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Die Bundeswehr, ein militärisches oder politisches Projekt?

„Die Bundeswehr, ein militärisches oder ein politisches Projekt? – unter dieser Überschrift hielt Sönke Neitzel, Prof. für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam, am 22. November 2016 einen Vortrag an der Staatsbibliothek zu Berlin im Rahmen der Werkstattgespräche.

Neitzel widmete sich dabei drei Bereichen, die jeweils für die Funktion und die Wahrnehmung der Bundeswehr konstitutiv seien:

Die Außenpolitik

Im Bereich der Außenpolitik fungiere die Bundeswehr demnach als Symbol für die Verankerung Deutschlands im transatlantischen Bündnis der Nato. Dieser Aspekt habe bei Entscheidungen wie z.B. dem Nato-Doppelbeschluss, der Beteiligung der Bundeswehr am Kosovokrieg bzw. der KFOR-Mission oder auch an der ISAF-Mission in Afghanistan stets eine zentrale Rolle gespielt. Schon Adenauers ursprüngliche Intention bei der Wiederbewaffnung sei es gewesen, durch Militärpolitik die Integration in den Westen zu fördern und im Gegenzug gleichzeitig Souveränitätsgewinne für die Bundesrepublik zu erzielen. Die außenpolitische Bedeutung des Engagements der Bundeswehr sei bis heute oft höher einzuschätzen als die militärische.

Die Innenpolitik

Im Bereich der Innenpolitik seien die selbst auferlegten Beschränkungen aufgrund der historischen Erfahrungen mit Reichswehr und Wehrmacht evident. Nicht nur sei die zivile Einbindung der militärischen Kommandostruktur der Bundeswehr besonders ausgeprägt, sondern es sei auch quasi stillschweigender politischer Konsens, dass die zivile Gesellschaft vor dem Militär ‚geschützt‘ werden müsse. Dies behindere allerdings den Austausch zwischen der militärischen und der politischen Elite in Deutschland im Unterschied zu anderen europäischen Staaten wie etwa Großbritannien. Gleichzeitig sei im innenpolitischen Diskurs auffällig, dass die Bundeswehr in ihrer eigenen Aufgabenbeschreibung die Kampffunktion kaum noch erwähne (z.B. im aktuellen Weißbuch), obwohl diese doch in ihrem strukturellen Aufbau klar zu erkennen sei. Neitzel konstatierte hier eine, aus seiner Sicht, unehrliche Haltung, die zu einer merkwürdigen Darstellung der Bundeswehr in der Gesellschaft führe, mit „Kampfeinheiten“ ohne Kampfauftrag.

Die militärische Leistungsfähigkeit

Die militärische Bedeutung der Bundeswehr beleuchtete Neitzel im abschließenden dritten Teil seines Vortrages. Hier spielte die Frage, wie leistungsfähig im militärischen Sinne die Bundeswehr eigentlich sei, eine zentrale Rolle. Ausgehend von den Berichten britischer Militärattachés in den 1960er und 1970er Jahren, die u.a. genau diese Frage für ihre Regierung zu beantworten suchten, schlug Neitzel einen Bogen bis in die Gegenwart. Finanziell und zeitlich aus dem Ruder laufende Beschaffungsprojekte (wie etwa das Transportflugzeug A 400 M), Materialknappheit ,aber auch Personal „ohne Kriegserfahrung“ beeinflussten die Effizienz der Bundeswehr heute.

 

Im Fazit seines Vortrages betonte Neitzel noch einmal den in seinen Augen notwendigen Abbau des Misstrauens gegenüber den militärischen Eliten in der Bundesrepublik sowie die zwingend gebotene Binnendiskussion über Selbstverständnis und Ziele innerhalb der Bundeswehr selbst, die nach seiner Einschätzung nicht intensiv genug geführt werde. Insgesamt müsse die Bundeswehr bis heute mehr als politisches denn als militärisches Projekt angesehen werden, wobei die Frage, ob sich diese zwei Bereiche so klar voneinander trennen lassen, offen blieb. In der sich anschließenden kleinen “Fragerunde” zum Vortrag wurden verschiedene Aspekte des Themas noch einmal näher beleuchtet und z.T. auch mit den persönlichen Erfahrungen ehemaliger Bundeswehrangehöriger bereichert.

