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Inselbücher machen Inselstädte

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017

 

Inselbücher auf dem Bücherschiff

Wie gerade der große Publikumserfolg von Judith Schalanskys Atlas der abgelegenen Inseln: Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde dokumentiert, haben Inselbücher nach wie vor Konjunktur – und das seit nunmehr 600 Jahren. Denn als erstes, ausschließlich der Beschreibung von Inseln gewidmetes kartographisches Kompendium gilt die von Christophorus de Bondelmontibus zwischen 1385 und 1431 verfasste Handschrift Liber insularum archipelagi. Klar, dass auch auf dem Bücherschiff, also in der Staatsbibliothek der ehemaligen Inselstadt Berlin, sowohl eine spätere Abschrift dieses den Archipelen der Ägäis gewidmeten Manuskripts als auch zahlreiche Ausgaben gedruckter Inselbücher zu finden sind. Ursprünglich eine unverzichtbare Lektüre für Seefahrer – zumal in Verbindung mit einer Portulankarte –, sollten nicht wenige Inselbücher oder Isolari allerdings bereits kurze Zeit später nicht mehr nur nautischen Zwecken dienen, sondern durchaus auch einem ganz anderen Ziel: der medialen Konstruktion Venedigs als Inselstadt.

Wie eng das Bild der Inselstadt Venedig mit der Gattung der Isolari verbunden ist, zeigt sich schon daran, dass die überwiegende Mehrzahl der Inselbücher des 15. bis 17. Jahrhunderts in der Lagune erscheinen sollte. Mit Blick auf die häufig sogar mehrere Auflagen erlebenden Inselbücher von Bartolommeo dalli Sonetti (Isolario, 1485), Benedetto Bordone (Libro nel qual si ragiona de tutte l’Isole, 1528), Thomaso Porcacchi (L’Isole piu famose del Mondo, 1572), Marco Boschini (L’archipelago con tutte le isole, 1658) und Vincenzo Coronelli (Isolario, 1696) vertritt Annette Gerstenberg sogar die These, der Isolario müsse insbesondere als venezianische Form der geographischen Darstellung gelten. Und selbst die wenigen nicht in Venedig gedruckten Inselbücher reihen sich unter direkter Bezugnahme auf Bordone, Porcacchi und Co. in die “venezianische” Tradition der Isolari ein – darunter etwa Olfert Dappers 1688 in Amsterdam veröffentlichte Naukeurige Beschryving: Van Morea, Eertijts Peloponnesus En de Eilanden, Gelegen onder de kusten van Morea, en binnen en buiten de Golf van Venetien.

 

Jedes Mal, wenn ich eine Insel beschreibe…

Freilich sucht man Venedig in den älteren Isolari noch vergeblich, denn erst mit Benedetto Bordone hält die Stadt Einzug in den Reigen der dargestellten Inseln, zu denen nach der Entdeckung Amerikas längst nicht mehr nur die Archipele des Mittelmeers zählen. Damit aber vollzog sich die Anerkennung von Venedigs Inselstatus im Medium der Isolari in einem Zeitraum, in dem die Warnungen vor einer Verlandung der Lagune immer schriller wurden. Für das drohende Anwachsen Venedigs an das nahe Festland und damit an die Herrschaftssphäre von Kaiser und Papst machte die von zahlreichen Wasserbauingenieuren beratene venezianische Obrigkeit vor allem die Sedimentfrachten der in der Lagune mündenden Flüsse – namentlich Brenta, Piave und Sile – verantwortlich. Aus obrigkeitlicher Perspektive war es insofern auch nur folgerichtig, vermittels einer 1488 begonnenen Serie gewaltiger Kanalbauten die Mehrzahl der im damaligen Risikodiskurs als Giftschlangen geschmähten Flüsse an der Lagune vorbei direkt ins offene Meer zu leiten. Wie an anderer Stelle ausführlicher dargestellt, blühte zeitgleich ein ganzer Strauß von Medien auf, in denen das von Francesco Sansovino in Anspielung auf Venedigs Insellage geprägte Paradox des Unmöglichen im Unmöglichen einer auf den salzigen Fluten der Lagune errichteten Stadt gefeiert wurde – Veduten, Stadtführer und eben Isolari. Denn der venezianische Adel – wie nicht zuletzt auch in allen erwähnten Inselbüchern seit Bordone zu lesen ist – bekräftigte seinen Souveränitätsanspruch unter Leugnung der vormaligen Zugehörigkeit Venedigs zum byzantinischen Reich mit dem Legitimationsmythos der mirakulösen Stadtgründung am 25. März 421 im Niemandsland der Lagune. Demgemäß argumentierte etwa der in venezianischen Diensten stehende Jurist Thomas Diplovatatius in seinem zu Beginn des 16. Jahrhunderts verfassten Tractatus de Venetae urbis libertate: “Venetiarum civitas, quia in mari fundata iure suo libera est.”

