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Alles ist Anfang

Feierliche Übergabe des Vorlasses von Hans-Joachim Gelberg an die Staatsbibliothek zu Berlin

„Nun legen wir mal die Hand auf das, was wir Kinderliteratur nennen und atmen tief durch. Unsere digitalen Erstleser haben Anspruch auf Qualität. Und es ist glücklicherweise so – mit Bildern und Sprache, mit Worten und Geschichten und Gedichten entsteht Welt, die wir lieben. Wir können sie getrost in die Hände der Autoren, der Künstlerinnen legen. Es ist immer wieder ein Anfang.“ (Hans-Joachim Gelberg, 6. Juni 2019)

Hans-Joachim Gelberg

Seine Kindheit, so berichtet Hans-Joachim Gelberg anlässlich der feierlichen Übergabe seines Vorlasses, habe nicht auf eine berufliche Karriere im Verlagswesen hingedeutet.
Weder besondere schriftstellerische Fähigkeiten noch ein entsprechender Kunstsinn wurden ihm von der Mutter oder den Lehrern zuerkannt. Erst als dem Jungen in einem oberösterreichischen Lager der Kinderlandverschickung die Verantwortung für die Schulbibliothek übertragen und einer seiner Aufsätze als bester ausgezeichnet und vor allen Mitschülern verlesen wurde, entdeckte sich Hans-Joachim Gelberg als möglicher späterer Literat. Fortan verschlang er Weltliteratur, erlebte, wie das durch gesammelte Bücher offenbare Interesse an russischer Literatur vor einer bedrohlichen, intensiveren Hausdurchsuchung durch die russischen Besatzer schützen konnte, und genoss als 15-Jähriger den beglückenden Moment, den eigenen Namen als Autor unter seinem ersten veröffentlichten Aufsatz zu lesen.
All diese prägenden Erfahrungen flossen in Hans-Joachim Gelbergs späteres Handeln als Lektor und Verleger mit ein. So gab er in seiner erfolgreichen Magazinreihe Der bunte Hund später auch anderen Kindern die Gelegenheit, sich erstmals als Autor oder Autorin zu erproben. Dabei hatte er als Buchhändler und später als Lektor nach eigenem Bekunden mit Kinder- und Jugendliteratur zunächst „nicht viel am Hut.“ Erst das Lektorat für die neue Taschenbuchreihe im Arena-Verlag (Würzburg) führte ihn auf diesen Pfad, von dem er während seines gesamten Berufslebens nicht mehr abkam.
Seine Maxime, hochwertige, anspruchsvolle Literatur für Kinder machen zu wollen, bringt Gelberg an diesem Abend mit einem Zitat von C.S. Lewis zum Ausdruck: „Kein Buch ist es wert, mit zehn gelesen zu werden, wenn es nicht gleichermaßen wert ist, mit fünfzig gelesen zu werden.“ Dementsprechend war er seit den späten sechziger Jahren, vor allem aber in den Siebzigern, stets ein Suchender: Immer bestrebt, neue Autor*innen und Illustrator*innen zu finden, die Literatur für ein junges Publikum entsprechend den modernen Ansprüchen schufen, dem aufmüpfigen Zeitgeist der 70er Jahre folgend, und sich dabei am Anspruch und Maßstab der Literatur für Erwachsene orientierten.
Im Herbst 1971 gründete Hans-Joachim Gelberg das Kinder- und Jugendbuchprogramm des Verlags Beltz & Gelberg, dessen orangefarbene Buchumschläge (damals ein unternehmerisches Wagnis!) seitdem Generationen von Kindern und Jugendlichen begleitet haben. Der Verleger Manfred Beltz-Rübelmann hatte ihn geholt und ließ ihn „machen bis zur Schmerzgrenze“. Gelberg verstand seinen Bereich als Autorenverlag. Im Laufe der Jahre unterhielt er Kontakt zu Schriftsteller*innen wie Janosch, Christine Nöstlinger, Mirjam Pressler, Peter Härtling, Leonie Ossowski, Klaus Kordon sowie Josef Guggenmos und vielen anderen. Ja, auch Guggenmos, denn auch Kinderlyrik förderte er. Vom Sinn der Kinder für Lyrik ist Gelberg nach wie vor überzeugt, nur seien Erwachsene hier als Vermittler wichtig. Die Liste der heute wohlbekannten Namen, die teils überhaupt durch Hans-Joachim Gelberg entdeckt wurden, beeindruckt nachhaltig. Für den Bereich der Kinderbuchillustration stehen dafür u.a. Namen wie Axel Scheffler, Rotraut Susanne Berner, Jutta Bauer sowie ganz besonders Nikolaus Heidelbach, dessen Monster-Darstellungen ihm erstmals in den Schaufenstern eines Antiquariats in Amsterdam auffielen. Und Hans-Joachim Gelberg wäre nicht ein engagierter und überzeugter Kinderbuchverleger der 70er-Jahre gewesen, hätte er nicht auch trefflich mit anderen Beteiligten – Kritikern, Autoren, Verlegern – diskutiert und gestritten.
All diese Zeugnisse eines so beispiellos umfassenden Engagements für das Kinder- und Jugendbuch in der wichtigsten Umbruchzeit des 20. Jahrhunderts hat Hans-Joachim Gelberg nun der Staatsbibliothek als Vorlass übergeben. Dafür ist ihm die Staatsbibliothek zu Berlin in höchstem Maße dankbar, betont die Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf in ihrer Ansprache. Und Carola Pohlmann, die Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, fügt hinzu, dass sich ihre Abteilung auch mit dem einschlägigen Fachpublikum freue, dem dieser Schatz somit zum Heben zugänglich wird!