 

Werkstattgespräch zum wissenschaftlichen Layout um 1500 am 10.1.

Wissenswerkstatt
Wissenschaftliches Layout um 1500
Werkstattgespräch mit Dr. Oliver Duntze, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Dienstag 10. Januar 2017
18.15 Uhr
Konferenzraum 4
Haus Unter den Linden (Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt in der Eingangshalle (Rotunde)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Die Erfindung des Buchdrucks in der Mitte des 15. Jahrhunderts zieht im Bereich der Buchgestaltung deutliche Änderungen nach sich. Insbesondere für das Layout komplexer Textsynopsen, z.B. bei kommentierten Ausgaben literarischer oder religiöser Texte oder im Bereich des wissenschaftlichen Buches, musste dem neuen Medium und seinen technischen Möglichkeiten und Limitierungen angepasst werden. Der Vortrag soll anhand ausgewählter Beispiele zeigen, in welcher Weise zunächst handschriftliche Modelle mehr oder minder erfolgreich im Buchdruck imitiert wurden, sich aber um die Wende zum 16. Jahrhundert zunehmend eine eigene makrotypographische Formsprache für die Gestaltung komplexer wissenschaftlicher Texte ausbildet.

Eine Veranstaltung der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.
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Mit Nadel, Klebstoff und Papier: Werkstattgespräch zur Revision musikalischer Werke am 6.12.

Wissenswerkstatt
Mit Nadel, Klebstoff und Papier: materiale Aspekte der Revision musikalischer Werke
Werkstattgespräch mit Dr. Roland Schmidt-Hensel, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Dienstag 6. Dezember 2016
18.15 Uhr
Konferenzraum 4
Haus Unter den Linden (Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt in der Eingangshalle (Rotunde)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Musikhandschriften spiegeln in vielfältigen Facetten Entstehungs- und Bearbeitungsprozesse der darin überlieferten Werke wider. Dies reicht von Korrekturen, die der Komponist während des Kompositionsprozesses in seinem Arbeitsmanuskript vornimmt, über Revisionen und Neufassungen eigener Werke bis hin zur Bearbeitung, Einrichtung und Anpassung insbesondere von Bühnenwerken für eine bestimmte Aufführungssituation. In vielen Fällen schlagen sich solche Revisionen in den überlieferten Quellen nicht nur durch schriftliche Eintragungen, sondern auch in Form von Heraustrennungen, Einfügungen und Überklebungen einzelner Blättern oder Lagen nieder. Umgekehrt bedingen bisweilen auch praktische Aspekte des Arbeitens im und mit dem Notenmaterial die resultierende Gestalt eines Werkes bzw. einer Aufführungsfassung.

Eine Veranstaltung der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.
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Luftwaffeninspekteur Steinhoff, Verteidigungsminister Schmidt, Bundeskanzler Brandt, Generalinspekteur de Maizière, Heeresinspekteur Schnez | Bundesarchiv: B 145 Bild-F030710-0026, Lothar Schaack (Bundesarchiv_B_145_Bild-F030710-0026,_Bonn,_Bundeskanzler_Brandt_mit_Bundeswehrführung.jpg ) Wikimedia Commons - CC-BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/), zugeschnitt.

Die Bundeswehr – ein militärisches oder ein politisches Projekt? Werkstattgespräch mit Prof. Dr. Sönke Neitzel am 22.11.

Wissenswerkstatt
Die Bundeswehr – ein militärisches oder ein politisches Projekt?
Werkstattgespräch mit Prof. Dr. Sönke Neitzel,
Universität Potsdam
Dienstag, 22. November
18.15 Uhr
Dietrich-Bonhoeffer-Saal, Haus Potsdamer Straße
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Der Vortrag verortet die Bundeswehr im Spannungsfeld zwischen den gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der Bundesrepublik sowie den militärinternen Aufgaben und Zielen. Dabei wird die außenpolitische Bedeutung der Streitkräfte in ihrer 60-jährigen Geschichte ebenso vermessen, wie ihre innenpolitische Rolle und schließlich ihre militärischen Leistungsfähigkeit im Kalten Krieg und heute. Der Vortrag versucht hinter die Kasernenmauern zu blicken und vor allem das Innenleben der Bundeswehr auszuleuchten und so zu einem kritisch-reflektierten Umgang mit den Streitkräften beizutragen.

