Unsere Beiträge zu den Wissenschaften und Forschung

Happy Birthday, Clara Wieck-Schumann!

Clara Josephine Wieck-Schumann war die wohl berühmteste Pianistin des 19. Jahrhunderts, aber auch Komponistin, Herausgeberin, Klavierpädagogin und Konzertagentin.

Sie wurde am 13. September 1819 in Leipzig geboren und erhielt einen ausgezeichneten Klavierunterricht durch ihren Vater, den Klavierpädagogen Friedrich Wieck. Schon im Kindesalter führte sie Konzertreisen nach Dresden, Weimar und Paris durch. Den ersten Kompositionsunterricht erhielt sie bei Heinrich Dorn, Carl Reißiger und Siegfried Dehn. Als Zehnjährige veröffentlichte sie ihre ersten Klavierkompositionen, die Quatre Polonoises op. 1 und die Caprices en forme de Valse op. 2.

Als sie Robert Schumann begegnete, begann ein erbitterter Streit mit dem Vater. Das junge Paar setzte sich durch, doch nach der Heirat begann eine rastlose Zeit. Im Zeitraum zwischen 1841-1854 brachte Clara Schumann acht Kinder zur Welt. Trotz der vielfältigen häuslichen Pflichten gelang es ihr, neben der eigenen Konzerttätigkeit auch das Komponieren nicht zu vernachlässigen. Die meisten Werke entstanden zwischen 1829 und 1855. Ihr Oeuvre umfasst 23 Werke mit und 31 Werke ohne Opuszahlen, darunter Klavierkompositionen, Lieder, Chorwerke, Romanzen für Violine und Klavier sowie zwei Konzerte für Klavier und Orchester. Die meisten Musikautographen befinden sich in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und sind im Stabikat und im RISM OPAC recherchierbar.

Clara Wieck, Romanze H-Dur op. 5,3 || Abbildung: Digitale Bibliothek der SBB-PK

Clara Wieck, Romanze H-Dur op. 5,3 || Abbildung: Digitale Bibliothek der SBB-PK

Clara Schumann war zunehmend die Hauptinterpretin der Werke ihres Mannes, der aufgrund einer Verletzung nicht mehr konzertieren konnte. Sie organisierte die Konzerte, mietete die Konzertsäle, stellte das Konzertprogramm zusammen, kümmerte sich um den Druck der Programme, und organisierte die Instrumententransporte. Eine kurzzeitige, glückliche Phase erlebten die Schumanns ab 1850 in Düsseldorf, wo Robert die Stelle des Städtischen Musikdirektors übertragen wurde. Nach dem Tod ihres Mannes erfüllte Clara sein Vermächtnis als Herausgeberin der ersten Kritischen Gesamtausgabe seiner Werke bei Breitkopf & Härtel (31 Bände, 1879-1887), der Instructiven Ausgabe seiner Klavierwerke mit Metronom-Angaben und Fingersätzen sowie der Ausgabe seiner Jugendbriefe (1886).

Später entschied sie sich für die feste Anstellung als Professorin für Klavier am Frankfurter Hoch’schen Konservatorium. In über 13 Unterrichtsjahren baute sie eine internationale Klavierklasse auf. Unter den rund 70 Schülerinnen und Schülern waren Fanny Davies, Mary Wurm, Adelina de Lara und Leonard Borwick. Clara Schumann kritisierte das Klavierspiel der Schülerinnen und Schüler schonungslos wegen fehlendem Ausdruck und kraftlosem Rhythmus, was ihr als „unliebenswürdige Manieren“[1] nachgesagt wurde. Sie geizte aber auch nicht mit Lob, wenn ihr eine Interpretation gelungen erschien. Die Unsterblichkeit Clara Schumanns basiert zu einem nicht unbeträchtlichen Anteil auf den Überlieferungen ihrer künstlerischen Ansichten durch ihre zahlreichen SchülerInnen. Am 20. Mai 1896 starb sie in Frankfurt am Main.

Der Schumann-Nachlass in der SBB

Der umfangreiche Schumann-Nachlass kam durch Clara Schumann in die Königliche Bibliothek, die sie als „eine würdige und sichere Stätte“[2] zur Aufbewahrung der Autographen ihres Mannes ansah. Hier befanden sich schon die Autographen herausragender Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven.

