Kartenspiele

Ein Beitrag aus dem Bibliotheksmagazin von Dr. Markus Heinz

Im Sommer des Jahres 1836 stößt Seiner Majestät Linienschiff ‚Red Rover‘ nach längerer Reise endlich in unbekannte Gewässer vor. Der Kurs führt es zunächst nach Norden und Nordwesten, ehe widrige Winde es zum Kreuzen zwingen. Am Morgen des vierten Tages kommt im Osten neues Land in Sicht und der Kapitän beschließt, sich diesem zu nähern. Zwischen Steilküsten und Strandabschnitten mit dichtem Urwald entdeckt der Ausguck einen flachen Strandabschnitt mit Palmen, vor dem geankert werden kann. Bald zeigen sich Personen am Strand, und nach ersten zaghaften Kontakten werden Offiziere und Crew vom lokalen Fürsten zu einem Landgang eingeladen. Wenig später überfallen sie allerdings heimtückisch die an Land gegangene Mannschaft. Zahle 2 Spielmarken.

Ausschnitt aus ,A voyage of discovery’, 1836. – SBB-PK, Signatur Kart. W 29840/4. - Foto: Hagen Immel, SBB-PK / Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0

Ausschnitt aus ,A voyage of discovery’, 1836. – SBB-PK, Signatur: Kart. W 29840/4. – Lizenz: CC BY-NC-SA

So ähnlich waren vielleicht die Reiseerlebnisse eines jungen Briten mit einer roten Spielfigur auf dem Spielbrett des bei William Spooner 1836 in London hergestellten Spiels ,A voyage of discovery; or the five navigators’ . Fünf Schiffe durchlaufen auf einer fiktiven Karte getrennte Reiserouten durch exotische Gewässer und Inselwelten und erleben dabei heroisch Abenteuer, wie etwa die Teilnahme an einer Wildtierjagd, Gefahren durch Riesenstrudel, Feuer im Schiff oder Kampf gegen Piraten.

Der Spielplan – und um Spiele, die kartographische Darstellungen einsetzen, soll es in diesem Beitrag gehen – zeigt die Inseln in Vogelschaumanier mit zahlreichen eingestreuten Szenen. Beides suggeriert den Spielern eindrucksvoll das Ambiente einer abenteuerlichen Entdeckungsfahrt, wie sie sich junge Briten anhand der Reiseberichte eines James Cook, Georg Vancouver oder Mungo Park erträumt haben mochten. Die Wahl der Vogelperspektive ist allerdings in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Zugeständnis an die jugendlichen Spieler, wie man es bei Karten für Erwachsene wohl nicht gemacht hätte. Für die Entdeckungsreisen, die für dieses Spiel als Vorbild gedient haben mögen, waren die im Zuge der Fahrt verbesserten Karten eines der wesentlichen Ergebnisse. Aber auch die Reiseberichte enthielten meist eine Karte, auf der die Route nachvollzogen werden konnte, so dass der Schritt, eine solche Reise, wenn auch fiktiv, spielerisch umzusetzen, nicht fern lag.

Die Idee, eine Karte als Grundlage für eine abenteuerliche Reise am Spieltisch zu verwenden, ist allerdings deutlich älter. Die ersten derzeit bekannten Spielfelder mit einer Route auf einer Karte entstanden in Großbritannien in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Ein Beispiel hierfür ist ,The Royal Geographical Pastime: Exhibiting a complete Tour round the World’ von Thomas Jefferys aus dem Jahr 1770.

Ausschnitt aus ,The Royal Geographical Pastime’, 1770. – SBB-PK, Signatur Kart. W 29824. - Foto: Hagen Immel, SBB-PK / Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0

Ausschnitt aus ,The Royal Geographical Pastime’, 1770. – SBB-PK, Signatur: Kart. W 29824. – Lizenz: CC BY-NC-SA

Bei diesem Spiel enthalten die links und rechts neben der auf London zentrierten Weltkarte zu lesenden Erläuterungen zu den einzelnen Stationen zumeist allgemeine geographische oder historische Informationen, und nur an ganz wenigen Punkten lauern Ereignisfelder auf den Spieler.

Karten für Reisespiele einzusetzen, ist sicher eine der naheliegenden Möglichkeiten dieser Kombination, wie es auch für jene zum Nacherleben einer konkreten oder fiktiven Reise gilt: etwa Spielen zu den Expeditionen Sven Hedins, nach den Polen oder zu Jules Vernes ,In 80 Tagen um die Welt’ und den Büchern Karl Mays und Tolkiens.