Sönke Neitzel, Professor für Militärgeschichte /Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam. Er lehrte an den Universitäten Mainz, Bern, Saarbrücken, Glasgow und der LSE. Seine Forschungen haben sich vor allem mit dem Zeitalter der Weltkriege befasst. Zur Zeit arbeitet er an einer Studie über deutsche Militärkulturen im 20. Jahrhundert.

 

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Bildausschnitte: Buster Brown abroad - R. F. Outcault. [1905] | Ghostworld - Daniel Clowes © Reprodukt

Adoleszenz in den Comics – damals und heute. Werkstattgespräch am 10.11.

Wissenswerkstatt
Adoleszenz in den Comics. Damals und heute.
Werkstattgespräch mit Dr. Felix Giesa,
Universität zu Köln, Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendmedienforschung (ALEKI)
Donnerstag, 10. November
18.15 Uhr
Dietrich-Bonhoeffer-Saal, Haus Potsdamer Straße
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Schon in den Vorläufern der heutigen Comics, den sogenannten Comicstrips stehen meist Kinder und kindliche Lebenswelten im Mittelpunkt des Geschehens. Ihre Darstellung erfolgt allerdings aus einer satirischen Perspektive, die Handlung konzentriert sich überwiegend auf die Späße und Streiche, die sie einander und den Erwachsenen spielen. Als prominente Beispiele für solche Bildergeschichten gelten „The yellow kid“ (1895) oder „Buster Brown“ (1902) von Richard F. Outcault.

Mit dem Aufkommen der Comichefte in den 1930er Jahren ergaben sich nicht nur erweiterte Möglichkeiten des graphischen Erzählens – mit dem Wandel des Mediums änderte sich auch die Leserschaft. Während die in den Zeitungen abgedruckten Comicstrips meist von einem erwachsenen Publikum gelesen wurden, wird das Comicheft nun Lieblingslektüre von Kindern und Heranwachsenden. Der veränderte Rezipientenkreis beeinflusste auch die erzählerische Perspektive: mit Beginn der 1960er Jahre etablierte sich neben dem bis dahin vorherrschenden humoristischen Ansatz eine mehr und mehr realistische Darstellung der zeit- und alterstypischen  Lebenswelten von Heranwachsenden. In der deutschsprachigen Comiclandschaft ist seit Beginn des neuen Jahrtausends die adoleszente Lebensphase häufig Gegenstand von fiktionalen sowie von autobiographischen Comics, die das Subgenre des Adoleszenzcomics bilden.

Dr. Felix Giesa, Mitarbeiter der Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendmedienforschung (ALEKI) an der Universität zu Köln gibt einen umfassenden Überblick über die Darstellung von Adoleszenz in Comics des 20. Jahrhunderts und untersucht erstmals Entstehung und Entwicklung der Adoleszenzcomics als eigenständige Bilderzählungen.

 

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Rahmungen: Psalmen – Faust – Insel-Verlag. Werkstattgespräch am 8.11.

Wissenswerkstatt
Rahmungen: Psalmen – Faust – Insel-Verlag
Werkstattgespräch mit Dr. Philip Ajouri, PD Dr. Ursula Kundert, PD Dr. Carsten Rohde, Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel
Dienstag 8. November 2016
18.15 Uhr
Konferenzraum 4
Haus Unter den Linden (Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt in der Eingangshalle (Rotunde)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Der Vortrag fragt nach dem Effekt materialer Rahmungen bei der Präsentation kanonischer Werke. Im Kontrast von Stoffen, Gattungen, Produktionszusammenhängen und Zeitpunkten werden Beispiele medialer Konstellationen beschrieben, welche zur systematischen und mediengeschichtlichen Diskussion anregen: War zum Beispiel der Einband für norddeutsche Psalmen des 15. Jahrhunderts, für Medialisierungen des Faust-Stoffes im 19. Jahrhunderts sowie für Bände des Insel-Verlages zu Anfang des 20. Jahrhunderts gleichermaßen wichtig und wirkmächtig? Welche mediengeschichtlichen Veränderungen gehen mit je unterschiedlichen Rahmungen einher? Welche Rahmungen sind über alle genannten Faktoren hinweg erstaunlich konstant?

