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Der Star in Nijmegen kommt aus Berlin

Seit dem 13. Oktober 2018 läuft in Nijmegen, Niederlande, die Ausstellung “Ich, Maria von Geldern”, die eine Pretiose der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz in den Mittelpunkt stellt: Das Stundenbuch der Maria von Geldern (1380- nach 1429) mit der Signatur Ms. germ. quart. 42. Jeden Tag kommen tausende Besucher in die Ausstellung, um dieses herausragende Zeugnis niederländischer Buchmalerei anschauen zu können.

Ik, Maria van Gelre; CC BY-SANC 3.0

Der Weg zur Ausstellung war jedoch recht lang und verlangte von mehreren Institutionen in Berlin und den Niederlanden großes Fachwissen, Planung, Geschick und finanzielles Engagement. Denn das Stundenbuch war bis vor drei Jahren in einem konservatorischen Zustand, der es schlicht verbot, es auch nur in die Hand zu nehmen und aufzuschlagen. Daher musste die Handschrift zunächst eingehend untersucht, sodann ein Konservierungskonzept aufgestellt, für dieses spezielle Gerätschaften angeschafft und schließlich die Konservierung teils in einer Klimakammer durchgeführt werden. Beteiligt waren die Handschriftenabteilung und die Restaurierungswerkstatt der Staatsbibliothek zu Berlin, die Radboud-Universität Nijmegen, das Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin, die Ernst von Siemens Stiftung und nicht zuletzt Bürger und Unterstützer aus der Umgebung von Nijmegen.

Im Café des Museums gibt es Maria-Gebäck || CC BY-SANC 3.0

 

Am 23. und 24. Oktober 2018 fand ein zweitägiges Symposium statt, bei dem die Fachleute der Staatsbibliothek zu Berlin und des Rathgen-Forschungslabors die Handschrift als solche als auch ihre Konservierung ausführlich vorstellten. Lesen Sie hier viel Wissenswertes über die Handschrift wie auch über das aufwändige Konservierungsprojekt des Stundenbuchs der Maria von Geldern.

Arbeit mit dem hochauflösenden Mikroskop || CC BY-SANC 3.0

“Keine Ausstellung im klassischen Sinne”. Making-of Druckerschwärze | Roter Stern

Bülent Altin baut das Pentagon. Staatsbibliothek zu Berlin-PK. Lizenz: CC BY-NC_SA 3.0

Was wird hier gebaut? Warum werden die Säulen verkleidet? Die Fragen der vorbeikommenden Bibliotheksbenutzer zeugen weniger von Neugier, eher von der Verbundenheit mit ‘ihrer’ Bibliothek, in deren Foyer im Haus Potsdamer Straße bauliche Aktivitäten stattfinden. So kommt es, dass Bülent Altin und Johannes Till, die beide in der Tischlerei der Bibliothek arbeiten, neben den Aufbauten für die Ausstellung auch Auskunftsdienste leisten müssen. Verkleidet werden die Säulen nämlich tatsächlich. Sie spielen in den nächsten Wochen eine bedeutende Rolle in der Ausstellung der Staatsbibliothek zum Jubiläumsjahr der Revolution von 1918.

Eine Säule wird zur Litfaßsäule. Staatsbibliothek zu Berlin-PK. Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0

Erste Ideen für eine Ausstellung gab es schon vor einem Jahr. Können wir einen Beitrag zum Revolutionsjubiläum leisten? Mit welcher Idee für eine Ausstellung könnten wir uns aus der Menge der Angebote abheben? Die Kuratoren Jens Prellwitz, Fachreferent für Geschichte, und Larissa Schmid, Referendarin, haben sich bewusst gegen eine Zusammenstellung von Büchern in Vitrinen entschieden, es sollte keine Ausstellung im klassischen Sinne werden. Mit Blick auf ein besonderes Bestandssegment, die Sammlung von ‘Flugblättern und kulturhistorischen Einblattdrucken’ (und vielleicht auch schon mit einem Gedanken an die vielen Säulen im Foyer des Hauses Potsdamer Straße) wurde die Idee geboren, politische Aufrufe sozusagen in ihrer natürlichen Umgebung, nämlich an ‘Litfaßsäulen’ zu zeigen. Damit ist die Sache klar, die tragenden Säulen im Foyer übernehmen für die Ausstellung die Aufgaben von Litfaßsäulen! Unkommentiert, aber sorgfältig ausgewählt und zusammengestellt, geben die Nachdrucke der Flugblätter den Betrachtern die Möglichkeit, das Geschehen im Jahr 1918 genau so zu betrachten, wie die zeitgenössischen Leser es gesehen haben. Nachdrucke? Aber ja! Einfacher wäre es natürlich gewesen, die Aufrufe direkt an die Säulen zu kleben. Da unsere Bestände aber auch für kommende Generationen noch zur Verfügung stehen sollen, kam diese nahe liegende Lösung nicht in Frage.

