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Die Relevanz der neuen EU-Copyright-Richtlinie für Wissenschaft und Bibliothek

Es war eine Lobby-Schlacht, in der vor allem die deutsche Verlagsindustrie großes Engagement zeigte, während ihr von der Straße und der Zivilgesellschaft starker Gegenwind ins Gesicht blies. Auch der Deutsche Bibliotheksverband hat mehrmals ausführlich Stellung genommen.

Beim Kampf ums Urheberrecht ging es in der Öffentlichkeit vor allem um das „Leistungsschutzrecht für Presseverleger“ und die „Upload-Filter“. Mit diesen beiden neuen Regeln befasst sich dieser Beitrag. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass einige Normen in der Richtlinie “über das Urheberrecht und die verwandten Schutzrechte im digitalen Binnenmarkt” (kurz “CDSM-Richtlinie”), enthalten sind, die die Wissenschaft und Bibliotheken direkt betreffen: Dies sind u.a. Art.3 (Text- und Datamining), Art.5 (grenzüberschreitende Unterrichts- und Lehrtätigkeiten) und Art. 8ff. (Nutzung Vergriffener Werke).

Dieser in seinem Umfang limitierte Aufsatz bietet einige Ausblicke, ohne sich jedoch umfassend kritisch mit den beiden Regeln auseinandersetzen zu können. Die wesentlichen Argumente dazu sind ja auch bereits ausführlich in der Öffentlichkeit ausgetauscht worden.

Die Richtlinie hat einen langen Weg hinter sich. Nachdem der Entwurf im Herbst 2016 von der Europäischen Kommission verabschiedet wurde, musste er nach dem üblichen Procedere im „ordentlichen Verfahren“, in welchem Rat und EU-Parlament gemeinsam entscheiden, zwischendurch noch eine Extra-Runde drehen, weil die vom Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments (JURI) vorgeschlagenen Änderungen nicht ohne Weiteres vom Plenum angenommen wurden. Zudem hat der Personalwechsel um Therese Comodini Cachia als Berichterstatterin und verantwortliche Abgeordnete aus der EVP-Fraktion, die im Sommer 2017 durch ihren Kollegen Axel Voss abgelöst wurde, den Prozess nicht erleichtert.

Artikel 15: Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger

Das Aufkommen von Internet-Dienstleistungen, die Zugang zu fremden Inhalten vermitteln, also insbesondere Suchmaschinen, die ihre Umsätze nicht durch die Nutzung, sondern durch gezielte Werbeanzeigen generieren, hat die Verlagsindustrie offenbar kalt erwischt.

Mit ihrem Einsatz für ein eigenes „Leistungsschutzrecht“ wollten nun Zeitungsverlage erreichen, dass sie an den (Werbe-) Milliardengewinnen der Plattformen beteiligt werden. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Verlagsgewinne im Print- und werbefinanzierten Onlinebereich geschrumpft sind und Verlage die Ursache dafür u.a. in den Suchmaschinenangeboten wie z. B. „Google News“ sehen. Diese bieten gezielte Suchen und Zugriffe auf relevante Zeitungsartikel, so dass die übrigen Seiten des Online-Zeitungsauftritts wenig bis nicht mehr besucht werden und damit Zugriffszahlen sinken und somit dem Werbemarkt auf den zeitungseigenen Plattformen die Luft ausgeht.

Mit einer massiven EU-weiten Kampagne der Zeitungsverlage, an vorderster Front der Springer Konzern, haben es die Zeitungsverlage erreicht, dass nun auf den ohnehin bestehenden Urheberrechtsschutz für Presseerzeugnisse eine zusätzliche Schutz-Schicht gelegt wurde, die es ihnen erlauben soll, auch für die Anzeige kleinster Auszüge aus Zeitungsartikeln („Snippets“) auf Webseiten und in Suchmaschinen eine Vergütung von den Anbietern von Suchmaschinen sowie anderer Webseiten zu verlangen.

 …warum diese Regelung ?

