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Drei Perspektiven zum Hunger – Präsentation und Podiumsgespräch an der Staatsbibliothek

Die Weihnachtszeit ist traditionell die Phase des Jahres, in der Organisationen wie Brot für die Welt mit ihren Spendenkampagnen verstärkt auf das Thema Hunger aufmerksam machen. Am 30. November 2017 wurde dieses Thema auch in der Staatsbibliothek zu Berlin Gegenstand des wissenschaftlichen Austausches. In dem Werkstattgespräch „Hunger. Perspektiven aus Medizingeschichte, Kunst und Politik“ warfen Barbara Gronau, Ulrike Thoms und Michael Windfuhr drei sehr unterschiedliche Perspektiven auf dieses Phänomen.

Die Hungerkünstlerin Daisy wird nach 10 Tagen untersucht und gewogen, 1926 (Deutsche Presse Zentrale) © Stiftung Stadtmuseum Berlin-Sammlung Documenta Artistica. Reproduktion: Friedhelm Hoffmann, Berlin

Die Hungerkünstlerin Daisy wird nach 10 Tagen untersucht und gewogen, 1926 (Deutsche Presse Zentrale) © Stiftung Stadtmuseum Berlin-Sammlung Documenta Artistica. Reproduktion: Friedhelm Hoffmann, Berlin

Nach einer Begrüßung von Dr. Jochen Haug, komm. Leiter der Benutzungsabteilung, führte Barbara Gronau in das Thema ein. Prof. Barbara Gronau lehrt als Theaterwissenschaftlerin an der Universität der Künste Berlin und forscht seit 2007 zu Formen der Hungerkunst als Spektakeln moderner Askese. Hierfür arbeitet Barbara Gronau auch mit dem historischen Zeitungsmaterial der Staatsbibliothek zu Berlin.

Hungerkunst

Durch die zunehmende Urbanisierung und Industrialisierung wurde der Hunger um 1900 im Deutschen Reich zu einem allgegenwärtigen Problem. Gleichzeitig wurde er jedoch durch die aufkommende Fotografie auch immer stärker visuell erfahrbar und regelrecht in Szene gesetzt. Darüber hinaus wurde um 1900 das freiwillige Hungern in Form des Hungerstreiks als politisches Protestmittel verwendet. Hungerstreikende riskieren medial begleitet damals wie heute den eigenen Körper, um ihn als Waffe im politischen Kampf für die eigenen Ziele einzusetzen.

Die Verschränkung von freiwilligem Nahrungsverzicht und großer Öffentlichkeit lässt sich auch anhand einer besonderen Form der künstlerischen Auseinandersetzung beobachten, die Barbara Gronau bei ihrem Vortrag in den Mittelpunkt stellte: Sogenannte Hungerkünstlerinnen wie Claire de Serval und Daisy oder Hungerkünstler wie Wolly und das Duo Harry und Fastello inszenierten auf spektakuläre Weise ihren freiwilligen Nahrungsverzicht. Nach Barbara Gronau verstanden die Künstler alle das Hungern im Unterschied zum Hungerstreik als rein ästhetische Praxis. Gegen ein Eintrittsgeld konnte man den Hungerkünstlern etwa in Zirkussen, Varietés, Vereinshäusern oder Restaurants beim Nahrungsverzicht zusehen. Diese medial inszenierte Hungerkunst breitete sich in den 1920er Jahren immer weiter aus und erreichte ein wachsendes Publikum. Einen Höhepunkt erreichte der Hungerkünstler Jolly, der im Restaurant „Das Krokodil“ auftrat und insgesamt ungefähr 350.000 Zuschauer hatte.

Rekord im Hungern - Hungerkünstler "Jolly" erreichte den neuen Hungerrekord mit 44 Tagen © bpk / Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer / Willy Römer

Rekord im Hungern – Hungerkünstler “Jolly” erreichte den neuen Hungerrekord mit 44 Tagen © bpk / Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer / Willy Römer

Die Faszinationskraft der Hungerkunst liegt, so Barbara Gronau, in ihrer Normabweichung. Hungeraufführungen werden zu Theatern der Askese mit eindeutigen Inszenierungselementen wie das letzte Abendmahl, die Einmauerung und Ausmauerung. In Zeiten der gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sollte mit der Hungerkunst das reale Verhungern in den Städten ferngehalten und dem Verhungern müssen das Hungern können entgegengestellt werden.

