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„Zwischen Realität und Virtualität. Aktuelle Entwicklungen im Bilderbuch“

Oder: Das Bilderbuch – die Grundschule der ästhetischen Bildung

Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Wenn schon Kinderbücher die entscheidenden Bücher im Leben sind, wie der Baden-Badener Verleger Herbert Stuffer einst konstatierte, sind dann Bilderbücher nicht vielleicht noch wichtiger, da sie eine erste Berührung mit der Kunst ermöglichen? So sinnierte Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, in ihrer Einleitung zur Jubiläumsveranstaltung der Veranstaltungsreihe Kinderbuch im Gespräch. Friedrich C. Heller, als wesentlicher Mitinitiator dieser inzwischen 20 Veranstaltungen umfassenden Reihe, sekundierte, indem er darauf hinwies, dass er den guten Tipp befolge, jedes Jahr 5 bis 10 graphisch interessante Bilderbücher zu kaufen, um so im Laufe der Jahre eine interessante Sammlung zeitgenössischer Kunst zusammenzutragen. Dabei räumte er ein, dass er bis zum Spätherbst allerdings oft schon ca. 60 Titel zusammengetragen habe, dieses Jahr sei sogar bereits die Grenze von 100 Bänden überschritten. – Auf Erwachsene wirkten Bilderbücher eben auch sehr tröstlich in diesen oftmals doch dunklen Zeiten.

Auf dem Podium (v.l.): Edmund Jacoby, Mariela Nagle, ATAK, Isabel Pin, Henning Wagenbreth, Ada Bieber, Sabine Keune, Friedrich C. Heller. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Nach den eröffnenden Worten von Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf und Abteilungsleiterin Carola Pohlmann brachte Prof. Hellers Zitat “The world changes through poetry and art.“ die Podiumsteilnehmer ins Spiel. Henning Wagenbreth (Grafiker, Comic-Zeichner und Professor an der Universität der Künste Berlin) pflichtete Herrn Heller bei. Es gebe eine unglaubliche Fülle an Bilderbüchern, die einerseits wirklich die Welt überall hintrage, andererseits aber so überwältigend sei, dass vieles gar nicht wahrgenommen werde bzw. wahrgenommen werden könne. Immerhin, so merkte Mariela Nagle (Kinderbuchvermittlerin, Inhaberin der Buchhandlung Mundo Azul, Berlin, Jury-Mitglied beim Bologna Ragazzi Award und beim Deutschen Jugendliteraturpreis) an, könne man den Geschmack der Leute, den Humor z.B., noch immer ganz gut erkennen.

Andererseits, gab Carola Pohlmann zu bedenken, gebe es auch Fälle wie den Titel Viele Grüße, Deine Giraffe, dessen deutschsprachige Version eigens neu illustriert wurde (und 2018 den Deutschen Jugendliteraturpreis gewann) und daher mit einer völlig anderen Bildsprache daherkomme. [Die Bilder des Originals stammen von Jun Takabatake, einem der beliebtesten zeitgenössischen japanischen Kinderbuchillustratoren.] Edmund Jacoby (Verleger, Mitbegründer des Verlags Jacoby & Stuart, Berlin) erläuterte aus Verlegerperspektive, dass die britischen Verlage noch immer die größten Exporteure von Kinder- und Jugendliteratur – und eben auch von Bilderbüchern – seien, die Avantgarde sitze dagegen in Frankreich. Deutsche Verleger, die Lizenzen aus diesen Ländern einkaufen, tauschten zuweilen einzelne Seiten oder den Umschlag aus, um den deutschen Geschmack zu treffen. Eine Garantie sei das dennoch nicht dafür, dass aus einem Erfolgsbuch des Auslands zwangsläufig auch ein hierzulande erfolgreicher Titel werde.
Aus der Sicht der Berliner Illustratorin Isabel Pin ist der zuweilen mangelnde Wagemut deutscher Verlage und die Neigung zu Lizenzkäufen ein echtes Problem. Dabei, so schob Edmund Jacoby nach, gebe es auch einen Markt für deutsche Lizenzen: Korea und China nämlich. Es sei aber richtig, weder britische noch französische Verlage würden ihrerseits Buchrechte in Deutschland einkaufen. Letztere allenfalls in sehr geringem Umfang.