Worauf auch Frank Lestringant in seiner grundlegenden Studie zum literarischen Inselmotiv aufmerksam macht, nahmen die Isolari der Vormoderne also mit umgekehrten Vorzeichen den Impuls von Italo Calvinos 1972 erschienener Erzählung Die unsichtbaren Städte vorweg, in der Venedig als impliziter Bezugspunkt für jene Stadtbeschreibungen steht, die Marco Polo dem Groß-Khan erstatten sollte. Jedes Mal, wenn ich eine Stadt beschreibe, sage ich etwas über Venedig – so die Antwort des Venezianers auf die erstaunte Frage des Mongolen-Herrschers, weshalb der Venezianer bei seiner Schilderung der Metropolen Cathays nie auf seine eigene Vaterstadt zu sprechen komme. Mit Blick auf die Komposition der Isolari wäre also zu formulieren: Jedes Mal, wenn ich eine Insel beschreibe, sage ich etwas über Venedig.

 

Was Inselbücher können…

P.S. Natürlich machen nicht nur Inselbücher Inselstädte, sondern zuweilen auch Kochbücher. Denn mit Einsetzen der massentouristischen Kommerzialisierung der spektakulären Topographie der historischen Altstadt Venedigs änderte sich auch die Darstellung der venezianischen Küchentraditionen in jenen zahllosen Kochbüchern, die wahlweise bei Casanova oder den Brunettis zu Gast bitten. Gelten heute Sarde in saor, Schie con la polenta oder Baccalà mantecato als Inbegriff venezianischer Kochkunst, so war Venedigs Küche zu Beginn des 20. Jahrhunderts – wie Luca Pes anhand historischer Rezeptbücher aus der Lagune nachweist – un trionfo di fegato, cervella, trippe, lingua, testina di vitello, piede di porco, zuppa di coda di bue. Im kulinarischen Selbstbild einer Stadt, in der sogar eine Uferpromenade entlang des Canal Grande nach einem berühmt-berüchtigten Metzger benannt ist – es geht natürlich um die Riva de Biasio – , traten also Sardine, Krabbe und Stockfisch an die Stelle von Leber, Hirn und Kutteln. Aber wen sollte das – bitteschön! – auch wundern, schließlich wissen wir ja spätestens durch den Titel eines im Jahr 2000 erschienenen Reiseführers: Venedig ist ein Fisch.

 

Vorschau: Im nächsten Beitrag laufen wir im Hafen der Technik ein – lassen Sie sich überraschen, ob vielleicht auch Kapitän Nemo mit seiner Nautilus auftauchen wird!

 

Fig. 1. Humboldt’s “Naturgemälde der Anden” (1807). It was originally published in 1805 as the “Tableau physique des Andes et pays voisins” with the "Essai sur la géographie des plantes". Source: Wikimedia.

Vertical Thinking in the Time of Humboldt

Gastbeitrag von Patrick Anthony, Vanderbilt University

The Prussian naturalist Alexander von Humboldt has long been celebrated for his representations of mountains. The most recognizable among them is the “Tableau physique des Andes” (or “Naturgemälde der Anden”), which depicts the botanical geography of the Ecuadorian Volcano Mt. Chimborazo (Fig. 1). But mountains were only part of the picture – or rather, the Naturgemälde (literally meaning “nature-painting”). Humboldt’s life was framed by two other vertical discoveries: that of the subterranean, around the time of his birth in 1769, and that of the submarine, in the decades preceding his death in 1859. These were not discoveries in any traditional scientific sense (e.g. the discovery of a new species or planet) but in a broader conceptual sense – discoveries of natural spaces as destinations and objects of study. Humboldt acted as a red thread between them, linking mines, mountains, and oceans.