Philip Ajouri, Carsten Rohde und Ursula Kundert bilden das Projekt „Text und Rahmen“ im Forschungsverbund des Deutschen Literaturarchivs Marbach, der Klassik Stiftung Weimar und der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.

Eine Veranstaltung der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.
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Hänsel, Gretel und Zeitgeist. Werkstattgespräch zu Märchenopern am 20.10.

Wissenswerkstatt
Hänsel, Gretel und Zeitgeist. Märchenopern als Spiegel ihrer Entstehungszeit
Werkstattgespräch mit Dr. Beata Kornatowska, Adam-Mickiewicz-Universität Poznań, Polen,
2015 Stipendiatin im Stipendienprogramm der SPK
Donnerstag 20. Oktober 2016
18.15 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal, Haus Potsdamer Straße
Treffpunkt in der Eingangshalle (I-Punkt)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Oper bevorzugt bekannte Stoffe, daher stellen Märchen für sie ein dankbares Objekt dar. Oft beschränken sich die Verfasser von Adaptionen, Librettisten und Komponisten nicht auf die bloße Anpassung der Vorlage an die spezifischen Anforderungen der Opernform, sondern benutzen sie als Projektionsfläche für aktuelle oder persönlich relevante Inhalte. So entstehen Interpretationen, die vom Zeitgeist und von künstlerischer Individualität geprägt sind: Dieselbe Märchenvorlage erscheint z.B. einmal im Gewand des dämonischen Pathos (Undine von E. T. A. Hoffmann), ein anderes Mal in biedermeierlicher Alltagskleidung (Undine von Albert Lortzing). An einigen Beispielen aus der deutschen Operngeschichte (Werke von E. T. A. Hoffmann, Albert Lortzing, Engelbert Humperdinck, Siegfried Wagner, Alexander von Zemlinsky) wird im Vortrag gezeigt, wie sich geistige und ästhetische Tendenzen der Entstehungszeit in den Opernwerken spiegeln, wie Märchenstoffe und Märchenfiguren gleich Schiefertafeln neu beschrieben, mit einer komischen, ironischen, psychologischen oder zeitkritischen Dimension versehen werden.

 

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Stipendienprogramm der SPK an der Staatsbibliothek zu Berlin

Den Beobachter beobachten. Werkstattgespräch zur ethnologischen Objektivität am 11.10.

Wissenswerkstatt
Den Beobachter beobachten. Eine sehr kurze Geschichte ethnologischer Objektivität
Werkstattgespräch mit Dr. Jörg Lehmann, Freie Universität Berlin
Dienstag 11. Oktober 2016
18.15 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal, Haus Potsdamer Straße
Treffpunkt in der Eingangshalle (I-Punkt)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Paratexte sind all jene Informationen, die einen Text umgeben und verlängern, um ihn im üblichen, aber auch im vollsten Sinn des Wortes zu präsentieren; ihn präsent zu machen. Als bibliographische Metadaten werden sie routinemäßig von Verlagen erstellt und z.B. der Deutschen Nationalbibliothek übermittelt oder als Library of Congress Cataloging-in-Publication Data erfasst. Am Beispiel von über 100 Ethnographien soll dargestellt werden, wie diese Textsignale systematisch ausgewertet werden können. Dabei soll folgenden Leitfragen nachgegangen werden: Wie lassen sich Darstellungskonventionen in der Ethnologie beschreiben? Können Abweichungen von diesen Konventionen identifiziert werden und wie sehen sie aus? Wie funktionieren Gattungsprogramme, wie wird ethnologisches Schreiben generisch formatiert? Wie bedingen Paratexte ethnologische Objektivität und Subjektivität sowie die spezifische Sachlichkeit und Emotionalität in der Ethnologie? Und welche Anschlussfähigkeit im Hinblick auf Metadaten und bibliometrische Werte ergibt sich hieraus?

 

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“Der Bogen als Medium der Literatur” – Werkstattgespräch am 4.10.