V.l.: Klaus Ensikat, ATAK, Edmund Jacoby. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

„Und wie bereitet man Studierende auf so eine Situation vor?“, wollte Carola Pohlmann wissen. ATAK (Illustrator, Comiczeichner und Professor an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle) hält vor allem eine eigene Sprache der jungen Künstler*innen für entscheidend. Abgesehen davon gebe er ihnen mit auf den Weg, dass sie sich ihre Verlage je nach Projekt, an dem sie arbeiten, aussuchen und ansprechen sollen. Die Symbiose Verlag <-> Künstler, diese „alte Schule“, nach der ein Verlag sich für einen bestimmten Künstler zuständig fühlte, die gebe es heute nicht mehr. Isabel Pin bestätigte das, gewann diesem Umstand aber auch eine positive Seite ab: Da kein Verlag pro Jahr vier Bücher von ihr herausbringen könne, sie aber andererseits auch keine Serien produzieren wolle, suche sie sich, genau wie von ATAK beschrieben, jeweils den passenden Verlag als Partner. Dadurch komme sie in den Genuss, immer wieder mit unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten. Das Phänomen des „untreuen Künstlers“ sei ja auch nicht wirklich neu, merkte die auf Kinderbücher spezialisierte Aachener Antiquarin Sabine Keune schmunzelnd an. Das habe sich schon zum Ende des 19. Jahrhunderts angedeutet.
Auch Messen können ein guter erster Schritt sein, mit seinen Werken an die Öffentlichkeit zu treten. So besucht Carola Pohlmann zu beiden Terminen der Buchmesse regelmäßig die Stände der deutschen Kunsthochschulen, um sich zu informieren und ggf. auch einzelne Werke, die meist in Kleinstauflage entstanden sind, zu kaufen. Henning Wagenbreth weist seine Studierenden wiederum auf jene Messen hin, auf denen gezielt Handpressenerzeugnisse angeboten werden, wie z.B. die Berliner Messe für Künstlerbücher und Editionen: artbook.

V.l.: Friedrich C. Heller, Isabel Pin, Ada Bieber. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Grundsätzlich müsse aber von institutioneller Seite mehr für die jungen Illustrator*innen getan werden. Isabel Pin berichtete, dass in ihrem Heimatland Frankreich das Centre national du livre in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spiele, indem es Stipendien vergebe und die Studierenden somit finanziell darin unterstütze, ihr erstes Buch zu veröffentlichen. Und mit dem ersten veröffentlichten Buch, ergänzte Ada Bieber (Kinderbuchforscherin, Dozentin an der Humboldt-Universität zu Berlin), sei ja auch eine bestimmte Wertschätzung verbunden.
Genau an dieser Wertschätzung scheint es in Deutschland jedoch auf den unterschiedlichsten Ebenen zu mangeln. Ada Bieber berichtete beispielsweise von einer 8. Klasse, mit der sie im Kunstunterricht die Illustration von Texten ausprobiert habe. Den Schülerinnen und Schülern musste sie zunächst einmal klarmachen, dass es auch für Bücher, die man im Alter von 13 / 14 Jahren liest, völlig „okay und cool“ sei, wenn sie üppig bebildert sind. Genau für diese Zielgruppe, ältere Kinder und Jugendliche, bemüht sich auch Edmund Jacoby, Bilderbücher anzubieten. In aller Regel müsse er die Lizenzen für solche Titel, die der ästhetischen Bildung dienen, jedoch in Frankreich einkaufen. ATAK erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass es in der DDR Tradition gewesen sei, Bücher opulent und qualitativ hochwertig zu bebildern. Dagegen stehe der Umstand, dass das Volkacher Buch des Monats in der Sparte “Bilderbuch” aufgrund seines Textes – nicht etwa der Illustrationen(!) halber – ausgezeichnet werde, im krassen Gegensatz, warf Friedrich C. Heller ein. Vergleichbares berichtete Sabine Keune aus der Juryarbeit für den ANTIQUARIA-Preis. Es scheine bislang einfach nicht das nötige Bewusstsein für die Illustrator*innen und deren Arbeit zu geben, denn in der Geschichte des Preises [seit 1995] sei bis heute niemand aus diesem Bereich ausgezeichnet worden. Die nötige Wertschätzung der künstlerischen Arbeit beklagt ATAK auch in den Reihen der Lektor*innen. Oftmals können diese mit dem Verhältnis Text-Bild wenig anfangen. Die zeitintensive kleinteilige Arbeit, die zum Beispiel in einer Graphic Novel stecke, wüssten nur wenige zu honorieren. Gerade in diesem Bereich sei eine Förderung des Nachwuchses über Auszeichnungen und Stipendien unbedingt nötig.

