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Die ungeheu(e)ren Dimensionen der Meere

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017

Ausgewählte (See-)Meilensteine der kartographischen Ozeandarstellung

Wie man heute weiß, wird die Erdoberfläche zu ca. 71 % von Ozeanen bedeckt. Deren maximale Tiefe beträgt ca. 11.000 Meter, ihre durchschnittliche etwa 3.800 Meter.

Trotz der Unkenntnis derartiger Zahlen, oder womöglich gerade deswegen, war der Mensch immer schon fasziniert von den Dimensionen des Weltmeers, auch wenn die schier unendliche Weite der Wasserflächen und die damit verbundenen enormen Reisedistanzen ihn vor große nautische und mithin kartographische Herausforderungen stellten. Und galt der Ozean in frühen Vorstellungen der Griechen vom Abyssos gar als bodenlos, blieben noch bis in die Neuzeit fundierte Kenntnisse über die Meerestiefe verborgen. Dennoch war auch sie mindestens seit dem Mittelalter immer auch Gegenstand der Seekartographie, und sei es nur indirekt in Form verzeichneter Untiefen oder symbolhaft durch die Abbildung sowohl realer Seelebewesen als auch schrecklicher Ungeheuer, von denen Seefahrer berichteten.
Die berühmte Carta marina des Olaus Magnus ist dabei, wie Chet van Duzer in seinem 2014 erschienenen Buch Sea monsters on medieval and Renaissance maps über die jahrhundertelange Verwendung dieser Darstellungsform der Tiefe ausführt, nicht deren einziger Beleg. Kartographen konnten auf diese Weise einerseits überlieferte Gefahren der unbekannten Tiefsee darstellen und andererseits ganz pragmatisch die in den Karten aufgrund neuer Entdeckungen immer größer werdenden Meeresflächen redaktionell befüllen.

Erst die enormen technischen Errungenschaften der Neuzeit, vornehmlich auf den Gebieten der Nautik, Kartographie und Ozeanographie (hier v.a. der Bathymetrie mittels Echolot) führte die Wissenschaft von der antiken, eindimensionalen Seeroutenbeschreibung über die flächenhafte, teilweise immer noch auf Erkenntnissen der Antike fußende, mittelalterliche Darstellung zum neuzeitlichen, hoch aufgelösten 3D-Modell des Meeresbodenreliefs. Die ungeheuren Meeresdimensionen haben im Laufe dieser Entwicklung trotz der zwischenzeitlichen Entdeckung von Riesenkalmaren längst ihren Schrecken verloren. Seeungeheuer oder Monsterfische durchstreifen allenfalls die virtuelle Realität animierter Filme und Video-Spiele.


Kosmographie. Christliches Weltbild.

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Radkarte aus Isidor von Sevillas Etymologiae, Erstdruck Günther Zainer, 1472. Quelle: Wikipedia

In den Faksimiles und der Literatur zur Geschichte der Seekartographie, deren bedeutendste Werke im Kartenlesesaal Unter den Linden aufgestellt sind, werden die ersten belegten / überlieferten Manuskripte, die die Weltmeere nicht nur in Textform kosmographisch beschreiben, sondern auch tatsächlich mehr oder weniger kartographisch abbilden, der Klosterkartographie des Mittelalters zugeschrieben, weswegen sie auch als Mönchskarten bezeichnet werden.
Diese waren häufig als kleine, kreisrunde Textgrafiken, sog. Radkarten, in Kodizes des 8. bis 11. Jahrhunderts enthalten und bildeten in stark schematisierter Weise das christliche Weltbild ab. Zumeist geostet, und gegen Ende dieser Zeitspanne fast immer mit Jerusalem bzw. dem Heiligen Land im Zentrum, teilt auf ihnen das Meer auf T-förmige Weise die drei bekannten Kontinente Asien (oben, häufig mit „Paradies“), Europa (links) und Afrika (auch „Lybia“, rechts) und umrahmt diese zudem als zusammenhängendes Weltmeer mit einem O-förmigen Ring. Daher verwenden Kartographen heutzutage auch häufig den Begriff TO-Karte.

Inhaltlich basieren nahezu alle genannten, zu den mappae mundi zählenden Kartentypen auf den geographischen Beschreibungen der Etymologiae des Isidor von Sevilla, der wiederum das kosmographische Wissen der Antike zusammentrug.