Berliner Blumentagebuch der Clara Schumann (Blumenblatt 8) || Abbildung: Digitale Bibliothek der SBB-PK

Berliner Blumentagebuch der Clara Schumann (Blumenblatt 8) || Abbildung: Digitale Bibliothek der SBB-PK

Der Schumann-Nachlass kam zunächst als Depositum in die Königliche Bibliothek und konnte 1904 dank einer privaten Stiftung erworben werden. Den Grundstock der Schumann-Sammlung legten 18 Bände mit Robert Schumanns Autographen, darunter die drei Liederbände aus den Jahren 1840-1847, die Sinfonie Nr. 3 (Rheinische) und nicht zuletzt die 28 Bände mit Familienkorrespondenz, die kriegsbedingt in die Biblioteka Jagiellońska Kraków gelangt sind, wo sie sich noch heute befinden. Eine wichtige Ergänzung bildete die Erwerbung weiterer Originalhandschriften im Jahr 1924 von der ältesten Tochter Marie Schumann, worunter auch Clara Schumanns Klavierkonzert Nr. 1 (1836) zählt, zahlreiche Briefe von Johannes Brahms sowie der Briefwechsel zwischen Robert und Clara Schumann. Schließlich gelangten im Jahr 1940 die drei Haushaltbücher (1837-1856) und einzelne Gegenstände aus dem privaten Gebrauch des Ehepaars Schumann durch den Enkel Ferdinand Schumann in die Preußische Bibliothek. In der Berliner Schumann-Sammlung sind weiterhin 13 Bände mit Kompositionen Clara Schumanns im Autograph vorhanden, 7 Korrespondenzbände sowie das legendäre Berliner Blumentagebuch für Johannes Brahms von den gemeinsamen Konzertreisen 1857-1859, das liebevoll arrangierte Pflanzen und Blätter enthält.

[1] Louise Adolpha Le Beau, Lebenserinnerungen einer Komponistin, Baden-Baden 1910 S. 49. Der Nachlass Le Beau befindet sich ebenfalls in der SBB.

[2] Vgl. „Acta betreffend den handschriftlichen Nachlass von Robert Schumann. 1887“, SBB, Handschriftenabteilung

Alexander von Humboldt nahe kommen – Originale sehen vom 13. – 15. September

Nur vom 13. bis 15. September ausgestellt: Die Reisetagebücher Alexander von Humboldts von seiner Forschungsreise durch Mittel- und Südamerika 1799 – 1804

„Mit den Aufzeichnungen, die Alexander von Humboldt während seiner legendären Erkundungs- und Forschungsreise durch die amerikanischen Tropen teils unter widrigsten Umständen fertigte, kommt uns dieser an allem interessierte Wissenschaftler überaus nah“, kommentiert Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, diese äußerst seltene Gelegenheit, Humboldts Amerikanische Reisetagebücher im Original zu sehen. Und weiter: „Ich lade herzlich dazu ein, sich am kommenden Wochenende mit der Person Alexander von Humboldt wie auch mit seiner Art zu schreiben, zu denken und zu arbeiten, unmittelbar und aus nächster Nähe zu beschäftigen. Es ist eine große Freude und Ehre, dass die Staatsbibliothek zu Berlin in seiner Heimatstadt zu seinem 250. Geburtstag in der Lage ist, alle Aufzeichnungen von dieser bis heute nachwirkenden Reise zu zeigen“.

Vor sechs Jahren erwarb die Stiftung Preußischer Kulturbesitz für die Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, mit außerordentlicher Unterstützung durch private und öffentliche Förderer, die in neun Lederbände gefassten, rund 4.000 Seiten mit den Aufzeichnungen, die Alexander von Humboldt (1769-1859) während seiner Erkundungsreise durch Mittel- und Südamerika in den Jahren 1799 bis 1804 angefertigt hatte. Kurz nach dem Ankauf waren die Reisetagebücher drei Tage lang präsentiert, erst jetzt besteht erneut Gelegenheit, sich selbst ein Bild von diesem außerordentlichen Teil des Nachlasses des Universalgelehrten, Forschers, Entdeckers und Netzwerkers zu machen.