Veranstaltung im Dietrich-Bonhoeffer-Saal am 6. Juni 2019

Kennt Ihr die Geschichte von Iwein …?

Lesung von Felicitas Hoppe im Rahmen der Abschlussveranstaltung der Ringvorlesung „Merlin in Bermuda-Shorts“ der Humboldt-Universität zu Berlin

„Kennt Ihr die Geschichte von Iwein, der eines Tages aus lauter Langeweile auszog, um Abenteuer zu suchen und sein Herz dabei gegen ein anderes tauschte und deshalb seinen Verstand verlor? Danach irrte er durch den Immerwald und musste gegen tausend Ungeheuer kämpfen, bis alles doch noch ein gutes Ende nahm.“ so las die u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Autorin Felicitas Hoppe aus ihrem Kinderbuch, Iwein Löwenritter. In dem erst vor gut eineinhalb Jahren nach intensiver Restaurierung für die Benutzung wieder freigegebenen Wilhelm-von-Humboldt-Saal der Staatsbibliothek zu Berlin (Haus „Unter den Linden“) herrschte gebannte Stille. Gedämpftes Licht, höfisch anmutendes Ambiente – man hätte Felicitas Hoppe auch gerne das gesamte Buch vorlesen hören. Da es sich bei der Veranstaltung am 11. Februar aber um den Abschluss der Ringvorlesung „Merlin in Bermuda-Shorts“ der Humboldt-Universität zu Berlin handelte, konnten nur drei kurze Ausschnitte zum Besten gegeben werden. Das angeregte Podiumsgespräch, welches die Lesung flankierte, zog die Zuhörer jedoch gleichfalls in seinen Bann.

(V. l. n. r.:) Julia Benner, Lea Braun, Jutta Eming

Die Initiatorinnen der Reihe, die Dozentinnen des Instituts für deutsche Sprache der Humboldt-Universität Prof. Dr. Julia Benner (Kinder- und Jugendliteratur) und Dr. Lea Braun (Literatur des hohen Mittelalters), hatten ihre Kollegin Prof. Dr. Jutta Eming als ausgewiesene Spezialistin für Hartmanns von Aue Iwein an der Freien Universität Berlin (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie) hinzugebeten. Und so entspann sich aus den Fragen Julia Benners und Lea Brauns ein ebenso informatives wie kurzweiliges Gespräch über das Motiv des Ritters in der Literatur, über den Unterschied zwischen Âventiuren und dem heutigen Verständnis vom Abenteuerroman, über pragmatische mittelalterliche Frauenfiguren, Tempuswechsel in der Erzählung und die Frage, ob und wie mittelalterliche Texte für das moderne Publikum adaptiert werden sollen.

Felicitas Hoppe war eher zufällig auf den Stoff des „Iwein“ gestoßen, als sie nach einer passenden Reiselektüre suchte. Der Text Hartmanns von Aue faszinierte sie so, dass sie später, als Tilman Spreckelsen bei ihr anfragte, ob sie die von ihm im Fischer-Verlag geplante Reihe der „Bücher mit dem blauen Band“ mit einem spannenden, abenteuerlichen Stoff eröffnen wolle, sofort an Iwein, den Ritter der Artusrunde, dachte. Ritter, so die Autorin, seien großartig und lächerlich zugleich. Einerseits werde der Mann in dieser Rolle als ultimative Kampfmaschine dargestellt, andererseits sei er in seiner Rüstung derartig hilflos, dass er von einem Knappen geführt werden müsse, da er durch sein Visier selbst nicht genügend sehen konnte.