Hunger in der Medizingeschichte

Die Medizinhistorikerin Ulrike Thoms, eine ausgewiesene Expertin im Bereich der Körper- und Ernährungsgeschichte und Geschichte der Biomedizin, setzte dagegen einen anderen Schwerpunkt und beschäftigte sich mit der Frage „Was ist eigentlich Hunger?“ Historisch betrachtet suchten schon die sich seit dem Ende des 18. Jh. neu formierenden Ernährungswissenschaften nach Antworten auf diese Frage. Sie versuchten – oftmals basierend auf an Gefängnisinsassen oder Soldaten gewonnenen Daten –, diese durch Minimalangaben für eine gesunde Ernährung zu beantworten.

Am Beispiel des Werkes „Die Dystrophie als psychosomatisches Krankheitsbild: Entstehung, Erscheinungsformen, Behandlung, Begutachtung; medizinische, soziologische und juristische Spätfolgen“ aus dem Jahr 1952 von Kurt Gauger veranschaulichte Thoms, dass diese Normen bislang jedoch nicht vereinheitlicht wurden und zudem historisch veränderbar waren. Der Dichter, Arzt und Psychotherapeut Gauger beschäftigte sich mit den vielfältigen Symptomen der Unterernährung von Heimkehrern aus der Kriegsgefangenschaft wie Gewichtsabnahme, Wassereinlagerungen, Eiweißmangel oder verlangsamte Herztätigkeit.

So galt beispielsweise ein Patient mit 49 kg Körpergewicht bei einer Größe von ca. 1,75 m nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht als unterernährt. 1949 wurde ihm mit einem höheren Gewicht von 56 kg dagegen eine Dystrophie diagnostiziert. Gleichzeitig wies Thoms in der Diskussion darauf hin, dass die bundesrepublikanischen Ernährungsexperten der Nachkriegszeit oftmals ihre wissenschaftliche Sozialisation im Nationalsozialismus durchliefen; die nationalen Grenzwerte für Mangelernährung mithin im „Dritten Reich“ gesetzt worden sind. Sie verdeutlichte, dass Hunger kein ausschließlich medizinisches Phänomen ist, sondern – wie Ernährung allgemein – durch die Durchdringung von Natur und Kultur sowie Körper, Seele und Gesellschaft geprägt ist. Das Phänomen Hunger lässt sich, so fasst Ulrike Thoms zusammen, nicht zweifelsfrei und exakt beschreiben und wurde im Laufe der Geschichte völlig unterschiedlich interpretiert.

Politische Aspekte des Hungers

Rice terraces, Bali, Indonesia, Southeast Asia, Asia - Quelle: Britannica ImageQuest © Robert Harding Productions / Robert Harding World Imagery / Universal Images Group Rights Managed / For Education Use Only

Terrassensysteme zum Reisanbau sind beispielsweise durch billige Konkurrenzprodukte aus den USA gefährdet. Bild: Rice terraces, Bali, Indonesia, Southeast Asia, Asia – Quelle: Britannica ImageQuest © Robert Harding Productions / Robert Harding World Imagery / Universal Images Group – Rights Managed / For Education Use Only

Die dritte und letzte Perspektive bot an diesem Abend Michael Windfuhr, stellvertretender Direktor des Instituts für Menschenrechte und Mitbegründer des Food First Information and Action Network. Laut dem jährlichen Welternährungsbericht der Vereinten Nationen vom Oktober 2017 sind aktuell rund 815 Mio. Menschen chronisch unterernährt. Gleichzeitig wird weltweit so viel Nahrung produziert wie noch nie zuvor. Hunger ist Michael Windfuhr zufolge aber kein Resultat einer zu geringen Nahrungsmittelproduktion, sondern in erster Linie ein Effekt fehlender Ressourcen wie etwa dem Zugang zu Land, zu Wissen oder die Möglichkeit, ein ausreichendes Einkommen zu erwirtschaften.

Anschließend nahm Michael Windfuhr das Publikum mit auf eine ganz persönliche Reise durch seine Biografie sowie aktuelle Entwicklungen der globalen Ernährung. Sein Bericht reichte von der Besetzung von landwirtschaftlichen Flächen durch Landlose in Brasilien über die Sojaanbaugebiete in Argentinien und die Reisterrassen auf Bali bis hin zur Berliner Markthalle 9 als Sinnbild für die neue Esskultur in Europa. Er zeigte auf, wie vielschichtig die Ursachen für Hunger sind und plädierte eindrücklich dafür, den Kampf gegen Hunger in erster Linie als Einsatz für Gerechtigkeit und Wissen zu verstehen. Im Kern aller Anstrengungen muss es deswegen sein, den Zugang Ressourcen sicherzustellen und nicht, die globale Nahrungsmittelproduktion weiter zu erhöhen.