Büchertisch von Mundo Azul, von allen Generationen umschwärmt. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Die Vorteile des Bilderbuches lägen dabei klar auf der Hand, resümierten die Podiumsteilnehmer. Es sei als Objekt, allein aufgrund der vielfältigen Papiersorten, nicht durch Digitales zu ersetzen, schwärmte Mariela Nagle, die selbst einen repräsentativ bestückten Büchertisch aus ihrer Buchhandlung zum Gelingen des Abends beigesteuert hatte. Es sei auch nicht von irgendeinem Betriebssystem abhängig, flachste Ada Bieber zur allgemeinen Belustigung. Und es führe stets zu einer engen Verbindung mit einem Erwachsenen, der die Geschichte vorlese, fügte Isabel Pin hinzu. Kinder wüssten das zu schätzen, es sei für sie noch wichtiger als einen Film zu sehen. Der Vorlesende werde zum Schauspieler, das Kind sei sein Publikum. Das schaffe nur ein Buch!
Die abschließend vorgetragenen Ideen, was man selbst zur Imageförderung des Bilderbuchs beitragen könne, waren so vielfältig wie kreativ. Mariela Nagle, die bereits im Rahmen von Fortbildungen Erzieher*innen ein möglichst vielfältiges Repertoire an Büchern zu unterbreiten versucht, das der Vielfalt der unterschiedlichen Kinder entspricht, plant, nächstes Jahr eine kleine mobile Bibliothek auf eine Reise durch Deutschland zu schicken, um auch Kindern auf dem Lande, die vielleicht nur einen eingeschränkten Zugriff auf umfängliche Bilderbuchbestände haben, eine möglichst große, facettenreiche Perspektive auf die Welt zu bieten. Isabel Pin warb dafür, Flüchtlingskindern ein Paket mit Bilderbüchern zu schenken, damit sie die deutsche Sprache leichter erlernen. In diesem Kontext steht auch das Projekt, das Edmund Jacoby derzeit mit einem schwedischen Partner vorantreibt: Ein Kinderbuch soll in möglichst viele Sprachen übersetzt und das E-Book mit entsprechenden Tonspuren versehen werden, damit alle Kinder einer Kindergartengruppe, unabhängig von ihrer Herkunft und Muttersprache, dieselbe Geschichte einmal in der eigenen Sprache anhören können. Das fördere die Integration und den Spracherwerb.

Vitrinenausstellung. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Die Staatsbibliothek möchte den Kunsthochschulen zukünftig ein Forum bieten, damit sich junge Künstler*innen präsentieren können. Eine gute Gelegenheit dazu böte sich gleich im nächsten Jahr, freute sich Carola Pohlmann. Im Rahmen der geplanten Ausstellung zu Märchen aus 1001 Nacht sei zum Beispiel eine Präsentation von Arbeiten Studierender sehr gut denkbar.
Aus dem Publikum kam u.a. noch die Anregung, eine Schirmherrschaft für das Kinderbuch einzurichten und in die Hände einer angesehenen Person des öffentlichen Lebens zu legen. Sehr viel mehr war an Publikumsbeteiligung aus zeitlichen Gründen leider kaum möglich. Der Abend hätte noch viel länger weitergehen können. Doch die immer näher rückende abendliche Schließung der Bibliothek erforderte letztlich ein Ende, damit auch noch die Vitrinenausstellung mit Werken der auf dem Podium vertretenen Künstler besichtigt und bei einem Glas Wasser oder Wein einige Worte gewechselt werden konnten.

Bleibt zu hoffen, dass die erwachsenen Wegbegleiter (Eltern, Pädagogen, Verleger, …) der jungen Bilderbuchleser*innen zukünftig zur Aufgeschlossenheit und Experimentierfreudigkeit der eigentlichen Zielgruppe aufschließen können.

