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Johannes Block aus Pommern – der stumme Prediger und seine sprechende Bibliothek

Auch in der Staatsbibliothek des 21. Jahrhunderts sind noch Entdeckungen möglich. So staunte Falk Eisermann, der Leiter des Inkunabelreferats, nicht schlecht, als er im Magazin auf den Namen eines alten Bekannten aus dem 16. Jahrhundert stieß. Eigentlich wollte er nur zwei Inkunabeln ausheben, um sie einer Seminargruppe als Studienobjekt zu präsentieren. Ihn interessierte vor allem eine Cicero-Ausgabe von 1465 aus der Mainzer Offizin Peter Schöffers (GW 6921), an die ein Rostocker Druck des Vinzenz von Beauvais von 1477 angebunden ist (R 358). Der Besitzvermerk Liber Johannis Block presbyteri Caminensis diocesis predicatoris machte den Fachmann für alte Bücher stutzig. Konnte es sein, dass der Kamminer Priester mit dem Prediger und Reformator Johannes Block identisch war, den Eisermann als Buchbesitzer aus der Kirchenbibliothek Barth kannte?

Der Barther Reformator Johannes Block. Bild von der Predigtkanzel der Marienkirche Barth (um 1580). Foto: Eva Wunderlich. Lizenz: CC-BY-NC-ND (3.0)

Dieser Johannes Block aus Barth ist eine rätselhafte und zu Unrecht unterschätzte Figur. Als Zeitgenosse, teilweise auch als Protegé der Wittenberger Reformatoren Martin Luther und Johannes Bugenhagen hat er die pommersche Herzogsstadt Barth reformiert. In Kirchenakten ist er aber kaum bezeugt. Leider hat er auch keine eigenen Schriften hinterlassen. Niemand hat sich die Mühe gemacht, auch nur eine seiner Predigten aufzuzeichnen. So wäre Block heute vergessen, hätte er nach seinem Tode nicht seine Gelehrtenbibliothek der Barther Marienkirche überlassen. Glücklicherweise hat Block in seinen Büchern teilweise seine Lebensstationen und Berufe notiert. Sie verraten, dass er nicht nur in Pommern gewirkt, sondern auch zu den frühesten Wanderpredigern in Preußen, im Baltikum und in Finnland gehört hat.

Ein weiteres Glück war, dass Eisermann wusste, dass der Verfasser dieses Blog-Beitrags seit 20 Jahren an der Rekonstruktion von Blocks Bibliothek arbeitet. Ein kurzer Anruf, einige gepostete Bilder und eine Autopsie des Bandes brachten schnell Gewissheit: Die beiden Blocks waren identisch. Damit war aber auch ein guter Anlass entstanden, einen Block-Blog von der Staatsbibliothek Berlin aus zu schreiben. Immerhin hatte man gemeinsam das einzige Buch identifiziert, das von Blocks Prädikantenbibliothek außerhalb Barths erhalten geblieben ist.

„Zeig mir Deine Bücher – ich erzähl‘ Dein Leben!“

Diese Identifikation ist bedeutsam, weil Blocks Büchersammlung einen großen historischen Zeigewert hat. Sie ist eine der ganz wenigen intakten Privatbibliotheken der Lutherzeit und vermittelt wertvolle Einblicke in die Entstehung der evangelischen Bewegung im Ostseeraum. Aus ihr wird deutlich, wie auch fernab der Wittenberger „Zentrale“ evangelische Prädikanten am Werk waren, die als Leuchttürme des neuen Glaubens eigene Ideen von „Reformation“ prägten und verbreiteten.

Von dieser wertvollen Bibliothek, die von der Universitätsbibliothek Greifswald inzwischen digitalisiert wurde, sind heute noch 125 Bände erhalten. Sie überliefern, zum Teil in Sammelbänden, acht Handschriften, 50 Inkunabeln und über 220 Frühdrucke. Das ist eine stattliche Sammlung, die Anfang des 16. Jahrhunderts dem Bestand einer kleineren Klosterbibliothek entsprach. Als Berufsbibliothek war Blocks Büchersammlung sein wichtigstes Arbeitswerkzeug. Sie spiegelt, wie Block auf seiner Stellensuche von Stadt zu Stadt zog, wie er als Prädikant an Kirchen installiert wurde und wie er sich gegenüber Bettelmönchen und Weltgeistlichen auf dem „Markt der Frömmigkeit“ behaupten konnte – vor und nach seinem Übergang zur Reformation. Insofern bietet seine Predigerbibliothek einzigartige Einblicke in die Denk- und Arbeitsmuster der neuen, seit dem 15. Jahrhundert nachweisbaren Berufsgruppe der Prädikanten.

Predigerbibliothek des Johannes Block als Teil der Barther Kirchenbibliothek. Foto: Eva Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Blocks reisende Gelehrtenbibliothek bildet heute den wertvollsten Kern der 1398 erstmals erwähnten Barther Kirchenbibliothek. Sie befindet sich heute als separierter Bereich innerhalb des historischen Gesamtbestandes der Marienkirche von knapp 4000 Bänden. Diese ist die mutmaßlich älteste, am Ursprungsort enthaltene kirchliche Büchersammlung Deutschlands, wo die Bücher heute noch im gotischen Bibliotheksraum stehen, in dem die Geistlichen, Lehrer und Schüler des Mittelalters studiert und gearbeitet hatten.

St. Marien Barth, Wirkungsort Blocks als pommerscher Reformator (1534-1544/45). Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

In fast jedem von Blocks Büchern findet man Kauf- und Besitzvermerke von seiner Hand. Sie informieren über Ort und Zeit der Erwerbung, aber auch über die Kaufpreise. Dazu lassen sich vielfach Buchbinder, Sammlungskontexte (zumeist wurden mehrere Drucke in einen Band gebunden), Illuminatoren und Rubrikatoren sowie (über die handschriftlichen Anmerkungen) der Umgang Blocks mit seinen Büchern rekonstruieren. Man erhält so Auskunft über die Vertriebs- und Handelswege der Bücher und deren Verwendung. Erkennbar wird vor allem das Vertriebsnetz des Buchhandels, das sich im Falle Blocks von Italien, Südwestdeutschland und Frankreich, wo die Bücher zumeist gedruckt wurden, über Flandern, die Niederlande und das „Wendische Quartier“ der Hanse (zwischen Lübeck und Stettin) bis in den nördlichen Ostseeraum zieht, wo die Bücher schließlich illuminiert, gebunden und verkauft wurden.

Besitzvermerk des Kamminer Klerikers Johannes Block (Dorpat, 1514/20) in einer Predigtausgabe der Barther Kirchenbibliothek, 4° E 13, 1r. Foto: Eva Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Dramatisches Leben in einer Zeit des Umbruchs

Da Blocks Lebensweg den Handelswegen der deutschen Kaufleute im Ostseeraum folgte, wo er als Prediger wohl auch seine follower – d.h. seine Zuhörer und Anhänger – fand, lässt sich in kriminalistischer Kleinarbeit ein Geschichtspuzzle um den Wanderprediger aus Pommern zusammensetzen. Dabei bietet Blocks Prädikantenbibliothek ein von Aufbrüchen und Schicksalsschlägen gezeichnetes Lebensbild. Dieses ist beeindruckend und aufschlussreich zugleich, denn Lebensbrüche sind geradezu zum Signum der ersten Reformatorengeneration geworden – man denke nur an die großen Namen Martin Luther, Thomas Müntzer, Andreas Bodenstein (Karlstadt) und Huldrych Zwingli.

Folgen wir den Kauf- und Besitzvermerken in Blocks Büchern, so beginnt sein Lebensweg in Stolp (heute Slupsk/Polen) in Hinterpommern, wo er um 1470/80 geboren wurde. Im geistigen Umfeld des pommerschen Humanisten Bugenhagen kam Block in den 1490er-Jahren als junger Kaplan und Kleriker der Diözese Kammin (Cammin, heute Kamien Pomorski/Polen) mit dem niederländischen Schulhumanismus in Berührung – dem damals fortschrittlichsten Curriculum nördlich der Alpen. Danach zog er dann als gut ausgebildeter Prediger in Richtung der großen Handels- und Hansestädte im Osten. 1512-1513 ist er kurz in Danzig (heute Gdansk/Polen) bezeugt. Hier, auf der wichtigsten Drehscheibe des Ostseehandels, bemühte er sich erfolglos um eine Anstellung. Ab 1514 taucht er in der Hansestadt Dorpat (heute Tartu/Estland) auf. Diese Stadt bildete mit Riga und Reval (heute Tallinn/Estland) das Dreigestirn der großen, von deutschsprachigen Fernhändlern dominierten Handelsmetropolen in Livland.

Im Gebiet des heutigen Lett- und Estland lag in den 1520er-Jahren eine der religiösen „Boomregionen“ Europas. Die Christianisierung war in Livland später eingeführt worden als im Heiligen Römischen Reich, so dass die Saat Luthers hier auf fruchtbaren Boden gefallen war. Nicht wenige Wanderprediger erprobten hier, unterstützt durch die deutschsprachigen Kaufleute (vor allem die Gilden der „Schwarzhäupter“), die Reformideen aus Wittenberg. In den 1530er Jahren trug man den neuen Glauben dann wieder zurück nach Deutschland. Luther hat allerdings auch Gefahren der Verbreitung „seiner“ Reformation in Livland gesehen. Anfang der 1520er-Jahre schrieb er sorgenvolle Sendbriefe an den Magistrat von Riga, aus denen klar wird, dass er selbst den Einfluss Wittenbergs für begrenzt hielt. Sorge bereiteten Luther „Schwärmer“ wie der Wanderprediger Melchior Hofmann, ein Kürschner aus Schwäbisch Hall, der in Livland um 1525 mehrere Bilderstürme anzettelte, so dass man ihn in Wittenberg schnell wieder fallen ließ. Doch die tatsächlichen Zusammenhänge sind schwer zu beurteilen, da die Quellenlage – vor allem in Dorpat – desaströs ist. So waren Wissenschaftler aus Estland elektrisiert, als sie auf Blocks Predigerbibliothek aufmerksam wurden. Schnell war klar, dass die Lebensgeschichte dieses „stummen Predigers“ – nicht nur für Livland – einen missing link der frühen Reformationsgeschichte Europas darstellt.