In der anschließenden lebhaften Diskussion zwischen Podiumsgästen und Publikum wurde einerseits die Vielschichtigkeit des Phänomens Hunger deutlich. Andererseits zeigte sich, wie fruchtbar ein interdisziplinärer Zugriff auf dieses Thema ist, bietet doch jede Perspektive neue Erkenntnisgewinne und kann die jeweils anderen Ansätze produktiv ergänzen.

Von Theaterdingen, Suppendosen und Computerspielen

Ein Bericht vom Workshop „Digitalisierung theaterhistorischer Archive und ihre Herausforderungen“

Über viele Jahre hinweg standen die wissenschaftlichen Sammlungen, zu denen unter anderem auch theaterhistorische Sammlungen gehören, nicht im Zentrum der Forschung. Dies änderte sich in den letzten Jahren jedoch grundlegend. Im Zuge des Material Turns – auch die Staatsbibliothek engagiert sich im Bereich der Materialitätsforschung – werden gerade Objekte wie etwa wissenschaftliche Instrumente, botanische Herbarien, mathematische Modelle oder Handschriften, historische Drucke und Künstlerbücher immer häufiger zum zentralen Forschungsgegenstand ganz unterschiedlicher Disziplinen. Dieser Bedeutungswandel wird auch durch die eigens vom BMBF eingerichtete Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen in Deutschland deutlich. Eine der wesentlichen Grundlagen für diese Entwicklung ist die zunehmende digitale Verfügbarkeit von Objekten und der damit einhergehende weltweite Zugang zu diesen Materialien für Forscherinnen und Forscher.

Doch hier liegen große Herausforderungen, die auch theaterhistorische Sammlungen betreffen. Einerseits verwahren die entsprechenden Archive, Bibliotheken und Universitäten ganz unterschiedliche Objekte von Kostümentwürfen über Fotografien, Rollenbücher, Programmhefte und Theaterzettel bis hin zu Masken, Requisiten und anderen dreidimensionalen Objekten. Das macht ihre Digitalisierung an sich schon sehr komplex. Andererseits haben diese Einrichtungen für derartige Aufgaben begrenzte Kapazitäten, sodass ihre Bestände oft nur über drittmittelfinanzierte Projekte digital verfügbar gemacht werden können. Genau dieses Spannungsfeld beleuchtete der von den Theaterhistorischen Sammlungen zusammen mit dem Runden Tisch der Berliner Theaterarchive veranstaltete Workshop „Digitalisierung theaterhistorischer Archive und ihre Herausforderungen. Teil 1: Eine gemeinsame Sprache finden“, der am 9. Oktober 2015 am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin stattfand. Die Veranstaltung wurde durch das Förderprogramm zur Digitalisierung von Objekten kulturellen Erbes des Landes Berlin ermöglicht und sollte vor allem zur stärkeren Vernetzung der theaterhistorischen Sammlungen in Archiven, Bibliotheken und Universitäten führen.

Probleme und Herausforderungen

Die Heterogenität der Bestände der am Workshop teilnehmenden Institutionen wurde gleich zu Beginn deutlich. Denn den Auftakt bildete eine impressionistische Vorstellung mitgebrachter Objekte aus den einzelnen Sammlungen. Hier konnten die Teilnehmenden unter anderem Suppendosen aus dem Nachlass Christoph Schlingensiefs bestaunen, der im Archiv der Akademie der Künste aufbewahrt wird. Diese Dosen verwendete er in der Produktion „Erster imaginärer Opernführer“, die 2001 anlässlich des Kongresses Lovepangs an der Volksbühne Berlin realisiert wurde. Und Winfried Bergmeyer erklärte, dass ein Computerspiel ebenfalls als Aufführung verstanden werden kann, die erst durch die Interaktion von Computer und Spielerin oder Spieler entsteht. Damit ist die Verbindung zum Theater gar nicht so abwegig wie vielleicht gedacht. Die Staatsbibliothek zu Berlin stellte hier ebenfalls ihre 300.000 Blatt umfassende Theaterzettelsammlung vor.

