Beiträge

Großzügige Schenkung für die Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin

Eine wunderbare Ergänzung erhielt die Porträtsammlung der Musikabteilung Ende Juni 2017 von einem Londoner Antiquariat. Bei der Schenkung handelt es sich um ein Konvolut von 18 Lithografien aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Grafiken stammen aus dem Nachlass des Weißenfelser Musikpädagogen Ernst Julius Hentschel (1804-1875).

Bemerkenswert an dieser Sammlung ist, wie exakt sich die Lebensstationen Hentschels an der Auswahl der Porträtierten und deren Umfeld ablesen lässt. Neben Schlesien spielt auch Berlin eine wichtige Rolle in diesem „preußischen“ Konvolut.
Im Jahre 1823 hielt sich Hentschel in Berlin auf, wo er bei Carl Friedrich Zelter (1758-1832) Gesangsunterricht und bei Johannes Bernhard Logier (1777-1846) Harmonieunterricht nahm. Am königlichen Schauspielhaus wurde in diesem Jahr mehrmals die Oper „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart mit Heinrich Blume (1788-1856) in der Hauptrolle aufgeführt. Die Vermutung liegt nahe, dass auch Hentschel an einer Aufführung zugegen war, denn es findet sich ein vortreffliches Porträt von Heinrich Blume mit der handschriftlichen Notiz „Don Juan“ in der Sammlung. Die Titelrolle des „Don Giovanni“ galt als seine Glanzrolle, er konnte aber auch gleichzeitig die Rollen des Leporello, des Masetto und des Il Commendatore (des Komturs) singen. Die Vorzeichnung dieser seltenen Lithografie schuf der berühmte Porträtist und Pferdemaler Franz Krüger (1797-1857), der Blume auf einem späteren Gemälde „Parade auf dem Opernplatz“ nochmals verewigen sollte.

[Text von Titus Mehlig]

Carl Maria von Weber: Romanza siciliana

Autographen aus den ersten zwanzig Lebensjahren Carl Maria von Webers haben Seltenheitswert; umso überraschender war es, als 2015 die Reinschrift der Romanza siciliana auftauchte, die der Komponist Ende 1805, kurz nach seinem 19. Geburtstag abgeschlossen hatte. Der letzte Hinweis auf den Verbleib dieses Manuskripts, das sich lange Zeit (vermutlich seit 1839) im Archiv des Berliner Verlages Schlesinger befunden hatte, stammte aus dem November 1925, als es in New York im Auktionshaus Anderson Galleries „unter den Hammer kam“; seitdem galt das Autograph als verschollen. Im Februar 2017 konnte das Frühwerk für die Weberiana-Sammlung der Staatsbibliothek erworben werden und ist – dank der Unterstützung der Restaurierungs-Abteilung – nun auch, obgleich fragil, in einem Zustand, der die Benutzung zu wissenschaftlichen Zwecken erlaubt.

Weber vermerkte auf seinem Manuskript zu den Entstehungsumständen des Werks: „componirt in Breslau für H: Kauffmann Zahn den 24t December. 1805.“ In der schlesischen Metropole hatte der junge Musiker im Sommer 1804 (noch nicht 18jährig) sein erstes besoldetes Amt als Musikdirektor am Theater angetreten, seine dienstlichen Verpflichtungen ließen ihm allerdings wenig Zeit für eigene Arbeiten, so dass er seinen 1806 auslaufenden Zweijahresvertrag nicht verlängerte. Zu den wenigen bekannten Kompositionen der Breslauer Periode gehört dieses gerade 59 Takte umfassende Vortragsstück für Solo-Flöte und Orchester, dessen Adressat der Kaufmann Jakob Conrad Zahn war: ein Liebhaber von Flötenmusik, der 1803 einen Quartettverein gegründet hatte und in seinem Hause Privatkonzerte veranstaltete. Ob Weber von Zahn einen entsprechenden Auftrag erhalten hatte oder von seinem Freund Friedrich Wilhelm Berner zur Komposition angeregt wurde, der im Zahn’schen Quartettverein aktiv war und ebenfalls Werke für den Mäzen schrieb, ist nicht überliefert. Solist der um den Jahreswechsel 1805/06 anzunehmenden Uraufführung dürfte der Breslauer Flötist Adam (auch Adamy) gewesen sein, ebenso ein Freund Berners sowie Ehrenmitglied des genannten Vereins.