Blocks Besitzvermerke zeigen, dass er erst in Livland wirklich Karriere machte. In Dorpat wurde er um 1520 als Prädikant an der Stadtpfarrirche St. Marien angestellt; gleichzeitig erhielt er eine Stelle als Prediger an der Kathedrale auf dem Domberg. Ungefähr zeitgleich trat Block unter dem Einfluss des Humanisten Erasmus von Rotterdam und des frühen Luther zur Reformation über. Das verraten seine in den Jahren 1518 bis 1524 erworbenen Bücher. Die Reformation kostete den Dorpater Prediger jedoch seine Existenz, denn im Chaos des Bildersturms von 1524/25 verlor er beide Predigerstellen. Block war offenbar zwischen die Mühlsteine des Stadtrats und des Dorpater Bischofs Johannes Blankenfeld geraten, der in Personalunion als (Erz-)Bischof von Riga, Reval und Dorpat einer der mächtigsten Herren Livlands war. Beide Akteure zerfleischten sich in ihrem Kampf um die politische Vorherrschaft in der Stadt mit ihrem riesigen Hinterland. Die Reformation, vor allem die Frage, wer den Klerus kontrollierte und von den materiellen Gütern der Kirche profitieren konnte, war zu einem Politikum geworden, über das auch der Dorpater Prediger Block stolperte – und schließlich fiel.

Schlosskirche in Wiburg/Südostfinnland, Wirkungsort Blocks 1528-1532. Foto: A. Savin (Wikimedia Commons). Lizenz: CC-BY-NC-ND (2.5)

Nach seiner Entlassung schien Blocks Karriere in Dorpat erst einmal beendet. Fünf Jahre hielt er noch in der konfessionell zerrissenen Stadt aus. In dieser Situation erreichte ihn ein Angebot des Grafen Johannes von Hoya – aus Finnland. Der Adelige residierte in der von deutschen Kaufleuten dominierten Handelsstadt Wiburg (Viipuri/Finnland, heute Wyborch/Russland) und suchte einen Prediger. Block schien ihm dafür der geeignete Mann gewesen zu sein. Ab 1528 diente er Hoya als erster evangelischer Prädikant, der in Finnland bezeugt ist. Vermutlich war er auch an der als „Kaderschmiede“ berühmten Wiburger Lateinschule tätig, wozu ihn seine Bücher sicherlich befähigten. Im Ankunftsjahr Blocks in Wiburg (1528) hatte der bisherige Schulrektor, der Däne Clemens Erasmi, die Stadt in Richtung der alten Bischofsstadt Turku (Abo) verlassen. Vermutlich hat ihn Block als Schulleiter ersetzt. Erasmi nahm seinen besten Schüler Michael Agricola mit, der später in Diensten des schwedischen Königs Gustav Wasa zum Reformator Finnlands werden sollte. Dass auch Block zur Gruppe der ersten Reformatoren Finnlands – wenn auch mit einer anderen Ausrichtung – zählte, war bislang unbekannt, denn auch hier sind die Quellen für die Zeit bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts rar.

Leider ereilte Block in Wiburg das gleiche Schicksal wie in Dorpat. Sein Dienstherr Hoya kontrollierte von seinen Festungen Savonlinna im mittelfinnischen Seengebiet und Wiburg an der Küste einen Machtbereich, der ganz Ostfinnland (Karelien) umfasste. In dieser Funktion war der Graf schon bald in das Fadenkreuz seines Schwagers (!) Gustav Wasa geraten. Der schwedische Regent nutzte die Reformation vom westfinnischen Turku aus für eine Expansionspolitik Richtung Osten aus. Dem stand der Wiburger Graf im Weg und somit wurde auch Blocks Lage prekär.

Geleitbrief von Graf Johannes von Hoya für seinen Prediger Johannes Block (Wiburg/Finnland, 15. August 1532). Riksarkivet Stockholm, Strödda historiska handligar 1a. Foto: Riksarkivet Stockholm. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Der Wiburger Prediger scheint die von der schwedischen Krone ausgehende Gefahr erkannt zu haben und reagierte geistesgegenwärtig: Ausgestattet mit einem Geleitbrief seines Dienstherren setzte er sich Mitte August 1532 in seine Heimat ab. Hoya hingegen musste dem politischen Druck nachgeben und ging 1533 nach Reval ins Exil. Block hingegen befand sich in seiner Heimat Pommern in relativer Sicherheit. Doch anerkannt war er noch keineswegs. Zu Beginn der Fastenzeit 1533 musste er seine erste reformatorische Predigt auf dem Friedhof des Hospitals St. Jürgen vor den Toren Barths abhalten, vor einer Zuhörerschaft aus Pestkranken und Tagelöhnern, die kein Bürgerrecht in der Stadt hatten. Mehr als eine derartige „Sondierungspredigt“ war vor Einführung der Fürstenreformation in Pommern kaum möglich.

Pestspital St. Jürgen bei Barth (um 1980), erster Wirkungsort Blocks als Prediger in Pommern (1533). Foto: Chron-Paul (Wikimedia Commons). Lizenz: CC-BY-SA (4.0)

Block riskierte es tatsächlich, noch einmal nach Finnland zurück zu gehen. Hier gelang es ihm, seine Frau (er hatte sie in Liv- oder Finnland geheiratet) aus dem zusammenbrechenden Wiburg heraus zu holen. Auch seine Büchersammlung, die zu diesem Zeitpunkt etwa 90 Bände umfasste, konnte Block evakuieren. 1534 war er wieder in Pommern, wo die Herzöge mit Bugenhagens Hilfe inzwischen die Reformation eingeführt hatten. Von der Barther Marienkirche aus diente Block der Fürstenreformation als oberster Prädikant und evangelischer Pastor bis zu seinem Tode (1544/45).

Das Buch der Staatsbibliothek kommt zu Wort

Wie lässt sich die Bedeutung des Berliner Bandes aus Blocks Bibliothek nun einordnen? Der Codex kann erst nach 1514 in seinen Besitz gekommen sein. In diesem Jahr stockte Block seine Kamminer Pfründe von 4 auf 80 Mark (!) jährlich auf, wie eine kürzlich in der Staatsbibliothek entdeckte Quelle belegt. Ferner wird Block im Berliner Band als Prediger Dorpats bezeichnet (die Passage predicator[is] T[arbatensis] ist am Ende durch Ausriss kaum lesbar), so dass er es vor seiner Entlassung um 1524/25 erworben haben muss.

Pründenvermerk des Kamminer Klerikers Johannes Block. Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Ms. boruss. fol. 97, 28r. Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Der Band mit den beiden Inkunabeln, den Block 1514/25 in Dorpat in einem soliden Holzdeckeleinband kaufte, war bereits „antiquarisch“, denn die beiden Drucke waren schon 40 bis 50 Jahre auf dem Markt. Block erwarb hier mit ‚De officiis‘ und den ‚Paradoxa stoicorum‘ zwei Lehrschriften des antiken Staatsmanns und Philosophen Cicero (Mainz, 1465), dazu den Fürstenspiegel ‚De regimine principum‘ des französischen Dominikaners Vinzenz von Beauvais (Rostock, 1477). Beide Ausgaben – Cicero wie Vinzenz von Beauvais – sind über die Digitalen Sammlungen der Berliner Staatsbibliothek zugänglich.

Der Buchschmuck ist – wie damals üblich – per Hand in die gedruckten „Rohlinge“ eingemalt. Der Verfasser dieses Blogs hat ähnliche Belege aus Stralsund gefunden, so dass der Band dort verkaufsfertig gemacht und mit den Livlandfahrern nach Dorpat exportiert worden sein dürfte. Hier fügte er sich in Blocks Bibliothek gut ein, die um 1515/20 vor allem aus humanistischer Gelehrten- und spezialisierter Predigtliteratur bestand. Blocks Umgang mit Cicero und Vinenz von Beauvais zeigt das Selbstbewusstsein des humanistischen Gelehrten, der schon in seiner Jugend Griechisch gelernt hatte und die griechischen Passagen in seinem Cicero lesen und verstehen konnte. Dazu glossierte er in Humanistenart den Text, indem er zwischen den Zeilen sprachliche Synonyme eintrug. Humanistisch sind auch seine Querverweise auf den Kirchenvater Augustinus und auf das historiographische Werk des in Deutschland damals populären Humanisten Enea Silvio Piccolomini.

Eingangsseite von Blocks Cicero-Druck von 1465. Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Inc. 1515,5, 1r. Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Ein Rätsel bleibt, wie und wann der Codex aus Barth nach Berlin gelangt ist. Laut Akzessionsvermerk und einem (ziemlich unsensibel) in die Eingangsinitiale gestempelten Besitzvermerk wurde der Band 1912 regulär von der Königlichen Bibliothek erworben. Die beiden wertvollen Inkunabeln – vor allem der berühmte Schöffer-Druck von 1465 – haben die Barther Kirchengemeinde wohl bewogen, den Band zu veräußern. Dass man damit auch ein Zeugnis der eigenen Vergangenheit verkaufte, war den damaligen Hütern der Kirchenbibliothek nicht bewusst. Auch deshalb ist man froh, dass der Band des „stummen Reformators“ aus Pommern in Berlin erhalten geblieben ist.