Das Podium noch einmal im Überblick:

ATAK. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Ada Bieber. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Edmund Jacoby. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Sabine Keune. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Mariela Nagle. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Isabel Pin. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Henning Wagenbreth. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Friedrich C. Heller & Carola Pohlmann. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Talkin’ ’bout a revolution

Vitrinenausstellung im Dietrich-Bonhoeffer-Saal. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die bewährte Kooperation zwischen dem internationalen literaturfestival berlin (ilb), der Humboldt-Universität zu Berlin und der Staatsbibliothek zu Berlin erfuhr in diesem Jahr insofern eine revolutionäre Neuerung, als dass in den Räumen der Staatsbibliothek nicht nur die sonst übliche abendliche Vorstellung einer Kinderbuchautorin oder eines Kinderbuchillustrators stattfand, sondern darüber hinaus eine kleine Ausstellung gezeigt und eine Fachtagung mit Vorträgen zum Thema „Kinder- und Jugendliteratur in revolutionären Kontexten“ abgehalten wurde.

Frau Prof. Dr. Julia Benner, Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur, Kinder- und Jugendliteratur und -medien an der Humboldt-Universität, hatte sich im Rahmen eines Masterseminars mit ihren Studierenden dem Thema revolutionärer Kinder- und Jugendliteratur gewidmet. Daraus entstand eine Vitrinenausstellung, die aus den Beständen der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek bestückt und mit Exponatbeschreibungen der Studierenden versehen wurde. Die Buchauswahl reichte vom frühen 19. Jahrhundert bis hin zu aktuellen Titeln, darunter Isabel Minhós Martins’ Bilderbuch „Hier kommt keiner durch!“, mit Illustrationen von Bernardo P. Carvalho, das 2017 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

Carola Pohlmann und Prof. Dr. Julia Benner. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ab 14 Uhr stand der zweite Teil der Fachtagung zu diesem Thema auf dem Programm. Wiebke Helm (Universität Leipzig) befasste sich mit der Französischen Revolution im Kinderbuch der DDR, einem Thema, das sowohl in der ost- als auch der westdeutschen Kinder- und Jugendliteratur erstaunlich selten aufgenommen wurde. Von den insgesamt fünf Titeln, die zu DDR-Zeiten im größten staatseigenen Verlag, dem Kinderbuchverlag Berlin, erschienen, kamen gleich zwei erst 1989 auf den Markt, als die Problematik, die bürgerliche Revolution der Franzosen als Vorbild für Arbeitersolidarität zu präsentieren, gerade an Bedeutung verlor.
Ebenso wie Frau Helm zeigte sich anschließend auch Frau Dr. Jana Mikota (Universität Siegen) in ihrem Vortrag „Das Jahr 1918 in der Kinder- und Jugendliteratur“ erstaunt über das ungewöhnlich hohe Maß an Brutalität, das dem jungen Publikum sowohl im Text als auch im Bild zugemutet wurde. Darüber hinaus berichtete sie von einer politisch motivierten Aschenbrödel-Adaption, die sie in einer Märchenanthologie der Übersetzerin und Autorin Hermynia zur Mühlen, einer überzeugten Kommunistin, fand. Zur Mühlen ließ Aschenbrödel als Arbeiterin in ihrer typischen Alltagskleidung zum Ball gehen. Der Prinz, der eine „echte“ Frau suchte, keine untätige, verwöhnte Prinzessin, verliebt sich in sie – zu seinem großen Glück. Als kurz darauf der Palast vom Proletariat gestürmt wird, verschont man ihn genau aufgrund dieser Haltung. Entscheidend ist dann nur noch, dass sich der Prinz der Arbeiterbewegung anschließt.
Als Angehörigen der etablierten Bourgeoisie, der seine Mitbürger jedoch mitunter gerne durch wenig standesgemäße, politisch aufmüpfige Taten und Schriften provozierte, führte Beate Zekorn-von Bebenburg anschließend Heinrich Hoffmann, den „Vater“ des Struwwelpeters, ein. Die Leiterin des Frankfurter Heinrich-Hoffmann- und Struwwelpeter-Museums widmete sich der Frage vom „Struwwelpeter als Symbolfigur für politischen Protest“. Der Struwwelpeter, 1845 erstmals im Druck erschienen, erfreute sich entgegen der damals sehr langsamen Verbreitung gedruckter Werke bereits zwei Jahre später eines solchen Bekanntheitsgrades, dass die Figur 1847 im Münchener Satiremagazin „Fliegende Blätter“ als Radikaler auftrat. Damit hatte das Bilderbuch die Zielgruppe gewechselt. Struwwelpetriaden wurden ab dem Herbst 1849, nach dem Scheitern der Revolution von 1848, zur Ausdrucksform politischer Kritik. Die Protagonisten rekrutierten sich insofern oftmals aus den obersten Etagen der Politik. Es sei daher erstaunlich, so Frau Zekorn-von Bebenburg, dass bislang niemand einen „Trumpelpeter“ produziert habe. Material gebe es ja schließlich genug. [Sämtliche Vorträge erscheinen in Heft 1.2019 der Fachzeitschrift kjl&m.]

