Digitale Lektüretipps 34: Oskar Heinroth – der Direktor des Berliner Aquariums und seine Vogel-WG

Ein Beitrag aus unserer Reihe Sie fehlen uns – wir emp-fehlen Ihnen: Digitale Lektüretipps aus den Fachreferaten der SBB

von Gabriele Kaiser, Handschriftenabteilung

Die Vögel Mitteleuropas – in allen Lebens- und Entwicklungsstufen photographisch aufgenommen und in ihrem Seelenleben bei der Aufzucht vom Ei an beobachtet von Dr. Oskar und Frau Magdalena Heinroth“ 4 Bände, Berlin 1924-1933

Es ist Frühling, der Himmel ist blau, die Vögel singen – wie lange noch und welche Arten übrig bleiben, das wird die Zukunft zeigen. Am Anfang stand das Ei – oder doch die Henne?

Stellen Sie sich eine Etagenwohnung mitten in der Millionenstadt Berlin vor. In jedem Zimmer Vögel. Da geht’s zu wie in einer Wohngemeinschaft, genauer gesagt: einer Vogel-WG. Eine Nachtschwalbe brütet auf dem Teppich, ein Kleinspecht hackt Löcher in den Schrank, zwei Baumläufer klettern am Hosenbein des Hausherrn. Ein Mauersegler kreist geschickt durchs Wohnzimmer, der Birkhahn balzt auf dem Balkon und der Waldkauz versucht zu jeder vollen Stunde, den Kuckuck aus der Schwarzwalduhr zu erwischen. Ein solches Szenario erscheint uns unvorstellbar, fast surreal. Die Impressionen aus der Berliner Mietwohnung sind aber kein Jägerlatein, sondern Realität. Sie liegen nur hundert Jahre zurück. Es war die Wohnung der Heinroths.

Oskar Heinroth mit Adler (Nachlass Oskar Heinroth, Nachl. 137; Fotograf Klaus Nigge)

Oskar Heinroth mit Adler (Nachlass Oskar Heinroth, Nachl. 137; Fotograf Klaus Nigge)

Oskar Heinroth war ein international bekannter Vogelkundler, erster Direktor des Aquariums des Berliner Zoos und ein „Original“ in der Berliner Wissenschafts- und Kulturszene der 1920er und 1930er Jahre.
Gemeinsam mit seinen beiden Ehefrauen Magdalena (geb. Wiebe, 1883-1932) und Katharina (geb. Berger, 1897-1989, Heirat 1933) beschäftigte er sich mit einer Fülle zoologischer Themen und erforschte die Biologie praktisch aller Vogelarten Europas. Die dabei gemachten Entdeckungen und Überlegungen waren ihrer Zeit weit voraus und leisteten einen innovativen Beitrag in der Entstehung biologischer Konzepte. Für fast drei Jahrzehnte gehörten die verschiedensten Vögel zum Haushalt der Heinroths.

Magdalena Heinroth teilte die Leidenschaft ihres Mannes. Sie durfte nicht studieren, doch sie besaß den Wissensdurst einer Forscherin und hielt von Jahr zu Jahr mehr Vögel in der Wohnung. Bald war dies ein Großprojekt, denn das Ehepaar setzte sich zum Ziel, sämtliche Vogelarten Mitteleuropas vom Schlupf an aufzuziehen und ihre Jugendentwicklung zu studieren. So haben sie Küken von mehr als 250 Vogelarten großgezogen – von der fragilen Schwanzmeise bis zum stattlichen Seeadler. Magdalenas Arbeitspensum in all den Jahren, tierpflegend wie forschend, ist kaum zu ermessen. Als das entbehrungsreiche Mammutprojekt gerade beendet war, starb sie unerwartet.

Mit der selbst gestellten Aufgabe, alle Vogelarten Mitteleuropas aufzuziehen, war es nicht getan. Ihr Anspruch lag höher. Als wissensdurstige Naturforscher dokumentierten sie das Heranwachsen der Vogeljungen in Wort und Bild. Heinroth war Fotograf und technikbegeistert. Unermüdlich hat das Ehepaar Vögel porträtiert, über 15 000 Glasplatten entstanden. Die Fakten und Erfahrungen dieses Langzeitprojektes formen die Basis für das monumentale, vierbändige Werk.