Amerikanische Reisetagebücher von Alexander von Humboldt
Freitag bis Sonntag, 13. bis 15. September 2019
Freitag 9-21 Uhr | Samstag 10-19 Uhr | Sonntag 11-19 Uhr
Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum, 10785 Berlin

honorarfreie Pressebilder: https://staatsbibliothek-berlin.de/aktuelles/presse-news/pressebilder/aktuelle-themen/

Humboldt digital: https://humboldt.staatsbibliothek-berlin.de/werk/

 

HINTERGRUNDINFORMATIONEN

Die Tagebücher einer außergewöhnlichen Forschungsreise

Im Alter von dreißig Jahren brach Alexander von Humboldt gemeinsam mit Aimé Bonpland zu seiner großen Forschungs- und Erkundungsreise durch Süd- und Mittelamerika auf. Neben zahlreichen Messinstrumenten führte er auch Papier und Tinte mit sich, um zu allen seinen Entdeckungen und Überlegungen umfassend Notizen anfertigen zu können. Er beschrieb, notierte, vermaß, zeichnete, skizzierte und interpretierte alles, was ihm interessant erschien, Pflanzen, Tiere, Formationen, Landschaften, Menschen. Er berührte vielfältige Fragen der Geologie, Topographie, Klimakunde, Mineralogie, Biologie, Physik, Astronomie, Chemie, Sprachwissenschaften, Ethnologie, Medizin, Arzneikunde und anderer, vor allem naturwissenschaftlicher Wissenschaftsgebiete.

Die 4.000 Seiten sind dicht beschrieben, teils in deutscher, teils in französischer, auch englischer, spanischer und lateinischer Sprache, und mit eigenhändigen Skizzen Humboldts versehen. In die Bücher sind auch einige ältere und jüngere Texte Humboldts eingebunden, so finden sich neben den unmittelbaren Reiseaufzeichnungen auch ausgearbeitete literarische Stücke, Hinzufügungen, Skizzen, Pläne, Erläuterungen, ausgeschnittene Berichte, Verweise sowie Briefe und Kopien von Briefen.

Bis ins hohe Alter – Alexander von Humboldt starb mit 90 Jahren in Berlin – arbeitete er mit diesen Aufzeichnungen seiner frühen Forscherjahre intensiv weiter, brachte Annotationen und Querverweise an. Er entwickelte aus diesen wie auch aus späterer wissenschaftlicher Arbeit seine berühmten Kosmos-Vorlesungen, schöpfte für seine Publikationen, wissenschaftliche Disputationen und Vorträge.

Bislang sind die Tagebücher nur sehr unvollständig ediert. Sie umfassen den gesamten Reiseverlauf der fünfjährigen Amerika-Expedition, während die von Humboldt veröffentlichten Reiseberichte „Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent“ (Paris, 1805-1839) nur ein Drittel davon schildern.

 

Nachlass konserviert, digitalisiert und erschlossen

Der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz gehört, über die Reisetagebücher hinaus, der wissenschaftliche Nachlass Alexander von Humboldts. Dieser wurde in den Jahren 2015/16 komplett konserviert, digitalisiert und erschlossen. Dabei wurde auch jenes Drittel des Nachlasses einbezogen, welches infolge des Zweiten Weltkrieges in Krakau aufbewahrt wird.

Vor der Digitalisierung wurde in Berlin und Krakau jedes einzelne Blatt dahingehend überprüft, ob restauratorische Schritte zu unternehmen waren. Zudem wurden alle Dokumente in neu beschriftete, säurefreie Mappen und Kästen umgelagert.

Insgesamt wurden von rund 22.000 Blatt des Nachlassteils in der Staatsbibliothek zu Berlin 50.000 Images gefertigt. Der Nachlassteil in Krakau umfasst etwa 11.000 Blatt, davon wurden 25.000 Images gefertigt. Insgesamt handelt es sich um 33.000 Blatt, teils sehr komplexe Dokumente, von denen 75.000 Images gefertigt und online gestellt wurden. Damit gibt es für viele Zweige der Wissenschaften wie auch für all jene, die die Forschungen und Impulse des Entdeckers, Netzwerkers und Europäers, des in jeder Hinsicht bemerkenswerten Berliners Alexander von Humboldt nachverfolgen wollen, keinerlei Beschränkungen mehr.