Cover: Felicitas Hoppe: Iwein Löwenritter : nach einem Roman von Hartmann von Aue / erzählt von Felicitas Hoppe. Mit 4 Farbtaf. von Michael Sowa. – Frankfurt am Main : Fischer, 2008.

Auch die zu ihrem Buch eingereichten Illustrationen hätten die Lächerlichkeit des Sujets „Ritter“ unterstrichen. Comic-Ritter und andere Varianten seien schlicht inakzeptabel gewesen, so dass die Veröffentlichung hinausgeschoben werden musste. Schließlich habe Michael Sowa, der für die Umschlagillustration gewonnen werden sollte, nach der Lektüre der Erzählung begeistert angeboten, den kompletten Band zu illustrieren. Das sei jedoch finanziell nicht darstellbar gewesen. Insofern habe man sich auf die vier Bildtafeln geeinigt, die nun im Buch enthalten sind. Die dargestellten Szenen habe der Künstler selbst ausgewählt, berichtete Feliciticas Hoppe und bedauerte lediglich, dass keine einzige weibliche Figur zu sehen sei.

Die Faszination, die von der Ritterwelt ausgeht, resümierte sie, beruhe vor allem darauf, dass man sich bei Hofe den Luxus leistete, sich eine schöne, perfekte Welt zu schaffen, die in krassem Gegensatz zur realen Welt draußen stand. Und Jutta Eming sekundierte, dass dies im Prinzip auch für Hartmann von Aue gegolten habe. Der Forschung sei noch immer unbekannt, wer ihn in den Zustand versetzte, diesen Text auf kostbarem Pergament niederzuschreiben. Was auf den ersten Blick an ein Wunder grenze, habe auf höfischem Mäzenatentum beruht.

Auf die Tempuswechsel innerhalb des Textes angesprochen, erklärte Felicitas Hoppe, dass sie deshalb immer Ärger mit ihrem Lektor gehabt habe. – Dabei gebe es diese im mittelalterlichen Original ebenso, merkte Jutta Eming an. – Die Autorin berichtete daraufhin schmunzelnd, dass sie dem Präsens die Funktion eines „Ewigkeits-Tempus“ bzw. „Rampen-Tempus“ zugewiesen und eine Theorie entwickelt habe. „Denn wenn man eine Theorie hat, kann man seine Vorstellungen eher umsetzen, als wenn man sagt: ‚Mir war gerade so danach.‘“

Hätte sie übrigens zuvor mit einigen Mediävisten gesprochen, bekannte sie, hätte sie sich an den Stoff gar nicht herangetraut. Die Rezension des inzwischen verstorbenen Peter Wapnewski, einem der herausragendsten Vertreter seiner Zunft, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ vom 09.08.2008, S. Z5) habe ihr deutlich vor Augen geführt, wie unvoreingenommen sie an den Text Hartmanns von Aue herangegangen und ihn ungeachtet aller sprachlichen Konventionen und historischen Implikationen für ein junges zeitgenössisches Publikum adaptiert habe. Eine Aufgabe, über die Peter Wapnewski, seinen Kollegen Max Wehrli zitierend, schrieb, dass es „kaum ein schwierigeres Übersetzungsproblem als die neuhochdeutsche Wiedergabe eines mittelhochdeutschen Versromans“ gebe.

Felicitas Hoppe liest aus “Iwein Löwenritter”.

Felicitas Hoppe lässt sich jedoch nicht abschrecken und arbeitet derweil an einer modernen Version der Nibelungensage. „Glaubt es mir, oder glaubt es mir nicht, wahr ist es trotzdem […]!“ [Iwein Löwenritter, S. 14]

Lieblingskinderbücher und Lesespuren

Eine individuelle Rückschau als Ausstellung im Lesesaal am Westhafen

Weihnachten – das Fest der Liebe und des Buches. Da wir Bücher lieben, zeigt die Vitrinenausstellung der Kinder- und Jugendbuchabteilung im Lesesaal am Westhafen dieses Jahr zur Vorweihnachtszeit die Lieblingskinderbücher unserer KollegInnen. Beatrice Golm hat die kleine Ausstellung, die in zwei Vitrinen zu sehen ist, liebevoll kuratiert. Angesichts der Begeisterung der Beteiligten, die mit vielen Lieblingsbüchern und noch mehr Geschichten dazu aus der eigenen Kindheit und Jugend aufwarteten, galt es Maß zu halten, sowohl hinsichtlich der Anzahl als auch des Formats.

