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Meere und Reisen: vom Unerreichten zum Alltäglichen

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017

Seit Urzeiten sind Menschen in Bewegung, über Land, später über das offene Meer zu nahen und fernen Welten. Archäologische Artefakte zeugen von diesen Wanderungen und Reisen und vermitteln Plausibilitäten oder Gewissheiten über die Vergangenheit. Mit Entstehung der Schriftkultur tauchen allmählich auch textuelle Zeugnisse realer wie fiktiver Reisen über die Meere auf. Reisebeschreibungen der Antike oder des Zeitalters der Entdeckungen lassen so manchen staunend ob des Wagemuts der Seefahrer an den Zeilen kleben.

MAGELLAN: PACIFIC OCEAN. Ferdinand Magellan’s first view of the Pacific Ocean after passing through the strait that now bears his name: 19th century. Credit: The Granger Collection / Universal Images Group /Rights Managed / For Education Use Only / Encyclopædia Britannica ImageQuest

Apropos reale und fiktive Reisen: im Mittelpunkt eines der erfolgreichsten Filme aller Zeiten sowie einer der am längsten laufenden TV-Serien in Deutschland stehen – nicht sofort einleuchtend – Kreuzfahrtschiffe.

Eine unbedingt gelungene Auswahl an beeindruckenden, ganz und gar nicht fiktionalen Reiseberichten findet sich im kurzweiligen „Buch des Reisens“, das den Bogen spannt von Pytheas von Massalia, dort beschrieben als „Humboldt des Altertums“, über den eigentlichen Alexander von Humboldt, dessen amerikanische Reisetagbücher die Staatsbibliothek zu Berlin exklusiv in ihren Digitalisierten Sammlungen präsentiert, bis hin zu David Foster Wallaces teilnehmenden Beobachtungen, auch seiner Selbst, auf einer Luxuskreuzfahrt (enthalten in: “A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again“).

Auch die Reihe „Alte abenteuerliche Reiseberichte“ des auf Entdeckerliteratur und historische Reiseberichte spezialisierten Verlages Edition Erdmann lässt in Meeresreisen eintauchen; neben dem Reiz des Fernen und Unentdecktenwerden hier die Entbehrungen und Grausamkeiten solcher Abenteuer verdeutlicht.

Die Bedeutung des Reisens, nicht nur auf Meeren und Ozeanen, verschiebt sich im Zeitverlauf. Während einst neben dem reinen Entdeckerdrang auf der Suche nach der terra incognita existentielle, ökonomische oder religiöse bzw. missionarische Beweggründe im Vordergrund standen, scheinen in Zeiten des Massentourismus Sehnsucht, Fernweh und Konsum bedeutender zu sein.

Die Herausforderungen verändern sich: früher die Strapazen der Reise, die ungewisse  Ankunft an einem unbekannten Ziel – heute, in einer vermessenen Welt, in der die Risiken der Fortbewegung auf Meeren und Ozeanen weitestgehend kalkulierbar sind, sehen manche die Reise mit sich und zu sich selbst als wahre Herausforderung der Neuzeit an.
Alain de Botton, dem Anerkennung gebührt für die unumstößliche Erkenntnis “Ich glaube, dass die Liebe und das Reisen unsere größten Glücksphantasien sind“, führt uns in der „Kunst des Reisens“ unterhaltsam vor, worin die Herausforderungen des Reisens im 21. Jahrhundert bestehen. – Ein Reiseführer der anderen Art.

Mit Geld kann man besagtes Glück nicht kaufen. Allerdings: Mit Zunahme der Kaufkraft in den Industriestaaten geht ein Boom auch an touristischen Kreuzfahrten einher, der für dieses Jahr 25 Millionen Passagiere weltweit und 26 neue Riesenkreuzer erwarten lässt. Image und Zielgruppen von Kreuzfahrten ändern sich, was zur Diversifikation der Angebote führt: irgendwann mit der Queen Mary 2 auf Full Metal Cruise um die Falklandinseln – anything goes (maybe) …

So weist ferner die ungebrochene Nachfrage nach Expeditionskreuzfahrten zu entlegenen Orten der Welt auf individuelle Abenteuerlust in der Postmoderne, natürlich ungleich komfortabler als zu Zeiten des Magellan-Chronisten Antonio Pigafetta.