Ein wissenschaftlicher Katalog der rekonstruierten Bibliothek Blocks wird vom Verfasser dieses Blogs vorbereitet. Er soll im Herbst oder Winter 2017 bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig erscheinen. Dem Katalog beigegeben sind die Beiträge einer Fachtagung mit Geschichts-, Buch- und Reformationswissenschaftlern aus Deutschland, Finnland, Estland und der Schweiz, die im September 2015 am Barther Bibelzentrum stattfand. Zu anderen „Highlights“ der wertvollen Büchersammlung von St. Marien sei auf den Band „Einblicke: Bücher aus der Barther Kirchenbibliothek im Fokus“ verwiesen, der im vergangenen Jahr erschienen ist.

 

 

 

Badefreuden in der Straße von Gibraltar oder: Der Kaiser im Krebsgang

Das „Nonplusultra“ und der krönende Abschluss unseres Ausstellungs-Blogs: Das in unserer Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“ gezeigte Flugblatt gegen Karl V. wird enträtselt!

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer. Vorarbeiten: Eddie Zuber. Typ(en)beratung: Oliver Duntze.

Kaiser-Bashing in Wort und Bild

Porträt mit dem persönlichen Wappen Kaiser Karls V. und seiner Devise „PLVS VLTRA“ (immer weiter). Handschriftenabteilung. Lizenz CC-BY-NC-SA

Der kolorierte Holzschnitt des Flugblattes (unser Beitragsbild) gestaltet das persönliche Wappen Kaiser Karls V. (1500-1558) zur Herrscherkritik um: Die beiden Säulen des Herakles als Symbol für die beiden Felsenberge, die die Straße von Gibraltar einfassen und eigentlich die Grenzen der bewohnten Welt anzeigen, sind bis heute Teil des spanischen Wappens und werden von einem Schriftband mit der persönlichen Devise Karls V. umschlungen, der aus dem „Non Plus Ultra“ (wörtlich: nicht mehr weiter), das der Sage nach Herakles an den beiden Felsen angebracht hatte, ein „Plus Ultra“ bzw. hier „Plvs ovltre“ (immer weiter) gemacht hatte. Säulen und Schriftband beziehen sich auf das spanische Weltreich, in dem die Sonne nicht unterging. So drückte der Kaiser seinen Anspruch auf eine universelle Weltherrschaft aus.

Zwischen die Säulen aber, die sonst von dem spanischen Johannisadler gehalten werden, hat der unbekannte Künstler im Holzschnitt ein Kind gesetzt, das mit der kaiserlichen Krone und den Reichsinsignien ausgestattet ist und auf einem Krebs im wilden Meer reitet. Kann das gut gehen? Ein kindischer Herrscher auf einem Krebs, der bekanntermaßen rückwärts oder seitwärts, aber niemals vorwärts geht! Und so formuliert es ja schon die Überschrift des Flugblattes: „All mein fürnemen hand anfang.Recht wie der kreps verbringt sein gang“.

Mehr wäre fast nicht zu sagen, um die Meinung der Blattgestalter zu transportieren. Das Bild wird aber von einem dreispaltigen, meist paargereimten Text umschlossen, der noch einmal die Herrscherkritik deutlich macht. Der Ich-Erzähler schildert die Lage im Deutschen Reich als verheerend. In einer anschließenden Traumvision begegnet ihm das Kind des Holzschnitts, das sich als der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches herausstellt. Die darauf folgende Zeitklage wird angeführt von einem Zitat aus Prediger 10, 16-17:

Weh dir, Land, dessen König ein Kind ist, und dessen Fürsten in der Frühe speisen!
Wohl dir, Land, dessen König edel ist, und dessen Fürsten zu rechter Zeit speisen, zur Stärke und nicht zur Lust!

Dies, so der Sprecher, ist in Deutschland, wie im ganzen Heiligen Römischen Reich nicht mehr der Fall. Von der Kritik am Kaiser geht der Sprecher über zu einer Kritik an Papst Paul III. (1468-1549) und der katholischen Kirche, um mit einem Zitat aus Jesaja 38 in französischer Sprache zu enden, das Holbein der Jüngere benutzte, um in seinem Totentanzzyklus einen Kaiser als guten Herrscher zu charakterisieren, was hier als Warnung und Aufforderung zu verstehen ist:

De ta maison disposeras
Comme de ton bien transitoire,
Car la ou mort reposeras,
Serunt les chariotz de ta gloire.

Papst Paul III. Handschriftenabteilung. Lizenz CC-BY-NC-SA

Wann und wo entstand dieses Flugblatt?

Das Flugblatt mit dieser heftigen Zeitkritik ist anonym, ohne Ort und Jahr erschienen. Es gibt aber Möglichkeiten, es genauer zu datieren und räumlich zu verorten. Der Text legt nahe, dass es in einer Zeit gedruckt wurde, als Karl V. in Deutschland gegen die Protestanten Krieg zu führen begann. Die Schlacht bei Mühlberg, die in einer bitteren Niederlage des protestantischen Schmalkaldischen Bundes endete, fand 1547 statt, das Augsburger Interim wurde 1548 verabschiedet und Papst Paul III. war noch im Amt. Damit muss das Flugblatt vor seinem Tod am 10. November 1549 entstanden sein.

Untersucht man die verwendeten Drucktypen, so ergibt sich die Möglichkeit, das Blatt zu lokalisieren und die Datierung zu stützen. Als Drucker lässt sich vielleicht Hans Varnier aus Ulm ausmachen. Er druckte neben lokalen Druckerzeugnissen wie Verordnungen und Schulbüchern zwischen 1531 und 1561 auch Schriften religiöser Dissidenten und Schwärmer wie Sebastian Franck und Caspar Schwenckfeld. Darüber hinaus wurde ihm 1549 untersagt, Texte gegen das Interim zu drucken. In den späten 1550er Jahren wurde er sogar wegen des Vertriebs und Drucks eines antikatholischen Pasquills (Flug- bzw. Schmähschrift) in den Turm geworfen.

Hans Varnier wurde als Drucker eines 1546 ebenfalls unfirmiert, d.h. ohne Druckerangabe erschienenen Textes von Johann Schradin identifiziert, der „Expostulation, das ist Klage und Verweis Germaniae, des deutschen Landes, gegen Carolo Quinto“. Darin belauscht ein Sprecher-Ich die Germania bei ihrer großen Anklage gegen Kaiser Karl V. – und diese Attacke gegen Kaiser Karl V. ähnelt sehr der Kritik unseres Blattes.

Vermutlich also ist das Flugblatt bei Hans Varnier in Ulm zwischen 1546 und 1549 erschienen, vielleicht sogar erst nach dem 1548 als Reichsgesetz von Karl V. erlassenen Augsburger Interim, wenn man den Satz: „Wir wendt ehe liden Todtes pein / Ehe wir halten die satzung dein“ als Hinweis auf das Interims lesen will.

Dass die Urheber des Druckes sich für eine anonyme Herstellung entschieden, zeigt, dass es nicht ungefährlich war, Staat und Kirche, Kaiser und Papst auf diese Weise zu attackieren. Kind und Krebs beim Wasserspiel im kolorierten Holzschnitt bereiteten den zeitgenössischen Lesern vielleicht ebenso viel Vergnügen wie uns, hatten aber für sie noch eine ganz andere politisch-religiöse Dimension.

Verpassen Sie nicht den Besuch unserer Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda! Noch bis zum 2. April können Sie die 95 Objekte zur Reformationsgeschichte aus den Sammlungen der Staatsbibliothek im Original betrachten und die 95 (oder doch nur 87?) Thesen selbst nachzählen!

All mein fürnemen hand anfang. Recht wie der krepß verbringt sein gang.
[Ulm: Hans Varnier], [um 1548]. Handschriftenabteilung. Lizenz CC-BY-NC-SA

„Frische teutsche Liedlein“ mit der lautten compagney in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Sonntag, 2. April: Finissage „Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“ mit zwei Kurzkonzerten der lautten compagney BERLIN, 14 Uhr und 16.30 Uhr – freier Eintritt

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Am Sonntag, 2. April 2017, schließt um 18 Uhr die einzige Ausstellung, die alle drei im Jahr 1517 gedruckten Ausgaben der 95 Thesen Martin Luthers zur Klärung der Kraft der Ablässe zeigt.

Zur Finissage erklingen in der Staatsbibliothek Lieder aus der Zeit Martin Luthers – und das in höchster Qualität und mit freiem Eintritt. Das mehrfach ausgezeichnete Berliner Ensemble lautten compagney entwickelt zum diesjährigen Jubiläum ein speziell auf die Reformationszeit abgestimmtes Programm. In kleiner Besetzung – Tenor, Zink (Cornett), Gambe und Laute – spielt die lautten compagney am Sonntag in zwei Kurzkonzerten von je 35 Minuten „Frische teutsche Liedlein“. Zwischen den beiden Auftritten der lautten compagney wird um 15 Uhr durch die Ausstellung geführt. Gezeigt werden dabei auch die ersten lutherischen Gesangbücher wie das Achtliederbuch und die früheste Sammlung mehrstimmiger Luther-Choräle von Johann Walter sowie ein eigenhändiger Kompositionsversuch Martin Luthers zu seinem Vaterunserlied.

Johann Walters Gesangbüchlein, Stimmbuch für den Tenor. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

„Frische teutsche Liedlein“ – Lieder aus der Zeit Martin Luthers

In diesem Programm widmen sich der Tenor Robert Sellier und die Spezialisten der Alten Musik deutschen Tenorliedern. Mit dieser typisch deutschen Form der Renaissance lösten sich die Komponisten von den franko-flämischen Vorbildern und schufen Lieder, bei denen die Melodie nicht in der höchsten Stimme, sondern im Tenor liegt. Im Mittelpunkt stehen die Lieder von Ludwig Senfl (um 1490–1543). Zu hören sein werden außerdem Lieder von Heinrich Isaac (um 1450–1517) sowie Stücke aus der fünfteiligen Sammlung Frische teutsche Liedlein von dem Arzt, Komponisten und Liedersammler Georg Forster (um 1510–1568). Die lautten compagney und Robert Sellier laden mit viel Musizierfreude und sprühender Kreativität zu einer erfrischenden Reise in die Zeit der Reformation ein.