Beispiel Beatuskarte: World map, Apocalypse of St.Sever,c.1076 - Quelle: Britannica ImageQuest © akg Images / Universal Images Group

Beatuskarte: World map, Apocalypse of St.Sever,c.1076 – Quelle: Britannica ImageQuest © akg Images / Universal Images Group

Als einer der ersten von den bis in die Renaissance aktiven Rezeptionisten setzte der Benediktinermönch Beatus von Liébana in seinem 776-786 verfassten Kommentar zur Apokalypse des Johannes die Weltsicht Isidors auch kartographisch um und legte mit dieser in der Folge oftmals von Kopisten nachgezeichneten und teilweise auch ergänzten Weltkarte den Grundstein für die nach ihm benannten Beatuskarten.
Diese zeichnen sich bereits durch wesentlich reichhaltigere geographische Details, v.a. hinsichtlich der Küstenformen und der Lage der Kontinente zueinander aus. Zudem ist  immer auch eine im Süden gelegene vierte Weltgegend („orbis quarta pars“) eingezeichnet.
Der die Kontinente umrahmende ozeanische Ring sowie das gesamte Kartenformat weisen dadurch nun eine meist quer-ovale oder rechteckige Form auf.

 


Navigation. Entdeckung.

Einen Quantensprung bedeutete für die Seekartographie das plötzliche und von der Wissenschaft nie geklärte Aufkommen der Portolankarten im Mittel- und Schwarzmeerraum. Vermutlich gehen sie auf die Periploi der antiken Nautik zurück, die neben Seerouten vor allem Küstenlinien beschrieben sowie diverse Landmarken mit den sie trennenden Entfernungen auflisteten.
Ungeachtet der Tatsache, dass die Portolankarten im Vergleich zu den mappae mundi nur noch Teilausschnitte der Erde abbildeten und ihr somit deutlich größerer Maßstab eine detailgetreuere Geographie überhaupt erst zuließ, erreichten sie bereits eine auch aus moderner Sicht noch äußerst beachtliche Lagerichtigkeit.

Mittels des markanten Liniennetzes und des Kompasses ließ sich fortan auch küstenfern der Schiffskurs so exakt wie nie zuvor bestimmen. Die auch Rumbenlinien genannten Netzgeraden verlaufen immer strahlenförmig vom Zentrum der Karte sowie von meist 16 gleichmäßig auf einer Kreislinie verteilten Punkten („Windrosen“), weswegen diese Karten auch Windstrahlen- oder Rumbenkarte genannt werden. Dabei sind die Linien der jeweils vier Haupt- und Zwischenhimmelsrichtungen stets schwarz, die der Halb-Winde grün, die der Viertel-Winde rot gefärbt. Auch die Hafenorte wurden ihrer damaligen Bedeutung entsprechend in verschiedenen Farben dargestellt.

Die größtenteils auf Pergament gezeichneten und graphisch nicht selten prunkvoll ausgestatteten Portolankarten ergänzten oft die textlichen Routen- und Küstenbeschreibungen der sog. Portolane, mit denen sich die bedeutenden Seefahrer des 15. und 16. Jahrhunderts auf ihre Entdeckungsfahrten begaben. Durch die Erkenntnisse dieser Reisen und dank der stetigen inhaltlichen Ergänzung resp. kartographischen Fortführung der Portolankarten durch die Seefahrer verdichtete sich das geographische Weltbild vor allem hinsichtlich der kontinentalen Küstenverläufe sowie der globalen Land-Meerverteilung. Für die beginnende europäische Expansion war dieser Kartentyp fortan sehr bedeutend, so dass er stetig steigende Verwendung sowie immer größere Verbreitung fand und bereits erste Portolankartenserien entstanden.

Portolankarte des Vesconte Maggiolo (1541). Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin-PK CC NC-BY-SA

Je nach Format sind Portolankarten sowohl als Einzelblätter als auch als Atlanten erhalten.Als prominente Beispiele der Staatsbibliothek zu Berlin seien aus der Kartenabteilung die Karte von Vesconte Maggiolo aus dem Jahre 1541 und aus der Handschriftenabteilung der nach 1540 erschienene Atlas von Battista Agnese genannt.
In diesem Exemplar (Agnese, Battista: Portulan-Atlas : Ms. Ham. 529, [nach 1540]) ist zudem eine Skandinavienkarte eingebunden, die noch einmal belegt, dass sich auch nach 1540 noch vereinzelt fantasievolle Seelebewesen in den Wasserflächen des Kartenbilds von Portolankarten tummeln. Ein weiterer Agnese-Atlas befindet sich in der Kartenabteilung (Sign. 2° Kart B 118).