Gänzlich mit den Flugblättern alleine gelassen werden die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung nicht. Eine zentrale, fünfeckige Säule erläutert die komplexen Vorgänge rund um die Entstehungszeit der ausgestellten Aufrufe und setzt die Exponate in Bezug zu den historischen Abläufen in Berlin, Braunschweig, München und Weimar.

Jens Prellwitz bei der Auswahl der Flugblätter. Staatsbibliothek zu Berlin-PK Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0

Fehlte noch ein revolutionäres Design. Sandra Caspers, Graphikerin in der Öffentlichkeitsarbeit der Bibliothek, hat sich hier von einem guten, roten Stern leiten lassen. Er weist überall auf die Ausstellung hin und verbindet vor Ort die Säulen zu einem virtuellen Ausstellungsraum. Erst das Ausstellungsdesign macht die Ausstellung wirklich sichtbar. Bis die erste Idee dann tatsächlich zu etwas geworden ist, was sich eröffnen und betrachten lässt, dazu sind noch viele weitere Mitarbeitende und Arbeitsschritte notwendig. Klebt das rote Band auf dem denkmalgeschützten Natursteinboden und lässt es sich rückstandsfrei wieder abziehen? Sind alle Ausstellungsmaterialien auch unter dem Gesichtspunkt des Brandschutzes ausgewählt und wie berechnet man den Winkel, in dem Gipskartonplatten geschnitten werden müssen, damit sie ein Fünfeck ergeben – spannende Fragen, mit denen auch wir am Anfang unserer Arbeiten nicht gerechnet hatten und die von Alexander Schwarz aus dem Team Öffentlichkeitsarbeit in der Verwaltung souverän geklärt wurden.

Sandra Caspers erstellt das Ausstellungsdesign. Staatsbibliothek zu Berlin-PK. Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0

Sind Sie jetzt neugierig geworden? Oder möchten Sie mehr erfahren? Noch vor der Eröffnung finden Sie an dieser Stelle eine Podcastfolge unserer Reihe ‘Stimmen der Bibliothek’. Zora Steiner interviewt den Kurator Jens Prellwitz und lässt sich die historischen Zusammenhänge noch einmal erklären.

Und merken Sie sich unbedingt den 8. November 2018, 18 Uhr schon einmal vor. Dr. Mark Jones vom University College in Dublin wird die Ausstellung mit seinem Vortrag  ‘100 Jahre Novemberrevolution: Gedenken, Erinnern, Vergessen’ im Dietrich-Bonhoeffer-Saal eröffnen. Anmeldung unter pr@sbb.spk-berlin.de Versammelt Euch!

Ein allerletzter Tipp für alle, die es zwischen dem 8. November und dem 15. Dezember nicht in das Haus Potsdamer Straße der Staatsbibliothek schaffen – in unserem Ausstellungs- und Veranstaltungsportal wird die Ausstellung ab 8. November 2018 auch virtuell begehbar sein.

 

Nochmal Bibel – Thesen – Propaganda: Ihre Spenden retten Kulturgut

Viele Besucherinnen und Besucher unserer Reformationsausstellung haben Geld in die dort aufgestellte Spendenbox gesteckt: Was ist daraus geworden?

Ein Beitrag von Friederike Willasch.

Beschädigter Buchrücken aus Leder. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Unsere erfolgreiche Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“ hat noch eine sehr positive Nachwirkung: Dank Ihrer Unterstützung können nun dringliche Restaurierungsfälle in der Abteilung Historische Drucke und in der Handschriftenabteilung beauftragt werden: eine Flugschrift des Reformators Martin Bucer aus dem Jahr 1540 und einige Einblattdrucke.

Neben Luther und Melanchthon der bedeutendste der deutschen Reformatoren: Martin Bucer (1491-1551)

In ärmlichen Verhältnissen in Schlettstadt aufgewachsen, sah Martin Bucer im Eintritt in den Dominikanerorden seine Chance zu Studieren. Tatsächlich wurde er von seinem Orden zum Studium nach Heidelberg geschickt. Martin Luthers Auftritt am Tag der Heidelberger Disputation im Jahr 1518 wurde zum Wendepunkt in seinem Leben. Der Dominikanermönch Bucer wandte sich nun dem reformatorischen Gedankengut zu, wurde aber erst 1521 aus dem Orden entlassen. Nachdem er wegen seines Einsatzes für die reformatorische Theologie exkommuniziert worden war, nahm ihn Ende 1523 die Reichsstadt Straßburg auf. Dort wirkte er an dem Aufbau eines evangelischen Kirchenwesens mit und erlangte weit über die Grenzen Straßburgs hinaus Bedeutung. In den Folgejahren leistete er anderen Reichsstädten und  -territorien Unterstützung bei der Durchsetzung der Reformation und beim Entwurf von Kirchenordnungen. Dabei  setzte er sich immer zum Ziel, zwischen den einzelnen  protestantischen Strömungen zu vermitteln, damit die Protestanten als Einheit für evangelische Freiheit und Reformation auftraten.