Cruise Ship in Glacier Bay National Park, Alaska. Credit: Matthias Jakob / First Light / Universal Images Group / Rights Managed / For Education Use Only / Encyclopædia Britannica ImageQuest

Wenngleich Ozeane und Meere als Gebiete des Handels, der wirtschaftlichen Entwicklung und Nahrungsquelle auch weiterhin zentral sein werden, so gewinnt der so genannte coastal and marine tourism (CMT), wie obige Zahlen des Teilbereichs Kreuzschifffahrt verdeutlichen, an ökonomischer und damit einhergehend auch an politischer und wissenschaftlicher Bedeutung.

Seine ökonomische Relevanz zeigt sich an Zahlen wie diesen: Bereits 2011 finden im CMT allein in Europa über 3,2 Millionen Menschen Arbeit und generieren eine Bruttowertschöpfung von insgesamt 183 Milliarden Euro, ein Drittel der gesamten maritimen Wirtschaft, zu der noch die Fischerei, die Meeresbiotechnologie, die Meeresenergie und der Meeresbodenbergbau gezählt werden. Die Zahlen für 2015 für den Tourismus im Allgemeinen sind noch weit eindrucksvoller: Einnahmen aus dem internationalen Tourismus in Höhe von 1,26 Billionen US-Dollar, als Exportkategorie wichtiger als Nahrung, Automobil- oder Maschinenbau, für 1/11 der weltweiten Arbeitsplätze verantwortlich. Als maßgeblicher Provider touristischer Kennzahlen im internationalen Rahmen sei hier die UN-Sonderorganisation World Tourism Organization erwähnt.

Um weiterhin die Möglichkeiten des Tourismus nachhaltig zum Wohle von Umwelt und Menschen auszuschöpfen, hat beispielsweise die Europäische Kommission im Rahmen der Strategie „Blaues Wachstum“ auch Maßnahmen für den Küsten-und Meerestourismus verabschiedet. Einzelstaatliche Maßnahmen, die flankierend hinzutreten, werden exemplarisch in den OECD Tourism Trends and Policies 2016 vorgestellt, an der Staatsbibliothek im Volltext via OECD iLibrary zugänglich.

Bleibt zum Abschluss die Beleuchtung der Tourismusforschung, ehedem Fremdenverkehrsforschung genannt, als noch relativ junge, interdisziplinäre Wissenschaft, die in Deutschland nur selten dauerhafte universitäre Weihen erhielt. Von ihr können wertvolle Impulse ausgehen und aktuelle Fragestellungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden – sofern sie noch betrieben wird. Auf der niemals abgeschlossenen Liste der Institutsschließungen und der immer währenden Abwicklung von Orchideenfächern findet sich zum Beispiel das von der FU Berlin mitunterstützte Willy-Scharnow-Institut für Tourismus. Wer hier in Berlin vor Ort ist, vermag zumindest das an der TU Berlin angesiedelte Historische Archiv für Tourismus für eigene Recherchen zu Rate ziehen.

Auf internationaler Ebene sieht es etwas besser aus. Exemplarisch seien hier im CMT-Kontext die International Coastal and Marine Tourism Society und deren Zeitschrift Tourism in Marine Environments genannt.

Neben der angedeuteten Diversifikation und den Auswüchsen des Massentourismus werden derzeit in der CMT-Forschung Großthemen wie Klimawandel und Umweltaspekte, der Einfluss neuer Technologien auf den Tourismus, Tourismus als sozioökonomische Entwicklungsstrategie sowie kulturwissenschaftliche Fragestellungen diskutiert.

Mit diesem Beitrag endet unsere Reihe zum Wissenschaftsjahr 2016*2017. Wir hoffen, Ihnen hat unsere kleine Reihe gefallen. Das Wissenschaftsjahr 2018 wird sich der „Zukunft der Arbeit“ widmen. Auch dazu werden wir wieder ein paar passende Themen für Sie aufbereiten.