Überblick über die Vitrinenausstellung (nur für das Foto ohne Haube, wg. der Lichtreflexe). – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Wenn wir Sie also zu einer kurzen virtuellen Führung einladen dürfen? Die Ausstellung präsentiert sich nunmehr wie folgt:

Jack London / Horst Bartsch (Ill.): Kit am Klondike

Jack London / Horst Bartsch (Ill.): Kit und Shorty

Der Klondike-Goldrausch zog eine unserer Kolleginnen bereits als Jugendliche in seinen Bann und hat für sie bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt. Die eindringlichen Schilderungen Jack Londons, der die Strapazen der Goldsucher im Nordwesten Kanadas am eigenen Leibe erlebte, zeigen die Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber den Urgewalten der Natur, die Notwendigkeit des Zusammenhalts, das Scheitern vieler Glücksritter und die Erfolge einiger weniger. Die naturalistischen Beschreibungen Londons lassen seiner Leserschaft noch heute das Blut in den Adern gefrieren.

 

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen
Dt. Jugendliteraturpreis, Nominierung, 1999

Franziska Wich ist die einzige in unserer Abteilung, die während des Harry-Potter-Hypes tatsächlich zur anvisierten Zielgruppe Joanne K. Rowlings zählte. Doch genau die allgemeine Begeisterung hielt sie zunächst von der Lektüre ab. „Viel zu sehr Mainstream!“ Erst in den Sommerferien, in denen sie sich als 11-Jährige zu langweilen begann, nachdem sie ihr einziges Urlaubsbuch bereits zweimal durchgelesen hatte, entschied sie sich dazu, es doch einmal mit „Harry“ zu versuchen. Sie bestellte den ersten Band der damals bereits drei Titel umfassenden Fantasy-Serie – und stiefelte drei Tage lang täglich zur Buchhandlung des kleinen österreichischen Dorfes, bis das gewünschte Werk eintraf. „Harry Potter“ hat sie anschließend buchstäblich verzaubert. Nach dem „Stein der Weisen“ las sie gleich weiter: Harry Potter und die Kammer des Schreckens, Harry Potter und der Gefangene von Askaban. Und selbstverständlich auch die weiteren vier Bände, die zwischen 2000 und 2007 erschienen. Man kann getrost davon ausgehen, dass sie zwischenzeitlich sicher den ZAG (Zaubergrad) bzw. O.W.L. (Ordinary Wizarding Level) abgelegt hat.

 

A. A. Milne / Ernest H. Shepard (Ill.): Pu der Bär

Zwischen 1946/47 und 1963 betrieb Alfred Holz in Berlin einen der wenigen privaten Verlage der DDR. Die von ihm verlegten Kinder- und Jugendbücher waren für ihre Güte bekannt und auch im Westen beliebt. Als devisenneutrales „Mitdruckgeschäft“ gelang es ihm u.a. 1960, den Kinderbuchklassiker „Pu der Bär“ von A. A. Milne auf den Markt zu bringen. Lediglich in der Umschlaggestaltung wich der Band vom Original des Lizenzgebers, Atrium-Verlag (Zürich), ab. Das Cover stammt von Martin Kotsch.

Mit Begeisterung las unsere Spezialistin für historische Kinderbücher die Geschichten des liebenswerten Bären „von sehr geringem Verstand“ als sie in der zweiten Klasse war. Dabei hatte es nicht nur der Sympathieträger Pu ihr angetan, auch in der englischen, etwas verrückt anmutenden Welt habe sie sich immer sehr wohl gefühlt.

 

 

Anna Fazekas / Emy Róna (Ill.): Öreg néne özikéje

„Dieses Buch hatte in Ungarn jedes Kind! Und das ist auch heute noch so“, erläuterte Julia Lausch ihre Auswahl. Die ungarische Erstausgabe erschien 1952. Seitdem wird die zeitlose, rührende und lehrreiche Geschichte ständig nachgedruckt. In deutscher Sprache erschien das Bilderbuch unter dem Titel „Muhmes Rehkitz“ erstmals 1955. Weitere Auflagen folgten bis 1963. Fünfzig Jahre später nahm der Leipziger Leiv-Verlag den Titel in sein Programm auf. Dort erlebt er derzeit sein deutschsprachiges Comeback. Die Reime, so Frau Lausch, habe sie damals auswendig gewusst und die Geschichte von der einsamen alten Muhme, die durch die Pflege und Freilassung eines Rehkitzes eine Reihe von Waldtieren als Freunde gewinnt, nie vergessen.