Lose Seiten im Bucer-Druck von 1540. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

„Von Kirchengütern“ (1540): eine deutsche Flugschrift der Reformation

Defekte Fadenheftung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Bucer fehlte zwischen 1529 und 1546 bei keinem der zahlreichen Religionsgespräche zur Verständigung zwischen den Konfessionsparteien. Er war auch intensiv an den Religionsgesprächen in Leipzig, Hagenau, Worms und Regensburg beteiligt, die in den Jahren 1539 bis 1541 von Kaiser Karl V. initiiert wurden, um zu einer Verständigung zwischen Protestanten und Katholiken zu gelangen. Bucer entwickelte sich durch seine unermüdliche Dialog- und Kompromissbereitschaft zum herausragenden Vermittlungstheologen, auch wenn er die zunehmende Konfessionalisierung letztlich nicht verhindern konnte.

Martin Bucers „Von Kirchengütern“  ist ein Zeugnis seiner Vorbereitung und Verarbeitung dieser Religionsgespräche. Denn bei der Entwicklung neuer Kirchenordnungen im Zuge der Reformation stellte sich die Frage, wie mit Kirchengütern (Eigentum, Nutzungsrechte bzw. Einkünfte aus Abgaben) zu verfahren sei. Konnten sie einfach in den Besitz der sich entwickelnden Evangelischen Kirche übergehen oder sollten sie säkularisiert werden? Es drohte ein Rechtsstreit zwischen Kaiser Karl V. und den Protestanten. Bucer argumentiert unter anderem mit dem richtigen Gebrauch von Kirchengütern, die dem Kirchendienst zugute kommen sollten, aber keinesfalls als Privatbesitz von Klerikern behandelt werden dürften. Zu diesem Zweck setzt er sich für eine Trennung der geistlichen und weltlichen Aufgaben ein  und befürwortet eine Einziehung des Kirchengutes durch die protestantische Obrigkeit.

Der Druck von 1540 gehört trotz seines beachtlichen Umfangs von 139 Blatt zur Sammlung der Flugschriften der Reformation, eine Sammlung von ca. 1.800 alphabetisch geordneten Drucken, die gerade nicht von Martin Luther stammen. Die Luther-Drucke wurden in der weltberühmten, nach 1945 leider verschollenen Luther-Sammlung aufgestellt. Flugschriften waren eine bewährte Form zur Austragung von religiösen Diskussionen und Streitfragen ­­­­– und zwar für alle protestantischen Bewegungen. Über Flugschriften ließ sich reformatorisches Gedankengut bestens verbreiten, da sie in deutscher Sprache und zudem verständlich geschrieben wurden. Da vielerorts die Herstellung und sogar der Besitz von reformatorischen Schriften unter Strafe stand, wurde die Herkunft dieses Werkes verschleiert. Bucer verwendete das Pseudonym Konrad Trewe von Friedensleben, der Straßburger Drucker Johann Prüss tarnte sich im Kolophon als “Johan Gutman” aus “Freiberg”.

Ein Ausschnitt des rot eingefärbten Buchdeckels. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bucers Werk im Kurfürstlichen Einband

Die rotbraune Farbe und der Firnis auf den Buchdeckeln lässt eindeutig erkennen: Unser Exemplar war bereits in der Bibliothek des Großen Kurfürsten vorhanden. Noch im  16. und 17. Jahrhundert galten Bücher als Luxusgegenstände und Sammelobjekte, sodass an vielen europäischen Fürstenhöfen Bibliotheken entstanden, die diesen Besitz zur Schau stellten. Der Hohenzoller Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1640-1688) begründete mit seiner Privatbibliothek die spätere Königliche Bibliothek. Im Vordergrund stand nicht nur der Ausbau und die Pflege der Kurfürstlichen Bibliothek, sondern auch deren angemessene Repräsentation. Dazu zählte der Plan eines formvollendeten Bibliotheksbaus und auch die Bücher selbst sollten Teil der Architektur sein, im einheitlichen roten Rindsledereinband. Der Tod des Großen Kurfürsten im Jahr 1688 verhinderte den Bibliotheksbau, doch die Einbände sind noch heute im Historischen Bestand der Staatsbibliothek sichtbar. Fehlende finanzielle Mittel waren ein Grund dafür, dass in vielen Fällen lediglich der Rücken erneuert und die vorhandenen Buchdeckel rot eingefärbt wurden.

Die Mittel aus der Spendenbox ermöglichen uns nun, diesem Druck aus der Reformationszeit die dringend notwendige Restaurierung des Einbandes und der Heftung zukommen zu lassen und so den Band für die Benutzung wieder zugänglich zu machen. Mit den übrigen Mitteln können noch einige stark angegriffene Einblattdrucke restauriert werden.

Allen Spenderinnen und Spendern sei an dieser Stelle herzlich gedankt!

 

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