Humboldt’s early life was marked by both an intellectual and a professional interest in the subterranean. He attended the Bergakademie in Freiberg and served as a mining official in Franconia in a time of unprecedented mobility through the cavernous underground. Beginning in the 1760s, a new wave of literature arose in which mines and caves were described by and for travellers. Franz Ludwig Cancrin, for instance, wrote his Beschreibung der vorzüglichsten Bergwerke  (1767) “in order to give dilettantes and travellers a taste of the mines” before venturing down themselves. Later, in 1793, Wilhelm Heinrich Wackenroder described the aim of his travels as “coming to know Nature over and under the earth.” Those with an eye for natural history, like Goethe, observed how geognostic phenomena “expose themselves as much through nature as through the hands of men.” Humboldt himself laid “the groundwork for a subterraneous meteorology” after discovering in the mines “the most exquisite fungi and lichen…and an entire subterraneous Creation of animals [Thierschöpfung].” At the same time, he partook in a flourishing visual culture in which mining officials and surveyors sought to depict mines, dams, land plots, geological layers, and technical apparatuses from vertical perspectives (Fig. 2).

Fig. 2. Representation of a water capstan (Wassergöpel) in a Freiberg mineshaft by J. C. Zeller (1820). Source: Sächsisches Staatsarchiv – Bergarchiv Freiberg, 40010 Bergamt Freiberg, Nr. 3100.

What the late eighteenth century had been for the subterranean, the mid-nineteenth century was for the ocean. This was particularly true in England and America, but also to a lesser extent in German lands. Above the waves, as Helen Rozwadowski and Michael Reidy have written, “the ocean transformed from highway to destination.” Below them, oceanographers like Matthew Fontaine Maury (Director of the U.S. Naval Observatory) believed their sounding leads had revealed a “telegraphic plateau” where a cable might be laid to connect the Old and New Continents. From Berlin in 1856, Humboldt read in the National Intelligencer  that the bottom of the Atlantic had been “found of down-like softness” over which “our beautiful ocean river glides along…as gently as the current of time.” Moreover, even the deepest parts of the ocean were found to contain a variety of “life-forms [Lebensformen].” As Humboldt’s protégé Christian Gottfried Ehrenberg proclaimed before the Königliche Akademie der Wissenschaften in 1856, “animal life…lifted 16,200 feet out of the depths” now made it impossible “to take the form-rich ocean bed for dead” (Fig. 3).

Fig. 3. “Drawings of Brooke’s Deep-sea Sounding Apparatus, for bringing up specimens from the bottom.” Source: Matthew Fontaine Maury, “Physical Geography of the Sea”, New York: Harper & Brothers Publishers, 1855.

Evidence suggests that Humboldt and his contemporaries also conceptualized the subterranean and the submarine in similar ways, employing mountains as measuring rods with which to imagine spaces hidden beneath the surface of the earth and its oceans. In Kosmos,  for example, Humboldt calculated “a vertical distance of about 48,000 feet…from the highest pinnacles of the Himalayas to the lowest basins containing the vegetation of an earlier world, sunk as far below the surface of the sea as Chimborazo is elevated above it.” Similarly, in the documents Humboldt kept in his “Sea and Depths” folder, we see how mountains could be used to reckon the depths of the ocean. On one note (Fig. 4) Humboldt observed how British naval officer James Clark Ross described the deepest point of the ocean as being “beneath its surface very little short of the elevation of Mount Blanc above it.” Beside this note is a letter from the Irish astronomer Edward Sabine, who in 1853 wrote to Humboldt “of a successful attempt which has been made by Captain Denham of the Royal Navy … to reach the bottom of the sea at a depth much exceeding that of the highest summits of the Himalaya.” Humboldt’s notes on the summits of the Himalaya illustrate the same method in reverse, now using the depths of the ocean to take stock of the heights of mountains. When in 1849 Joseph Dalton Hooker sent Humboldt the latest measurements of Tibet’s tallest peaks, the latter compared them not only with Chimborazo and Montblanc, but also with “sea soundings [by] Ross” (Fig. 5).

Fig. 4. (Left) Humboldt’s notes on James Ross’s A Voyage of Discovery and Research in the Southern and Antarctic Regions (1847). Notice especially: “Tiefe des Meeres wie Montblanc James Ross T. I p. 26.” Fig. 5. (Right) Humboldt’s notes on personal letters from Joseph Dalton Hooker. In the center of the page, below Mt. Ararat, are the words “Sonde Meer Roß 25990 par[iser] F[uss].” Source: SBB-PK, Nachl. Alexander von Humboldt, gr. Kasten 11, Nr. 72, Blatt 7r and gr. Kasten 8, Nr. 48a, Blatt 4r. Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/

Fig. 4. (Left) Humboldt’s notes on James Ross’s “A Voyage of Discovery and Research in the Southern and Antarctic Regions” (1847). Notice especially: “Tiefe des Meeres wie Montblanc James Ross T. I p. 26.” Fig. 5. (Right) Humboldt’s notes on personal letters from Joseph Dalton Hooker. In the center of the page, below Mt. Ararat, are the words “Sonde Meer Roß 25990 par[iser] F[uss].” Source: SBB-PK, Nachl. Alexander von Humboldt, gr. Kasten 11, Nr. 72, Blatt 7r and gr. Kasten 8, Nr. 48a, Blatt 4r. Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/

