Der Hundeshagensche Codex, eine „Extended Version“ des Nibelungenlieds
Ein besonders kostbares Buch verdankt die Staatsbibliothek zu Berlin dem aus Hanau stammenden Germanisten und Bibliothekar Helfrich Bernhard von Hundeshagen. Während seines Jurastudiums bei Friedrich Carl von Savigny in Marburg lernte er Jacob Grimm, den älteren der Märchen sammelnden Brüder kennen. Später setzte er sein Studium in Göttingen fort. Nach Studienabschluss fand er eine Anstellung am Hofgericht seiner Geburtsstadt Hanau. Ab 1813 arbeitete er an der Öffentlichen Bibliothek Wiesbaden, wo ihm die Auflösung der Klosterbibliotheken oblag. Hier machte er die Bekanntschaft Goethes , der ihn als „talentvollen Mann … [voller] Fleiß und Geschicklichkeit“ bezeichnete. 1820 folgte von Hundeshagen einem Ruf als Privatdozent für theoretische und praktische Baukunst an der Universität Bonn. Obgleich er nur bis 1823 für die Universität tätig war, blieb er in Bonn, befasste sich mit der Architektur dieser Stadt und zeichnete Stadtansichten , die 1834 als Kupferstichtafeln veröffentlicht wurden. Schließlich forderte sein hohes Arbeitspensum einen hohen Tribut. Die letzten zwölf Jahre seines Lebens verbrachte er in einer Psychiatrischen Anstalt in Bonn-Endenich.
Im Jahr 1817 kaufte von Hundeshagen das Buch, das heute unter dem Namen „Hundeshagenscher Codex“ bekannt ist, in Mainz zum Preis von 100 Dukaten. Mehrere Jahre lang restaurierte von Hundeshagen das Buch akribisch. Er ließ den Codex mit einem biedermeierlichen Einband, bestehend aus mit weinrotem Samt überspannter Pappe, versehen, den Spiegel mit Moiréseide ausstatten und den Schnitt vergolden.
Es handelt sich um eine vollständige Handschrift des Nibelungenlieds. Mutmaßlich entstand sie um 1440. Das in ostschwäbischem Dialekt geschriebene Buch enthält 37 Miniaturen. Es ist die einzige mit zeitgenössischen Illustrationen versehene Bilderhandschrift des Nibelungenstoffs. Aus dem Handschriftencensus, der den Band unter der Nummer 3622 beschreibt, erfahren wir, dass die Blätter 283-203 mm groß sind, jeweils zwischen 29 und 39 Zeilen enthalten, und dass die zweite Lage versehentlich falsch eingebunden wurde.
Um den Text für das Publikum spannender zu gestalten, fügte der spätmittelalterliche Schreiber zwei Passagen ein, die eigentlich nicht hinein gehören. Am Beginn der 28. Aventiure warnt Hildebrand die Burgunder vor Rohren, die mit einem aus Schwefel und Kohle bestehenden Pulver gefüllt sind. Mit diesen soll auf Krimhilds Befehl der Saal, in dem die Burgunder lagern, in Brand gesetzt werden. Am Ende hat der Schreiber noch eine makabere Anekdote eingeflochten, der zufolge Hildebrands Schwert so scharf ist, daß Krimhild nichts spürt, als sie den todbringenen Streich erhalten hat. Erst als sie sich bückt, zerfällt sie in zwei Teile.
| Hilprant mit zorn zů kriemhillden sprang | Hildebrand stürzte sich zornig auf Kriemhild. |
| er schlůg der kuniginne ainen schweren schwertes schwang | Er versetzte der Königin einen wuchtigen Schwerthieb |
| enmitten da de borte iren leib het vmb geben | in der Mitte, wo der Gürtel ihren Körper umfangen hatte. |
| da můst die kuniginne verliesen ihr werdes leben. | Da musste die Königin ihr wertvolles Leben verlieren. |
| Daz schwert daz schnaid so drate daz sy sein nit enpfant | Das Schwert, das schnitt so schnell, dass sie nichts spürte, |
| daz sy het gerüret vnsanft sy sprach ze hant | was sie unsanft berührt hätte. Sie sagte solgeich: |
| dein waffen ist verplawen du solt es von dir legen | „Dein Schwert ist zerhauen, leg es weg! |
| es zimpt nicht wol ze tragen aim als zierlichen degen | Es ziemt sich für einen so großen Helden nicht, es zu führen.“ |
| Da zoch er von dem vinger ain ring rot guldein | Da zog er einen rotgoldenen Ring vom Finger. |
| er warf ir in für die füsse er sprach hebt ir daz ringerlein | Er warf ihn ihr vor die Füße. Er sagte: „Wenn ihr das Ringelein aufhebt |
| auf von der erden so habt ir war edel wip | vom Boden, dann habt ihr recht, edle Frau. |
| sy naigt sich nach dem gold da viel enzway ir werder leib | Sie bückte sich nach dem Gold, da fiel ihr teurer Leib entzwei. |
Ob diese Textanreicherungen den Zeitgenossen gefallen haben, ist nicht überliefert. Der Mediävisten Karl Lachmann urteile über eine anderenorts abgedruckte Probe, sie „erregt keine begier nach mehreren“.
Nach Hundeshagens Ableben ließen seine Erben den Codex 1867 im Kölner Auktionshaus Lempertz versteigern. Für 780 Taler zuzüglich 78 Taler Aufgeld erhielt die damalige Königlich Preußische Bibliothek den Zuschlag. Heute trägt der Band die Signatur Ms. germ. fol. 855. Das Digitalisat kann in unseren Digitalisierten Sammlungen bewundert werden. Wer beim Lesen gern etwas in den Händen hält, sei auf das 2008 erschienene Faksimile verwiesen. Im Handschriftenlesesaal der Staatsbibliothek im Haus Unter den Linden 8 ist es unter der Signatur Hs LS CM 1037 zu finden.
Literatur: Das Nibelungenlied. Der Hundeshagensche Codex. Ms. germ. fol. 855 der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Berlin (I: Faksimile, II: Kommentarband mit Beiträgen von Beate Braun-Niehr, Joachim Heinzle, Klaus Klein, Jürgen Vorderstemann), Gütersloh/München 2012



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