Unsere Beiträge zu den Wissenschaften und Forschung

Germanische Altertumskunde in der Staatsbibliothek

Seit kurzem hat die Staatsbibliothek die vom renommierten Wissenschaftsverlag De Gruyter angebotene Datenbank Germanische Altertumskunde online (GAO) lizenziert. Was sagt uns die Germanische Altertumskunde? Das Wissenschaftsfach geht auf die Gebrüder Grimm und ihr Bemühen um die Suche nach unseren Wurzeln zurück. Sie ist somit letztlich ein Kind der Romantik mit ihrer Idee des immerwährenden Volksgeistes.

Wegen des Mangels an schriftlichen Quellen hatte das Fach von Anfang an Akzeptanzprobleme bei den älteren Wissenschaftsdisziplinen. So musste es sich im Vergleich zu der Klassischen Altertumswissenschaft mit dem zwar volkstümlicheren, aber doch auch leicht abwertenden Epitheton –kunde begnügen. Bezeichnenderweise war es mit dem Heidelberger Anglisten Johannes Hoops (1865-1949) kein ausgewiesener Fachmann, der 1911 bis 1919 als Herausgeber der ersten, vierbändigen Auflage des Reallexikons der germanischen Altertumskunde fungierte. Als Verleger stand bereits damals De Gruyter zur Verfügung. Erneut zeigt sich im Vergleich zu Paulys und Wissowas Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft im Werktitel, dass man wissenschaftlich gesehen nur in der zweiten Reihe stand.

Der Sündenfall kam dann im „Dritten Reich“, als sich nicht nur führende Nationalsozialisten wie Heinrich Himmler und Alfred Rosenberg mit großer Hingabe für das Fach interessierten, sondern auch etliche Wissenschaftler – nicht nur deutscher Staatsangehörigkeit – sich dem Regime aus Überzeugung andienten und beispielsweise in der ideologisch überfrachteten Forschungsgemeinschaft deutsches Ahnenerbe mitwirkten. Das Ahnenerbe war bekanntlich eine Einrichtung der SS. Das zugrundeliegende biologistische Weltbild verklärte die Germanin und den Germanen als die in physischer und psychischer Hinsicht idealen Menschen. Mit solchen Anschauungen hatte sich die einschlägige Forschung diskreditiert. Als Konsequenz wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das Thema Germanen in der Fachwelt nur noch mit Zurückhaltung behandelt.

Einen Neuanfang bedeutete die 1961 unter dem Titel Stammesbildung und Verfassung veröffentlichte Habilitationsschrift des Göttinger Historikers Reinhard Wenskus (1916-2002), vom Inhalt her ein Buch über die Germanen. Er kam zu der Erkenntnis, dass ethnische Formationen oftmals recht flüchtige Gebilde seien, insbesondere wenn sie ihrer Eliten – Wenskus nannte sie Traditionskerne – verlustig gingen. Seine bahnbrechenden Erkenntnisse wurden insbesondere von den Wiener Historikern Herwig Wolfram (geb. 1934) und seinem Schüler Walter Pohl (geb. 1953) intensiviert, teilweise auch modifiziert. International wurde seither ausgiebig über Ethnogenese geforscht und dabei der Germanenbegriff wie kaum ein anderer ethnographischer Terminus seziert. Die orale Kultur der Germanen bringt es mit sich, dass es nur wenige schriftliche Selbstaussagen gibt. Insbesondere fehlen explizite darüber, dass die Germanen ein Gemeinschaftsbewusstsein besessen hätten – am ehesten finden sich solche Äußerungen noch in der Karolingerzeit. Wohl bekannt sind hingegen die zahlreichen Fehden der Volksstämme untereinander. Selbstverständlich lassen sich Zustände aus dem 12. Jahrhundert auf Island nur sehr bedingt über ein Jahrtausend zurückprojizieren. Die Christianisierung bedeutete für die germanischen Völker einen massiven kulturellen Umbruch, viele gaben auf dem Boden des ehemaligen Römischen Reiches ihre angestammte Sprache auf. Was frühere Wissenschaftler als spezifisch germanische Ausformungen erarbeitet hatten – z.B. hinsichtlich der Sippe und Treue, des Ehrbegriffs, der Gefolgschaft und des Sakralkönigtums –, hielt der modernen Detailforschung nicht stand. Auch lässt es sich nicht nachweisen, dass das Ethnonym Germanen von den so Apostrophierten in einer umfassenden Weise zur Selbstbezeichnung benutzt worden wäre. Die Kritik ging aber noch weiter. Es wurde bezweifelt, dass es die Germanen überhaupt gegeben habe, oder ob sie nicht etwa eine Erfindung der Römer seien. Damit kam die Forderung auf, den Germanenbegriff als Forschungsterminus weitgehend aufzugeben.

