgaben. Doch die Auslagerung der Bücher zum Schutz vor Kriegseinwirkungen und die Folgen des Zweiten Weltkriegs haben große und zum Teil bis heute noch nicht wieder geschlossene Lücken in die Bestände der Staatsbibliothek gerissen. Im Mittelpunkt des Vortrags stehen die drei Ausgaben, die heute wieder in der Staatsbibliothek vorhandenen sind – eine Ausgabe, der „Second Folio“, konnte bisher noch nicht wieder erworben werden. Andreas Wittenberg gibt Informationen zur Sammlung und stellt die exemplarspezifischen Merkmale der Bücher, ihre Drucker, Provenienzen und Einbände vor. Zum Abschluss illustriert er mit Beispielen aus der Sammlung Künstlerische Drucke, wie sich Buchkünstler immer wieder neu von den Werken Shakespeares inspirieren ließen.

Frank Günther nimmt die Zuhörer an diesem Abend mit auf eine „abenteuerliche Reise in Shakespeares Sprachwunderwelten“. Der Sprachkünstler Shakespeare hat in seinen Werken „a great feast of language“ angerichtet, wie es in Verlorene Liebesmüh heißt – ein Festmahl der Sprache. Die Rezepte hat Shakespeare neu ersonnen, seine spezifischen Zutaten stammen vom reichen Acker der englischen Sprache: Ein Schlemmermahl des Englischen. Rezepte kann man nachkochen – aber wie kocht man in einer Übersetzung Shakespeares Festmähler nach, wenn die Zutaten aus dem deutschen Sprachgemüsegarten kommen müssen? Wenn die Zutaten ganz anders schmecken als die englischen?
Frank Günther ist seit mehr als vier Jahrzehnten Übersetzer des Gesamtwerks von William Shakespeare ins Deutsche. Seine vielfach ausgezeichneten Übersetzungen sind bei dtv und in einer bibliophilen Ausgabe bei Ars Vivendi erschienen. 2014 erschienen von ihm Unser Shakespeare sowie Shakespeares Wort-Schätze. Im Wintersemester 2007/08 hatte er die August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der Freien Universität Berlin inne, die die Hochschule mit dem Deutschen Übersetzerfonds 2007 gemeinsam ins Leben rief und trägt.

Weitere Informationen

 

Kontakt:

Wissenschaftliche Dienste
Dr. Jochen Haug, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
T. 030 / 266 433 153

Presse
Jeanette Lamble, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
T. 030 / 266 431444

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog.
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Werkstattgespräch zum frühen arabischen Buchdruck am 5.4.

Werkstattgespräch
Der frühe arabische Buchdruck in einer Welt der Handschriften: Eine kulturhistorische Annäherung
Christoph Rauch, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Dienstag, 5. April
18.15 Uhr
Konferenzraum 4, Haus Unter den Linden
(Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt: Eingangshallsbereich (Rotunde)
Anmeldung


Christliche arabische Mönche bedienten schon im 17. Jahrhundert die Druckerpresse. Obwohl Ibrahim Müteferrika bereits ab 1729 in Konstantinopel wirkte, konnte sich der Buchdruck im islamischen Umfeld erst im 19. Jahrhundert durchsetzen. Worin liegen die Ursachen für das lange Festhalten an der handschriftlichen Überlieferung im islamischen Raum, und in welchem Kontext steht die Verbreitung gedruckter Bücher in der islamischen Wissenskultur? Am Beispiel zahlreicher handschriftlicher und gedruckter Exemplare eines sehr verbreiteten und häufig kommentierten Werkes, der arabischen Grammatik al-Kāfīya des Ibn Ḥāǧib (st. 647/1249), werden einige Merkmale der Textgestaltung und des Wissenstransfers sowohl im Zeitalter der Handschrift als auch des Buchdruckes veranschaulicht.

