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Bibel, Sachsenspiegel & Co.: Recht und Religion in den deutschen Drucken des 16. Jahrhunderts

Zum Abschluss des Projektes VD16 digital möchten wir Ihnen einen tieferen Einblick in den Bestand geben, der nun digital zur Verfügung steht, und dadurch Leserinnen und Leser zum Stöbern anregen – unser zweiter Beitrag stellt die theologischen und juristischen Werke aus dem Projektbestand näher vor.

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch und Friederike Willasch.

Das Wissensgebiet Theologie

Ein Großteil der Drucke des Projektes VD16 digital ist theologischer und religiöser Art und entspringt damit einem typischen Wissensgebiet des 16. Jahrhunderts. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nahm religiöse Literatur mehr als 40% der gesamten Buchproduktion ein und spiegelte damit das Bedürfnis der Bevölkerung nach Information und Diskussion in einer Zeit des konfessionellen Umbruchs wider. Durch den Buchdruck verloren die römische Kirche und der geistliche Stand das Monopol über die Veröffentlichung von Glaubensinhalten – das kam vor allem dem reformatorischen Gedankengut zugute.

Die Lutherbibel

Die deutschsprachige Bibel war dabei ein wegweisender Druck, der die Bevölkerung unabhängiger von Priestern und Pfarrern werden ließ. Im Rahmen von VD16 digital wurden über 100 Bibelausgaben digitalisiert. Darunter sind natürlich die Bibelübersetzungen von Martin Luther. Dabei sind das Septembertestament und Dezembertestament von 1522 sowie die erste vollständige Lutherbibel von 1534 in sechs Teilen mit je einem eigenen Titelblatt von herausragender Bedeutung. Außerdem finden sich darunter auch buchkünstlerische Schätze wie die handkolorierte Prachtbibel aus dem Besitz von Joachim von Anhalt-Dessau.

Eigenhändige Unterschrift Martin Luthers in einer Wittenberger Bibelausgabe von 1541 (VD16 B 2712). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Eine Attraktion ist die Lutherbibel von 1541 aus dem Besitz von Luthers Schüler Matthias Wanckel. Der Einband ist aufwendig verziert und mit Beschlägen und Schließen ausgestattet. Der Rückdeckel weist das Jahr 1542 als Herstellungsdatum des Einbandes und „Mathias Wanckelivs“ als seinen Besitzer aus. Dieses Exemplar wird durch die Personen einzigartig, die im 16. Jahrhundert ihre Spuren in dem Band hinterließen. Martin Luther selbst notierte eine Anmerkung zur Bibelstelle Johannes 5,39 mit eigenhändiger Unterschrift.

Doch damit nicht genug – hinzu kommen zwei weitere Autographen vom August 1547 aus der Feder von Johannes Bugenhagen und Caspar Cruciger. Diese Provenienzspuren in ihrer Summe geben einen Einblick in das soziale Netzwerk Luthers. Alle drei waren Weggefährten Luthers und Bugenhagen und Cruciger sogar an der Bibelübersetzung beteiligt. Bugenhagen kam 1521 nach Wittenberg und wurde Pfarrer der Stadtkirche. Er war einer der engsten Freunde und Berater Luthers und hielt sogar bei dessen Begräbnis eine Predigt. Gemeinsam mit dem Theologieprofessor Cruciger durchlebte Bugenhagen die Belagerung Wittenbergs im Schmalkaldischen Krieg und die folgende Kapitulation im Mai 1547.

Nicht nur Bibeln

Damit erschöpfte sich aber keinesfalls das theologische Schrifttum des 16. Jahrhunderts. Der theologische Diskurs und Glaubenskampf – und damit auch Martin Luthers Ideen – wurden vor allem durch Flugschriften befördert. Auch das Erbauungsschriftum nahm einen breiten Platz in der Buchproduktion des 16. Jahrhunderts ein. Das Gebet als persönlicher Zugang zu Gott war ein zentrales Element der Glaubenspraxis und äußerte sich typografisch in der Literaturgattung des evangelischen Gebetbuches. Ein typisches Beispiel ist der im Rahmen des Projektes digitalisierte Band „Christliche Schul und Haußgebetlein“. Des Weiteren bot Erbauungsliteratur, die in der Tradition der spätmittelalterlichen Gattung der Ars moriendi stand, den Menschen Unterstützung und Orientierung. Diese Literatur unterstützte die Gläubigen, mit Gebeten und Anweisungen den Anfechtungen des Teufels zu widerstehen,  wie zum Beispiel das in mehreren Auflagen erschienene Buch des lutherischen Theologen Kaspar Kantz mit dem Titel „Wie man den Krancken und sterbenden Menschen ermanen, troesten, und Gott befehlen sol”. Diese Ausgabe aus dem Jahr 1568 ist – wie die meisten Ausgaben der Erbauungs- und Trostschriften für Sterbende – auf jeder Seite mit aufwendigen Randleisten ausgestattet.