In this way, Humboldt’s Nachlass at the Staatsbibliothek zu Berlin reveals the final decades of his life as a period in which the observable world seemed to expand ever more along nature’s vertical axis. In the same years that estimations of the ocean’s deepest point descended from the 4,600 fathoms sounded by Ross to the 7,000 probed by Denham, the roof of the world grew from Chimborazo, measured by Humboldt himself at 20,100 Paris feet, to Kinchinjunga, reported by Hooker at 26,400 (Fig. 6). It was during this dynamic period that Humboldt, Ross, and Sabine had learned to use one aspect of nature to make sense of another: mountains became the means of a depth-epistemology.

Fig. 6. Joseph Dalton Hooker’s letter of 26 April 1849 to Humboldt, containing a sketch of the Himalaya and “Plains of India.” It shows his route in red and the snow line in blue. Source: SBB-PK Nachl. Alexander von Humboldt, gr. Kasten 8, Nr. 41b, Blatt 10 r. Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/

In a 1799 publication on “species of gas” in mines, Humboldt proclaimed “Nature knows no over- and underground.” His aim was not to dissolve the barrier between the terrestrial and the subterrestrial, but to acknowledge the equal significance of scientific inquiry in both realms. In 1853, he made a related conceptual maneuver while communicating Sabine’s letter to the Königliche Akademie – or rather, while assimilating Denham’s soundings into an interpretive framework animated by his quest for a totalizing “physical description of the earth.” After reporting that the ocean’s deepest point was beyond earth’s tallest measuring rod—“nearly 17,000 Paris feet greater than the heights of Kintschinjunga”—Humboldt argued that “only once we view the earth like the moon, without its liquid shroud, will the mountain-masses and peaks, indeed the entire surface of the earth, appear in their true form.” By acknowledging the equal significance of geography above and below the surface of the sea, Humboldt’s conception of islands as the peaks of submerged mountains had taken on a global significance.

Fig. 7. “Vertical Section – North Atlantic” from Matthew Fontaine Maury’s “Physical Geography of the Sea” (1855). By David Rumsey; Source: www.davidrumsey.com. Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/

Humboldt’s historical legacy is bound to that of Mt. Chimborazo, and rightly so. Matthew Fontaine Maury, who self-consciously used Humboldt’s phrase in the title of his book Physical Geography of the Sea (1855), also took part in the Chimborazo legacy while introducing his vertical profile-map of the North Atlantic (Fig. 7). “From the top of Chimborazo to the bottom of the Atlantic,” Maury wrote, “the distance in a straight line, is nine miles.” Four years earlier, in 1851, Maury had written to Humboldt about his plans “to present a vertical section of the Atlantic basin and compare it with a vertical section of this continent between the same parallels.” Maury’s nature, too, knew no over and under. And if in 1809 Humboldt wrote of his endeavor “to represent whole countries after a method, which until now has only been applied in mining and canal projects” – that is, by depicting landscapes from aerial and vertical perspectives (Fig. 8) – Maury now represented whole oceans as such.

Fig. 8. A multiple perspective depiction (Grund- und Durchschnittsriss) of a mine-reservoir dam near Freiberg by August Friedrich Bollner (1796). Source: Sächsisches Staatsarchiv – Bergarchiv Freiberg, 40010 Bergamt Freiberg, Nr. 2927.

Humboldt and Maury were respectively interested in extracting metal ore from the depths of the earth and laying telegraphic cables along those of the ocean. But metals—in their ore and cable forms – were not the only things circulating above and below nature’s horizontal axis. Humboldt yielded from the mines a way of thinking about, describing, and representing nature that Maury transposed into the sea. It is fitting, then, that perhaps the most apt verses to describe this way of thinking are found on the bell in St. Peter’s Tower in Freiberg, whose tolling once sounded the daily rhythm of the miners:

Auf, Auf, zur Grube ruf’ ich Euch,

ich die ich oben steh;

so offt Ihr in die Tiefe fahrt,

so dencket in die Höh.

 [“Up, up, to the mines, I call you / I, who stand above / So often as you go into the depths / Think up to the heights.”]

How true indeed this rings for Humboldt and the vertical thinkers of his time.