Dies ist für mich allerdings deutlich über das Ziel hinausgeschossen. Ob der Germanenbegriff wirklich quellengerecht und -konform ist, ist ein Stück weit unerheblich. Wir sprechen von der Zeit der Mykenischen Kultur bis in die Jetztzeit von Griechen, obwohl diese sich selber nie so genannt haben. Dabei machen wir keinen Unterschied, ob sie im Mutterland wohnten oder sich von dort weithin verbreiteten. Wie der Germanenbegriff widerfuhr gerade auch diesem Terminus eine ideologische Überhöhung, und ihr Gemeinschaftsbewusstsein hinderte die Hellenen keineswegs daran, sich z.B. im Peloponnesischen Krieg nahezu 30 Jahre lang massiv die Köpfe gegenseitig einzuschlagen.

Für die Existenz der Germanen lassen sich unter anderem die folgenden Punkte ins Feld führen: Die germanische Sprache muss sich schon sehr früh, jedenfalls Jahrhunderte vor der Zeitwende aus dem Indogermanischen weiterentwickelt haben. Dies belegen die zahlreichen archaischen Lehnwörter im Ostseefinnischen aus sprachchronologischer Sicht. Die Kontakte untereinander waren so eng, dass noch in der Völkerwanderungszeit – fast ein Jahrtausend später – die Angehörigen der verschiedenen germanischen Völkerschaften sich gut miteinander verständigen konnten. Möglicherweise ging das auch noch in der Zeit Karls des Großen. In Tacitus Schrift Germania findet sich eine einheimische Ethnogonie der germanischen Stämme. Sie müssen sich also Gedanken über ihre Zusammengehörigkeit gemacht haben. Immer wieder findet sich in den gentilen Herkunftssagen – neben einigen anderen Gegenden – der Ausgangspunkt Skandinavien für die topisch am Anfang der Stammesüberlieferungen stehende Wanderung. Auch wenn sich vieles als irrig herausgestellt hat, bleiben immer noch etliche kulturelle Gemeinsamkeiten übrig, die viele germanische Stämme verbinden, wie z.B. der Tierstil. Ihre Götterwelt vor der Christianisierung passt zueinander, und sie besaßen einen gemeinsamen Horizont an Heldensagen, in denen erstaunlicherweise die Römer keine Rolle spielten. Sie hielten eisern an ihren herkömmlichen Personennamen fest, auch wenn sie schon lange ihre angestammte Sprache aufgegeben hatten. Die Germanen benutzten mit den Runen eine eigene Schrift, und sie grenzten sich begrifflich von anderen ab, den Welschen (erst die Kelten, dann auch die Romanen) im Süden und Westen sowie den Wenden (erst später die Slawen) im Osten. En passant sei noch erwähnt, dass die Bibelexegeten ihnen eine Existenz zubilligten und sie zu den 72 Völkern rechneten, deren Sprache beim Turmbau zu Babel entstand. Eine Binsenweisheit schließlich ist, dass die Germanen sich im Lauf der Jahrhunderte verändert und weiterentwickelt haben müssen, weshalb sich beispielsweise Germanen der ausgehenden Römischen Republik und der Merowingerzeit nur bedingt gleichsetzen lassen. Es bleibt aber zu konstatieren, dass sich heute die Historiker, die Philologen und die Archäologen nicht auf einen umfassenden Germanenbegriff verständigen können.