Plastikmüll im Meer – Bedrohung für die Ökosysteme oder Grundlage neuer Lebensformen?

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017.

 

Meeresforscher*innen und Naturschützer*innen schlagen Alarm. Die Zukunft der Meeresökosysteme ist in Gefahr. Im Zentrum der Aufmerksamkeit: Plastikmüll und seine schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt und Meereslebewesen. Doch nichts ist so einfach, wie es zunächst scheint.

Wenn es um menschengemachte Gefahren für das Meer und seine Bewohner geht, denken wir oft an konkrete lokalisierbare Ereignisse. Zum Beispiel sind die Bilder von katastrophalen Ölunfällen, von verendeten Fischen und von Meeresvögeln mit verklebtem Gefieder Teil des globalen umweltpolitischen Bildgedächtnisses. Viele, selbst große Havarien bleiben zwar unterhalb der medialen Wahrnehmungsschwelle, aber Namen wie Exxon Valdez oder Deepwater Horizon sind auch Jahre und Jahrzehnte nach dem Unglück noch vielen Menschen ein Begriff, werden teilweise sogar in der Populärkultur aufgegriffen und verarbeitet. Ebenso Teil des globalen umweltpolitischen Bildgedächtnisses sind beispielsweise Proteste mit kleinen, schutzlos wirkenden Schlauchbooten vor Walfangschiffen beeindruckender Größe. Durch solche Proteste und ihre Rezeption wird die Jagd auf Meeressäuger zum konkreten Ereignis, und so skandalisierbar gemacht.

Seit Jahrzehnten weisen Umweltwissenschaftler*innen und Naturschützer*innen aber darauf hin, dass die größte Bedrohung der Meeresökosysteme nicht von Havarien und von einzelnen, weitgehend erfolgreich skandalisierten Praxen wie Walfang oder Robbenjagd ausgeht, sondern vom business as usual, von der ganz alltäglichen (Über-)Nutzung der Meere und Ozeane. So wird der überwiegende Teil von Mineralölprodukten nicht durch Havarien ins Meer eingetragen, sondern Tag für Tag vom Land aus über die Flüsse, durch regulären Schiffsbetrieb oder bereits bei der Erdölgewinnung auf See. Und die größten Gefahren für die Struktur der Ökosysteme im Meer geht nicht vom Walfang aus, sondern von der allgemeinen Überfischung sowie vom Klimawandel. Letzterer führt neben der Erwärmung über einen einfachen chemischen Mechanismus zur Versauerung des Meerwassers, was winzige Kalkalgen in ihrem Bestand bedroht. Diese sind jedoch sehr wichtige Arten am Ausgangspunkt der Nahrungsketten in den Ozeanen.

 

Gefahren versus Bedrohungen – der umweltpolitische Diskurs

Lange Zeit strukturierte dieser etablierte Gegensatz zwischen konkreten, lokalisierbaren und oft erfolgreich skandalisierten Gefahren einerseits und systemischen, globalen und sich etablierten Methoden politischer Mobilisierung weitgehend entziehenden Bedrohungen andererseits weite Teile des umweltwissenschaftlichen und umweltpolitischen Diskurses. In den letzten Jahren aber ist ein Thema verstärkt in den Blick der Meeresforschung und des Umweltschutzes geraten, das diesen Gegensatz zumindest teilweise auflöst: Plastikmüll im Meer.

Jedes Jahr werden über 300 Millionen Tonnen Plastik produziert, von denen Schätzungen zufolge etwa 10 Millionen Tonnen als Plastikmüll in die Meere eingetragen werden. Davon schwimmen zu jedem Zeitpunkt wohl etwa 250.000 Tonnen an der Meeresoberfläche und sammeln sich dort, wo die Meeresströmungen Wirbel bilden. Der Rest sinkt entweder in tiefere Schichten ab oder wird, zum kleineren Teil, wieder an die Küsten gespült. Angebliche Plastikteppiche am Strand oder im Wasser, Bilder von in Plastiktüten verhedderten Schildkröten, von durch Plastikbänder erdrosselten Seelöwen oder von großen Mengen Plastik in den Mägen verendeter Pottwale lassen sich konkret verorten und sind auf klassische Weise skandalisierbar.