 

 

Nikolai Nossow / Aleksei M. Laptew (Ill.): Nimmerklug in Sonnenstadt

Durch drei gute Taten hat der Knirps Nimmerklug einen Zauberstab erhalten, so dass er mithilfe dieser Zauberkraft in die wunderbare Sonnenstadt reisen kann. Nach Nimmerklug im Knirpsenland (1954) war dies der zweite Band der international erfolgreichen Nimmerklug-Geschichten des russischen Autors Nikolai Nossow, der ursprünglich 1958 in Moskau erschien. Das besonders Zauberhafte des hier ausgestellten Exemplars war für Katrin Rentmeister jedoch der durchsichtige Schutzumschlag, den die Kolleginnen ihrer Mutter in der Bibliothek eigens für ihren Band anfertigten. Da blieb der Zahn der Zeit mit seinem für Lieblingsbücher typisch intensiven Nagen erfolglos!

 

Barbara Augustin / Gerhard Lahr (Ill.): Antonella und ihr Weihnachtsmann
Schönstes Buch des Jahres 1969

1969 wurde Antonella und ihr Weihnachtsmann in der DDR als schönstes Buch des Jahres ausgezeichnet. In den 70er Jahren erfolgten Übersetzungen ins Norwegische, Englische, Französische, Schwedische und Niederländische. Die letzten Auflagen erschienen in den frühen 80er Jahren – und jüngst wieder: 2010 im Beltz-Verlag! Durch die großflächigen, bezaubernden Illustrationen Gerhard Lahrs ist Beatrice Golm seit ihrer Kindheit immer wieder in ihrer Phantasie ganz einfach nach Italien gereist und hat mit Antonella gebangt, ob sich der Weihnachtswunsch der Rollschuhe wohl erfüllen würde – wenn es den Weihnachtsmann denn überhaupt gibt …

 

 

Lajos Mikes: Sanyi manó könyve

Sanyi manó könyve, ein ungarischer Bilderbuchklassiker seit 1914, jedoch nicht unbedingt ihr absolutes Lieblingsbuch sei dieser Titel (zu Deutsch: Das Buch des Kobold Sanyi) gewesen, erklärte Julia Lausch. Es handle sich dabei aber um eins der vier Kinderbücher, die sie aus ihrer Kindheit in Ungarn noch besitze, ein Buch, mit dem sie sich deutlich „auseinandergesetzt“ habe. – Auf jeden Fall das Exemplar mit den schönsten „Lesespuren“ in unserer Ausstellung!

 

Samuil Marschak: Bärtig und gestreift

Mit dem Tod seiner kleinen Tochter im Jahre 1915 verstärkte der junge Dichter Samuil Marschak sein Engagement für Kinder und begann, auch für sie zu schreiben. Kinderbücher und –zeitschriften bestimmten schließlich seine gesamte Karriere ‒ als Dichter, Herausgeber, Verleger und Programmdirektor. Maxim Gorki nannte ihn „den Begründer unserer Kinderliteratur“. Zwei seiner Kinderbuchklassiker (Das Katzenhaus, Die 7 Sachen) sind seit Anfang 2017 als Reprints der Ausgaben aus den 50er Jahren erhältlich. Bärtig und gestreift (russ. Orig.-Ausg. 1930, dt. Erstausg. 1959), die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das einen jungen Kater ihr „Kind“ nennt, gibt es leider nach wie vor nur antiquarisch. Aber wer weiß, Irene Bliso, die die Katergeschichte im Kindergartenalter oft vorgelesen bekam und sich folglich selbst sehnlichst eine Katze wünschte, musste auch elf Jahre warten, bis ein eiskalter Winter eine „Fundkatze“ ins Haus brachte – die blieb.

 

Elisabeth Borchers / Iwan Bilibin (Ill.): Wassilissa, die Wunderschöne und andere russische Märchen

Die dicksten und größten Bücher mussten es sein! Als Kind durchstöberte Jacqueline Volkmann immer wieder die nächstgelegene öffentliche Bibliothek. Damit sich der Ausflug auch lohnte, lieh sie gerne die Bücher aus, die den längsten Lesegenuss versprachen. Das waren oftmals Sagen- oder Märchenbücher. Der hier stellvertretend ausgelegte Band enthält das russische Volksmärchen Der Feuervogel, ihr besonderer Favorit. Die fabelhaften Illustrationen stammen von Iwan Bilibin, der neben zahlreichen künstlerischen Aktivitäten vor allem aufgrund seiner meisterlichen Illustration russischer Märchen und Sagen Berühmtheit erlangte. Der Band, an den sich Frau Volkmann erinnerte, fand sich in unserem Magazin zu unserer großen Bestürzung allerdings nicht. So ist das mit Bestandslücken. Sie können klitzeklein sein und lange verborgen bleiben – bis man genau diesen einen Band sucht!