Wieder war es der bereits erwähnte Reinhard Wenskus, der maßgeblich eine Neuauflage des Reallexikons der Germanischen Altertumskunde betrieb. 1968 konnte der erste Faszikel erneut bei De Gruyter erschienen. Wegen der Dekomposition des herkömmlichen Germanenbildes war es diesmal erheblich schwieriger, den inhaltlichen Rahmen zu ziehen. Wenskus selber versuchte es auf den Nenner zu bringen, dass das Lexikon alles enthalten solle, was in der Forschungsgeschichte einmal als germanisch angesehen wurde oder in einem wesentlichen Verhältnis dazu stand. Außer den Kernfächern Archäologie, Geschichte und Philologie fanden viele andere Wissenschaftsdisziplinen Berücksichtigung, mit zunehmendem Maße auch die Wissenschaftsgeschichte. In seiner langen Entstehungszeit wurde das Lexikon selber ein Dokument für die Weiterentwicklung der Germanischen Altertumskunde. Während die ersten Bände mit erheblichem Abstand erschienen, erfolgte ab Band 8 im Jahr 1994 eine frappante Beschleunigung der Edition. Bis 2008 erschienen einschließlich der Register 29 weitere Bände, mitunter drei pro Jahr. Am Ende waren von 1443 Personen aus 37 Ländern auf 22.358 Seiten 5.124 Lexikonartikel verfasst. Die Edition wurde ab 1986 von Begleitbänden ergänzt, die einzelne Themen vertieft darstellen. Immer wieder setzen sie sich mit der Geschichte des Faches auseinander. Mittlerweile sind 110 Ergänzungsbände entstanden.

2010 entschloss sich der Verlag, das Grundwerk und die Ergänzungsbände, gewissermaßen als dritte, nunmehr elektronische Auflage des Reallexikons in eine Datenbank zu überführen. Diese trägt den Namen Germanische Altertumskunde online, und sie wird permanent erweitert. Neben den laufend erscheinenden weiteren Ergänzungsbänden werden auch einzelne Lexikonartikel aktualisiert, wobei die älteren Fassungen aus wissenschaftshistorischen Gründen greifbar bleiben. Außerdem erscheinen für bislang noch nicht erörterte Sachverhalte jedes Jahr annähernd ein Dutzend neuer Lemmata. Diese Stichwörter werden etwas versteckt im linken Rahmen der Datenbankoberfläche unter dem Einstiegsbutton „Update“ angeboten.

Fächerübergreifend enthalten ist der Zeitraum von ungefähr 50 vor Chr. bis ca. 850. Davor werden die Artikel im Wesentlichen von der Archäologie geprägt, danach tritt eine Reduktion auf den nordeuropäischen Raum ein. Neben der Wissenschaftsgeschichte steht die zur Zeit international intensiv beforschte Umformung der antiken Welt in das Frühmittelalter mit ihren Themen Migrationen, Identitäten und Religionen im Fokus der Datenbank. Die Germanen hatten daran ja keinen unwesentlichen Anteil.

Die Datenbankoberfläche bietet über verschiedene Suchfunktionen einen bequemen Zugang zu den Dokumenten, darunter die Möglichkeit der Kombination mit den Booleschen Operatoren. Die Suchergebnisse lassen sich chronologisch, geographisch und fachlich eingrenzen. Die Volltextsuche erlaubt die Informationsbeschaffung zu lexikalisch nicht erfassten Begriffen oder auch modernere Informationen bei in die Jahre gekommenen Artikeln.

Der Zugriff erfolgt für die Leserinnen und Leser in der Regel über den Stabikat. Die GAO werden außerdem beim im Aufbau begriffenen virtuellen Lesesaal der Staatsbibliothek berücksichtigt und haben deshalb im Katalog entsprechende Notationen erhalten (HA 6 Wa 750-ERF bzw. HB 6 Wa 120-ERF). Sie können somit auch über die Online-Lesesaalsystematik gefunden werden:

http://lesesaal.staatsbibliothek-berlin.de/

Diesen Zugang finden Sie im linken Rahmen des Stabikat unter dem Einstiegspunkt Lesesaalsystematik.

Abschließend ist zu betonen: Wer sich heute mit Mittel- und/oder Nordeuropa im Altertum und Frühmittelalter beschäftigt, wird um die GAO nicht herumkommen.

Filme streamen an der SBB – Testzugang zu Kanopy bis zum 28. Februar freigeschaltet

Sie möchten sich vor dem Start der Berlinale noch einmal Filmklassiker anschauen, um damit gut gerüstet in die nächste Runde der Internationalen Filmfestspiele Berlin zu gehen? Kein Problem, denn in den nächsten Wochen bietet die Staatsbibliothek zu Berlin ihren registrierten Benutzer*innen einen Testzugang zum vorwiegend englischsprachigen Streaming-Dienst Kanopy an.