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References

Archival Sources

  • Nachlass Alexander von Humboldt, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
  • Sächsisches Staatsarchiv – Bergarchiv Freiberg
  • Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg

Primary Sources in Print

  • Alexander von Humboldt, Die Jugendbriefe Alexander von Humboldts, 1787-1799, herausgegeben von Ilse Jahn und Fritz G. Lange, Berlin: Akademie Verlag, 1973.
  • Alexander von Humboldt, Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, Stuttgart und Tübingen, J.C. Cotta’scher Verlag, 1845.
  • Alexander von Humboldt, Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neu-Spanien, Tübingen: J. G. Gotta’schen Buchhandlung, 1809.
  • Captain Sir James Ross, A Voyage of Discovery and Research in the Southern and Antarctic Regions, During the Years 1839-43, London: 1847.
  • Franz Ludwig Cancrinus, Beschreibung der vorzüglichsten Bergwerke, Frankfurth an dem Main, 1767.
  • Friedrich Alexander von Humboldt, Ueber die unterirdischen Gasarten und die Mittel, ihren Nachtheil zu vermindern: Ein Beytrag zur Physik der praktischen Bergbaukunde, Braunschweig: Friedrich Vieweg, 1799.
  • Ingo Schwarz (Hg.), Alexander von Humboldt und die Vereinigten Staaten von Amerika. Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung, 19. Briefwechsel, Berlin: Akademie Verlag, 2004.
  • Johann Wolfgang von Goethe, Johann Wolfgang von Goethe Sämtliche Werke, Band 12. Zur Naturwissenschaft überhaupt, herausgegeben von Hans J. Becker, Gerhard H. Müller, John Neubauer und Peter Schmidt, München: Carl Hanser Verlag, 1989.
  • Matthew Fontaine Maury, Physical Geography of the Sea, New York: Harper & Brothers Publishers, 1855.
  • Wilhelm Heinrich Wackenroder, Reisebriefe, herausgegeben von Heinrich Höhn, Berlin, 1938.

Secondary Sources

  • Ingo Schwarz und Gerhard Kortum, “Alexander von Humboldt and Matthew Fontaine Maury—two pioneers of marine sciences,” Historisch-Meereskundliches Jahrbuch. Band 10, Straslund, Germany: Deutsches Meeresmuseum, 2003/4, 157-185.
  • Michael S. Reidy and Helen M. Rozwadowski, “The Spaces in Between: Science, Ocean, Empire,” Isis 105, no. 2 (2014): 338-351.

 

Herr Patrick Anthony, Vanderbilt University (Nashville, TN), war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2016 als Stipendiat an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: “Alexander von Humboldt’s First Journey: Learning Weltbürgertum from Georg Forster”

Die ungeheu(e)ren Dimensionen der Meere

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017

Ausgewählte (See-)Meilensteine der kartographischen Ozeandarstellung

Wie man heute weiß, wird die Erdoberfläche zu ca. 71 % von Ozeanen bedeckt. Deren maximale Tiefe beträgt ca. 11.000 Meter, ihre durchschnittliche etwa 3.800 Meter.

Trotz der Unkenntnis derartiger Zahlen, oder womöglich gerade deswegen, war der Mensch immer schon fasziniert von den Dimensionen des Weltmeers, auch wenn die schier unendliche Weite der Wasserflächen und die damit verbundenen enormen Reisedistanzen ihn vor große nautische und mithin kartographische Herausforderungen stellten. Und galt der Ozean in frühen Vorstellungen der Griechen vom Abyssos gar als bodenlos, blieben noch bis in die Neuzeit fundierte Kenntnisse über die Meerestiefe verborgen. Dennoch war auch sie mindestens seit dem Mittelalter immer auch Gegenstand der Seekartographie, und sei es nur indirekt in Form verzeichneter Untiefen oder symbolhaft durch die Abbildung sowohl realer Seelebewesen als auch schrecklicher Ungeheuer, von denen Seefahrer berichteten.
Die berühmte Carta marina des Olaus Magnus ist dabei, wie Chet van Duzer in seinem 2014 erschienenen Buch Sea monsters on medieval and Renaissance maps über die jahrhundertelange Verwendung dieser Darstellungsform der Tiefe ausführt, nicht deren einziger Beleg. Kartographen konnten auf diese Weise einerseits überlieferte Gefahren der unbekannten Tiefsee darstellen und andererseits ganz pragmatisch die in den Karten aufgrund neuer Entdeckungen immer größer werdenden Meeresflächen redaktionell befüllen.