 

Gottfried Körner: Die Osterhasen

Steht der Weihnachtsmann erst einmal fast vor der Tür, ist es bis zu den Osterhasen nicht mehr weit: „Hört, liebe Kinder, und laßt Euch berichten vom Osterhasen lust’ge Geschichten!“ Unsere Katalogisierungsexpertin für das moderne Kinderbuch schätzte den 1956 erschienenen farbenfrohen kleinen Pappband des Dresdner Graphikers und Malers Gottfried Körner sehr, symbolisiert er doch Lebensfreude, die Energie und Verheißung des kommenden Frühlings sowie den unbeschwerten Frohsinn spielender kleiner Hasen. Körners Werk verfehlte seine Wirkung das ganze Jahr über nicht!

 

 

 

Reihe: Pelikan schnelles Wissen
Bd. 4: Fremdwörter
Bd. 6: Geschichte

„Hast Du nicht vielleicht etwas Kleines für die Ausstellung? Es ist nur so wenig Platz in den beiden Vitrinen.“ Die kleinsten Exemplare aus dem Kinderbuchbestand der Verfasserin dieses Beitrags messen gerade einmal 7 cm Rückenhöhe. Sie befanden sich 1979 oder 1980 in meinem Adventskalender. Damals brachte Pelikan in der Reihe Schnelles Wissen drei Unterreihen (Dolmetscher-Serie, Reiseführer, Schul-Wissen) mit insgesamt 32 Titeln heraus. Leider ließ die Benutzungsintensität der kleinen Adventskalenderüberraschungen zu wünschen übrig. Aufgrund ihres Informationspotentials konnten sich die kleinen Bändchen aber bis heute in meinen Bücherregalen halten. Andere Mini-Bücher desselben Verlags, wie die TKKG-Geschichten in Kleinstausgabe, die sich in langweiligen Situationen seinerzeit als sehr praktisch erwiesen, haben die diversen Umzüge dagegen nicht überstanden. Über das Wohl und Wehe eines Buches entscheidet also doch nicht nur der Niedlichkeitsfaktor.

 

L.M. Montgomery: Anne of Green Gables

Während mich die Zähmungen von Nesthäkchen und Trotzkopf neben den Internatsheldinnen Hanni & Nanni und Dolly sowie den schillernden Helden der Abenteuerromane Karl Mays bereits durch die Kindheit begleitet hatten, gesellte sich Lucy Maud Montgomerys (anfangs) eigensinnige Anne Shirley erst 1990 während eines Praktikums an der Universitätsbibliothek der University of Oregon dazu. Die freien Nachmittagsstunden reichten u.a. für die Lektüre aller acht Bände dieser Serie, das kanadische Pendant zu den o.g. Titeln der deutschen Backfischliteratur. Die deutlich sichtbaren Lesespuren stammen aus nur wenig jüngerer Zeit. Sie dienten der Vorbereitung einer Hausarbeit. Seitdem sind sowohl Anne of Green Gables als auch Louisa May Alcotts Little Women üppig beflaggt.

 

 

 

Egon Mathiesen: Mies mit den blauen Augen
Kulturministeriets forfatterpris for børne- og ungdomsbøger 1954

Der dänische Maler, Erzähler und Illustrator Egon Mathiesen gehört zu den bekanntesten Kinderbuchkünstlern in Dänemark. Die Tiergeschichte Mies mit den blauen Augen  ist Mathiesens berühmtestes Buch, 1954 wurde ihm dafür der Kinderbuchpreis des dänischen Kulturministeriums verliehen. Das Buch erzählt die Geschichte der kleinen Siamkatze Mies, die von den anderen Katzen zunächst als Außenseiterin verachtet wird, sich aber weder durch Spott noch durch Drohungen entmutigen lässt und sich unerschrocken auf die Suche nach „dem Land mit den vielen Mäusen“ begibt. Das Motto von Mies ist: „Ich glaube, ich muß ein wenig Spaß machen, wenn man schon nichts anderes hat, soll man wenigstens vergnügt sein.“ Das originelle Kinderbuch, das mit skizzenhaft wirkenden Illustrationen ebenso überzeugt wie mit kurzen lakonischen Texten, erschien 1958 im renommierten Alfred Holz Verlag in Berlin. – Dazu erzählt Carola Pohlmann: „Mies mit den blauen Augen habe ich geschenkt bekommen als ich drei oder vier Jahre alt war, also noch im Vorlesealter. Abend für Abend habe ich gebannt gelauscht, wenn Mies ihre abenteuerliche Reise in ‚das Land mit den vielen Mäusen‘ antrat und den gefährlichen großen Hund besiegte. Meine Lieblingsstelle war die schwarze Seite, auf der nur zehn gelbe und zwei blaue Flecken zu sehen sind – die im Dunkeln leuchtenden Augen von fünf gewöhnlichen Katzen und das blaue Augenpaar von Mies.“