Das Autograph diente, wie Stechervermerke mit Bleistift sowie die auf der ersten Seite hinzugefügte Verlagsnummer „S. 2321.“ ausweisen, als Stichvorlage für die im September 1839 erschienene Erstpublikation des Werks bei Schlesinger (als Nr. 2 der „Nachgelassenen Werke“). Ein Rezensent attestierte dem Werk damals eine „schön empfundene schlichte Romanzenmelodie, welche die Flöte meist ganz ungeschmückt, wie einen weichen Hirtengesang vorträgt; nur einige Male klingen mässige Bravouren hinein“ (Allgemeine musikalische Zeitung, 1938, Sp 1042f.). Dass es sich dabei nicht um ein Spitzenwerk des Komponisten, sondern eher eine musikalische Gefälligkeit handelt, ließ der Kritiker nur dezent anklingen, indem er auf die „ungesuchte“ Melodie, „sinnige“ Harmonien und die Kürze des einsätzigen Stücks hinwies und betonte, dass dieses – wie auch von Weber beabsichtigt – seinen Platz in „geselligen Zirkeln“ habe, also nicht auf dem Konzertpodium, sondern eher im Salon (bzw. der Hausmusik). Ungeachtet dieser Einschränkung bezüglich seiner musikpraktischen Relevanz ist das Manuskript als Dokument der musikalischen Entwicklung des „frühen“ Weber von besonderer Bedeutung. Neben Eintragungen des Stechers (laut Schlesinger-Verlagsbuch in diesem Falle F. Wessely) findet sich auf den insgesamt vier Blättern des Autographs als weiterer Zusatz von fremder Hand eine Echtheitsbestätigung des „Vaters der Weber-Forschung“ Friedrich Wilhelm Jähns vom 8. Juli 1863.

Digitalisat der Handschrift

[Text von Frank Ziegler]

Songs are unlike literature…

Kurz vor Ablauf der Frist hat Bob Dylan am 4. Juni 2017 in Los Angeles seine Nobelpreis-Lesung aufgezeichnet und damit alle Verpflichtungen erfüllt, die mit der Auszeichnung verbunden sind. Bob Dylan ist damit der 109. Träger des Literaturnobelpreises und gleichzeitig erste hauptberufliche Musiker, der mit der international bedeutendsten Ehrung für literarische Leistungen ausgezeichnet worden ist.

In seiner Lesung spricht Bob Dylan über seine musikalischen Wurzeln, die tief in den Genres Country, Western, Rock’n’Roll und Rhythm’n’Blues liegen, und über sein Idol Buddy Holly, den „elder brother“ und den „archetype“ gleichermaßen. Ein wenig hört man aus Dylans alter Stimme noch den Trotz und den Eigensinn des 17-jährigen Jungen aus Hibbing, Minnesota heraus, wenn er sich an die Anfänge erinnert:

„When I started writing my own songs, the folk lingo was the only vocabulary that I knew, and I used it.“

Neben seinen musikalischen Einflüssen reflektiert Bob Dylan in seiner Lesung aber vor allem über die Literatur, die ihn geprägt hat, und die – mal eher unterbewusst und mal ganz explizit – in seine Songtexte eingeflossen ist. Dazu zählt er die traditionellen Lektürestoffe der Oberschule, die er aufgesogen hat und die ihm schon früh „a way of looking at life and understanding of human nature, a standard to measure things by” gegeben haben.

Über diese Werke können Sie sich ausgiebig in den Beständen der Staatsbibliothek informieren – sei es über zahlreiche Ausgaben der Werke selbst oder über die reichlich vorhandene Forschungsliteratur bspw. zur Stoff- und Motivgeschichte oder zur Rezeption. Namentlich führt Dylan Abenteuergeschichten wie Miguel de Cervantes‘ große Ritterroman-Parodie Don Quijote an, die im Jahr 2002 von einhundert Schriftstellern zum besten Buch der Welt gekürt wurde, aber auch Sir Walter Scotts Historienroman über den Kreuzritter Sir Wilfred of Ivanhoe, die Geschichte des schiffbrüchigen Robinson Crusoe von Daniel Defoe, in der die Gattung der Robinsonaden ihren Ursprung hat, Jonathan Swifts Satire Gulliver‘s Travels, der als Jugendbuch weltberühmt wurde, und schließlich Charles Dickens‘ A Tale of Two Cities, in der die Lebensgeschichten von Dr. Manette und dessen Familie in den Wirren der Französischen Revolution und des noblen Londoner Eigenbrödlers Sidney Carson erzählt werden. Ganz besonders beeinflusst fühlt sich Bob Dylan aber von drei Werken der Weltliteratur:

 

Herman Melville: Moby Dick – “Quotable poetic phrases that can’t be beat.”

…ein Seefahrerroman voller biblischer Allegorien, antiker Mythen, britischer Legenden und zoologischer Exkurse zum Thema Walfang, der davon erzählt, wie unterschiedlich Menschen auf dieselben Erfahrungen reagieren, und den Dylan in verschiedenen seiner Songs – man denke etwa an „Bob Dylan’s 115th Dream“ aus dem 1965er Album Bringing It All Back Home – verarbeitet hat.

 

Erich Maria Remarque: All Quiet on the Western Front (Im Westen nichts Neues) – “This is a book where you lose your childhood”

…ein Roman über die grausamen Erlebnisse eines jungen Soldaten im Ersten Weltkrieg, der als Antikriegsroman in die Weltliteratur eingegangen ist, und der Bob Dylan so tief erschüttert hat, dass er nach der Lektüre “never wanted to read another war novel again – and I never did.“ Dylan sieht hier erzählerisch eine Parallele zu Charlie Poole (1892–1931), einem Songschreiber aus North Carolina, der ähnliche Kriegsschrecken in seinem Song “You ain’t talking to me” verarbeitet. Pooles Song hat Dylan übrigens erst in jüngerer Zeit zu einem eigenen Stück inspiriert: „Ain’t Talkin‘“, erschienen auf dem Album Modern Times (2006).