Erst die enormen technischen Errungenschaften der Neuzeit, vornehmlich auf den Gebieten der Nautik, Kartographie und Ozeanographie (hier v.a. der Bathymetrie mittels Echolot) führte die Wissenschaft von der antiken, eindimensionalen Seeroutenbeschreibung über die flächenhafte, teilweise immer noch auf Erkenntnissen der Antike fußende, mittelalterliche Darstellung zum neuzeitlichen, hoch aufgelösten 3D-Modell des Meeresbodenreliefs. Die ungeheuren Meeresdimensionen haben im Laufe dieser Entwicklung trotz der zwischenzeitlichen Entdeckung von Riesenkalmaren längst ihren Schrecken verloren. Seeungeheuer oder Monsterfische durchstreifen allenfalls die virtuelle Realität animierter Filme und Video-Spiele.


Kosmographie. Christliches Weltbild.

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Radkarte aus Isidor von Sevillas Etymologiae, Erstdruck Günther Zainer, 1472. Quelle: Wikipedia

In den Faksimiles und der Literatur zur Geschichte der Seekartographie, deren bedeutendste Werke im Kartenlesesaal Unter den Linden aufgestellt sind, werden die ersten belegten / überlieferten Manuskripte, die die Weltmeere nicht nur in Textform kosmographisch beschreiben, sondern auch tatsächlich mehr oder weniger kartographisch abbilden, der Klosterkartographie des Mittelalters zugeschrieben, weswegen sie auch als Mönchskarten bezeichnet werden.
Diese waren häufig als kleine, kreisrunde Textgrafiken, sog. Radkarten, in Kodizes des 8. bis 11. Jahrhunderts enthalten und bildeten in stark schematisierter Weise das christliche Weltbild ab. Zumeist geostet, und gegen Ende dieser Zeitspanne fast immer mit Jerusalem bzw. dem Heiligen Land im Zentrum, teilt auf ihnen das Meer auf T-förmige Weise die drei bekannten Kontinente Asien (oben, häufig mit „Paradies“), Europa (links) und Afrika (auch „Lybia“, rechts) und umrahmt diese zudem als zusammenhängendes Weltmeer mit einem O-förmigen Ring. Daher verwenden Kartographen heutzutage auch häufig den Begriff TO-Karte.

Inhaltlich basieren nahezu alle genannten, zu den mappae mundi zählenden Kartentypen auf den geographischen Beschreibungen der Etymologiae des Isidor von Sevilla, der wiederum das kosmographische Wissen der Antike zusammentrug.

Beispiel Beatuskarte: World map, Apocalypse of St.Sever,c.1076 - Quelle: Britannica ImageQuest © akg Images / Universal Images Group

Beatuskarte: World map, Apocalypse of St.Sever,c.1076 – Quelle: Britannica ImageQuest © akg Images / Universal Images Group

Als einer der ersten von den bis in die Renaissance aktiven Rezeptionisten setzte der Benediktinermönch Beatus von Liébana in seinem 776-786 verfassten Kommentar zur Apokalypse des Johannes die Weltsicht Isidors auch kartographisch um und legte mit dieser in der Folge oftmals von Kopisten nachgezeichneten und teilweise auch ergänzten Weltkarte den Grundstein für die nach ihm benannten Beatuskarten.
Diese zeichnen sich bereits durch wesentlich reichhaltigere geographische Details, v.a. hinsichtlich der Küstenformen und der Lage der Kontinente zueinander aus. Zudem ist  immer auch eine im Süden gelegene vierte Weltgegend („orbis quarta pars“) eingezeichnet.
Der die Kontinente umrahmende ozeanische Ring sowie das gesamte Kartenformat weisen dadurch nun eine meist quer-ovale oder rechteckige Form auf.

 


Navigation. Entdeckung.

Einen Quantensprung bedeutete für die Seekartographie das plötzliche und von der Wissenschaft nie geklärte Aufkommen der Portolankarten im Mittel- und Schwarzmeerraum. Vermutlich gehen sie auf die Periploi der antiken Nautik zurück, die neben Seerouten vor allem Küstenlinien beschrieben sowie diverse Landmarken mit den sie trennenden Entfernungen auflisteten.
Ungeachtet der Tatsache, dass die Portolankarten im Vergleich zu den mappae mundi nur noch Teilausschnitte der Erde abbildeten und ihr somit deutlich größerer Maßstab eine detailgetreuere Geographie überhaupt erst zuließ, erreichten sie bereits eine auch aus moderner Sicht noch äußerst beachtliche Lagerichtigkeit.