 

Maurice Sendak: Wo die wilden Kerle wohnen
Caldecott Medal 1964

Die Kindheit ist kein Paradies, sondern ein schrecklicher Zustand: man kann sich nicht wehren … Es sollte mehr ernsthafte Bücher für Kinder geben. Es ist erniedrigend für Kinder, wenn man so schreibt wie für Idioten“, so urteilte Maurice Sendak, der in dem Bilderbuch Wo die wilden Kerle wohnen die schrecklichen Verwandtenbesuche seiner Kindheit verarbeitete. Das Buch, 1963 erstmals in den USA veröffentlicht, stieß anfangs auf reichlich Kritik. Es würde Kinder traumatisieren, Verlassensängste schüren, so die damalige Meinung von Psychologen. Der eigentlichen Zielgruppe sowie auch der Jury des renommiertesten U.S. Literaturpreises für Bilderbücher gefiel das Buch jedoch sehr, so dass es bereits 1964 mit der Caldecott Medal ausgezeichnet wurde. Im deutschen Sprachraum wagte der Schweizer Diogenes Verlag 1967 erstmals eine Veröffentlichung – mit einer vergleichbaren Reaktion der Öffentlichkeit wie in den USA. Kinder und einfühlsame Erwachsene waren schnell begeistert. Darunter auch Ingo Jebram, dessen verständnisvolle Tante dem damaligen Alter Ego des kleinen Max das Buch schenkte. Balsam für die Seele eines wilden kleinen Jungen. 2013, fünfzig Jahre nach der Erstauflage, belief sich die Anzahl verkaufter Exemplare dieses Titels, der mittlerweile in 32 Sprachen übersetzt wurde, übrigens auf über 20 Millionen.

 

Vielleicht überlegen Sie jetzt, welchen Titel Sie beigesteuert hätten? Wäre es Ihnen auch schwergefallen, sich zu entscheiden? Vielleicht sind Sie inzwischen sogar zu Ihrem Bücherregal getreten und haben die Blicke schweifen lassen? Erinnern Sie sich an Lesespuren, die Sie hinterlassen haben? Vieles, was wir im Laufe unseres Erwachsenenlebens lesen, gerät in Vergessenheit, die Bücher aus Kindheit und Jugend dagegen stehen uns trotz des sich stetig vergrößernden zeitlichen Abstands oft besonders nahe. Die Gültigkeit der Devise des Baden-Badener Verlegers Herbert Stuffer hat seit bald 100 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt: „Kinderbücher sind die entscheidenden Bücher im Leben.“

Events

Veranstaltung „Zwischen Realität und Virtualität. Aktuelle Entwicklungen im Bilderbuch” am 06.11.

20.Veranstaltung der Reihe Kinderbuch im Gespräch am 06.11.

  • Termin

    06.November 2018

    18 Uhr

  • Veranstaltungsort

    Staatsbibliothek zu Berlin

    Simón-Bolívar-Saal
    Potsdamer Straße 33

    10785 Berlin

  • Anfahrt

    S + U Potsdamer Platz

    Bushaltestellen

    H Potsdamer Brücke (Bus M29)

    H Varian-Fry-Straße (Bus 200)

    H Kulturforum (Bus M48)

  • Alle Veranstaltungen

    Klicken Sie hier um zu einer Übersicht unserer Veranstaltungen zu gelangen.