Projektion. Exakte Wissenschaft.

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Erste Mercator-Projektion von 1569. Quelle: Wikipedia

Als größter Meilenstein der frühneuzeitlichen Kartographie, durch den sie fortan zu den exakten mathematischen Wissenschaften gerechnet wurde, gilt Gerhard Mercators 1569 erschienene Weltkarte Nova et aucta orbis terrae descriptio ad usum navigantium.
Den nachhaltigen Erfolg seiner Karte verdankte Mercator vornehmlich der Tatsache, dass durch die Winkeltreue ihrer Projektion fortan die Kurslinie zwischen zwei Punkten selbst über große Distanzen als Gerade gezeichnet werden konnte, da sie die Meridiane unter immer gleichem Winkel schneidet, was die Navigation ungemein vereinfachte. Auch alle heutigen Seekarten verwenden daher noch immer, wenn nicht den Mercator-, so doch zumindest einen winkeltreuen Kartenentwurf.

Aber nicht nur die Seekartographie, sondern auch die Abbildung der festen Erdoberfläche wurde ab dem 19. Jahrhundert von Mercators Projektion geprägt, obwohl diese weder längen- noch flächentreu erfolgt.
Der vermutlich größte und eigentlich unübersehbare Nachteil derartiger Kartenentwürfe aber, nämlich die extreme Streckung der Meridiane in den polaren Breiten (die Pole selbst liegen im Unendlichen) wird dabei auch heute noch oft vernachlässigt. Denn sowohl für die Weltbevölkerung als auch die Seeschifffahrt stellen vornehmlich jeweils die mittleren oder niederen Breiten den zentralen und somit flächenhaft nur gering verzerrten Lebens- bzw. Aktionsraum dar.
Kaum einem Betrachter fällt daher auf, dass Mercator-Karten die Erde mehr oder weniger rechteckig und die polaren Regionen, mithin bspw. auch den arktischen Ozean, nur unvollständig abbilden. Stattdessen endet das Kartenbild auf der Nordhalbkugel zumeist bei 80° N und auf der Südhalbkugel, wo die bewohnten Landmassen generell nicht so weit polwärts reichen, auch schon mal bei 75° S.

Als populärstes Beispiel eines aus der Mercator-Projektion resultierenden Größenproblems, wie es u.a. Tobias Dorfer im Teilchen-Blog von Zeit online veranschaulicht, sei Grönland genannt, das nahezu so groß wie Afrika erscheint, dessen Fläche jedoch 14 mal größer als die Grönlands ist.


Bathymetrie. Ozeanographie.

Im Fokus der neuzeitlichen Darstellung der Meere steht eindeutig die dritte Dimension und zwar in zweierlei Hinsicht. Denn neben der entsprechenden Weiterentwicklung von Seekarten für die Schifffahrt gewinnt spätestens mit der Challenger-Expedition (1872-1876) die moderne Meereskunde, sowohl aus Sicht der Meeresbiologie als auch der physikalischen Ozeanographie rasant an Bedeutung. Deren Erkenntnisse über hydrochemische, hydrophysikalische sowie meeresbiologische Parameter des ozeanischen Wasserkörpers per se schlagen sich nun erstmalig auch in thematischen Karten bspw. zur Salinität, den Meeresströmungen oder der Verbreitung von Arten u.v.m. nieder.

Die klassischen Seekarten wurden seit Mercators Wirken, nicht zuletzt befeuert von den machtpolitischen Bedürfnissen bedeutender Seefahrtnationen, deutlich großmaßstäbiger und detaillierter und in der Folge verstärkt als amtliche Kartenserien nationaler hydrographischer Institutionen herausgegeben, so bspw. seit 1850 vom Reichs-Marine-Amt die Deutsche Admiralitätskarte (seit 1949 vom heutigen Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie als Deutsche Seekarte fortgesetzt). Deren Kartenbilder vermitteln im Laufe der letzten 200 Jahre immer präziser und dichter werdende Informationen über die Meerestopographie in Form von Tiefenschichten, -linien und/oder –punkten. Auch offizielle Seerouten sowie international standardisierte nautische Seezeichen bestimmen fortan das Kartenbild mit.