Eine Veranstaltung aus der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

Weitere Termine der Wissenswerkstatt

Die Beseitigung von Lesehindernissen – Friedrich Forssman zur Frage: „Was ist gute Buchgestaltung?“

Totgesagte leben bekanntlich länger – zumal im digitalen Zeitalter. Denn ebenso wie sich die Lesesäle von Bibliotheken auch und gerade bei Digital Natives immer größerer Beliebtheit erfreuen, erlebt das ambitioniert gestaltete gedruckte Buch gegenwärtig eine Phase der Hochkonjunktur. Hiervon zeugen etwa der Erfolg der von einer unserer prominenten Stammgäste herausgegebenen bibliophilen Bände zur Naturkunde – die Leserinnen und Leser unseres Hausmagazins sind einmal mehr im Vorteil – und nicht zuletzt auch der jüngste Abend in unserer gemeinsam mit den Berliner und Potsdamer Universitäten organisierten Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog. Denn mehr als 100 Personen interessierten sich am vergangenen Dienstag für die apodiktische Frage: Was ist gute Buchgestaltung?.

Da zu deren Beantwortung naturgemäß ein umfassender Überblick über das angesprochene Feld erforderlich oder zumindest wünschenswert ist, konnte zu unserer großen Freude kein Geringerer als der so bezeichnete Schriftgott aus Kassel für diese Aufgabe gewonnen werden – na klar, die Rede ist von Friedrich Forssman. Im Rahmen seines Vortrags präsentierte der renommierte Buchgestalter und Typograf, der selbst zur Theorie der Schwarzen Kunst publiziert und neuerdings auch lehrt, seine Ästhetik als ein changierendes Spiel mit den seit Johannes Gutenberg etablierten Konventionen. So solle eine gelungene Buchgestaltung zwar einerseits den an sie gerichteten Erwartungen entsprechen – wir alle rufen vermutlich recht ähnliche Vorstellungen von den Buchtypen „Reiseführer“ oder „Mathematik-Schulbuch“ auf – und sich durch die Beseitigung von Lesehindernissen gleichsam selbst unsichtbar machen, andererseits aber auch die Sinne reizen und Vergnügen schenken. Letzteres vermag Friedrich Forssman, wie schnell deutlich wurde, freilich nicht nur als Buchgestalter, sondern auch als Redner, begeisterte er doch sein Publikum mit einigen ebenso pointierten wie scharfzüngig vorgetragenen Beobachtungen.

Sollten Sie den Auftritt des Meistertypografen verpasst haben oder gar nicht genug von seinen Ausführungen bekommen können, so dürfen Sie bereits auf die im Herbst 2016 startende dritte Runde der Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog vorfreudig gespannt sein. Denn Friedrich Forssman – für seine heroische Leistung, Zettel‘s Traum erstmals als gesetztes Buch erstehen zu lassen, wird der Wahl-Kasseler geradezu als Herkules gefeiert – hat fest versprochen: „I’ll be back!“ Über die genaue – ähm! – Terminierung seines Vortrags werden wir Sie natürlich frühzeitig an dieser Stelle informieren.

P.S. Und für eine Vorschau auf diesen Vortrag in der Rückschau empfehlen wir übrigens das Gespräch von Friedrich Forssman mit dem Kulturradio des RBB.

Kunst und Politik im Einblattdruck / Flugblatt. Werkstattgespräch am 7.3.

Werkstattgespräch
Kunst und Politik im Einblattdruck / Flugblatt
Christiane Caemmerer (Staatsbibliothek zu Berlin)
Präsentation der Einblattdrucke von PalmArtPress mit Wolfgang Nieblich (Herausgeber) und Catharine Nicely (Verlegerin)

Montag, 7. März
18.15 Uhr
Simón-Bolívar-Saal, Haus Potsdamer Straße
Anmeldung

In ihrem Vortag stellt Christiane Caemmerer das Medium Einblattdruck/ Flugblatt in seinem Wandel von der Reformationspropaganda Lucas Cranachs über die futuristischen Manifeste und die Flugblattgedichte Johannes R. Bechers bis zu den Blättern der Kommune 1 mit einem kurzen Ausflug in die Gegenwart vor.
Mit dem Projekt bildende Künstler und Autoren im modernen Einblattdruck zusammenzuführen, greifen die Einblattdrucke von PalmArtPress im 21. Jahrhundert die Traditionen dieses frühen publizistischen Mediums auf zu berichten, aufzuklären und zu polemisieren.