Doch Kanopy ist nicht nur etwas für Cineast*innen: Filme haben als wissenschaftliche Quelle eine immer größer werdende Bedeutung und sind im Bereich der Kunst- und Kulturwissenschaften wichtige Forschungsgegenstände. Das Filmangebot von Kanopy bietet für Ihre wissenschaftliche Arbeit nicht nur umfangreiche Videos zu sämtlichen Fachgebieten, sondern auch wichtige Features wie etwa – falls vorhanden – das komplette Transkript des Filmes oder weitere Personalisierungsmöglichkeiten an.

Zum Zugang gelangen Sie direkt über diesen Link:

http://erf.sbb.spk-berlin.de/han/kanopy/

Bitte loggen Sie sich mit Ihrer Bibliotheksausweisnummer und Ihrem Passwort ein.

Einige Spielfilme aus der Criterion Collection sind leider nur für Nutzer*innen aus dem Raum Nordamerika freigegeben. Dennoch hat die Plattform viel zu bieten, da Kanopy mit einigen Filmemachenden und Film-Vertriebsgesellschaften direkt kooperiert, so dass das Angebot sehr umfangreich ist und von Spielfilmen über Dokumentationen bis hin zu Lehrvideos reicht.

Kanopy bietet den Streamingdienst Bildungseinrichtungen auf der ganzen Welt an und wird bereits von einigen Spitzenuniversitäten bzw. -bibliotheken wie Harvard, Yale, Princeton, Cambridge oder der New York Public Library angeboten.  Soll Kanopy in Zukunft auch über die Staatsbibliothek zu Berlin verfügbar sein? Dann sagen Sie uns Bescheid!

Wir sind sehr gespannt auf Ihr Feedback und freuen uns über Anmerkungen zu den Inhalten oder zur Usability! Für die Nutzung des Angebots empfehlen wir eine schnelle Internetverbindung.

Kontakt: fachinfo@sbb.spk-berlin.de

Alle reden über den Brexit. Wir auch !

Ein Beitrag von Harald Müller (zur Erwerbung) und Armin Talke (zum Urheber- und Datenschutzrecht). Stürzt der Brexit auch Bibliotheken ins Chaos ? Nein. Jedenfalls nicht so richtig. Aber ein paar Auswirkungen hätte zumindest ein hard Brexit doch. Der Brexit wird viele Bereiche betreffen,  besonders natürlich die Exportwirtschaft und grenzüberschreitende Services. Damit sind auch alle möglichen Arten von online-Diensten gemeint, die entweder von Großbritannien aus tätig sind und in EU-Ländern genutzt werden oder umgekehrt. Die Bibliotheken sind da – angesichts der befürchteten Lebensmittel- und Medikamentenknappheit auf der Insel – sicher ein nachrangiges Problem. Trotzdem behandeln wir das Thema hier im Blog aus Bibliothekssicht, denn wir sind nun mal eine und aus wessen Blickwinkel sollten wir den Brexit auch sonst beschreiben ?

Viele Bibliotheken handeln international: Sie importieren z.B. Bücher, nutzen Webservices und elektronische Bibliotheksysteme, die in anderen Staaten betrieben werden und lizenzieren e-books, die auf Servern außerhalb der nationalen Grenzen gehostet werden.

Grenzüberschreitende Dienste sind für Unternehmen und öffentliche Einrichtungen komplizierter als rein inländische, weil sich Rechtsnormen prinzipiell nur auf das Territorium eines Landes beziehen. Sobald eine rechtlich relevante Tätigkeit außerhalb des eigenen nationalen Territoriums stattfindet, sind ausländische Regeln zu beachten oder inländische Regeln, die den grenzüberschreitenden Handel betreffen.

Soweit die grenzüberschreitende Tätigkeit EU – intern bleibt, sind die Schwierigkeiten durch Harmonisierung z.B. in den Bereichen Zoll (Zollunion), Urheberrecht (EU-Richtlinien) und Datenschutz (EU-Datenschutz-Grundverordnung) entschärft.

Nach dem Brexit ist Großbritannien plötzlich aber nicht mehr Teil dieser Harmonie. Wenn es zudem, wie im Fall eines hard Brexit, überhaupt keine Deal über die künftigen grenzüberschreitenden Beziehungen gibt, steht zwischen Dover und Calais sowie zwischen Londonderry (Nordirland) und Bridge End (Irland) auf einmal eine (virtuelle ?) Grenze für den Waren- Dienstleistungs- und Personenverkehr.