Selbst die Anzeige kleinster Ausschnitte aus Textwerken kann auch ohne dieses Leistungsschutzrecht oft schon eine (Urheber)Rechtsverletzung darstellen und damit den Verlagen die Möglichkeit geben, gegen deren Internet-Sichtbarmachung vorzugehen. Voraussetzung wäre allerdings, dass die Verlage selbst – und nicht die Autor*Innen – ein Urheberrecht an den Artikeln haben, der diese Ahndungen einräumt.

Allerdings hatten Verlage damit bislang Probleme: Um solche Prozesse erfolgreich zu führen, muss geklärt werden, ob a) der jeweilige (!) mini-Zeitungsausschnitt urheberrechtlich geschützt ist und b) dem Verlag mittels Arbeits- oder Werkvertrag durch die Redakteur*innen oder freien Autor*innen das exklusive Urheberrecht eingeräumt wurde. Hinzu kamen der organisatorische Aufwand und das Prozessrisiko. Damit dürfte die „Lust“ der Verlage auf solche Verfahren äußerst gering gewesen sein.

Ziel war, dass durch die Überarbeitung der Gesetzgebung in Deutschland und EU-weit alles besser werden soll(te).

…was ist vom Leistungsschutzrecht umfasst ?

Mit dem neuen EU-Leistungsschutzrecht wird nun alles, was in „Zeitungen oder Magazinen von allgemeinem oder besonderem Interesse“ steht, pauschal rechtlich geschützt – und zwar ohne die urheberrechtliche Schutzvoraussetzung der „persönlichen geistigen Schöpfung“.

Als Untergrenze für das neue Recht ist in Art. 15 der Richtlinie nur genannt, dass das „Setzen von Hyperlinks“ und die „Nutzung einzelner Wörter oder sehr kurzer Auszüge aus einer Presseveröffentlichung“ vom Schutz ausgenommen sind.

Auch der Versuch der Einhegung des Schutzgegenstandes „Presseveröffentlichung“ bringt nichts Konkretes hervor: In Erwägungsgrund 58 der Richtlinie wird nur gesagt, dass schon „Teile“ davon unter dem Schutz fallen. Und: „Angesichts der umfassenden Kumulierung und Nutzung von Presseveröffentlichungen durch Anbieter von Diensten der Informationsgesellschaft“[…sei]„es wichtig, dass der Ausschluss von sehr kurzen Abschnitten so interpretiert wird, dass die Wirksamkeit der in der vorliegenden Richtlinie festgelegten Rechte nicht beeinträchtigt wird.“ Die hier erwähnte  Interpretation ist dann Sache der Plattformbetreiber und der Gerichte. Die bisherige Google-Snippet-Länge soll allerdings schon mehr sein als ein „sehr kurzer Abschnitt“.

Alles, was über Hyperlinks und diese Abschnitte hinausgeht, darf ohne Lizenz oder Ausnahme (wie z.B. das unsicherheitsbehaftete Zitatrecht) in Veröffentlichungen, die im Internet zugänglich sind, nicht genutzt werden. Wer es trotzdem macht, geht ein Risiko ein.

Auswirkungen für Bibliotheken z. B. bei online-Dienstleistungen

Der im Art.15 der neuen Copyright-Richtlinie geregelte „Schutz von Presseveröffentlichungen im Hinblick auf die Online-Nutzung“ ist nicht identisch mit dem bereits in § 87 f bis 87 h des Deutschen UrhG festgehaltenen „Schutz des Presseverlegers“, der bekanntermaßen zu nichts als Anwaltskosten geführt hat und bei einigen Zeitungen zum Verlust ihrer Präsenz in „Google News“.

Die EU-Richtlinie geht nämlich weiter als bisher das UrhG, weil es nicht mehr nur Suchmaschinenbetreiber adressiert, sondern alle „Anbieter von Diensten der Informationsgesellschaft“. Darunter fällt„…jede in der Regel gegen Entgelt elektronisch im Fernabsatz und auf individuellen Abruf eines Empfängers erbrachte Dienstleistung.“ (Art. 1 (1) b) der Richtlinie “über ein Informationsverfahren auf dem Gebiet der technischen Vorschriften und der Vorschriften für die Dienste der Informationsgesellschaft“).   Dabei schließt „in der Regel gegen Entgelt“ nichtkommerzielle Dienste nicht unbedingt aus. Damit kommen prinzipiell auch online-Dienstleistungen von Bibliotheken, Universitäten und anderen Bildungs- und Kultureinrichtungen in Betracht, die z.B. in Katalogen Zeitungsartikel nachweisen oder deren Wissenschaftler*innen in Literaturverzeichnissen von Onlinepublikationen Zeitungsartikel aufführen.