 

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

Weitere Termine der Wissenswerkstatt

Poster zur Veranstaltung als Pdf

Der Simón-Bolívar-Saal ist nicht barrierefrei zugänglich. Bitte  informieren Sie uns vorab, falls Sie Unterstützung benötigen: pr@sbb.spk-berlin.de 

Sonderdrucke in Zeiten von PDF. Eine akademische Tradition wird reanimiert

Das Pulsieren von Herzblut war deutlich zu spüren, als am vergangenen Donnerstag im Rahmen eines von der Staatsbibliothek zu Berlin veranstalteten Podiumsgesprächs eine akademische Tradition wiederbelebt wurde, die mit dem Aufschwung des elektronischen Publizierens einen Gutteil ihres ursprünglichen Charakters einbüßen sollte. Denn unter den Bedingungen der unbegrenzten Reproduzierbarkeit elektronischer Dokumente muss jener exklusive „Für-Dich-Effekt“ zwangsläufig an Bedeutung verlieren, der aus der nur begrenzten Verfügbarkeit ansprechend gestalteter, mit einer handschriftlichen Widmung versehener und womöglich sogar persönlich überreichter papierener Sonderdrucke resultiert – eine Limitierung, die zumal in universitären Bewerbungsverfahren zuweilen freilich für herkulische Entscheidungsschwierigkeiten sorgen kann.

Angesichts der Unwirksamkeit von PDF-Dateien als Zeichen von kollegialer Verbundenheit und Zuneigung sowie in der Absicht, einen Publikationsort für herausragende studentische Arbeiten und eher unkonventionelle wissenschaftliche Texte zu schaffen, haben sich Anke te Heesen, Christina Wessely, Valentin Groebner und Michael Wildt der Rettung dieser gefährdeten oder zumindest aus der Mode gekommenen Tradition des akademischen Gabentauschs verschrieben und mit Unterstützung der Wüstenrot-Stiftung die programmatisch betitelte Reihe „Sonderdruck“ ins Leben gerufen. Den vier überdies für die Programmauswahl zuständigen Lehrenden steht der Leipziger Typograf Helmut Völter zur Seite, der sowohl das Format der Gesamtreihe als auch das Erscheinungsbild der ersten drei Einzelbände – diese handeln von Heiner Müllers Manuskriptkritzeleien, der deutschen Modefotografie in den 1930er Jahren sowie dem Mittelalterbild des Campus Galli – gestalterisch verantwortet. Um aber den individuellen, auf persönliche Kontaktaufnahme zielenden Charakter des Vorhabens noch stärker zu betonen, wird der buchkünstlerische Staffelstab von nun an im Jahresturnus von Hand zu Hand weitergegeben werden.

Allerdings bezeichnet der stete Wandel in der Gestaltung der künftig zu produzierenden Bände keineswegs die einzige Konstante dieser Reihe, werden doch die in einer Auflage von jeweils 400 Stück hergestellten Sonderdrucke niemals im Buchhandel zu kaufen, sondern ausschließlich als Geschenk zu erhalten sein. Demgemäß betonte auch der bekannte Feuilletonist und Literaturwissenschaftler Lothar Müller in seinem Festvortrag die verschiedenen Währungen, in denen die nicht von Geldströmen getragene Ökonomie des akademischen Gabentauschs ausgemünzt wird: Aufmerksamkeit, symbolisches Kapital und vor allem Lesezeit. Zugleich dokumentiert die Einladung gerade dieses Redners – Lothar Müller ist schließlich Autor einer viel beachteten Geschichte des Papiers – die besondere Sensibilität für die materiale Dimension von Sonderdrucken, was wiederum die Aufnahme des Podiumsgesprächs in die Folge der Begleitveranstaltungen zur gemeinsam von der Staatsbibliothek zu Berlin in Verbindung mit den Berliner und Potsdamer Universitäten organisierten Vortragsreihe Die Materialität der Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog erklärt. Nach historischen Dissertationen und mittelalterlichen Rechtshandschriften werden in diesem Zusammenhang – diese kurze Werbeunterbrechung sei hier bitte gestattet! – im Übrigen bereits in Kürze künstlerische Einblattdrucke im Fokus stehen.