Das hätte zunächst einige Auswirkungen auf die Erwerbungspraxis von Bibliotheken:

 Umsatzsteuer

Gemäß den gesetzlichen Bestimmungen (§ 1 Abs. 1 Ziff. 1 UStG) fällt für alle Erwerbsvorgänge von Bibliotheken Umsatzsteuer an. Bei Druckmedien (also z.B. Bücher und Journals) sind das 7%, sonstige Medien (CD, DVD, E-Books) werden mit 19% besteuert. Beim Erwerb vom Händler in Deutschland zahlt dieser die Umsatzsteuer an das Finanzamt. Wenn der Verkäufer in einem anderen EU-Mitgliedstaat seinen Geschäftssitz hat, wird ebenfalls Umsatzsteuer fällig für den sogenannten „innergemeinschaftlichen Erwerb“ (§ 1 Abs. 1 Ziff. 5 UStG). Die erwerbende Bibliothek muß diese Erwerbsvorgänge beim zuständigen Finanzamt nachversteuern (§ 13a Abs. 1 Ziff. 1 UStG).

Auf den Erwerb von Medien aus einem Nicht-EU-Staat, einem „Drittstaat“ fällt „Einfuhrumsatzsteuer“ (§ 1 Abs. 1 Ziff. 4 UStG) an. Hierfür sind die Zollbehörden zuständig. Gemäß den einschlägigen Rechtsverordnungen sind von der Einfuhrumsatzsteuer befreit Amtsdruckschriften, Sendungen (Brief, Päckchen) mit Wert bis 22 € und Blindendrucke.

Nach einem no deal – Brexit müssen Bibliotheken ihre Erwerbungen aus UK beim zuständigen Zollamt abholen und dort die fällige Einfuhrumsatzsteuer entrichten.

Zoll

Die EU ist eine Zollunion; zwischen den Mitgliedstaaten werden keine Zölle erhoben. Der Erwerb von Bibliotheksmedien aus einem anderen EU-Staat wird demnach nicht verzollt.

Alle Erwerbsvorgänge aus einem Drittstaat (= Nicht-EU-Staat) sind zollpflichtig. Hierfür gilt der gemeinsame Zolltarif der EU (Verordnung (EWG) Nr. 2658/87). Bibliotheksmedien werden darin unterschiedlich behandelt. Während Druckmedien und Tonträger (CD, DVD, Schallplatte) vom Zoll befreit sind (KN-Code 4901, 8523), müssen andere haptische Medien (z.B. Spiele) verzollt werden.

Nach einem harten Brexit müssten Bibliotheken ihre Erwerbungen aus UK beim zuständigen Zollamt abholen und gegebenenfalls dort den fälligen Zoll entrichten. Dies betrifft hauptsächlich Non-Print-Medien wie Spiele.

Urheberrecht: Buchausleihe, Ausnahmeregeln und Richtlinienwirkung

Das Urheberrecht hat großen Einfluss auf das Bibliothekswesen: Die Regeln für Kopiererlaubnisse, Webservices, Online-Learning, Kopienversand und auch die Buchausleihe sind EU-weit durch Richtlinien zu einem beachtlichen Maße harmonisiert (s. Beitrag zur laufenden Copyright-Reform).

Die Ausleihe von Büchern ist ohne Zustimmung von AutorInnen und Verlagen überhaupt nur erlaubt, weil es die gesetzliche „Erschöpfung“, auch „first-sale-doctrine“ genannt, gibt: Sobald ein Buch einmal mit Zustimmung des Urhebers in den Handel gebracht wurde, darf es weiterverbreitet, z.B. jemand anderem verkauft oder weiterverschenkt, nach deutschem Recht auch durch Bibliotheken verliehen werden.

Für Bücher aus dem Ausland gilt das aber nur, wenn sie irgendwo innerhalb der EU oder des Europäischen Wirtschaftsraums in den Handel gebracht wurden. Das folgt aus Verleihregeln im Deutschen UrhG, der EU-„Vermiet- und Verleihrechtsrichtlinie“ und der EU- Richtlinie „zur Harmonisierung bestimmter Aspekte des Urheberrechts und der verwandten Schutzrechte in der Informationsgesellschaft“. Für Bücher, die von Händlern außerhalb angeboten werden, gilt der „Erschöpfungsgrundsatz“ nicht.