Wiederaufnahme der Ausstellung vom 24. bis 28. Mai 2017 zum Evangelischen Kirchentag

Die Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“ wird als Teil des Regionalen Kulturprogramms zum Evangelischen Kirchentag erneut zu sehen sein, dies vom 24. bis 28. Mai 2017. Bis dahin müssen die 95 herausragenden Objekte zur Reformationsbewegung aus konservatorischen Gründen in den Tresormagazinen ruhen, neben den Thesendrucken etwa die Prachtbibeln aus der Cranach-Werkstatt oder drastische antipäpstliche Flugblätter jener Zeit.

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„Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“
24. Mai – 28. Mai 2017: Mittwoch – Samstag 11 – 20 Uhr, Sonntag 11 – 18 Uhr
Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum, 10785 Berlin
Führungen täglich um 15 und 17 Uhr
Eintritt frei
Katalog 20 €, Faksimile vom Druck d. 95 Thesen 8 €, beide 25 €

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Blog zur Ausstellung

Wutbürger und Polygamisten – die Reformation radikalisiert sich

Eine faszinierende Bilderhandschrift erzählt in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“ über die „Kinderkrankheiten“ der Reformation.

Ein Beitrag von Kurt Heydeck.

„Hondert figuuren in teckeningh van dem opkomst begin en handel der voornamste eerste weederdopers tot haar sterven en ondergang“

Die querformatige Papierhandschrift Libr. pict. A 96 zeichnet in 100 Bildern Episoden aus dem Bauernkrieg (Bild 1-14) und vor allem die Ereignisse um die Wiedertäuferherrschft in Münster (Bild 15-100) nach. Beide Bewegungen aus der Anfangszeit der Reformation entzogen sich Luthers Lehre und verweigerten den Gehorsam gegen die weltliche Obrigkeit. An der Spitze standen charismatische Köpfe wie Thomas Müntzer (um 1489-1525) und Jan van Leiden (eigentlich Jan Beuckelszoon; 1509-1536), die diese radikalen Strömungen zumindest zeitweise erfolgreich machten. Zeitgenössische Einblattdrucke haben die hier dargestellten historischen Episoden bereits zuvor auch bildlich festgehalten; eine derart umfangreiche und zusammenhängende Abfolge von kommentierten Bildern, wie sie dieses Album präsentiert, ist jedoch einzigartig.

Bild 100: Initialen J.d.R. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Zeichner und Quellen der Bilderhandschrift

Unsere Hand-„Schrift“ besteht nur in geringem Maße tatsächlich aus Schrift, vielmehr aus gezeichneten und bräunlich lavierten Bildern, die Ende des ersten Viertels des 18. Jahrhunderts, etwa 1720, in den nördlichen Niederlanden entstanden sind. Ihr Urheber ist mit einiger Wahrscheinlichkeit Jan de Ridder (1665-1735), ein Zeichner und Kupferstecher, der vornehmlich in Amsterdam wirkte und seine Initialen in einer Bildbeschriftung auf dem letzten Blatt der Handschrift hinterließ. Doch es gibt eine direkte schriftliche Quelle, an der sich der Zeichner eng orientierte und aus der die Bildbeischriften meist wortwörtlich entnommen sind: das 1570 erschienene, auf zeitgenössischen Geschichtswerken beruhende Werk „De Wortel, den Oorspronck ende het Fundament der Weder-dooperen oft Herdooperen van onsen tijde“ (1565 bereits auf Französisch publiziert und 100 Jahre später noch ins Englische übersetzt) des niederländischen Reformators Guy de Brès (1522-1567). Über Auftraggeber, Anlass und Zweck für diese Zeichnungen, die ein Thema behandeln, das zum Zeitpunkt ihrer Entstehung immerhin fast 200 Jahre zurücklag, ist in der Forschung viel spekuliert worden, ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen. Umstritten ist auch, ob man sich dieses eher skizzenhafte und wenig kunstreich ausgeführte Album als eine Vorstufe für eine intensivere Ausarbeitung vorzustellen hat. Eine eigene Interpretation der Ereignisse aus der Perspektive des 18. Jahrhunderts entsprach jedenfalls nicht der Intention dieses Bildwerkes.

Das Täuferreich von Münster

Die Täuferbewegung, in deren religiös-ideologischem Zentrum die Ablehnung der Kindertaufe (deshalb auch „Wiedertäufer“) stand, breitete sich seit 1527 von der Schweiz kommend bis in den Norden Deutschlands und in die Niederlande aus. In den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts etablierten sich die Wiedertäufer auf der Flucht vor Verfolgung in Münster. 1534/1535 fand diese Bewegung im gewalttätigen Regime des Täuferreichs von Münster eine besonders brutale Ausformung. Ihr nicht minder blutiges Ende nahm die Täuferherrschaft mit der Erstürmung der Stadt durch Fürstbischof Franz von Waldeck im Juni 1535. Zu diesem Zeitpunkt waren die Täufer für Martin Luther, der sich zuvor mit der täuferischen Theologie intensiv auseinandergesetzt hatte, nur noch Aufrührer und Sektierer, die es mit aller Härte zu bestrafen galt.

Visuelles Storytelling des frühen 18. Jahrhunderts

Bild 2: Thomas Müntzers begeistert als Prediger. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 14: Thoms Müntzer wird – nach der Niederlage bei Frankenhausen – am 27. Mai 1525 vor den Toren der Stadt Mühlhausen öffentlich hingerichtet. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 27: Die niederländischen Täufer gewinnen dank wortgewaltiger Unterstützer unter den Einheimischen die Macht in der Stadt Münster, bekehren die einen zum neuen Glauben und treiben die Verweigerer ins Exil. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 29: Das Täuferreich wird durch den radikalen Umbau der städtischen Strukturen trotz des stärker werdenden äußeren Drucks am Leben erhalten: Hier wird eine an die Jerusalemer Urgemeinde angelehnte Gütergemeinschaft (und damit die Einziehung des Privateigentums) durchgeführt; außerdem schaffte man den alten Rat der Stadt ab und verbrannte das Stadtarchiv. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 40: Die Täufer können sich der Belagerung durch die Truppen des Münsteraner Bischofs Franz von Waldeck zunächst widersetzen. Durch diese  militärischen Erfolge kann der Gastwirt und Bordellbetreiber Jan van Leiden, der ursprünglich in der zweiten Reihe des Führungspersonals der niederländischen Täufer gestanden hatte,  seinen Führungsanspruch festigen Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 49: Jan van Leiden lässt sich zum König ausrufen und führt schließlich die mit alttestamentarischen Vorbildern begründete Vielehe ein, bei der er den Männern mehrere Frauen zuweist. In diesem – der lutherischen Aufwertung der Ehe diametral entgegengesetzten – Punkt regt sich auch bei einigen Männern Widerstand, der brutal unterdrückt wird. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 74: Verfehlungen und Ungehoprsam werden von Jan van Leiden rücksichtslos geahndet; so richtet er hier seine Ehefrau Elise selbst mit dem Schwert hin. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 80: Der Belagerungsring um die Stadt führt zu einer Hungersnot, die zu Kannibalismus und anderen grotesken Szenen der Nahrungsbeschaffung führt; Vorboten des nahenden Untergangs. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Bild 92:  Die nach der blutigen Eroberung der Stadt durch Fürstbischof Franz von Waldeck zunächst am Leben gelassenen Anführer der Täufer Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling werden zunächst ein halbes Jahr lang herumgezeigt und „befragt“. Im Januar 1536 verurteilt man sie zum Tode und foltert sie zu Füßen der Münsteraner Lambertikirche zu Tode. Hier wird der „König“ Jan van Leiden mit glühenden Zangen traktiert. Die drei Leichen hängt man anschließend zur Abschreickung in eigentlich für den Gefangenentransport verwendeten eisernen Körben am Turm der Lambertikirche auf (unser Beitragsbild), wo die Körbe bis heute zu sehen sind. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie noch bis zum 2. April die Bildergeschichte des Täuferreiches sowie weitere spannende Objekte zu den propagandistischen Auseinandersetzungen der Reformationszeit im Original betrachten!

 

Bibliophilie und Landadel in Thüringen – die Ebeleben-Bibel

Von Lucas Cranach d. J. gestaltete vierbändige Pergamentbibel von 1561/1562 in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Familienporträts aus dem 2. bis 4. Band der Ebeleben-Bibel. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luther-Porträt, Lutherrose und Wappen der Familien Ebeleben und Carlowitz. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Einmalig ist diese von Lucas Cranach d. J. gestaltete Pergamentbibel nicht zuletzt durch ihren Auftraggeber, der als einfacher Landadliger keineswegs dem Hochadel angehörte und sich dennoch eine derart hochpreisige bibliophile Kostbarkeit leistete. Nikolaus von Ebeleben stammte aus dem thüringischen Ebeleben bei Sondershausen und war mit Margarethe von Carlowitz verheiratet. Er studierte in Erfurt und Leipzig, unternahm Bildungsreisen nach Paris und Bologna. 1549 wurde er Domherr in Meißen, 1552 stand er in kurfürstlich sächsischen Diensten als Gesandter in Böhmen, 1568-1574 war er Amtshauptmann in Sangerhausen. 1563 erwarb Ebeleben das Gut Balgstedt bei Freyburg an der Unstrut. 1579 verstarb er hoch verschuldet als Domherr in Merseburg.