Wie am Eröffnungsabend der 66. Berlinale auch kaum anders vorstellbar, wurde diese Veranstaltung zum wissenschaftlichen Publizieren auf Papier im 21. Jahrhundert natürlich für den YouTube-Kanal der Staatsbibliothek zu Berlin aufgezeichnet. Dru(e)cken Sie uns daher bitte fest die Daumen, dass die Berlinale-Jury unseren Film auch ja mit einem der begehrten Sonderpreise auszeichnen wird!

Was ist gute Buchgestaltung? Werkstattgespräch am 1.3. um 18.15 Uhr

Werkstattgespräch
Was ist gute Buchgestaltung?

Dienstag, 01. März
18.15 Uhr
Konferenzraum 4, Haus Unter den Linden
Treffpunkt: Eingangsbereich (Rotunde)
Anmeldung

– Friedrich Forssman, Kassel –

Kriterien für gute Buchgestaltung sind: Angemessenheit (dafür gibt es eine hoch ausdifferenzierte Buch-Typologie), Leserlichkeit (was eher mit Überlieferung zu tun hat denn mit Physiologie) und Schönheit (spätestens da wird es komplizierter). Über diese Kriterien gibt es viel Konsens und immer wieder Debatten – Bücher sind einerseits Gebrauchsgegenstände, die funktionieren müssen, andererseits Objekte, die geliebt wurden, als sie noch handbeschriebene Rollen waren, und heute, längst zu Industrieprodukten geworden, immer noch geliebt werden können. Ein Buchgestalter berichtet aus seiner 25jährigen Arbeit für Verlage, Institutionen und Editionen.

Eine Veranstaltung aus der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

Weitere Termine der Wissenswerkstatt

Werkstattgespräch zur Materialität von Spielbilderbüchern am 2.2.

Werkstattgespräch
Kein Kinderspiel. Spiel- und Verwandlungsbilderbücher vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Dienstag, 02. Februar
18.15 Uhr
Konferenzraum 4, Haus Unter den Linden
Treffpunkt: Eingangsbereich (Rotunde)
Anmeldung

– Carola Pohlmann, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz –

Der Vortrag beschreibt Entwicklungstendenzen von Spielbilderbüchern vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, analysiert die vielfältigen Bezüge zwischen Buch und Spiel, behandelt Übergangsformen vom Buch zum Spielobjekt und weist auf Besonderheiten in der Gestaltung und Produktion von Spiel- und Verwandlungsbilderbüchern hin.

Eine Veranstaltung aus der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

Weitere Termine der Wissenswerkstatt

(Forschung + Bibliothek) x Augenhöhe = Forschungsbibliothek

Zu den prägenden bibliothekswissenschaftlichen Debatten der vergangenen zwanzig Jahre zählt die erst unlängst wieder von Irmgard Siebert und Matthias Wehry befeuerte Kontroverse um Wesen und Aufgabe der Forschungsbibliothek. Ganz gleich aber, ob Forschungsbibliotheken, um überhaupt als solche gelten zu dürfen, einem differenzierten Kriterienkatalog genügen müssen, wie ihn etwa Haike Meinhardt entwickelt hat, oder ob bereits schon die Verfügbarkeit hochwertiger und gut erschlossener Spezialbestände – so die Position der Deutschen Forschungsgemeinschaft – diesen schillernden Bibliothekstypus konstituiert. Breiter Konsens dürfte in jedem Fall darüber bestehen, dass sich die wissenschaftspolitischen wie förderstrategischen Rahmenbedingungen gegenwärtig als für Forschungsbibliotheken ungewöhnlich günstig präsentieren. Dabei ist die Entscheidung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ihre Initiative zur Stärkung herausragender Forschungsbibliotheken nach nur zwei Perioden einzustellen, sogar Beleg für die Gültigkeit dieser Einschätzung, machen doch offenbar die alternativ verfügbaren Förderangebote dieses spezifische Instrument verzichtbar. Angespielt ist damit aber keineswegs nur auf die zunehmende wechselseitige Durchlässigkeit der wissenschafts- bzw. infrastrukturbezogenen Segmente des Programmportfolios der potentesten Forschungsfördereinrichtung in Deutschland – stellvertretend hierfür sei die beide Bereiche adressierende Ausschreibung Forschungsdaten in der Praxis erwähnt. In diesem Zusammenhang geht es darüber hinaus auch um die zahlreichen Angebote jenseits der Förderlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft – allen voran Die Sprache der Objekte, Forschung in Museen und SammLehr – , mit denen die gerade in alten Bibliotheken blühenden materialorientierten Kompetenzen im Verbund mit der Forschung fruchtbar gemacht werden sollen.