,Eine Rheinfahrt’, um 1900. – SBB-PK, Signatur Kart. W 29858/5. – Foto: Hagen Immel, SBB-PK / Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0

,Eine Rheinfahrt’, um 1900. – SBB-PK, Signatur: Kart. W 29858/5. – Foto: Hagen Immel, SBB-PK / Lizenz: CC BY-NC-SA

Alternativ zu den Reisen in ferne Länder dienten und dienen solche Spiele bis heute oft dem Kennenlernen der jeweiligen Heimat, wie bei ,Reise durch Deutschland’ oder ,Eine Rheinfahrt’. Bei letzterem folgt die Gestaltung des Spielfelds zudem den in unzähligen Varianten publizierten Streifenkarten, wie sie für Rheinreisende zu Schiff oder per Zug hergestellt wurden. Im Spiel lässt sich eine derartige Fahrt mit liebevoll gestalteten Dampfern aus Zinn auf einer Karte des Rheins von Mainz bis Köln nachvollziehen. Und wie auf den touristischen Karten sind auch hier die pittoresken Ansichten und bedeutenden Bauwerke links und rechts des Rheins als kleine Vignetten eingefügt.

Diese Spielreisen sind aber bei weitem nicht die ältesten Verbindungen von Karte und Spiel. Schon Ende des 16. Jahrhunderts lassen sich die ersten Spielkarten nachweisen, die mit den Counties von England und Wales dekoriert wurden. Der Hintergrund für diese Illustrationsidee war, dass zufällig die Anzahl der englischen Counties mit der Zahl der Spielkarten übereinstimmte. Spielkarten, die mit Landkarten, Sternbildern oder einer Kombination von Personen und Landkarten dekortiert sind, finden sich später in Frankreich, ab dem Ende des 17. Jahrhunderts dann in Deutschland und insgesamt bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Kartenspiel mit Karten aus Wien, 1830. – SBB-PK, Signatur Kart. W 29831. – Foto: Hagen Immel, SBB-PK / Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0

Kartenspiel mit Karten aus Wien, 1830. – SBB-PK, Signatur: Kart. W 29831. – Foto: Hagen Immel, SBB-PK / Lizenz: CC BY-NC-SA

Im Frankreich des 17. Jahrhunderts nimmt ein anderer Typ seinen Ausgang, der wie die Spielkarten neben zahllosen anderen Motiven auch Karten von Provinzen und Ländern, Stadtansichten oder Sternbilder als Dekoration für die einzelnen Spielfelder einsetzt: das Gänsespiel. Auf einer spiralförmig angeordneten Strecke bewegen sich die Figuren durch Würfel oder Würfelkreisel in Richtung des Zielfeldes im Zentrum, das genau getroffen werden muss. Bei dem abgebildeten Beispiel folgen die gerade neu eingerichteten französischen Departements auf den Spielfeldern einer geographischen Anordnung von Nord nach Süd, so dass angenommen werden kann, dass hiermit die für alle ungewohnte neue Einteilung Frankreichs spielerisch erlernt werden sollte. In diesem Fall sind die einzelnen Kärtchen zwar klein, bieten aber doch eine erste Übersicht, so dass über die reinen Namen und die Abfolge der neuen Verwaltungsgliederung hinaus etwa die Hauptorte entnommen werden konnten.

Gänsespiel zu den neuen französischen Departements von 1792. – SBB-PK, Signatur: Kart. J 840. - Foto: Hagen Immel, SBB-Pk / Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0

Gänsespiel zu den neuen französischen Departements von 1792. – SBB-PK, Signatur: Kart. J 840. – Lizenz: CC BY-NC-SA