Sperm Whale with plastic waste. – Quelle: Britannica ImageQuest © Reinhard Dirschel, Visual Unlimited. Science Foto Library. Universal Images Group.

 

An Land und in den Flüssen, von wo er über kurz oder lang in den Meeren landet, ist Plastikmüll zudem zugänglich für klassische Formen von Aktivismus und Citizen Science. Selbst die großen Plastikmengen im Meer werden der Öffentlichkeit immer wieder als aufräumbar präsentiert, auch wenn Experten mehr als skeptisch bleiben.

Restos de Basura, Amanecer el d¡a de San Juan en la Playa de Las Arenas de Valencia, 24 Junio de 2009. Valencia, Spain. – Quelle: Britannica ImageQuest © AGE fotostock. Universal Images Group.

 

Ob Makroplastik oder Mikroplastik, Müll ist schädlich für das Leben im Meer…

Diese Form von Plastikmüll und ihre Opfer sind also sichtbar und scheinbar handhabbar. Es ist die Diskussion über diese konkrete Gefahr, die es ermöglicht, Aufmerksamkeit auch auf die systemische Bedrohung durch eine weniger lokalisierbare und schlechter abbildbare Form von Plastikmüll im Meer zu lenken, auf Mikroplastik. Salzwasser und Sonnenlicht machen Plastik spröde, so dass die Wellen es in immer kleinere Stücke zerbrechen. Ein großer Teil des Plastiks im Meer liegt als Partikel mit einem Durchmesser von unter 5mm vor, oft ist es noch deutlich kleiner. Auf Grund ihrer chemischen und physikalischen Eigenschaften nehmen diese winzigen Plastikpartikel große Mengen giftiger Chemikalien aus dem Meerwasser auf. Wegen ihrer geringen Größe werden sie außerdem von Tieren mit der Nahrung aufgenommen und oft nicht wieder ausgeschieden. Sie verbleiben in Meereslebewesen vom kleinsten Krill-Krebs bis zum Blauwal und reichern sich, zusammen mit den an sie gebundenen giftigen Chemikalien, entlang der Nahrungskette an. Die Verschmutzung geht so im wahrsten Sinne des Worten “unter die Haut”. Als zusätzlicher Stressfaktor neben anderer Verschmutzung, Überfischung, der Erwärmung und Versauerung des Meerwassers durch den Klimawandel sowie der Verlärmung der Meere durch Schiffsverkehr und technische Anlagen trägt Mikroplastik so zur Gefährdung mariner Ökosysteme bei.

 

… zugleich aber Grundlage neuer Lebensgemeinschaften

So betrachtet, ist Plastikmüll im Meer zugleich konkrete Gefahr und systemische Bedrohung. Plastikmüll löst aber nicht nur diesen im Umwelt-Diskurs etablierten Gegensatz auf, sondern stellt auch das Kategoriensystem auf die Probe, das die konzeptionelle Grundlage für einen Großteil des Umwelt- und Naturschutzes bildet. Trotz allem ist Plastikmüll im Meer nämlich nicht einfach nur schädlich. Gerade in der “blauen Wüste” des offenen Ozeans wirkt jeder feste Partikel als “Insel”, um die sich Leben sammelt. Größere Stücke Plastik werden zum Beispiel von Muscheln besiedelt und von Fischen besucht. Und selbst die kleinsten Stücke Mikroplastik werden schnell von Mikroorganismen besiedelt. So bilden sich auf dem und um den an sich schon gefährlichen und zusätzlich mit toxischen Chemikalien beladenen Plastikmüll trotz allem ganz neue, faszinierende Lebensgemeinschaften. Wissenschafter*innen nennen diese Ökosysteme Plastisphäre, eine Analogbildung zu Biosphäre: So wie aus dem Weltraum betrachtet das Leben auf der Erde, die Biosphäre, einen dünnen Film von Leben verwoben mit einem toten Steinbrocken inmitten des lebensfeindlichen Weltalls bildet, bildet die Plastiphäre einen dünnen Film von Leben verwoben mit lebensfeindlichem Plastik inmitten eines weitgehend toten Ozeans.