Die angesprochenen Fördermöglichkeiten sind wiederum Ausdruck und zugleich Triebkraft einer im Zuge des Material Turn der Geistes- und Kulturwissenschaften erfolgten Aufwertung objektbezogener Kompetenzen zu wissenschaftlichen Schlüsselqualifikationen – ein Vorgang, der sich letztlich auch auf die aktuelle Diskussion um die Zukunft der Historischen Grundwissenschaften auswirken dürfte und für den emblematisch die Aufklärung des Fälschungsskandals um das New Yorker Exemplar von Galileo Galileis Sidereus Nuncius stehen kann. Zusätzlich beschleunigt wird dieser Prozess durch die inzwischen von einer nationalen Koordinierungsstelle gebündelten Aktivitäten zur besseren Sichtbarmachung wissenschaftlicher Sammlungen sowie nicht zuletzt durch deren politische Anerkennung als Forschungsinfrastrukturen durch Wissenschaftsrat und Gemeinsame Wissenschaftskonferenz. Vor diesem Hintergrund aber und zumal mit Blick auf die vielfältigen Verbindungslinien zu den dynamisch expandierenden Feldern von Open Science und Digital Humanities werden denn auch die schieren Dimensionen des Möglichkeitsraums erkennbar, der sich in neuer Qualität für die gleichberechtigte Partnerschaft und den wissenschaftlichen Dialog auf Augenhöhe zwischen Bibliothek und Forschung öffnet. Und womöglich liegt das kennzeichnende Charakteristikum von Forschungsbibliotheken auch gar nicht einmal so sehr im Betrieb eigener Forschungs-, Publikations-, Ausstellungs- und Stipendienbereiche, was Georg Ruppelt programmatisch anhand der Herzog August Bibliothek exemplifiziert. Denn ist es nicht weit weniger ihr institutionelles Arrangement als vielmehr ihr spezifischer Habitus, der eine Forschungsbibliothek letztlich ausmacht – mithin ihr Selbstbewusstsein, Forschenden auf Augenhöhe als „funktionale wissenschaftliche Partnerin“ zu begegnen, wie es Stefan Gradmann in seiner Vision für eine Forschungsbibliothek der Zukunft formuliert?

Angesichts der hier in nur groben Zügen ausgemessenen wissenschafts- und förderpolitischen Perspektiven sowie nicht zuletzt auch aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz – ein der Deutschen Forschungsgemeinschaft als Vollmitglied angehörender drittmittelaktiver Verbund von Archiven, Bibliotheken, Museen, Forschungsinstituten und Laboren – ist es wohl kaum weiter verwunderlich, dass sich die Staatsbibliothek zu Berlin in ihrer bis zum Jahr 2020 gültigen Strategie neben ihren zahlreichen anderen Schwerpunktaufgaben mit Nachdruck auch zu ihrer Funktion als Forschungsbibliothek bekennt. Dabei wird konkret die weitere Profilschärfung im Bereich der sammlungsbezogenen Grundlagenforschung – insbesondere auf den Feldern von Provenienz-, Raubgut- und Materialitätsforschung – als handlungsleitendes Ziel benannt:

„Als Forschungsbibliothek agiert die Staatsbibliothek zu Berlin in mehreren Bereichen: Sie betreibt sammlungsbezogene Grundlagenforschung, wobei die institutionelle Einbindung in die Stiftung Preußischer Kulturbesitz optimale Rahmenbedingungen für eine spartenübergreifende Vermittlung objekt- und materialbezogener Forschungsergebnisse bietet; sie initiiert und beteiligt sich intensiv an gemeinsamen, auch spartenübergreifenden Projekten mit der Wissenschaft; sie profiliert sich als Produzentin und Anbieterin geistes- und kulturwissenschaftlicher Forschungsdaten; und sie gestaltet konsequent die partizipative Vermittlung von Forschungsergebnissen sowohl an die Wissenschaft selbst als auch an eine breitere Öffentlichkeit.“