Mittels des markanten Liniennetzes und des Kompasses ließ sich fortan auch küstenfern der Schiffskurs so exakt wie nie zuvor bestimmen. Die auch Rumbenlinien genannten Netzgeraden verlaufen immer strahlenförmig vom Zentrum der Karte sowie von meist 16 gleichmäßig auf einer Kreislinie verteilten Punkten („Windrosen“), weswegen diese Karten auch Windstrahlen- oder Rumbenkarte genannt werden. Dabei sind die Linien der jeweils vier Haupt- und Zwischenhimmelsrichtungen stets schwarz, die der Halb-Winde grün, die der Viertel-Winde rot gefärbt. Auch die Hafenorte wurden ihrer damaligen Bedeutung entsprechend in verschiedenen Farben dargestellt.

Die größtenteils auf Pergament gezeichneten und graphisch nicht selten prunkvoll ausgestatteten Portolankarten ergänzten oft die textlichen Routen- und Küstenbeschreibungen der sog. Portolane, mit denen sich die bedeutenden Seefahrer des 15. und 16. Jahrhunderts auf ihre Entdeckungsfahrten begaben. Durch die Erkenntnisse dieser Reisen und dank der stetigen inhaltlichen Ergänzung resp. kartographischen Fortführung der Portolankarten durch die Seefahrer verdichtete sich das geographische Weltbild vor allem hinsichtlich der kontinentalen Küstenverläufe sowie der globalen Land-Meerverteilung. Für die beginnende europäische Expansion war dieser Kartentyp fortan sehr bedeutend, so dass er stetig steigende Verwendung sowie immer größere Verbreitung fand und bereits erste Portolankartenserien entstanden.

Portolankarte des Vesconte Maggiolo (1541). Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin-PK CC NC-BY-SA

Je nach Format sind Portolankarten sowohl als Einzelblätter als auch als Atlanten erhalten.Als prominente Beispiele der Staatsbibliothek zu Berlin seien aus der Kartenabteilung die Karte von Vesconte Maggiolo aus dem Jahre 1541 und aus der Handschriftenabteilung der nach 1540 erschienene Atlas von Battista Agnese genannt.
In diesem Exemplar (Agnese, Battista: Portulan-Atlas : Ms. Ham. 529, [nach 1540]) ist zudem eine Skandinavienkarte eingebunden, die noch einmal belegt, dass sich auch nach 1540 noch vereinzelt fantasievolle Seelebewesen in den Wasserflächen des Kartenbilds von Portolankarten tummeln. Ein weiterer Agnese-Atlas befindet sich in der Kartenabteilung (Sign. 2° Kart B 118).


Projektion. Exakte Wissenschaft.

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Erste Mercator-Projektion von 1569. Quelle: Wikipedia

Als größter Meilenstein der frühneuzeitlichen Kartographie, durch den sie fortan zu den exakten mathematischen Wissenschaften gerechnet wurde, gilt Gerhard Mercators 1569 erschienene Weltkarte Nova et aucta orbis terrae descriptio ad usum navigantium.
Den nachhaltigen Erfolg seiner Karte verdankte Mercator vornehmlich der Tatsache, dass durch die Winkeltreue ihrer Projektion fortan die Kurslinie zwischen zwei Punkten selbst über große Distanzen als Gerade gezeichnet werden konnte, da sie die Meridiane unter immer gleichem Winkel schneidet, was die Navigation ungemein vereinfachte. Auch alle heutigen Seekarten verwenden daher noch immer, wenn nicht den Mercator-, so doch zumindest einen winkeltreuen Kartenentwurf.

Aber nicht nur die Seekartographie, sondern auch die Abbildung der festen Erdoberfläche wurde ab dem 19. Jahrhundert von Mercators Projektion geprägt, obwohl diese weder längen- noch flächentreu erfolgt.
Der vermutlich größte und eigentlich unübersehbare Nachteil derartiger Kartenentwürfe aber, nämlich die extreme Streckung der Meridiane in den polaren Breiten (die Pole selbst liegen im Unendlichen) wird dabei auch heute noch oft vernachlässigt. Denn sowohl für die Weltbevölkerung als auch die Seeschifffahrt stellen vornehmlich jeweils die mittleren oder niederen Breiten den zentralen und somit flächenhaft nur gering verzerrten Lebens- bzw. Aktionsraum dar.
Kaum einem Betrachter fällt daher auf, dass Mercator-Karten die Erde mehr oder weniger rechteckig und die polaren Regionen, mithin bspw. auch den arktischen Ozean, nur unvollständig abbilden. Stattdessen endet das Kartenbild auf der Nordhalbkugel zumeist bei 80° N und auf der Südhalbkugel, wo die bewohnten Landmassen generell nicht so weit polwärts reichen, auch schon mal bei 75° S.