Christoph Rieger. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Ortswechsel – vom Dietrich-Bonhoeffer-Saal, in dem bis zum Ende der Öffnungszeit der Staatsbibliothek die interessante Vitrinenausstellung zur Besichtigung einlud, hinunter in den Simon-Bolivar-Saal – erwies sich in diesem besonderen Fall als sehr angemessen, um den Bilderbuchautor und -Illustrator Duncan Tonatiuh willkommen zu heißen. Tonatiuh, in Mexiko geboren und aufgewachsen, in den USA ausgebildet und mit Familienhintergrund in beiden Ländern, lehnt sich stilistisch an die Formensprache der Mixteken an, bearbeitet aber Themen, die in beiden Ländern zuhause sind, bzw. Bedeutung haben. Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, hob in ihrer Begrüßung hervor, dass der Ton von Tonatiuhs Bilderbüchern nicht etwa beschwichtigend und friedlich, sondern vielmehr kämpferisch sei. Tonatiuh spreche Konflikte an.
Im Anschluss an das Grußwort Christoph Riegers, Programmleiter „Internationale Kinder- und Jugendliteratur“ des ilb, erfuhr das altersmäßig bunt gemischte Publikum sowohl im Gespräch mit Carola Pohlmann als auch im Rahmen einer eigenen Präsentation des Künstlers mehr über dessen Motivation und Arbeitsweise – alles perfekt übersetzt von Milena Adam.

Carola Pohlmann, Duncan Tonatiuh und Milena Adam auf dem Podium. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Er sei in Mexiko geboren und aufgewachsen, erzählte Duncan Tonatiuh, sei dann aber als Oberschüler in die Heimat seines Vaters nach Massachusetts gezogen, da ihm die High School in Mexiko nicht gefallen habe. Im Laufe der Zeit wurde ihm jedoch klar, welche ganz alltäglichen, wohlvertrauten Dinge ihm in den USA fehlten, z.B. die mexikanischen Feiertage, die Musik und das Essen. In den Hausarbeiten, die er während seines Kunststudiums anzufertigen hatte, versuchte er deshalb, einen Bezug zu seiner mütterlichen Heimat herzustellen. Allerdings sei er bis kurz vor seinem Studienabschluss davon ausgegangen, dass er später Kunst für ein erwachsenes Publikum schaffen würde.
Während der Themensuche für das Kunstprojekt zur Zwischenprüfung fiel ihm auf, dass es in den USA zwar einerseits einen erheblichen Bevölkerungsanteil mit mittel- und südamerikanischen Wurzeln gibt, aber nur sehr wenige Bücher, die diese Bevölkerungsgruppe repräsentieren. Er beschloss daher, ein Bilderbuch über die Lebensgeschichte seines Freundes Juan aus New York City zu gestalten, einem illegalen Einwanderer, der sich tausende Meilen von seiner südmexikanischen Heimat und mixtekischen Kultur entfernt in der größten Stadt der USA als Busfahrer durchschlägt. Tonatiuh begab sich für dieses Projekt zunächst in die Bibliothek und recherchierte nach typischen Stilformen mixtekischer Kunst. Die mixtekische Bilderschrift war ihm durchaus bekannt, wenn er sich bis dahin auch nie bewusst mit ihr auseinandergesetzt hatte. Allein ihre Nähe zu den von ihm sehr geschätzten Comics übte aber eine gewisse Anziehungskraft aus. Und so entstand “Undocumented“ in genau dieser Tradition. Das Werk wurde bis zur Prüfung nicht ganz fertig, die betreuende Professorin war aber derartig angetan, dass sie Tonatiuh einem Kinderbuchverleger vorstellte, der ihm wiederum „die Welt der Kinderbücher eröffnete“. Sieben Bilderbücher des Künstlers erschienen daraufhin im Verlag Abrams Books for Young Readers. Am 7. August 2018 folgte schließlich die vollendete Geschichte des um seinen Mindestlohn betrogenen, illegalen Arbeiters Juan.