Die von Humboldt geschaffenen Texte wie auch die jeweiligen Erscheinungsbilder seiner Reistagebücher, Briefe, Notizen, Forschungsaufzeichnungen, Manuskripte und einzigartigen Themensammlungen sind in bester Qualität anzuschauen und zu recherchieren. Es ist jedoch nicht leicht, Humboldt zu lesen oder zu verstehen: In der Regel beschrieb er Blätter sehr eng, ergänzte über Jahrzehnte hinweg Annotationen, fügte zahlreiche Querverweise auf frühere oder spätere Erkenntnisse ein.

http://humboldt.staatsbibliothek-berlin.de/werk/

 

Der Nachlass A. v. Humboldt in der Staatsbibliothek zu Berlin

Unter den mehr als 1.600 in der Staatsbibliothek zu Berlin verwahrten Nachlässen ist jener von Alexander von Humboldt eine der wichtigsten Quellen zur europäischen Wissenschaftsgeschichte. Er enthält Dokumente aus Humboldts gesamtem Leben, vornehmlich aber aus der Zeit seit 1799. Etwa 50.000 Blätter sind in den Materialsammlungen Humboldts zu verschiedenen Themen enthalten. In der Humboldt’schen Ordnung belassen, spiegeln sie die weit gefächerten Interessensgebiete sowie die Vorgehensweise des Wissenschaftlers wider: Eigenhändig beschriftete Mappen enthalten Notizen, vollständige Manuskripte, Zeitungsausschnitte, Briefe und anderes Material zu Themen wie Sklaverei, Meeresströmungen, Naturgeschichte, Geschichte der Weltansicht, Mineralogie, Geographie der Pflanzen und Menschenrassen.

Humboldts Nachlass wurde ab 1868 nach und nach in die Staatsbibliothek aufgenommen. Er umfasst etwa die von Humboldt selbst noch testamentarisch für die Königliche Bibliothek bestimmten Papiere zur Statistik und Geographie Mexikos und Kubas, darüber hinaus die Manuskripte der „Ansichten der Natur” sowie des „Kosmos” und die sogenannten „Kollektaneen“, eine von Humboldt angelegte Sammlung eigener und fremder Dokumente. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Bestände der Staatsbibliothek zu ihrem Schutz an verschiedene Orte in ganz Deutschland ausgelagert. Die nach Südwestdeutschland ausgelagerten Kollektaneen kehrten wieder nach Berlin zurück. Andere Teile des Nachlasses hingegen wurden ins damalige Schlesien ausgelagert und liegen heute in der Jagiellonischen Bibliothek in Krakau.

Neben dem Nachlass gibt es bedeutende weitere Dokumente von und über Humboldt in anderen Beständen, etwa in den Nachlässen Alexander Mendelssohns oder Adelbert von Chamissos sowie in den umfangreichen Autographensammlungen.

Durch gezielte Ankäufe ergänzt die Staatsbibliothek den vorhandenen Bestand. So gelang ihr im Jahr 2011 mit Unterstützung von privaten und öffentlichen Förderern die sensationelle Erwerbung des bis dahin als verschollen gegoltenen und der Wissenschaft gänzlich unbekannten Adressbuches des Forschers. Dieses enthält auf etwas über zweihundert Seiten rund 900 Namen von Personen, mit denen er korrespondierte, sowie eine Reihe von Notizen.

Mit Maschinen spielen – Lust und Frust in Zeiten der Künstlichen Intelligenz

Ein Beitrag aus unserer Reihe Künstliche Intelligenz zum Wissenschaftsjahr 2019

Irgendwann wird man vielleicht feststellen, dass der 10. März 2016 einen historischen Wendepunkt in der Technologie-, wenn nicht gar in der Menschheitsgeschichte markiert.

An besagtem Donnerstag geschah im Four Seasons Hotel in Seoul etwas überaus Überraschendes, wenngleich nicht in den Augen aller Menschen, so doch wenigstens in denen der interessierten Öffentlichkeit. Es ereignete sich das zweite Match zwischen dem Südkoreaner Lee Sedol, einem, wenn nicht dem zu dieser Zeit besten Go-Spieler der Welt, und dem Computerprogramm AlphaGo, einem neuronalen Netzwerk, basierend auf maschinellen Lernmethoden und entwickelt von Googles Deepmind.

Das erste Match hatte Sedol bereits verloren. Die Zuversicht in die eigene Spielstärke – oder war es menschliche Überheblichkeit? – war gewichen. Doch die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt, hier vor allem die der versammelten Spielergemeinde.

Nach mehreren bemerkenswerten Spielzügen im zweiten Match vollzog AlphaGo im 37. Zug etwas, was nicht nur den vorherrschenden Spielkonventionen, sondern auch jeglichen statistischen Wahrscheinlichkeiten und dem Erfahrungswissen der AlphaGo-Entwickler entgegenstand. Die Maschine entwickelte ein Eigenleben, ein Eigendenken. Es war erst auf den zweiten Blick zu erkennen, dass die Maschine keinen (Rechen-)Fehler produzierte, zumal Go als komplexes Brettspiel mehr Züge ermöglicht, als jeder Superrechner klassischer Bauart heutzutage zu berechnen in der Lage ist.