Nach Art. 15 Abs.1 S.1 ist ausdrücklich ausgenommen nur „die private oder nicht-kommerzielle Nutzung von Presseveröffentlichungen durch einzelne Nutzer“.

Artikel 17: Nutzung geschützter Inhalte durch Diensteanbieter für das Teilen von Online-Inhalten („Upload Filter“)

Wir haben uns daran gewöhnt, das auf YouTube, Facebook, Instagram, Pixabay und Tumblr Bilder, Musikdateien, Filme, Präsentationen oder Texte hochgeladen und diese damit weltweit sichtbar werden. Dass dabei auch, z.B. bei Musik, Hollywoodfilmen und Grafiken, auch ganze fremde Werke ohne Erlaubnis der Rechteinhaber auf den Plattformen landen, haben wir zumindest geahnt. Und dass bei vielen hochgeladenen Materialen, wie etwa Vorträgen und Katzenfilmchen mit Hintergrundmusik, hin und wieder ebenfalls fremde „Werke“ im Spiel waren und darin leichte und hinnehmbare (?) Urheberrechtsverletzungen lagen, wussten die meisten auch.

…was ändert sich ? 

Die Nutzung dieser fremden Werke ohne Lizenz soll durch Art. 17 von vornherein verhindert werden. Denn nun müssen Plattformen schon das Hochladen urheber- oder leistungsschutzrechtlich geschützter Gegenstände verhindern. Zwar durften sie diese Materialien schon vorher nicht anzeigen, hafteten allerdings erst, wenn sie nach einem Hinweis des Rechteinhabers die Nutzung nicht verhinderten.

Durch die pauschale Pflicht des Art. 17 zum Blocken lizenzloser Inhalte wird das Rechtsdurchsetzungsverfahren für die Content-Industrie erheblich erleichtert. Für diejenigen, die fremde Werke für Zitate, Kritik oder Satire urheberechtlich erlaubt (!) nutzen wollen, wird das Leben aber schwerer.

Angesichts der Masse der hochgeladenen Inhalte kann die Upload-Filterung nur maschinell erfolgen, so dass eine kontextbezogene Prüfung, ob es sich um eine rechtmäßige Nutzung handelt, kaum möglich sein wird.

Auswirkungen für Bibliotheken: Wir könnte das Upload-Procedere aussehen?

Das Verfahren, das die Plattformbetreiber einführen müssen, um ihre Haftung für die hochgeladenen Inhalte zu vermeiden, kann man sich in der Praxis wohl ungefähr so vorstellen:

Wenn eine Universität/Bibliothek z.B. Tagungs-Videos von Vorträgen samt Präsentationen auf eine Plattform hochladen möchte, müsste (ggf. in geänderter Reihenfolge) die Plattform überprüfen, ob a) Urheberrechtsschutz vorliegt für irgendetwas innerhalb der Präsentation oder des Vortrages oder des Videos. Prüfbasis hierfür sind das EU-Urheberrecht und der Urheberrechts-Gesetze von 28 Mitgliedstaaten sowie die Rechtsprechung – up-to-date!

Zudem müsste b) geprüft werden, ob irgendjemand an irgendetwas sein Urheberrecht geltend gemacht hat. Dafür wäre es erforderlich, dass der Plattformbetreiber (oder ein beauftragter Filtersoftwarebetreiber) sämtliche jemals gemeldeten Werke vollständig mit allen Teilen des hochgeladenen Inhalts abgleicht. Hierfür ist eine Datenbank (oder Schnittstelle) von Nöten, die wahrscheinlich nur sehr wenige Betreiber auf der Welt aufbauen und für deren (Nach-)Nutzung sie sicherlich viel Geld verlangen können.