Jedes einzelne Buch sei ein “team effort“ (eine Gemeinschaftsarbeit), bekannte Tonatiuh. So habe der Verleger ihn auf die Idee gebracht, den einzelnen Büchern Glossare sowie ein Nachwort des Autors beizugeben, in dem zusätzliche Informationen zur Geschichte, die im eigentlichen Text keinen Platz finden, untergebracht werden können. Im Zuge seiner Lesungen in unterschiedlichen Schulen sei ihm beispielsweise aufgefallen, erzählte Tonatiuh, dass es, obgleich die Rassentrennung in den USA vor über 50 Jahren abgeschafft wurde, im Schulwesen noch immer zu einer solchen Separation komme: In wohlhabenden Stadtbezirken würden die Schulen hauptsächlich von weißen Kindern besucht, in den ärmeren Bezirken seien dann die Kinder mit mexikanischem oder afroamerikanischem Familienhintergrund anzutreffen. Diesen Sachverhalt habe er beispielsweise in einer Anmerkung in “Separate is Never Equal“, der Geschichte um den rassistisch motivierten Schulausschluss von Sylvia Mendez in den 1940er Jahren, erläutert.

Duncan Tonatiuh signiert. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Anhand eines Videoclips erklärte Duncan Tonatiuh anschaulich, wie seine Bücher üblicherweise entstehen: Die ersten Schritte seiner Arbeit führen den Künstler auch heute noch in die Bibliothek, da er dort in Ruhe recherchieren und ohne große Ablenkungen schreiben und zeichnen kann. Wenn die Arbeit an einer Geschichte fast beendet ist, sucht er den Kontakt zum Verleger und ein reger Austausch beginnt. Gleichzeitig fertigt Tonatiuh erste Skizzen an, und sobald nach etwa vier bis fünf Überarbeitungen der Text im Wesentlichen feststeht, beginnt die ernsthafte Phase des Zeichnens. Die ersten Bilder entstehen als Bleistiftzeichnung, um problemlos Korrekturen vornehmen zu können. Es folgt ein Nachzeichnen der Konturen mit Tusche. Dann werden die Bilder eingescannt und am Rechner weiterbearbeitet, d.h. die einzelnen kleinen Bildbereiche werden selektiert und mit Texturen und Farben gefüllt. Der allerletzte Arbeitsschritt besteht darin, einen attraktiven Titel zu finden. Alles in allem, schätzt Tonatiuh, dauert die Produktion eines Buches ungefähr ein Jahr.

Wichtig sei ihm, seiner Leserschaft Geschichten über Menschen oder Sachverhalte zu präsentieren, die noch nicht weithin bekannt sind. Den Fall „Brown vs. Board of Education“ (diverse Klagen in den frühen 1950er Jahren gegen die Rassentrennung an öffentlichen Schulen) kenne in den USA jeder, der Fall der Sylvia Mendez dagegen, deren Eltern bereits knapp zehn Jahre zuvor in Kalifornien erfolgreich gegen den Schulausschluss ihrer Tochter klagten, habe keinen hohen Bekanntheitsgrad, obgleich er den späteren Klagen den Weg ebnete. Grundsätzlich möchte Tonatiuh sowohl mit seinen Geschichten als auch seiner Kunst ein breites Publikum erreichen. Dass gerade Kinder in diesem Zusammenhang besonders anspruchsvoll und konsequent sind, ist ihm durchaus bewusst. “If they’re not entertained, you won’t get their attention!“

„Irgendwas stimmt immer nicht“

Klaus Ensikat (nachträglich) zum 80. Geburtstag

Im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe “Kinderbuch im Gespräch” feierte die Kinder- und Jugendbuchabteilung am 3. November nachträglich den 80. Geburtstag des herausragenden Graphikers und Illustrators Klaus Ensikat.