In dieser Heterogenität der Bestände in den einzelnen Institutionen spiegeln sich die Probleme bei deren Erfassung und Digitalisierung wider: Für Frakturschrift gibt es bisher keine optimale OCR-Erkennung, das Urheberrecht setzt der digitalen Nutzbarkeit insbesondere bei neuen Beständen klare Grenzen und Theaterzettel sind oft auf derart schlechtem Papier gedruckt, dass sie bald zu zerfallen drohen. Schlingensiefs Suppendosen wiederum stellen als dreidimensionale Objekte gänzlich andere Anforderungen im Hinblick auf Bestandserhaltungs- oder Digitalisierungsmaßnahmen.

Nach diesem kurzweiligen Auftakt folgten vier Vorträge, die sich alle mit unterschiedlichen Fragen der Digitalisierung in Theatersammlungen beschäftigten:

  • Martha Pflug-Grunenberg (Institut für Theaterwissenschaft, Freie Universität Berlin): „Bühnenbildner Traugott Müller (1895-1944). Die Digitalisierung eines Nachlasses“
  • Nora Probst (Institut für Medienkultur und Theater, Universität zu Köln): „Digitalisierung, Datenbanken und Digital Humanities. Arbeitsweisen der Theaterwissenschaftlichen Sammlung“
  • Winfried Bergmeyer (Computerspielemuseum Berlin): „Über die Praxis der Nutzung von Thesauri. Terminologie bzw. Normdaten zur digitalen Erfassung und Erschließung von Objektbeständen“
  • Herdis Kley (Institut für Museumsforschung, Deutsche Digitale Bibliothek): „Vor und hinter den Kulissen der Deutschen Digitalen Bibliothek“

Diskussion

Die von Thomas Thorausch (Deutsches Tanzarchiv Köln) moderierten Diskussionen zwischen den Referierenden und Workshopteilnehmenden kreisten um die Frage, wie mit der Heterogenität der theaterwissenschaftlichen Sammlungen trotz begrenzter Ressourcen gewinnbringend umgegangen werden kann. Die Diversität des Materials bringt es mit sich, dass die üblichen Thesauri und Normdatensätze schnell an ihre Grenzen stoßen. Wie beschreibt man etwa die Suppendose aus Schlingensiefs Nachlass oder das Computerspiel Monkey Island? Bibliothekarische und archivarische Erschließungsstandards (GND, Wikidata, Art & Architecture Thesaurus etc.) geben dafür erste Anhaltspunkte. Von einer einheitlichen Erfassung und Erschließung sind wir – was die theaterhistorischen Sammlungen angeht – allerdings noch weit entfernt. Zur Fortführung der Diskussion und Entwicklung gemeinsamer Lösungsansätze wurde im Zuge des Workshops ein Wiki eingerichtet, an dem nunmehr 29 der Workshopteilnehmenden weiterschreiben wollen.

Aber braucht die Theaterwissenschaft – provokant gefragt – überhaupt das „Ding“ als wissenschaftlichen Forschungsgegenstand? Widmet sie sich nicht spätestens seit Max Herrmann als „Wissenschaft des Performativen“ eher der Analyse von einmaligen und unwiederbringlichen Aufführungen? Man könnte einwenden: Gerade deswegen sind die theaterwissenschaftlichen Sammlungen von herausgehobener Bedeutung für die Theaterwissenschaft: Denn Objekte wie Regiebücher, Bühnenmodelle, Kostüme oder Masken eröffnen einen materiellen Zugang zur ephemeren, vergänglichen Welt der Theaterkunst, sie machen den performativen Moment dauerhaft verdinglicht greifbar und sind deswegen wertvolle Anknüpfungspunkte für die aktuelle Forschung. Die Zukunft wird zeigen, ob und in welchem Maße der Material Turn in der Theaterwissenschaft Einzug hält. Es bleibt zu hoffen, dass die Sammlungen dann auch über die nötigen Ressourcen verfügen, um die (wachsende) Nachfrage nach den „Theaterdingen“ zu bedienen.

Mehr über die Theaterzettelsammlung der SBB erfahren Sie im Artikel von Paul S. Ulrich im Bibliotheksmagazin (2013, Heft 2, S. 56-62). Einzelne Theaterzettel sind auch über die Digitalen Sammlungen der Staatsbibliothek (Materialart „Einblattdrucke“, Stichwort „Theaterzettel“) online verfügbar.