Soweit erkannt wurde, dass etwas in der hochgeladenen Datei einem von Rechteinhabern gemeldeten Inhalt entspricht, das in der Präsentation erscheint (z.B. ein Musikfetzen oder ein Bild), müsste der Plattformbetreiber c) prüfen (lassen), ob ihm von den Rechteinhabern eine Lizenz für die online-Nutzung dieses user-generated-contents vorliegt. Wenn das nicht der Fall ist, müsste er d) den hochgeladenen Inhalt sperren oder e) kontextbezogen prüfen, ob eine im Urheberrecht erlaubte Nutzung (wie etwa ein Zitat) vorliegt – und das nach mindestens 28 Rechtsordnungen der EU-Mitgliedstaaten.

Zitieren im Internet wird schwieriger

Dass diese sehr vereinfachten Darstellungen viele aufwendigen Prozesse für alle Beteiligten beinhalten, liegt auf der Hand. Schon aufgrund der genannten Unsicherheiten ist es wohl ausgeschlossen, dass die Punkte a) und e) überhaupt vor dem Hochladen überprüft werden. Denn diese beiden Punkte dürften für das Haftungsrisiko des Betreibers irrelevant sein.

Einfacher werden es also nur die großen Rechteinhaber (z.B. aus der Film- und Musikindustrie) haben, für die sich aufgrund der Masse ihrer Inhalte der Aufbau eines effizienten Meldeverfahrens lohnt. Für alle anderen, die nur hin und wieder eigene Texte oder Bilder hochladen wollen, wird es schwerer, vor allem dann, wenn darin fremde Bilder, Filme oder Grafiken zitiert werden oder sich anderweitig rechtmäßig mit diesen auseinandergesetzt wird.

Vortragende, deren PowerPoint-Präsentationen auf YouTube wegen eines rechtlich zulässigen Bildzitats gesperrt werden, müssen in Zukunft wohl ein aufwendigeres „Genehmigungsverfahren“ durchlaufen. Kleinere Anbieter, die nicht an einem Vorab-Meldeverfahren teilnehmen wollen, sind von Vornherein nicht begünstigt und können ihre Rechte nur nach herkömmlichen „notice and takedown-Verfahren geltend machen.

Dass die neue Regel auch für wissenschaftliche Einrichtungen und damit auch für ihre Bibliotheken und auch online-Öffentlichkeitsarbeit relevant ist, dürfte nach dem oben skizzierten Beispiel klar sein.

Gewinner könnten (erneut) ausgerechnet die größten Plattformbetreiber sein: Erstens, weil nur sie eigene Filtersysteme aufbauen- und diese auch für alle anderen mitbetreiben können (natürlich gegen Gegenleistung und mit Zugriff auf sämtliche detaillierte Upload- und Urheberrechtsdaten der Welt).

Gewinner könnten mittelfristig aber auch Regierungen sein, die auf vorhandene Filtertechniken zurückgreifen wollen, um ganz andere Zwecke zu erreichen: Nämlich missliebige Internetinhalte (z.B. Kritik) von vornherein zu verbannen. Auch das ist ein wichtiges Thema für Bibliotheken, die ja für freien Informationszugang stehen und gegen Zensur eintreten.

In ihrer Protokollerklärung zur Richtlinie spricht sich die Bundesregierung für den Einsatz von quelloffener Software für die „Upload Filter“ aus, die verhindern soll, „dass marktmächtige Plattformen mittels ihrer etablierten Filtertechnologie ihre Marktmacht weiter festigen.“ Nach der Protokollerklärung soll zugleich „die Europäische Union Konzepte entwickeln, die einem de-facto-Copyright-Register in der Hand marktmächtiger Plattformen durch öffentliche, transparente Meldeverfahren entgegenwirkt. Es sind insbesondere verfahrensrechtliche Garantien denkbar, etwa wenn Nutzer beim Upload mitteilen, dass sie Inhalte Dritter erlaubterweise hochladen.“

Fazit: Einfordern und Mitgestalten!