Es ist also schwierig, Plastikmüll im Meer klar einer Seite in Gegensatzpaaren wie natürlich/künstlich bzw. natürlich/kulturell, rein/verschmutzt, innen/außen, eigen/fremd, nützlich/schädlich oder lebensfördernd/lebensfeindlich zuzuordnen. Dies stellt etablierte Strategien für umweltbezogene Wissensproduktion und für verantwortliches Handeln infrage, die auf der konventionellen Idee einer „Reinhaltung“ von Umwelt durch konsequente Trennung von „Natur“ und „Kultur“ beruhen. Und das macht ethische und erkenntnistheoretische Fragen zum Umgang mit Plastikmüll im Meer oft schwer zu beantworten. Natürlich ist es “gut”, dafür zu sorgen, dass weniger Plastik ins Meer gelangt. Aber sollten wir – einmal unabhängig von der Frage ob es möglich ist – Plastik überhaupt wieder aus dem Meer entfernen wollen? Schließlich ist es auch Lebensraum. Sind die Lebensgemeinschaften der Plastisphäre etwa wenig wert als andere? Und unabhängig von solchen Fragen zum richtigen Handeln, nach welcher Art von Wissen über Plastik im Meer sollten wir streben? Die Frage, wie viel Plastik Meereslebewesen in sich tragen, ist oft nur um den Preis des Lebens dieser Wesen zu beantworten. Wofür ist dieses Wissen notwendig und ist es diesen Preis wert, wenn der Wissenserwerb eigentlich von der Sorge um eben diese Lebewesen geleitet ist? Ähnliche Fragen stellen sich auch für andere industrial ecosystems wie naturschutzfachlich wertvoll gewordene Sondermülldeponien oder Truppenübungsplätze und sogar unsere eigenen schadstoffbelasteten Körper. Solche Fragen sind nicht rein naturwissenschaftlich zu beantworten. Vielmehr sind hier auch die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften gefordert, einen neuen analytischen Umgang mit solchen hybriden Gegenständen zu finden.

 

Wie umgehen mit solch einem schwierigen Objekt? – Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften zeigen Perspektiven auf

Wichtige Beiträge dazu kommen unter anderem aus der sozial- und kulturwissenschaftlichen Wissenschafts- und Technikforschung, die den naturwissenschaftlich-technischen und gesellschaftlichen Umgang mit solchen Phänomenen empirisch untersucht. So zeigt der US-amerikanische Sozial- und Kulturanthropologe Stefan Helmreich in seinem mehrfach preisgekrönten Buch Alien Ocean: Anthropological Voyages in Microbial Seas (2009) aktuelle Entwicklungen in der Meeresforschung auf. Zwar ist Plastik hier nicht explizit Thema, wohl aber der produktive Kollaps und die kontinuierliche Umarbeitung von in Form von Gegensatzpaaren etablierten Kategorien. Wie der Titel bereits andeutet, diskutiert Helmreich anhand von Fallstudien insbesondere den zentralen, aber problematischen Status der Kategorie “eigen/fremd” in der Meeresmikrobiologie und im marinen Naturschutz. Ein Beispiel ist die verschränkte Umarbeitung sowohl “natürlicher” als auch “kultureller” Fragen von Zugehörigkeit und Fremdheit, wenn die Nachkommen weißer Kolonisten in freiwilliger Naturschutzarbeit die Strände von Hawai’i von “invasiven Arten” säubern. Ein anderes ist der doppelbödige diskursive Status des Lebens in der Tiefsee als fundamental “eigen” (im Sinne von irdisch und zeitgenössisch) und zugleich zutiefst “fremd”, der es Forscher*innen erlaubt, mikrobielle Lebensgemeinschaften der Tiefsee als Analoge für den (zeitlich Milliarden Jahre zurückliegenden) Beginn des Lebens sowie für (falls es existiert räumlich Milliarden Kilometer entferntes) extraterrestrisches Leben aufzufassen. Natürlich finden Sie Alien Ocean im Bestand der Staatsbibliothek.

