15. Dezember

„Hört, hört, es soll gar pricklend erotische Geschichten geben, von einem Giovanni Boccaccio, der sie sogar in der Volkssprache verfasst hat“, so mögen die Zeitgenossen geflüstert haben. Und da der Buchdruck noch nicht erfunden war, kursierten zahlreiche Handschriften des wohl zwischen 1348 und 1353 geschriebenen „Decamerone“, der sich mit zum einflussreichsten Prosawerk nicht nur der italienischen, sondern der europäischen Literatur entwickeln sollte.

Sieben junge Frauen und drei junge Männer flüchten aus der pestverseuchten Stadt Florenz aufs Land und vertreiben sich die Zeit, indem sie an zehn Tagen je zehn Geschichten erzählen: Decameron heißt so viel wie Zehntagewerk. Menschliche Eitelkeiten sind ebenso Gegenstand wie der mit viel Spott bedachte Klerus, melodramatische und possenhafte Stoffe wechseln sich ab mit satirischen Betrachtungen einer heuchlerischen spätmittelalterlichen Gesellschaft – und an Erotik mangelt es tatsächlich nicht. In prüderen Jahrhunderten wurden zensierte Ausgaben ohne jene anstößigen Geschichten herausgegeben, später gab es Editionen, die ausschließlich die pikanten Texte enthielten – von mitunter zweifelhaften Filmen ganz zu schweigen.

Die Staatsbibliothek kam in den Besitz einer zunächst unspektakulär scheinenden Handschrift des Decamerone über den Ankauf der Sammlung des Duke of Hamilton (1767-1852). Sie wurde erstmals von Adolf Tobler untersucht, einem Schweizer Romanisten, der 1867-1910 an der Berliner Universität lehrte.

Tobler bedauert, dass eine kritische Ausgabe des Decamerone bislang fehlt und stellt fest, dass die Berliner Handschrift neben zahlreichen Textfehlern an vielen Stellen richtiger zu sein scheint als die bislang gedruckten Versionen.

1935 kommt zum ersten Mal der Verdacht auf, dass es sich um eine eigenhändige Handschrift des großen Dichters handeln könnte – und 1961 traf es den italienischen Forscher Vittore Branca mitten ins Herz, als er statt schlechter schwarz/weiß-Kopien zum ersten Mal das über Fernleihe verschickte Original in Händen halten konnte: er erkannte die Schrift Boccaccios. Die teils verblasste Tinte war nachgezogen worden, nicht ganz fehlerfrei. Nun stand fest: Boccaccio hatte sich keineswegs durch die kirchliche Kritik von seinem Jugendwerk distanziert, sondern in dieser Arbeitshandschrift seinen Text weiter verfeinert, Varianten eingetragen und über längere Zeit den Decameron intensiv überarbeitet!

Als Branca die Handschrift 1972 noch einmal per Fernleihe ausleihen wollte, wurde dies von der Westberliner Staatsbibliothek abgelehnt. Die Sorge war zu groß, dass die DDR von Italien diese Kostbarkeit auf diplomatischem Wege „zurückfordern“ konnte. Doch Branca durfte sie eigenhändig nach Italien ausleihen – ein unglaubliches Zugeständnis. Heute, seit der Entdeckung Brancas, dass es sich um das Autograph handelt, zählt die Handschrift zu den sorgsam behüteten Zimelien der Staatsbibliothek.

Boccaccios Weltruhm beruht auf dem Decameron im Alter verarmte er zusehends. Um den vorweihnachtlichen Bogen zu schlagen: Boccaccios Dichterfreund Francesco Petrarca vermachte ihm 50 Goldtaler, damit er sich einen Wintermantel kaufen konnte.

Zum Glück können Sie die Handschrift Boccaccios ohne konservatorische Risiken in den Digitalen Sammlungen anschauen.

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