Eine EU-Richtlinie wirkt nicht unmittelbar in den Mitgliedstaaten, sondern muss durch die dortigen Gesetzgebungsorgane innerhalb von 2 Jahren „umgesetzt“ werden, d.h. es muss ein nationales Gesetz verabschiedet werden, das, grob gesagt, den Zielen der Richtlinie entspricht. Es gibt also einen Spielraum für die neuen Regeln. Wissenschafts- und Bibliotheksverbände sollten Vorschläge machen und die Bundesregierung beim Wort nehmen.

 

Dieser Text wurde zuerst veröffentlicht in: b.i.t. online 3/2019

 

 

Nutzerbefragung. Und Kaffee!

Liebe NutzerInnen,

Wir möchten Ihnen die Benutzung der Digitalisierten Sammlungen erleichtern.

Deshalb wollen wir herausfinden, wie Sie momentan mit dem Portal arbeiten – und an welchen Stellen es eventuell hakt.

Wir werden zu diesem Zweck sogenannte User Interviews durchführen, um Sie und Ihre Arbeitsabläufe besser zu verstehen.
Das funktioniert am besten, wenn wir Ihnen in Ihrem “natürlichen Habitat”, nämlich am eigenen Arbeitsgerät, bei der Arbeit über die Schulter schauen dürfen.
Deshalb laden wir Sie (und Ihr Arbeitsgerät, so es denn ein tragbares ist) zu uns in die StaBi am Potsdamer Platz ein und stellen einen ungestörten Raum bereit. Dort gehen wir mit Ihnen zusammen einige Aufgaben (z.B. die Suche nach einem bestimmten Digitalisat) durch, und versuchen uns einen Eindruck von Ihrer Herangehensweise zu verschaffen.

Jedes Interview dauert maximal eine Stunde. Die Interviews werden nicht auf Video aufgezeichnet. Ihre Identität bleibt unter uns. Das bekommen Sie selbstverständlich auch schriftlich.

Was Sie leider nicht bekommen, ist eine Aufwandsentschädigung – aber als kleine Geste unserer Dankbarkeit sorgen wir wenigstens für den Kaffee.

Haben Sie Interesse? Nutzen Sie die Digitalisierten Sammlungen regelmäßig? Dann melden Sie sich bitte direkt bei Steffi.Kahra@sbb.spk-berlin.de. Vielen herzlichen Dank!

Von Schlitzohren & Büchermardern

Geschichten um und aus der Staatsbibliothek zu Berlin

Von Lilly Welz –  Freiwillige im Freiwilligen Kulturellen Jahr 2018/2019

Während meines Freiwilligen Jahres erhalte ich täglich neue Einblicke hinter die Kulissen der Staatsbibliothek. Anekdoten über Begegnungen mit Nutzer*innen und Mitarbeiter*innen kann einem hier fast jede*r erzählen. Was mich aber auch interessiert hat, ist wie die Stabi in der Öffentlichkeit erlebt wird. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, mich in meinem Projekt für dieses Jahr in die Online Archive einiger Zeitungen (hauptsächlich Tagesspiegel) zu stürzen und nachgesehen, über was sie bisher zu berichten hatten und meine persönlichen Highlights hier zusammengefasst.

Ich möchte Sie hiermit zu einer kleinen Expedition durch die Berichterstattung über die Staatsbibliothek einladen.

Bei meiner Recherche sind mir besonders die Essays einiger Journalist*innen ins Auge gesprungen, die ihre Erfahrungen bei der Benutzung der Staatsbibliothek darstellen und ein lebendiges Bild des Alltags in den Lesesälen zeichnen.