Ebeleben besaß eine kostbare Büchersammlung von ca. 400 Werken, meist in wertvollen Einbänden. Nach seinem Tod wurde seine Bibliothek durch den Buchbinder Marcus Bachmann aus Merseburg und den Buchhändler Jacob Apel aus Leipzig (gest. 1584) verzeichnet und taxiert. Ein Großteil des Buchbesitzes gelangte nach Leipzig an den in Auerbach geborenen Juristen Johann Stromer (1526-1607) und wurde anschließend weiter verkauft. Die vierbändige Pergamentbibel erwarb der Kurfürst von Brandenburg. Damit gehörte diese besondere Bibel mit großer Wahrscheinlichkeit bereits zum Gründungsbestand der Kurfürstlichen Bibliothek.

Datierung und Schlangensignet auf dem Luther-Porträt. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Nur drei Exemplare der 1561 auf Pergament gedruckten Bibel aus der Offizin des Wittenberger Druckers Hans Lufft sind heute noch bekannt. Die beiden anderen Exemplare hatten fürstliche Auftraggeber und besitzen Widmungsbilder Sigismunds von Brandenburg und Albrechts von Preußen.

Das Berliner Exemplar enthält im ersten Band ein Porträt Martin Luthers mit einer elaborierten Darstellung der Lutherrose (diese besondere Lutherrose ist auch das Erkennungszeichen für unseren Ausstellungs-Blog), die Bände 2 bis 4 sind dagegen mit Familienporträts und den Familienwappen von Ebeleben und Carlowitz geschmückt: Hier finden sich die einzigen bekannten Bildnisse des Nikolaus von Ebeleben, seiner Frau und drei ihrer Kinder.

Nur das Luther-Porträt ist datiert und signiert: über der linken Schulter findet sich in Gold die Jahreszahl 1562 und das berühmte Cranach’sche Schlangensignet mit angewinkelten Flügeln.

Im Schriftfeld unter dem Luther-Porträt ist ein lateinisches Lobgedicht auf den Reformator eingetragen, der wohl von dem Dichter und Altertumskundler Georg Fabricius (1516-1571) stammt:

Inter Theologos est gloria prima Lutherus,
Nam Christi merito nemo magis tribuit.
Huic par est nullus: placeat, non deneger eius,
Discipulus: cui laus contigit ista, sat est.

Eine bereits im 16. Jahrhundert kursierende deutsche Übersetzung dazu lautet:

Der Mann Gottes Lutherus ist/
Und bleibt gewiß zu jeder Frist/
Unter der Theologen Schar
Der best/ Ja ein Kron fürwar.
Denn er dem Verdienst Jesu Christ
Am meisten eignet und zumißt.
Seins gleich nicht ist/ Wer ihm nachschlägt/
Und Christum/ gleich wie er/ fürträgt/
Hat Lobs genug/ denn er gewiß
Lutheri rechter Jünger ist.

Schriftfeld unter dem Luther-Porträt. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das Bild der Lutherrose ist mit zwei Schriftfeldern zum Thema „Freude und Trauer“ ausgestattet, über der Rose findet sich zunächst eine Art lateinisches Wappengedicht zu den Symbolen des Kreuzes, der Rose und des Herzens und den stets mit Trauer vermischten Freuden des Lebens. Im Schriftfeld unter der Rose steht zunächst ein in den Tischreden überlieferter lateinischer Spruch Martin Luthers, gefolgt von einem deutschen Gedicht:

Schriftfeld unter der Lutherrose. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

In luctu gaudium: in gaudio luctus:
Gaudium in Domino: lugendum in nobis.
(In Trauren Freud, In Freuden Trauren; Fröhlich im Herrn, Traurig in uns seyn).

Sünden meidenn Ist einn Schrein,
Gedult inn Leidenn leg darein,
Wolthat vor arges thu – Das zu
Trost Inn armut, nun Schleuß zu.

Luther selbst liefert in einem Brief an den Nürnberger Ratsherrn Lazarus Spengler (8. Juli 1530) eine detaillierte Interpretation der Symbolik der Lutherrose als „Merkzeichen“ seiner Theologie (WA BR 5, Nr. 1628):

„Das erst sollt ein Kreuz sein, schwarz im Herzen, das seine natürliche Farbe hätte, damit ich mir selbst Erinnerung gäbe, daß der Glaube an den Gekreuzigten uns selig machet. Denn so man von Herzen glaubt, wird man gerecht. Ob’s nun wohl ein schwarz Kreuz ist, mortifizieret und soll auch wehe tun, dennoch läßt es das Herz in seiner Farbe, verderbt die Natur nicht, das ist, es tötet nicht, sondern erhält lebendig …
Solch Herz aber soll mitten in einer weißen Rosen stehen, anzuzeigen, daß der Glaube Freude, Trost und Friede gibt, darum soll die Rose weiß und nicht rot sein; denn weiße Farbe ist der Geister und aller Engel Farbe. Solche Rose stehet im himmelfarben Felde, daß solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlische Freude zukünftig, jetzt wohl schon drinnen begriffen und durch Hoffnung gefasset, aber noch nicht offenbar. Und in solch Feld einen goldenen Ring, daß solch Seligkeit im Himmel ewig währet und kein Ende hat und auch köstlich über alle Freude und Güter, wie das Gold das höchste, köstlichste Erz ist.“

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie diese prächtige thüringische Familienbibel zusammen mit vielen weiteren Objekten zur Entstehung und Verbreitung der Luther-Bibel noch bis zum 2.4.2017 in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen und dort auch die bereits seit 1524 belegte Verwendung der Lutherrose als Schutzmarke für die Wittenberger Lutherdrucke nachvollziehen. Und Sie können die 1541 gedruckte und von Lucas Cranach d. J. für den Fürsten Johann IV. von Anhalt gestaltete Pergamentbibel bestaunen!

 

Gott Vater, Jesus Christus und Martin Luther – die neue Dreifaltigkeit

Ein handkoloriertes propagandistisches Flugblatt aus dem Kampf gegen das Interim in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer.

Die drei Köpfe des Ungeheuers

Der detailreiche Holzschnitt zeigt den auferstandenen Christus in Siegespose, der das Böse ‑ dargestellt als dreiköpfiger Drache ‑ bezwingt. Hinter ihm das himmlische Jerusalem auf der einen und Golgatha mit dem Kreuzigungsort auf der anderen Seite. Aus einer Wolke am oberen linken Rand spricht Gott Vater: „Dis ist mein lieber Son an welchem ich wolgefallen hab Den Sollt Ihr Hören“ (Matthaeus 17,5).

Ein Andachtsbild? Die Größe des Blattes und die reiche Ausstattung scheinen dafür zu sprechen. Aber genau das ist es nicht! Es ist ein Propagandaflugblatt reinsten Wassers. Selten sind Flugblätter so prachtvoll gestaltet. Aber auch dieses Blatt diente, wie alle Flugblätter, der schnellen Verbreitung aktueller Nachrichten und Meinungen. Es wurde von fliegenden Händlern verkauft, im Wirtshaus oder auf dem Marktplatz angeschlagen, angesehen, vorgelesen und diskutiert.

Beim näheren Hinsehen kann man zwei der drei Köpfe des besiegten Drachen gut zuordnen: dem Papstkopf mit Tiara entströmt ein Sprechstrom mit allen Ausgeburten der Hölle, daneben steht der turbangeschmückte Türkenkopf – beides Erzfeinde des Protestantismus. Der dritte Kopf aber hat ein Engelsgesicht und dazu eine Textwolke, die mit Referenz auf 2. Korinther 11-15 sagt „der Teufel kumpt in einer gstalt eins engels“. Im Zusammenhang mit dem Eingangstext – „Gehorch der himmelischen Stim und frag nicht nach dem Interim“ – wird damit deutlich, dass wir es mit einer Anspielung auf das Augsburger Interim von 1548 zu tun haben, das hier als Engelskopf dargestellt wird. Der Drache ist ein Interimsdrache, und wir sind mitten in der ersten heftigen Kontroverse zwischen den Wittenberger Protestanten nach dem Tode Luthers.

Kaiser Karl V. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Karl V. erlässt ein Reichsgesetz – das „Augsburger Interim“

Nach dem Sieg über den Schmalkaldischen Bund 1547 hatte sich Karl V. zwar einer Schändung des Luthergrabs in Wittenberg enthalten. Er hatte aber ein Jahr später den Versuch unternommen mit Hilfe eines Reichsgesetzes, des sogenannten Augsburger Interims, die kirchlichen Konflikte bis zur – erhofften – Wiedereingliederung der Protestanten unter das Dach der katholischen Kirche im Rahmen eines allgemeinen Konzils zu regeln. Die 26 Artikel des Interims behandelten die Auslegung der christlichen Lehre. Zum Teil flossen darin die früheren Kompromisse der diversen Religionsgespräche ein. Die kirchenrechtlichen, theologischen und politischen Zusammenhänge sind hoch komplex.

Worauf es schließlich hinauslief, war vor allem die weitgehende Wiederherstellung der Kultordnung der katholischen Kirche verbunden mit einem vom Papst in Aussicht gestellten Dispens, der den Laienkelch und die Priesterehe bei den Protestanten ermöglichte. Von einigen Protestanten um Philipp Melanchthon (Philippisten) wurde das Interim akzeptiert. Sie ließen sich achselzuckend auf diese „Adiaphora“, diese Nebensächlichkeiten wie Hochaltäre, Messgewänder und Stundengebete ohne Glaubensrelevanz, ein. Von anderen aber, den Genesiolutheranern, die sich dem Erbe Martin Luthers in allen Teilen stark verpflichtet fühlten, wurde der im Interim geschlossene Kompromiss wüst bekämpft. Die Durchsetzung des Interims gelang nicht. Die wenigsten Katholiken und Protestanten konnten sich mit dem Reichsgesetz anfreunden, ja, sprachen dem Kaiser die Kompetenz ab, Glaubensfragen zu regeln. Schlimmer noch: das Gesetz trieb einen ersten Keil zwischen die protestantischen Theologen.