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Ausschnitt einer elektronischen Seekarte der Beringstraße. Quelle: Wikipedia

Durch den wachsenden Druck, in immer engeren Zyklen aktuelle Fortschreibungen herausgeben zu müssen und angesichts der Möglichkeiten digitaler Kartographie sind zahlreiche gedruckte Seekartenserien zugunsten amtlicher elektronischer Seekarten eingestellt worden. Gespannt darf man sein, ob und wie im Zeitalter sozialer Medien analog zum erfolgreichen Crowdsourcing-Projekt OpenStreetMap auch dessen seekartographisches Pendant OpenSeaMap zur Entwicklung freier Seekarten beitragen können wird.

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Topographische und bathymetrische Schummerungskarte der Erde. Quelle: NASA/Goddard Space Flight Center Scientific Visualization Studio

Beide Disziplinen, Seekartographie und Meereskunde, eint das Interesse am Meeresboden. Aufgrund des flächenhaften Einsatzes des Echolots ab den 1920er Jahren steht heute für sämtliche Meeresböden der Erde bathymetrisches Kartenmaterial in Fom von Karten, dreidimensionalen Gelände- bzw. Reliefmodellen und Globen  quasi  lückenlos zur Verfügung. In seiner Gesamtheit stellt dies den bislang letzten und modernsten Meilenstein der Meereskartographie dar.

Auch wenn somit die Meere hinsichtlich aller Dimensionen erkundet, vermessen und visualisiert werden konnten, steht die Meeresforschung inhaltlich oft erst am Beginn vieler neuer spannender Forschungsfelder. Mitunter haben diese auch einen kartographischen Bezug, wie der eine oder andere Blogbeitrag zum Wissenschaftsjahr zeigt.

Dimensionen und deren Eindrücke auf den Menschen sind immer auch abhängig von Perspektive und Maßstab. So muss man sich z.B. im Falle von (Ozean-)Reliefmodellen stets der oft hundertfachen Überhöhung resp. “Übertiefung” und somit deren relativer Größe gewahr sein.
Aber aus der Tatsache heraus, dass selbst die eingangs erwähnte tiefste Stelle des Meeres lediglich ca. 0,17 % des Erdradius ausmacht, den Ozean als „Feuchtefilm der Erde“ abzuqualifizieren, wäre einfach nur eines: Ungeheuerlich!

Vorschau: Reif für die Insel? Da können wir helfen! Kommen Sie mit zum gedanklichen Insel-Hopping in unserem nächsten Beitrag rund um Inseln, Inselstädte und Inselbücher!

Meer oder weniger Meer in der Literatur

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017

Meere und Ozeane sind noch immer geheimnisvoll und in weiten Teilen geradezu sprichwörtlich unerforscht, obwohl sie seit langem schon Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen sind. Welchen Beitrag kann die Literatur hier leisten? Oder besser, unkonventionell gefragt, wie trägt diese Unerforschtheit zur Themenbildung in der Literatur bei? Gerade das Unbekannte bietet eine hervorragende Projektionsfläche für Fantasien, Hypothesen, ja überhaupt für Gegenentwürfe zur bekannten Realität.

Ohne weiteres wird man zustimmen, dass das Meer in der Literatur häufig anzutreffen ist. Und in der Tat: Aus der Flut unserer Neuerwerbungen der letzten Jahre lässt sich mit einer gezielten Abfrage ein ganzer Schwung Bücher zum Motiv des Meeres in der Literatur aus dem StaBiKat herausfischen: xbkl 17.93 xsww Meer <Motiv>

Hinzu kommen Untersuchungen zum Wasser, der Seefahrt und verwandten literarischen Themen sowie eine große Zahl allgemeiner stoff- und motivkundlicher Werke. Nicht zu vergessen die zahlreichen ältere Titel, die bei uns anders sachlich aufbereitet sind. Konsultieren wir die Stoff- und Motivlexika in den Allgemeinen Lesesälen Unter den Linden und Potsdamer Straße, so ergibt sich ein differenzierteres Bild: Herausgehoben ist die symbolische Funktion des Meeres, weshalb es gerade in Märchen und der Volksliteratur insgesamt sehr präsent ist. Diese Symbole wirken noch in der modernen Autorenliteratur fort.