Schmuck im Druck: die Initiale

Gestaltungsreichtum: links eine gerahmte Initiale zum ersten Buch Mose (VD16 B 2694), in der Mitte eine Initiale umgeben von der biblischen Szene der Opferung Isaaks (VD16 ZV 8842) und rechts eine freistehende, ornamental gestaltete Initiale (VD16 ZV 1230). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Charakteristisch für die Buchproduktion des 16. Jahrhunderts sind außerdem schmückende Initialen. Dieses typografische Element stammte noch aus der Handschriftenproduktion, als fertige Manuskripte in Handarbeit verziert und koloriert wurden. Im Druck musste nun für den Anfangsbuchstaben Raum im Satz gelassen werden, um dann die vom Formschneider aus Holz geschnittenen Zierbuchstaben einzufügen. Für ein harmonisches Satzbild wurden Schriftsatz und illustratorische Elemente typografisch aufeinander abgestimmt.

Das Wissensgebiet Recht

Wie die Theologie hatte auch die Rechtswissenschaft bereits eine schriftliche Tradition vor dem Buchdruck. Schrift entwickelte sich zum Medium der Information und der Speicherung von Wissen. Eines der ältesten und bedeutendsten Rechtsbücher in deutscher Sprache war der Sachsenspiegel. Zunächst ohne herrschaftlichen Auftrag von Eike von Repgow im 12. Jahrhundert verfasst, wurde der Text erweitert und ergänzt, glossiert und kommentiert, gewann an Legitimität und wurde schließlich als autoritatives Rechtsbuch angenommen.

Textgestaltung am Beispiel des Sachsenspiegels

Sachsenspiegel (Lehnrecht) von 1467 (Signatur: Ms. germ. fol. 9) im Vergleich mit einem Druck des Augsburger Buchdruckers Johann Otmar von 1508 (VD 16 D 741). Handschriftenabteilung / Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Neben einer großen Anzahl an Handschriften, welche die Textentwicklung begleiteten, sind auch viele gedruckte Ausgaben bzw. Auszüge des Sachsenspiegels überliefert. Dabei wurde nicht nur der Text übernommen; bis ins 16. Jahrhundert orientierte sich auch die Seitengestaltung an der Handschrift. Vier Ausgaben bzw. Auszüge des Gesetzestextes wurden im Rahmen des Projektes digitalisiert.

Das Titelblatt im Wandel

Im Vergleich: Die Titelblätter von Sachsenspiegel-Ausgaben von 1501 (VD16 D 733) und von 1582 (VD16 D 739). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ein Wandel zeigt sich dagegen beim Titelblatt und führt damit eine entscheidende Entwicklung des 16. Jahrhunderts vor Augen. Bereits in einer Ausgabe von 1501 gab es eine Art Titelblatt mit einem dreizeiligen Schriftblock im oberen Drittel der Seite beginnend mit: „Hie hebt sich an der Sachssenspiegel“. Dieses Titelblatt musste aber in Zusammenhang mit dem Kolophon am Ende des Buches gelesen werden. Eine erste Seite mit Titel, Erscheinungsjahr und Druckort, das den modernen Vorstellungen eines Titelblatts entspricht, entwickelte sich erst im Laufe des 16. Jahrhunderts wie in einer späteren Ausgabe des Sachsenspiegels zu sehen ist.

