Von der Schulbank nach Stalingrad. Zeugnisse junger deutscher und sowjetischer Soldaten

  • Termin

    Mi, 9. Mai 2018
    18.15 Uhr

  • Veranstaltungsort

    Staatsbibliothek zu Berlin
    Dietrich-Bonhoeffer-Saal
    Potsdamer Straße 33
    10785 Berlin

    Eintritt frei, Anmeldung erbeten

  • Anfahrt

    S + U Potsdamer Platz

    Bushaltestelle
    H Potsdamer Brücke (Bus M29)
    H Varian-Fry-Straße (Bus 200)
    H Kulturforum (Bus M48)

Foto: Nach Stalingrad 13 km. Feldpostbrief Helmut Gründling vom 23.10.1942. Junge deutsche und sowjetische Soldaten in Stalingrad hrsg. von Jens Ebert (Wallstein Verlag, Göttingen)

Buchvorstellung und Werkstattgespräch mit Dr. Jens Ebert

Die Generation der zwischen 1911 und 1928 Geborenen trug die Hauptlast des Kriegseinsatzes, insbesondere an der Ostfront. Ihr oftmals kurzes Leben hinterließ weniger Spuren als das der Älteren oder Jüngeren. Es war die Generation, die besonders stark durch das NS-System sozialisiert wurde und auch von diesem speziell ideologisch angesprochen wurde.

Die Schlacht um Stalingrad 1941/43 hat sich in das europäische Bewusstsein tief als die Wende im Zweiten Weltkrieg eingegraben, obwohl sich diese Sicht militärhistorisch so nicht untermauern lässt. Über Jahrzehnte hinweg, bis in unsere Gegenwart spielte die symbolüberladene Schlacht eine zentrale Rolle in der Erinnerung an den Krieg. Stalingrad war nicht nur eine bedeutende militärische Auseinandersetzung zwischen Wehrmacht und Roter Armee. Die Schlacht wurde von den Kriegsgegnern ideologisch und weltanschaulich aufgeladen.

Der Band dokumentiert die Erfahrungen speziell jüngerer Wehrmachtssoldaten während der Schlacht um Stalingrad, so wie sie sich in den Feldpostbriefen artikulieren. Im Mittelpunkt stehen die Texte von Helmut Gründling (Jahrgang 1923, geboren in Oberhausen, Anfang 1943 vermisst in Stalingrad). In der bildungsbürgerlichen Familie wurde G. angeregt, sich früh und intensiv mit Kunst Musik und Literatur zu beschäftigen. Seine Bildung und Ausbildung lässt die Briefe zu wichtigen Zeitzeugnissen eines Jugendlichen im Krieg werden. Er hat nicht nur etwas zu erzählen, er kann es auch. Er bemüht sich zuweilen sehr anschaulich, manchmal fast dokumentarisch oder journalistisch seine Gegenwart zu vermitteln. Gründlings Biographie wird exemplarisch vorgestellt.

Der Blick auf den Kriegsalltag wird erweitert durch weitere Briefe und Biographien von jüngeren Wehrmachtsangehörigen, die anders sozialisiert sind und den Krieg z. T. überlebten.

Faszinierend ist nicht nur bei Gründling die jugendliche Unbekümmertheit, mit der die Dramatik der Ereignisse beschrieben wird. Überschwang lässt die jungen Soldaten, anders als viele ältere Kameraden, oftmals das „Abenteuer“ in den „Weiten Russlands“ suchen. Doch die Briefe sind auch geprägt von einer großen Ernsthaftigkeit.

Die sowjetische Zivilbevölkerung ist in den Briefen weitgehend ausgeblendet. Die selektive Wahrnehmung war durchaus typisch für die Ostfront ab 1942. Sie ist ein Seismograph für die unterschwellige Angst vor kommenden Bedrohungen.

Vieles, was die Soldaten vor Stalingrad erlebten, wurde von ihnen deutlich verdrängt, wenn sie die vielen Einzelheiten und Kleinigkeiten des Frontalltags erzählten. Sie beschreiben kaum militärische Gefahren, wohl aber die Tatsache, dass sie verlaust und ungewaschen sind. Ein solches Ausweichen auf „Nebenthemen“ ist in Feldpostbriefen allgemein und besonders denen aus Stalingrad üblich.

Das allgemeine Gefühl der Soldaten, durch die Feldpostbriefe mit der Heimat, dem Zuhause, der Familie weiterhin eng verbunden zu sein, ist bei den jungen Soldaten besonders stark ausgeprägt und hilft ihnen, die militärische Gegenwart zu verdrängen.

Kontrastiert werden die Wehrmachtsbriefe mit ausgewählten Schreiben von jungen Angehörigen der Roten Armee. Diese erzählen oftmals von gleichen Problemen des Kriegs“alltags“. Dass sie häufiger ideologisiert sind als die deutschen Briefe hat etwas mit der sowjetischen Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte der Schlacht zu tun.

Ergänzt werden die sowjetischen Feldpostbriefe durch Auszüge aus Briefen von Zivilisten, die das Leben in der zerstörten Stadt schildern. Hinzu kommen Befragungen durch eine sowjetische Historikerkommission 1943 und Erinnerungen von jungen verschleppten Zwangsarbeiterinnen aus Stalingrad aus den 90er Jahren.

Die Wehrmachtssoldaten wussten nicht, dass ihnen gegenüber, in den Uniformen der Roten Armee auch Deutsche standen: Kinder von emigrierten deutschen Kommunisten und Sozialisten, die nach vielen Jahren der Emigration und nach der Erziehung in sowjetischen Schulen, die UdSSR als ihre Heimat empfanden. Viele von ihnen stammen aus dem internationalen Kinderheim in Iwanowo. Ihre Briefe und Erinnerungen runden das Bild ab.

Die Feldpostbriefe werden eingebettet in Dokumente über den Umgang mit der jüngeren Generation in der NS-Diktatur und Materialien zum Widerstand gegen das System.

Einbezogen wird auch die Rezeption der Schlacht in der Nachkriegszeit mit besonderem Blick auf die jüngere Generation.

Der Band ist ein Lesebuch, das speziell auch, aber nicht nur, eine jüngere Zielgruppe anspricht: Schüler, Gymnasiasten, Studenten. Ein Vorwort in essayistischer Form beleuchtet die Problematik von jungen Soldaten.

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