Matthias Flacius Illyricus. Von Tobias Stimmer 1590. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Protest gegen das Interim

Dort wo das Interim politisch durchgesetzt werden sollte, flohen die Pfarrer: nach England wie Martin Bucer, aber vor allem nach Magdeburg, das zur publizistischen Hochburg, zur „Herrgotts Kanzlei“ der Interimsgegner wurde. Zu diesen zählte auch der Autor des hier vorgestellten Blattes Erasmus Alber (1500-1553), ein Schüler Luthers, Theologe, Kirchenlieddichter und Satiriker, der sich mit Nikolaus von Amsdorf (1483-1565) und Matthias Flacius Illyricus (1520-1575) in der Zeit zwischen 1548-1551/2 ganz dem Kampf gegen das Interim und die abtrünnigen protestantischen Theologen widmete.

So auch in diesem Flugblatt: Den Einsetzungsworten Gottes im oberen Bildteil, die das lutherische „Solo Christo“ – „Allein durch Christus“ darstellen, folgen jetzt die Einsetzungsworte von Jesus Christus für seinen Nachfolger auf Erden: Martin Luther: „ … große Lieb hat mich bezwungen, zu senden einen Mann auf Erden, durch den die Welt bekehrt soll werden. Martin Luther ist der Mann, der hat gesungen wie ein Schwan ein süss‘ Gesang im Sachsen Land, dadurch wart ich der Welt bekannt. …“ In Analogie kann man hier ein „Allein durch Martin Luther“ weiterdenken. Die folgenden Worte machen dies deutlich, wenn sie argumentieren, dass nach dem Widerchrist (dem Papst) auch das „Interim“ als Anfechtung für den aufrechten Christen gesehen werden muss. Der Autor, seine Aufenthaltsdauer in Magdeburg und der Text geben die Möglichkeit, das Blatt als einen in Magdeburg 1548/51 entstandenen Druck zu identifizieren.

Matthias Flacius Illyricus: Ein gesicht Phil. zu Regensburg anno 1541 Gesehen, Welches bedeutet die folgende Malerey und vergleichunge Christi und Beliall, sonderlich das jtzige Samaritisch Interim, dadurch ein Samaritische Confusion der waren und falschen Religion angericht wirt. (Folgt eine Abbildung, Hyena genannt.). Wittenberg (eigentlich Jena): nach 1548. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Darstellung des Interims als Drachen oder Monster ist auf etlichen Flugblättern präsent, so als Hyäne (Hyena) auf einem früheren Flugblatt, das wohl in Jena entstand und Matthias Flacius Illyricus zugeschrieben wird, sowie auf einem weiteren aus seiner Feder stammenden Flugblatt aus Magdeburg. Darüber hinaus gibt es in Magdeburger Drucken etliche Titelillustrationen, ja sogar Münzen und Leuchter, die den Interimsdrachen als Gefahr für die reine lutherische Lehre zeigen.

Matthias Flacius Illyricus: Der unschüldigen Adiaphoristen Chorrock, darüber sich die unruhige und Störrische Stoici mit jhnen zancken. Magdeburg: Pankratz Kempff 1550. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie dieses eindrucksvolle Propagandaflugblatt zusammen mit vielen anderen spektakulären Zeugnissen der konfessionellen und politischen Auseinandersetzungen vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen.

Erasmus Alber: Also spricht Gott/ Dis ist mein lieber Son … (Magdeburg nach 1548). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

„… im Herzen unsere täglichen Mörder und blutdürstigen Feinde“ – Martin Luther und die Juden

Martin Luthers antijüdisches Pamphlet „Von den Juden und ihren Lügen“ in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Andreas Wittenberg.

St. Andreas-Kirche in Eisleben um 1800. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die letzte Reise in seinem Leben führte Martin Luther nach Eisleben. Der wichtigste Grund für diese beschwerliche Fahrt des von Alter und Krankheit bereits schwer gezeichneten Reformators bestand in der Schlichtung von Erbschaftsfragen der untereinander zerstrittenen Mansfelder Grafen. Doch Luther wollte den Besuch in seiner Geburtsstadt auch noch anders nutzen. In einem Brief an seine Frau vom 1. Februar 1546 ist zu lesen, er müsse sich, sobald der Streit der Grafen beigelegt sei, „daran legen, die Juden [aus der Grafschaft Mansfeld] zu vertreiben.“ Es verwundert also nicht, dass Luther in seinen letzten Predigten, die er in der St. Andreas-Kirche zu Eisleben hielt, auch die Besonderheiten des christlichen Glaubens im Unterschied zu den Religionen von „Juden und Türken“ thematisierte.

Luthers Einstellung zum Judentum war im Verlauf seines Lebens nicht stringent und veränderte sich innerhalb von zwei Jahrzehnten grundlegend. Vertrat er noch 1523 die bedingungslose Duldung von Juden inmitten einer christlichen Umwelt, so forderte er zwanzig Jahre später deren Vertreibung aus den christlichen Ländern Europas. Seine Polemik gipfelte in den judenfeindlichen Schriften, die ab 1543 erschienen.

Victor von Karben: Juden Büchlein (Ausgabe 1550). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Während seiner gesamten theologischen Wirkungszeit kam Luther durch das Studium exegetischer Kommentare, die Ausarbeitung von Predigten, das Schreiben von Briefen und vor allem durch seine thematischen Schriften und die Übersetzung des Alten Testaments mit dem Judentum in Berührung. Persönliche Kontakte mit Vertretern dieses Glaubens hatte er allerdings nur wenige. Umso gegenwärtiger waren in dieser Zeit die stereotypen Anschuldigungen, mit denen die Juden konfrontiert wurden und die durch den Buchdruck schnelle und weite Verbreitung fanden. So erschien bereits 1508 in Köln das Juden Büchlein des Victor von Karben, eines zum katholischen Glauben konvertierten Juden und späteren Priesters, der die jüdischen Lebensumstände und Bräuche in Hinblick auf eine „Bekehrung“ beschrieb.

1530 veröffentlichte Antonius Margaritha, ebenfalls ein zum Christentum konvertierter Jude, das Buch Der gantz Jüdisch Glaub. Darin wurden die Zeremonien und Bräuche des Judentums angegriffen. Der Autor schrieb von Wucher und Faulheit und schmähte das jüdische messianische Verständnis.

Antonius Margaritha: Der gantz Jüdisch Glaub (Ausgabe Frankfurt/M., 1544). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Neben Anklagen wegen Hostienschändung, Brunnenvergiftung und Ritualmordes war vor allem die schon alte und weitverbreitete Meinung, die Verfolgung der Juden wäre die Strafe Gottes für die Kreuzigung Christi, im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation bereits seit dem 12./13. Jahrhundert Grundlage für die sogenannte Kammerknechtschaft. Diese gewährte den Juden zwar einerseits einen gewissen Schutz, verlangte aber andererseits dafür die Zahlung von Geld. Im Zuge der Entstehung früher Territorialstaaten wurde dieses Recht an die Landesherren weitergegeben und für diese zu einer nicht unbedeutenden Einnahmequelle. Sozial und ökonomisch waren die Juden auch deshalb isoliert, weil ihnen in den Städten der Zugang zu den christlich geprägten Handwerkszünften bzw. auf dem Lande in der Regel der Erwerb von Grundbesitz verwehrt wurde. Oft blieb als einzig mögliche  Erwerbsquelle nur der Waren- und Geldhandel, zumal für einen Christen noch lange Zeit jede über den geliehenen Betrag hinausgehende Zinsforderung als Sünde galt. Doch gerade diese Tätigkeit brachte wiederum Anfeindungen hervor.

In den Vorlesungen der Jahre 1513/1516 übernahm Luther noch einen Teil der bekannten Vorwürfe. Doch diese Sicht änderte sich und in seiner Schrift aus dem Jahr 1523 Das Jhesus Christus eyn geborner Jude sey bezeichnete er Päpste, Bischöfe, Mönche und Sophisten als grobe Eselsköpfe und Tölpel und gab ihnen die Schuld daran, dass sich die Juden so ablehnend gegenüber dem Christentum verhielten. Die Einstellung des jungen Luther, die ihm von seinen Zeitgenossen den Vorwurf eines zu nachsichtigen Umgangs mit dem Judentum einbrachte, war aber auch zu dieser Zeit nicht frei von Vorurteilen und Widersprüchen.

Luth. 795<bis>: Luth. 3303<ter>, 50 MA 7728 R

Martin Luther: Ein Sermon von dem Wucher (Ausgabe Leipzig 1520), Das Jhesus Christus eyn geborner Jude sey. (Ausgabe Wittenberg 1523), Von den Juden und ihre Lügen (2. Ausgabe Wittenberg 1543). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Einige Jahre später begann sich Luthers Einstellung erneut zu ändern. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass sich seine Hoffnungen, mit der Schrift von 1523 den Juden den durch die Reformation neu gefundenen Christusglauben näher bringen zu können, nicht erfüllt hatten. Luther zog aus dieser „Verweigerung“ den Schluss, die Juden würden auch weiterhin unter dem Zorn Gottes stehen. In den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts scheinen auch einige persönliche Erfahrungen mit jüdischen Zeitgenossen das negative Bild Luthers weiter verfestigt zu haben. So hatte die jüngste Schwester Hartmut von Cronbergs, einem Anhänger der Reformation, heimlich einen Juden geheiratet, der bereits Frau und Kinder hatte. Während eines zeitweiligen Aufenthalts in Wittenberg stand Luther, der die Hintergründe noch nicht kannte, für ein neugeborenes Kind Pate. Nachdem die Familie die Stadt wieder verlassen hatte, wurde der Mann von Verwandten der Frau erstochen. Luther, inzwischen besser informiert, nahm an dieser Selbstjustiz – wie aus Briefen hervorgeht – offenbar keinen Anstoß. Auch in der Überlieferung der lutherischen Tischreden häufen sich nun judenfeindliche Äußerungen. Verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle, u. a. eigene Erfahrungen aus den direkten Begegnungen, ihm mündlich zugetragene Nachrichten sowie persönliche Enttäuschungen und Ängste vor Anschlägen auf sein Leben. Möglicherweise auch der Umstand, dass die Zahl der Juden im mitteldeutschen Raum zu dieser Zeit angestiegen war, weil sie aus anderen europäischen Ländern vertrieben wurden. Ein Vorgehen, das auch Ersamus von Rotterdam, einer der führenden Humanisten der damaligen Zeit, ausdrücklich befürwortete.