Einen gesichert didaktischen Ursprung hat ein Spiel, das in der Kartographie geradezu ,erfunden’ wurde: das Puzzle. Es gab zwar verschiedene Vorformen von Bildern oder Karten, die zusammengelegt werden konnten, aber die ersten eindeutigen Puzzles treten erst im 18. Jahrhundert auf. Der früheste Beleg ist eine Textstelle in einem Fachbuch zur Kartographie von 1725, in dem der Kartograph Eberhard David Hauber erläutert, dass man Landkarten entlang der Grenzen zerschneiden solle und dann die Schüler wieder zusammenlegen lasse, so dass sie die Lage der Länder besser erlernten. Und zerschnittene Landkarten bleiben bis in das späte 18. Jahrhundert die einzigen Vertreter dieses Spiels. Leider gibt es erst aus den 1750er Jahren die ersten erhaltenen Exemplare. Bei diesen handelt es sich um extra hierfür hergestellte Karten des Londoners John Spilsbury, der bisher fast immer als Erfinder des Puzzles genannt wird. Ganz entscheidend ist aber auch eine französische Pädagogin mit Beziehungen zum britischen Königshof – Madame Le Prince de Beaumont –, die das Puzzle in ihren Bildungseinrichtungen für meist adlige Töchter verwendete und in ihren didaktischen Büchern propagierte. Und so beziehen sich die nächsten deutschen Quellen denn auch darauf, die Idee aus Frankreich übernommen zu haben, als in Leipzig das Intelligenz-Comptoir 1776 solche zerschnittenen Karten anbot. Möglicherweise aus der Leipziger Herstellung stammen die drei ältesten bekannten deutschen Puzzles, die normale Atlaskarten des Augsburger Verlegers Tobias Conrad Lotter aus der Zeit um 1770 verwenden.

Eines der ältesten deutschen Puzzles, um 1770. – SBB-PK, Signatur Kart. W 29811. – Foto: Hagen Immel, SBB-PK / Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0

Eines der ältesten deutschen Puzzles, um 1770. – SBB-PK, Signatur: Kart. W 29811. – Foto: Hagen Immel, SBB-PK / Lizenz: CC BY-NC-SA

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts begann man, an den Rändern jene heute charakteristischen tropfenförmigen Verzahnungen zu schneiden, die die Karte kompakter zusammenhalten. Erst als sich damit der Schnitt des Puzzles teilweise von den inhaltlichen Grenzen in der Karte gelöst hatte und schematisch angewandt wurde, entstand die Idee, auch andere Bilder so zu zerschneiden.

1782 erweiterte der Pastor und Lehrer Jakob Friderich Klemm seinen Puzzleatlas, indem er ein Handbuch dazu herausgab. Darin finden sich zu jedem Territorium Zusatzinformationen, die auf die Rückseiten aller Puzzleteile zu schreiben waren. Damit reichen die Kartenpuzzles in die Sphäre der geographischen Quizspiele, die einen weiteren Typ markieren, der sich vor allem im 19. und 20. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute (z.B. unter dem Titel ,Geographisches Lotto’). Als Beispiel sei hier das besonders hübsch gestaltete ,Im Fluge durch die Welt’ aus der Zeit um 1900 genannt, das neben übersichtlich gestalteten Kontinentkarten vor allem durch kleine Kärtchen mit wissenswerter geographischer Information im weitesten Sinn besticht. Die Karten ähneln in ihrem reduzierten Inhalt und ihrer ansprechenden Farbigkeit vielen Schulatlaskarten der Zeit.

Geographisches Quiz, um 1900. – SBB-PK, Signatur Kart. W 29858/6. – Foto: Hagen Immel, SBB-PK / Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0

Geographisches Quiz, um 1900. – SBB-PK, Signatur: Kart. W 29858/6. – Foto: Hagen Immel, SBB-PK / Lizenz: CC BY-NC-SA

Schon in den Reisespielen zu Jules Vernes Roman oder im Titel des eben beschriebenen schwingt ein Thema mit, das knapp nach der Wende zum 20. Jahrhundert in einer Reihe von Spielen aufgegriffen wurde: die Technik- und Fortschrittsbegeisterung. Vor allem die neuen Verkehrsmittel Auto und Zeppelin haben es den Gestaltern von Spielen angetan. Oft wird das Thema auf den Karten in ein Wettrennen verpackt, wie in ,Der Triumph des Zwanzigsten Jahrhunderts’, das in Ludwigsburg um 1910 erschienen ist. Hier treten zwei Luftschiffe gegen zwei Züge und zwei Autos auf einer Rundreise von Friedrichshafen durch Europa und zurück an. Rote Nummern sind Ereignisfelder, deren Bedeutung durch Bilder und Texte am Spielfeldrand erläutert werden (z.B. Nr. 7: „Luftschiff: In der Halle rasch abgefertigt, rückt auf Nr. 8 vor“). Zudem „ist dem Spiel auch ein schöner Plan beigegeben, so dass ein Überblick über die Karte von Europa sich spielend dem Gedächtnis der Spielenden einprägt“.