Ein anderes interdisziplinäres Feld, das zum besseren Verständnis von kulturellen Praxen und Prozessen der Wissensproduktion rund um den Plastikmüll im Meer beiträgt, ist die sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung zum Thema “Abfall”, die so genannten Discard Studies. Viele der Bücher, die auf dem Discard Studies Blog empfohlen werden, finden Sie im Bestand der Staatsbibliothek – und sollten Sie sich für eines interessieren, das wir noch nicht erworben haben, können Sie natürlich jederzeit gerne einen Anschaffungsvorschlag machen. Im Bezug auf Plastikmüll besonders hervorzuheben ist der Sammelband Accumulation: The Material Politics of Plastic, herausgegeben von Jennifer Gabrys, Gay Hawkins und Mike Michael (2014). Er bietet eine Vielzahl aktueller sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektiven auf Plastik als Werkstoff, als Medium der Materialisierung bestimmter kultureller und gesellschaftlicher Verhältnisse, als Abfall und als Ausgangspunkt für kultur- und sozialwissenschaftliche Theoriebildung.

Eine der wenigen bisher vorgelegten sozial- und kulturwissenschaftlichen Arbeiten, die sich explizit mit dem Plastikmüll im Meer und der Plastisphäre beschäftigen ist Kim De Wolffs Dissertation Gyre Plastic: Science, Circulation and the Matter of the Great Pacific Garbage Patch (University of California San Diego, 2014). De Wolff diskutiert unter anderem den Zusammenbruch der Gegensatzpaare natürlich/künstlich, innen/außen und nützlich/schädlich, wie ihn Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen bei Versuchen erfahren, Meeresplastik und Meereslebewesen konzeptionell und praktisch zu entflechten. In den USA werden Dissertationen oft nicht gleich im Verlag veröffentlicht, sondern erst Jahre später und deutlich überarbeitet. So liegt auch Gyre Plastic noch nicht als Verlagspublikation vor. Es ist aber für jedermann auf der Open Access-Plattform der University of California verfügbar – und für registrierte Nutzer*innen der Staatsbibliothek zu Berlin zusätzlich über die lizensierte Datenbank ProQuest dissertations & theses global über die Sie die Promotionen vieler renommierten Universitäten insbesondere aus der angelsächsischen Welt zugreifen können.

 

Interessiert an diesem Thema? Kommen Sie zum Werkstattgespräch!

Auch in Deutschland beginnen Kultur- und Sozialwissenschaftler*innen, sich mit der Plastisphäre zu befassen und mit den Herausforderungen, die dieses hybride Objekt an unsere epistemischen und normativen Orientierungen stellt. So fördert etwa die VW Stiftung das Projekt Plastik als neue Lebensform von Dr. Sven Bergmann am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft der Universität Bremen.

Wenn Sie mehr über das Phänomen der Plastik-Naturen-Kulturen auf See und seine Bedeutung erfahren wollen, kommen doch Sie am Dienstag den 14.3. um 18.15 Uhr zum Werkstattgespräch in unsere Wissenswerkstatt. Dort wird Dr. Sven Bergmann unter anderem über seine ethnologische Feldarbeit mit Meeresbiolog*innen während deren naturwissenschaftlicher Feldarbeit berichten.

 

Vorschau: Bald geht die Urlaubssaison wieder los – lesen Sie pünktlich vor den Osterferien unseren nächsten Beitrag zum Thema Tourismus auf den Meeren!