Zeitgenössischer Sammelband mit antijüdischen Drucken, Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das in der Lutherausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin gezeigte Exemplar der Schrift Von den Juden und ihren Lügen ist Teil eines offenbar gezielt zum Thema Judentum zusammengestellten zeitgenössischen Sammelbandes, der neben Luthers antijüdischer Schrift Vom Schem Hamphoras auch Margarithas Der gantz Jüdisch Glaub enthält.

Theologisch ordnete Luther das Judentum als Gesetzesreligion ein, sah es schon deshalb mit kritischem Blick, weil es seinem Grundsatz der Rechtfertigung des Menschen allein durch die Gnade Gottes nicht entsprach. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner späten Judenschriften lag eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Alten Testament hinter ihm, jedes Wort hatte er nicht nur im hebräischen Originaltext gelesen, sondern es auch in die deutsche Sprache übertragen. Es ging ihm dabei stets auch um die alttestamentliche Verheißung vom Erscheinen des Messias, die bereits Abraham erhalten hatte und die durch die Propheten gegenüber dem Volke Israel erneuert worden war – der aber bei seinem Erscheinen dann von diesem nicht erkannt wurde. Auch aus dieser Sichtweise erwuchs, in Verbindung mit einer zunehmenden eschatologischen Weltsicht, die Schärfe der antijüdischen Polemik des „späten“ Luther. Hatte er 1523 noch ausdrücklich zurückgewiesen, dass die Juden christliche Kinder töten würden, nahm er diese – und andere Anschuldigungen – 1543 auf. Er stellte die Kammerknechtschaft nicht nur in Frage, sondern forderte die Herrschenden direkt dazu auf kein Geld mehr anzunehmen, da dieses vorher ihren christlichen Untertanen abgepresst worden sei. Der umfangreiche Katalog an „Maßnahmen“, die er der Obrigkeit für den „Kampf gegen die Juden“ empfahl, reichte vom Verbrennen der Synagogen über die Zerstörung der Wohnhäuser und den Einzug des Eigentums sowie der Beschlagnahme der jüdischen Bücher bis hin zur Forderung nach einer generellen Vertreibung aus Deutschland.

Die Haltung Luthers zu den Juden – die heute so unverständlich wie erschreckend wirkt – war zu Lebzeiten des Reformators nicht ungewöhnlich, seine Umgebung teilte weitgehend diese Meinung. Er war der wohl einflussreichste Autor zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum des 16. Jahrhunderts. Die Wahl seiner Sprache, die auch eine direkte Dämonisierung einschloss, war jedoch nicht beispiellos und begegnet so extrem auch bei anderen Themen. Ähnlich scharf griff er andere Gegner an, sei es die Papstkirche, einzelne Personen oder die Türken und Schwärmer.  Doch in der Auseinandersetzung mit den Juden gab es noch einen anderen Aspekt. Die Schrift Von den Juden und ihren Lügen zeigt, dass das früher so unerschütterliche Vertrauen Luthers auf die alleinige Kraft des göttlichen Wortes hier versagte.

So bleibt auch im 500. Jahr der Reformation die Erkenntnis, dass Martin Luther – trotz all seiner Verdienste – weder ein Heiliger noch ein Idol war, sondern schlicht ein Mensch, der sich auch fatal irren konnte.

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie diesen Sammelband mit antijüdischen Drucken zusammen mit vielen anderen spektakulären Zeugnissen der Reformationszeit vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen.

 

Luther und die Abrafaxe – die Reformation im „dienstältesten“ deutschen Comic

Aktuelle Comics zum Reformationsjubiläum in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Carola Pohlmann.

Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 488. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016

Von den Digedags zu den Abrafaxen – das „Mosaik“

Das „Mosaik“ ist die älteste noch erscheinende Comiczeitschrift deutscher Produktion. Sie entstand 1955 in Ostberlin nach einer Idee von Hannes Hegen (d.i. Johannes Eduard Hegenbarth, 1925-2014).  Bis 1959 wurde das „Mosaik“ im Verlag Neues Leben herausgegeben, vom Jahrgang 1960 an erschien es im Verlag Junge Welt. Die Helden der Zeitschrift waren die drei koboldartigen Figuren Dig, Dag und Digedag, die sich frei in Raum und Zeit bewegen konnten und Abenteuer in unterschiedlichen Epochen der Menschheitsgeschichte erlebten.  Besonders berühmt wurden zwei Serien des „Mosaiks“ – die Ritter-Runkel-Serie und die Amerika-Serie. Die Geschichten um den ehrgeizigen und tollpatschigen Ritter umfassen 62 Hefte und erschienen von Mai 1964 bis Juni 1969, die Amerika-Serie wurde als sechste Hauptserie der Zeitschrift von Juli 1969 bis Juni 1974 veröffentlicht. Nach einem Streit mit dem Verlag Junge Welt kündigte Hannes Hegen Ende 1974 seinen Vertrag und schied aus dem Mosaik-Kollektiv aus. Der Textautor Lothar Dräger (1927-2016) schuf mit den Abrafaxen ein an den Digedags orientiertes neues Konzept, nach dem seit 1976 Comics veröffentlicht werden. Ein wichtiger Garant für die künstlerische Qualität war die Zeichnerin Lona Rietschel (geb. 1933), die seit 1960 fest beim „Mosaik“ angestellt war und bis 1999 regelmäßig für die Zeitschrift arbeitete. Die Abrafaxe haben selbst die durch die Wende verursachten Verwerfungen im DDR-Verlagswesen unbeschadet überstanden: Nachdem 1991 der Verlag Junge Welt durch die Treuhandanstalt liquidiert wurde, übernahm zunächst die Procom Gesellschaft für Kommunikation und Marketing die Herausgabe der Zeitschrift, seit 1992 wird sie im Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag in Berlin verlegt.

Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 486. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016

Dank Brabax werden Luthers geplante 478 Thesen auf 95 gekürzt

Die aktuelle Reihe, beginnend mit Heft 483 (März 2016), ist dem Thema Reformation gewidmet. Abrax, Brabax und Califax reisen im Jahr 1517 durch Kursachsen und treffen dort bedeutende historische Persönlichkeiten wie Martin Luther, Thomas Müntzer, Lucas Cranach und Philipp Melanchthon. Gemäß der Ausrichtung des „Mosaiks“ „Geschichte von unten“ zu erzählen, setzen sie sich für soziale Gerechtigkeit ein und werden zu wichtigen Inspiratoren reformatorischer Ideen. So hat Brabax als Adlatus von Martin Luther entscheidenden Anteil an der Abfassung der Thesen, indem er Luther davon überzeugt, statt der angeblich ursprünglich geplanten 478 Thesen lediglich 95 zu veröffentlichen. Abrax und Califax leben während ihres Aufenthalts in Wittenberg bei Lucas Cranach d. Ä. und machen sich im Haushalt der Familie nützlich, wo immer wieder die Spuren der Verwüstungen zu beseitigen sind, die der kleine, stets zu Streichen aufgelegte Lucas d. J. anrichtet. Bei Familie Cranach treffen sie auch auf den jungen Künstler Michael Drachstädt, der die Nonne Katharina von Krahwinckel liebt und sie aus dem Kloster befreien will. In Rom macht sich Papst Leo X., der gerade mit dem Bau des Petersdoms beschäftigt ist, Sorgen um die Einbußen bei den Einnahmen aus dem Ablasshandel wegen der Umtriebe im fernen Wittenberg. Trotz der comictypischen humoristischen Form der Darstellung folgt die Handlung zentralen Ereignissen der Reformationsgeschichte und macht Kinder mit dem Gedankengut der Lutherzeit bekannt.

Das aktuelle Heft 494 (Februar 2017) schildert Luthers Aufbruch zum Reichstag nach Augsburg im Jahr 1518, wo bereits der Erzbischof von Mainz, Kardinal Cajetan und die Fugger ihre Intrigen gegen ihn spinnen. Die Fülle historischer Fakten zur Reformationszeit aus der Comic-Handlung wird in der Mitte jedes Hefts durch kurze Sachtexte ergänzt, eine eigene Serie bildet dabei die Doppelseite „Malen wie ein Meister. Michaels kleine Malakademie“, in der Kinder unter anderem sachgerecht über Bildthemen der Kunst des 16. Jahrhunderts, zeitgenössische Maler, die Farbenlehre oder den Bildaufbau informiert werden.

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie vom 3.2. bis 2.4.2017 neben den Abrafaxen weitere historische und aktuelle Kinderbücher in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen und beispielsweise herausfinden, warum Luther zum Erfinder des Weihnachtsbaumes wurde, oder aber Sie zählen bei den 1517 gedruckten Ausgaben der Thesen zur Klärung der Kraft der Ablässe noch einmal selbst nach.

Doppelseite aus Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 487. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016

 

Dialektal schwankend – die erste Übersetzung der Lutherbibel in eine andere Sprache

Das niedersorbische Neue Testament des Mikławš Jakubica von 1548 in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Vaclav Zeman.

Erste Seite der sorbischen Übersetzung. Handschrift. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das niedersorbische Neue Testament von 1548 ist einmalig: Die 669 Seiten zählende Papierhandschrift von Mikławš Jakubica wurde 1548 vollendet und enthält eine komplette Übersetzung des Neuen Testamentes ins Niedersorbische und damit die erste Übersetzung der Lutherbibel in eine andere Sprache. Die Übersetzung des lutherischen Neuen Testamentes stammt von der östlichen Grenze des sorbischen Sprachgebietes. Der Übersetzer, über den kaum gesicherte Erkenntnisse vorliegen, nennt sich Mikławš Jakubica und war vermutlich ein dort beheimateter protestantischer Geistlicher.