Das Metzler Lexikon literarischer Symbole nennt drei Symbolkreise, die teilweise ineinander übergehen, wobei zwei davon ebenso für das Wasser allgemein angeführt werden:

Das Meer als Symbol des Weiblichen, der Regression und des Zyklus von Geburt und Tod steht neben dem Wasser als Symbol des Ursprungs, des Lebens und des Todes. In vielen Schöpfungsmythen sind Wasser und Meer Urgrund des Seins, waren bereits vor der Erschaffung der Welt vorhanden. Ebenso gehen Auflösungs- und Todesvorstellungen mit Meer und Ozean einher. Die Vorstellung vom Wasser als etwas Weiblichen löst einerseits Angst, andererseits erotische Sehnsüchte aus und findet ihren Ausdruck in lockenden weiblichen Wasserwesen, die wahlweise im Meer oder in Seen, Flüssen oder Quellen beheimatet sind. Denn selbst wenn Seejungfrauen, Meeresnymphen und Meerfeen ausdrücklich im Meer verortet sind, wie beispielsweise die kleine Seejungfrau von Hans Christian Andersen in Den lille havfrue, so unterscheiden sie sich doch nicht wesentlich von ihren Schwestern Nixe, Undine, Melusine, die sich in der Regel in Flüssen und Seen aufhalten, und auch ihre Konflikte sind ähnlich; die Autoren haben ihre Geschöpfe nicht einmal speziell für das Leben im Salzwasser ausgestattet.

Das Symbol des Unbewussten und der Erinnerung teilt das Meer ebenfalls mit dem Wasser, das in ähnlicher Weise die ungeordnete Fülle des Unbewussten symbolisiert. Das Meer wird zu etwas Unheimlichen, Rätselhaften, unter dessen Oberfläche vieles verborgen bleibt. Die Tiefe des Meeres ist Abbild des Unbewussten, dem schöpferische Kraft innewohnt. Der Meeresgrund steht für das dem Menschen Unbekannte, ist prachtvoll und beängstigend zugleich; der Meeresgrund als Seelengrund ist zum Symbol für unbekannte Sehnsüchte und Träume geworden. Doch auch dem Wasser als solchem wird zugeschrieben, Element der Sehnsucht und symbolischer Ort der Wünsche zu sein, wofür das Bild der verführenden Nixe steht.

Die Meereslyrik setzt das Symbol des Unbewussten in noch anderen Facetten um: An die Darstellung des Meeres knüpfen sich Betrachtungen über Vergangenheit und Zukunft, Gedanken an die Unendlichkeit der Schöpfung, ihre Harmonie und den Platz des Menschen darin, die eigene Unsterblichkeit. Das Ausmalen einer Naturstimmung dient – wie in der Naturlyrik allgemein – der Wiedergabe von Gemütsstimmungen und ruft Gefühle, Erinnerungen, Fantasiebilder hervor.

Nun aber wird es eindeutig maritim! Das Symbol der Herausforderung und der Bewährung beruht auf der Fremdheit und Gefährlichkeit des Meeres vor allem für die Seefahrt. Von jeher gilt das Meer in nahezu allen Schriftkulturen als höchst bedrohliches Element. Mit dem Meer ist die Vorstellung von Unendlichkeit, Unausschöpfbarkeit, Unergründlich in Weite und Tiefe, von Einsamkeit, Verlassenheit, Ausgeliefertsein und Unberechenbarkeit verbunden. Es steht für Bedrohung, Gefahr, Maßlosigkeit und als lebens- und götterfeindlich die Schöpfung bedrohende Macht. Das von dämonischen Mächten, Sünde und Tod bewohnte Meer wurde sogar mit der teuflischen Welt gleichgesetzt. Ebenso alt wie die Vorstellung vom bedrohlichen Meer ist die Metapher des Schiffs. Ist das Meer teuflisch, so ist es zum Schiff als Versinnbildlichung der christlichen Kirche nicht weit, das einzig Rettung aus dem Sündenmeer verheißt.

Gleichzeitig stellt das furchterregende, schier unbezwingbare Meer eine (göttliche) Grenze des menschlichen Lebensraums dar. Dieses Motiv bietet Raum für Bewährungsversuche gegen die Mächte des Schicksals: Erst durch die Überwindung der Angst kann das Meer räumlich und mental bezwungen werden. Von den Seefahrern wird großer Mut, Zuversicht und Urvertrauen in die Götter verlangt, um sich den gefahrvollen Abenteuerreisen und unberechenbaren Stürmen zu stellen, denn der Preis für die Grenzüberschreitung bleibt die stets vorhandene Möglichkeit ihres Scheiterns durch Schiffbruch oder Irrfahrt.