"Andaman-Inseln - Fischfang mit Bogen." (um 1895), aus "Malerische Studien. Eine Reise um die Welt in 200 farbigen Photographien nach Naturaufnahmen", Leipzig: R. P. Koehler o.J. (1900); Bd. 2 | © bpk

Meeresbuffet – Versorgung und Ernährung aus dem Meer

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017.

 

Bevor sich erste Menschen mit selbstgebauten Booten auf das Meer wagten, oder vom Ufer aus mit Netzen, Reusen oder Speeren Fischfang betrieben, sammelten sie bereits an Land gespülte Gegenstände aber auch Muscheln und andere Schalentiere. Erste Funde in Terra Amata nahe Nizza konnten Archäologen auf ein Alter von ca. 400.000 Jahren datieren. Muschelhaufen aus späteren Epochen enthalten auch Steinwerkzeuge oder befinden sich in der Nähe von Feuerstellen, was eindeutig auf menschlichen Ursprung dieser Fundstellen schließen lässt. Strenggenommen handelt es sich hierbei meist um Abfallhaufen, durch deren Analyse heute weitreichende Rückschlüsse auf Lebensweise und Ernährung der Küstenbewohner gezogen werden können. Fundorte dieser historischen „Quellen“  – auch unter dem Fachbegriff „Kökkenmödding“ bekannt – sind in Europa vor allem an der Atlantikküste, aber auch auf allen anderen Kontinenten zu finden.

 

Maritimes Suchbeispiel Nr. 1:

Selbst mit dem sehr speziellen Fachbegriff „Kökkenmödding“, der aus dem Dänischen übersetzt so viel wie „Küchenmisthaufen“ bedeutet und sich vor allem auf prähistorische Überreste von Mahlzeiten aus Muscheln und anderen Meerestieren bezieht, lassen sich in unserer Literatursuchmaschine stabikat+ noch eine Vielzahl von Treffern ermitteln. Zum Suchbeispiel.

Doch irgendwann begnügten sich Jäger und Sammler nicht mehr mit dem, was ihnen das Meer eher zufällig vor die Füße spülte. Schritt für Schritt eroberten unsere Vorfahren Meere und Ozeane, indem sie sich anfangs mit einfachen Booten (Einbäumen) immer weiter von den Küsten entfernten, um ihren Lebensraum auszudehnen und ihren Speisezettel zu erweitern. Die ältesten Funde von gefangenen Hochseefischen stammen aus Osttimor und lassen sich auf ein Alter von 42.000 Jahren datieren. Zusammen mit den Gräten von Thunfischen, deren Fang aufgrund ihrer Größe Geschick und eine gewisse Planung voraussetzen, wurden dort in Höhlen auch Überreste von Angelzubehör entdeckt. Der bislang älteste Angelhaken – um 23.000 v. Chr. –  wurde aus der Schale einer Meeresschnecke hergestellt und hat eine Länge von vier Zentimetern. Der Fundort lässt auf eine Verwendung in Küstengewässern schließen.

Bilder-Atlas für Schüler : ein unterhaltendes Büchlein für jedermann. Bd. 3. 1870. SBB-PK (Signatur B XVIII 3b, 762-3) CC BY-NC-SA 3.0

Bilder-Atlas für Schüler : ein unterhaltendes Büchlein für jedermann. Bd. 3. 1870. SBB-PK (Signatur B XVIII 3b, 762-3) CC BY-NC-SA 3.0

Für die folgenden Jahrtausende nimmt die Zahl der Fundstücke stark zu, Angelhaken aus Knochen oder Horn überwiegen, es gibt aber auch Exemplare aus Feuerstein im Ostseeraum. Weitere Praktiken, Fische zur Strecke zu bringen, sind die Jagd mit Speeren und Harpunen, aber auch Stellzäune aus Haselruten oder Netze werden nicht nur an Binnengewässern genutzt. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass am Ende der Jungsteinzeit alle heute noch gebrauchten Geräte zum Fischfang in einer ersten Variante genutzt wurden.