Und auch in unserem Haus waren es in jüngster Zeit gerade die durchaus bereits als neues Paradigma etablierten Material Culture Studies – hierauf deutet zumindest die Vielzahl der entsprechenden Tagungen, Graduiertenkollegs und Sonderforschungsbereiche hin – , die sich als Plattform für eine gelingende funktionale Partnerschaft zwischen Bibliothek und Forschung empfahlen. Dies belegt zum einen das kooperativ mit der Universität Potsdam durchgeführte und im Rahmen der eingangs erwähnten Ausschreibung Die Sprache der Objekte geförderte Verbundprojekt Alexander von Humboldts Amerikanische Reisetagebücher, in das die Staatsbibliothek zu Berlin ihre Expertise in der Digitalisierung, wissenschaftlichen Erschließung und konservatorischen Sicherung von historischen Handschriften und Druckwerken einbringt. Zum anderen aber erweist sich der Dialog zwischen Bibliothek und Forschung, wie er in Form einer mehrteiligen Vortragsreihe unter dem Titel Die Materialität von Schriftlichkeit gemeinsam mit Angehörigen der Berliner und Potsdamer Universitäten organisiert wird, als ausgesprochen anregend und ertragreich. An dieses Veranstaltungsformat ist über seine öffentlichkeitswirksame Vermittlungsfunktion hinaus vor allem auch der Wunsch gerichtet, es möge sich als Forum für die im Orbit der Material Culture Studies verorteten Aktivitäten sowohl innerhalb der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als auch an den Universitäten und Forschungseinrichtungen im Großraum Berlin etablieren. Zwar wird die Reihe ihr Potential als Inkubator für kooperative, die Grenzen von Disziplinen und Sparten überschreitende Forschungsvorhaben erst noch unter Beweis stellen müssen. In jedem Fall aber haben die bisherigen Abende im Zeichen der „Materialität von Schriftlichkeit“ gezeigt, dass es nur eine kleiner Schritt ist von der Bibliothek für Forschung und Kultur – so das Motto der Staatsbibliothek zu Berlin – zur Bibliothek für Forschung zur materiellen Kultur.

Sonderdruck. Werkstattgespräch zum wissenschaftlichen Publizieren auf Papier im 21. Jahrhundert am 11.2.

Werkstattgespräch
Sonderdruck.  Wissenschaftliches Publizieren auf Papier im 21. Jahrhundert

Eine neue Veröffentlichungsreihe wird von Lothar Müller (Süddeutsche Zeitung) mit einem einführenden Vortrag vorgestellt sowie von den Herausgebern Valentin Groebner, Anke te Heesen, Christina Wessely, Michael Wildt und dem Gestalter der Reihe Helmut Völker präsentiert.

Donnerstag, 11. Februar
18.15 Uhr
Simón-Bolívar-Saal, Haus Potsdamer Straße
Anmeldung

Die neue Reihe „Sonderdruck“ besteht aus kurzen, sehr sorgfältig gestalteten Heften im Umfang von 30 bis 40 Seiten von denen drei bis fünf pro Jahr publiziert werden. Sie enthalten in erster Linie außergewöhnlich gute Texte von Studierenden, Hausarbeiten oder Masterarbeiten, die üblicherweise keinen Weg in die Veröffentlichung finden. Darüber hinaus können aber auch Essays oder Reden arrivierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erscheinen und so ein Publikationsformat des kleinen Textes ergeben, das unhierarchisch, aber der Qualität verpflichtet ist, das nicht im Buchhandel vertrieben, sondern persönlich übergeben wird. Der Titel des Projekts knüpft deshalb an den schönen, aber weitgehend aus der Mode geratenen Sonderdruck an, der den veröffentlichten Zeitschriftenaufsatz als separat gehefteten Einzeltext dem Autor zum gelehrten Gabentausch zur Verfügung stellt.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