 

Homer: The Odyssey – “You too have come so far and have been so far blown back.”

…eine der einflussreichsten Dichtungen der Welt über die Irrfahrten des Odysseus, die den Stoff für zahlreiche Bearbeitungen gab und, wohlgemerkt, vom wiederum gleichsam mythischen Dichter Homer einem Sänger in den Mund gelegt wurde. Auch einige der berühmtesten Countrysongs rekurrieren auf den Stoff, darunter „Homeward Bound“ von Simon & Garfunkel, Curly Putmans „Green Green Grass of Home“ über den Heimattraum eines Mannes in der Nacht vor seiner Hinrichtung, das durch Interpreten wie Tom Jones und Elvis Presley internationale Erfolge feierte, und „Home on the Range“, dessen Textgrundlage ein Gedicht des Heimatsuchenden Brewster M. Higley ist.

 

And you want your songs to sound good…

Dylan erläutert, er müsse ein Werk nicht verstehen, um sich davon beeinflussen zu lassen. Es muss ihn aber emotional bewegen. Als Beispiel führt er eine Zeile des vielfach als rätselhaft geltenden englischen „metaphysical poet“ John Donne (1572–1631) an und kommentiert: „ I don’t know what it means, either. But it sounds good. And you want your songs to sound good.”

Für Bob Dylan sind Songs nicht wie Literatur. Warum hat er dann den Nobelpreis für Literatur bekommen, könnte man fragen. Kritikerstimmen waren zur Genüge zu hören. Oder wieso hat er den Preis nach fast zweiwöchiger Funkstille angenommen? – Weil Songs mehr sind als Literatur, so wie Shakespeares Theaterstücke mehr sind als Texte. Sie müssen gesungen, gespielt, aufgeführt werden: “But songs are unlike literature, they meant to be sung, not read. The words in Shakespeare’s plays were meant to be acted on the stage, just as lyrics in songs are meant to be sung, not read on a page.”

“And I hope some of you get the chance to listen to these lyrics the way they were intended to be heard: in concert or on record or however people are listening to songs these days”

In diesem Sinne ist auch die Nobelpreis-Lesung von Bob Dylan mehr: Man muss sie anhören und dem Klang von Dylans Stimme lauschen…

Der Paukenschlag zum Kirchentag – Wiederaufnahme der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda

Nicht verpassen! Noch einmal sind die 95 Objekte zur Reformationsgeschichte zu sehen.

Unsere erfolgreiche Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“ wird als eines der Highlights im Regionalen Kulturprogramm zum Evangelischen Kirchentag erneut gezeigt. Und am Himmelfahrtstag gibt es dazu noch ein Sonderprogramm: “Trommeln für die Reformation”.

Papstesel, Quartdruck mit Nachschnitten des Bilderzyklus, um 1600. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Wann?

24. bis 28. Mai, 11-20 Uhr, Sonntag 11-18 Uhr
Führungen jeweils 15 und 17 Uhr
Eintritt frei

Wo?

Staatsbibliothek zu Berlin
Dietrich-Bonhoeffer-Saal
Haus Potsdamer Straße 33 am Kulturforum
10785 Berlin

 

Luther macht Druck, Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 489. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016

 

Unsere Favoriten unter den 95 Objekten

 

Leipziger Plakatdruck 1517 (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz)

 

Sonderprogramm am Himmelfahrtstag: “Trommeln für die Reformation” um 14:20 Uhr und um 16:20 Uhr

In seiner “Bibliomacheia” aus dem Jahre 1746 wetterte der katholische Theologe und Dekan des Domkapitels in Prag-Wyschehrad gegen Martin Luther, die Reformation und vor allem die lutherische Bibelübersetzung:

Wer ist aller dieser Schwärmer Anfang und Ursach? als du Luther Merten, der du durch deine Biblische Reformations-Trommel alle zu Narren gemacht hast.
… sie lauffen aus den Klöstern, entweichen aus den Dohm-Stüfften, sie verlassen die Pfarreyen und rennen … der Lutherischen Bibel-Trommel nach, welche sie führet zur endlichen Abgötterey und Ohngötterey.

Am Himmelfahrtstag, den 25.5. 2017 erklingen vor der Staatsbibliothek tatsächlich “Reformations-Trommeln” im Sambarhythmus, um auf die Wiederaufnahme unserer Ausstellung aufmerksam zu machen:

Um 14:20 Uhr und um 15:20 Uhr trommelt die junge und dynamische Berliner Sambagruppe BLOCO CAJU. Die Berliner Trommler haben sich der brasilianischen Musik, vor allem der Musik aus dem Nordosten Brasiliens, wo die afrikanischen Einflüsse noch besonders deutlich zu hören sind, verschrieben. Ihre Instrumente sind Trommeln verschiedenster Art: von den großen Bass-Surdos bis zu den geflochtenen Korbrasseln, durchaus ergänzt von Gitarre und Gesang.

Rahmenprogramm zur Ausstellung am Himmelfahrtstag: Auftritt der Berliner Sambagruppe BLOCO CAJU vor der Staatsbibliothek. Geleitet wird die Gruppe von Eddie Zuber, einem unserer Ausstellungs-Guides. Foto: SBB-PK, Christiane Caemmerer

BLOCO CAJU tritt regelmäßig auf Samba-Festivals, so dem Samba Karneval in Bremen, dem Sambosta Festival Cottbus und dem Samba Syndrom in Berlin auf. Sie war aber auch auf der Streetparade in Zürich, der Fête de la Musique, dem 1. Mai in der UFA Fabrik und dem Musikfestival Klangwelten in Berlin mit ihrer Musik vertreten.

Wie die Musik der Gruppe leitet sich auch ihr Name aus dem Nordosten Brasiliens her: Die Caju ist eine äußerst vitamin- und minerialienreiche Frucht, deren getrockneter Kern uns als Cashewkern bekannt ist.

Seine Musik brachte Kinderaugen zum Leuchten

Der komplett erschlossene Nachlass (55 Nachl 111) des Komponisten Gunther Erdmann ist jetzt in der Staatsbibliothek

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Vielleicht werden sich einige, die ihre Kindheit in Ostdeutschland verbracht hatten, an Lieder wie etwa „der kleine freche Spatz vom Alexanderplatz“ von Gunther Erdmann (1939-1996) erinnern. Der bis zur Wende gefeierte Komponist mit dem dichten dunklen Haar und dem markanten Rauschebart hat fast sein ganzes Leben für die Kindheit und Jugend komponiert. Doris Winkler vom Chorverband Berlin ist es zu verdanken, dass der Nachlass von Gunther Erdmann, der auch ein Stück Musikgeschichte der DDR ist, gerettet werden konnte und nun in der Musikabteilung für die Nachwelt zugänglich ist. Besonders beeindruckt der umfangreiche kompositorische Teil des Nachlasses, der neben zahlreichen persönlichen Dokumenten auch Fotos und Tonträger enthält: Sein Œuvre umfasst Instrumental- und Filmmusik, Sololieder, Revuen und eine Kinderoper. Es war sein Hauptanliegen, Chormusik v.a. für junge Leute zu schreiben. Dabei sollte der 1939 im Thüringischen Oberdorla bei Mühlhausen geborene Erdmann zunächst die Schuhwerkstatt des Vaters übernehmen, übte aber viel lieber Cello und Klavier in der Volksmusikschule und zog schon bald als Korrepetitor beim „Republik-Ensemble der Deutschen Volkspolizei“ durch die DDR, wie die im Nachlass erhaltenen Berichtshefte und Lehrlingszeugnisse aus dem Weißenfelser Schuhkombinat „Banner des Friedens“ belegen.

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

1966, nach dem Studium an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, übernahm er als musikalischer Leiter fast 20 Jahre erfolgreich zusammen mit der Choreographin und Tänzerin Anni Sauer das Kinder- und Jugendensemble „Musik und Bewegung“ am „Haus der Jungen Talente“ in Berlin. Über diese Arbeit, die er stets mit seinem kompositorischen Grundsatz „so einfach wie möglich, so kompliziert wie nötig“ zu erfüllen suchte, schrieb Erdmann im Januar 1985: „Kinder haben eine unglaubliche Phantasie. Sie sind nicht nur aktive Zuhörer, sie können gar nicht passiv sein und urteilen durch ihre Anteilnahme. Jedes Kind ist musikalisch. Es genügt nicht nur, Kompositionen für Kinder zu schreiben, man muß sich selbst mit ihnen beschäftigen, muß ihre Wünsche, Träume, Freude und Traurigkeit genau kennen. Das ist die beste Basis zur Schaffung neuer Musik für Kinder.“ Dabei versuchte Erdmann, den Bewegungsdrang von Kindern geschickt mit der Artikulation von Sprache und Klängen zu verquicken.

Einige Werke aus seinem Nachlass sind heute zwar als Ergebnis einer ideologischen Vereinnahmung durch die SED-Machthaber durchaus kritisch zu sehen. Andere Werke wirken hingegen erstaunlich zeitlos, entspringen stets der Erlebniswelt des Kindes. Abzählreime finden sich neben Kalauern, Zungenbrechern oder Kurzgeschichten und Gedichten von Eva Strittmatter, Sarah Kirsch, James Krüss etc. Ebenso bediente Erdmann auch das traditionelle Kinderlied aus Deutschland (neben dem Liedgut aus „sozialistischen Brüderländern“) im gemäßigt modernen Tongewand.

Notenhandschrift „Aj-lju-lju“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/A,296 (1)) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Notenhandschrift „Aj-lju-lju“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/A,296 (1)) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Anfang der 1980er Jahre kam sein Interesse für jiddische Folklore hinzu. Neben der Pentatonik reizte ihn die eigenartige Melange aus heiterer Lebensfreude und tiefem Schmerz, die in seinem Zyklus „Tumbalaleika“ oder in der Motette „Ghetto“ erfahrbar wird. 1990 komponierte er sein letztes Chorwerk „Die Welt ist ein Käfig voller Narren“. Nach dem Mauerfall wurde es ruhiger um den Komponisten; er vereinsamte sogar zunehmend − ein Schicksal, das er mit vielen Komponisten der untergegangenen DDR teilte.

[Text von Jean Christophe Gero]

Notendruck „Die Welt ist ein Käfig voller Narren“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 NB 18046-1) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Notendruck „Die Welt ist ein Käfig voller Narren“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 NB 18046-1) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Buchpatenschaft für den Monat April

Johann Sebastian Bachs Choräle passen immer gut zu hohen christlichen Feiertagen. Daher haben wir als Patenschaft für den Monat April eine Partiturabschrift aus der Musikabteilung ausgesucht.

Bach, Johann Sebastian (1685-1750): Sammelhandschrift mit Choralbearbeitungen (BWV 672-675, 677 u. 679) und Duetten (BWV 802-805) aus der Klavierübung 3. Teil. Abschrift von Gottfried Heinrich Moering (1747-1825). Bibliothekssignatur: Mus.ms. Bach P 566.

Bach, Johann Sebastian (1685-1750):
Sammelhandschrift mit Choralbearbeitungen (BWV 672-675, 677 u. 679) und Duetten (BWV 802-805) aus der Klavierübung 3. Teil.
Abschrift von Gottfried Heinrich Moering (1747-1825)

36 S., Kartonumschlag mit handgefertigtem Buntpapier.

Das Manuskript vereinigt Abschriften des größten Teils der Choralbearbeitungen sowie der vier Duette aus dem 3. Teil der Clavier Übung, die Bach 1739 in Nürnberg im Druck herausgab. Es stammt aus dem Besitz des Bach-Schülers Johann Philipp Kirnberger (1721-1783), der in Berlin als Lehrer und musikalischer Berater der preußischen Prinzessin Anna Amalia (1723 – 1787), der jüngsten Schwester Friedrichs II., wirkte. Der Schreiber Gottfried Heinrich Moering (1747-1825) war ein Schüler Kirnbergers.

Restaurierungsbedarf: Trocken reinigen, Risse schließen, fliegendes Papier einfügen, Umschlag ablösen, neu umheften, Bezugspapier stabiblisieren, Kanten und Ecken sichern und festigen, Schutzverpackung

Kalkulierte Kosten: 330 €

 

 

 

 

Übernehmen Sie eine Buchpatenschaft bei den “Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V.”

Wenn Sie Interesse daran haben, dass diese Partiturabschrift  restauriert und damit wieder benutzt werden kann, dann schreiben Sie an freunde@sbb.spk-berlin.de. Für Ihre Hilfe, ein bedrohtes Werk vor dem Verfall zu bewahren, erhalten Sie:

  • ein Exlibris aus alterungsbeständigem Papier mit Ihrem Namen oder einem von Ihnen gewünschten Namen,
  • die Möglichkeit, das restaurierte Werk zu besichtigen beim Jahresempfang oder bei einem Termin nach Vereinbarung,
  • eine Spendenbescheinigung für Ihr Finanzamt.

Weitere Hinweise zu Buchpatenschaften und eine große Auswahl an  Patenschaften aus allen Abteilungen der Staatsbibliothek zu Berlin finden Sie auf der Seite der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V. Das Spektrum reicht weit über Bücher hinaus – hier finden Sie auch Noten, Landkarten, Zeitungen, Handschriften.

Kontakt: Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V., Gwendolyn Mertz, Unter den Linden 8, 10117 Berlin, Telefon: 030 – 266 43 8000, Mail: freunde@sbb.spk-Berlin.de

„Frische teutsche Liedlein“ mit der lautten compagney in der Ausstellung “Bibel – Thesen – Propaganda”

Sonntag, 2. April: Finissage „Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“ mit zwei Kurzkonzerten der lautten compagney BERLIN, 14 Uhr und 16.30 Uhr – freier Eintritt

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Am Sonntag, 2. April 2017, schließt um 18 Uhr die einzige Ausstellung, die alle drei im Jahr 1517 gedruckten Ausgaben der 95 Thesen Martin Luthers zur Klärung der Kraft der Ablässe zeigt.

Zur Finissage erklingen in der Staatsbibliothek Lieder aus der Zeit Martin Luthers – und das in höchster Qualität und mit freiem Eintritt. Das mehrfach ausgezeichnete Berliner Ensemble lautten compagney entwickelt zum diesjährigen Jubiläum ein speziell auf die Reformationszeit abgestimmtes Programm. In kleiner Besetzung – Tenor, Zink (Cornett), Gambe und Laute – spielt die lautten compagney am Sonntag in zwei Kurzkonzerten von je 35 Minuten “Frische teutsche Liedlein”. Zwischen den beiden Auftritten der lautten compagney wird um 15 Uhr durch die Ausstellung geführt. Gezeigt werden dabei auch die ersten lutherischen Gesangbücher wie das Achtliederbuch und die früheste Sammlung mehrstimmiger Luther-Choräle von Johann Walter sowie ein eigenhändiger Kompositionsversuch Martin Luthers zu seinem Vaterunserlied.

Johann Walters Gesangbüchlein, Stimmbuch für den Tenor. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

„Frische teutsche Liedlein“ – Lieder aus der Zeit Martin Luthers

In diesem Programm widmen sich der Tenor Robert Sellier und die Spezialisten der Alten Musik deutschen Tenorliedern. Mit dieser typisch deutschen Form der Renaissance lösten sich die Komponisten von den franko-flämischen Vorbildern und schufen Lieder, bei denen die Melodie nicht in der höchsten Stimme, sondern im Tenor liegt. Im Mittelpunkt stehen die Lieder von Ludwig Senfl (um 1490–1543). Zu hören sein werden außerdem Lieder von Heinrich Isaac (um 1450–1517) sowie Stücke aus der fünfteiligen Sammlung Frische teutsche Liedlein von dem Arzt, Komponisten und Liedersammler Georg Forster (um 1510–1568). Die lautten compagney und Robert Sellier laden mit viel Musizierfreude und sprühender Kreativität zu einer erfrischenden Reise in die Zeit der Reformation ein.

Wiederaufnahme der Ausstellung vom 24. bis 28. Mai 2017 zum Evangelischen Kirchentag

Die Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“ wird als Teil des Regionalen Kulturprogramms zum Evangelischen Kirchentag erneut zu sehen sein, dies vom 24. bis 28. Mai 2017. Bis dahin müssen die 95 herausragenden Objekte zur Reformationsbewegung aus konservatorischen Gründen in den Tresormagazinen ruhen, neben den Thesendrucken etwa die Prachtbibeln aus der Cranach-Werkstatt oder drastische antipäpstliche Flugblätter jener Zeit.

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„Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“
24. Mai – 28. Mai 2017: Mittwoch – Samstag 11 – 20 Uhr, Sonntag 11 – 18 Uhr
Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum, 10785 Berlin
Führungen täglich um 15 und 17 Uhr
Eintritt frei
Katalog 20 €, Faksimile vom Druck d. 95 Thesen 8 €, beide 25 €

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Blog zur Ausstellung

“Mit herzlichen Grüßen, Ihr Wilhelm Furtwängler”

Die Musikabteilung konnte jüngst über ein Berliner Antiquariat eine wichtige Ergänzung zum Nachlass des Dirigenten Wilhelm Furtwängler (1886-1954) erwerben: es handelt sich um den wohl vollständigen Briefwechsel Furtwänglers mit dem Verleger Fritz Oeser (1911-1982) vom Brucknerverlag Wiesbaden. Dabei tauschen sich die Briefpartner hauptsächlich über die Revisionen an der 2. Sinfonie in e-Moll (WF 119) sowie am Symphonischen Konzert für Klavier und Orchester (WF 114) von Wilhelm Furtwängler aus, außerdem werden die beiden Sinfonien Nr. 3 in Cis (WF 120) und Nr. 1 in h-Moll (WF 110b) in der Korrespondenz aufgegriffen.

Die Korrespondenz beginnt mit einem Brief Furtwänglers vom 31. Dezember 1950, in dem Furtwängler seine Absicht äußert, von der Universal Edition Wien zum Brucknerverlag wechseln zu wollen. In 148 originalen Textzeugen fächert sich dann die Beziehung des Dirigenten und Komponisten zu seinem Verleger auf, die fast vier Jahre andauerte. 50 Briefe von Wilhelm Furtwängler und einige Telegramme und Kurzbriefe der Sekretärin Henriette Speiser an Oeser sind überliefert sowie 60 Original-Briefdurchschriften von Oeser an Furtwängler. Dabei entsteht das Bild einer fruchtbaren Arbeitsbeziehung, die den Komponisten Furtwängler ins Zentrum rückt: Sichtbar wird, wie viel Arbeitskraft Wilhelm Furtwängler in die Komposition und Revision seiner Werke vor dem Druck steckte, aber auch welche Bedeutung die Aufführung seiner eigenen Werke für ihn hatte. “Ich werde im Laufe des nächsten Jahres sehr wenig dirigieren, habe aber die Absicht, in der zweiten Hälfte der Saison mehrere Aufführungen meiner eigenen Sachen zu veranstalten”, schrieb Furtwängler im Februar 1951. Einer der letzten Sätze an Oeser zeugt von der schweren Erkrankung des Dirigenten, Mitte November 1954 schrieb er aus Clarens: “Leider laboriere ich augenblicklich an einer Bronchitis, die mich seit einigen Tagen sogar ins Bett fesselt.” Er sollte sich von dieser Krankheit nicht mehr erholen und verstarb Ende des Monats.

[Beitrag veröffentlicht von Jessica Ermes]

Acht Lieder – die Geburt des evangelischen Kirchengesangbuchs

Das Achtliederbuch und weitere frühe Gesangbuchdrucke der Reformationszeit in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Titelblatt des Achtliederbuchs. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luthers Lieder wurden zunächst als Flugblätter verbreitet, um die neuen Lehren schnell bekannt zu machen. Doch schon 1524 erschienen mit dem Achtliederbuch, dem Erfurter Enchiridion und dem mehrstimmigen Gesangbüchlein Johann Walters gleich drei verschiedene Sammlungen seiner und anderer reformatorischer Lieder, die zum Teil umgehend nachgedruckt wurden.

Das Achtliederbuch wurde bereits um die Jahreswende 1523/1524 publiziert und kann gewissermaßen als Vorläufer aller evangelischen Gesangbücher gelten. Allerdings handelt es sich hier noch nicht um ein planvoll zusammengestelltes Kirchengesangbuch, sondern vielmehr um eine von dem Nürnberger Drucker Jobst Gutknecht veranstaltete Sammlung verschiedener als Flugdrucke kursierender Lieder. Um seine Identität nicht preiszugeben, gibt Gutknecht als Impressum „Wittenberg. M.DXXiiij.“ an, Angaben zum Drucker fehlen.

Das kleine Büchlein mit dem umfänglichen Titel „Etlich Cristlich lider Lobgesang und Psalm dem rainen wort Gottes gemeß auß der heyligen schrifft durch mancherley hochgelerter gemacht in der Kirchen zu singen wie es dann zum tayl berayt zu Wittenberg in uebung ist“ enthält vier Lieder von Martin Luther (1 sowie 5-7), dazwischen drei von Paulus Speratus (2-4) und schließt mit einem eventuell Justus Jonas zuzuschreibenden Lied (8):

1) Ein Christenlichs lied Doctoris Martini Luthers, die unaussprechliche gnaden Gottes und des rechten Glaubens begreyffendt. – Nun frewt euch lieben Christen gmein (mit Noten, datiert 1523)

2) Ein lied vom gesetz und glauben, gewaltigklich mit götlicher schrifft verlegt, Doctoris Pauli Sperati. – Es ist das hayl uns kummen her (mit ausführlicher Angabe der zugrunde liegenden Bibelstellen und Noten, datiert 1523)

3) Ein gesang Doct. Sperati, zu bekennen den glauben, mit anzaygung der schrifft, alts unnd news Testaments, wo ein yeder artickel des glaubens, in ir gegründt ist, nach außweysung der buchstaben verzeychet. – In Got, gelaub ich das er hat (mit Noten, datiert 1524)

4) Ein gesang Doct. Sperati, zu bitten umb volgung der besserung, auß dem wort Gottes. – Hilff got, wie ist der menschen not (datiert 1524)

5-7) Der xi. Psalm. Salvum me fac: Ach got von hymel sihe darein (mit Noten, geltend für alle drei Psalmlieder). – Der xiii. Psalm. Dixit insipiens: Es spricht der unweysen mundt wol. – Der Psalm De profundis: Auß tieffer not schrey ich zu dir.

8) Ein fast Christlichs lied vom waren glauben, und rechter lieb Gottes und des nechsten. – In Jesus namen heben wir an (mit Noten, zweistimmig, je zwei Zeilen, notiert im Tenor- und Altschlüssel)

Ein melodisches Ungeheuer?

Zweistimmige Melodie zu “In Jesus Namen heben wir an” aus dem Achtliederbuch. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Fünf Melodien für die acht Lieder wurden in den Druck aufgenommen – wegen des damit verbundenen Aufwandes durchaus nicht selbstverständlich und Ausdruck des musikalischen Gestaltungswillens der Anhänger Luthers.

Allerdings kam es dabei auch zu musikalischen Missverständnissen: Die Melodie zum achten Lied In Jesus Namen heben wir an gab der Wissenschaft lange Zeit Rätsel auf, die erst der Hymnologe Konrad Ameln 1978 überzeugend lösen konnte. Hundert Jahre zuvor bewertete der Volksliedforscher und -sammler Franz Magnus Böhme in seinem Altdeutschen Liederbuch (1877) die vierzeilige Musiknotation als „melodisches Ungeheuer, mit Tenor- und Altschlüssel notiert“; dabei handele es sich – so Böhme – um die Begleitstimme eines mehrstimmigen Satzes, die durch ein Versehen des Setzers hierhin geraten sei, während die eigentliche Hauptstimme fehle. Für Böhme war klar, dass dieser unsingbare „Notenhaufen“ ein Grund dafür war, dass In Jesus Namen heben wir an als einziges der acht Lieder nicht in Johann Walters mehrstimmiges Gesangbüchlein von 1524 aufgenommen wurde. Gleichzeitig stellte Böhme fest, dass auch die im Erfurter Enchiridion zu diesem Lied gedruckte Melodie „durch ihren ungeheuren Tonumfang und gesuchte Rhythmen“ ebenfalls nicht gut singbar und wenig volkstümlich sei.