Wissenswerkstatt
Der Bogen als Medium der Literatur: am Beispiel Goethes
Werkstattgespräch mit Dr. Carlos Spoerhase, Humboldt-Universität zu Berlin
Dienstag 4. Oktober 2016
18.15 Uhr
Konferenzraum 4
Haus Unter den Linden (Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt in der Eingangshalle (Rotunde)

Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

In Adornos Essay über den „Spätstil Beethovens“ stehen der späte Beethoven und der späte Goethe einträchtig nebeneinander: In ihrem Unvermögen, die vorhandenen „Stoffmassen“ angemessen zu formen. Überraschend ist an dieser weiterhin hochinteressanten Problemanzeige, dass der immer nachdrücklich auf die Materialität des Kunstwerks und der Produktion von Kunstwerken hinweisende Adorno hier die Gelegenheit achtlos verstreichen lässt, näher zu bestimmen, was genau mit „Stoffmassen“ gemeint ist. Was genau sind für den späten Goethe die „Stoffmassen“, die im Rahmen einer Poetik des Spätwerks ins Zentrum der eigenen Produktivität rücken? Ich möchte vorschlagen, dass der späte Goethe tatsächlich ein ganz eigenes Verhältnis zu „Stoffmassen“ gewinnt und dass dieses Verhältnis sich nirgendwo so deutlich ablesen lässt, wie in seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Materialität der poetischen Buchform.

Eine Veranstaltung der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.
Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.

Werkstattgespräch zur Sexualerziehung in Deutschland 1900 bis 1980 am 20.9.

Wissenswerkstatt
Empfängnisverhütung in der Sexualerziehung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, 1900-1980
Werkstattgespräch mit Dr. Lutz Sauerteig (Durham University, UK)
2016 Stipendiat im Stipendienprogramm der SPK

Dienstag, 20. September
18.15 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal, Haus Potsdamer Straße
Treffpunkt in der Eingangshalle (i-Punkt)

Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Fortpflanzung ist eines der zentralen Themen in der Sexualaufklärung für Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig ist es auch ein problematisches Thema, das Sexualerziehern über Jahrzehnte hinweg Kopfschmerzen bereitet hat. Zwar sollten Jugendliche auf ihre Rolle als zukünftige Mütter oder Väter vorbereitet werden und eine positive Einstellung zu Schwangerschaft und Familie entwickeln. Aber man wollte keinesfalls ihre Aufmerksamkeit frühzeitig auf Sexualität lenken. Bis in die 1960er Jahre hinein zielte Sexualerziehung daher darauf, junge Menschen vor den Gefahren nichtehelicher Sexualität zu warnen. Von Empfängnisverhütung war daher in der Sexualaufklärung kaum oder nur in einem äußerst negativen Sinne die Rede.

Dies änderte sich in den 1960er Jahren, als sich sowohl die sexualmoralischen Vorstellungen wie auch das Sexualverhalten von Jugendlichen wandelten. Wie der Vortrag anhand von Beispielen aus Aufklärungsbüchern und Artikeln in Jugendzeitschriften zeigen wird, begannen Sexualerzieher nun eine neue Moral zu propagieren. Diese neue Moral basierte auf dem Prinzip, dass gleichberechtigte Partner sich über alle Fragen ihres Sexuallebens miteinander zu verständigen hatten, einschließlich der Verhütung. Die ‘Verhandlungsmoral‘ gestattete Jugendlichen einvernehmliche sexuelle Beziehungen, übertrug ihnen aber gleichzeitig die Verantwortung für die Folgen ihres Handelns. Jugendliche hatten, bevor sie sexuelle Beziehungen eingingen, sowohl die Techniken und Praktiken der Empfängnisverhütung wie auch die Prinzipien der Verhandlungsmoral zu erlernen. Sie wurden dabei von einer Vielzahl von Aufklärungsmaterialen unterstützen, die sie über Verhütung informierten und ihnen Skripte für das Aushandeln sexueller Beziehungen lieferten.

Während die sogenannte sexuelle Revolution der späten 1960er Jahre gewöhnlich im Kontext von Liberalisierung und mehr Freiheit gesehen wird, wird der Vortrag einen anderen Schwerpunkt setzen und die Kosten der neu gewonnenen Freiheit betonen.

Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt

Stipendienprogramm der SPK an der Staatsbibliothek zu Berlin