Schiff und Meeresüberquerung werden auch als Metapher für die Lebensreise gebraucht: So unberechenbares wie das Meer ist das Glück, glückhafte Schifffahrt und drohender Schiffbruch stehen als Daseinsmetaphern für den Lauf des Schicksals.

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Wie sieht es nun mit den maritim assoziierten Topoi in der Literatur konkret aus? Sehen wir uns ein paar Themen und Werktitel in Hinsicht auf ihren Bezug zu den Schwerpunkten des Wissenschaftsjahres an.

Im Zusammenhang mit Meeresdichtung ist leicht das Bild von der einsamen Insel vor Augen, auf der sich eine Robinsonade abspielt. Verständlich, schließlich wird die Insel zu einer solchen dadurch, dass sie von Wasser umgeben ist. Und erst im Meer ist von Wasser umgebenes Land so richtig „isoliert“(!). Doch Geschichten vom Inseldasein werden meist nicht im Kontext des Meer-Motivs in der Sekundärliteratur abgehandelt, auch wenn nicht selten ein Schiffbruch zu diesem Aufenthalt geführt hat. Das hat seinen Grund darin, dass in den Werken andere Aspekte im Vordergrund stehen: die räumliche Entfernung von der Zivilisation, die den Rahmen für Selbstbehauptung in Bewährungsproben oder für die Entwicklung einer Gemeinschaft und die Umsetzung utopischer Gesellschaftsentwürfe bietet.

Nicht nur Assoziationen, auch Werktitel können in die Irre führen. So ließe „Auf hoher See“ an sich eine Auseinandersetzung mit dem Meer erwarten, wüsste man nicht, dass es sich um ein absurdes Drama von Sławomir Mrożek handelt (z.B. in Stücke; Originaltitel Na pełnym morzu, in: Dialog 1961, Nr. 2). Nur der Ort des Geschehens ist benannt: 3 Schiffbrüchige, gerettet auf ein Floß, mitten im Meer. Der Konflikt dagegen ist ein sozialer, der zudem als politische Allegorie aufgefasst werden kann. Neue Beziehungsgefüge und Machtverhältnisse bilden sich in dieser Extremsituation heraus, bis schließlich die Möglichkeit individueller Freiheit unter den Bedingungen der Fremdbestimmtheit ausgelotet wird. Die Handlung könnte genauso gut in der Wüste oder in einer von der Außenwelt abgeschnittenen Berggegend spielen. Allerdings schwingt hier die Symbolik des Meeres als schreckliche und unüberwindbare Grenze mit, wodurch das Existentielle des Konflikts unterstrichen wird.

Seefahrerromane haben per se etwas mit dem Meer zu tun, denn keine Seefahrt ohne Meer! Doch nicht immer wird es wirklich im Sinne einer aktiven Aneignung thematisiert. Oftmals steht die symbolische Bedeutung des Überschreitens und der damit verbundenen Selbstbehauptung oder Möglichkeit des Scheiterns im Mittelpunkt. Andere Werke richten ihr Augenmerk auf die Ankunft am anderen Meeresufer und schildern Entdeckung und Kolonialisierung, aber auch das Erkunden der Fremde. In wieder anderen Romanen wird das Leben auf dem Schiff mit seinen täglichen Verrichtungen und zwischenmenschlichen Beziehungen beschrieben. Das Meer ist hier „einfach da“, muss überwunden werden, prägt die Seefahrt in ihrem Verlauf, evoziert nebenher Stimmungen, Gedanken, Erinnerungen. Ein Bemühen, das Meer zu verstehen und zu erforschen, bleibt häufiger aus, als man meinen würde.

Doch nicht immer: Es gibt durchaus Seefahrerromane, die sich tatsächlich mit dem Meer und seinen Bewohnern auseinandersetzen. Paradebeispiel dafür ist Herman Melvilles Moby-Dick; or, The Whale (so die Titelfassung der ersten Ausgabe, 1851).