David Wagner hat in seinem Essay “Chill-Out im Kuschelsessel“, der am 02.11.1998 im Tagesspiegel veröffentlicht wurde, eine Staatsbibliothek beschrieben, die es heute so nicht mehr gibt. Zum Anlass der damals neuerdings erhobenen Benutzungsgebühr, erzählt er von der Recherche in den alten Zettelkatalogen, den zu diesem Zeitpunkt noch handschriftlich auszufüllenden Leihscheinen, vom Verhalten der Nutzer*innen und dem einzigartigen Ambiente. Er beschreibt auch die „Stabilette“: ein bestimmter Typ Nutzerin, die „hellblaue Blusen zu frischgewaschenen Jeans“ trägt und immer wieder nach Italien fährt um ihre „Gucci-Gürtelsammlung“ auszubauen. Im Lesesaal erkenne man sie daran, dass sie „ganzjährig mit Hustenbonbons und Tempotaschentüchern bewaffnet [sind]“ und sich manchmal ihre „Gehörgänge […] mit gelben Ohropaxknubbeln“ verstopfen. Ich selbst bin dieser Art Leserin noch nicht im Lesesaal der Staatsbibliothek begegnet.

Wagner geht ebenso auf ein Klischee ein, dass sich immer noch in der Presse hält: Die Stabi als ein „Flirting-Hotspot“ für Studierende. Im Kommentar “Unis gelten als ideales Aufreiß-Revier – völlig zu Unrecht wird dieses Gerücht seit Jahrzehnten kolportiert“, der am 21.10.1999 veröffentlicht wurde, widmet die Autorin Josefine Janert diesem Phänomen zwei ganze Absätze. Sie zitiert sogar eine Mitarbeiterin der Cafeteria, die das Flirtverhalten der Nutzer*innen dort beschreibt. Diese „Schlitzohren“ ließen ihren Blick wohl vor Verlassen der Cafeteria noch einmal suchend durch die Menge schweifen, um ja keine Flirt-Gelegenheit zu verpassen. Dass dieses Gerücht nicht ohne Grund existiert, konnte ich im letzten Jahr sogar live miterleben. Ein frisch verheiratetes Ehepaar, das sich vor der Staatsbibliothek kennengelernt hat, wollte gerne seine Hochzeitsfotos im Haus Potsdamer Straße machen lassen.  Dies wurde auch ermöglicht und an besagtem Tag konnte ich die Braut von meinem Platz an der Lesesaalausgabe kurz auf der Treppe erspähen (Blogbeitrag:Love is all around).

Aber nicht nur von Studierenden und Hochzeitspaaren wird die Staatsbibliothek zu einem anderen Zweck genutzt als zum Lernen und Forschen. In der Reportage “Hiphop in heiligen Hallen -Vom Jugendzentrum in die Nationalgalerie: ein Besuch bei Berlins Breakdance-Meistern Flying Steps“, der am 14.05.2010 im Tagesspiegel veröffentlicht wurde, schreibt Andrea Nüsse über die Tanzgruppe Flying Steps und wie ihnen ihre Show „Flying Bach“ neue Möglichkeiten eröffnet. Eine von diesen war eine Einladung in die Musikabteilung der Staatsbibliothek. Frau. Dr. Martina Rebmann (Leitung der Musikabteilung) hatte die Flying Steps nach dem Besuch einer Aufführung eingeladen, die Autografen von Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ aus dem Jahr 1722 einzusehen. Der Choreograf und Mitgründer der  Flying Steps Vartan erklärt dazu, dass sie „zwar alle keine Noten lesen“ können, aber trotzdem durch die Stimmführung „die Struktur“ der Musik wiedererkennen würden.

Doch bekannte Persönlichkeiten werden nicht nur eingeladen, sich die besonderen Werke aus der Staatsbibliothek anzusehen, sondern auch um sich mit den wertvollen Stücken ablichten zu lassen. Im Rahmen der Ausstellung „Die Staatsbibliothek und Ich“, die anlässlich des 350. Jahrestages der Bibliothek im Haus Potsdamer Straße gezeigt wurde, haben sich einige bekannte (Berliner) Persönlichkeiten von der Fotografin Bettina Flitner porträtieren lassen. Besonders schön fand ich ein Bild von Günther Jauch, der sich mit Zedlers Universal-Lexikon aus dem 18. Jahrhundert fotografieren ließ. Am 19.09.2011 berichtete Amory Burchard im Artikel “Fast wie zu Hause in der „Stabi“-Die Fotografin Bettina Flitner hat Prominente mit Sammlungsstücken fotografiert – die Bilder sind in der Staatsbibliothek zu sehen.” für den Tagesspiegel von der Ausstellung. Die Porträts können im Ausstellungskatalog unter der Signatur HB 2 Tm 87 im Lesesaal Potsdamer Straße eingesehen werden.