Informationssysteme für Experten: Dissertationen und Disputationen

Eine weitere Gattung, die sich mit dem Buchdruck ausdifferenzierte und dessen Produktion sprunghaft anstieg, waren Dissertationen und Disputationen. Sowohl für die Theologie als auch für die Rechtswissenschaft gewannen diese Hochschulschriften als Informationsspeicher von gelehrtem Spezialwissen, Ergebnissen und Theorien an Bedeutung und befeuerten den akademisch-wissenschaftlichen Diskurs. Gleichzeitig waren insbesondere in der Theologie Dissertationen und Disputationen als Argumentationsquelle ein Mittel des Glaubenskampfes und der Verbreitung von konfessionellem Denken und vor allem eine Form der gelehrten Streitkultur – gerade in Ergänzung zu den Flugschriften, die sich eher an ein breites Publikum richteten. Etwa 10% des Projektes VD16 digital sind Dissertationen und stammen vor allem aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Weiter geht es im nächsten Beitrag unserer Reihe zum Projekt VD16 digital mit Illustrationen in wissenschaftlichen Werken!

JurOA – Tagung(en) zu Open Access in den Rechtswissenschaften

Der Strukturwandel der Wissenschaftskommunikation unter dem Leitbild des Open Access – also der freien Verfügbar- und Nachnutzbarmachung von Forschungsergebnissen – hat inzwischen alle Disziplinen erfasst. Zwar mag die mittlerweile beim Bundesverfassungsgericht anhängige Normenkontrollklage von 17 Angehörigen der juristischen Fakultät der Universität Konstanz gegen das Open Access-Mandat ihrer Hochschule einen anderen Eindruck erwecken. Doch auch die druckaffinen Rechtswissenschaften – immerhin ein Fach, das sich buchstäblich mit kodifizierten Inhalten beschäftigt – zeigen sich zunehmend aufgeschlossen für offene webbasierte Publikationsformen. Dies dokumentieren denn etwa die rasante Expansion der rechtswissenschaftlichen Blogosphäre im deutschsprachigen Raum – allen voran Verfassungsblog, Völkerrechtsblog und JuWissBlog – ebenso wie die bereits 2012 erfolgte Open Access-Transformation der renommierten, vom Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte herausgegebenen Zeitschrift Rechtsgeschichte – Legal History oder die jüngsten Neugründungen genuiner juristischer Open Access-Journale.

Gerade mit Blick auf die immer konsequentere Open Access-Politik auch der für die Rechtswissenschaften relevanten Forschungsfördereinrichtungen – angesprochen sind damit vor allem die nicht wenigen juristischen Projekte mit EU-Finanzierung – hat es sogar den Anschein, als gewinne die skizzierte Dynamik neuerdings weiter an Schwung. Zumindest legt die gegenwärtige Häufung von Tagungen zum Verhältnis zwischen Rechtsforschung und wissenschaftlichem Publizieren im Open Access diesen Befund nahe. Konkret wird im Oktober dieses Jahres und damit nur sechs Monate nach dem Zürcher Symposium Open Access − zu(m) Recht? eine internationale Konferenz an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main der programmatischen Frage nachgehen: Open Access für die Rechtswissenschaft – Pflicht oder Privatsache?

Als Betreiber von <intR>²Dok, des ersten disziplinspezifischen Open Access-Repositoriums für juristische Fachtexte, Videos und Forschungsdaten in Deutschland, freut sich der Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung umso mehr, die von Hanjo Hamann, Daniel Hürlimann und Alexander Peukert konzipierte Veranstaltung sowohl organisatorisch als auch inhaltlich mit mehreren Beiträgen unterstützen zu dürfen.

Sollten Sie es nicht nach Frankfurt am Main schaffen, so werden Ihnen die Präsentationen und Erträge der Tagung selbstverständlich im Open Access online zugänglich gemacht werden. Und für die Interessierten aus der Region heißt es sogar schon kurze Zeit später „Bitte Recht offen! Open Access in den Rechtswissenschaften“ – ein Workshop, zu dem der Fachinformationsdienst gemeinsam mit dem Berliner Open Access-Büro herzlich in die Staatsbibliothek zu Berlin einladen (Details demnächst an dieser Stelle).

Ob nun am Main oder an der Spree – wir freuen uns und zählen auf Sie. Denn aller guten Open Access-Veranstaltungen sind ebenfalls drei.

Den Wandel sichtbar machen – Die Virtuelle Fachbibliothek Recht in neuer Optik

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang unterhielt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in Kooperation mit zahlreichen wissenschaftlichen Bibliotheken aus dem gesamten Bundesgebiet ein dezentrales System von disziplin-, regional- und materialspezifischen Sondersammelgebieten. Ziel dieser koordinierten Erwerbungskooperation war es, unabhängig von der tatsächlichen Nutzung ein möglichst vollständiges Reservoir an internationaler wissenschaftlicher Spezialliteratur aufzubauen und überregional verfügbar zu machen. Ursprünglich in der Absicht errichtet, dem kriegsbedingten Mangel an fremdsprachigen Forschungspublikationen in Deutschland mit dem Instrument der Fernleihe abzuhelfen, sollte der Strukturwandel von Publikationsmarkt und Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter eine durchgreifende Revision des Sondersammelgebietssystems erforderlich machen.