Weitere Termine der Wissenswerkstatt

Poster zur Veranstaltung als Pdf

Wie der Untergang der Titanic mit E.T.A. Hoffmann zusammenhängt

Die Advents- und Weihnachtszeit ist traditionell die Zeit des Geschichtenerzählens. Auch heute noch? Vielleicht nicht mehr so ganz? Wir nehmen den Faden jedenfalls auf und erzählen Ihnen heute eine Geschichte – eine wahre Geschichte, die spannende Geschichte eines Buches. Denn im Projekt E.T.A. Hoffmann-Portal arbeiten wir gerade daran, die Bücher des großen Geschichtenerzählers Hoffmann digital zu präsentieren. In vielen Bänden können Sie in Zukunft online blättern, sich in die Illustrationen unterschiedlichster Künstlerinnen und Künstler vertiefen, die Entstehungsgeschichte des Werkes oder das individuelle Schicksal eines einzelnen Exemplars im Laufe der Zeit nachverfolgen, ehemalige Besitzerinnen und Besitzer kennenlernen, Details der Einbände erkunden und vieles mehr…

Darauf geben wir Ihnen heute einen kleinen Vorgeschmack und erzählen die Geschichte eines besonderen Kleinods aus unserer Sammlung Künstlerischer Drucke: Es ist ein einzigartiges Sonderexemplar der Nachtstücke, aus einer Vorzugsausgabe in Ganzleder, die 1913 im Münchner Verlag Georg Müller erschienen ist.

 

Von der Nachtseite der menschlichen Seele

Die Geschichte beginnt mit der Entstehung der Texte. In den Jahren 1815-1817 arbeitete E.T.A. Hoffmann als Richter in Berlin. Der verantwortungsvolle Posten sicherte seinen Lebensunterhalt, bedeutete aber auch eine große Belastung, von der er sich des Nachts befreite, indem er seiner literarischen Phantasie freien Lauf ließ – möglicherweise, und nicht ganz unwahrscheinlich, unterstützt durch ausgiebigen Opiumgenuss. Anregungen für seine phantastischen Erzählungen und den sprechenden Titel Nachtstücke hatte Hoffmann dabei in Fülle vor Augen. So bezeichnet der Begriff in der Malerei Gemälde mit nächtlichen, schauerhaften Szenen, die nur spärlich durch Fackellicht beleuchtet werden. Die einschlägigen Werke von Künstlern wie Pieter Breughel dem Jüngeren oder Antonio Correggio kannte und liebte Hoffmann sehr. Auch die aus England bekannten Gothic Novels inspirierten ihn zu seiner unvergleichlichen Schauerromantik.

 

Ein kleines Juwel der Druckkunst

So verwundert es nicht, dass die Meister der Druckkunst zahlreich versuchen, Hoffmanns Geschichten in ihren Ausgaben weiterzuerzählen, indem sie die Atmosphäre der Texte auf die Materialität des Buches übertragen. Der nummerierte Nachtstücke-Band Nr. 45, den wir Ihnen hier präsentieren, wurde beispielsweise erschaffen als eines von nur 100 Exemplaren einer Liebhaberausgabe, die auf edles holländisches Bütten gedruckt und in Ganzleder gebunden wurde. Als Schrift setzte die Spamer’sche Druckerei in Leipzig ihre Hausfraktur ein – eine gebrochene Schrift, die den Charakter des Unheimlichen auf eindrückliche Weise verkörpert. Für die Buchillustration wurde kein geringerer als der österreichische Grafiker, Schriftsteller und Buchillustrator Alfred Kubin verpflichtet, dessen Zeichenstil Christoph Brockhaus als „von geheimen Kräften getrieben“ und als „märchenhaft, phantastisch und grotesk“ beschreibt, der „den grenzenlosen Strom psychischen Erlebens“ auffängt (Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 158-160). Wer könnte Hoffmanns Geschichten also besser weitererzählen als Alfred Kubin? So schuf er denn auch 48 Zeichnungen, die als teils ganzseitige Illustrationen in die Ausgabe aufgenommen wurden.