MELVILLE: MOBY DICK. Pehe Nu-E. The only known picture of 'Moby Dick' drawn during Melville's lifetime. Wood engraving, late 19th century. Quelle: Britannica ImageQuest. Copyright: The Granger Collection/Universal Images Group

MELVILLE: MOBY DICK.
Pehe Nu-E. The only known picture of ‘Moby Dick’ drawn during Melville’s lifetime. Wood engraving, late 19th century. Quelle: Britannica ImageQuest. Copyright: The Granger Collection/Universal Images Group

Einerseits kann man die Leitidee der Rache am im Titel sogar namentlich genannten weißen Wal als Metapher für den existentiellen Kampf mit dem Übel der Welt, ein Auflehnen gegen Gott lesen. Andererseits würde die Beschränkung auf diese symbolische Dimension dem Roman nicht gerecht: Ausführliche, auf reiches Quellenmaterial gestützte Beschreibungen der Natur und kulturellen Bedeutung der Wale, des Walfangs und der Verarbeitung des Fangs nehmen breiten Raum ein, wenngleich auch philosophische Betrachtungen nicht fehlen. Bleibt die Frage: Woher haben Wale Namen, die ihnen selbst mit Sicherheit nicht bekannt sind? – Herman Melville hat den für Moby Dick jedenfalls von einem weißen Wal namens „Mocha Dick“, über den 1839 ein Bericht von Jeremiah Reynolds in The Knickebocker veröffentlicht wurde. Und dessen Name ist seinerseits motiviert: Der Wal wurde vor der chilenischen Küste in der Nähe der Insel Mocha gesichtet.Wer mag, kann Reynolds‘ Bericht übrigens in moderner Typographie in Herman Melville’s “Moby-Dick” : a documentary volume nachlesen und sich davon ein Bild machen, wieviel Moby Dick mit seinem realen Vorbild gemeinsam hat.

Spielt sich die Seefahrt unter Wasser ab, so ist man den unbekannten Meerestiefen zwangsläufig viel näher, eine Auseinandersetzung mit dem Unbekannten drängt sich auf. So ließ es Jules Verne der U-Boot-Besatzung in seinem utopischen Abenteuerroman Vingt mille lieues sous les mers  (1869/70) ergehen.  – Was hat es aber mit den 20.000 Meilen „unter den Meeren“ auf sich? Als Maßeinheit sind „metrische“ Meilen à 4 km anzusetzen, wie konkrete Berechnungen im Romantext eindeutig belegen. Es handelt sich also um 80.000 km, womit die Länge der zurückgelegten Strecke gemeint ist, nicht die Tauchtiefe: Die Maße des Erdradius‘ von 6357 – 6378 km waren Jules Verne bekannt. Auf die genaue Angabe kam es ihm hier aber gar nicht an, er schwankte lange zwischen verschiedenen Titelvarianten. Entscheidend ist lediglich, dass die Strecke wesentlich länger ist als der Erdumfang (am Äquator 40.077 km), so dass das U-Boot theoretisch überall gewesen sein kann.

Illustrations de Vingt mille lieues sous les mers / Alphonse de Neuville: Fig. p. 201, en bandeau de la 2 ° partie : Pêche des naufragés. Quelle: Bibliothèque nationale de France via Gallica

Bei einem Autor, der seine Protagonisten bereits in die Luft, zum Mond und zum Mittelpunkt der Erde geschickt hatte, mag es nicht überflüssig sein darauf hinzuweisen, dass die 20.000 Meilen nicht tatsächlich „unter den Meeren“ zurückgelegt wurden, sondern streng genommen unter der Meeresoberfläche, also mitten im Wasser selbst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In den Tiefen der Ozeane finden wir auch die Ursache für weltweite Meereskatastrophen und aus dem Meer kommende Angriffe auf den Menschen, die Frank Schätzing in seinem Ökothriller Der Schwarm (2004) schildert. Der Roman könnte als Illustration des Begriffes der „Schwarmintelligenz“   geschrieben sein, zu einer Zeit, da das Wort noch nicht hauptsächlich in übertragenem Sinne in der Internet-Community gebraucht wurde. Die mit genetischem Informationsspeicher ausgestatteten, als Yrr benannten Einzeller in der Tiefsee verfügen in ihrer Gesamtheit über ein riesiges Intelligenzpotential, das sie, zusammengeschlossen zu größeren Verbänden mit „Kollektivintelligenz“, zur Rache an der Menschheit für die Misshandlung der Meere nutzen.