Bibliotheken wird es wohl kaum möglich sein, die Verträge zwischen Verlag und Lieferanten auf die Zustimmung zum internationalen Vertrieb hin zu überprüfen. Sie sollten sich darauf verlassen können, dass die Lieferanten ein Buch nicht in die EU liefern, wenn ihnen das vom Verlag nicht erlaubt wurde. Der grenzüberschreitende Vertrieb teils sehr teurer wissenschaftlicher Literatur ist wegen der Preisgestaltung internationaler Verlage durchaus ein relevanter Gesichtspunkt: Der Optimale Preis errechnet sich aus Anbietersicht u.a. aus Variablen zum Absatzmarkt, zur Wettbewerbssituation und zur Kaufkraft im jeweiligen Land. Er mag daher z.B. für ein Lehrbuch zur Cell Science in Indien weit niedriger sein als in Deutschland.  Wenn ein Buch-Exemplar nur für den Vertrieb in Indien vorgesehen ist, darf ein indischer Lieferant es nicht an eine Bibliothek in Deutschland verkaufen und die Deutsche Bibliothek dürfte es nicht verleihen.

Für den Fall Großbritannien wird das vielleicht erst einmal ein theoretisches Problem bleiben, aber mittelfristig könnte es zu einer Veränderung der Lieferbedingungen kommen: In Großbritannien könnten Bücher dann – je nach Berechnung des Optimalpreises für den jeweiligen Markt – zu einem höheren oder niedrigeren Preis angeboten werden als in EU-Ländern. Ein Buch kann dann nicht einfach auf dem britischen Markt z.B. zum günstigeren Preis eingekauft werden.

Das Vereinigte Königreich wird auch nicht zum Wirkungsbereich der oben genannten neuen Richtlinie zum „Urheberrecht im Digitalen Binnenmarkt“ gehören. Damit wird es auch nicht Teil der dort geregelten Bedingungen für grenzüberschreitendes online-Learning und die Digitalisierung von vergriffenen Buchbeständen sein.

Datenschutzrecht

Wie auch schon nach der alten Datenschutzrichtlinie, werden EU-Staaten bei der Auftragsverarbeitung anders behandelt als Nicht-EU-Staaten. Nutzen Bibliotheken für ihre Dienste z.B. online-Services, die personenbezogene Daten für sie prozessieren (in Clouds, Auskunftssystemen oder auf Verlagsservern) müssen sie sich an die strengen Regeln des Datenschutzrechts halten. Wenn also solche Daten, zu denen schon IP-Adressen gehören können, durch Dienstleister verarbeitet werden, müssen die datenverantwortlichen Bibliotheken  immer die besonderen Voraussetzungen der Auftragsverarbeitung beachten, das heißt, grob gesagt, sie müssen dafür sorgen, dass der Auftragnehmer mit den Daten rechtmäßig, d.h. nach den Regeln der Datenschutzgrundverordnung und den anderen Datenschutzgesetzen umgeht.

Sitzt der Auftragnehmer mit seinen Servern in einem Drittstaat (so wie bald das Vereinigte Königreich), reicht eine Vereinbarung über diese Auftragsverarbeitung nicht aus. Sie brauchen dann noch mehr: Nämlich eine Garantie dafür, dass entweder in diesem Staat insgesamt das Datenschutzniveau dem der EU entspricht ( Angemessenheitsbeschluss der EU-Kommission), das Unternehmen sich zur Einhaltung der EU-Datenschutzregeln verpflichtet hat (durch „Binding Corporate Rules“ oder EU- Standardvertragsklauseln) oder dass andere Ausnahmen greifen, das Land z.B. verlässliche rechtliche Voraussetzungen geschaffen hat, damit bei Partnern, die im Auftrag  von in EU-Ländern befindlichen Bibliotheken  Daten verarbeiten, die EU-Regeln eingehalten werden (z.B. der EU/US-„Privacy Shield“).

Sollte Großbritannien also ohne Vereinbarung aus der EU ausscheiden, braucht es, auch wenn dort die Datenschutzgrundverordnung zunächst in nationales Recht übernommen wird, eines Angemessenheitsbeschlusses, damit Datenschutzverantwortliche in der EU (auch Bibliotheken) ohne Extra-Aufwand personenbezogene Daten zur Verarbeitung ins Vereinigte Königreich schicken können.

Das alles wird die Bibliotheken zwar nicht lahmlegen, macht aber Arbeit !