Vor allem in Küstennähe fand eine Spezialisierung hin zum Fischfang statt. Im Einklang mit der Natur lebten Kulturen auf allen Kontinenten mit und vom Meer. Charakteristisch ist hier vor allem der Verzehr von frischem Fisch. Darüber hinaus werden aber auch Gebrauchs- und Kunstgegenstände aus Meeresprodukten hergestellt und gehandelt.

 

Maritimes Suchbeispiel Nr. 2:

In den Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek finden sich unzählige Beispiele mit Beschreibungen und historischen Darstellungen von Meerestieren oder Fischfang. Gerade für ältere Literatur eine Fundgrube. Zum Suchbeispiel.

 

Erst die Erfindung von Konservierungsmethoden wie Trocknen oder Einsalzen ermöglichten die Verbreitung von Meeresfischen auch im Landesinneren. Wenn diese Praktiken heute auch vielerorts als veraltet gelten, so haben sich doch zahlreiche regionale Spezialitäten aus dieser Zeit erhalten, wie z.B. Stock- oder Klippfisch.
Mit der verbesserten Haltbarmachung wuchs auch die Nachfrage nach der Nahrung aus dem Meer. Fischer blieben länger auf See, um größere Fangmengen zu erhalten. Zu diesem Zweck wurden die sogenannten „well-smack“ Boote entwickelt, die einen durch fließendes Meerwasser gefüllten Tank an Bord hatten, der es ermöglichte, den Fang über einen längeren Zeitraum lebend zu transportieren.

 

Maritimes Suchbeispiel Nr. 3:

Auch zu diesem sehr speziellen Suchbegriff “well-smack” finden Sie interessante Treffer in unserer Literatursuchmaschine stabikat+. Zum Suchbeispiel.

 

Mit der Industriellen Revolution erhöhte sich der Fischbedarf noch weiter, der Ausbau von Straßen- und Schienennetzen sowie die Erfindung der Dampfkraft trugen aber auch zu einer noch schnelleren Verbreitung der Waren bei.
Und auch im 20. Jahrhundert machte die technische Entwicklung keinen Halt. Stabilere, immer größere Schleppnetze, schwimmende Fischfabriken, die eine vollständige Verarbeitung des Fangs direkt an Bord ermöglichen, Echolotortung von Schwärmen, ausgedehnte Aquakulturen vor den Küsten, all das hat nicht mehr viel mit den ursprünglichen, naturnahen Praktiken unserer Vorfahren zu tun.

 

Great Yarmouth, Herring Fishing Fleet, circa 1936 | Britannica ImageQuest © Mirrorpix \ Universal Images Group

Great Yarmouth, Herring Fishing Fleet, circa 1936 | Britannica ImageQuest © Mirrorpix Universal Images Group

Eine Folge des auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter zunehmenden Hungers nach Meerestieren ist seit Jahrzehnten wahrzunehmen: Überfischung bedroht zahlreiche Arten der Meeresbewohner, darunter besonders die großen Raub- und Speisefische wie Hai, Schwert- und Thunfisch. Für die europäischen Fanggebiete galten bereits 2012 fast die Hälfte der Bestände als überfischt.

Durch strengere Fangquoten oder das Ausweisen von Schutzzonen versucht die Politik hier einzugreifen. Regionale Initiativen und Umweltorganisationen machen auf Überfischung und ihre Auswirkungen aufmerksam und bemühen sich, die Verbraucher mit ins Boot zu holen.
Greenpeace oder WWF informieren ausführlich auf ihren Webseiten und zeigen auf, was jeder Einzelne zur Lösung des Problems beitragen kann.

Mittlerweile besinnt man sich in vielen Küstenregionen wieder auf alte Traditionen und Methoden des Fischfangs. Hier stehen dann nicht mehr die hohen Erträge im Mittelpunkt sondern vielmehr die Bewahrung von Kulturgut und Brauchtum.

 

Vorschau: Die Überfischung ist nicht das einzige große Problem der Ozeane, auch Plastikteile im Meer gefährden das Ökosystem in bedrohlichem Maße. Lesen Sie  mehr zu diesem Thema im nächsten Beitrag!