Der bloße Romantitel nimmt noch nicht eindeutig Bezug auf das Meer, denn Schwärme gibt es auch in der Luft – denken wir nur an Vogel- oder Bienenschwärme. Vielleicht aus Unsicherheit, auf welche Sorte „Schwarm“ angespielt wird, vielleicht aus anderen Gründen – die zahlreichen bisher erschienenen Übersetzungen in verschiedenste Sprachen (vgl. DNB) gehen unterschiedlich mit dem Werktitel um: Wörtlich übersetzt wurde er für das Niederländische, Ungarische, Englische, Russische, Brasilianisch-Portugiesische, Griechische, Norwegische, Chinesische, Türkische, Estnische, die erste Auflage der schwedischen und eine erste französische Übersetzung. „Der fünfte Tag“, eine im Roman selbst aufgegriffene Anspielung auf den 5. Schöpfungstag (Erschaffung der Tiere der Lüfte und des Wassers), wurde als Titel der italienischen, spanischen, portugiesischen, slowenischen, dänischen und zweiten Auflage der schwedischen Übersetzungen gewählt. Im Slowakischen und Polnischen entschied man sich für „Die Rache des Ozeans“, ähnlich im Tschechischen für „Aufruhr des Ozeans“. „Tiefen“, „Abgründe“ heißt der Roman auf rumänisch bzw. in einer zweiten französischen Übersetzung, „Untiere“ auf finnisch. Im Japanischen gar werden die Yrr bereits im Titel erwähnt: „Yrr in der Tiefe des Meeres“.

Die Ansiedlung der Einzeller ausgerechnet im Meer ist zwar nicht zwingend, liegt aber insofern nahe, als dass die Existenz einer bislang unentdeckten Lebensform auf der Erde nirgends wahrscheinlicher ist als hier. – Wer weiß …?

Vorschau: Ob auf den Meeren oder unter ihrer Oberfläche, beim Aufbruch zu neuen Ufern oder auf der “Fahrt durchs Leben“ – Orientierungshilfen sind gefragt! Für den Lebensweg können wir sie hier nicht geben, aber zumindest für die weiten Ozeane ist Hilfe zur Hand: Lesen Sie im nächsten Beitrag Wissenswertes über Seekarten aus Geschichte und Gegenwart.

Neue Blogreihe: Meere und Ozeane

Am 7. Juni fiel der Startschuss für das aktuelle Wissenschaftsjahr 2016*2017, das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Initiative Wissenschaft im Dialog ausgerichtet wird. Im Zentrum stehen dieses Mal Meere und Ozeane. Unter dem Motto Entdecken. Nutzen. Schützen finden zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen zu den sechs Themenschwerpunkten Nahrungsquelle und Schatzkammer, Rohstofflager und Energielieferant, Arktis und Antarktis, Wetterküche und Klimamaschine, Seestraße und Handelsroute sowie Sehnsuchtsort und Naturgewalt statt.

Vielleicht sind Sie bereits an Bord der MS Wissenschaft gewesen, die im Juni am Berliner Schiffbauerdamm ankerte und zur Mitmach-Ausstellung „Meere und Ozeane“ einlud, und können nun nicht genug davon bekommen? Oder Sie kommen gerade aus dem Sommerurlaub an der See zurück und vermissen die frische Meeresluft? Die Berliner Luft hat zwar “einen holden Duft”, wie schon Heinrich Bolten-Baeckers – Texter der Berliner Landeshymne – wusste, doch wahrlich keinen salzhaltigen, und die Spree ist auch nicht ganz ein Ozean, doch Berlin, vor allem aber die Staatsbibliothek zu Berlin hat Ihnen da einiges zum Thema zu bieten – nicht nur architektonisch mit dem „großen Bibliothekstanker“ Hans Scharouns mit seinen Bullaugenfenstern und den relingartigen Galerien. Deshalb setzen wir für Sie die Segel und stechen in See zu einer Entdeckungsreise durch unsere Fachgebiete und Sammlungsbereiche.

In der Blogreihe „Meere und Ozeane“ schließen wir uns dem Motto Entdecken. Nutzen. Schützen an und berichten während des Wissenschaftsjahrs regelmäßig über allerlei Wissenswertes zum Thema aus verschiedenen Fachgebieten, besondere Buchschätze und skurrile Fakten – mal ernsthafter, mal unterhaltsamer, und immer mit Bezug zu unseren Sammlungen. Freuen Sie sich beispielsweise auf Beiträge aus den Bereichen Politik, Technik, Literatur, Geografie, Tourismus und vieles mehr.

Lichten Sie mit uns die Anker und tauchen Sie gleich zum Auftakt mit uns ab in die Tiefsee – mit einem Beitrag aus der Zoologie: Zwischen Mythos und Wissen: Vom Leviathan zum Riesenkalmar.