Vielmehr überraschte AlphaGo das Publikum mit einer unerwarteten Spielintuition und -kreativität. Im Nachgang des Matchs resümierte der unterlegene Lee Sedol bewegt:

„Ich dachte AlphaGo würde auf Wahrscheinlichkeitsrechnung basieren und dass es nur eine Maschine wäre […] Nach dem Zug änderte ich meine Meinung. Dieser Zug war kreativ und wunderschön.“ (zitiert nach: Macht Euch die Maschinen untertan)

Einer Maschine war es gelungen, eine Grundeigenschaft des Menschen zu erlangen. Im Auge des Betrachters entwickelte sie eine Kreativität, um Originalität und Schönheit hervorzubringen – eine Domäne, die nur uns Menschen beschieden zu sein schien.

Was dieses Ereignis in den Augen vieler Go-Spieler so bedeutsam macht, bleibt für Nicht-Go-Spieler, also für die überwältigende Mehrheit von uns, unverständlich, singulär und ohne Folgen. In Südkorea indes führte die krachende Niederlage eines Nationalhelden zu verstärkten Investitionsprogrammen in die nationale, industrielle KI-Forschung – das Match als Sputnik-Schock.

Dieses Spiel war lediglich eine Zwischenetappe im Wettbewerb Mensch gegen Maschine, in dem ein Muster zu erkennen ist: Mensch programmiert Maschine, Maschine lernt, Maschine gewinnt, Mensch sucht komplexere Spielherausforderung für neue Maschinen.

Dieses Muster lässt sich anhand einzelner Spiele historisch skizzieren:

Dame:
Der Informatiker Arthur Lee Samuel, einer der frühen KI- und Computerspiel-Pioniere, entwickelte um 1959 ein Programm, welches im Spiel gegen sich selbst Gewinnwahrscheinlichkeiten von Zügen berechnete und so alsbald ein mehr als ernst zu nehmender Gegner im Dame-Brettspiel wurde. Dies war die Geburtsstunde maschinellen Lernens. Die damaligen Rechnerkapazitäten begrenzten die Möglichkeiten eines Vorgehens nach der Brute-Force-Methode, der Suche nach der einen richtigen Lösung. Anstatt alle möglichen Züge durchzurechnen, wurde ein heuristisches Verfahren gewählt, um den Suchraum nach guten, da gewinnbringenden Zügen einzugrenzen. Ein Ansatz, der bis heute eine gewisse Gültigkeit besitzt.

Schach:
Das Königsspiel reizte schon früh ob seiner Komplexität mit ca. 1043 möglichen Spielstellungen. In den 1980er Jahren entstanden an der Carnegie Mellon University leistungsfähige Schachcomputer, von denen Deep Thought nennenswerte Spielerfolge erzielte, aber gegen die weltbesten Spieler wie Garri Kasparow schachmatt ging. Erst eine modifizierte Schachsoftware, kombiniert mit einer enormen Prozessorleistung, führte 1997 zum Sieg des IBM-Schachcomputers Deep Blue über den Russen. Fun Fact: Im Nachgang entwickelte sich zwischen den Beteiligten eine rege Diskussion über regelkonformes Verhalten und die definitorischen Grenzen maschinellen Lernens.

Go:
Dem oben beschriebenen Wettkampf Mensch gegen Maschine folgten weitere. Professionelle Spieler waren auf die Tribüne verbannt, die Maschinen machten das Spiel mittlerweile unter sich aus. Während bei AlphaGo noch Ansätze von Big Data – die Auswertung zahlreicher von Menschen gespielter Partien – mit Ansätzen des reinforcement learning kombiniert wurden, wurden dem Nachfolgeprogramm AlphaGo Zero lediglich die Go-Spielregeln eingepflanzt. Das Erlernen des Spiels und der Strategien geschah eigenständig: KI als Lehrer und Schüler zugleich. Das Ergebnis dieser konstruktiven Symbiose mit sich selbst? Nach dreitägiger Lernphase schlug AlphaGo Zero in hundert Partien hundert Mal seinen Vorgänger.