Trotzdem ist die Staatsbibliothek nicht nur zum Vergnügen da. “Denn eine Staatsbibliothek ist, bitte sehr! kein Vergnügungsetablissemang.”, wie Bruno Manuel bereits im Jahr 1927 feststellte. Sondern sie ist immer noch ein Sammelort des Wissens. Doch was passiert mit dem Wissen, dass sich die Leser*innen jeden Tag in der Bibliothek aneignen?

Da gibt es natürlich die typischen Promovierenden, die das angeeignete Wissen in ihre „Diss“ einbringen wollen, aber auch diverse Autor*innen nutzen die Staatsbibliothek als Wissensquelle, wie mir unter anderem in der Leihstelle berichtet wurde. Deshalb hat es mich nicht überrascht zu lesen, dass der Autor Volker Kutscher, der die „Gereon Rath“ Romane verfasste, auf denen die ARD Serie „Babylon Berlin“ basiert, schon die Staatsbibliothek zur Recherche nutzte. Laut dem Interview “Bis die Augen schmerzen – Volker Kutscher schrieb die Vorlage der Erfolgsserie “Babylon Berlin”. Jetzt hat die Künstlerin Kat Menschik die Welt seines Kommissars Gereon Rath zum Leben erweckt.” von Lars Weisbrod, das am 04.11.2017 in der Zeit veröffentlicht wurde. nutzt Kutscher die Zeitungsabteilung der Staatsbibliothek, um die Ausgaben der „Vossischen Zeitung“ für seine Romane zu durchforsten und einen realistischen Eindruck von der Stimmung der damaligen Zeit zu bekommen.

Fasziniert hat mich aber, dass man in den Lesesälen auch ganz praktische Fähigkeiten erlernen kann. Cynthia Barcomi, die 1985 aus Amerika nach Berlin gezogen ist und jetzt hier zwei erfolgreiche Cafés betreibt, hat sich zum Beispiel das Kaffee rösten in der Staatsbibliothek angelesen. Dies erzählte sie in dem Interview “Berliner sind handfest” mit Annett Heide, das am 13.12.2012 im Rahmen der Reihe „Lassen Sie uns über Berlin reden“ in der Berliner Zeitung veröffentlicht wurde.

Außer dem Wissen gibt es noch andere Dinge, die aus der Staatsbibliothek mitgenommen werden. Die Bücher, die nach außer Haus ausgeliehen werden, begeben sich ebenso auf eine Reise aus den sicheren Katakomben in die Welt außerhalb der Bibliothek. Meistens erfahren die Bibliothekare nicht viel von der Reise, die die Bücher in der weiten Welt zurücklegen. Aber dass diese nicht immer wieder zurückkommen, war schon zu Zeiten von Bertolt Brecht und Helene Weigel bekannt. Der Beitrag “Ich küsse dich (undsoweiter)” von Hannes Schwenger, der im November 2012 im Tagesspiegel veröffentlicht wurde, beschreibt die Beziehung zwischen den Eheleuten. Einer der von Schwenger erwähnten Ausschnitte aus dem Leben der beiden involviert Bücher aus der Staatsbibliothek und was mit ihnen auf ihrer Expedition passierte. Nach Ihrem Verschwinden im Theaterhaus der Brechts riet Helene Weigel ihrem Mann, bei einigen Dramaturgen eine „Razzia“ durchzuführen. Sie seien „alles Büchermarder“. Ob diese Razzia erfolgreich war und die Bücher noch ihren Weg zurück zur Stabi gefunden haben, wird nicht erwähnt. Bleibt nur zu hoffen, dass sie ihre Expedition in die Welt außerhalb der Magazine gut überstanden haben.

Auch diese Expedition ist hier nun zu Ende. Ich hoffe, ich konnte Ihnen einige Seiten von der Staatsbibliothek zeigen, die Sie so noch nicht kannten.