Zur Einordnung der Sprache dieser Übertragung sowie zum Entstehungsort gibt es seit über 100 Jahren unterschiedliche Ansichten, deren Spuren sich auch in der Handschrift finden:

Auf einem eingeklebten Zettel auf dem vorderen Spiegel vermerkte der polnische Sorabist Andrzej Kucharski bei seinem Aufenthalt in Berlin am 10. März 1827, dass das „Testamentum Novum polonicum“ genannte Manuskript „nicht polnisch aber wendisch wie man in [der] Lausitz spricht“ sei. Und weiter: „Die Sprache ist eine Mittelsprache zwischen der Ober und Niederlausitzischen wie um Muskau, Spremberg und Senftenberg gesprochen wird … eigentlich also ist das Testamentum Novum Sorabicum, denn so wird die Wendische Sprache lateinisch und von den Wenden selbst genannt.“ Ein auf den 4. Juli 1862 datierter, vorgehefteter Zettel vermerkt dagegen die Einschätzung von C.A. Jentzsch aus dem Königreicht Sachsen: „Die Sprache ist mehr oberlausitzisch wendisch als niederlausitzisch wendisch… doch finden sich in dem Manuskript auch viele böhmische Worte…“.

Der evangelische Pfarrer Mikławš Jakubica benutzte als Grundlage für seine Übersetzung die Lutherbibel, die lateinische Vulgata und tschechische Vorlagen. Die von Jakubica verwendete tschechische Vorlage ist aber bis heute unbekannt. Er ließ sich daneben von tschechischer Lexik und Orthographie inspirieren und beeinflussen. Man findet in der Übersetzung sogar Sätze, die nicht in dem Lutherschen Neuen Testament vorkommen. Jakubica wollte mit seinem sorbischen Neuen Testament eine kirchensprachliche Terminologie entwickeln und ein besseres Kirchenverständnis der um Sorau lebenden wendischen Bevölkerung schaffen. Am Ende der Übersetzung betonte er, dass er das Neue Testament zu Lob und Ehre der sorbischen Sprache und des sorbischen Volkes übersetzt habe.

Die Freiräume für Initialen und Anmerkungen für den Buchdrucker verweisen auf die beabsichtigte Drucklegung, aber Jakubicas Handschrift blieb ungedruckt. Nach der Schlacht bei Mühlberg im Jahre 1547 verbot Kaiser Ferdinand alle evangelischen Druckereien. Da somit der geplante Druck des niedersorbischen Testamentes unmöglich wurde, ließ Jakubica sein Manuskript in Leder binden. Gebrauchsspuren deuten darauf hin, dass die Handschrift längere Zeit in einer Kirchengemeinde in Gebrauch war. Die Handschrift wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts von Andrzej Kucharski in der Königlichen Bibliothek zu Berlin wieder entdeckt. Alle Forscher, die sich daraufhin mit dem von Jakubica übersetzten Neuen Testament beschäftigten, hoben die Uneinheitlichkeit seiner Sprache hervor. Seine Sprache war ostniedersorbisch, aber dialektal uneinheitlich.

Jakubicas Übersetzung des Neuen Testaments gehört zu den größten zusammenhängenden und ältesten Sprachdenkmälern des Sorbischen aus dem 16. Jahrhundert. Für die slawische Minderheit in Deutschland ist diese Übersetzung das bedeutendste und damit wertvollste Zeugnis der sorbischen Sprache und der sorbischen Kultur- und Kirchengeschichte; zugleich stellt sie eine wichtige Quelle für die gesamte westslawische historische Dialektologie dar. Ihre wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung für die Sorabistik seit dem 19. Jahrhundert ist hoch; nicht zuletzt, weil die Übersetzung der Lutherbibel ins Niedersorbische das erste schriftliche Sprachdokument einer slawischen Minderheit in Deutschland darstellt. Die sorbische Sprache gehört heute zu den gefährdeten Sprachen dieser Welt.

Die niedersorbische Übersetzung der Lutherbibel ist zusammen mit anderen frühen Übertragungen wie etwa die chinesische Übersetzung des Lukasevangeliums durch Fung Asseng sowie viele weitere Objekte rund um die Lutherbibel sind vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek zu sehen.

Ende der sorbischen Übersetzung (Bl. 332v/333r). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Pfui über Herrn Posauke? – Der junge Professor Luther annotiert Wilhelm von Ockham

Inkunabel mit frühen eigenhändigen Randbemerkungen Martin Luthers in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Falk Eisermann.

„Wenn einer und er entleiht ein Buch von einer Bibliothek, sagen wir den Marx: Was will er dann lesen? Dann will er den Marx lesen. Wen aber will er mitnichten lesen? Den Herrn Posauke will er mitnichten lesen. Was aber hat der Herr Posauke getan? Der Herr Posauke hat das Buch vollgemalt. Pfui!“

Als ein solcher, von Kurt Tucholsky in seiner „Kleinen Bitte“ vom Jahre 1931 vehement verdammter Bibliotheksbenutzer entpuppt sich – glücklicherweise – Martin Luther: Der „Herr Posauke“, der diesen Wiegendruck mit handschriftlichen Notizen versehen hat, war niemand anderes als der spätere Reformator. Er benutzte den 1491 in Straßburg gedruckten Band mit Schriften des englischen Franziskaners Wilhelm von Ockham (um 1288-1347) während seines Aufenthalts im Erfurter Augustiner-Eremitenkloster zwischen 1509 und dem Spätsommer 1511. Im Gegensatz zu vielen anderen Kirchenschriftstellern des Mittelalters schätzte Luther den Spätscholastiker Ockham sehr hoch, bezeichnete sich gar selbst mehrfach als „Ockhamisten“.

Bl. 123v der Inkunabel mit Annotationen Martin Luthers. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Hebräische Bibel aus dem Besitz Martin Luthers. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA.

Die Inkunabel mit der Signatur 4° Inc 2442.5 (GW 11912) spiegelt wahrscheinlich seine erste Begegnung mit den Schriften des Franziskaners, der als einer der einflussreichsten Denker der spätmittelalterlichen Theologie- und Philosophiegeschichte gilt. Etwa 160 Notizen und 100 Korrekturen Luthers finden sich auf dem Pergamentvorsatz, dem Titelblatt, auf der Innenseite des Rückdeckels und an den Rändern der Texte selbst. Sie konzentrieren sich auf den zweiten Text „De sacramento altaris“, eine aus zwei Schriften Ockhams zusammengesetzte Abhandlung über die Eucharistie. Im Hintergrund steht einerseits die intensive Auseinandersetzung mit den nominalistischen Lehren Ockhams an der Universität Erfurt seit etwa 1497 – was das Vorhandensein zahlreicher Schriften von und über Ockham in Erfurt erklärt – und andererseits Luthers Vorbereitung auf eine anstehende Wittenberger Vorlesung zum Thema der Sakramente.

Wie bei der 2015 ins UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommenen hebräischen Bibel aus seinem Privatbesitz (8° Inc 2840) zeigt sich Luther auch hier als ein im durchaus modernen Sinn textkritischer Leser, dem es in genauem Vergleich um das Erreichen der bestmöglichen Textgestalt geht. Zu diesem Zweck zog er verschiedene Handschriften heran, deren Lesarten sich in seinen Marginalien wiederfinden. Bemerkenswert ist dabei, dass Luther auf eine sehr gute Überlieferung zurückgegriffen und mit sicherem philologischen Blick die nicht wenigen Fehlleistungen des Straßburger Drucks korrigiert hat.

Vorderdeckel des Einbands aus dem Erfurter Augustinereremiten-Kloster. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bemerkenswert ist der Band auch wegen seines eindrucksvollen weißen Schweinsleder-Einbandes aus der Werkstatt der Erfurter Augustiner-Eremiten. Der Einband trägt an Vorder- und Rückdeckel ornamentierte Messingbeschläge, zwei lilienförmige Schließen, die als typisch für die Erfurter Einbandkunst der Zeit um 1500 gelten, sowie ein metallumrahmtes Hornplättchen auf dem vorderen Deckel, unter dem ein Zettel mit dem Buchtitel sichtbar ist. Löcher von einer Kettenbefestigung oben am Rückdeckel zeigen an, dass der Band in der Erfurter Klosterbibliothek einstmals angekettet war, was ihn vor Diebstahl und unberechtigter „Ausleihe“ schützte – nicht aber vor dem eifrigen Leser Martin Luther, der als junger Universitätslehrer auf den Zugang zu möglichst vielen Büchern angewiesen war, zu diesem Zeitpunkt aber kaum eigene besessen haben dürfte.

„Der guoten buecher … ist noch nie keyn mal zuvil gewesen“, das wußte Luther, und diese guten Bücher fand er vor seiner Karriere als Reformator vor allem in den Bibliotheken seines Ordens. Anders als die meisten Bände aus seinem Privatbesitz haben einige von ihm in Erfurt annotierte Bücher die Zeiten überdauert. Die Ockham-Inkunabel verblieb lange in Erfurt und gelangte erst im Jahr 1909 als vormaliger Bestandteil der „Königlichen Bibliothek Erfurt“ nach Berlin. So blieben Luthers Marginalien zu diesem wichtigen spätscholastischen Text als eines der frühesten Zeugnisse aus seiner Feder für die Nachwelt erhalten. Sie wurden 2009 mit anderen „Erfurter Annotationen“ in einer umfassenden kritischen Edition herausgegeben.

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie dieses durch Martin Luther „posaukisierte“ Exemplar selbst zusammen mit anderen spektakulären Zeugnissen von Luthers eigener Hand vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.