Frau Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Als erste Gratulantin begrüßte Frau Schneider-Kempf, die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, den Jubilar und seine Familie sowie die gut 100 Gäste. Die Leistungen Klaus Ensikats flößten sowohl hinsichtlich des Umfangs seines Schaffens, als auch der höchst anspruchsvollen künstlerischen Ausführung Ehrfurcht ein, bekannte sie. So weise der Katalog der Staatsbibliothek über 200 Bücher nach, die von ihm illustriert wurden, und das Goethe-Institut stelle Ensikat der Welt völlig zu recht als “Bilderzauberer” vor. An anderer Stelle, so schob Frau Schneider-Kempf ein, werde der hier Gefeierte als der “ungekrönte König der Buchillustratoren” bezeichnet. Allein in den letzten zehn Jahren, also im achten Lebensjahrzehnt, seien mehr als 20 Bücher entstanden, darunter so gewichtige Arbeiten wie die von ihm illustrierte Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen und die zweibändige Bibel-Edition im Tulipan Verlag, das Sachbuch „Das Rätsel der Varusschlacht“, für das Ensikat gemeinsam mit dem Verfasser Klaus Korn 2009 den deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Sachbuch erhielt, darüber hinaus fünf literarische Bilderbücher im Kindermann Verlag, zu Texten von Wilhelm Busch, Theodor Storm,  zu Schillers „Räubern“ und Goethes „Osterspaziergang“ sowie der Band „Von Martin Luthers Wittenberger Thesen“.

Carola Pohlmann, die Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, führte die Laudatio fort und rühmte die altmeisterliche Zeichenkunst und handwerkliche Perfektion Klaus Ensikats. Jeder Strich seiner akribischen Federzeichnungen sitze perfekt. Jedes Projekt werde sorgfältig recherchiert, und dieses Wissen bringe Ensikat detailfreudig und immer wieder mit dem typischen verschmitzten Humor in die Darstellungen ein. „Intelligente Akribie“ habe der Bilderbuchexperte Hans ten Doornkaat diese Arbeitsweise genannt. Insgesamt, so resümierte Frau Pohlmann, verwahre die Kinder- und Jugendbuchabteilung etwa 150 Originale seiner Arbeiten als Depositum. Diese stünden der Forschung im Sonderlesesaal der Abteilung zur Verfügung, erfreuten sich aber auch für Ausstellungen weit über das Bundesgebiet hinaus großer Nachfrage.

Dr. Barbara Kindermann. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Über den Zauber, der von den Originalzeichnungen Klaus Ensikats ausgeht, berichtete im Folgenden die Verlegerin Barbara Kindermann. Die Germanistin hatte 1994 einen eigenen Verlag gegründet und im Sommer 2001 den berühmten Illustrator angesprochen, ob sie ihn für ein gemeinsames Projekt – die Illustration des “Faust” in einer Nacherzählung für Kinder – gewinnen könne. Damit, so Frau Kindermann, wurde der Grundstein für eine inzwischen bereits 16 Jahre und sieben Bände umfassende Zusammenarbeit gelegt, und noch immer sei es für sie ein magischer Moment, wenn Herr Ensikat seine fertigen Zeichnungen persönlich vorbeibringe (niemals per Boten!). Sein unverwechselbarer Stil – unzählige feine, akkurate Striche, gleich einem Kupferstich, Schraffuren, gedämpfte Kolorierung – sei aus der Notwendigkeit der anfangs eher unzuverlässigen Drucktechnik der DDR heraus entstanden und habe sie von Beginn an tief beeindruckt. Bei Goethes Osterspaziergang (aus dem wir die Illustration für die Einladung benutzen durften, Anm. d. Verf.) im typischen Aprilwetter “sitzt jedes Hagelkorn an seinem Platz!”, so Frau Kindermann. Auch auf ein schönes Beispiel für Ensikats leisen Humor wies sie hin: In dem bislang jüngsten Produkt ihrer Zusammenarbeit, dem Band Knecht Ruprecht (Text: Theodor Storm), finde sich an einer kahlen Hauswand ein unscheinbares Schild “Nepom. Klein – Grosshandel”. “Na ja,” habe Klaus Ensikat geschmunzelt, “ich dachte, wenn der arme Kerl schon Nepomuk Klein heißt, muss er wenigstens einen Großhandel haben.” Einen Auftrag rundheraus abgelehnt habe Herr Ensikat nie, überlegte die Verlegerin, wohl aber Bedenken geäußert, ob sich Luthers Thesen überhaupt illustrieren ließen – und sie dann mit den fertigen Zeichnungen überrascht. (Ensikat sei niemand, der Illustrationen im Skizzenstadium zeige!) Sie freue sich, dass mit dem Sachbuch Johannes Gutenberg und das Werk der Bücher im Januar 2018 ein weiterer von Klaus Ensikat illustrierter Band in ihrem Verlag erscheine, und hoffe sehr, dass er noch lange weiter mit Freude “stricheln” möge.