 

Statt Futura ein Stilleben mit Totenschädel und brennender Kerze – Die Buchausstattung von Paul Renner

Auch der unikale Einband nimmt die unheimliche Atmosphäre aus Hoffmanns phantastischen Erzählungen auf. Das beeindruckende Stück schöner Schauerlichkeit entstand in der bedeutenden Leipziger Buchbinderei Hübel und Denck. In ihrem Auftrag schuf der Typograph Paul Renner die Buchausstattung, zu der vermutlich auch die individuelle Gestaltung dieses Sondereinbandes gezählt werden kann, die ganz im Gegensatz zu dem Schriftentwurf steht, für den Renner 1927 berühmt wurde: die Antiqua-Schrift Futura, die sich durch klare, gleichmäßige Formen auszeichnet. Der Einband dagegen erzählt in Bildern von den Geschichten Hoffmanns: Die Leserinnen und Leser können das leichte Unbehagen bereits spüren, das die traumatischen Szenen bei der Lektüre hervorrufen werden. Ein Totenschädel greift das alte Vanitasmotiv auf und spielt auf die Vergänglichkeit des Lebens an, oder ist es eine Maske, die auf Identitätsprobleme und den Wandel zwischen Traum und Wirklichkeit hindeutet? Der nächtlich dunkle Hintergrund wird knapp von einer kaum dem Wind widerstehenden Kerze beleuchtet, deren Rauchschwaden Gedanken an den möglichen Opiumrausch des Autors hervorrufen. Die Natur überdauert mit grell-roten Blüten und rankenden Pflanzen. Ganz individuelle Merkmale unseres Exemplars Nr. 45 sind zudem auch der edle textile Vorsatz aus geometrisch-ornamentalen Mustern in Silber und Schwarz sowie der passend verzierte Schnitt, die die Komposition des Einbandes abrunden.

 

Die Titanic kommt ins Spiel

Das Gefühl der Vergänglichkeit bleibt, wenn man den Band Nr. 45 aufschlägt und das Exlibris der ehemaligen Besitzer betrachtet: Baron Curt von Faber du Faur und seine 14 Jahre ältere Ehefrau Emma erwarben dieses Exemplar. Der Baron war Barockforscher, Mitbegründer des traditionsreichen Auktionshauses für Kunst und antiquarische Bücher Karl & Faber in München und Bibliothekar und Germanist an der Yale University Library  – so wundert man sich ebenso wenig über sein Interesse an E.T.A. Hoffmann wie über das liebevoll gestaltete und sorgfältig eingeklebte Exlibris mit dem Familienwappen der Faber du Faur. Mit seiner Gattin Emma Faber du Faur begegnen wir dagegen einer ungewöhnlichen Biographie – spannend nicht nur wegen ihrer ereignisreichen Familiengeschichte (die geborene New Yorkerin Emma Mock war nicht nur die verheiratete Frau Faber du Faur, sondern auch die reiche Witwe des 44 Jahre älteren Rufus Blake, die geschiedene Ehefrau des Hamburger Militärhauptmanns Paul Schabert und Mutter zweier Kinder, die auf den besten Schiffen der Zeit zwischen Europa und den USA hin- und herreiste), sondern weil sie als eine der wenigen Überlebenden der RMS Titanic in die Geschichte einging. Ihre Aussagen trugen dazu bei, den Hergang von Untergang und Rettung in der Aprilnacht 1912 ein Stück weiter nachzuvollziehen. Unser schönes Exemplar Nr. 45 wurde zwar erst 1913 gedruckt und gelangte vermutlich erst irgendwann nach der Hochzeit mit Baron von Faber du Faur im Jahr 1928 in den Besitz des Ehepaars (ein genaues Datum ist nicht überliefert), doch ist es nun unlösbar mit der Geschichte des Untergangs der Titanic verbunden.

Schließlich erwarb die Staatsbibliothek zu Berlin über eine Auktion den außergewöhnlichen Band für ihre Sammlung Künstlerischer Drucke. Damit endet unsere kleine Geschichte, obwohl die Geschichte des Buches noch lange nicht ihren Abschluss gefunden hat und vielleicht eines Tages weitererzählt wird…

 

Hier noch ein paar visuelle Eindrücke: