Beiträge

Vom frühen Umwelt- und Denkmalschutz über giftige Pflanzen, ein bestricktes Nashorn und eine Schlossmaus bis hin zum einzahnigen Löwen

Die Geschichten hinter den Illustrationen von Ursula Kirchberg

Trotz hochsommerlicher Temperaturen fanden sich am Freitagabend, den 8. Juni 2018, über 50 Kinderbuchinteressierte sowie Freunde und Familienangehörige der Hamburger Illustratorin Ursula Kirchberg im Dietrich-Bonhoeffer-Saal der Staatsbibliothek zu Berlin ein, um die Übergabe des Vorlasses von Frau Kirchberg an die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu feiern.

Carola Pohlmann, die als Abteilungsleiterin auch für die einzigartige Sammlung von Originalwerken von 200 Illustratorinnen und Illustratoren zuständig ist, freute sich, die „temperamentvolle, spontane, lebensfrohe“ Künstlerin willkommen heißen zu können und stellte sie dem Publikum kurz vor:

Auf dem Podium: Ursula Kirchberg und Carola Pohlmann. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ursula Kirchberg, am 6. Mai 1938 in Hamburg geboren und im nahen Ahrensburg aufgewachsen, studierte von 1957 bis 1961 Zeichnen, Malen, Schrift und Typographie an der Werkkunstschule Hamburg, dem heutigen Department Design der HAW Hamburg. Erste veröffentlichte Illustrationen folgten unmittelbar im Anschluss an das Studium. Die Richtung „Kinder- und Jugendbuch“ schlug Frau Kirchberg über die Reihe Mein erster Reiseführer des Hamburger Marion von Schröder Verlags ein. Mit dem Bilderbuch Die alte Linde Gundula gelang ihr 1967 der Durchbruch. Die Geschichte Lore Lehers über die Umleitung des Verkehrs zur Rettung des imposanten Straßenbaums, der Linde „Gundula“, ist bis heute eines von Kirchbergs bekanntesten Büchern. Dass die Künstlerin wenige Jahre später für den zeitlos attraktiven Band Onkel Ede hat einen Schnurrbart (1971) keinen Jugendliteraturpreis erhalten habe, so bedauerte Carola Pohlmann, lag nur daran, dass der Autor der Texte, Bertolt Brecht, längst verstorben war, und damit die in den Statuten festgelegten nötigen Voraussetzungen nicht erfüllt wurden.

In den folgenden beiden Jahrzehnten schuf Ursula Kirchberg darüber hinaus auch eigene Bilderbücher, geprägt von großflächigen Illustrationen und geringen Textanteilen, um auch Kindern im Kindergartenalter das selbständige „Lesen“ einer Geschichte durch Interpretation der Bildfolgen zu ermöglichen. Beeindruckend ist die Vielfalt der Techniken, welche die Künstlerin beherrscht. Je nach Buch und Stimmung kamen Malerei, Zeichnung oder Collage, gerne aus gerissenen Papieren, zur Anwendung.

Vor der Behandlung schwieriger Themen schreckte Ursula Kirchberg nie zurück – im Gegenteil. Einfühlsam berichten ihre Bilder vom menschlichen Altern (Opa gehört zu uns, 1992) oder über die Gefahr von Kindesentführungen (Geh nie mit einem Fremden mit, 1985). Schon früh setzte sie sich auch für die Integration ausländischer Kinder (Selim und Susanne, 1978) ein. Der Titel stand 1979 auf der Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis, wurde 1984 als erster Titel mit dem im selben Jahr neu ausgelobten Kinderbuchpreis der Ausländerbeauftragten der Stadt Berlin ausgezeichnet und ist thematisch bis heute aktuell.

Begleitende Vitrinenausstellung mit einer Auswahl von Ursula Kirchbergs Werken. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Zur Illustration klassischer Werke lud der Gerstenberg-Verlag die Künstlerin gegen Ende des Jahres 1987 ein. Es entstanden beeindruckende Umsetzungen u.a. verschiedener Werke Theodor Storms, so z.B. Der Schimmelreiter und Pole Poppenspäler, sowie Theodor Fontanes Grete Minde – angesichts der weitgehend unbebilderten Werke Theodor Fontanes eine Seltenheit! Danach kehrte Ursula Kirchberg zu farbintensiven, großflächig gestalteten Bilderbüchern zurück.

Heute befinden sich die Originale zu insgesamt 14 Bilderbüchern aus der Zeit zwischen 1967 und 2003 im Bilderbuchmuseum Burg Wissem in Troisdorf und die Originalarbeiten zu den vier im Verlag Gerstenberg erschienenen Bänden mit Texten Theodor Storms im Literaturmuseum Theodor Storm in Heiligenstadt. Die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin freut sich über die großzügige Schenkung des Vorlasses von Ursula Kirchberg, darunter u.a. die Skizzen und Illustrationen zu Opa gehört zu uns, Geh nie mit einem Fremden mit und Selim und Susanne sowie die Skizzen zu Isidor und Adebar und die Illustrationen für Fridolin, die beide, 1969 bzw. 1977, auf der Auswahlliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis standen. Eine besonders glückliche Fügung, so erläuterte Carola Pohlmann, sei auch die Übereignung sowohl der Skizzen sowie der Illustrationen zu dem Titel Brot für Myra, da sich der Nachlass Otfried Preußlers, aus dessen Feder der Text stammt, ebenfalls in den Beständen der Staatsbibliothek zu Berlin befindet.

Ursula Kirchberg. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Vorstellung ihres Œuvres übernahm Ursula Kirchberg anschließend selbst, und das Publikum staunte über die Geschichten hinter den Bildern und Büchern.
Darüber zum Beispiel, dass der Künstlerin das Querformat des Bandes Die Wolkenfähre missfällt, da die Bilder folglich von einem weißen Rand umgeben sind, dessen Sinn sich einfach nicht erschließe. Oder über die zögerliche Haltung des Verlages, das Bilderbuch Die alte Linde Gundula trotz anhaltender Nachfrage nicht nachzudrucken, so dass sich schließlich die Künstlerin und die Kinder der Textautorin darauf verständigten, es dann eben anderweitig selbst zu probieren. Eine Anfrage bei der Deutschen Stiftung für Denkmalschutz – denn auch Bäume können unter Denkmalschutz stehen – brachte die erhoffte positive Resonanz. Seit 2010 ist Die alte Linde Gundula im Programm des stiftungseigenen Verlags Monumente Publikationen vertreten.

Mit der Neuillustration der beliebten Erzählung Der kleine Häwelmann erfüllte Ursula Kirchberg 1970 einen Verlegerwunsch. Dieser war aus dem Hause Bertelsmann an sie herangetragen worden. Es handelte sich, „natürlich in der klassischen Ausgabe“ mit den Illustrationen Else Wenz-Viёtors, um das Lieblingsbuch aus der Kindheit des Verlegers, der es jedoch gerne in der Art der Linde Gundula illustriert sehen wollte. [Der Text Theodor Storms in Kombination mit den typischen farbenfrohen Collagen aus gerissenem Papier von Ursula Kirchberg erschien bei Bertelsmann zuletzt 1996 in der 11. Auflage!]

Auch die Vorgeschichte des bereits von Carola Pohlmann angesprochenen Bandes Onkel Ede hat einen Schnurrbart erfuhren die Zuhörer: Die Anregung dazu, so erzählte die Künstlerin, erhielt sie über die Bühnenbilder einer Brecht-Aufführung am Schiffbauerdamm. Die Collagen aus Packpapier finden sich in den Illustrationen zu zwölf Kinderliedern Bertold Brechts unverkennbar wieder. Allerdings, berichtete die Künstlerin, sei es sehr schwierig gewesen, Siegfried Unseld, als Inhaber der Urheberrechte an Bertold Brechts Werk, für dieses Projekt zu gewinnen. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse schaffte es Ursula Kirchberg, den erfolgreichen Verleger, u.a. des Suhrkamp- und des Insel-Verlages, zu sprechen. Bild für Bild blätterte Unseld durch die Illustrationen. Bis zum letzten Blatt war keinerlei Gemütsregung abzulesen. Am Ende sagte er: „Das machen wir selbst!“ Der Band erschien 1971 im Insel-Verlag, gefolgt von einer Ausgabe der Büchergilde Gutenberg nur ein Jahr später.

Originalillustration aus: “Selim und Susanne” von Ursula Kirchberg. © Ursula Kirchberg

Das preisgekrönte Bilderbuch Selim und Susanne hat seine Entstehung einer Begegnung Ursula Kirchbergs mit einem kleinen, einsamen Jungen in Hamburg-Altona zu verdanken. Die großen, dunklen Augen, in die sie im Vorübereilen auf ihrem Heimweg blickte, rührten sie an. Sie erfand die Geschichte des türkischen Jungen Selim, der sich in seinem neuen österreichischen Zuhause fremd und einsam fühlt, und des Mädchens Susanne, die durch einen Italienurlaub lernt, wie schwierig es ist, in einem Land, dessen Sprache man nicht beherrscht, Freunde zu finden. Gefreut hat sich Frau Kirchberg vor allem über die positiven Reaktionen von LehrerInnen, die mit dieser Geschichte in ihren Klassen einen empathischen Umgang mit ausländischen Kindern hervorrufen konnten. „Viel wichtiger als die Rezensenten!“ resümierte die Künstlerin und schob schmunzelnd hinterher: „Wobei ich deren Reaktionen auch immer sehr geschätzt habe.“

Ihr Ruf, der Behandlung schwieriger Themen offen gegenüberzustehen, war damit etabliert. Und so sprach sie eines Tages Klaus Kordon an: „Du illustrierst doch immer so Problembücher. Kannst Du nicht diese Geschichte, die ich mit meiner Tochter erlebt habe, illustrieren?“ Es entstand Knuddel und Eddi (1985), ein Bilderbuch, das von den Schwierigkeiten eines Kindergartenwechsels und endlos langer Fahrten durch die Großstadt berichtet.

Ihr eigener Sohn, Jan, wurde ebenfalls in eine ihrer Geschichten einbezogen. Er saß für Franz im Apfelbaum (1984) Modell, und nur der Regen habe ihn davor bewahrt, noch länger für sie im Baum auszuharren zu müssen, schmunzelte Ursula Kirchberg rückblickend.

Ende der 1980er Jahre bot ihr der Gerstenberg Verlag, eines der ältesten Verlagshäuser Deutschlands, die Zusammenarbeit an. Eigentlich hatte die Künstlerin mit dem Münchener Ellermann Verlag längst ihren Hausverlag gefunden, sie begriff das Angebot jedoch bewusst als Chance, „in diesem hohen Alter – ich war gerade 50 geworden!“ noch einmal etwas ganz anderes zu machen. Die hochklassigen Illustrationen in vielen Büchern der DDR hatte sie stets bewundert, und so reifte die Idee, einmal Klassiker der deutschen Literatur zu illustrieren. Danach musste plötzlich alles sehr schnell gehen, denn Theodor Storms 100. Todestag stand kurz bevor. Der Schimmelreiter musste 1988 also zügig auf den Markt kommen. Ebenso flott folgte Theodor Fontanes Grete Minde (1991) nach. Der Verlagsleiter sah den größeren Absatzmarkt nach der Wiedervereinigung und handelte dementsprechend – eine Denkweise, die ihr, der Künstlerin, wie sie bekundete, gänzlich fremd war. „Aber er hatte ja völlig recht!“

Im selben Jahr erschien zudem im Deutschen Taschenbuch-Verlag der liebevoll und aufwändig illustrierte Titel Unterm Schwarzen Holunder, dessen Bilder eigentlich eine Herkulesstaude (oder auch Riesen-Bärenklau) zeigen sollten. Doch leider, so Frau Kirchberg, sei die Pflanze zwar optisch sehr apart, aber eben auch in allen Teilen sehr giftig: „Um Gottes Willen, dann kriegen alle Kinder Ausschlag!“ sei die Reaktion der Lektorin gewesen. So wurde eben Holunder daraus. (Vgl. Beitragsbild ganz oben.)

Im Dietrich-Bonhoeffer-Saal der Staatsbibliothek zu Berlin (Standort Potsdamer Platz). Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Hinsichtlich des bereits eingangs erwähnten Bilderbuchs Brot für Myra (2004) erinnerte sich die Künstlerin eines Fehlers, der ihr in der ersten Auflage unterlaufen sei. So habe sie der Stadt Myra zu Zeiten des Heiligen Nikolaus, also in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts, eine Moschee ins Bild gezeichnet, obgleich das Fundament des Islam mit der Erleuchtung Mohammeds doch erst zu Beginn des 7. Jahrhunderts gelegt wurde. Ein Leserbrief machte sie auf diesen Lapsus aufmerksam. Frau Kirchberg informierte den Verlag und gestaltete die Seite für die zweite Auflage neu. Die Anregungen ihrer Leserinnen und Leser habe sie immer gerne angenommen, bekannte sie, und war erstaunt, dass die Forschung, wie Carola Pohlmann bekräftigte, stets sehr an diesen Quellen interessiert sei: „Ach, da entlasten Sie mich ja vielleicht um etliche Kisten aus dem Keller?! Davon habe ich noch Einiges!“ – Das Publikum, egal ob forschend tätig oder nicht, war begeistert!

Zu Ursula Kirchbergs jüngsten Werken zählt Clara – das Nashorn mit den rosa Socken (2012). Die Geschichte des Nashorns, das aus seinem Gemälde heraustritt, mit der Schlossmaus das Schweriner Schloss besichtigt und von der Mäusefamilie wärmende, rutschfeste Socken gestrickt bekommt, basiert auf den Erfahrungen, die die Autorin, Sylvia Völzer, während ihrer Arbeit im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern sammelte. Die Nashorndame Clara gab es im 18. Jahrhundert tatsächlich, berichtete Frau Kirchberg. Zwischen 1741 und 1758 wurde Clara als Attraktion in zahlreichen europäischen Städten gezeigt und von etlichen Künstlern abgebildet, darunter auch der französische Hofmaler Jean-Baptiste Oudry. Zu den Bewunderern der Werke Oudrys zählte wiederum Christian Ludwig II., Herzog von Schwerin. Er schickte seinen Sohn nach Paris, um das große Gemälde des berühmten Tiermalers zu kaufen. Irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts sei das Bild jedoch verschwunden und erst in der jüngeren Vergangenheit  – zusammengerollt in einem Schrank – wieder aufgefunden worden. Als für die Restaurierung ein Sponsor gesucht wurde, sprang das „J. Paul Getty“-Museum in Los Angeles ein – und übernahm die Arbeiten höchstselbst in L.A. Danach (2008) kehrte das monumentale Gemälde der Clara wieder heim ins Schweriner Schloss – und das Bilderbuch der rosafarben bestrickten Clara entstand.

Vier Bilderbücher, so beschloss Frau Kirchberg ihre Werkschau, lägen jetzt noch fertig in ihrer Schublade. Ihre alten Verleger seien jedoch nicht mehr im Dienst, die neuen gingen von neuen Sehgewohnheiten aus. „Jetzt sind eben die Jüngeren dran!“ Als sie anfing, als Illustratorin zu arbeiten, habe sie sich beim Anblick „alter Tanten“, so wie sie selbst jetzt eine sei, immer gefragt: „Muss die Konkurrenz jetzt auch noch sein?!“

Es schien, als habe sich die Künstlerin vom Kopf her zwar mit der Situation arrangiert, das Herz hängt jedoch noch immer an den Geschichten, die bislang nicht das Licht nach der Druckerpresse erblicken durften, vor allem an der Erzählung über einen alten Löwen. Der Löwe im Handwagen stammt von Henning Pawel, was angesichts der nicht abschließend geklärten Aktivitäten Pawels für das Ministerium für Staatssicherheit möglicherweise zur verlegerischen Zurückhaltung geführt haben könnte. Begeistert fasste Ursula Kirchberg die Geschichte des Löwen zusammen, der von zwei alten Damen aus dem Zoo geholt wird, als eine der beiden zum 80. Geburtstag bekennt, dass sie eigentlich gern Dompteurin geworden wäre. „Ist toll, dass Ihr mich hier rausholt, Mädels! Das Gebrüll der jungen Löwen geht mir ja so auf den Geist!“ rezitierte die Künstlerin voller Elan. Der Löwe passe als alterndes männliches Gegenstück perfekt in den Haushalt der couragierten Seniorinnen. Allerdings sei er ein Löwe. Und so melde sich irgendwann das Ordnungsamt an … „Es geht aber alles gut aus!“ versicherte Frau Kirchberg – und man wünscht ihr (und sich selbst), dass das Buch doch noch einen Verleger finden möge.

Bildausschnitt einer Seminararbeit von Ursula Kirchberg im 1. Semester. © Ursula Kirchberg

Brigitte Klemm-Neumann

Übergabe des Nachlasses von Sigrid Heuck an die Kinder- und Jugendbuchabteilung

Übergabe des Nachlasses von Sigrid Heuck in familiärem Rahmen. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Vor vierzig Jahren erschien „Pony, Bär und Apfelbaum“, ein Klassiker unter den Lesebilderbüchern, die Kindern durch das Ersetzen von Hauptwörtern durch kleine Illustrationen schon früh die Möglichkeit geben, „Mitlesen“ zu können. Sigrid Heuck, der Autorin und Illustratorin des Werks, war die Nähe zu ihrem Publikum, den Kindern, immer wichtig. Und so hätte sie sich sicher über die in einem kleinen, familiären Rahmen stattfindende feierliche Übergabe ihres künstlerischen und schriftstellerischen Nachlasses an die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin gefreut, deren Rahmenprogramm von Kindern bestritten wurde.

Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Sigrid Heuck, 1932 in Köln geboren, auf der Ponyfarm ihrer Mutter in einem Ort an der Bergstraße aufgewachsen, verbrachte den größten Teil ihres Lebens in Oberbayern. Bereits 1949 zog sie in das historische Gebäude, die Grabenmühle, unweit der Isar nahe Dietramszell-Einöd gelegen, in dem sie bis zu ihrem Tod 2014 lebte, schrieb und zeichnete. 1959 erschien ihr erstes Bilderbuch: „Das Mondkuhparadies“. 101 weitere Titel folgten, darunter der bereits erwähnte „Pony, Bär und Apfelbaum“, der von seiner Erstauflage 1977 bis zum Tode Sigrid Heucks 2014 spätestens alle vier Jahre neu aufgelegt und in zahlreiche westeuropäische Sprachen (Englisch, Französisch, Spanisch, Niederländisch, Friesisch, Dänisch, Schwedisch und Finnisch) sowie ins Chinesische, Japanische und Afrikaans übersetzt wurde. Sigrid Heuck wurde im Laufe ihrer Schaffenszeit mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis, dem Österreichischen Jugendbuchpreis sowie dem Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet.

Die Autorin und Künstlerin hatte keine Kinder, war aber stets von ihren Verwandten, einem großen Freundeskreis und zahlreichen Tieren umgeben. Zu den Freunden zählten u.a. Barbara Holzmayer, ihre Haushälterin, sowie Brigitte Klemm-Neumann, ehemals Leiterin eines Kindergartens in Dietramszell.

Brigitte Klemm-Neumann erinnert an Sigrid Heuck. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Frau Holzmayer, Erbin der Grabenmühle, konnte leider nicht persönlich anwesend sein, sandte aber ein Grußwort, in dem sie u.a. berichtete, wie sie durch vielfältige Veranstaltungen den guten Geist Sigrid Heucks in der Grabenmühle am Leben erhält.

Frau Klemm-Neumann, die von der Autorin als Buchrechteinhaberin eingesetzt wurde, erinnerte sich an das erste Zusammentreffen mit ihrer späteren Freundin – die Begrüßung hatten zwei beeindruckend große Hunde übernommen – sowie die Entwicklung ihrer Freundschaft, die stets vom Entstehen neuer Kinder- und später dann auch Jugendbücher begleitet war. Wirklich zufrieden schien Sigrid Heuck immer dann zu sein, wenn sie an einem Buchprojekt arbeitete. Das galt sogar für ihr letztes Werk, „Mit Wind und Wolken unterwegs“, in dem sie, obgleich schon sehr schwach, in 49 Kurzgeschichten ihre abenteuerlichen Reisen beschrieb. „Zum Glück,“ so Klemm-Neumann, „vollendete sie es!“ Der Band erschien postum 2015.

Leonardo Dimeo liest aus “Cowboy Jim”. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Die Grundlage für dieses Opus ultimatum bildeten 63 Ordner an Reisetagebüchern. Diese gelangen nun ebenso in den Bestand der Staatsbibliothek wie die zahlreichen Manuskripte, Briefe, Rezensionen, Dateien mit unveröffentlichten Texten sowie Heucks Originalillustrationen. Frau Klemm-Neumann entschied sich zu diesem Schritt, um den wahren Schatz an Materialien der Forschung öffentlich zugänglich zu machen. Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, erläuterte ihrerseits, welche Anstrengungen die Bibliothek unternehmen wird, um sämtliche Dokumente adäquat zu lagern und zu erschließen, damit sie anschließend über den Online-Katalog der Staatsbibliothek weltweit recherchiert und sodann im Lesesaal der Kinder- und Jugendbuchabteilung eingesehen werden können.

Das fröhlich-festliche Gitarrenspiel Lea Wollenwebers (11 Jahre) sowie die mitreißende, spannende Lesung von Leonardo Dimeo (12 Jahre) aus Sigrid Heucks „Cowboy Jim“ rundeten den Abend, der zeitlich in den Raum des 85. Geburtstags der Autorin fiel, in perfekter Weise ab.

 

Ein kleiner Einblick in den vielfältigen Nachlass. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA


Die Süddeutsche Zeitung berichtete über die Übergabe am 23. Mai in ihrer Regionalausgabe für Wolfrathshausen in einem großen Artikel unter der Überschrift “Eine neue Heimat in Berlin” .

„Schönheit im Buch regt zum Lesen an …“ – Zum 100. Geburtstag von Werner Klemke

„Schönheit im Buch regt zum Lesen an – Schönheit im Buch erleichtert das Lesen.“  So schrieb Werner Klemke vor fünfzig Jahren in der Modezeitschrift Sibylle (Heft 1, 1967). Im Rahmen jenes Beitrags innerhalb der Serie „Kurze Betrachtung über illustrierte Bücher“ resümierte er außerdem:

Bundesarchiv, Bild 183-F0310-0055-001 / Hochneder, Christa / CC-BY-SA 3.0
(https://commons.wikimedia.org/wiki /File:Bundesarchiv_Bild_183-F0310-0055-001, _Berlin,_50._Geburtstag_Werner_Klemke.jpg)
Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

 

 

“Unbrauchbar macht man ein Buch durch sinnlos dazugefügte Kunstwerke, und hätten sie auch noch so viel Qualität. Gebrauchsunfähig macht man es durch aufwendige und durch nichts begründete Typographie. Es ist damit wie mit dem Make-up oder dem Parfümieren. Merkt man’s erst, war’s schon zuviel. Es ist das Einfache, das schwer zu machen ist, das Natürliche und nicht das Ausgefallene, das Aufgedonnerte.”

Fünf Jahre nach dem Tod Werner Klemkes präsentierte die Staatsbibliothek zu Berlin in Zusammenarbeit mit der Pirckheimer-Gesellschaft e.V. eine Ausstellung zu Ehren des engagierten Künstlers und Ehrenlesers der Staatsbibliothek. Unter dem Titel „Brauchbar – unbrauchbar“ wurden Klemkes Betrachtungen ein weiteres Mal im gemeinsamen Ausstellungskatalog (Werner Klemke : 1917 – 1994 ; “Wie man Bücher durch Kunst (un-?)brauchbar machen kann”) publiziert.

Heute, weitere achtzehn Jahre später, zum 100. Geburtstag von Werner Klemke haben diese Aussagen nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Die Maxime, von denen sich der vielfach ausgezeichnete Künstler zeitlebens leiten ließ, offenbaren sich in den von ihm gestalteten Büchern, von denen siebzehn – von Boccaccios Dekameron einmal abgesehen alles Kinderbücher – bis heute verlegt werden. Titel wie „Hirsch Heinrich“, „Die Schwalbenchristine“, „Das Wolkenschaf“ und Klemkes berühmte Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ sind mittlerweile über drei Generationen sowie in Ost und West bekannt. (Die vollständige Liste findet sich am Ende dieses Beitrags.)

Widmung von Werner Klemke für Renate Gollmitz auf dem Vorsatz ihres Exemplars der “Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm” (20.04.1967), Schenkung von Frau Gollmitz an die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. – Mit frdl. Genehmigung der Erbengemeinschaft Klemke

Der Beltz Verlag, als Nachfolger des Kinderbuchverlags, dem ehemaligen kinderliterarischen Hausverlag Werner Klemkes, feiert dessen 100. Geburtstag mit einem Märchenband, den bislang unveröffentlichte Illustrationen des Künstlers zieren. Werner Klemke hatte in den frühen siebziger Jahren an einer illustrierten Ausgabe der Märchen Hans Christian Andersens gearbeitet, der von der Öffentlichkeit gespannt erwartete Band erschien jedoch leider nicht.

So wie die Andersen-Illustrationen in diesem Jahr posthum für viel Freude sorgen werden, überraschte und erfreute der Fund des Archivs der Jüdischen Gemeinde von Bussum, nahe Amsterdam, vor fast sechs Jahren, indem er Aufschluss über die bis dahin gänzlich unbekannten Aktivitäten Werner Klemkes während seiner Zeit als Wehrmachtsoldat im Zweiten Weltkrieg gab. Der damalige Trickfilmzeichner Klemke war 1939 eingezogen und in eine Schreibstube an der Westfront beordert worden. Dort nutzte er sein künstlerisches Talent, neben der gelegentlichen Ausstellung von Urlaubsscheinen für die Kameraden,  zur überzeugenden Nachahmung von Lebensmittelkarten sowie zur Fälschung von Ausweisen jüdischer Einwohner, denen er damit das Leben rettete. Die meisterliche Beherrschung des Holzschnitts, die den Gefreiten befähigte, jeden benötigten Stempel herzustellen, half etwa 300 Verfolgten des NS-Regimes. Doch erst der Dokumentarfilm „Treffpunkt Erasmus“, der im Zuge des Archivfunds entstand, beleuchtete dieses bislang unbekannte Kapitel im Leben Klemkes.

Der Künstler und Buchliebhaber selbst schwieg darüber und entwickelte sich nach Kriegsende zu dem wohl renommiertesten Büchermacher der DDR. Den ersten großen Auftrag, ein Buch für den Ost-Berliner Verlag Volk und Welt zu gestalten, erhielt Werner Klemke bereits 1948. Diesem folgten in schneller Folge weitere und begründeten seinen hervorragenden Ruf, der ihn wiederum 1951 an die spätere Kunsthochschule Weißensee führte. Nur fünf Jahre später wurde ihm die Professur für Buchgrafik und Typographie übertragen. In den folgenden drei Jahrzehnten, bis 1988 ein zweiter Schlaganfall in kurzer Folge seine künstlerische Karriere beendete, wirkte Werner Klemke an der Gestaltung – sei es die Ausstattung, sei es die Illustration – von über 800 Büchern mit. Die Vielfalt der von ihm beherrschten künstlerischen Techniken ist ebenso beeindruckend wie die Anzahl der nationalen und auch internationalen Auszeichnungen, die er im Laufe seines Berufslebens erhielt. Seine Arbeiten für Kinderbücher wurden regelmäßig mit dem Prädikat „Schönstes Buch der DDR“ ausgezeichnet.

Zusammen u.a. mit Bruno Kaiser und Horst Kunze gründete Werner Klemke 1956 die Bibliophilenvereinigung Pirckheimer-Gesellschaft. Nicht zuletzt aufgrund dieser persönlichen Freundschaften waren auch der Künstler und die damalige Deutsche Staatsbibliothek (DSB) einander sehr verbunden. Klemke gestaltete unentgeltlich verschiedene Publikationen der Bibliothek, darunter auch mehrere Veröffentlichungen der von Horst Kunze gegründeten Kinder- und Jugendbuchabteilung. Im Gegenzug wurde er zum Ehrenleser ernannt, eine seltene Auszeichnung, die mit freiem Magazinzugang und Sonderkonditionen hinsichtlich der Ausleihe verbunden war.

Die Staatsbibliothek besitzt eine nahezu vollständige Sammlung der gedruckten Werke von Werner Klemke, die laufend durch aktuelle Veröffentlichungen ergänzt wird. Der künstlerische Nachlass befindet sich im Klingspor-Museum für Buch- und Schriftkunst in Offenbach am Main. Durch den Nachlass seines Freundes Horst Kunze, dem ehemaligen Direktor der DSB, sowie die Bibliothek Bruno Kaisers, der nach dem Krieg zunächst als Abteilungsdirektor an der DSB gewirkt hatte,  gelangten jedoch auch einige Originale des Künstlers in die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek. Sie gehören zur Sammlung der Originalillustrationen und werden dort, wie auch die besonders kunstvolle Widmung Klemkes in dem persönlichen Märchenbuchexemplar unserer ehemaligen Kollegin Renate Gollmitz, in Ehren gehalten.

Zeichnung von Werner Klemke für Renate Gollmitz auf dem hinteren Vorsatz ihres Exemplars der “Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm” . – Mit frdl. Genehmigung der Erbengemeinschaft Klemke

Derzeit im Buchhandel verfügbar:

Kinderbücher

  • Bootsmann auf der Scholle / Text: Benno Pludra. Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2015
  • Hirsch Heinrich / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2016
  • Karlchen Duckdich / Text: Alfred Wellm. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2013
  • Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm / Text: Jacob und Wilhelm Grimm. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2012 (mit Schuber) und 2016 (ohne Schuber)
  • Ein kurzweilig Lesen von Till Eulenspiegel / Text: Gerhard Steiner. – Anaconda Verlag, 2012
  • Lütt Matten und die weiße Muschel / Benno Pludra. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2016
  • Das Pferdemädchen / Text: Alfred Wellm. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2012
  • Der Räuberhase / Text: Alfred Könner. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2014
  • Die Schwalbenchristine / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2016
  • Die Schwarze Mühle / Text: Jurij Brězan. – Domowina, 2012
  • Ein Teufel namens Fidibus / Text: Günter Spang. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2014
  • Wie Mauz und Hoppel Freunde wurden / Text: Walter Krumbach. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2017
  • Wir haben keinen Löwen / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2011
  • Das Wolkenschaf / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2015
  • Ein Wolkentier und nochmal 4 / Text: Fred Rodrian. – Beltz/Der KinderbuchVerlag, 2009

Zudem eine nachträgliche Zusammenstellung von Bildergeschichten:

  • Lutz, Evchen und Herr Kannitverstahn. – (Klassiker der DDR-Bildgeschichte ; 30). – Holzhof Verlag, 2015

Erwachsenenliteratur

  • Das Dekameron / Text: Giovanni Boccaccio. – Lambert Schneider, 2015
  • Heiteres und Besinnliches von Lessing / Einleitung von Dieter Fratzke. – Lessing-Museum Kamenz, 1990