20.Veranstaltung der Reihe “Kinderbuch im Gespräch”

„Zwischen Realität und Virtualität. Aktuelle Entwicklungen im Bilderbuch“

Über die Bedeutung des Bilderbuchs in einer sich wandelnden Medienlandschaft, die Erwartungen unterschiedlicher Rezipientengruppen an das Bilderbuch und die vielfältigen Möglichkeiten der künstlerischen Umsetzung diskutieren im Simón-Bolívar-Saal der Staatsbibliothek zu Berlin (Potsdamer Straße 33)

ATAK (Illustrator, Comiczeichner und Professor an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle),

Ada Bieber (Kinderbuchforscherin, Dozentin an der Humboldt-Universität zu Berlin),

Edmund Jacoby (Verleger, Berlin),

Sabine Keune (Antiquarin, Aachen),

Mariela Nagle (Kinderbuchvermittlerin, Inhaberin der Buchhandlung Mundo Azul, Berlin),

Isabel Pin (Illustratorin, Berlin) und Henning Wagenbreth (Grafiker, Comic-Zeichner und Professor an der Universität der Künste Berlin).

Moderiert wird das Gespräch vom Kinderbuchforscher- und Sammler Friedrich C. Heller und der Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin Carola Pohlmann.

Begleitend zur Veranstaltung wird eine kleine Ausstellung gezeigt, in der auch Bilderbücher der beteiligten Künstler*innen zu sehen sein werden.

Wir laden Sie zu dieser Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Kinderbuch im Gespräch“ herzlich ein und freuen uns auf eine angeregte Diskussion – auch mit dem Publikum.

Während der Veranstaltung werden Bildaufnahmen für die Öffentlichkeitsarbeit der Staatsbibliothek gemacht. Mit
Ihrer Anmeldung erklären Sie sich mit der Veröffentlichung zu nicht kommerziellen Zwecken einverstanden.

Veranstaltung „Alles ist Anfang. Der Verleger Hans-Joachim Gelberg im Gespräch” am 06.06.

Alles ist Anfang. Der Verleger Hans-Joachim Gelberg im Gespräch

  • Termin

    06. Juni 2019

    18 Uhr

  • Veranstaltungsort

    Staatsbibliothek zu Berlin

    Dietrich-Bonhoeffer-Saal
    Potsdamer Straße 33

    10785 Berlin

  • Anfahrt

    S + U Potsdamer Platz

    Bushaltestellen

    H Potsdamer Brücke (Bus M29)

    H Varian-Fry-Straße (Bus 200)

    H Kulturforum (Bus M48)

  • Alle Veranstaltungen

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Illustration von Sabine Friedrichson zu: Josef Guggenmos: Groß ist die Welt : die schönsten Gedichte. – Weinheim : Beltz & Gelberg, 2006. – © Beltz & Gelberg



Eine Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Kinderbuch im Gespräch“ am 6. Juni 2019

Als Verleger, Autor und Herausgeber hat Hans-Joachim Gelberg die Kinderbuchlandschaft der Bundesrepublik über Jahrzehnte maßgeblich mitgestaltet. Seit der Gründung im Herbst 1971 zeichnete sich das Kinder- und Jugendbuchprogramm von „Beltz & Gelberg“ durch Mut zur Innovation, hohe literarische und künstlerische Qualität, Kreativität und Originalität aus.

Dank seiner Offenheit, Begeisterungsfähigkeit und Experimentierfreude hat Hans-Joachim Gelberg viele Künstlerinnen und Künstler sowie Autorinnen und Autoren für das Kinderbuch entdeckt und gefördert, darunter Rotraut Susanne Berner, Janosch, Nikolaus Heidelbach, Klaus Kordon, Christine Nöstlinger, Mirjam Pressler oder Axel Scheffler.

Im Frühjahr 2019 hat Hans-Joachim Gelberg der  Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin seinen Vorlass als überaus großzügige Schenkung zur dauerhaften Aufbewahrung übereignet. Anlässlich der feierlichen Übergabe am 6. Juni 2019 wird Hans-Joachim Gelberg über seine Erfahrungen als Lektor und Verleger, über Begegnungen mit Künstlerinnen und Künstlern sowie über seine Beziehung zur Kinderliteratur im Allgemeinen und zur Kinderlyrik im Besonderen  berichten.

Begleitend zur Veranstaltung wird eine kleine Ausstellung gezeigt, in der auch Bücher der o.g. Autor*innen und Künstler*innen zu sehen sein werden.

Wir laden Sie zu dieser Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Kinderbuch im Gespräch“ herzlich ein und freuen uns auf einen anregenden Abend.

Während der Veranstaltung werden Bildaufnahmen für die Öffentlichkeitsarbeit der Staatsbibliothek gemacht. Mit
Ihrer Anmeldung erklären Sie sich mit der Veröffentlichung zu nicht kommerziellen Zwecken einverstanden.