Fortschritts- und Technikbegeisterung um 1910. – SBB-PK, Signatur: Kart. W 29883. – Foto: Hagen Immel, SBB-PK / Lizenz: CC BY-NC-SA

Fortschritts- und Technikbegeisterung um 1910. – SBB-PK, Signatur: Kart. W 29883. – Foto: Hagen Immel, SBB-PK / Lizenz: CC BY-NC-SA

Alle Spiele sind natürlich ein Spiegel ihrer Zeit, Gesellschaft und Weltanschauung. Deutlich erkennbar ist dies in der imperialistischen Grundhaltung, die über das ganz zu Beginn beschriebene Entdeckerspiel vermittelt wurde, aber auch in der Fortschrittsbegeisterung des zuletzt vorgestellten Spiels. Dies geht spätestens in der nationalsozialistischen Zeit in eindeutige Propaganda über. Eines der zahlreichen Beispiele wäre ,Die Reichsautobahnen’, das um 1935 in Mainz entstand. „Hier könnt ihr im Spiel Autofahrten auf den Reichsautobahnen, den großartigen Straßen des Führers, die, soweit sie nicht schon fertig gestellt, in naher Zukunft das deutsche Vaterland durchziehen werden, ausführen.“

,Die Reichsautobahnen’, um 1935. – SBB-PK, Signatur Kart. W 29946/5. – Foto: Hagen Immel, SBB-PK / Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0

,Die Reichsautobahnen’, um 1935. – SBB-PK, Signatur: Kart. W 29946/5. – Lizenz: CC BY-NC-SA

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die kartographische Spielesammlung in der Staatsbibliothek zu Berlin bezieht ihre Relevanz aus der Möglichkeit, mit dem Material eine fundierte kartographiegeschichtliche Analyse des Themas zu erarbeiten. Diese Werke können nicht nur deskriptiv erfasst werden, sondern auch in Bezug auf ihre gesellschaftliche Wirkungsweise. Insbesondere kann an dem Einsatz von Karten in Spielen für Kinder oder Erwachsene bestimmter Gesellschaftsschichten darauf geschlossen werden, wieweit Karten und die Kulturtechnik des Kartenlesens in der Bevölkerung verbreitet waren. Da ein Großteil der Spiele offen pädagogische Elemente enthält, können auch Verbindungen zur Schulkartographie gezogen werden.

Für die Kartenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, die sich die Dokumentation kartographischer Ausdrucksformen in allen Facetten zur Aufgabe gemacht hat, stellt das Sammeln von kartographischen Spielen ein neues, aber attraktives Feld dar. In Anlehnung an die Sammlung Deutscher Drucke stehen die deutschen Spiele des 19. und frühen 20. Jahrhunderts besonders im Fokus. Gesammelt wird allerdings nicht auf Vollständigkeit hin, sondern mit dem Ziel, die unterschiedlichen Spieltypen und eingesetzten Kartentypen über den Zeitraum ihres Auftretens exemplarisch nachzuweisen. Wir sind gespannt, welche Varianten noch für die Sammlung zu erwerben sein werden.

Der Autor ist stellvertretender Leiter der Kartenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin.

 

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Bibliotheksmagazin 2018,1 (S. 34-39).
Das Bibliotheksmagazin erscheint gedruckt und in einer parallelen Online-Ausgabe.

2 Kommentare
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    Stephan Justus Perthes sagte:

    Ca. Ende der 1980er Jahre gab Ravensburger in Kooperation mit Justus Perthes Geographische Verlagsanstalt Darmstadt zwei sehr schöne Kartenpuzzles – Deutschland, Europa – heraus. Spannend natürlich auch wegen der damaligen Grenzen. Belege auch in der SBB? S.a. Sammlung Perthes Gotha / Uni Erfurt.

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    • SBB Blog-Redaktion
      SBB Blog-Redaktion sagte:

      Sehr geehrter Herr Perthes,
      die beiden von Ihnen genannten Puzzles sind mir nicht bekannt. In den 1980er Jahren wurden Spiele auch nicht als sammelwürdig betrachtet und so sind sie auch nicht im Bestand vorhanden. Ich werde Ihrem Hinweis aber nachgehen und sehen, ob sich antiquarisch noch etwas machen lässt. Vielen Dank für den Hinweis.
      Mit freundlichen Grüßen, Markus Heinz

      Antworten

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