Als populärstes Beispiel eines aus der Mercator-Projektion resultierenden Größenproblems, wie es u.a. Tobias Dorfer im Teilchen-Blog von Zeit online veranschaulicht, sei Grönland genannt, das nahezu so groß wie Afrika erscheint, dessen Fläche jedoch 14 mal größer als die Grönlands ist.


Bathymetrie. Ozeanographie.

Im Fokus der neuzeitlichen Darstellung der Meere steht eindeutig die dritte Dimension und zwar in zweierlei Hinsicht. Denn neben der entsprechenden Weiterentwicklung von Seekarten für die Schifffahrt gewinnt spätestens mit der Challenger-Expedition (1872-1876) die moderne Meereskunde, sowohl aus Sicht der Meeresbiologie als auch der physikalischen Ozeanographie rasant an Bedeutung. Deren Erkenntnisse über hydrochemische, hydrophysikalische sowie meeresbiologische Parameter des ozeanischen Wasserkörpers per se schlagen sich nun erstmalig auch in thematischen Karten bspw. zur Salinität, den Meeresströmungen oder der Verbreitung von Arten u.v.m. nieder.

Die klassischen Seekarten wurden seit Mercators Wirken, nicht zuletzt befeuert von den machtpolitischen Bedürfnissen bedeutender Seefahrtnationen, deutlich großmaßstäbiger und detaillierter und in der Folge verstärkt als amtliche Kartenserien nationaler hydrographischer Institutionen herausgegeben, so bspw. seit 1850 vom Reichs-Marine-Amt die Deutsche Admiralitätskarte (seit 1949 vom heutigen Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie als Deutsche Seekarte fortgesetzt). Deren Kartenbilder vermitteln im Laufe der letzten 200 Jahre immer präziser und dichter werdende Informationen über die Meerestopographie in Form von Tiefenschichten, -linien und/oder –punkten. Auch offizielle Seerouten sowie international standardisierte nautische Seezeichen bestimmen fortan das Kartenbild mit.

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Ausschnitt einer elektronischen Seekarte der Beringstraße. Quelle: Wikipedia

Durch den wachsenden Druck, in immer engeren Zyklen aktuelle Fortschreibungen herausgeben zu müssen und angesichts der Möglichkeiten digitaler Kartographie sind zahlreiche gedruckte Seekartenserien zugunsten amtlicher elektronischer Seekarten eingestellt worden. Gespannt darf man sein, ob und wie im Zeitalter sozialer Medien analog zum erfolgreichen Crowdsourcing-Projekt OpenStreetMap auch dessen seekartographisches Pendant OpenSeaMap zur Entwicklung freier Seekarten beitragen können wird.

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Topographische und bathymetrische Schummerungskarte der Erde. Quelle: NASA/Goddard Space Flight Center Scientific Visualization Studio

Beide Disziplinen, Seekartographie und Meereskunde, eint das Interesse am Meeresboden. Aufgrund des flächenhaften Einsatzes des Echolots ab den 1920er Jahren steht heute für sämtliche Meeresböden der Erde bathymetrisches Kartenmaterial in Fom von Karten, dreidimensionalen Gelände- bzw. Reliefmodellen und Globen  quasi  lückenlos zur Verfügung. In seiner Gesamtheit stellt dies den bislang letzten und modernsten Meilenstein der Meereskartographie dar.

Auch wenn somit die Meere hinsichtlich aller Dimensionen erkundet, vermessen und visualisiert werden konnten, steht die Meeresforschung inhaltlich oft erst am Beginn vieler neuer spannender Forschungsfelder. Mitunter haben diese auch einen kartographischen Bezug, wie der eine oder andere Blogbeitrag zum Wissenschaftsjahr zeigt.

Dimensionen und deren Eindrücke auf den Menschen sind immer auch abhängig von Perspektive und Maßstab. So muss man sich z.B. im Falle von (Ozean-)Reliefmodellen stets der oft hundertfachen Überhöhung resp. “Übertiefung” und somit deren relativer Größe gewahr sein.
Aber aus der Tatsache heraus, dass selbst die eingangs erwähnte tiefste Stelle des Meeres lediglich ca. 0,17 % des Erdradius ausmacht, den Ozean als „Feuchtefilm der Erde“ abzuqualifizieren, wäre einfach nur eines: Ungeheuerlich!

Vorschau: Reif für die Insel? Da können wir helfen! Kommen Sie mit zum gedanklichen Insel-Hopping in unserem nächsten Beitrag rund um Inseln, Inselstädte und Inselbücher!