Roswitha Budeus-Budde. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Angesichts dieser enormen künstlerischen Arbeitsleistung scheint es kaum vorstellbar, dass Klaus Ensikat möglicherweise noch mehr geschaffen haben könnte, was uns nicht im Druck bekannt ist. Doch mit genau dieser Überraschung wartete die vierte Laudatorin des Abends, die Kinder- und Jugendbuchrezensentin der Süddeutschen Zeitung, Roswitha Budeus-Budde, auf. Tatsächlich fertigte der Künstler Zeichnungen für eine Erzählung über Juri Gagarin an, die am 12. April 2011 zum 50. Jahrestag des ersten bemannten Weltraumflugs erscheinen sollte. Als der in Leipzig ansässige Verlag jedoch merkte, dass der Publikationstermin nicht pünktlich zum Jubiläum zu halten sein würde, sei das Projekt gestrichen worden. Seitdem verwahrt Klaus Ensikat die zehn Illustrationen, von denen drei am Tag nach dieser Veranstaltung in der Süddeutschen Zeitung der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Insbesondere aufgrund der Allegorie des Kalten Krieges, für die Ensikat die Ikonen der russischen Propaganda (Marx, Lenin, Stalin, Sputnik, Leika) den Insignien der amerikanischen Lebensart (Freiheitsstatue, Coca Cola, Mickey Mouse) gegenüberstellte, verorte sie, so Frau Budeus-Budde, den Illustrator durchaus an der Grenze zur Pop-Art. Seine bestechend detaillierten, in ihrer Anmutung geradezu einem Kupferstich gleichen und zuweilen nahezu biedermeierlich wirkenden Zeichnungen kontrastiere Klaus Ensikat stets mit ironischen Zitaten, die das klassische Ambiente der Illustration durchbrächen.

Silva Finger. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Der solchermaßen Geehrte, als zurückhaltender Mensch bekannt, der lieber seine Illustrationen als seine eigene Person im Mittelpunkt des Interesses sieht, schien unter der Last der Lobes immer mehr in sich zusammenzusinken. Die virtuosen Einlagen der Violinistin Silva Finger boten da willkommene Abwechslung und Ablenkung. Frau Finger hatte die Stücke im Vorfeld mit Frau Röder-Ensikat abgestimmt, sie rangierten zwischen der anspruchsvollen für die Geige transponierten Suite für Violoncello Nr. G-Dur von Johann Sebastian Bach bis hin zur fröhlichen Volksweise “Kanârek”, deren Interpretation einen Humor durchblitzen ließ, wie man ihn auch in den Zeichnungen Ensikats findet.

In einem abschließenden Podiumsgespräch gingen Klaus Ensikat und Carola Pohlmann u.a. noch einmal auf die im Zeitungsdruck verwendete Drucktechnik der 50er bis 70er Jahre ein. In diesem Bereich hatte die Laufbahn des Künstlers als Illustrator begonnen, zu einer Zeit, in der die Darstellung von Halbtönen ein großes technisches Problem darstellte, in der gerasterte Schwarz-Weiß-Bilder Usus waren und für farbige Abbildungen für jede der vier Farben (die drei Grundfarben sowie Schwarz) zunächst eine eigene Vorlage erarbeitet werden musste. In dieser Zeit entwickelte Klaus Ensikat seinen unverwechselbaren Stil, um sicherzustellen, dass als Druckbild am Ende eine klare Illustration vorliegen würde – nicht etwa Farbbrei. Hinsichtlich der von ihm illustrierten Themen sei bislang eigentlich kein Wunsch offen geblieben. Auf die Texte Theodor Fontanes angesprochen seufzte Herr Ensikat, Fontane habe doch alles so stimmungsvoll und ausführlich formuliert, dem gebe es als Illustrator nichts hinzuzufügen. “Was vermissen Sie denn bei Fontane?” gab er die Frage geschickt zurück, und Carola Pohlmann, die in Klaus Ensikat einen kongenialen künstlerischen Partner des preußischen Dichters sieht, bekannte: “Mir fehlt bei Fontane eigentlich nichts – nur ab und zu ein Ensikat. Aber: Irgendwas stimmt immer nicht.”

Auftaktfolie der Bildschirmpräsentation
am 3. November 2017