Poker:
Während Dame, Schach und Go als Zwei-Personen-Nullsummenspiele mit perfekter Information gelten, sind Kartenspiele wie Poker Spiele mit imperfekter Information, das heißt die einzelnen Spieler kennen nur ihre eigenen Karten. Daher stehen Spieler wie KI vor der Herausforderung, das eigene strategische Verhalten nicht oder nur sehr bedingt an Informationen zur Kartenverteilung der Gegner ausrichten zu können. Ein weiteres Problem besteht darin, vermeintliche Muster erkennen zu müssen, wie Gegner in der Vergangenheit spielten, oder welchen Stellenwert beispielsweise Risiko und Bluffs einnehmen.
Aber auch diese Herausforderung (ca. 10160  mögliche Spielkonstellationen) war letztlich für KI-Programme zu bewältigen. Erst schlug Ende 2016 Deepstack und unmittelbar darauf im Januar 2017 Libratus die menschliche Konkurrenz im Two-Player No-Limit Texas Hold’em aus dem Feld. In der Lernmethodik unterscheiden sich die Ansätze, im Ergebnis führten beide zum Erfolg. Ein weiterer Meilenstein nun in diesem Jahr: Libratus erklomm die nächste Stufe der Komplexität – es gewann in der Königsdisziplin, dem Multiplayer-Game gegen fünf professionelle Poker-Spieler.

E-Sport:
Auch im boomenden Markt des E-Sports, des sportlichen Wettbewerbs mittels Computerspielen, mischt Künstliche Intelligenz zwischen Hunderten Millionen von Spielern kräftig mit.
Gerade im Multiplayer Online Battle Arena-Genre erhöht sich die Vielschichtigkeit klassischer Brett- oder Kartenspiele. Für Triumphe in diesen Echtzeit-Strategiespielen wie Dota2 oder League of Legends, gespielt in der Regel zu fünft pro Team, sind neben schneller Reaktionsfähigkeit im Mikrosekundenbereich, also durchaus einer Domäne von Computerprogrammen, auch die soziale Interaktions-, Team- und Kommunikationsfähigkeit vonnöten, gemeinhin ein herausforderndes Terrain nicht nur für KI. Pionierleistungen erfüllte in diesem Bereich das Projekt OpenAI Five, dem es im April 2019 erstmalig gelang, den amtierenden Dota-Weltmeister OG zu schlagen.

Womöglich wird es für Programme wie AlphaGo Zero, Libratus und OpenAI alsbald nach kurzer Trainingszeit möglich sein, nacheinander oder sogar simultan die derzeit Führenden der Ranglisten im Poker, Stephen Chidwick, im Schach, Magnus Carlsen und im Go-Spiel, Shin Jinseo zu besiegen. Die nächste Stufe wäre damit erreicht: nicht nur einzelne Spiele oder Nischen zu bespielen, sondern mit ganz unterschiedlichen Komplexitäten und Ansätzen umzugehen.
In weiterer Konsequenz wird die Herausforderung stehen, spielunabhängig vielschichtige Probleme zu bewältigen, Lösungskompetenz zu entwickeln, generell also realistische (Alltags-)Situationen zu meistern.

Was bleibt uns als Gewissheit in diesem ungleichen Spiel? Dass wir als Homo Ludens weiterhin bestimmen, was wir wo wie spielen. Oder etwa nicht?
Auch diese Domäne beginnt mittlerweile zu bröckeln, seit dem Aufkommen von Speedgate, dem ersten von Künstlicher Intelligenz entwickelten Sportspiel, in dem Menschen spielen, was Maschinen selbständig entwickelt haben. Bleibt auch um des joga bonito willen zu hoffen, dass dies nur eine sportspielerische Randerscheinung bleibt.

 

Referenzen:

Grunwald, Armin (2019): Der unterlegene Mensch: die Zukunft der Menschheit im Angesicht von Algorithmen, künstlicher Intelligenz und Robotern. München: riva.

Kreye, Andrian (2018): Macht Euch die Maschinen untertan: Vom Umgang mit künstlicher Intelligenz. München: Süddeutsche Zeitung Edition.

Ramge, Thomas (2018): Mensch und Maschine: Wie Künstliche Intelligenz und Roboter unser Leben verändern. Stuttgart: Reclam.

Weiterführendes:

AlphaGo – Film, USA 2017, Regie: Greg Kohs.

 

 

Vorschau: Im nächsten Beitrag entführen wir Sie in die Welt der Literatur – Sie begegnen Cyborgs und anderen Mischwesen!