„Die Vögel Mitteleuropas – in allen Lebens- und Entwicklungsstufen photographisch aufgenommen und in ihrem Seelenleben bei der Aufzucht vom Ei an beobachtet von Dr. Oskar und Frau Magdalena Heinroth“ heißt der so ungewöhnliche wie langatmige Titel dieses monumentalen Werkes. Darin vereint das Forscherpaar die gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse von drei Jahrzehnten Zusammenleben mit 1000 Vogeljungen. Es sind vier großformatige Bände mit fast eintausend Seiten Text und über 4000 Fotografien, erschienen in den Jahren 1924 bis 1933. Darin werden über 250 Vogelarten beschrieben, jede von ihnen hat ihr eigenes Kapitel. In Leder gebunden und goldverziert sehen die Bücher nicht nur prachtvoll aus, sondern sind auch ein Schwergewicht: Zusammen wiegen sie 11 kg. Erschienen sind sie im Hugo Bermühler-Verlag in Berlin Lichterfelde. Ihre Herausgabe wurde von der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen finanziell gefördert. Nie zuvor gab es so viele Abbildungen in einem naturkundlichen Werk. Dieses ist auch deshalb ein Unikat, weil seither nie wieder ein Buch publiziert worden ist, welches ganz dem Thema der Jugendentwicklung – vom Ei bis zum Erwachsensein – der Vögel Europas gewidmet ist.

1933 fand Oskar in der Zoologin Katharina Berger seine nächste Lebenspartnerin. Gemeinsam forschten sie nun an Haustauben und Enten. Diese Entenstudien markieren den Beginn der Verhaltensforschung in Deutschland.

Der Zweite Weltkrieg machte die Arbeit zunichte. Beide überstanden das Kriegsende in den Trümmern des Aquarium-Gebäudes. Ausgezehrt starb Oskar noch im Mai 1945. Bald danach wurde Katharina mit der Leitung des Berliners Zoologischen Gartens betraut. Sie war die erste Zoodirektorin Deutschlands.

Der Nachlass
Der Nachlass Oskar Heinroths befindet sich dank Katharina Heinroths Entscheidung in der Staatsbibliothek. 1945 hatte sie in den Trümmern des Zoos und nach dem Tod ihres Mannes alle verbliebenen Materialien zusammengetragen, sie zeigen oft noch deutliche Spuren wie Wasserschäden. In fast 40 Kästen werden die, man muss es leider so sagen, Fragmente eines gewaltigen Nachlasses aufbewahrt. Sie wurden gereinigt, grob geordnet, als “Nachl. 137” erfasst, aber noch nicht katalogisiert. Allein ein Band mit Briefen mit Oskar Heinroths bekanntestem Schüler, dem späteren Nobelpreisträger Konrad Lorenz, wurde aus dem Nachlass publiziert.

Karl Schulze-Hagen, ebenfalls wie Oskar Heinroth studierter Mediziner und leidenschaftlicher Ornithologe, hat mehrere Jahre den Nachlass durchgearbeitet. Seine bisher über 80 Publikationen sind über den Stabikat plus zu finden, so auch ein Beitrag über das Brutverhalten des Sumpfrohrsängers.

Die Publikation

Junge Wasserstare (Nachlass Oskar Heinroth; Nachl. 137; Fotograf Klaus Nigge)

Junge Wasserstare (Nachlass Oskar Heinroth; Nachl. 137; Fotograf Klaus Nigge)

Karl Schulze-Hagens Ergebnisse liegen jetzt gedruckt vor. Die Publikation “Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung“, die er gemeinsam mit Gabriele Kaiser erarbeitete (München: Knesebeck Verlag, 2020), erzählt die Geschichte der Heinroths und veröffentlicht erstmals  Fotos und handschriftliche Notizen aus dem Nachlass. Denn es gibt unzählige der oft nur 5 x 8 cm großen Bilder. Sie wurden durch den renommierten Tier- und Naturfotografen Klaus Nigge aufwendig reproduziert und bearbeitet.

Oskar Heinroth im Auge des Uhus (Oskar Heinroth, Nachl. 137; Fotograf Klaus Nigge)

Oskar Heinroth im Auge des Uhus (Oskar Heinroth, Nachl. 137; Fotograf Klaus Nigge)

Ein besonderes Bild aus diesem Buch: im Auge eines porträtierten Uhus spiegelt sich 1923 der Fotograf Oskar Heinroth. Ungewollt bringt es der Schnappschuss damit auf den Punkt: der Pionier der Verhaltensforschung, der seinen Vögeln in die Augen schaute.

 

1 Antwort
  1. Avatar
    Kreiser Klaus sagte:

    Schon als Buch gelesen und einem fast professionellen Ornithologen geschenkt. Danke trotzdem für den Hinweis

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