Als Ergebnis einer mehrstufigen Evaluation gab die DFG zum 1. Januar 2014 schließlich ihre auf den Aufbau umfassender Sammlungen zielende Erwerbungspolitik auf – zugunsten einer strikten Ausrichtung des von ihr geförderten bibliothekarischen Dienstleistungsangebots auf die konkrete Nachfrage und den aktuellen Informationsbedarf der jeweiligen wissenschaftlichen Fachcommunity. Einher ging dieser Prozess nicht nur mit der Umbenennung der Sondersammelgebiete in Fachinformationsdienste für die Wissenschaft, sondern auch mit der Integration des letztlich zur Bildung dauerhafter Strukturen führenden Finanzierungsmodells in die reguläre DFG-Förderlogik. Denn aufgrund ihrer Projektform müssen die Fachinformationsdienste für die Wissenschaft ihre Leistungsfähigkeit im Dienst der Forschung nunmehr im Dreijahresturnus unter Beweis stellen.

Zu den Pilotvorhaben in diesem Wandlungsprozess zählte die Transformation des seit 1975 von der Staatsbibliothek zu Berlin verantworteten Sondersammelgebiets Recht, das sich unter dem Leitbild der von Seiten des Wissenschaftsrats skizzierten Perspektiven der Rechtswissenschaft in Deutschland zu einem Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung weiterzuentwickeln plante. Denn das einflussreiche wissenschaftspolitische Beratungsgremium empfiehlt in besagtem Positionspapier im Wesentlichen die Aufwertung der juristischen Grundlagenfächer, die Förderung der Interdisziplinarität rechtwissenschaftlicher Forschung sowie deren stärkere Internationalisierung.

Ging es dem frischgebackenen Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung während seiner initialen Förderphase zunächst darum, die Grundstrukturen seines Serviceportfolios aufzubauen, so verfolgt das 2017 gestartete dreijährige Fortsetzungsprojekt als Kernziel den Abschluss des eingeleiteten Wandels.

Sichtbaren Ausdruck fand dieser Veränderungsprozess in der Umbenennung der Virtuellen Fachbibliothek Recht in Virtuelle Fachbibliothek <intR>² – die zentralen Webpräsenz des Fachinformationsdiensts trägt ihre Fokussierung auf den Informationsbedarf der internationalen und interdisziplinären Rechtsforschung also bereits im Namen. Unter der gewohnten Webadresse, aber auf Basis einer grundlegend modernisierten und auch für mobile Endgeräte optimierten technischen Oberfläche steht den rechtswissenschaftlich Forschenden an Hochschulen und außeruniversitären Einrichtung in Deutschland nunmehr das gesamte Spektrum der Serviceangebote der <intR>²-Familie zur Verfügung – darunter:

<intR>²Blog – ein tagesaktueller Blog-Aggregator der jüngsten Beiträge aus der internationalen rechtswissenschaftlichen Blogosphäre

<intR>²Digital – ein virtueller Lesesaal für hochspezialisierte und in Deutschland bislang kaum verfügbare Datenbanken und Zeitschriften renommierter Verlage wie Brill und Oxford University Press (zugangsbeschränkt)

<intR>²Direkt – ein personalisierter Fernleihservice (zugangsbeschränkt)

<intR>²DoD – ein kostenfreier On Demand-Digitalisierungsdienst für forschungsrelevante Quellen und Forschungsliteratur aus dem historischen Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin

<intR>²Dok – das erste rechtswissenschaftliche Open Access-Repositorium in Deutschland

<intR>²ToC – ein Zeitschrifteninhaltsdienst zur Information über neuerschienene Aufsätze aus allen Bereichen der internationalen und interdisziplinären Rechtsforschung

Sie sehen bereits an dieser Auswahl, unsere neugestaltete Virtuelle Fachbibliothek ist ein veritabler One-Stop-Shop für die internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung – oder vielmehr: ein veritabler One-Stop-<intR>²Shop.