Wieder Kuben in Guben

Die „Urvilla der Moderne“ des großen Architekten Mies van der Rohe in Guben/Gubin soll wiederauferstehen. Eine Tagung und eine Ausstellung in der Staatsbibliothek geben am 11. März 2016 den Startschuss für das Rekonstruktionsvorhaben.

Mies, Mies, immer nur Mies. Direkt neben der Neuen Nationalgalerie am Kulturforum wird bei einer Tagung am 11. März 2016 eine weitere Ikone des Baukünstlers verhandelt. Im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek geht es um ein Haus aus Backstein, das der große Architekt der Moderne rund vierzig Jahre zuvor in einen Hang in Guben staffelte. Die Villa Wolf von 1926 gilt mit ihrem offenen Grundriss als die Mies’sche „Urvilla der Moderne“. Gelegen im heute polnischen Teil der Stadt, wurde sie im Zweiten Weltkrieg zerstört, ist darum weitestgehend unbekannt und soll nun als weltweit erstes Mies-Museum wiederaufgebaut werden. Mit der Auftaktveranstaltung, die von einer Ausstellung begleitet wird, stellt Florian Mausbach, Initiator des Projekts und ehemaliger Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, sein Rekonstruktionsvorhaben der Öffentlichkeit vor. Dazu hat er ein Programm zusammengestellt, das mit einer Reihe interessanter Namen aufwartet: Neben den internationalen Mitstreitern kommen renommierte Mies-Experten wie Wita Noack (Haus Lemke) oder Wolf Tegethoff und der ehemalige Finanzminister und „verhinderte Architekt“ Hans Eichel zu Wort. Außerdem spricht Fernando Ramos Galino. Der spanische Architekt hatte in den Achtzigerjahren Mies‘ berühmten Pavillon des Deutschen Reichs für die Weltausstellung von 1929 in Barcelona wiederaufbauen lassen und berichtet nun von dieser Erfahrung.

Aber was war eigentlich das Besondere am Haus Wolf? Die Villa war so etwas wie der erste revolutionäre Schritt Mies van der Rohes hin zum freien Raum. Aus den kleinen „Urkuben“, den Backsteinen, entwickelt er einen großen Kubus. Das Flachdach ermöglichte es dem dritten und letzten Bauhausdirektor, den Grundriss frei zu gestalten. So entstand seine erste radikal modern gestaltete Villa. Die nun der Vergessenheit entzogen werden soll, sagt Florian Mausbach, der das Vorhaben mit dem Satz „Wir wollen einen Schatz ausgraben und wieder bekannt machen“ begründet. Haus Wolf soll das erste und wichtigste Ausstellungsstück des neuen Mies-van-der-Rohe-Museums werden. Damit erledigen sich für den Projektinitiator auch alle Fragen der Rekonstruktionsdebatte.

Studierende der Fachhochschule Potsdam haben auf Basis von Scans der Originalentwürfe aus dem Mies-Archiv des New Yorker MoMA Pläne für den möglichst originalen Wiederaufbau der „Urvilla der Moderne“ angefertigt. Diese sind nun in einer Ausstellung zu sehen, die vom 11. März bis 9. April 2016 im Foyer der Staatsbibliothek gezeigt wird. Bis das fertige 1:1 Modell der Villa Wolf dann steht, sind aber noch einige Schritte nötig. Es gilt, den noch komplett vorhandenen Keller – in dem übrigens ein Großteil der Porzellansammlung des damaligen Bauherren, des Textilfabrikanten Erich Wolfs, in Scherben liegt – archäologisch zu sondieren. Gemeinsam mit polnischen Studierenden der TU Posen werden Studenten der HTW Berlin Ausgrabungen vornehmen. Diese Arbeit ist auch notwendig, um die Daten der Originalpläne zu verifizieren. Vor allem aber gilt es, die Finanzierung zu sichern und die Baukosten von grob geschätzt 2 Millionen Euro zusammenzubringen. Wenn alles gut läuft, könnte 2019 – dem Jahr des 100. Bauhausjubiläums und des 50. Todestags Mies van der Rohes – Baustart sein.

Dieser Text wurde auf der Grundlage eines Interviews mit Florian Mausbach erstellt von unserer Gastautorin Gesine Bahr-Reisinger, Wissenschaftliche Redakteurin der Abteilung Medien und Kommunikation der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

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