Erst Konrad Ameln erkannte, dass es sich im Achtliederbuch um eine zweizeilige Hauptmelodie im Tenorschlüssel mit einer ebenfalls zweizeiligen Oberstimme im Altschlüssel handelte, die für eine damals bei Bergleuten beliebte Form improvisierter Mehrstimmigkeit typisch war. Die ins Erfurter Enchiridion aufgenommene, wenig eingängige Melodie beruht dagegen auf einem Hörfehler: offenbar wurde hier versehentlich die durchdringendere Oberstimme statt der eigentlichen Hauptstimme nach dem Gehör notiert und an die Erfurter Drucker übermittelt.

Register zum Erfurter Enchiridion. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das Erfurter Enchiridion

Das Erfurter Enchiridion (griech. für Handbüchlein) erschien ebenfalls 1524 in harter Konkurrenz zwischen zwei Erfurter Druckern: Johannes Loersfeld war vermutlich ein wenig schneller als sein Berufskollege Matthes Maler, beide Ausgaben zeigen Spuren einer eiligen Fertigstellung. Erst 1525 erschien die Ausgabe von Wolfgang Stürmer, einem weiteren Erfurter Drucker, die nicht mehr das anonym gegen den „alten Kirchengesang“ als Geschrei der „Baalspriester und Waldesel“ polemisierende Vorwort der Ausgaben von 1524 enthält, sondern das für Johann Walters mehrstimmiges Gesangbüchlein verfasste Vorwort Martin Luthers voranstellt und am Schluss ein Register der Liedanfänge bietet. Das für alle Ausgaben gewählte handliche Oktavformat machte das angestrebte stete Mitführen dieses Gesangbüchleins tatsächlich möglich.

Die früheste Sammlung mehrstimmiger Luther-Choräle

Im selben Jahr wie das Achtliederbuch und das Erfurter Enchiridion erschien 1524 in Wittenberg das Geystliche Gesangk Buchleyn mit 43 drei- bis fünfstimmigen Kirchenlied-Bearbeitungen von Johann Walter. Martin Luther steuerte zu dieser Sammlung eine Vorrede und 24 Lieder bei, darunter sechs Dichtungen, die zuvor noch nicht im Druck erschienen waren. Gedruckt wurden die Sätze wie damals üblich nicht in Partitur, sondern in einzelnen Stimmbüchern. Die erste Auflage von 1524 ist heute nur noch unvollständig erhalten; die zweite, weitgehend unveränderte Auflage erschien unter leicht modifiziertem Titel im folgenden Jahr in Worms, wohingegen die weiteren von Walter besorgten Neuausgaben der Jahre 1537, 1544 und 1551 jeweils erheblich abweichen.

Johann Walters Gesangbüchlein, Stimmbuch für den Tenor. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Diese frühen protestantischen Liedersammlungen können Sie zusammen mit vielen anderen Objekten zur lutherischen Kirchenmusik – darunter ein eigenhändiger Melodieentwurf Luthers, das einzige Autograph einer Reformationskantate von Johann Sebastian Bach und Mendelssohns römisches Weihnachtsliedvom 3.2. bis 2.4.2017 selbst in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

 

Ausstellungsplakat BUSONI

Finissage der BUSONI-Ausstellung am 8.1.

Ein letztes Mal die Ausstellung BUSONI. Freiheit für die Tonkunst erleben und dabei viel Interessantes erfahren und Busoni hören: Das ist möglich auf der Finissage am Sonntag, dem 8.1.2017 von 11.30 bis 17 Uhr am Kulturforum.

Das Programm:

(als pdf zum Ausdrucken)

Im Vortragssaal des Kunstgewerbemuseums
11.30 Uhr Christian Schaper und Ullrich Scheideler, HU Berlin
Schriften und Briefwechsel Busonis. Möglichkeiten und Chancen einer digitalen Edition
12.15 Uhr Carsten Schmidt, SIMPK
›… jeder Ton für ewig‹: Busoni, gestanzt und graviert

– Pause –

14.30 Uhr Wolfgang Rathert, LMU München
Im Land der ›unmöglichen Begrenztheit‹. Ferruccio Busoni und Amerika

Im Foyer der Kunstbibliothek
15.30 Uhr Podiumsgespräch
mit Thomas Ertelt, Susanne Fontaine, Michael Lailach, Albrecht Riethmüller und Marina Schieke-Gordienko

Im Ausstellungsraum der Kunstbibliothek
16.30 Uhr Ausklang

Holger Groschopp, Klavier
Adele Bitter, Violoncello
spielen Werke von Ferruccio Busoni

Der Eintritt ist frei

Weitere Informationen zur Ausstellung sowie zum Busoni-Nachlass in der Staatsbibliothek